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Derweil starrte der Drache unentwegt in die Richtung, aus der er gekommen war sowie in die Richtung, in der der Mann verschwunden war. Nach seinem Geschmack brauchte er viel zu lange, um wieder zu kommen, allerdings vergaß Askatrash immer wieder gerne, dass Menschen nicht die Fähigkeit des Fliegens besaßen und die Entfernungen in den Bergen gerne etwas größer sein konnten. Er versuchte, durch das Fenster irgendwas im Inneren des Raumes erkennen zu können, aber außer, dass sein Schatz immer noch auf dem Tisch lag und sich die Alte um ihn kümmerte, konnte er nicht ausmachen. Zwei weitere Personen gingen auf und ab, verschwanden im hinteren Teil und in anderen Räumen, aber das half ihm auch nicht weiter. Zu gerne würde er wissen, wie es ihr ging, würde gerne hören, dass die Wunden doch nicht so schlimm waren und sie bald wieder fit sein würde, doch er wusste es besser. Das waren keine Wunden, die eben mal heilten oder harmlos waren, er hatte ja gesehen, wie die Banditen sie zugerichtet hatten.
Immer wieder wurde sie ausgepeitscht, geschlagen, vergewaltigt und wurde auf alle erdenklichen Arten erniedrigt. Fünf Tage lang musste er es sich anschauen, bis er sich sicher war, dass er es schaffen konnte. Fünf lange Tage, in denen sein Schatz litt. Jeder Andere wäre ihm absolut egal gewesen, aber nicht sie. Dabei mochte sie ihn gar nicht mal so, das letzte Treffen der Beiden war eigentlich ein Abschied für immer gewesen, zu Wohle beider. Und dennoch hatte das Schicksal ihn hierhergebracht, mit ihr halb tot.
Er fauchte zornig über die Unfähigkeit, etwas zu tun. Irgendwas musste er doch tun können, er war ja schließlich kaum verletzt; jedenfalls seiner Meinung nach. So versuchte er, langsam wieder auf die Beine zu kommen. Er drehte sich auf den Bauch und versuchte, aufzustehen. Ein gleißender Schmerz zog durch seine rechte Brusthälfte und ließ es nicht zu, dass er auch nur etwas Gewicht auf dem rechten Vorderbein ablegen konnte. Offensichtlich war die Wunde deutlich tiefer und schlimmer, als er es während der Flucht gespürt hatte. Mit einem Male kamen auch die Schmerzen der anderen Wunden wieder. Das Brennen, das Ziehen der Schnittwunden und der Pfeile, welche noch in seiner Muskulatur steckten. Doch es war nichts, was ihn davon abhielt, auf den Beinen zu stehen. Jedenfalls auf dreien, denn das Rechte hob er an, um den Muskel nicht weiter zu belasten. Falls jetzt jemand kommen würde, er würde bis zu seinem Tod kämpfen, nur um seinen Schatz vor weiterer Folter und Leid zu schützen.
Dann hörte er Schritte und wand den Kopf in die Richtung, in welche auch der Mann verschwunden war. Ein Grollen kam ganz instinktiv aus seiner Kehle, Flammen zügelten entlang seiner Lefzen und der Blick fokussierte auf das Licht einer Fackel.

„Ganz ruhig, Großer. Ich bin es nur.“ sprach der Bauer, ging aus Respekt und auch aus Furcht, aber langsamer auf den Drachen zu. „Ich habe Elvira geholt, jetzt können wir deiner Freundin helfen.“ Die Flammen erloschen und Askatrash wirkte nicht mehr so ganz aggressiv, war allerdings dennoch nicht so ganz einzuschätzen.

