Ukrainisch-russisches Geschäftsverhalten

Eines Tages kommt ein Wanderer des Weges daher. Er sei auf dem Weg nach Russland, um dort Geschäfte zu machen. Was ich im raten könne, will er von mir wissen.

Um eine Antwort bin ich nicht verlegen – sie ist sofort parat. Viel zu oft hatte ich in jungen Jahren überlegt, wieso es gesetzmäßig scheint, dass auch die aller-aller-beste westliche Idee in einem östlichen Umfeld zum Scheitern verurteilt ist.

Ein Fremder sollte sich dem Thema behutsam nähern, Schritt vor Schritt. Hier sind die ersten drei Räte:

1. Lies die Klassiker!

Puschkin zum Beispiel:

“… wozu brauchst du Dokumente? Dafür gibt es Gesetze. Darin besteht ja die Macht, dass man jedem ohne jedes Recht sein Gut wegnehmen kann.” (aus “Dubrowskij”)

2. Interessiere dich für russische Helden!

1307 bender_denkmalOstap Bender zum Beispiel:

Dem große Kombinierer – «великий комбинатор» – , dem ideenreichen Kämpfer für monetäre Zeichen – «идейный борец за денежные знаки» – , der darüber hinaus vierhundert relativ ehrliche Methoden kennt, “Geld abzuführen” – знавший «четыреста сравнительно честных способов отъёма (увода) денег» – setzt man derzeit Denkmale in Russland.

Und in der Ukraine benennt man sogar Plätze nach ihm:

1307 bender_platz_odessa

3. Wisse, worüber dein Gegenüber lacht!

Über russische Komödien zum Beispiel:

“Russische Bärenjagd” – ein dortzulanden sehr populäres Filmchen aus der Jelzin-Zeit, welches im russischen und ukrainischen TV häufig wiederholt wird. Worin einfältige Amerikaner nach Russland reisen, weil sie glauben, hier Bären jagen zu können. Wofür sie immer und immer wieder in Dollar bezahlen, wären der gesamten Handlung nach Strich und Faden abgezockt werden und zum Schluss nur einen Zirkusbären zu sehen bekommen.

Besagter Wanderer hört aufmerksam zu und ahnt bereits jetzt, dass es möglicherweise einfacher ist, angestautes Kapital einfach so zu verbrennen. Das geht schneller mit gleichem Ergebnis.

Intuitiver Wodkavertrieb

Ob ich nicht helfen könne, bittet mich ein guter Bekannter mit Migrationshintergrund. Er und sein Freundeskreis haben bereits seit einigen Wochen die großartige Idee, Wodka in Deutschland zu vertreiben, und …

“…du könntest uns dabei gut helfen – du sprichst Deutsch.”

Klar – wenn das kein Grund ist, gäbe es nie einen anderen.

Dergestalt befragt, sage ich weise “hmmm”, gucke betont kritisch und wende ein, dass Wodka in Deutschland nicht unbedingt zu den Grundnahrungsmitteln gehört.

Zugleich versuche ich den Deal genauer zu hinterfragen.

“Was ist das Besondere an deinem Wodka? Weshalb – glaubst du – sollen die Menschen diesen Wodka kaufen und keinen anderen?”

Offenbar hat er so genau darüber noch nicht nachgedacht. Überlegt einige Zeit, bis er zwei Gründe findet:

Erstens sei die Qualität sehr gut. Letzten Dienstag haben sich einige Jungs die Rübe zugedröhnt und erwachten am folgenden Mittwoch trotzdem ohne Kopfschmerz.

! Wodkaqualität definiert sich stets über das Verhältnis von Freude davor zu Schmerz danach !

Zweitens stimme der Preis. “Wir” kämen auf einen Einstand von 2,20 Euro auf den halben Liter, könnten demnach die Pulle für 2,99 Euro verkaufen und würden “uns” somit dumm und dämlich verdienen.*

Was mir als Information genügen sollte.

Wenn Russen über ein anstehendes Geschäft reden, geschieht dies oft in einer Mischung aus eigener Unwissenheit und Großkotz. Was mich allerdings nicht hindert, helfen zu wollen. So doziere ich über Markenführung, Differenzierung, erkläre Kategorien wie “Claim” und mache erste Vorschläge zur Umbenennung:

“Peacemaker” wäre doch hübsch? Oder “Russenfrühstück” Zwinkerndes Smiley … ~ … ~

Jedenfalls müsse es nun darum gehen, die zukünftige Marke zu kommunizieren. Wodka ist der Schlüssel zur Tiefe der Russischen Seele, daher sollte auf den Etiketten Trinksprüche zu finden sein, nach dem Zufallsprinzip …

“Внимание! Родился нежный и лирический тост.”**

Smiley

Oder-oder-oder: QR-Codes auf jeder Pulle!

“Du scannst es ein und auf deinem Handy erscheint vielleicht: Если мы будем продвигаться такими темпами, то лично я на аэродром не попадаю.”***

Smiley

Ich bin überhaupt nicht aufzuhalten, mein Vortrag gerät zur Show. Bald – weiß ich schon – werde ich abheben.

“You look at any giant corporation, and I mean the biggies, and they all started with a guy with an idea, doing it well.” (Irvine Robbins)

Mitten im Ready-for-Takeoff werde ich unterbrochen:

“Wirst du mir helfen, Wodka zu verkaufen? Oder nicht?”

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* Metamorphose: Anfangs waren es “sie”, denen “ich” helfen sollte, erst gegen Ende der Diskussion waren wir “wir”.

** Aus Ironie des Schicksals: “Achtung! Soeben wurde ein bescheidener lyrischer Trinkspruch geboren.”

*** Ebenda: “Wenn wir uns weiter in sochem Tempo bewegen, gelange ich persönlich nicht mehr zum Flughafen.” (Insidergag)

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