
Der Stadtneurotiker
Annie Hall | USA | 1977
IMDb, OFDb, Schnittberichte
„Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt“ – Auf dieses Bonmot von Groucho Marx nimmt Alvy Singer, das Halb-Alter Ego von Woody Allen, mehrfach Bezug. Neben dem sozialkritischen Gehalt des Satzes steht hier vor allem das Empfinden der Gelangweiltheit, das darin liegt, im Vordergrund. Alvy Singer, in New York lebender Komiker mit Frauenproblemen, hat regelmäßig Dates und on-off-Beziehungen mit Frauen, empfindet dabei jedoch nie wirklich Liebe, sondern reibt sich stattdessen an Belanglosig- und Kleinigkeiten auf. Ob das nun neurotisch ist, wie von den deutschen Verleihern betitelt, oder anhedonisch, wie von Allen als Originaltitel gedacht, ist dabei egal – denn Alvys verquere Beziehung zu Annie Hall (Diane Keaton) kann wahrscheinlich ohnehin nicht auf einen Begriff runtergebrochen werden.
Keaton und Allen waren von 1969 bis 1972 tatsächlich ein Paar, ihr Mädchenname ist „Hall“ und „Annie“ war in der Beziehung ihr Kosename. Wenn Alvy/Allen also zu Beginn des Films direkt in die Kamera spricht und über den Stand seines Lebens aufklärt, dann ist die Mischung aus Autobiographie und Fiktion schon deutlich angelegt. Damit das auch keiner vergisst, überträgt der Autorenfilmer dieses Konzept dann auch gleich auf die Form. Alvy besucht sein junges Ich in der Grundschule, kommentiert die Ereignisse und tritt mit sich selbst in Interaktion. Auch danach wird das Publikum immer wieder direkt angesprochen, um Verständnis oder Mitgefühl gebeten. In einer großartigen Szene holt Alvy den kanadischen Denker Herbert Marshall McLuhan hinter einem Aufsteller hervor, um einen Typen, der hinter ihm in der Kinoschlange Blödsinn erzählt, mit dem tatsächlichsten aller Autoritätsargumente zum Schweigen zu bringen. Alvy/Allen erzählt uns in der Folge von seinem Leben, das sich vor allem um die Beziehung zu Annie dreht.
Dabei reiht der Film die einzelnen Episoden beinahe willkürlich aneinander, lässt sie teils ineinander übergleiten. Mal zieht sich ein Dialog noch in die nächste, Jahre zuvor spielende Szene hinein, mal wird das Bild geteilt, um Gleichzeitigkeit zu verdeutlichen. Fast immer dienen diese technischen Finessen auch dem Humor, wie sich eigentlich alles dem ständigen Wortwitz und linkische Spiel Allens unterordnen muss. Dass die Beziehung der beiden schwierigen Charaktere dabei Glück und Belastung zu gleich ist, zeigt sich immer wieder: Die beiden reden aneinander vorbei, streiten über Kleinigkeiten, hadern mit ihrem Sexleben und können sich schlicht nicht die Wahrheit sagen (was dann Untertitel übernehmen müssen). Trotzdem wird die ganze Zeit gesprochen, der Film bombardiert einen mit seinen Dialogen geradezu.
Es ist beachtlich, dass es Allen nicht nur gelingt, all die Dialoge ohne einen stringenten Handlungsrahmen zusammenzuhalten, sondern mit ihrer Hilfe auch noch glaubwürdige Figuren zu erschaffen. All der Wahnsinn und das Alberne halten uns nicht davon ab, Annie und Alvy und ihre Probleme sehr ernst zu nehmen. Die beiden sind keine Witzfiguren, sie sind in höchsten Maße authentisch und glaubwürdig. Das ist wohl auch der Grund, warum der Film vier Academy Awards gewonnen hat, darunter den des Besten Films. DER STADTNEUROKTIKER albert sehr viel herum, spring umher und überschlägt sich vielleicht auch hier und da – er erzählt aber immer von sehr realen Menschen und deren ebenso realen Problemen.