Hallihallo an alle! :)
Nur schnell das übliche Blabla: Wie immer sind alle Figuren und Inhalte der Geschichte meiner Fantasie entsprungen und daher sind eventuelle Übereinstimmungen reiner Zufall. Für Kommentare, Favs und Sterne bin ich natürlich immer Dankbar und sollte euch etwas besonders gut gefallen haben oder eventuell gar nicht, dann zögert nicht es mir zu sagen. Außerdem würde ich mich über eine kleine Spende sehr freuen: http://ko-fi.com/A61177Q :D
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Viele liebe Grüße von eurem Meister Fuchs :3
Kapitel 13: Der Letzte der wahrhaft Starken
Aufgeregt liefen Reiga, Marie, Thomas und die sechs Wölfe den dunklen Tunnel entlang, bis sie schließlich die Höhle erreichten. Reiga hielt den Schutzschild auch weiterhin aufrecht. Nicht nur, weil es vielleicht versteckte Überwachungskameras gab, sondern auch, weil er ihn um eine Art Nachtsichtfunktion erweitert hatte. Immerhin waren die elektrischen Lampen in der Nacht ausgeschaltet und die Höhle damit so dunkel, dass man nicht mal die Hand vor Augen gesehen hätte. „Wow“, kam nur von Thomas, als sie vor dem goldenen Altar stehen blieben und zum riesigen Drachen raufsahen, der aus der Höhlenwand ragte und sie scheinbar anbrüllte. „Ja, das ist schon sehr beeindruckend“, fügte Kiba hinzu.
Während die Anderen alle sich in der Höhle umsahen und den Altar und den Drachen bewunderten, zog Reiga das Buch der Prophezeiungen aus seiner Manteltasche und schlug es auf. Nachdem er zur letzten beschriebenen Seite geblättert hatte, las er vor: „Höre eine Stimme, wo keiner spricht, dann wird sich dir ein Weg offenbaren, wo keiner ist.“ Reiga sah zum steinernen Drachen rauf, während ihn inzwischen alle samt wartend ansahen. Kein Ton war in der Höhle zu hören, doch plötzlich hörten die Wölfe etwas und schließlich auch Reiga. Thomas und Marie jedoch nicht, deswegen fragte Marie: „Also ich hör nichts. Ist das Rätzel doch anders gemeint?“ „Scheint so“, fügte Thomas mit ein, doch daraufhin sah Reiga sie erstaunt an und hakte verwundert nach: „Ihr hört es nicht?“
Als die Beiden ihn nur verwirrt ansahen und dann den Kopf schüttelten, erklärte er: „Es ist eine raunende Stimme. Sie sagt immer wieder: Zeige mir, was du bist, dann zeige ich dir, was ich bin. Hört ihr das wirklich nicht?“ Während Thomas und Marie es erneut verneinten, sagte Kiba: „Wahrscheinlich eine Tonart, die von Menschen nicht gehört werden kann. Das soll wohl sicherstellen, dass es nicht versehentlich von den Falschen gehört werden kann.“ Reiga nickte zustimmend und überlegte eine Weile. „Zeige mir, was du bist, dann zeige ich dir, was ich bin. Was soll das bedeuten?“, fragte Nita, die jüngste Wölfin des Rudels. Während er seinen Mantel auszog und ihn zusammen mit seinem Rucksack Marie gab, antwortete Reiga: „Die Stimme möchte, dass ich mich verwandele. Ich soll ihr zeigen, was ich bin.“
Als er gerade sein schwarzes T-Shirt ausziehen wollte, wandte Kiba jedoch ein: „Damit hast du recht, aber ich glaube nicht, dass du dich in einen Wolf verwandeln sollst. Sonst würde unsere Anwesenheit bereits ausreichen. Ich denke, dass die Aufforderung speziell für den Lougarou gedacht ist, also für den Wolfsmenschen. Zeige ihm, dass du sowohl Mensch als auch Wolf bist.“ Reiga überlegte nicht lange und stimmte Kibas Gedanken zu. Nachdem er sein T-Shirt wieder zurechtgerückt hatte, schloss er seine Augen und ließ die Magie in seinem Körper fließen und die Verwandlung einsetzen. Kurz darauf sah sein Rudel dabei zu, wie aus Reigas Haut das graubraune Wolfsfell spross, seine Beine und Arme länger wurden und sein Kopf sich verformte.
