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  • NEW YORK, NEW YORK

    New York, New York
    New York, New York | USA | 1977
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    TAXI DRIVER (1976) war bei Publikum und Kritik ein Erfolg, sackte die Goldene Palme ein und brachte United Artists dazu, Martin Scorseses nächstes Projekt mit ordentlich Kohle auszustatten. Der sah sofort die Möglichkeit, seinen großen Wunsch, eine Reminiszenz an das Hollywood-(Musical-)Kino der 40er Jahre, Wirklichkeit werden zu lassen. Earl Mac Rauchs erster Drehbuchentwurf überzeugte Scorsese nicht, weshalb er Mardik Martin an Bord holte, der schon HEXENKESSEL (1973) geschrieben hatte. Aber auch Martin sollte sich mit der Arbeit schwertun und noch während der Dreharbeiten nächtelang über dem Skript brüten. Währenddessen drehte Scorsese – teils unter erheblichem Drogeneinfluss – bereits in hollywood’schen Kulissen eine Musical- und Gesangsszene nach der nächsten. Dass das Ergebnis zwar keinen perfekten, aber allemal einen gelungenen Film darstellt, ist da schon durchaus bemerkenswert.

    Der Film lebt vom Kontrast zwischen der musikalischen und visuellen Gestaltung und der in ihr ausgebreiteten mindestens dysfunktionalen Beziehung zwischen Sängerin Francine Evans (Liza Minnelli) und Saxophonist Jimmy Doyle (Robert De Niro). Scorsese gelingt es schon mit den Opening Credits, seine Zuschauenden auf eine Zeitreise mitzunehmen. Fast ausschließlich in Kulissen gedreht (er arbeitete das erste Mal in Hollywood), bekommen die Straßen New Yorks und die auswertigen Gegenden ein Aussehen verpasst, das an die 40er und 50er Jahre gemahnt. Die rückwärtigen Kulissenelemente sind teils überdeutlich zu erkennen, die Beleuchtung wirkt „althergebracht“ und viele Szenen werden ineinander übergeblendet. Wenn De Niro schließlich vom Laster, auf den er gerade aufspringen wollte, abgleitet, dann wirkt selbst das Fallen irgendwie den 40er Jahren entnommen. Dazu gibt es viel Tanz und Pomp, unzählige Kostüme und viel Musik. Der Musicalaspekt des Films ist groß, nicht nur wegen dem „Theme from New York, New York“. Bis hin zu den obligaten, durch die Nacht gleitenden Leuchtreklamen ist NEW YORK, NEW YORK eine gelungene formelle Huldigung an das Musical-Kino des Hollywood-Systems.

    Auf der anderen Seite steht die Beziehung von Jimmy und Francine, die ab der ersten Bekanntschaft als dysfunktional offenbar wird. Jimmy drängt sich Francine gegen ihren Willen auf, ignoriert ihre Abweisung und nähert sich ihr körperlich. Weitere Unhöflichkeiten folgen und stets wird seine Grenzübertretung von ihr belohnt, indem sie die Beziehung weiterlaufen, sich entwickeln lässt. Könnte man bis hierhin noch auf „eine andere Zeit“ oder „andere Sitten“ verweisen, macht spätestens der Heiratsantrag die Toxizität der Beziehung deutlich: Da Francine Jimmy nicht nachts im Schlafrock ohne Antrag heiraten möchte, droht dieser – wenn auch auf humorvolle Weise – damit, sich selbst zu töten. Danach ist ihm seine dominante Rolle wichtiger als musikalischer Erfolg – er unterbricht das Orchester, da er nicht ertragen kann, dass Francine eingezählt hat. Seine Eifersucht lässt ihn in einer Bar handgreiflich werden und am Ende zeigt sich gar das Phänomen, dass in so vielen toxischen Verbindungen auftritt: Die unterdrückte Person übernimmt ebenfalls Verantwortung für die Probleme. Mehrfach antwortet Francine auf ein „Es tut mir leid“ von Jimmy nach einer seiner Eskapaden ihrerseits mit „Es tut mir auch leid“ – selbst als er es ablehnt, seinen neugeborenen Sohn sehen zu wollen, antwortet sie so.

    Dabei scheint es lange so, dass die beiden aus ihrer gestörten Beziehung wenigstens musikalisches Kapital schlagen, das „Theme“ gedeiht zunächst trotz der Streitigkeiten. Aber nach der Trennung sind beide beruflich erfolgreicher als zuvor und das „Theme from New York, New York“ wird von Francine auf eine nun viel freiere und flowigere Weise vor großem Publikum gesungen – im Beisein Jimmys, der sich nun richtig feine Anzüge leisten kann. Das folgende Gespräch zeigt erneut, dass die beiden keine gemeinsame Ebene haben und so ist das Ende, bei dem getrennte Wege eingeschlagen werden, absolut folgerichtet. Das auch gedrehte alternative Ende – für das George Lucas, der zu der Zeit wusste, wie man Kinokassen zum Klingen bringt, plädierte – wäre deutlich sinnloser, aber vielleicht gewinnträchtiger gewesen. Das war der Film nämlich nicht. Er floppte und stürzte Scorsese in eine Sinn- und Drogenkrise, aus der ihm erst WIE EIN WILDER STIER (1980) wieder heraushelfen konnte.