Dies hielt jedoch ganz offensichtlich die Frau nicht davon ab, auf das Reptil zuzugehen. Sie schien keine Angst zu haben, oder ließ es sich zumindest nicht anmerken. „Alles gut, Drache. Ich komme in Frieden. Ich bin Elvira, die Heilerin hier dieses Dorfes und Gustas hier hat mich geholt, um nach deiner Freundin zu schauen. Sieh her, ich habe hier einige Salben, Kräuter, Tränke. Ich werde sie heilen, das verspreche ich dir.“ Sie war nun so nahe, dass er erkennen konnte, dass es eine ältere Frau war, welche lange, zu einem Zopf gebundene, rote Haare hatte. In ihren Händen trug sie einen schweren Beutel, den sie vor ihm geöffnet hatte. Allerlei Keramikschalen und Glasgefäße befanden sich da drin und Askatrash fragte sich, woher sie die Kraft nahm, so viel zu schleppen. „Vertraust du uns nun?“

Er starrte sie an und musterte sie strengt. „Ich traue hier keinem weiter als meine Flamme reicht. Sollte ich auch nur die leisesten Zweifel haben, dass Ihr ihr etwas antut, was nicht notwendig ist, zünde ich hier alles an.“

Trotz der Drohung legte Elvira dem Männchen die Hand auf die Wange. „Du machst dir große Sorgen um sie. Ich weiß nicht, was ihr beide durchgemacht habt, aber ich kann mich nur wiederholen: Euch Beiden wird hier niemand etwas antun. Wenn ich sie versorgt habe, werde ich mich um dich kümmern, das verspreche ich.“ Seine Wunde über dem Auge und die Schonhaltung waren ihr auch im schwachen Licht der Fackel nicht entgangen. Zudem hatte Gustas ihr alles erzählt, dunkel konnte sie erahnen, was sie erwartete. Ihre anfänglichen Hoffnungen, dass es doch nicht so schlimm sein würde, hatten sich spätestens durch den Anblick eines verletzten Permangdrachen in nichts aufgelöst. „Willst du mich nun zu ihr lassen oder hast du noch Fragen?“ Ruhig stand sie vor ihm, zeigte keine Angst, was Gustas zu einem skeptischen Blick bewegte. Wie konnte man so ruhig mit so einem gefährlichen Wesen reden, das ohne Zögern den Hof in Schutt und Asche legen würde?

„Nein. Geht und macht eure Aufgabe. Macht sie aber gut.“ Er wollte ihr ja schon irgendwie trauen, aber es fiel dem Drachen sehr schwer, aktuell irgendeinem Menschen auch nur ansatzweise zu trauen. Er mochte die Zweibeiner generell nicht wirklich und schon gar nicht in der Situation. Schwäche zeigen wollte er allerdings auch nicht, daher starrte er die Frau nur durchdringend an bis sie im Haus verschwunden war. Sofort humpelte er an das Fenster und blickte strengt herein. Zu seinem Erstaunen öffnete die Tochter dieses ohne zu zögern, sie lächelte ihn sogar an.

„So. Du, du und du – weg.“ sprach Elvira im Haus zu den beiden Männern und der Tochter. „Mehr als eure Mutter kann ich hier jetzt nicht gebrauchen.“ Ihr sanftes Auftreten war komplett gewichen, kaum war sie zur Türschwelle rein, hatte sie die Leitung über die Situation angenommen. Niemand traute sich, zu widersprechen und so gingen alle zu Askatrash vor die Tür, welcher die unerwartete Gesellschaft sehr skeptisch beäugte. „Also, was haben wir hier?“ Die Mutter lüpfte das Tuch, unter welchem Renia lag und zeigte ihr den Rücken; ein Nicken folgte. „Einige Stellen werde ich nähen müssen, da haben sie stark zugeschlagen und Fleisch entfernt. Bei den anderen reicht eine Salbe.“ Sie kramte in ihrer Tasche, holte Bindfaden, Nadel und ein Keramikgefäß heraus, welche sie neben sich stellte. „Allerdings will ich vorher noch kurz die Wunden mit Weingeist reinigen, das verhindert, dass sie sich entzünden.“ Ein weiteres Fläschchen wurde dazugestellt und ein mit Leder ummanteltes Stück Holz Kylatrin mit ernstem Blick in die Hand gedrückt.

