Current Track: Blabb
KEYBOARD SHORTCUTS

Geistesabwesend strich Hannibal mit seiner Kralle über den improvisierten Leinenverband, der seine Schulter zierte. Es tat noch ein kleines Bisschen weh, ein leichtes Pochen nur, nichts weswegen er die Fassung verlieren müsste. Während seine Kralle mit der Bandage spielte, lagen seine Augen weiter starr auf den beiden Frauen, die in seinem Strohbett lagen. Seit einigen Stunden schon schliefen sie tief und fest, doch er selbst fand keine Ruhe. Wie konnten sie nur so ruhig bleiben? Hatte die Blonde, Alyssa, nicht vor wenigen Stunden noch versagt dabei ihn zu töten? War Katherina nicht zum Tode als Opfer verurteilt worden? Nun lagen sie beide in der Höhle der Bestie die ihrer beider Ende hätte besiegeln hätte sollen und die ihnen stattdessen ihr Bett und ihre Decke angeboten hatte. Es war eine sehr weit hergeholte Geschichte, die sie ihm aufgetischt hatten. Zwei Frauen die sich liebten? Noch immer musste er ungläubig den Kopf schütteln wenn er nur daran dachte. Auf der anderen Kralle jedoch konnte es nicht gelogen sein. Tief schlafend trugen beide ein seliges Lächeln auf den Lippen während Alyssa ihre Freundin fest an sich drückte als wäre sie ein Stofftier. Eng umschlungen konnte er kaum ausmachen, wo die Grenze zischen ihnen war und vielleicht gab es in diesem Moment auch gar keine zwischen ihnen. Man konnte vielleicht lügen wenn man wach war, doch nicht im Schlaf. Der Verstand war fort in den fremden Gefilden eines fernen Traumes und nur das Herz blieb zurück, verrichtete in ewig fleißigem Pflichtbewusstsein seinen Dienst. Kein Gedanke beherrschte nun mehr ihr tun, nur noch das Herz lenkte sie in den Stunden des Schlafes und dies war etwas, was auch Daros oft gesagt hatte. Ein Herz konnte nicht lügen.


Als Hannibal merkte, dass der Verband langsam vom vielen daran herum Zupfen locker wurde, ließ er ihn in Frieden und griff nach einem dünnen Stock der neben ihm lag. Unmotiviert stocherte er etwas in der Glut die leise vor sich hin knisterte. Mit einem Mal sprang seine Schnauze auf und ein langes, angestrengtes Gähnen huschte an seinen spitzen Reißzähnen vorbei. Als es vorbei war, sackte er noch schlaffer zusammen, als er vorhin schon war. Die Nacht würde noch eine ganze Weile dauern und sicher war er sich nicht mehr, ob er sie wirklich gänzlich wach überstehen konnte. Etwas träge richtete er sich auf und streckte seine müden Glieder. Ein kurzes Stechen erinnerte ihn daran, den rechten Arm nicht so stark zu strecken, doch es war auszuhalten. Sein Kreislauf schien etwas länger zu brauchen um aufzustehen und für einen kurzen Augenblick wurde ihm ganz leicht im Kopf bis er sich wieder gefangen hatte. Etwas Bewegung würde helfen, entschied er. Als ersten Punkt ging er zum Feuerholz und suchte noch zwei Äste aus, die er dem Feuer opfern wollte. Immerhin konnte es auch im Sommer an klaren Nächten etwas frisch werden und seine Gäste sollten sich nicht erkälten.


Als wäre er irritiert von seinen eigenen Gedanken blieb er stehen und sah zu den beiden jungen Frauen. Neugierig ging er etwas näher an sie heran um sie im schwachen Licht des nun wieder aufflammenden Lagerfeuers besser zu sehen. Wieso ihm ihr Wohlergehen plötzlich wichtig war konnte er nicht genau sagen. Alle Überlegungen bisher deuteten darauf hin, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde, als sie morgen früh zu töten. Nur noch wenige Stunden, dann müsste er entscheiden, was er mit ihnen machen sollte. Was er tun sollte wusste er schon lange. Er sollte sie einfach töten und den Spuk damit sofort beenden. Dann hätte er ein ganzes Jahr lang wieder seine geliebte Ruhe und die Dorfbewohner würden ihn auch weiterhin meiden. Die bittere Wahrheit jedoch konnte er nicht verleugnen, er konnte es nicht. Der Gedanke ihnen das Leben zu nehmen fühlte sich einfach nicht richtig an. Mit hängenden Schultern wand er sich ab und ging zum Ausgang der Höhle. Die wartende Nachtluft legte sich kühlend auf seine sandbraunen Schuppen während er sich etwas außerhalb der Höhle setzte. Die Sterne schienen unbeirrt von seinem Dilemma zu sein. Konnte manch anderer in ihnen die Zukunft und Antworten auf alle Fragen sehen, so konnte Hannibal daran nur eine beruhigende Schönheit erkennen die ihm noch mehr Fragen stellte, als sie zu beantworten vermochte.