    10. Februar 2026
    Adam David Winkler, Barry Primus, Clarence Clemons, Diahnne Abbott, Dick Miller, Dimitri Logothetis, Frank Sivero, George Memmoli, Georgie Auld, Kathi McGinnis, Lenny Gaines, Lionel Stander, Liza Minnelli, Martin Scorsese, Mary Kay Place, Murray Moston, Musical, Musikfilm, Norman Palmer, Robert De Niro

  • SARTANA

    Sartana
    Mille dollari sul nero | Deutschland/Italien | 1966
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Alberto Cardone lieferte nach seinem ersten Italowestern DJANGO – DIE GEIER STEHEN SCHLANGE (1966) mit SARTANA (1966) den Auftakt zur Reihe der SARTANA-Filme. Die Besonderheit: Bei ihrem Debüt ist die (fast) immer von Gianni Garko verkörperte Figur noch gänzlich anders angelegt als in den späteren Filmen. In den zwischen 1968 und 1970 folgenden fünf Filmen zeichnet sich Sartana als trickreicher Rächer aus, der seine Ziele mithilfe von allerlei Gadgets zu erreichen pflegt – in SARTANA KOMMT (1970) werden die Gegner dann auch schon mal mittels einer Maschinengewehr-Orgel niedergemäht.

    Dagegen gibt Garko hier einen augenscheinlich von Kinski inspirierten Wahnsinnigen, der mit starrem Blick Unschuldige erschießt oder Stumme zum Betteln auf die Knie zwingt. Er mordet, vergewaltigt und zwingt Jerry (Roberto Miali) dazu, der Vergewaltigung zuzusehen, was diesem erst die Stimme raubt. Anthony Steffen als sein Bruder Johnny gerät in Anbetracht dieser Bösartigkeit schon fast zum typisch-guten Helden des US-Western. Schlimmer wiegt aber, dass der Konflikt der Brüderschon so früh offengelegt wird, dass sich der Film in der Folge schwertut, dem Zweikampf der beiden neue Impulse hinzuzufügen. Es läuft alles sehr vorhersehbar auf das Finale zu, weder des Richters (Carlo d’Angelo) noch Joselitas (Erika Blanc) Wirken sorgt für interessante Wendungen. Das ist insbesondere schade, da der Film mit Carla Calò als im Hintergrund wirkender Mutter Rhonda oder Sartanas cooler Aztekenfestung durchaus Ideen aufweist, die – etwas konsequenter berücksichtigt – wirkliche Eigenständigkeit hätten erwirken können.

    Neben dieser inhaltlichen Durchschnittlichkeit bliebt der Film leider auch formal Mittelmaß; und das liegt nicht daran, dass er nicht einige der für den Italowestern so zentralen schönen Mise en Scène kreieren würde. Wenn Carla Calò mit dem Gewehr in der Hand über den Dorfplatz schreitet oder Sartana im Augenblick des Todes mit seinem Bruder neben sich kniend von oben gefilmt wird, dann sind das gelungene Einstellungen. Aber Romeo Ciattis Schnitt schafft es, diese Szenen stets so verfrüht und abrupt abzubrechen, dass jede Stimmung flöten geht. Über den ganzen Film hinweg ist der Schnitt unfassbar roh und ohne Rhythmus, was vielen stimmungsvollen Momenten ihre Wirkung raubt. Und wenn inhaltlich und formal so viel zu bemängeln ist, dann ist ein Film am Ende eben einfach nur durchschnittlich.

    7. Februar 2026
    Alberto Cardone, Angelica Ott, Anthony Steffen, Carla Calò, Carlo D’Angelo, Daniela Igliozzi, Erika Blanc, Ettore Arena, Franco Fantasia, Gaetano Scala, Gianni Garko, Gianni Solaro, Gino Marturano, Italowestern, Mario Dionisi, Olga Solbelli, Roberto Miali, Sal Borgese, Sartana, Sieghardt Rupp

  • DER VAMPIR VON NOTRE DAME

    Der Vampir von Notre Dame
    I Vampiri | Italien | 1957
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Zehn von zwölf Regietage erledigte Riccardo Freda, bevor Mario Bava das Übrige besorgte. Selbiger war zuvor als (ungenannter) Autor und Kameramann an DER VAMPIR VON NOTRE DAME beteiligt und kam nun zu seiner ersten Teilarbeit als Regisseur. Aber auch vorher schon bot sich ihm die Möglichkeit, seine Ideen in den Film einzubringen, denn als Kameramann hatte er ebenfalls das Sagen über die Beleuchtung. So ist die Szene, in der Joseph Signoret (Paul Muller) sein lebenserhaltendes Elixier verabreicht bekommt, bereits ein Genuss des Schattenspiels und wenn Professor Julien du Grand (Antoine Balpêtre) seine Tischlampe verwendet, um Signoret auszuleuchten, dann scheint das fast schon eine Vorschau auf Bavas in den nächsten zwei Jahrzehnten folgende Lichtspiele zu sein. Aber auch die Kamerafahrt eine Außentreppe hinauf und hinab oder eine Einstellung, die Gisèle du Grand (Gianna Maria Canale) und Laurette Robert (Wandisa Guida) parallel auf Treppe und Flur laufen lässt, zeigen bereits das große Gespür Bavas für die Mise en Scène.

    Das Drehbuch des Films fällt hingegen etwas wirr aus. Innerhalb der ersten 30 Minuten jagt man die Zuschauenden von ungeklärten Morden zu Polizei- und Pressearbeit, um dann einen doppelt-begabten Mad Scientist einzuführen, der sowohl die Wiederbelebung als auch die Verjüngung beherrscht. Dann kommt noch eine generationenüberspannende, aber leider enttäuschte Liebesgeschichte hinzu und fertig ist das wenig stringente Gerüst des folgenden Gruselgeschehens. Es verwundert nicht, dass Bava zeitlebens Unterstützung bei der Drehbucharbeit hinzuzog – man muss eben wissen, wo die eigenen Stärken liegen.

