
New Rose Hotel
New Rose Hotel | USA | 1998
IMDb, OFDb, Schnittberichte
Robert Longos VERNETZT – JOHNNY MNEMONIC (1995) war zwar nicht der ganz große Wurf, zeigte aber, dass aus den Stoffen William Gibsons ganz brauchbare Filme zu machen sind. Da sein Hauptwerk Neuromancer (1984) mitsamt den beiden Nachfolgern jedoch weiterhin als unverfilmbar galt, sollte 1998 erneut eine seiner Kurzgeschichten als Drehbuchvorlage herhalten. Regisseur Abel Ferrara übernahm große Teile der Drehbucharbeit gleich selbst, hatte jedoch wenig Interesse daran, Gibsons Neuromancer-Welt, in der auch die Kurzgeschichte New Rose Hotel spielt, auf die Leinwand zu bringen, sondern wollte sich vor dem Hintergrund der Geschichte mit dem Sehen und Hören im Medium Film auseinandersetzen. Das mag Gibsons-Fans enttäuschen, ist aber legitim. Schlimmer wiegt, dass Ferraras Vorhaben für 90 Minuten Spielzeit viel zu banal ist.
Schon die Exposition sorgt für Irritation, da die Bars der 2030er Jahre anscheinend genauso aussehen wie die Etablissements der späten 1990er: Rotes Licht, MDMA-schwangere Blicke, wummernde Musik. Das soll wohl eine „erotisch-knisternde“ Stimmung vermitteln, vergisst darüber aber den Zusehenden mitzuteilen, wer hier eigentlich was macht. Die Story bleibt lange im Unklaren, die Figuren unscharf; aber Sandii (Asia Argento) darf sich immerhin bemühen, beim Rückenschwimmen ihre Brüste weitestmöglich aus dem Wasser zu drücken. Daneben lernen wir, dass Fox (Christopher Walken) ein Ekel ist und der namenlose Erzähler der Kurzgeschichte, der hier X (Willem Dafoe) heißt, irgendwie in Sandii verliebt. Es wäre nun möglich, die Probleme, die diese Liebe für den Auftrag der beiden Herren bedeutet, zu zeigen. Oder Fox‘ Versuche, diese Liebe zu zerstören. Oder irgendetwas. Das tut Ferrara aber nicht. Stattdessen bewegt bekommen wir mittels völlig unpassender Luftaufnahmen und Shots aus einer beliebigen Gasse einen zweiminütigen Trip nach „Marrakesch“ präsentiert, womit der Auftrag der beiden erledigt ist. Von der Arbeit der eigenes engagierten Sandii sehen und erfahren wir gleich gar nichts.
Ferrara nimmt also fast alle Handlung zurück, degradiert Orte und Geschehnisse zur Nebensache. Diese Reduktion soll dem einen Ziel dienen, der Auseinandersetzung mit dem Sehen und Hören: Es gibt am Ende einen Twist, der einiges des zuvor Gezeigten in anderem Licht erscheinen lässt – Ferrara hat wohl Bryan Singers DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN (1995) gesehen. Aber Ferrara ist so auf diesen Twist fixiert, dass er danach 20 Minuten lang jene Szenen und Aussagen (teils mehrfach!) wiederholt, anhand derer man den Twist hätte erahnen können oder die nun anders zu verstehen sind. Ja, das kommentiert das zuvor Gesehene; ja, das lehrt uns, dass wir beim Konsum des Mediums Film nur allzu leicht zu steuern sind – aber es ist halt auch eine Übung, die andere Filme bereits besser vollführt oder einfach beiläufig eingebaut haben. Und vor allem ist es kein Grund, den übrigen Film so derart von Handlung und Stringenz zu befreien.
Am Ende dürfen Fans von William Gibson wohl doch etwas erbost sein: Ferrara nimmt die Vorlage, entledigt sich aller Elemente, die sie ausmachen, und nutzt das Verbleibende für eine filmische Fingerübung, die er dann auf 90 Minuten streckt. War Gibsons Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Robert Longo bei VERNETZT – JOHNNY MNEMONIC durchaus fruchtbar, stellt sich die Zusammenarbeit mit dem Filmkünstler Ferrara als großer Fehlschlag heraus – und vielleicht ist dieser Fehlschlag ein Mitgrund dafür, dass es fast 25 Jahre dauern sollte, bis mit der Serie PERIPHERIE (2022) wieder ein Stoff dieses großen Science-Fiction-Autors adaptiert werden sollte.