
Iwans Kindheit
Ivanovo detstvo | Sowjetunion | 1962
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Michail Kalatosows DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) erweiterte vier Jahre nach Josef Stalins Tod den Blick, mit dem man in der Sowjetunion auf den zweiten Weltkrieg schaute. Neben die glorifizierenden Heldengeschichten vom Kampf gegen den Faschismus trat nun auch das Schicksal der am Krieg Beteiligten, das weitaus weniger idealisiert geschildert wurde. Stattdessen wurden nun auch gebrochene Menschen, deren Trauer und ihr Leid thematisiert. Zu den im folgenden entstandenen (Anti-)Kriegfilmen zählt auch IWANS KINDHEIT von Andrei Tarkowski, der ein Jahr zuvor mit DIE STRAßENWALZE UND DIE GEIGE (1961) sein Studium an der Moskauer Filmhochschule WGIK abgeschlossen hatte. Der Film gewann sogleich den Goldenen Löwen in Cannes und den Golden Gate Award in San Francisco und ebnete so den Weg für Tarkowskis Karriere.
Im Zentrum des Films, der auf einer 1957 veröffentlichten Erzählung von Wladimir Bogomolow beruht, steht der 12-jährige Iwan (Kolja Burljajew), der sich nach der Ermordung seiner gesamten Familie und einem Aufenthalt in einem deutschen Vernichtungslager im zweiten Weltkrieg als Spion an der Front betätigt. In der Exposition lernen wir Iwan als irritierend selbstsicher kennen, wenn er Leutnant Galzew (Jewgeni Scharikow) Anweisungen erteilt, die dieser nach kurzem Zögern auch befolgt. Dass der Junge aber schon eine Szene später auf dem Arm von Hauptmann Cholin (Walentin Subkow) sitzt, lässt bereits erahnen, dass er trotz allem ein Kind geblieben ist. Denn die immer wieder ausgedrückte Härte, wird in Einsamkeit und Dunkelheit höchst brüchig: Allein in den Katakomben der Kirche beginnt Iwan zu weinen, leidet er unter Einbrüchen von Gedächtnisfetzen und ist er in der Lage, seinem Schmerz Ausdruck zu geben. Nur um sich dann in Gegenwart der älteren Soldaten wieder im Griff zu haben und den Gang ins Internat so bestimmt zu verweigern, dass die anderen ihm seinen Willen lassen, an der Front zu bleiben. Die Bestimmtheit, mit der hier Verdrängung geschildert wird, ist allumfassend; nur im Krieg ist Iwan in der Lage, das Geschehene von sich wegzuhalten. Dem gegenüber stehen in der Realität der Sowjetunion der 1960er Jahre natürlich unzählige Soldaten in der Zivilgesellschaft, die nach Kriegsende keine Möglichkeit mehr hatten, ihre Erlebnisse derart zu unterdrücken – mit den bekannten schlimmen Folgen.
Könnte ein Junge, der sich mit Härte an der Front durchschlägt, nun durchaus noch in einen heroischen Film, der Helden zu produzieren sucht, passen, deckt der Mangel an Gründen dann aber die Sinnlosigkeit des Kriegs auf und lässt jede Glorifizierung unmöglich werden. Wir erfahren weder, von welcher Mission Iwan zu Beginn zurückkehrt, noch, warum er gen Ende dann wieder den Fluss überquert. Es passiert halt, weil es passiert, die vollkommene Tautologie. Lediglich die Rache für die eigenen Erfahrungen und Verluste wird als Antrieb benannt; und falls das nicht reichen sollte, dann sind eben die „unbekannten Acht, von denen keiner älter als 19 Jahre war“, der Grund, warum weitergekämpft werden muss. Ein paar Buchstaben an einer Wand reichen aus, einen Krieg fortzusetzen, Rache für irgendwen. Folgerichtig bleibt dann auch Iwans Tod (und der zahlloser Anderer) ohne Erklärung. Auf sinnloses Kämpfen folgt sinnloser Tod.
Tarkowski verpackt das alles in harte schwarz-weiß Kontraste, die die leblose Landschaft irgendwo am Dnepr so einfangen, dass ein Nicht-Ort entsteht. Die Katakomben der alten Kirche, das schlammige Ufer, baumlos Anhöhen – das alles könnte in jeden Krieg an jedem Ort so aussehen. Zwischendrin entführt uns ein Birkenwald in eine beinahe surreal anmutende Situation, wo Cholin die junge Mascha (Walentina Maljawina) beinahe wie in einem bösen Märchen verfolgt – sie letztlich aber einfach nur ganz plump belästigt. Die letzten Minuten wechseln dann zu einem halbdokumentarischen Stil, im Zuge dessen auch Originalaufnahmen (?) Nutzung finden. All das Unwirkliche, das an so undefinierten Orten passiert, lernen wir, hat letztlich ganz reale Auswirkungen.