Die Mutter nickte und schaute zu Renia, welche zitternd den Blick erwiderte. Beide waren sich im Klaren darüber, dass das, was jetzt kam, sehr schmerzhaft würde. „Beiß‘ hier drauf, wir machen es so schnell wie wir es können.“ Die Verletzte nickte schwach, tat dann aber wie ihr genießen wurde. Verzweifelt versuchte sie, die Hände in Richtung der Bäuerin zu strecken, es gelang ihr aber kaum. Dennoch verstand diese das Signal, schluckte kurz und streckte dann ihre Hände in die entsprechende Richtung. „Krall dich so fest du willst, ich halte das schon aus.“ //Schlimmer als bei einer schwierigen Geburt kann es schon nicht werden.// Renias Augen waren jetzt schon voller Tränen und sie zitterte nicht nur wegen der Kälte. „Alles wird gut.“ Sie hatte selber Probleme damit, die Tränen zurück zu halten, wusste sie doch, was jetzt kam.

Unbeirrt von den Gefühlen träufelte Elvira die farblose Substanz auf ein Tuch bis dieses gut gefüllt war, dann sprach sie: „Es wird jetzt brennen, beiß fest zu!“ Ein letzter Blick zu ihrer Assistentin und sie drückte das Tuch fest auf den Rücken der jungen Frau.

Renia verbiss sich schreiend auf dem Holzstück, ihre Finger bohrten sich tief in das Fleisch und ihr Rücken verkrümmte sich in einer Weise, wie es niemand im Raum für möglich gehalten hatte. Verzweifelte Blicke durchbohrten die Mutter, flehten sie an, mit dieser unsagbaren Tortur aufzuhören, wohl wissend, dass dies nicht möglich war. Der ganze Rücken brannte wie Feuer und die Erinnerungen an die Folter kamen zurück. Tränen flossen ihre Wangen herunter und sie wand sich wie ein Fisch an Land gegen diese Schmerzen. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als richtig bewusstlos zu werden, damit sie dies nicht mehr ertragen musste.
Als sie sich beruhigt hatte, begann die Heilerin sogleich, weiter die Wunden zu reinigen, was zu weiteren, sehr heftigen Schmerzen führte. Die junge Frau schlug und trat um sich, bäumte sich auf, jeder Muskel in ihrem Rücken verkrampfte, doch es half alles nichts. Eine einzige Landschaft aus purem Feuer befand sich auf ihrem Rücken, nein, der Rücken war die Landschaft. Hätte jemand darauf getippt, jeder hätte gesagt, dass ihr die Gnade der Bewusstlosigkeit zuteilwerden würde, doch dem war nicht so. Renia bekam immer noch mit, was mit ihr gemacht wurde, dass etwas um sie herum vorging. Nur sie konnte nicht sagen, was es war. Anfangs hatte sie sich noch so tief in die Arme der Gastmutter geschlagen, dass diese bluteten, doch mittlerweile fehlten ihr jegliche Kräfte hierfür. Apathisch lag sie auf dem Bauch, die Augen tränengefüllt irgendwo in die Ferne starrend.

„So… Die Wunden sind jetzt sauber, die sollten sich nun nicht mehr entzünden. Das bedeutet, dass du kein Fieber bekommen wirst, Kleine.“ Elvira und Kylatrin streichelten beide sanft über eine Stelle an ihrem Körper, welche kaum bis gar nicht von ihren Peinigern geschunden wurde. Renia zuckte zusammen, offenbar war sie es nicht mehr gewöhnt, dass sie angefasst wurde, ohne dass man ihr Schmerzen zufügen wollte. „Das machst du sehr gut, du bist eine tapfere Kriegerin… Ich werde jetzt deinen Rücken zusammenflicken, dann kommt noch eine dicke Schicht einer Heilsalbe drauf, dann gibt es noch kurz etwas zur Stärkung zu trinken und dann darfst du auch schon ins Bett, dich erholen.“