"Ein schöner Drache bist du", seufzte er mit niedergeschlagenem Sarkasmus.

"Kannst nicht einmal zwei Menschen töten. Was würde Daros nur von dir halten, wenn er dich jetzt sehen könnte?", tadelte er sich selbst und ließ den Kopf hängen. Warum nur war es so schwer? Alyssa hatte immerhin versucht ihn zu töten, es wäre sein gutes Recht ihr Leben zu nehmen. Katherina war ein Opfer, ihr Leben war von ihren eigenen Brüdern und Schwestern als unwürdig gebrandmarkt worden. Sie waren beide Ausgestoßene ihrer eigenen Gesellschaft. Er dürfte diese Skrupel, sie zu töten, gar nicht haben. Es war immerhin das, was die Menschen von ihm erwartete. Was sie von allen Drachen erwarteten. Was sie verlangten. War es doch der Kreislauf des Lebens, dass die Starken die Schwachen töteten und sich an ihnen nährten. Ein Schauer fuhr ihm unter den Schuppen den Rücken hinab. Er könnte sie niemals essen. Sie zu töten würde schon schwer genug sein, aber sie auch noch zu essen? Nein, auf keinen Fall. Strikt kopfschüttelnd war er sich zumindest in diesem Punkt felsenfest sicher was er zu tun gedachte. Er würde sie begraben. So wie es bei den Menschen üblich war. Es würde zwar niemand die Grabstätte je zu Gesicht bekommen, doch es fühlte sich falsch an sie einfach in den Wald zu werfen und den Wölfen zu überlassen. Seine Hand fuhr wieder an seine Schulter und spielte etwas mit dem Verband. Es half ihm nachzudenken befand er.


Kopfschüttelnd begann er zu grinsen. Ein Begräbnis hatte er schon geplant aber den Mut sie überhaupt zu töten suchte er noch vergebens. Immer mit dem Kopf in den Wolken. Daros hatte ihm das oft vorgeworfen und scheinbar hatte er nicht unrecht damit. Es half alles nichts, er müsste eine Entscheidung treffen und er müsste sie ohne Daros Rat treffen. Sein rechtes Ohr zuckte kurz als er ein Geräusch hinter sich hörte. Raschelndes Stroh. Mit angehaltenem Atem lauschte Hannibal, die Decke wurde weg gezogen, jemand stand auf. Es schien nur eine der beiden zu sein. Ein kaum hörbarer Kuss folgte bevor jemand auf ihn zu kam. Obwohl er neugierig war, drehe er sich nicht um. Er wollte nicht schon wieder eine nackte Frau vor sich sehen. Das Geräusch von nackten Füßen auf steinigem Boden kam beständig näher und verharrte nur knapp hinter ihm. Eine kaum spürbare Hand legte sich sanft auf die seine, die er noch an seiner Schulter hatte. .


"Tut es noch sehr weh?", fragte Alyssa. Hannibal schüttelte nur den Kopf. Mit einer kurzen Kopfbewegung riskierte er einen kurzen Blick und stellte erleichtert fest, dass sie zumindest das zu große Leinenhemd trug. Sein Kopf wandte sich zu seiner Schulter und der zarten Hand der Frau, die auf seiner eigenen lag. Der Kontrast faszinierte ihn. Ihre Haut schien so weich und sanft zu sein wie ein feiner Stoff und seine eigene war hart und rau. Er konnte ihre Wärme spüren, das Gefühl eines anderen Wesens, wie es ihn berührte. Vier Jahre lang hatte er dies nun schon nicht mehr gespürt. Als sie ihm den Verband angelegt hatte, war es ihm gar nicht aufgefallen. Vermutlich war er noch zu aufgeregt gewesen. Nun jedoch sah er es deutlicher als je zuvor. Wie fragil und verletzlich diese zarte Hand war. Er könnte sie vermutlich mit seiner eigenen mühelos brechen. Etwas schneller als er es eigentlich gewollt hätte zog er seine Hand weg als der Gedanke seinen Verstand querte. Er wollte ihr nicht weh tun. Wieso hatte er das überhaupt gedacht? Alyssa beließ ihre Hand auf seiner Schulter. Selbst als er die seine weg gezogen hatte, berührte sie ihn weiter.


