Diverse Updates

Minimalismus ist schwer zu leben. Insbesondere wenn man in Gesellschaft von verdorbener abendländischer Kultur, die nur noch auf Verschwendung ausgerichtet ist.

Die zugehörige Geschichte ist rasch erzählt: Für unseren neuen Fußboden, musste ich zuvor die Steckdosen entfernen. Was zur Folge hatte, dass unser Router seinen Anschluss zwar noch immer aus der T-Elekom-Flur-Dose bezog, den zugehörigen Strom aber aus dem Schlafzimmer.

“Bitte achte darauf, dass in den nächsten Tagen, zumindest solange die Handwerker in unserer Wohnung, das DSL-Kabel nicht eingeklemmt wird”, sagte ich.

“Alles klar”, sagte Lara und schloss diese Tür. Seither Wackelkontakt.

Ich hätte nie gedacht, dass dies mickrige Futschelkabel so schwer zu haben ist. “Hammer-nich!”, auskunftet Promarkt, “das kriegen-se doch vom Provider?!”, sagt der Geiz-ist-geil-Mann.

Also *seufz* Hotline.

*Seufz*, *seufz*, *seufz* – Bei meinem Provider muss man erst einen dreiköpfigen Drachen töten, eine Prinzessin befreien und einen Sack Weisheit bringen, bevor man einen Menschen sprechen darf. Und ~~~ siehe da: “Einzelne Kabel verschicken wir nicht”.

Ein niegelnagelneues Speedboard mit allem Geschnür kann man haben. Ziemlich schnell sogar. Montag rief ich die Hotline an und Dienstag nahm Lara bereits das neue Speedboard entgegen.

Sie ruft mich an, um zu sagen:

“Unser neues Internet ist eingetroffen.”

* * *

iOS 7.1. Jüngstes Update.

“Und? Was hat sich eigentlich verändert?”

Siri spricht bereits, wenn man bloß das Telefon ans Ohr nimmt. Man braucht nicht extra die Home-Taste zu drücken. Nun sind auch Spitznamen in den Kontakten zulässig. Man kann – beispielsweise – einem Kontakt konspirativ den Namen “Toastbrot” geben, um Siri entsprechend beauftragen zu können.

“Rufe das olle Toastbrot an!”

Lara bleibt ungeduldig.

“Kann Siri nun Russisch?”

Nein. Russisch kann Siri nicht. Wahrscheinlich ist die allgemeine Nachfrage zu gering. Es gibt zu wenig Russen weltweit. Oder russische Sprachlosigkeit ist Teil der amerikanischen Russland-Sanktionen. Soll der Putin doch zusehen, wie er mit seinem Deutsch klarkommt.

“Aber”, zitiere ich die Werbung und gucke dabei Lara in die Augen, …

“Siri versteht, was du sagst. Und weiß was du meinst.”

😀

Der jüngste Joke

„Du scheinst dich ja auszukennen in Religion, Kirche, Fasten und so was alles. Sage bitte: Sind nach uralter russisch-orthodoxer Tradition während des Großen Fastens Bananen erlaubt oder nicht?“

Der obligatorische Fastenwitz

An der Villa eines superreichen Russen schellt die Glocke. An der Tür ein armer Mann, welcher seine Bitte um Almosen mit der Bemerkung einleitet, er habe bereits vier Tage nichts gegessen.

An dieser Stelle wird der Arme prompt unterbrochen:

“Vier Tage nichts gegessen?! – Cool. Molodez! Prachtkerl! – Also ich könnte so etwas nicht.”

Woyzeck

Plötzlich ist alles wahr.

Am 3. Januar 1780 ward Johann Christian Woyzeck in Leipzig als Sohn eines Perückenmachers geboren. Er war derjenige, welcher am 21. Juni 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost in einem Hausflur der Leipziger Sandgasse ermordete, wurde deswegen verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet.

Das zugehörige Dokument heißt: “Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders J. C. Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen”.

Wir kennen den Woyzeck des Theaters. Glücklicher Umstand: Da nur Fragment des Dramatikers Georg Büchner vorliegt, kann man Woyzeck so oder anders inszenieren.

Am nachhaltigsten sind diejenigen Kompositionen, bei denen man anfangs den Eindruck hat: “Alles klar – der Kerl ist verrückt und schuldig!” und im Laufe der jeweiligen Inszenierung merkt: “die sind ja alle verrückt!”