Mit geschickter Hand nähte Elvira die Wunden und schloss so die größten unter ihnen. Obwohl es ebenfalls sehr schmerzhaft war, regte Renia sich kaum noch, sie blieb so apathisch wie direkt nach der Wundreinigung. „Das hätten wir. Erwarte aber bitte keine Wunder, das wird einige sehr hässliche Narben geben, egal wie gut ich dich wieder zusammenflicke.“ Nadel und der restliche Faden wurden zur Seite gelegt, dann griff die Rothaarige zu der Keramikdose, in welcher sich eine farblose Salbe befand. „Normalerweise brennt das jetzt kaum noch, manche sagen, es hätte sogar eine schmerzlindernde Wirkung.“ Vorsichtig wurde die Salbe dick aufgetragen und sanft einmassiert. Tatsächlich zuckte die junge Frau nur einmal kurz auf, was vermutlich daran lag, dass die Salbe doch recht kalt war. Je mehr davon aufgetragen wurde, desto stärker schien sich der Rücken zu entspannen und je mehr der Rücken entspannte, desto entspannter wurde auch der restliche Körper. „Ja, bei dir hat es wohl die Wirkung… Etwas Ausgleich dazu, dass ich mir leider kein Morphium leisten kann. – So, jetzt brauche ich doch wieder ein paar starke Hände, die mir helfen, sie ins Bett zu bringen.“

Mit diesem Wort kamen der Ehemann sowie seine beiden Kinder in die Stube, ganz froh darum, nicht mehr neben einem verletzten Drachen zu stehen müssen, der in Angst um seine Freundin kaum ruhig bleiben konnte.
Trotz seiner Wunden peitschte der Schwanz kräftig und Askatrash hibbelte hin und her. Mit jedem Schrei, jedem Wimmern seiner Renia wurde er unruhiger, begann zu knurren und musste sich selbst kräftig zurückhalten, jetzt nicht durch die Wand in den Raum zu springen. Er wusste, dass sie ihr ja nur helfen wollten, aber er hatte ihr auch versprochen, dass sie keine Schmerzen mehr erleiden musste. Und nun lag sie dort auf dem Küchentisch und hatte so laut wie bei der Folter geschrien. Es war kaum auszuhalten gewesen.

„Jetzt tragen wir sie vorsichtig in ihr Zimmer, setzen sie auf der Bettkante auf, dann gebe ich ihr noch kurz eine Medizin zur Stärkung und dann legen wir sie hin.“ bemerkte Elvira und nickte den Anderen zu. Diese taten wie befohlen, Vater und Sohn trugen sie unter den Achseln während Mutter und Tochter die Beine nahmen. Dass die Verletzte komplett nackt war und jeder alles sehen konnte, interessierte niemanden außer Askatrash, welcher in diesem Moment noch energischer vor dem Fenster auf und abging, irgendwie versuchend, diese Peinlichkeit von ihr zu nehmen.
In der kleinen Kammer, in welcher außer dem Bett und einer Kommode mit Waschschale und dazugehörigen Kanne nichts stand, wurde Renia auf ihre Bettkante gesetzt. Elvira musterte sie im schwachen Schein einer Kerze und machte einige Tests mit ihr. „Gut, ihre Augen folgen mir und sie versucht wohl auch irgendwie Kontakt mit mir aufzunehmen, jedenfalls habe ich nicht das Gefühl, dass sie ins Leere starrt.“ Sie öffnete eine kleine Flasche mit einer braunen Flüssigkeit. „Also, Hübsches. Das Zeug schmeckt eklig, aber es wird dir helfen, schneller wieder auf die Beine zu kommen. Es wird in den nächsten Tagen auch den Appetit anregen, damit du uns auch wieder an Masse zulegst.“ Ein schwaches, aber sichtbares Nicken von Renias Seite aus kam. „Das ist, was ich sehen wollte.“ Dann legte Elvira die Flasche an die Lippen der jungen Frau und ließ die Flüssigkeit darin in den Mund laufen. Zu ihrer Überraschung wurden die ersten Tropfen nicht ausgespuckt, im Gegenteil, es schien als würde das Getränk bereitwillig aufgenommen werden. „Ja, das machst du sehr gut. Alles trinken, dann bekommst du gleich auch noch frisches Wasser zum Nachspülen.“
Kein Tropfen ging daneben, allerdings zeigte der Gesichtsausdruck dann doch eine deutliche Abneigung gegenüber dem Medikament. „Du kommst langsam wieder zu dir, das freut mich. Hier, das versprochene Wasser.“ Die Mutter hatte direkt nach dem Absetzen die Gruppe verlassen, um eine Kanne Wasser sowie einen geeigneten Becher zu holen, sodass die Heilerin Renia nun vorsichtig das Wasser anreichen konnte. Schwach, aber sehr begierig trank diese jeden Schluck. „Du musst sehr durstig sein. Hier, trink noch einen Becher.“ Kaum war der erste leer, wurde er erneut gefüllt und ihr wieder angereicht. „Gut, das reicht erstmal. Wir wollen deinen Magen ja auch nicht gleich belasten.“

