
Wie ein wilder Stier
Raging Bull | USA | 1980
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Nach dem Hollywood-Versuch NEW YORK, NEW YORK (1977) und dessen miserablem Einspielergebnis war Martin Scorsese mit Mitte 30 desillusioniert. Er war körperlich, geistig und künstlerisch erschöpft und es dauerte Monate, bis sein Freund Robert De Niro ihn zu WIE EIN WILDER STIER bewegen konnte; den Scorsese dann gleich zu seinem letzten Film, zu seiner letzten Kugel erklärte. Mardik Martins Skript stellt Scorsese nicht zufrieden, erst Paul Schrader, der auch schon TAXI DRIVER (1976) schrieb, konnte für Zufriedenheit sorgen. Es ging also zurück in die Straßen New Yorks, zurück zu einer eingehenden Betrachtung weniger Figuren wie schon in HEXENKESSEL (1973) und zurück zum Schwarzweißfilm.
Der von De Niro verkörperte Boxweltmeister Jake LaMotta (der natürlich auch als Berater tätig war) wird dann in einer zweistündigen Montage verschiedenster Szenen in seinem Aufstieg und Fall gezeichnet. Das Ganze mutet in seiner Struktur an wie ein Gangsterfilm, vermeidet es jedoch weitgehend, einzelne Momente als entscheidend oder von großer Auswirkung darzustellen. Stattdessen haben die jeweiligen Geschehnisse alle eine wohldosierte Wirkung auf die Figur Jake: Wenn er Vickie (Cathy Moriarty) für sich gewinnt, ist er erfreut, aber nicht über die Maße. Als er Weltmeister wird, ist das ein Triumph, der freut, aber nicht überwältigt. Jake beginnt nicht, das Geld aus dem Fenster zu werfen oder sein Umfeld zu verändern. Die charakterlichen Dispositionen in Richtung Eifersucht scheinen bereits zu Beginn in ihm angelegt und entstehen nicht aus seinem Erfolg. Wir sehen einen Menschen, dem der Umgang mit seinem Bruder Joey (Joe Pesci in seinem ersten großen Streifen) und seiner Frau Vickie sehr schwer fällt und der darüber in Probleme gerät. Es gibt nicht den einen Fehler oder den einen Erfolg, es gibt einen weiten Blick auf ein unglückliches Leben.
Entsprechend sind auch die Boxkämpfe eher technisch-metaphorische Sinnbilder dessen, was sonst in Jakes Leben passiert. Sind die an den Film Noir erinnernden Dialogszenen oft schon von enormer Schönheit, spielt das Schwarzweiß in den Kämpfen seine ganze Stärke aus. Die Kamera ist oft mit den Kämpfern im Ring, beteiligt die Zuschauenden so am Geschehen. Die starken Kontraste machen fliegende Schweißtropfen und tropfendes Blut eindringlich sichtbar, während das Publikum im schwarzen Hintergrund verschwindet. Lediglich der Titelkampf zeigt das Publikum und versinnbildlicht so die Bedeutung des Kampfes. Dabei lässt Scorsese die Kämpfe nicht ausarten, sondern nutzt sie als kurze Darstellungen von Jakes Verfasstheit. Interessanter noch: Trotz Jakes zunehmend strauchelndem Leben, laufen die Kämpfe fast stoisch weiter erfolgreich ab. Hier steht das Biopic klar über dem Sportfilm: Es gibt keine billigen Kausalitäten oder simplen Erklärungen – Jake ist ein Boxer und ein Mensch; das eine gelingt ihm gut, mit dem anderen hat er zu kämpfen.
Die zahlreichen Diskussionen um die außerordentliche Stellung des Films im Kino der 80er Jahre seien an dieser Stelle umschifft – für Scorsese war es ein großer persönlicher Erfolg, auch wenn die von zahllosen Blockbustern ordentlich durchgerüttelten Kinokassen nur verhalten klingelten. Noch größer war der Erfolg jedoch für Robert De Niro, der seinen ersten (und bis dato letzten) Oscar als Bester Hauptdarsteller gewann. Hervorragende Voraussetzungen also, um gleich mit THE KING OF COMEDY (1982) weiterzumachen.