"Ich möchte mich noch einmal entschuldigen, du bist so anders als ich erwartet hätte. Als ich in die Höhle kam und gesehen habe, wie Katherina nackt auf dem Strohhaufen lag... Ich hatte solche Angst um sie. Mein Kopf war voll mit all den grauenhaften Dingen die du mit ihr anstellen würdest und anstatt zu versuchen mit dir zu reden, habe ich dich sofort angegriffen. Das war dumm von mir und dass ich dich verletzt habe, tut mir unendlich leid", entschuldigte sich die junge Frau bei ihm. Hannibal blieb stumm.

"Ich will nur dass du weißt, egal wie du dich morgen früh entscheidest, ich werde es akzeptieren."

In gebannter Stille streckten sich die Sekunden zu Minuten. Wie lange es gedauert hatte wusste Hannibal nicht, doch Alyssa war es erneut, die das Schweigen brach.

"Gute Nacht, Hannibal", verabschiedete sie sich von ihm und ging zurück zu ihrer Freundin.


Mit geballten Fäusten saß Hannibal noch lange regungslos am Rand seiner Höhle. So fest, dass sie bereits zu knirschen begannen, hatte er die Zähne zusammengebissen. Es waren nur unwissend gesprochene Worte, doch waren sie einmal ausgesprochen konnte man sie nie wieder einfangen. All die schrecklichen Dinge, die du mit ihr anstellen würdest, echote es noch immer durch seinen Kopf. Wieso? Weil er ein Drache war? Nur weil sein Körper mit Schuppen überzogen war, er Stacheln auf dem Rücken trug und ein paar Flügel besaß war er automatisch eine Bestie? Ein Mörder? Ein Vergewaltiger? Es war genau wie in den Märchen die er so gerne las. Der Drache war niemals der Held. Er war immer das Monster. Was spielte es schon für eine Rolle, ob er die beiden Frauen tötete oder gehen ließ. Niemand würde anders über ihn denken deswegen. Eine Tat der Barmherzigkeit allein konnte nichts ändern. Eine Fackel im Sturm, nicht mehr. Dazu verdammt ungesehen zu verglimmen, noch bevor jemand sie entdecken könnte. Es tat weh so zu denken, doch er musste sich die Wahrheit eingestehen. Er würde nichts davon haben sie am Leben zu lassen. Es wäre ein gewaltiges Risiko, würde einer aus dem Dorf sie entdecken, dann wäre sein friedliches Leben hier zu ende. Sie leben zu lassen hatte nur Nachteile. Sie waren nicht anders als alle anderen. Auch sie hatten nur ein Monster vor ihren Augen als sie ihn sahen.


image


Mit einem langen Gähnen streckte Katherina ihre Arme und Beine durch. Das kratzige Stroh stach zwar an ihrer Hüfte und ihren Schenkeln, aber es war ihr im Moment egal. So lange sie Alyssas Arm spürte, der sich um ihren Bauch schlang, war ihr all dies egal. Neben ihr konnte sie hören wie ihre Erwachen auch ihre Geliebte langsam aus dem Reich der Träume zurück befahl. Als sie langsam ihre Augen öffnete und gegen die schwache Morgensonne blinzelte, wurden schnell die weichen Konturen von dem Gesicht vor ihr klar, in das sie sich beim ersten Anblick verliebt hatte. Wäre es das erste, was sie jeden Morgen erblicken könnte, sie wäre die glücklichste Frau der Welt. Alyssas Lippen umspielte ein schwaches Lächeln und auch Katherina kam nicht umhin zu lächeln. Mit einer zärtlichen Berührung ihrer beider Lippen besiegelten sie ihr Erwachen, standen aber noch nicht auf. Wo sie waren, was geschehen würde, ob dies ihr letzter Morgen war, es spielte in diesem Moment keine Rolle für die beiden Verliebten. Tief in den Augen der anderen fanden sie die Kraft sich allem zu stellen und auch wenn es ein Drache war, der zwischen ihnen stand, so waren sie gewillt es zu überstehen so lange sie es nur gemeinsam tun konnten.