    Dafür gibt es dann aber, sobald die Protagonisten das Schloss Gisèles erreichen, prächtige Sets zu sehen. Schummrige Säle voller skurriler Ausstattungsgegenstände und blubbernde Geheimlabors, in denen Julien nebst entstelltem Helfer werkeln darf. Obwohl die Geschichte in der damaligen Gegenwart angesiedelt ist, entsteht in diesen Szenen bereits das in den nächsten Jahren – nicht zuletzt von Bava selbst – weiter ausformulierte Flair des Italian Gothic Horror. Sind die Matte Paitings von Notre Dame, die uns eine römische Gasse als pariser verkaufen sollen, noch höchst unüberzeugend geraten, zählt die (wohl fast ausschließlich per Licht umgesetzte) Verwandlung Gisèles zu den großen Tricks des italienischen Horrorkinos. Auch heute noch überzeugt sie ohne Vorbehalt und hat wohl schon so mancher Ruckspultaste zum Einsatz verholfen. Als erster italienischer Horrorfilm der Tonfilmära beansprucht DER VAMPIR VON NOTRE DAME somit trotz der lange Zeit eher an EDGAR WALLACE erinnernden Geschichte zurecht die Meriten, den italienischen Gothic Horror begründet zu haben.

    27. Januar 2026
    Angelo Galassi, Antoine Balpêtré, Armando Annuale, Carlo D’Angelo, Charles Fawcett, Dario Michaelis, Gianna Maria Canale, Gisella Mancinotti, Gothic, Horror, Mario Bava, Miranda Campa, Paul Muller, Renato Tontini, Riccardo Freda, Vampire, Wandisa Guida

  • IN DEN FESSELN VON SHANGRI-LA

    In den Fesseln von Shangri-La
    Lost Horizon | USA | 1937
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Häufig geschrieben, trotzdem richtig: Gelingt es einer filmischen Adaption den Wesenskern der Romanvorlage zu bewahren, so ist sie meist als gelungen zu bezeichnen. Um also James Hiltons Der verlorene Horizont von 1933 angemessen auf die Leinwand zu bringen, durfte sich Frank Capra nicht nur des phantastischen und eskapistischen Gehalts der Vorlage annehmen, sondern musste den Zuschauern vor allem das Zeichen, das Shangri-La darstellt, vermitteln: Der von Ronald Colman gespielte britische Diplomat Robert Conway findet, von den Wirren eines Aufstands in China (oder im Roman vom zerfallenden Nordwestindien) ohnehin von der internationalen Politik und der Feindseligkeit der Menschen ermüdet, in dem unwirklichen Zufluchtsort in Himalaya jenen Platz, an dem persönliche Entwicklung und ein befruchtendes Miteinander möglich sind.

    Nach und nach stellen auch Conways Begleiter, die zunächst schnell wieder „in die Zivilisation“ zurückkehren wollen, fest, dass dieser Ort ihnen guttut: Der Paläontologe Lovett (Edward Everett Horton) legt seine anfängliche Angst ab, beginnt Kinder zu unterrichten und Forschung zu betreiben. Der Kriminelle Barnard (Thomas Mitchell) schätzt Shangri-La zunächst nur als Versteck, beginnt aber schließlich mit der Allgemeinheit dienenden Kanalisationsarbeiten. Das von Isabel Jewell gegebene Sternchen Gloria Stone bekommt leider kaum Screentime, was wohl den massiven Kürzungen von ursprünglich 360, über 210 auf letztlich 133 Minuten geschuldet ist. Diese dürften auch der Grund dafür sein, dass John Howard als Roberts kleiner Bruder George zu wenig Spielzeit bekommt. Denn er ist der einzige, der durchweg am Plan, Shangri-La zu verlassen, festhält und letztlich auch seinen Bruder überzeugen kann. 30 Minuten mehr Figurenzeichnung hätten dem Film wohl nicht geschadet, um die unterschiedlichen Position und Beweggründe noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken – aber Capra musste eben auch auf seine Produzenten hören.

    Deshalb gibt es mit Sondra Bizet (Jane Wyatt) nun auch ein Love-Interest für Robert, das zudem von der Aufgabe, die Funktion Shangri-Las als Quell weitreichender Jugend zu verdeutlichen, entbunden ist; diese fällt weiterhin der George zugetanen Maria (Margo) zu. Die Gefahr dieser sicherlich von den Produzenten getroffenen Entscheidung liegt darin, dass sie Roberts Zuneigung und spätere Entscheidung für Shangri-La etwas verwischt. Insbesondere ein alternatives Ende, bei dem Sondra auf die Rückkehr Roberts wartet, lässt die Liebe gar in den Vordergrund rücken. Es ist aber eben nicht Liebe, sondern das Glück eines friedvollen und gebildeten Lebens, dass ihn trotz gröbster Widerstände zurückkehren lässt. Dem Roman zu folgen und nur Conway Willen, zurückzukehren, auszudrücken, ohne aber zu klären, ob es auch gelingt, wäre ein für ein derart großes Filmprojekt wohl zu vages Ende gewesen.

    Denn der Film war seinerzeit und ist noch heute eine Meisterleistung des Kulissenbaus und der Ausstattung. Shangri-La ist riesig und greift (damals noch recht unbekannte) Elemente buddhistischer Architektur auf, vermischt diese aber der inhaltlichen Aussage des Films folgend mit klassizistischen und europäischen Elementen. Die Aufnahmen von Bergen, Lawinen und Flugzeugen sind überzeugend gelungen, das Archivmaterial ist geschickt eingeflochten. Natürlich gab es einen Academy Award für die geschaffenen Sets, weitere Auszeichnungen und Nominierungen folgten. Die schützten den Film aber nicht vor einer jahrzehntelangen Odyssee, die ihn zum US-Propagandafilm ummodelte, ihn dann verschiedentlich bis auf 66 (Fernseh-)Minuten runterkürzte und nach einer ewigen Restaurationsarbeit schließlich (fast) wieder in den Originalzustand zurückversetzte.