Das Mittel wirkte schnell, auch wenn nicht klar war, ob dies ein Effekt des Trankes war oder schlicht die Summe der Behandlungen, welche Renia erhielt. Zwar hatte sie immer noch keine Kräfte, um auch nur ansatzweise mitzuhelfen, in das Bett gelegt zu werden, aber sie begann zu realisieren, was mit ihr passierte. Außer den Schmerzen spürte sie nun aktiv die Kälte, sie spürte aber auch die Scham, der hochkam, als sie bemerkte, wer alles sie nackt sah. Doch selbst wenn sie sich jetzt äußern könnte, sie würde es vermutlich nicht tun. Dazu war die Dankbarkeit über die Hilfe dieser Menschen, welche sie nicht kannte, dann doch zu groß. So ließ sie sich sanft von der Mutter auf die Seite legen, den Kopf von einem Kissen gestützt, und vorsichtig die Decke über den Körper ziehen. Es wirkte alles noch sehr unreal und die Verletzte konnte noch nicht so ganz realisieren, dass das wirklich passierte, auch wenn der Schmerz der Behandlung und die sanften Berührungen sich schon sehr real angefühlt hatten.
Als dann alle bis auf Elvira und Kylatrin den Raum verlassen hatten, lächelte Renia zum ersten Mal seit Wochen. Die Schmerzen konnten ihre Freude darüber, gerettet zu sein, nicht zerstören und das sanfte Streicheln der Wange tat so gut. Wenn jetzt noch dieser verdammte Drache da wäre, es wäre perfekt. Und mit diesem Wissen verließen sie die Kräfte endgültig und sie fiel in einen tiefen Schlaf.

Unterdessen konnte ein Drache vor Ort gar nicht an Schlaf denken. Sein Herz schlug schnell und er war noch nervöser als zuvor, was auch an dem Fakt lag, dass er seinen Schatz nicht mehr sehen konnte. Zwar wollte er der Heilerin und den anderen Menschen vertrauen, doch hatte er gesehen, wie sich die Frau auf dem Tisch vor Schmerzen gekrümmt hatte, wie sie geschrien hatte, das Mundstück schier zerbiss. Konnte man es da ihm wirklich übel nehmen, dass er den Menschen nicht so vertraute? Seine Route, die er auf und ab ging, führte ihn mittlerweile an der ganzen Hauswand entlang, er versuchte verzweifelt irgendwie einen Blick ins Innere zu bekommen, irgendwie herauszufinden, wie es Renia ging. Dass er Stunden, wenn nicht sogar Tage warten werden müsste, um eine Antwort auf seine Fragen zu bekommen, daran wollte er in diesem Moment gar nicht denken. Konnte er auch nicht, so gefangen war er im Hier und Jetzt. Trotz seiner Angst, seiner Panik um sie, war er wachsam auf jedes Zeichen, jedes Geräusch, welches nicht aus dem Haus kam. Sei es nur das Rauschen des Waldes im Wind oder ein Stein, der von ihm gelöst wurde und ins Tal fiel. Er zuckte zusammen, fuhr mit dem Kopf umher und suchte nervös den Waldrand ab.