Während die Ohren nach oben wanderten und eine große dreieckige Form annahmen, verschob sich sein Kiefer nach vorn und bildete eine lange Schnauze. Unter leichtem Zucken seines Schweifes nahm auch seine Muskelmasse zu und schließlich zog der Wolfsmensch die Luft durch seine Nase in seine Lungen. Als er wieder ausatmete, entwich Reiga dabei ein zufriedenes Knurren. Thomas und Marie bekamen dadurch eine leichte Gänsehaut. Obwohl sie es schon oft gesehen hatten, war es immer noch sehr beeindruckend und einfach unglaublich. Reiga öffnete seine Augen und ging um den Altar herum, in Richtung Ausgang. Natürlich wollte er die Höhle nicht verlassen, stattdessen drehte er sich nämlich wieder um, sah dem steinernen Drachen in die Augen und sprach: „Ich bin Wolf und ich bin Mensch. Ich bin der Lougarou.“
Plötzlich fing der Boden der Höhle leicht an zu beben. „Was ist denn jetzt los?“, fragte Marie ängstlich, doch ihre Frage wurde durch lautes Rumpeln fast schon übertönt. „Seht mal da!“, rief Thomas erstaunt und zeigte auf die Höhlenwand unterhalb des Drachen. Dort sah man den linken Hinterlauf, der ebenfalls ein Stück aus der Wand herausragte, aber dieser schien sich anzuheben. Langsam bewegte sich der steinerne Drachenfuß nach oben und gab dabei immer mehr eines großen Loches frei. „Das muss dann wohl der Geheimgang sein“, stellte Reiga erstaunt fest. Nach etwa einer Minute hörte das Rumpeln auf und der Fuß kam zum Stillstand. Gute zwei Meter hatte er sich vom Boden abgehoben und damit einen Durchgang preisgegeben. Reiga lief um den Altar herum und zurück zu den Anderen, nahm Marie seine Sachen ab und wollte sich gerade zurückverwandeln, da sagte Kiba: „Warte Reiga, verwandele dich noch nicht zurück.“
Auf den verwunderten Blick seines Leitwolfs, erklärte der Wolf mit den beiden goldenen Ohrringen: „Du kannst einem Drachen nicht als Mensch gegenübertreten. Egal ob Lougarou oder nicht. Er würde wahrscheinlich versuchen dich zu töten. Schließlich haben die Menschen sein Volk ausgerottet. Er wird nicht sehr glücklich darüber sein, Menschen zu sehen.“ Beim letzten Satz hatte sich Kiba Marie und Thomas zugewandt, die ihn nur verwundert ansahen. „Na super. Also schon wieder nicht erwünscht. Das scheint irgendwie zur Gewohnheit zu werden oder?“, meckerte Marie etwas genervt. „Naja schon richtig, aber andererseits auch verständlich. Er hat immerhin sein ganzes Volk durch Menschen verloren“, wandte Thomas mit ein.
„Bleibt einfach immer hinter Reiga und geht nicht zu nah ran. Wenn er die Chance bekommt, wird er wahrscheinlich versuchen euch zu töten“, erklärte Kiba, sah danach wieder zu Reiga rauf und sprach: „Und du solltest dich von ihm nicht einschüchtern lassen. Er wird es bestimmt versuchen und dir keinen Respekt zollen, wenn du zurückweichst. Außerdem ist es wichtig, dass du ihm als erstes mit all deiner Kraft entgegenbrüllst.“ Verwundert fragte Reiga: „Ich soll ihn anbrüllen? Warum das denn?“ Kiba antwortete: „Weil sich Drachen auf diese Art begrüßen. Er wird es dir positiv anrechnen, wenn du ihm wie ein Drache entgegentrittst. Es ist jedoch sehr wichtig, dass du wirklich alles gibst. Brüll mit all deiner Kraft und leg dein ganzes Herz rein. Er würde es als Beleidigung empfinden, wenn du dich dabei irgendwie zurückhältst.“
„Klingt nach Imponiergehabe unter Kerlen“, meinte Marie darauf, doch Kiba konterte direkt: „Nein, darum geht es nicht. Es ist nicht als Einschüchterung oder Machtvergleich gedacht. Es geht darum seinem Gegenüber offen entgegenzutreten und nichts zu verstecken.“ „Okay, habe ich verstanden. Sonst noch was?“, hakte Reiga nach, doch sein felliger Freund schüttelte nur den Kopf. Nach einem kurzen Nicken ging Reiga schließlich voran und betrat den Geheimgang. Er musste sich zwar etwas ducken, aber ansonsten passte er auch als Wolfsmensch hindurch. Alle anderen folgten ihm einfach. Nach nur wenigen Metern wurde der Gang jedoch deutlich größer, sodass Reiga keine Schwierigkeiten mehr hatte.