Hannibal konnte laut und deutlich hören, wie die beiden aufwachten. Seufzend legte er den Stock beiseite mit dem er seit einigen Stunden im Feuer herum stocherte. Es war Zeit. Ein weiteres Aufschieben würde nichts bringen und er hatte lange genug Zeit gehabt nachzudenken. Ein paar Minuten wollte er den beiden Frauen noch geben. Geduldig blieb er am Feuer sitzen und ließ sie ungesehen aufstehen. Einen alten Umhang hatte in der Nacht für Katherina aus seinen Kisten gesucht und ihn ihr bereit gelegt. Sie sollte nicht nackt sein. Sie verdienten zumindest diesen Anstand, wenn es auch mehr für sein eigenes Seelenheil war, als für ihres.. Länger als nötig wartete Hannibal bevor er aufstand. Selbst ohne über die Schulter zu blicken, wusste er, dass die beiden Frauen hinter ihm standen und seine Entscheidung erwarteten. Ein tiefer Atemzug füllte seine Lungen und blies in einem langen Seufzen aus seiner Nase. Er hatte die ganze Nacht überlegt und seine Wahl war getroffen. Sie ansehen konnte er einfach nicht.


"Alyssa, du hast gesagt, dass du jedes Urteil akzeptieren wirst", begann Hannibal mit leicht zitternder Stimme. Nach einem kurzen Räuspern hatte er sich wieder gefangen. Wie eine unsichtbare Schlinge legte sich jedes Wort um seinen eigenen Hals und drohte ihm den Atem zu rauben. Er musste es tun, das Risiko war einfach zu groß. Sie hatte versucht ihn zu töten. Es war nur fair. Wieder und wieder hallten die Argumente durch seinen Kopf mit denen er die ganze Nacht über versucht hatte diesen Schritt zu rechtfertigen. Es war gerecht. Sie wollte ihn töten und ihre Freundin war ein Opfer. Sie beide würden in der Welt keinen Platz mehr finden und sie hier und jetzt zu töten würde ihrem Ende zumindest einen Sinn verleihen. Auch wenn es ein egoistischer Sinn für ihn war.

"Es tut mir Leid", seufzte Hannibal und drehte sich zu ihnen um. Hätte er gewusst, welcher Fehler es war, was es ihn kosten würde, dann hätte er es nie getan. Vor ihm standen sie beide, Katherina mit Tränen in den Augen klammerte sich fest an ihre Freundin. Alyssas Sicht schien auch verschwommen zu sein, doch sie hielt ihre Freundin fest im Arm. Selbst im Angesicht ihres Todes war sie ihr die Stütze die sie glaubte sein zu müssen. Es war schwer überhaupt noch zu atmen für Hannibal. Angst lag in den Augen der beiden. Auch wenn sie gesagt hatte, dass sie es akzeptieren würde, er konnte deutlich sehen, dass sie es nicht tat. Sie wollte leben, wollte aufbegehren, doch scheinbar wusste sie, dass es aussichtslos war. Wieso diese vier Worte ihm selbst so in der Brust schmerzten konnte sich Hannibal nicht erklären. Selbst ohne einen Fehler zu begehen, fühlte es sich an, als würde er etwas Falsches tun. Es tat weh, zu sehen was sie wirklich in ihm sahen. Die Angst vor einem Monster, dass sie gleich töten würde. Schlimmer noch tat es weh, dass er dieses Monster sein musste, dass es anders nicht ginge.


"Ich ... ", begann Hannibal, verlor jedoch seine Stimme schon nach einem Wort. Wieder musste er sich laut Räuspern und spürte bei jedem Atemzug ein Stechen in der Brust. Es war ihm unbegreiflich wieso es so schwer war. Es war in seiner Natur dies zu tun. Er war ein Monster, er hatte keine andere Wahl und die Natur verlangte es von ihm! Pochender Kopfschmerz dröhnte in seinen Ohren und blendete alle Umgebungsgeräusche aus.

"Ich ... ", setzte er erneut an und spürte seine Kehle immer enger werden. Der Druck in seinem Kopf stieg weiter und weiter an bis er es schließlich nicht mehr aushielt. Sein Blick verlor jeden Ausdruck und seine Arme erschlafften. Eine beruhigende Stille legte sich über seine Gedanken und kühlte seinen überhitzten Verstand wie kaltes Bergwasser. Hannibals Haltung erschlaffte und seine geballten Fäuste lösten sich um locker nach unten zu baumeln.

"Ich habe Durst", sprach er emotionslos und wandte sich um. Als wäre er nur ein Beobachter in seinem eigenen Körper, hörte Hannibal sich selbst sprechen, ohne selbst die Lippen zu bewegen.

