
Rom, offene Stadt
Roma, citta apertà | Italien | 1945
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Nachdem Roberto Rossellini mit GLÜCKLICHE HEIMKEHR (1942), UN PILOTA RITORNA (1942) und L’UOMO DALLA CROCE (1943) noch dem faschistischen Italien dienliche Filme inszeniert hatte, begann er kurz vor Kriegsende mit den Arbeiten an einem Dokumentarfilm über die Situation im besetzen Rom. Zusammen mit Filmresten, die er günstig erwarb, entstand jedoch schnell das Bild eines Spielfilms, der sich aus all dem Material zusammenfügen ließe. Und natürlich sollte der Umstand, dass Rossellini Schnipsel des seinerzeitigen Lebens in Rom und die tatsächliche Begebenheit eines ermordeten Priesters zur Grundlage nahm, einen Film zeitigen, der der Realität und dem Tatsächlichen sehr verhaftet ist. Das Leben in Rom ungeschönt zu zeigen und das nicht etwa aus Perspektive der Militärs oder Politiker, der Reichen oder Extravaganten, sondern schlicht aus der Sicht der Menschen, sollte den Film zusammen mit Luchino Viscontis BESESSENHEIT (1943) zum Gründungsfilm des italienischen Neorealismus machen.
In der ersten Hälfte verzichtet der Film dann – von einer groben Rahmenhandlung um eine Widerstandsgruppe von Kommunisten abgesehen – auf eine stringente Handlung. Giorgio (Marcello Pagliero) muss vor der SS fliehen und kommt bei Pina (Anna Magnani) unter, die wir in der Szene zuvor kennengelernt haben, wie sie eine Gruppe Hungriger zum Überfall auf eine Bäckerei anstiftet. Pina will bald Francesco (Francesco Grandjacquet) heiraten, doch nun müssen die drei fliehen. Pinas Schwester Lauretta (Carla Rovere) sucht sich indes immer andere Herren, die sie aushalten, während ihr Sohn Marcello (Vito Annichiarico) mit den anderen Kindern aus dem Wohnblock an der Sprengung eines Tankwaggons arbeitet. Den drei Fliehenden hilft Padre Don Pietro (Aldo Fabrizi), dessen Sakristan von dem Überfall auf die Bäckerei auch mit vollen Armen zurückkehrt. Die Verbindung all dieser Figuren zum SS-Sturmbannführer Bergmann (Harry Feist) stellt dann die drogenabhängige Marina (Maria Michi) dar, eine Bekannte von Lauretta, die die Gruppe letztlich auch verrät. All diese Personen werden in kurzen Szenen dargestellt und charakterisiert, Rossellini lässt uns quasi mit in den Wohnblock, in dem sich das Meiste abspielt. Ubaldo Aratas Kamera fängt das Geschehen erwartbar ruhig ein, versucht jedoch nie, uns vorzumachen, es handele sich um eine Dokumentation. Es ist stets erkennbar, dass wir einem Spielfilm folgen, der sich mit der Realität auseinandersetzt.
Diese lockere Darstellung vom Leben im Rom der 40er Jahre bricht dann mit dem Überfall der SS auf den Wohnblock abrupt ab. Gönnt uns Rossellini mit dem humorvollen Trick, den Padre Don Pietro anwendet, noch ein kleines Schmunzeln, so wischt der sofort folgende Tod Pinas es gleich wieder weg. Auf die Flucht folgen schnell die Festnahme und dann die Folter durch die SS. Rossellini kontrastiert die Folterszenen mit dem mondänen Leben der Besatzer, die mittels einer höchst technische Sprache Distanz zu den Gräueltaten zu finden suchen, im gleich neben dem Folterraum gelegenen Kasino. Zudem zeigen diese Szenen eindringlich, dass Realität eben auch immer Vielschichtigkeit bedeutet: Während die Folterknechte am Werke sind, streiten die Nazis sich darüber, ob sich die Menschen nun wirklich unterscheiden und stellen fest, dass sie ihre Taten nur mit einem behaupteten Unterschied zwischen den Menschen rechtfertigen können. Eine derartig offensive Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus wollte die FSK dem deutschen Publikum 1950 nicht zumuten und erteilte dem Film keine Freigabe. Diese erhielt er erst 1961 in leicht gekürzter Form und mit veränderten Dialogen. Ungewiss, ob der Realismus Rossellinis den frischen Bundesrepublikanern nicht vielleicht einen ganz heilsamen Spiegel vorgehalten hätte.