    Die Schnitt- und Zensurgeschichte wird so ungewollt zur Metapher für das, was der Hoher Lama (Sam Jaffe) – zunächst kulturpessimistisch scheinend – in seiner zentralen Rede ausführt: Die Welt mag immer mehr in Gewalt vergehen, die Menschen immer ungebildeter werden, die Politik zusehends versagen. Aber Shangri-La ist der Ort, wo Wissen und Humanismus bewahrt werden, um nach dem Zusammenbruch wiederaufzuerstehen. Dieser tröstliche Gedanke einer Renaissance macht den Film gerade heute, da man dem Weltgeschehen mit offenem Munde gegenüberstehen mag, so unfassbar sehenswert.

    12. Januar 2026
    Abenteuer, Beatrice Blinn, Chief John Big Tree, Edward Everett Horton, Fantasy, Frank Capra, H.B. Warner, Hall Johnson Choir, Isabel Jewell, Jane Wyatt, John Howard, Margo, Norman Ainsley, Ronald Colman, Sam Jaffe, Thomas Mitchell, Wyrley Birch

  • NEW ROSE HOTEL

    New Rose Hotel
    New Rose Hotel | USA | 1998
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Robert Longos VERNETZT – JOHNNY MNEMONIC (1995) war zwar nicht der ganz große Wurf, zeigte aber, dass aus den Stoffen William Gibsons ganz brauchbare Filme zu machen sind. Da sein Hauptwerk Neuromancer (1984) mitsamt den beiden Nachfolgern jedoch weiterhin als unverfilmbar galt, sollte 1998 erneut eine seiner Kurzgeschichten als Drehbuchvorlage herhalten. Regisseur Abel Ferrara übernahm große Teile der Drehbucharbeit gleich selbst, hatte jedoch wenig Interesse daran, Gibsons Neuromancer-Welt, in der auch die Kurzgeschichte New Rose Hotel spielt, auf die Leinwand zu bringen, sondern wollte sich vor dem Hintergrund der Geschichte mit dem Sehen und Hören im Medium Film auseinandersetzen. Das mag Gibsons-Fans enttäuschen, ist aber legitim. Schlimmer wiegt, dass Ferraras Vorhaben für 90 Minuten Spielzeit viel zu banal ist.

    Schon die Exposition sorgt für Irritation, da die Bars der 2030er Jahre anscheinend genauso aussehen wie die Etablissements der späten 1990er: Rotes Licht, MDMA-schwangere Blicke, wummernde Musik. Das soll wohl eine „erotisch-knisternde“ Stimmung vermitteln, vergisst darüber aber den Zusehenden mitzuteilen, wer hier eigentlich was macht. Die Story bleibt lange im Unklaren, die Figuren unscharf; aber Sandii (Asia Argento) darf sich immerhin bemühen, beim Rückenschwimmen ihre Brüste weitestmöglich aus dem Wasser zu drücken. Daneben lernen wir, dass Fox (Christopher Walken) ein Ekel ist und der namenlose Erzähler der Kurzgeschichte, der hier X (Willem Dafoe) heißt, irgendwie in Sandii verliebt. Es wäre nun möglich, die Probleme, die diese Liebe für den Auftrag der beiden Herren bedeutet, zu zeigen. Oder Fox‘ Versuche, diese Liebe zu zerstören. Oder irgendetwas. Das tut Ferrara aber nicht. Stattdessen bewegt bekommen wir mittels völlig unpassender Luftaufnahmen und Shots aus einer beliebigen Gasse einen zweiminütigen Trip nach „Marrakesch“ präsentiert, womit der Auftrag der beiden erledigt ist. Von der Arbeit der eigenes engagierten Sandii sehen und erfahren wir gleich gar nichts.

    Ferrara nimmt also fast alle Handlung zurück, degradiert Orte und Geschehnisse zur Nebensache. Diese Reduktion soll dem einen Ziel dienen, der Auseinandersetzung mit dem Sehen und Hören: Es gibt am Ende einen Twist, der einiges des zuvor Gezeigten in anderem Licht erscheinen lässt – Ferrara hat wohl Bryan Singers DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN (1995) gesehen. Aber Ferrara ist so auf diesen Twist fixiert, dass er danach 20 Minuten lang jene Szenen und Aussagen (teils mehrfach!) wiederholt, anhand derer man den Twist hätte erahnen können oder die nun anders zu verstehen sind. Ja, das kommentiert das zuvor Gesehene; ja, das lehrt uns, dass wir beim Konsum des Mediums Film nur allzu leicht zu steuern sind – aber es ist halt auch eine Übung, die andere Filme bereits besser vollführt oder einfach beiläufig eingebaut haben. Und vor allem ist es kein Grund, den übrigen Film so derart von Handlung und Stringenz zu befreien.

    Am Ende dürfen Fans von William Gibson wohl doch etwas erbost sein: Ferrara nimmt die Vorlage, entledigt sich aller Elemente, die sie ausmachen, und nutzt das Verbleibende für eine filmische Fingerübung, die er dann auf 90 Minuten streckt. War Gibsons Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Robert Longo bei VERNETZT – JOHNNY MNEMONIC durchaus fruchtbar, stellt sich die Zusammenarbeit mit dem Filmkünstler Ferrara als großer Fehlschlag heraus – und vielleicht ist dieser Fehlschlag ein Mitgrund dafür, dass es fast 25 Jahre dauern sollte, bis mit der Serie PERIPHERIE (2022) wieder ein Stoff dieses großen Science-Fiction-Autors adaptiert werden sollte.