„Du machst dir große Sorgen um sie, nicht wahr?“ Askatrash zuckte zusammen, sprang so gut es ging auf und blickte in das durch Wind und Wetter geformte Gesicht der Heilerin. Sie sah älter aus als sie vermutlich war, vielleicht kam es aber auch nur von den harten Schatten, die die Laterne in ihrer Hand warfen. Als Antwort erhielt sie lediglich ein Nicken. „Keine Sorge, sie ist hier in guten Händen. Sie wird schon bald wieder stark sein.“ Es fiel ihr nicht leicht, ihre eigene Unsicherheit ob des Gesagten vor der Feuerechse zu bewahren.

Der Drache begann zu zittern und seine Augen füllten sich mit Tränen. Lange konnte er seine Angst nicht mehr vor den Menschen zurückhalten, auch wenn er eigentlich nicht wollte, dass sie ihn in einem solch schwachen Moment erlebten. „Könnt ihr mir das versprechen? Bitte…“ flehte er und schloss die Augen, als sie vorsichtig ihre Hand auf seine Wange legte. Zwei Geister rangen in ihr um die Vorherrschaft über das zu sagende und es kostete Kraft, sich dies nicht anmerken zu lassen.

Nach einer langen Pause, in der sie sich auf die Lippen biss und den Blick von ihm abwand, antwortete sie: „Sie wird wieder gesund werden, ich verspreche es.“ Es tat ihr weh, den Drachen zu belügen und sie wusste, welche Risiken sie damit auf sich und die Familie brachte, doch sie wusste auch, dass es vielleicht der einzige Faden war, der ihn noch in diesem Leben hielt. Und offensichtlich war auch er einer der wenigen Fäden, die noch sie am Leben hielten. „Darf ich mich um deine Wunden kümmern?“

„Danke…“ antwortete er schwach und man konnte sich nicht sicher sein, ob er nicht genau wie sie wusste, dass dieses Versprechen eine Lüge war. Vielleicht war es aber auch eine Lüge, die er selber jetzt hören wollte, um sich Mut anzueignen. „Ja… Macht, was ihr machen müsst.“ Er hatte keine Kraft mehr, sich gegen irgendwas aufzulehnen oder irgendwie noch das starke Männchen zu spielen. So legte er sich auf die linke Seite, sodass sie seine Wunden versorgen konnte.

„Es wird weh tun, ich muss sicher gehen, dass die Reste der Pfeile aus deinem Körper geschnitten werden.“ erklärte die Heilerin ihm und stellte die Laterne neben ihm auf den Boden. „Und ich muss gestehen, dass dies wirklich nicht die beste Zeit ist, um es zu machen, etwas mehr Licht kann nicht schaden. Aber es muss gemacht werden.“ Beide hatten nicht bemerkt, dass sich der Vater mit seinem Sohn aus dem Haus begeben haben und nun nach Elvira und dem Drachen blickten. Glücklicherweise brachten sie Fackeln mit.

„Können wir irgendwas für dich tun mehr als Licht spenden?“ fragte der Ältere zögerlich. Beide Männer hatten immer noch eine ordentliche Portion Respekt vor dem Drachen, der auch in dieser Form immer noch das Haus in Flammen aufgehen lassen könnte. Auch wenn er es jetzt wohl nicht tun würde, da ja sich Renia im Inneren befand, welche er um alle Umstände retten wollte. Wie konnte da die Heilerin nur so ruhig bleiben?