Alle, außer Woyzeck.

Des Rezipienten Gleichnis. Der sich plötzlich selbst allein unter Verrückten glaubt.

~~~

Unabhängig davon: Ein Büchnerisches Zitat mag ich sehr. Er lässt im Stück den Woyzeck sagen:

“Ich glaub, wenn unsereins in den Himmel kommt, müssen wir donnern helfen.”

Das superlative Feedback

Oberflächlichkeit nervt.

Ich nenne Oberflächlichkeit, Missachtung, Sorglosigkeit und verfluche jedwede sprachliche Gedankenlosigkeit.

Also: Heute gab ich eine PIN ein. Lese:

“Die Eingabe war erfolgreich.”

Und schon sitzt der nächste Pups quer.

Wieso erfolgreich? Das hieße ja “Reich an Erfolgen”? – Ein einfaches “Okay” genügt, ein “Alles klar!” oder “Die Eingabe war richtig.” Man kann mit einer PIN nur einmal Erfolg haben, dann ist man on.

Es sei denn, der Akku ist leer.

Der Opern-Wendler

Jeder Künstler sollte auch ein bisschen Schauspieler sein. Dergestalt dass man als Publikum das typisch Narzisshafte sogenannter “schöpferischer Persönlichkeiten” nicht gleich merkt.

Nicht so Chworostowski: Ein Bariton ist kein Schauspieler.

Die Leute sollen ruhig wissen:

“Ich bin der größte Sänger aller Zeiten und eure Aufgabe ist, mir zuzujubeln!”

chworostowski

Vielleicht bin ich überempfindlich, aber 130 Euro für einen Saal voller alter Russen, derweil man sich auch für Fußball oder Eiskunstlauf entscheiden könnte, ist – finde ich – ein hoher Preis.

Andererseits: innerhalb eines Publikums zu den jüngsten Rezipienten zu gehören, ist “mir altem Mann” ein seltenes Gefühl – komisch fast.

Loriot als Zugabe: Zwei Reihen vor uns waren anfangs Plätze frei, weshalb sich eine Frau von weit hinten hierhin setzte und hier angezischelt wurde, weil manche Zuschauer plötzlich nicht mehr so gut sahen wie zuvor, als die Plätze leer waren. Eine Zischlerin setzte sich schließlich ebenfalls eine Reihe vor und blieb hier bis zum Ende des ersten Aktes sitzen – als die sich verspätet habenden rechtmäßigen Kartenbesitzer eingelassen wurden. Alles musste schließlich abgewickelt werden.

Hinter uns raschelte eine Chipstüte, Lara bemerkte etwas Knoblauchgeruch und ich tuschelte: “Jetzt fehlt nur, dass ein Handy klingelt.” Den Rest kann man sich denken.

Hinterher sollt ich uns den Abend kommentieren. Wobei mir der Inhalt in den Mund gelegt wurde.

“War es nicht schön, dass wir beide wieder einmal raus gegangen sind?”

Armenisches Radio. Im Prinzip ja, aber …

Würde ein Publikum tatsächlich in ein Konzerthaus gehen, um Musik zu hören, würde es sich vorher die Ohren putzen, nicht die Schuhe.

Englischer Humor

Es ist eine Komödie: Irgendein lustiger Delinquent ist geschnappt und steht unter dem Galgen. Der König gewährt ihm einen letzten Wunsch.

“Ich möchte vor meinem Tod noch unbedingt Chinesisch lernen.”

An jenen Film kann ich mich ansonsten nicht sonderlich erinnern und “Englischer Humor” ist eher eine meiner Vermutungen – @… – JEDENFALLS WILL LARA NUN DEUTSCH LERNEN.

“So richtig lernen”, sagt sie. So mit Lehrer, Unterricht und Hausaufgaben. Und schrieb sich in eine Deutschlern-Kursliste vor MigrantInnen ein.

Das Verplempern von Zeit verlängert das Leben nicht”, sage ich und werde prompt missverstanden.

Nein. Ich halte sie nicht für doof – ich glaube aber, dass dem Menschen eine gewisse Lebenszeit programmiert ist. Erst kommt das Kinderkriegen, dann der Haarausfall, nicht umgedreht. Erst lernt man Sprachen, dann spricht man damit. Was du mit 50 nicht erlernt hast, fällt dir mit 51 schwer.