    15. Dezember 2025
    Abel Ferrara, Andrew Fiscella, Annabella Sciorra, Asia Argento, Christopher Walken, Gretchen Mol, John Lurie, Ken Kelsch, Kimmy Suzuki, Phil Nielson, Rachel Glass, Roberta Orlandi, Science-Fiction, Thriller, Willem Dafoe, William Gibson

  • DER STADTNEUROTIKER

    Der Stadtneurotiker
    Annie Hall | USA | 1977
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    „Ich möchte keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt“ – Auf dieses Bonmot von Groucho Marx nimmt Alvy Singer, das Halb-Alter Ego von Woody Allen, mehrfach Bezug. Neben dem sozialkritischen Gehalt des Satzes steht hier vor allem das Empfinden der Gelangweiltheit, das darin liegt, im Vordergrund. Alvy Singer, in New York lebender Komiker mit Frauenproblemen, hat regelmäßig Dates und on-off-Beziehungen mit Frauen, empfindet dabei jedoch nie wirklich Liebe, sondern reibt sich stattdessen an Belanglosig- und Kleinigkeiten auf. Ob das nun neurotisch ist, wie von den deutschen Verleihern betitelt, oder anhedonisch, wie von Allen als Originaltitel gedacht, ist dabei egal – denn Alvys verquere Beziehung zu Annie Hall (Diane Keaton) kann wahrscheinlich ohnehin nicht auf einen Begriff runtergebrochen werden.

    Keaton und Allen waren von 1969 bis 1972 tatsächlich ein Paar, ihr Mädchenname ist „Hall“ und „Annie“ war in der Beziehung ihr Kosename. Wenn Alvy/Allen also zu Beginn des Films direkt in die Kamera spricht und über den Stand seines Lebens aufklärt, dann ist die Mischung aus Autobiographie und Fiktion schon deutlich angelegt. Damit das auch keiner vergisst, überträgt der Autorenfilmer dieses Konzept dann auch gleich auf die Form. Alvy besucht sein junges Ich in der Grundschule, kommentiert die Ereignisse und tritt mit sich selbst in Interaktion. Auch danach wird das Publikum immer wieder direkt angesprochen, um Verständnis oder Mitgefühl gebeten. In einer großartigen Szene holt Alvy den kanadischen Denker Herbert Marshall McLuhan hinter einem Aufsteller hervor, um einen Typen, der hinter ihm in der Kinoschlange Blödsinn erzählt, mit dem tatsächlichsten aller Autoritätsargumente zum Schweigen zu bringen. Alvy/Allen erzählt uns in der Folge von seinem Leben, das sich vor allem um die Beziehung zu Annie dreht.

    Dabei reiht der Film die einzelnen Episoden beinahe willkürlich aneinander, lässt sie teils ineinander übergleiten. Mal zieht sich ein Dialog noch in die nächste, Jahre zuvor spielende Szene hinein, mal wird das Bild geteilt, um Gleichzeitigkeit zu verdeutlichen. Fast immer dienen diese technischen Finessen auch dem Humor, wie sich eigentlich alles dem ständigen Wortwitz und linkische Spiel Allens unterordnen muss. Dass die Beziehung der beiden schwierigen Charaktere dabei Glück und Belastung zu gleich ist, zeigt sich immer wieder: Die beiden reden aneinander vorbei, streiten über Kleinigkeiten, hadern mit ihrem Sexleben und können sich schlicht nicht die Wahrheit sagen (was dann Untertitel übernehmen müssen). Trotzdem wird die ganze Zeit gesprochen, der Film bombardiert einen mit seinen Dialogen geradezu.

    Es ist beachtlich, dass es Allen nicht nur gelingt, all die Dialoge ohne einen stringenten Handlungsrahmen zusammenzuhalten, sondern mit ihrer Hilfe auch noch glaubwürdige Figuren zu erschaffen. All der Wahnsinn und das Alberne halten uns nicht davon ab, Annie und Alvy und ihre Probleme sehr ernst zu nehmen. Die beiden sind keine Witzfiguren, sie sind in höchsten Maße authentisch und glaubwürdig. Das ist wohl auch der Grund, warum der Film vier Academy Awards gewonnen hat, darunter den des Besten Films. DER STADTNEUROKTIKER albert sehr viel herum, spring umher und überschlägt sich vielleicht auch hier und da – er erzählt aber immer von sehr realen Menschen und deren ebenso realen Problemen.

    13. Dezember 2025
    Carol Kane, Christopher Walken, Colleen Dewhurst, Diane Keaton, Donald Symington, Helen Ludlam, Janet Margolin, Joan Newman, Komödie, Mordecai Lawner, Paul Simon, Romantik, Shelley Duvall, Tony Roberts, Woody Allen

  • STROMBERG – WIEDER ALLES WIE IMMER

    Stromberg – Wieder alles wie immer
    Deutschland | 2025
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Zehn Jahre waren seit dem letzten Auftritt der Figur Bernd Stromberg vergangen, es gab in der Zwischenzeit keinerlei neue Serien, Filme oder auch nur Werbefilmchen – und trotzdem löste die Ankündigung des zweiten Films 2024 einen Sturm der Begeisterung aus. Diese Euphorie hielt bis zum Kinostart 2025 an und belegt erneut, welche besondere Stellung die Kreation von Autor Ralf Husmann und Regisseur Arne Feldhusen (ja, auf Basis von THE OFFICE (2001)) auch heute noch im deutschen Kontext einnimmt.

    Schon die Trailer zeigten, dass alle Protagonisten noch mal ein ganzes Stück älter geworden sind und so war es Husmanns große Aufgabe, dieses augenscheinliche Altern mit einer Entwicklung innerhalb der Erzählwelt zu verknüpfen. Ein Zusammenkommen im Zuge einer Reunion-TV-Show bildet den Rahmen, innerhalb dessen Bernd Strombergs (Christoph Maria Herbst) eigentlicher beruflicher Verblieb allerdings lange unklar bleibt. Ernie (Bjarne Mädel) hat seine Mobbing-Erfahrungen verarbeitet und ist nun Selbsthilfe-Coach, was über den Film hinweg leider allzu belanglos bleibt. Ulf (Oliver Wnuk) und Tanja (Diana Staehly) sind der Capitol treu geblieben und kämpfen immer noch mit ihrer Ehe, aber sowohl der Betrug durch Tanja als auch der irgendwie nicht auserzählte Sohn Marvin (Carlo Stolle) vertiefen den Eindruck, dass den Machern irgendwie nicht genug zu ihren Figuren eingefallen ist. Am deutlichsten wird das bei Jennifers (Milena Dreißig) neuem Partner Julian (László Branko Breiding). Ist ihr Hang zu unpassenden Partner zwar konsequent, ist die Figur des jungen Influencers mindestens langweilig und zehn Jahre zu spät.

