Der Weltmeister
The Ring | Großbritannien | 1927
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Der Kirmesboxer One-Round Jack (Carl Brisson) und die Kassiererin Nellie (Lillian Hall-Davis) sind verlobt. Als Jack eines Tages vom australischen Profiboxer Bob Corby (Ian Hunter) geschlagen und danach zu dessen Sparring-Partner wird, entsteht auch zwischen Nellie und Bob eine Bindung, die das frisch vermählte Glück von Jack und Nellie ernsthaft gefährdet.
ABWÄRTS (1927) und LEICHTLEBIG (1927) waren zwei Auftragsarbeit für den Produzenten Michael Balcon, doch zu diesem Zeitpunkt hatte Alfred Hitchcock bereits einen Vertrag über zehn Filme mit John Maxwell und dessen British International Pictures geschlossen. Das erste Projekt dieser neuen Zusammenarbeit sollte ein Boxerdrama werden, zu dem Hitch – nach einer uncreditierten Mitarbeit am Skript zu DER MIETER (1927) – auch erstmalig das Drehbuch verfasste; und nicht wie bisher auf Romanvorlagen oder andere Autoren zurückgriff. Dass der Meister nie ein großer Drehbuchschreiber werden sollte, lässt sich jedoch auch schon hier erahnen, ist es doch mitnichten eine ausgefeilte Geschichte, die dem Streifen seinen Drive verleiht.
Ware: Du musst mit dem Kopf und den Fäusten arbeiten, Jack.
Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die konstruierte Geschichte mitsamt ihrer unbegründeten Wendung vor allem dazu dient, Möglichkeiten zur einfallsreichen visuellen Gestaltung zu schaffen. Der Originaltitel The Ring verweist dabei deutlich auf eines der zentralen gestalterischen Mittel. Hitchcock nutzt dieses Homonym sowohl für Jacks Arbeitsplatz, jenen Ort, der ihn mit Stolz oder mit Scham erfüllt, aber auch für jenes Symbol, dass er seiner Braut Nellie an den Finger steckt, um die (vermeintlich) ewige Liebe zu besiegeln. Es zeigt bereits früh Hitchcocks Zynismus, dass auch das Geschenk des Nebenbuhlers in Ringform daherkommt – auch wenn es sich de facto um das Bildnis einer Schlange handelt. Einer der schönsten Einfälle ist dann auch das Darniederfahren dieses Schlagenarmreifs just in dem Moment, als Jack Nellie den Ehering ansteckt.
Aber auch abseits von derlei Finessen ist der Streifen nie um eine kleine Spielerei verlegen, vor allem die zahlreichen Blenden fallen auf. Eintrittskarten werden wie im Fluge verkauft, Jack blickt durch Wände und auf einem Sandsack findet sich das Gesicht des verhassten Kontrahenten wieder. Der Film markiert die erste von vielen Zusammenarbeiten mit Kameramann Jack E. Cox und selbiger zeigt von Anfang sein großes Geschick: der Jahrmarkt wird flott und abwechslungsreich eingefangen; auch wenn die Szene, in der johlende Zuschauer mit Gemüse auf einen afrikanischen Menschen werfen, unangenehm zwischen entlarvender Dokumentation und geteilter Belustigung schwankt. Aber auch die diversen Boxkämpfe erfahren dank zahlreicher verwendeter Kameraeinstellungen eine erstaunliche Dynamik und lockern das Gesamtwerk so immer wieder auf. Am coolsten sind aber die zahlreichen optischen Metaphern, die die Konstellation der drei Hauptfiguren darstellen. Da gibt es die Wahrsagerin, die aus ihrem Wohnwagen zeitgleich Bobs Flirt mit Nellie als auch Jacks Verhandlungen mit Boxpromoter Ware beobachtet – und die Zuschauenden beobachten mit, spätestens, wenn Hitchcock ein zärtliches Händestreicheln zu einem geschäftstüchtigen Handshake überblendet. Aber auch das kochende Teewasser, welche Nellies und Bobs Turteleien begleitet, steht dem im Zeitraffer seine Kohlensäure verlierenden Champagner des vergeblich auf Nellie wartenden Jack trefflich gegenüber. Obendrein gibt es dann noch eine schöne Montage, die zeigt, wie Jack verbissen trainiert, während Bob mit Nellie beschäftigt ist. Dass das Finale dann erwartbar flach daherkommt, ist in Anbetracht dieses Berges an gelungenen inszenatorischen Ideen, fast schon zu vernachlässigen.
Hitchcocks erste Arbeit für John Maxwell zeigt zwei Dinge deutlich: Hitchcock ist bereits 1927 ein Fachmann visueller Erzähltechniken und er sollte das Schreiben von Drehbüchern lieber anderen überlassen.