1, 2, 3 im Sauseschritt
Eilt die Zeit – wir eilen mit.

Derweil ich weiß, wer diesen Wettlauf gewinnen wird: Nämlich die Zeit.

Der Spiegelei-Jibber

“Jibber” ist eine Vokabel aus Sachsen-Anhalter-Mundart. Macherorts, wie in Halle an der Saale beispielsweise, bedeutet “Jibber” unbändigen Appetit auf etwas Konkretes haben.

Wahrscheinlich war es gestern Hunger, der Tribut verlangt, denn PLÖTZLICH HATTE ICH JIBBER AUF SPIEGELEI. Dem gab ich nach.

Obwohl ich mir nur zwei Eier in die Pfanne haute, war mit hinterher so schlecht, als hätte ich zwei Dutzend verzehrt. Absurde Nebenfolgen einer Diät: Man will plötzlich etwas total Unnützes essen, doch gibt man der Sehnsucht nach, wird einem schlecht.

*schäm*

Angewandte Märchen

<jubel>
Heute früh waren es “Siemunsiebzich-Siem”!
</jubel>

Derzeit würde ich auf eine hypothetische Frage nach dem Gegenstand, den ich unbedingt auf eine einsame Insel mitnehmen wollen würde, “eine Waage” antworten. Und bevorzugen würde ich aus dem Club der Waagen unsere kleine, zuvor hässliche und lange Zeit verschmähte Waage, welche einst im Schlafzimmer vor sich hinstaubte.

Sie macht mich glücklich, seit ich ihr den Namen “Mascha” gab.

Eines schönen Tages wollte ich nämlich, dass Mascha meine Freundin wird. Nun – seit sie es ist – gebe ich mir Mühe, sie nicht zu enttäuschen. Wir kommunizieren auf unsere Art. Wenn Lara beispielsweise “soll ich uns Plinsen backen?” vorschlägt, schiebe ich Mascha vor.

“Gern. Was aber wird Mascha dazu sagen?”

In der kurzen Zeit, seit ich der Waage einen Namen gab, verlor ich 7 Kilo. Ohne Stress, und in voller Harmonie mit mir selbst, weil stets darauf bedacht, eine gewisse Mascha nicht zu enttäuschen.

Die Rumpelstilzchen-Methode: Jedes Problem ist lösbar, wenn man es richtig zu benennen vermag.

Kofferunworte

Seit 2011 werden in Deutschland Kofferworte zum „Unwort des Jahres“ gewählt. Was in diesem Jahr ein – so scheint es – relativ einfacher Vorgang war. Irgendwer ist überall fremdenfeindlich, irgendwann wird so etwas ausgesprochen, irgendein Politiker geht damit auf Stimmenfang. Da die Deutschen ihre eigene Sprache nicht sonderlich zu mögen scheinen, wird landein-landab-tagaus-tagunter substantiviert und: Hokus kommt zu Pokus, Koffer zu Wort – schwupps! – schon ist „Sozialtourismus“ Unwort des Jahres.

Wenn man bedenkt, dass sich ein ehrenwertes Gremium hierfür versammelt – dass teure Leute hierfür bezahlt werden – ist es dies Jahr in Tschland wie mit dem berühmten Berg, welcher lange kreißte um schließlich eine Maus zu gebären. Das Unwort „Sozialtourismus“ ist daher nicht das schlimmste deutsche Wort, wohl aber das am leichtesten zu begründende.

High Five – Ihr Gutmenschen!

* * *

Mein deutsches Unwort heißt „Center“. Es gelang dieser Vokabel die wunderschöne Bezeichnung „Promenade“ aus der Sprache zu verdrängen und klingt nach konzentrierter Aktion. „Center“ salviert die neue deutsche Ramschigkeit.

Der Albtraum: Man richtet eine Ladenpromenade im Stadtbezirk Mitte ein und nennt das Ganze „Mitte-Center“.

* * *

Der deutsche Ausdruck, den ich derzeit mag, heißt: „Zeitliches segnen“. Weil hierin die Quintessenz der Religion der Christenheit auf den Punkt gebracht ist.

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