    Dass diese relativ innovationslosen Figuren sich dann auch noch durch eine recht blasse Geschichte bewegen, bremst den Film oft spürbar aus. Es fehlt die Leichtigkeit, mit der sich die Geschehnisse mit den Gags verbinden. STROMBERG – DER FILM (2014) hatte da trotz ebenfalls recht dünner Geschichte deutlich mehr Drive. Dabei sitzen zahlreiche Sprüche wieder wirklich gut, das Timing zwischen den Protagonisten ist weiterhin vorhanden. Viel Raum wird dann gen Ende der Dramatisierung der Ereignisse eingeräumt, die Offenlegung von Strombergs beruflichem Scheitern führt gar zu einem Suizidversuch. Das ist schon recht viel an Dramatik, eventuell hätte weniger davon für mehr Humor-Freiraum gesorgt.

    Seine großen Stärken hat der Film dann in jenen Momenten, in denen er sich mit seiner eigenen Rezeption auseinandersetzt. Dass über-woke Protestierende die fiktive TV-Show belagern, um dem „Sexisten“ und „Diskriminierer“ Stromberg die Meinung zu Geigen, ist zunächst noch erwartbar. Dass dann aber auch die Horde an Sprüche klopfenden Stromberg-Fans (aus deren Mitte der echte Stromberg das erste Mal auftaucht) ihr Fett wegbekommt, ist grandios. Die mit Bart und Halbglatze ausgestattete Meute nimmt die Sprüche des Idols ebenso ernst, wie die Prostierenden auf der anderen Straßenseite. Beide Seiten missverstehen den Humor der Kunstfigur Stromberg, der ja immer darin lag, über die Figur und nicht über die Witze zu lachen. Es bleibt fraglich, ob dieser geniale Seitenhiebe in den Kinosälen manchen zum Nachdenken angeregt hat oder ob diese Zeitgenossen ihr Nicht-Verstehen einfach fortsetzen. Dass dann auch noch die Capitol ihr Fähnchen achh dem Wind ausrichtet und nach der Distanzierung von Stromberg klarstellt, dass man sich natürlich nicht von der Person distanziert habe, sondern nur von einzelnen Sprüchen, wird nur noch davon getoppt, dass am Ende sogar Lars Klingbeil und Carsten Linnemann dabei gezeigt werden, wie sie jeden noch so kleinen medialen Erfolg mitzunehmen versuchen – egal, was da eigentlich wirklich passiert ist.

    Am Ende darf man wohl festhalten, dass bei STROMBERG – WIEDER ALLES WIE IMMER zwar nicht alles wie immer ist, der Film es allerdings schafft, seine Figuren noch mal eine recht würdige Ehrenrunde drehen zu lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Eigenen wird mit ordentlichen neuen Sprüche garniert, die Macken sind zu verschmerzen. Und das Abspannende weckt gar Hoffnungen …

    12. Dezember 2025
    Arne Feldhusen, Benedict Fellmer, Bjarne Mädel, Christoph Maria Herbst, Diana Staehly, Jonas Stenzel, Komödie, Milena Dreißig, Oliver Wnuk, Yannik Heckmann, Yodit Tarikwa

  • ROM, OFFENE STADT

    Rom, offene Stadt
    Roma, citta apertà | Italien | 1945
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Nachdem Roberto Rossellini mit GLÜCKLICHE HEIMKEHR (1942), UN PILOTA RITORNA (1942) und L’UOMO DALLA CROCE (1943) noch dem faschistischen Italien dienliche Filme inszeniert hatte, begann er kurz vor Kriegsende mit den Arbeiten an einem Dokumentarfilm über die Situation im besetzen Rom. Zusammen mit Filmresten, die er günstig erwarb, entstand jedoch schnell das Bild eines Spielfilms, der sich aus all dem Material zusammenfügen ließe. Und natürlich sollte der Umstand, dass Rossellini Schnipsel des seinerzeitigen Lebens in Rom und die tatsächliche Begebenheit eines ermordeten Priesters zur Grundlage nahm, einen Film zeitigen, der der Realität und dem Tatsächlichen sehr verhaftet ist. Das Leben in Rom ungeschönt zu zeigen und das nicht etwa aus Perspektive der Militärs oder Politiker, der Reichen oder Extravaganten, sondern schlicht aus der Sicht der Menschen, sollte den Film zusammen mit Luchino Viscontis BESESSENHEIT (1943) zum Gründungsfilm des italienischen Neorealismus machen.

    In der ersten Hälfte verzichtet der Film dann – von einer groben Rahmenhandlung um eine Widerstandsgruppe von Kommunisten abgesehen – auf eine stringente Handlung. Giorgio (Marcello Pagliero) muss vor der SS fliehen und kommt bei Pina (Anna Magnani) unter, die wir in der Szene zuvor kennengelernt haben, wie sie eine Gruppe Hungriger zum Überfall auf eine Bäckerei anstiftet. Pina will bald Francesco (Francesco Grandjacquet) heiraten, doch nun müssen die drei fliehen. Pinas Schwester Lauretta (Carla Rovere) sucht sich indes immer andere Herren, die sie aushalten, während ihr Sohn Marcello (Vito Annichiarico) mit den anderen Kindern aus dem Wohnblock an der Sprengung eines Tankwaggons arbeitet. Den drei Fliehenden hilft Padre Don Pietro (Aldo Fabrizi), dessen Sakristan von dem Überfall auf die Bäckerei auch mit vollen Armen zurückkehrt. Die Verbindung all dieser Figuren zum SS-Sturmbannführer Bergmann (Harry Feist) stellt dann die drogenabhängige Marina (Maria Michi) dar, eine Bekannte von Lauretta, die die Gruppe letztlich auch verrät. All diese Personen werden in kurzen Szenen dargestellt und charakterisiert, Rossellini lässt uns quasi mit in den Wohnblock, in dem sich das Meiste abspielt. Ubaldo Aratas Kamera fängt das Geschehen erwartbar ruhig ein, versucht jedoch nie, uns vorzumachen, es handele sich um eine Dokumentation. Es ist stets erkennbar, dass wir einem Spielfilm folgen, der sich mit der Realität auseinandersetzt.