Nach einer kleinen Weile kamen sie in einen riesigen Raum, der in einem rötlichen Licht erhellt war und scheinbar keinen Boden hatte. Nur an der Wand rundherum gab es einen etwa einen Meter dicken Rand und vor ihnen erstreckte sich eine schmale Brücke aus Stein. Sie reichte bis in das Zentrum der Höhle, wo sich ein großes rundes Felsenplateau befand. Reiga löste den Schutzzauber auf, betrat den steinernen Pfad und sah dabei neugierig nach unten. „Das kann doch nicht wahr sein“, rief er erstaunt. Sein Rudel folgte ihm natürlich und als auch sie runter sahen, wichen einige dann doch nochmal zurück. Ein gutes Stück unterhalb der gerade mal zwei Meter dicken Brücke befand sich ein riesiger See aus brodelnder Lava.
Nur langsam trauten sie sich weiter den schmalen Weg entlang zu laufen. „Wieso leben wir noch? Ich meine, allein die aufsteigende Hitze sollte uns doch schon längst durchgekocht haben“, fragte Thomas verwundert. Kiba sah auch mal runter und entdeckte etwas: „Da ist ein bläulicher Schimmer zu erkennen. Das wird wohl ein Schutzschild sein. Das würde auch erklären, warum die Lava bisher nicht weiter aufgestiegen ist und die Höhle geflutet hat.“ „Seht mal da vorn! Ich glaube, ich sehe den Drachen“, rief Rika plötzlich. Reiga stimmte ihr zu: „Ja, ich sehe ihn auch und scheinbar erwartet er uns bereits.“ Nach wenigen Minuten kamen sie endlich auf dem runden Felsen an und standen vor dem riesigen Lebewesen, das man eindeutig als Drachen bezeichnen konnte.
Reiga und sein Rudel bewunderten ihn einen Augenblick, doch was sie sahen, war nicht wirklich das, was sie erwartet hatten. Der Drache lag auf der Seite und hatte nur seinen Kopf angehoben. Seine graubraunen Schuppen wirkten alt und abgenutzt, seine Flügel schienen schlaff und kraftlos zu sein. Im Großen und Ganzen waren die besten Zeiten dieser Kreatur wohl schon lange her. Obwohl sie nicht wirklich Angst hatten, hörten Thomas und Marie dennoch auf den Rat von Kiba und blieben hinter Reiga, denn der Drache war trotz allem einfach nur riesig. Selbst den Wolfsmenschen könnte er problemlos mit einem Biss verschlingen und auch die gewaltigen Pranken konnten sicherlich einigen Schaden anrichten und einen Menschen wahrscheinlich einfach zerquetschen.
Reiga gab seinen Mantel und Rucksack wieder an Marie ab und ging zwei Schritte näher ran. Der Drache hingegen sagte nichts, tat nichts und bewegte kaum einen Muskel. Nur ein kurzes Blinzeln der großen eisblauen Augen, war von ihm zu sehen. Ohne ein Wort zu verlieren, sammelte Reiga all seine Kraft und zog langsam die Luft in seine großen Lungen. Kurz darauf brüllte er dem Drachen als Wolfsmensch mit allem, was er hatte, entgegen. In der Höhle schallte es ziemlich gut, sodass Reiga für ziemlich viel Krach sorgte. Als er keine Luft mehr hatte, versiegte sein Brüllen und er schloss wieder sein Maul. Der Drache hatte sich auch währenddessen keinen Zentimeter bewegt, doch nachdem Reiga fertig war, erhob er sich plötzlich.