"Ich werde zum Bach gehen und etwas trinken", bar jeder Gefühlsregung klang seine Stimme monoton und abwesend. Verwundert sahen ihn vier Augen an und verstanden nicht, was gerade vor sich ging. Hannibal selbst verstand nicht was gerade geschah aber er lehnte sich nicht dagegen auf. Er spürte nur eine unglaubliche Erleichterung.

"Ich bin in einer Stunde wieder da", sprach Hannibal und ging. Seine Füße bewegten sich gänzlich ohne das Zutun seines Verstandes. Kein einziger Gedanke beherrschte ihn in diesem Moment. Nur Stille. Nur Ruhe. Nur Frieden. Das war alles was er spürte und es fühlte sich so unendlich gut an, nach all den Gedanken des letzten Tages.


Alyssa und Katherina standen perplex in der Höhle. Als Hannibal sich umdrehte, tauschten sie verwunderte Blicke aus, doch blieben stumm. Es dauerte eine Minute, nachdem Hannibal verschwunden war, dass sie begriffen, was geschehen war. So schnell sie konnten verließen sie die Höhle des Drachen und machten sich auf den Weg so weit weg davon wie sie nur konnten. In ihr Dorf konnten sie unmöglich zurück und ein Ziel hatten sie noch nicht gewählt, doch Hannibal hatte ihnen ein letztes Geschenk gemacht und sie wollten nicht undankbar sein. Nach einer Stunde des eiligen Marsches blieben sie zum ersten Mal stehen. Katherina war die erste, die ihre verschwitzte Hand von Alyssas Hand löste und auch die erste die das Schweigen brach, dass sie so fest wie ihre Hände seit ihrem Aufbruch gehalten hatten. Mit dem Kopf zurück gewandt zu der Richtung aus der sie gekommen waren, flüsterte sie ein leises Danke. Sie beide spürten eine unbeschreibliche Last von ihren Schultern fallen, als endlich das erste Wort zwischen ihnen gesprochen wurde. Sie beide hätten nie erwartet, dass sie einen solchen Drachen treffen würden und doch standen sie auf ewig in seiner Schuld.


"Eines Tages ... eines Tages werde ich es dir vergelten, Hannibal, ich verspreche es!", sprach Alyssa leise und nahm ihre Freundin in die Arme. Ein ungewisser Weg lag vor ihnen und außer der Kleidung die sie trugen hatten sie nichts bei sich. Es würde nicht einfach werden, doch sie fanden Trost darin, dass was auch immer das Schicksal bereit hielt, sie es gemeinsam bestreiten würden.


Eine Marschstunde entfernt saß an einem kleinen Bachlauf im Wald ein Drache und schöpfte kaltes Wasser mit seiner Hand zu seinem Mund. Er hatte nicht einmal Durst, doch das Wasser schmeckte besser als je zuvor. Zum ersten Mal seit gestern Abend, erlaubte er es sich tief durchzuatmen. Noch nie zuvor hatte er sich so müde gefühlt. Ohne groß nachzudenken legte er sich auf das weiche Moos des Waldbodens und starrte durch die Lücken im Blätterdach auf den verhangenen Himmel. Erleichterung machte sich in ihm breit seine Muskeln konnten endlich die Spannung verlieren. Noch bevor er es bemerkte, schlossen sich seine Augen und der Stress übermannte seinen Körper. Ein traumloser Schlaf ergriff ihn und nur ein letzter Gedanke war in seinem Kopf gewesen. Er hatte das Richtige getan.


image


Das beständige Rufen der nächtlichen Eulen trieb Hannibal zurück in seinen Körper. Ausgeruht richtete er sich auf und sah sich verwirrt um. Was er mitten im Wald tat war ihm nicht sofort klar und es dauerte einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Als es ihm wieder eingefallen war, hoben sich seine Mundwinkel leicht. Er hatte das Richtige getan. Woher er es wusste war nicht wichtig für ihn. Es fühlte sich richtig an und das war alles was zählte. Zufrieden streckte er seine Glieder und inhalierte die kalte Nachtluft. Mit einem Schmunzeln bemerkte er, dass er den gesamten Tag durchgeschlafen hatte. Er hatte zwar gespürt, dass es ihn ziemlich ausgelaugt hatte so viel nachzudenken und die ganze Nacht wach zu bleiben, doch dass es so schlimm gewesen war, hätte er nicht gedacht. Begleitet vom lauten Knacken seiner Gelenke streckte er sich genüsslich und stand schlussendlich ganz auf. Den kurzen Stich in seiner Schulter ignorierte er und begann stattdessen wieder zurück zu seiner Höhle zu gehen. Er hatte nun genug Abwechslung für eine ganze Weile gehabt und da er schon ausgeschlafen war, könnte er sich beim Feuer heute ja noch ein Märchen durchlesen. Welches war er sich noch nicht sicher, vielleicht Rotkäppchen, dieses hatte er schon lange nicht mehr gelesen.