Elvira schüttelte nur den Kopf. „Haltet die Fackeln so nah, dass ich möglichst viel sehe, aber bitte verbrennt mich nicht. Um ihn müsst ihr euch da wenig Gedanken machen, Drachen sind ziemlich feuerresistent. Aber dennoch solltet ihr ihn nicht berühren. Und etwas Wasser zum Reinigen der Wunden wäre auch bei ihm nicht verkehrt.“ Der Vater deutete seinem Sohn mit einer klaren Kopfbewegung, dass dieser mit der Bemerkung gemeint war. Der Angesprochene nickte, drückte seinem Vater die zweite Fackel in die Hand und verschwand in Richtung des Hauses. Kurz musste Elvira Gustas erklären, wie er am besten die Fackeln positionierte und wie er zu stehen hatte, doch dann war alles soweit, dass Askatrash operiert werden konnte. „Und du… Du versuchst so still und ruhig zu sein, wie du aktuell nur sein kannst.“ Ein kurzer Augenkontakt mit Askatrash folgte, er nickte schwach und dann begann sie damit, die Pfeile aus dem Körper des Drachen zu entfernen. „Es sind nur einfache Pfeile, keine Widerhaken oder so ein Zeug.“ Mittlerweile war auch der Sohn wieder angekommen und schüttete jedes Mal ein bisschen des abgekochten Wassers in die Wunde.

Die Feuerechse ertrug die Schmerzen der Operation so gut es ging. Er zischte regelmäßig und zuckte zusammen, doch Wunden gehörten zum Alltag eines Drachen und so konnte er sich zusammenreißen. Auch wenn es ihm an einigen Stellen die Tränen in die Augen trieb und er sich wünschte, dass es endlich vorbei war. Zwischendrin musste er sich noch umdrehen und dabei auf die verletzte Schulter legen, was ihm starke Schmerzen bereitete. Er wimmerte und winselte und starrte nur nach vorne, in der Hoffnung, dass es möglichst schnell vorbei sei. 

Im Großen und Ganzen war es allerdings einfacher und problemloser als bei Renia, da er sich in einem deutlich besseren Zustand befand und als Drache generell robuster gebaut war. So wurden ein gutes dutzend Wunden mehr oder weniger versorgt, wenn auch die Versorgung lediglich in einer dicken Schicht Heilsalbe bestand. „So, du solltest dich nun ein wenig ausruhen und schlafen, damit deine Wunden gut heilen. “ bemerkte die Rothaarige, als sie seine letzte Wunde versorgt hatte und sich das Drachenblut von den Händen wisch.

„Nein.“ Obwohl die Operation anstrengend war und sein ganzer Körper schmerzte, sprach Askatrash zornig. „Ich werde nicht schlafen, solange sie nicht in Sicherheit ist! Gibt mir etwas, das mich wieder fitter macht!“ Er fauchte und blickte die Heilerin mit tränennassen, funkelnden Augen an. Seine Lippen zitterten, schlagartig wurden alle Muskeln angespannt und er hatte sich mit einer schnellen Bewegung auf den Bauch gelegt. Irgendwas in ihm aktivierte seine Überlebensangst und damit die letzten Kraftreserven. Der Bauer und sein Sohn sprangen erschrocken zurück und auch Elvira machte einen Satz nach hinten.

Sie hob beide Hände beschwichtigend und versuchte dabei, den Blickkontakt mit ihm nicht abreißen zu lassen. „Ich weiß… Du willst ihr helfen und ich kann verstehen, dass du uns nicht traust. Aber wir wollen dir und ihr wirklich nichts Böses.“ Auch die Frau zitterte, beide hatten Angst, dass das Gegenüber etwas unüberlegtes machen würde. Mittlerweile stand Askatrash auf allen vieren, trotz der fürchterlichen Schmerzen in der Schulter. Unsicher, schwer atmend, den Kopf auf der Höhe ihres Kopfes haltend, sodass er ihr direkt in die Augen blicken konnte. Aus den Lefzen stieg Rauch empor und schweres Schnauben folgte. Gustus und sein Sohn flohen panisch in das Haus und blickten angsterfüllt aus dem Fenster. Mittlerweile schienen sie es zu bereuen, ihre Gäste bei sich aufgenommen zu haben. Mit Drachen hatte man offenbar nur Ärger. „Ganz ruhig, Großer. Niemand wird euch Beiden hier etwas tun.“ Ihr Herz raste, kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und jede Faser ihres Körpers war bis zum Reißen angespannt. Sie fragte sich, warum sie nicht schon längst die Flucht ergriffen hatte, doch anstatt vor ihm zurück zu weichen ging sie vorsichtig auf ihn zu. Zudem war sie komplett unbewaffnet, sah aber auch nicht so aus als könne sie ihm einen Dolch durch die Schuppen in den Körper rammen.