Langsam stellte sich der Drache auf seine vier Beine, breitete seine großen Flügel aus und zog dabei Luft in seine Lungen. Reiga und sein Rudel machten sich bereit, auf das was folgen sollte. Mit aller Kraft stieß die gewaltige Kreatur ihr Brüllen aus und ließ dadurch sogar die Wände der Höhle zittern. Marie und Thomas mussten sich die Ohren zuhalten und wichen einen Schritt zurück. Auch die Wölfe hatten Schwierigkeiten nicht davonzulaufen, Reiga hingegen bewegte sich keinen Zentimeter. Obwohl ihn die Lautstärke natürlich auch etwas überrascht hatte, empfand er keine Furcht oder Unbehagen. Ganz im Gegenteil. Er war glücklich. Allerdings war es nicht nur seine eigene Freude, die er spürte, denn viel mehr war es die Freude des Drachen. Reiga verstand nun, was Kiba mit offen gemeint hatte. Es war, als könne er in die Seele des Drachen blicken.
Nach ein paar Sekunden verstummte das Brüllen und er schloss sein gewaltiges Maul. Thomas, Marie und die Wölfe atmeten erleichtert auf. Eigentlich wollte Thomas ein Wow von sich geben, aber irgendwie hatte er nicht das Gefühl jetzt sprechen zu dürfen. Eine kleine Weile lang herrschte erwartungsvolles Schweigen in der Höhle. Keiner brachte auch nur einen Ton raus, während Reiga und der Drache sich regungslos gegenseitig in die Augen sahen. Irgendwann legte sich der Drache vor ihnen dann doch wieder hin, stieß eine kleine Feuersalbe aus seinen Nüstern und brummte dabei wütend: „Du bist also der auserwählte Lougarou. Wie kannst du es wagen diese verabscheuungswürdigen Kreaturen mit in meine Höhle zu bringen?“ Reiga wich keinen Zentimeter von der Stelle, er rührte noch nicht mal einen Muskel. Marie, Thomas und auch die Wölfe schreckten jedoch etwas zurück.
Als das Feuer kurz darauf schon wieder erloschen war und nur noch ein wenig Rauch aus seinen Nasenlöchern nach oben stieg, antwortete Reiga: „Das ist korrekt und mein Name lautet Reiga. Was die beiden Menschen angeht, bin ich der Meinung, dass ihre äußere Hülle bedeutungslos ist. Was zählt, ist nur das, was sie im Herzen tragen.“ Der Drache knurrte laut auf, was allen Anwesenden bis in die Knochen fuhr und ihnen eine Gänsehaut bescherte. Reiga rührte sich jedoch noch immer nicht. Er wusste, dass er sich nicht fürchten musste. Nicht, weil er unsterblich war, sondern vor allem, weil dieser Drache im Inneren nicht so wütend erschien, wie er versuchte es alle glauben zu lassen. Kurz darauf erwiderte der jedoch mit einem tiefen Grollen: „Das mag so sein und dennoch weckt ihr Anblick in mir ein unbeschreibliches Verlangen danach diese Hüllen zwischen meinen Zähnen zu zerreißen. Meine Schuppen sind alt und kaum mehr zu gebrauchen, doch nun zittern sie vor Erregung. Sie lechzen danach mit Blut getränkt zu werden. Mit dem Blut der Kreaturen, die mein Volk ausgerottet haben!“