    Diese lockere Darstellung vom Leben im Rom der 40er Jahre bricht dann mit dem Überfall der SS auf den Wohnblock abrupt ab. Gönnt uns Rossellini mit dem humorvollen Trick, den Padre Don Pietro anwendet, noch ein kleines Schmunzeln, so wischt der sofort folgende Tod Pinas es gleich wieder weg. Auf die Flucht folgen schnell die Festnahme und dann die Folter durch die SS. Rossellini kontrastiert die Folterszenen mit dem mondänen Leben der Besatzer, die mittels einer höchst technische Sprache Distanz zu den Gräueltaten zu finden suchen, im gleich neben dem Folterraum gelegenen Kasino. Zudem zeigen diese Szenen eindringlich, dass Realität eben auch immer Vielschichtigkeit bedeutet: Während die Folterknechte am Werke sind, streiten die Nazis sich darüber, ob sich die Menschen nun wirklich unterscheiden und stellen fest, dass sie ihre Taten nur mit einem behaupteten Unterschied zwischen den Menschen rechtfertigen können. Eine derartig offensive Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus wollte die FSK dem deutschen Publikum 1950 nicht zumuten und erteilte dem Film keine Freigabe. Diese erhielt er erst 1961 in leicht gekürzter Form und mit veränderten Dialogen. Ungewiss, ob der Realismus Rossellinis den frischen Bundesrepublikanern nicht vielleicht einen ganz heilsamen Spiegel vorgehalten hätte.

    5. Dezember 2025
    Aldo Fabrizi, Anna Magnani, Carla Rovere, Drama, Francesco Grandjacquet, Giovanna Galletti, Harry Feist, Krieg, Marcello Pagliero, Maria Michi, Nando Bruno, Neorealismus, Neorealistische Trilogie, Roberto Rossellini, Vito Annicchiarico

  • HARD TICKET TO HAWAII

    Hard Ticket to Hawaii
    Hard Ticket to Hawaii | USA | 1987
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Andy Sidaris‘ 1987er Streifen etabliert die DEA-Agentinnen Donna (Dona Speir) und Taryn (Hope Marie Carlton), die in den nächsten Jahren im Zuge der lose zusammenhängenden Bullets, Bombs and Babes-Filme immer mal wieder auftreten sollten. Die Benennung der Reihe muss allerdings als sträflich ungenau bezeichnet werden, denn in HARD TICKET TO HAWAII gibt es deutlich mehr zu sehen als nur Schießereien, Explosionen und leicht- respektive nichtbekleidete Frauen. Schon in den ersten zehn Minuten werden Drogendealer erschossen, am Hafenbacken feinste Softcore-Dialoge dargeboten und riesige giftige Schlagen in Flugzeuge verladen. Warum die Schlange giftig ist? Weil sie infiziert ist „mit tödlichen Stoffen von krebsverseuchten Bisamratten“.

    Und auch danach scheucht uns das auch von Sidaris geschriebene Drehbuch von einer Wahnsinnsszene zur nächsten: Da kommt ein Skateboarder des Weges, der sich beim Fahren hinter einer Gummipuppe versteckt, um Sidekick Jade (Harold Diamond) mit einer Schrotflinte in die Brust zu schießen (muss dann auch genäht werden), um dann von Held Rowdy (Ronn Moss) angefahren zu werden. Das Anfahren schleudert den Unhold in die Luft, wo Rowdy ihn dann mit der Bazooka erledigen kann. Wenig später trifft Rowdy sich dann am Strand zu Frisbee-Duell mit einem Schurken, der sich durch des Heroen Können derart herausgefordert fühlt, dass er seine MP zur Seite legt und nicht bemerkt, dass Rowdy die Frisbee gegen ein Modell mit Rasierklingen getauscht hat – so hat dann auch die Abteilung Effekte etwas zu tun. Im Finale darf Antagonist Seth (Rodrigo Obregón) dann eine lange Abfolge von tödlichen Verletzungen einsteckten und trotzdem immer wieder aufstehen, bevor die erwähnte Schlange aus der Toilette hervorbricht, um dann per ebenfalls erwähnter Bazooka gerichtet zu werden.

    Jetzt könnte man im Lichte solcher Szenen zu dem Schluss kommen, dass HARD TICKET TO HAWAII tatsächlich einige wilde Idee aufbietet, doch damit würde man missachten, was sich zwischen derartigen Momenten abspielt. Denn der Film nötigt einen durchweg dazu, ihn mit offenem Mund zu verfolgen. Alle Frauen sind durchweg knappst oder nicht bekleidet und posieren immer so, als wären sie auf dem Laufsteg. Die Dialoge sind allesamt wahnwitzig platt oder albern, einige Kalauer funktionieren prächtig. Overacting ist Pflicht, es gibt nichts, was nicht passieren kann und Kleidung, Kostüme und Ausstattung bringen jeden vom 80ies/90ies-Revival befallenen Hipster zum Jubeln. Kampfkunst und Schwertkampf finden auch noch ihren Platz und am Ende kommt man zu der beeindruckenden Erkenntnis, dass es Andy Sidaris wie nur wenigen anderen gelingt, jeden erdenklichen billigen Schauwert in diesen Film zu packen, ohne dass es zur beliebigen Aneinanderreihung verkommt. Der Film wirkt erstaunlich stringent und geschlossen, ob er Quatsch an Blödsinn reiht. Sidaris ist ein Zauberer des exploitativen Kinos!