Askatrash zitterte noch mehr. In ihm kämpften seine animalische Seite mit der rationalen Seite und irgendwo dazwischen waren seine Emotionen, seine Gefühle für Renia. Er wollte der Frau trauen, hatte er doch gesehen, wie vorsichtig sie mit der Schwerverletzten umgegangen ist. Doch er hatte aber auch gesehen, zu was Menschen alles fähig waren. Verrat, Folter, Sadismus. Wer sagte, dass diese Menschen nicht auch zu solchen Taten fähig waren? Schließlich kannte er die Personen erst seit etwa einer halben Stunde, nichts für jemanden, der eh schon kritisch den Menschen gegenüber war. Immer wieder blickte er mit strenger Miene zu dem Fenster, in welchem sich Vater und Sohn befanden. Er hatte panische Angst, dass sie sich an Renia vergehen würden, das könnte er sich nie verzeihen. War er es doch, der sie hier her gebracht hatte.
Bilder der halbbewusstlosen Frau im Lager der Banditen kamen in ihm hoch. Wie sie da auf dem Boden lag, wie ein halbtotes Tier, zum Sterben zurückgelassen. Ihre halbgeschlossenen Augen, der Mund, der irgendwas gesagt hatte, er es im Schlachtengetümmel aber nicht verstehen konnte, wie er verzweifelt versucht hatte, sie irgendwie auf seinen Rücken zu bekommen. Was, wenn das hier wieder dazu führte, die Menschen das Werk der Banditen fortsetzen würden? Panik stieg in ihm hoch, er begann sich hektisch umzusehen, einige Schritten zurück zu weichen. Er nahm es nicht bewusst wahr, dass die Bauern Elvira zuriefen, sie möge weg von dem Drachen gehen. Sah er, dass sie sich bewaffnet hatten? War es das, was ihm die Angst bereitete? Er musste doch sich und Renia verteidigen, er war doch das Männchen. Mittlerweile konnte er auch nicht mehr erkennen, dass es vor ihm nur ein Mensch war, es war eine Gestalt. Eigentlich sollte er jetzt doch zubeißen, zuschnappen. Dann spürte er etwas… Plötzlich wurde ihm warm, er spürte wie etwas Warmes seine Wange runterlief und seine Sicht wurde trüb.

„Ganz ruhig. So ist es gut, ganz ruhig. Alles ist in Ordnung.“ Eine ruhige Frauenstimme sprach mit ihm. Kannte er sie? Wo war er überhaupt? Plötzlich ließen seine Kräfte nach. Erst ein Zittern, dann kippte er um. Doch es wurden nicht schwarz um ihn rum, aber klarer auch nicht. Die Stimme blieb und auch die Berührung. Und mit ihr die Wärme. „So ist es gut... Leg dich hin, es wird niemand dir und deiner Freundin etwas tun. Ich verspreche es.“ Die Berührung wurde intensiver, während er nur noch in die Ferne starrte. Seine Panik wisch und er spürte, wie er weg glitt. In den Schlaf? Hatte man ihm etwas gegeben? Was es auch war, er konnte (oder wollte) nicht dagegen kämpfen. Der große, starke Drache war plötzlich nur noch ein Haufen Fleisch auf dem Vorplatz eines Bauernhauses. Dann wurde es dunkel um ihn herum. Eine warme Dunkelheit.