Mit den letzten Worten erhob sich der Drache und stürmte auf Thomas und Marie zu, die beide etwa zwei Meter entfernt hinter Reiga standen und sofort weiche Knie bekamen. Reiga streckte seine beiden befellten Arme nach links und rechts aus und konterte: „Dann musst du zuerst mich töten!“ Der Drache stürmte weiter auf ihn zu und legte die knappen 40 Meter mit nur zwei schnellen Schritten zurück. Als er jedoch sah, dass Reiga keine Anstalten machte, sich wegzubewegen oder sich zu verteidigen, blieb er direkt vor dem Lougarou stehen, öffnete sein Maul und tat so, als ob er den Wolfsmenschen zerbeißen wollte. Mit ausgestreckten Armen und erhobenem Kopf, rührte sich Reiga dennoch nicht. Als dann auch noch Reigas Oberkörper praktisch schon im Maul des Drachen war und dieser es nur noch schließen musste, um den Wolfsmenschen in zwei Hälften zu beißen, konnten sich Marie und Kiba nicht mehr zurückhalten und brüllten entsetzt: „NEIN! Reiga!“
Der Drache spürte die Entschlossenheit des Lougarou und da Reiga auch weiterhin keinen Muskel rührte, stoppte er schließlich, als seine Zähne kurz davor waren Reigas Körper zu berühren. Nachdem der Drache seinen Kopf wieder angehoben hatte und einen Schritt zurückgetreten war, fragte er brummend: „Warum? Warum wirfst du dein Leben für diese Kreaturen weg?“ Reiga ließ seine Arme sinken und antwortete dabei: „Weil sie meine Freunde sind.“ Der Drache ging noch einen Schritt zurück, legte sich wieder hin und hakte dabei nochmal nach: „Ist das alles?“ „Es ist genug“, konterte Reiga direkt, fügte aber noch hinzu: „Außerdem hätte ich mein Leben nicht weggeworfen. Der Zauber, wodurch der Lougarou erschaffen wurde, hält mich am Leben. Egal was du mit mir angestellt hättest, ich wäre nicht gestorben.“
Der Drache verzog keine Miene. Er schien nicht mal überrascht zu sein. Nach ein paar Sekunden fragte er: „Weißt du warum, mein Volk einst als das Stärkste im Universum bezeichnet wurde?“ Wortlos schüttelte Reiga nur den Kopf. Der Drache erklärte: „Mein Volk wurde nicht als das Stärkste bezeichnet, weil wir zu den größten Kreaturen zählten oder wegen unserer enormen Körperkraft, sondern vor allem, weil wir wussten was Demut bedeutet. Wir wussten, was es hieß „wahrhaft“ stark zu sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass du dich mächtig fühlst, vielleicht sogar für unbesiegbar hältst, aber lass mich dir eines sagen: Es gibt auch jetzt noch unzählige Wege dich zu verletzen, zu besiegen und zu vernichten.“
Reiga wusste, worauf er hinauswollte und konnte ihn sogar gut verstehen. Irgendwie war er mit diesem Drachen verbunden und je mehr er ihm zuhörte, desto neugieriger wurde Reiga. Es interessierte ihn sehr, was dieser Drache zu erzählen hatte, daher sprach er: „Ich halte mich nicht für unbesiegbar und weiß um meine Verletzbarkeit, jedoch muss ich gleichzeitig zugeben, dass ich meine Macht genieße und das macht mir Angst. Ich muss ebenfalls zugeben, dass mich die Lebensweise der Drachen sehr interessiert. Bitte erzähl mir mehr über die Demut und die wahre Stärke eines Drachen.“ Zum ersten Mal zeigte der riesige Drache ein leichtes Lächeln.
