
Skandal
Shûbun | Japan | 1950
IMDb, OFDb, Schnittberichte
1947 wurde die Pressefreiheit im durch die USA besetzten Japan wiederhergestellt. Schnell entwickelte sich eine boulevard‘eske Berichterstattung, die das wiederaufkeimende gesellschaftliche Leben im zerstörten Japan nach Skandalen und Tabubrüchen durchleuchtete, um damit die Auflagenzahlen zu erhöhen. Akira Kurosawas in Zusammenarbeit mit Ryuzo Kikushima geschriebenes Drehbuch zu SKANDAL widmet sich einer solchen Situation, bei der dem Maler Ichiro Aoye (Toshirô Mifune) und der Sängerin Miyako Saijo (Yoshiko Yamaguchi) von Paparazzi eine (nicht vorhandene) Liebesbeziehung unterstellt wird. Ein vermeintliches Beweisfoto wird in einer Boulevardzeitung veröffentlicht und im Text stark fehlinterpretiert. Der Verleger Hori (Eitarô Ozawa) weiß darum, dass er die Unwahrheit publiziert, und plant eine gegebenenfalls nötige Richtigstellung als Berufsrisiko ein. Es folgt eine öffentliche Auseinandersetzung, im Zuge derer Kurosawa mehrfach eine Menschenmenge als „die Öffentlichkeit“ auftreten lässt, die sich um die Protagonisten scharrt, von links nach rechts blickt und ihr eigentliches Tagesgeschäft dafür ruhen lässt. Zusammen mit der finalen Gerichtsverhandlung, die Kurosawa immer wieder mit weiten Schwenks durch den Saal und Kamerafahrten um einzelne Figuren herum dynamisch gestaltete, handelt es sich um die inszenatorischen Highlights eines ansonsten routiniert gefilmten Werks.
Ein dramaturgischer Bruch vollzieht sich, sobald der Anwalt Otokichi Hinuta (Takashi Shimura) hinzugezogen wird, um Aoye zu verteidigen. Die Auseinandersetzung mit den Methoden der Presse rückt in den Hintergrund, stattdessen dreht sich alles um den bestechlichen Anwalt, dessen tuberkulosekranke Tochter Masako (Yôko Katsuragi) quasi sein Gewissen darstellt. Es folgen mehrere Szenen, in denen Hinuta von Hori Geld erhält (auf der Pferderennbahn gleich dreimal) und sich danach in Gegenwart seiner Tochter oder in Anbetracht der Freundlichkeit, die Aoye und Saijo Masako gegenüber zeigen, schämt. Der Film gerät hier beinahe in Stillstand, weder Handlung noch Figuren entwickeln sich. Kurosawa selbst hat dies verschiedentlich eingestanden und bemängelt.
So endet der Film dann auch in einer (gelungenen) Gerichtsszene, in der das juristische Ringen zwischen Hinuta und seinem Lehrmeister Dr. Kataoka (Sugisaku Aoyama) im Zentrum steht. Diese Zweiteilung des Films liegt vielleicht auch darin begründet, dass die Betrachtung der Arbeit der Boulevardpresse sich nicht in die Tiefe traut und somit nicht genügend Stoff liefert. Aoye und Saijo stehen völlig unschuldig den erfundenen Falschbehauptungen der Verleger gegenüber. Heinrich Böll hat im deutschen Kontext 24 Jahre später mit Die verlorene Ehre der Katherina Blum einen deutlich facettenreicheren Ansatz gewählt, indem er die Presse unverfängliche Tatsachen übertreiben und verzerren lässt. Dieses Mehr an Komplexität hätte dem Film wohl gutgetan, hätte er sich dann doch ganz und gar auf den titelgebenden Skandal konzentrieren können.