    2. Dezember 2025
    Action, Andy Sidaris, Cynthia Brimhall, David DeShay, Dona Speir, Exploitation, Harold Diamond, Hope Marie Carlton, Kwan Hi Lim, Lory Green, Michael A. Andrews, Patty Duffek, Ronn Moss, Rustam Branaman, Wolf Larson

  • IWANS KINDHEIT

    Iwans Kindheit
    Ivanovo detstvo | Sowjetunion | 1962
    IMDb, OFDb, Schnittberichte

    Michail Kalatosows DIE KRANICHE ZIEHEN (1957) erweiterte vier Jahre nach Josef Stalins Tod den Blick, mit dem man in der Sowjetunion auf den zweiten Weltkrieg schaute. Neben die glorifizierenden Heldengeschichten vom Kampf gegen den Faschismus trat nun auch das Schicksal der am Krieg Beteiligten, das weitaus weniger idealisiert geschildert wurde. Stattdessen wurden nun auch gebrochene Menschen, deren Trauer und ihr Leid thematisiert. Zu den im folgenden entstandenen (Anti-)Kriegfilmen zählt auch IWANS KINDHEIT von Andrei Tarkowski, der ein Jahr zuvor mit DIE STRAßENWALZE UND DIE GEIGE (1961) sein Studium an der Moskauer Filmhochschule WGIK abgeschlossen hatte. Der Film gewann sogleich den Goldenen Löwen in Cannes und den Golden Gate Award in San Francisco und ebnete so den Weg für Tarkowskis Karriere.

    Im Zentrum des Films, der auf einer 1957 veröffentlichten Erzählung von Wladimir Bogomolow beruht, steht der 12-jährige Iwan (Kolja Burljajew), der sich nach der Ermordung seiner gesamten Familie und einem Aufenthalt in einem deutschen Vernichtungslager im zweiten Weltkrieg als Spion an der Front betätigt. In der Exposition lernen wir Iwan als irritierend selbstsicher kennen, wenn er Leutnant Galzew (Jewgeni Scharikow) Anweisungen erteilt, die dieser nach kurzem Zögern auch befolgt. Dass der Junge aber schon eine Szene später auf dem Arm von Hauptmann Cholin (Walentin Subkow) sitzt, lässt bereits erahnen, dass er trotz allem ein Kind geblieben ist. Denn die immer wieder ausgedrückte Härte, wird in Einsamkeit und Dunkelheit höchst brüchig: Allein in den Katakomben der Kirche beginnt Iwan zu weinen, leidet er unter Einbrüchen von Gedächtnisfetzen und ist er in der Lage, seinem Schmerz Ausdruck zu geben. Nur um sich dann in Gegenwart der älteren Soldaten wieder im Griff zu haben und den Gang ins Internat so bestimmt zu verweigern, dass die anderen ihm seinen Willen lassen, an der Front zu bleiben. Die Bestimmtheit, mit der hier Verdrängung geschildert wird, ist allumfassend; nur im Krieg ist Iwan in der Lage, das Geschehene von sich wegzuhalten. Dem gegenüber stehen in der Realität der Sowjetunion der 1960er Jahre natürlich unzählige Soldaten in der Zivilgesellschaft, die nach Kriegsende keine Möglichkeit mehr hatten, ihre Erlebnisse derart zu unterdrücken – mit den bekannten schlimmen Folgen.

    Könnte ein Junge, der sich mit Härte an der Front durchschlägt, nun durchaus noch in einen heroischen Film, der Helden zu produzieren sucht, passen, deckt der Mangel an Gründen dann aber die Sinnlosigkeit des Kriegs auf und lässt jede Glorifizierung unmöglich werden. Wir erfahren weder, von welcher Mission Iwan zu Beginn zurückkehrt, noch, warum er gen Ende dann wieder den Fluss überquert. Es passiert halt, weil es passiert, die vollkommene Tautologie. Lediglich die Rache für die eigenen Erfahrungen und Verluste wird als Antrieb benannt; und falls das nicht reichen sollte, dann sind eben die „unbekannten Acht, von denen keiner älter als 19 Jahre war“, der Grund, warum weitergekämpft werden muss. Ein paar Buchstaben an einer Wand reichen aus, einen Krieg fortzusetzen, Rache für irgendwen. Folgerichtig bleibt dann auch Iwans Tod (und der zahlloser Anderer) ohne Erklärung. Auf sinnloses Kämpfen folgt sinnloser Tod.

    Tarkowski verpackt das alles in harte schwarz-weiß Kontraste, die die leblose Landschaft irgendwo am Dnepr so einfangen, dass ein Nicht-Ort entsteht. Die Katakomben der alten Kirche, das schlammige Ufer, baumlos Anhöhen – das alles könnte in jeden Krieg an jedem Ort so aussehen. Zwischendrin entführt uns ein Birkenwald in eine beinahe surreal anmutende Situation, wo Cholin die junge Mascha (Walentina Maljawina) beinahe wie in einem bösen Märchen verfolgt – sie letztlich aber einfach nur ganz plump belästigt. Die letzten Minuten wechseln dann zu einem halbdokumentarischen Stil, im Zuge dessen auch Originalaufnahmen (?) Nutzung finden. All das Unwirkliche, das an so undefinierten Orten passiert, lernen wir, hat letztlich ganz reale Auswirkungen.

    30. November 2025
    Andrei Konchalovsky, Andrei Tarkowski, Antikriegsfilm, Dmitri Milyutenko, Drama, Irma Raush, Ivan Savkin, Krieg, Nikolai Burlyayev, Nikolai Grinko, Stepan Krylov, Valentin Zubkov, Valentina Malyavina, Vladimir Marenkov, Yevgeni Zharikov

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