Nach einem kurzen Nicken fing er an zu erzählen: „Macht kann eine gefährliche Droge sein, aber solange du dich und deine „Freunde“ nicht vergisst, ist es nur natürlich, dass es dir etwas gefällt. Um jedoch wahre Stärke zu erlangen, musst du zuerst wahre Demut kennenlernen. Wahre Demut bezeugt sich in der Bewunderung für die Welt und in der Dankbarkeit, dass wir in ihr Leben dürfen. Sie kommt mit der Erkenntnis, dass wir trotz allem, was wir erreichen können, dennoch klein und unwichtig bleiben. Sie macht bewusst, wie unbedeutend wir einerseits sind und wie gefährlich wir andererseits sein können, wenn wir die Verantwortung für unser Handeln ablehnen. Überheblichkeit, Arroganz und Unmaß sind Merkmale eines Wesens, welchem es an Demut fehlt. Sie wirken in jeder Handlung mit und beeinflussen, unscheinbar im Kleinen und wirkungsvoll im Großen, dein Leben in dieser Welt.“
Reiga lächelte. Jedes Wort hatte er gehört und jedes davon verstanden. Nach einem Augenblick erwiderte er: „Ich danke dir. In deinen Worten steckt viel Wahrheit und noch mehr Weisheit. Ich werde sie nicht vergessen.“ Der Drache lachte. Auf die verwunderten Blicke erklärte er: „Junger Lougarou nimm die Worte eines alten Drachen nicht all zu ernst. Natürlich hatte ich in der letzten Zeit viel Gelegenheit zum Nachdenken und kann dementsprechend einiges an Wissen und Weisheit vorweisen, jedoch rate ich dir vor allem deinen eigenen Geist zu schulen. Denke selber nach, ergründe deine eigenen Meinungen, Werte und Ansichten und vertritt sie mit allem was du hast. Was mich interessieren würde ist, seit wann du ein Lougarou bist. Wie lange lebst du nun schon bei den Kindern der Natur?“
Reiga sah ihn etwas verwirrt an, da er nicht wirklich wusste, wen der Drache meinte. Kiba dachte sich das bereits, trat an seine Seite und erklärte: „Er meint uns Wölfe. Kinder der Natur ist ein alter Name für uns Wölfe.“ „Ach so“, erwiderte Reiga darauf und nickte dabei seinem felligen Freund dankend zu. Danach wandte er sich wieder dem Drachen zu und antwortete: „Ich habe vor etwas mehr als einem Monat davon erfahren, dass ich ein Lougarou bin und vor fünf Tagen habe ich meine Vorgängerin, Meisterin Elesmera, abgelöst.“ Nun wirkte der Drache doch etwas überrascht: „Dann bist du wahrlich noch ein sehr junger Lougarou. Du stehst gerade mal am Anfang deiner Aufgabe und dennoch bist du bereits hier in meiner Höhle. Wie kommt es dazu? Wie hast du mich gefunden?“
Reiga entspannte sich und ließ die Verwandlung abklingen. Langsam verwandelte er sich zurück in seine menschliche Gestalt und musste dabei feststellen, dass es sich seltsam anfühlte. Es war das erste Mal, dass er so lange in der Form des Wolfsmenschen geblieben war und irgendwie hatte er sich in dieser Zeit daran gewöhnt. Nun wieder zum Mensch zu werden, fühlte sich daher irgendwie komisch an. Als die Verwandlung abgeschlossen war, nahm er Marie seinen Mantel ab und holte das Buch aus einer der Taschen. „In einer Prophezeiung aus diesem Buch wurde ich dazu aufgefordert, nach dir zu suchen. Warum, weiß ich allerdings selbst nicht“, antwortete Reiga schließlich und hielt dem Drachen das Buch hoch, sodass er es sehen konnte.
„Das Buch der Prophezeiungen geschaffen vom Wolf Sewati. Es ist lange her, seitdem ich es das letzte Mal gesehen habe. Neben dem Schwert der Unendlichkeit, das wir aus den drei heiligen Schätzen geschaffen haben, ist es das bisher mächtigste magische Artefakt“, stellte der Drache fest, was Reiga doch etwas überraschte: „Du kennst das Buch bereits? Das überrascht mich jetzt etwas, aber gleichzeitig fällt mir auch ein, dass du uns noch gar nicht deinen Namen verraten hast.“ Nach einem kurzen Nicken erklärte die riesige Kreatur vor ihnen: „Man nannte mich Alossakosseros.“ „Alos-akos-eros?“, versuchte Reiga zu sagen, doch der Drache schüttelte kurz den Kopf und wiederholte seinen Namen etwas langsamer und besser betont: „Alos-sakos-seros. Du kannst mich auch einfach nur Alos nennen.“
„Okay, danke. Wann hast du das Buch denn zum letzten Mal gesehen?“, erkundigte sich Reiga neugierig. Alos fragte daraufhin: „Ich habe sehr lange geschlafen und habe auch schon lange mit keinem mehr gesprochen. Wie viele Kali ist denn die Ankunft inzwischen her?“ Natürlich sah ihn Reiga und auch der Rest des Rudels ziemlich verwirrt an. Da Kiba aber schon damit gerechnet hatte, erklärte er es direkt, als Reiga ihn fragend ansah: „Kali ist die Abkürzung von Kalisa. Es ist ein Wort aus der Drachensprache und bedeutet grob übersetzt silberner Berg. Damit ist der Vollmond gemeint. Die Drachen rechnen nämlich ebenfalls mit Monden, haben allerdings noch eine zusätzliche größere Mengenangabe und zwar die Kailos. Ein Kailos sind 1000 Kalisa, also 1000 Vollmonde.“ Kiba wandte sich dem Drachen zu und antwortete auf dessen Frage: „Die Ankunft ist mittlerweile 221,9 Kailos her oder genauer gesagt 221.965 Kali.“
Marie konnte sich nicht länger zurückhalten: „Da komm ich jetzt nicht mehr mit.“ Während der Drache kurz die Zähne zeigte und knurrte, erwiderte Kiba: „Ich erkläre es euch nachher nochmal.“ Nach einigen schweigsamen Sekunden sprach Alos: „Wie auch immer. Scheinbar habe ich fast 7900 Kali lang geschlafen.“ Reiga musste kurz überlegen, ob er noch mitkam und rechnete dabei auch nach. Als er sich halbwegs sicher war, stellte er geschockt fest: „Das sind ja über 600 Jahre!“ Er sah fragend zu Kiba runter, der nur wortlos nickte. Der Drache hingegen erklärte: „Wir Drachen können unsere Körperfunktionen soweit runterfahren, dass wir in einen tiefen Schlaf fallen und so nahezu endlos lange leben können. Wir altern in dieser Zeit auch kaum. Etwa 15 Kali bevor ich mich schlafengelegt habe, war ein Lougarou bei mir. Sie hatte das Buch dabei und war auf der Suche nach dem Schwert.“
Reiga fragte erstaunt: „Was hast du ihr gesagt? Wusstest du damals wo es ist?“ Der Drache schüttelte verneinend den Kopf und antwortete: „Nein nicht genau. Ich sagte ihr, dass ich es zuletzt in den Händen eines jungen Menschen gesehen hatte. Meines Wissens nach, wurde er dadurch zu einem mächtigen Kämpfer und eroberte zahlreiche Königreiche der Menschen. Ich gehe mal davon aus, dass ihr es noch nicht gefunden habt und deswegen nun wieder hier bei mir seid oder?“ „Wir haben es leider noch nicht gefunden. Kannst du uns denn irgendwie helfen?“, erkundigte sich Reiga hoffnungsvoll. Alos entgegnete jedoch erneut: „Nein, tut mir leid. Ich fürchte, ich kann dir damit nicht weiterhelfen. Ich weiß, dass es deine Aufgabe nicht gerade leichter macht, erst noch das Schwert finden zu müssen, aber ich möchte dir etwas Anderes anbieten und dich gleichzeitig um einen Gefallen bitten.“
Etwas verwundert nickte Reiga nur. Der Drache sprach plötzlich ein paar Worte in einer anderen Sprache und kurz darauf erschien vor Reiga ein goldener Gegenstand samt Kette. „Ein Amulett?“, fragte er erstaunt nach und pflückte es dabei praktisch aus der Luft. Es war ein rundes Amulett aus Gold mit einem Durchmesser von ca. 7cm und etwa 1cm dick. Viel interessanter fand Reiga jedoch die Vorderseite. Zwölf ovale graue Edelsteine waren rund herum am Rand eingelassen. In der Mitte befand sich ein riesiger roter Rubin in Form einer Flamme. Auf der Rückseite entdeckte er einen kleinen Text in einer merkwürdig klingenden Sprache. Als Kiba zu ihm aufsah und den roten Edelstein entdeckte, fragte er geschockt: „Ist das etwa ein Feuerrubin?!“
(c) by Meister Fuchs (Micki the Fox)
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