Mit breitem Grinsen und dem Wissen, dass seine Welt wieder in Ordnung war, ging er festen Schrittes durch den Wald. Es mochte nur eine Fackel im Sturm gewesen sein, doch Hannibal vertraute darauf, dass seine Entscheidung vielleicht doch mehr war. Dass die beiden vielleicht irgendwann einmal jemanden davon erzählen würden, dass es auch gnädige Drachen gab. Dass sie nicht alle Monster waren. Vielleicht würde das sogar den Wendepunkt im Bild der Drachen bilden. Kopfschüttelnd und leicht lachend verneinte er seine eigenen Gedanken. Es war ganz lustig es sich vorzustellen, doch daran glauben konnte er selbst nicht wirklich. Es war jedoch egal, er war kein Monster! Er war ein Drache und er war kein Monster. Mit Bestimmtheit wiederholte er den Gedanken und mit stolz geschwellter Brust sprach er ihn laut aus. Niemand hörte es, doch es reichte, dass er es selbst hörte. Seine Höhle erreichte er schneller als er gedacht hätte. Kein Hindernis, kein Ast, keine Pfütze verlangsamte ihn auf seinem Weg als würde Mutter Natur selbst mit Stolz auf ihren Sohn blicken der zwei Leben erhalten hatte, anstatt sie rechtmäßig einzufordern. Noch am Fuße des Hanges konnte Hannibal den Ruß seines Lagerfeuers riechen. Etwas verwundert war er zwar, dass es noch immer brannte, doch es sollte ihm nur recht sein. So musste er es nicht neu anheizen. Den Hang hinauf trieben ihn seine Füße doch bevor er in seine Höhle blicken konnte, blieb er stehen.


Was wenn sie noch hier waren? Seine Gedanken froren ein. Es war eine Möglichkeit die er nie in Betracht gezogen hatte und sofort rannte er los um nachzusehen. Als er die Kante überschritten hatte und in seine Höhle gestürmt war, blieb sein Herz stehen. Wie zur Salzsäule erstarrt blickte er auf sein Heim. Minutenlang rührte sich kein Muskel in ihm bis schließlich seine Bein nachgaben und er auf seinen Knien landete. Anstelle von hartem Stein landeten sie auf weicher Asche. Verrat. Hannibal konnte es nicht glauben, konnte es einfach nicht begreifen warum sie so etwas getan haben. Er hatte sie verschont! Hatte ihnen das Leben geschenkt welches ihm eigentlich zustand. Vor seinem immer mehr verschwimmenden Blick tanzten Flocken aus weißer Asche durch die Luft wie dicke Schneeflocken. Nichts war geblieben. Seine Truhen, sein Bett, alles was er besaß, verwandelt in Staub und Asche. Seine Bücher, die Regale die er mühevoll aus Trümmern gebaut hatte, seine gesammelten Habseligkeiten, alles vom Feuer verschlungen. Wieso nur, fragte er sich verzweifelt während eine erste Träne seine Schuppige Wange hinab lief und in der trockenen Asche landete. Sein Heim war zerstört. Vereinzelte noch schwielende Glutnester erleuchteten die vom Ruß geschwärzten Wände seines Zuhauses und offenbartem ihm, dass es nichts gab, was diesem Feuer stand gehalten hatte. Hier und da ragten einige verkohlte Metallstücke hervor, doch nichts was er irgendwie noch verwenden könnte.


Leise weinend kniete Hannibal in den Überresten seines Zuhauses und ließ die Asche wie Sand durch seine Krallen gleiten. Er hatte das Richtige getan. Er hatte sie verschont, war gnädig gewesen zu den Menschen. Wieso hatten sie ihn nur so verraten? Wieso hatten sie nicht einfach verschwinden können? Die Fragen in seinem Kopf drehten sich im Kreis. Zahllos waren sie und doch kreisten sie alle um einen Punkt. Einen Punkt der wie eine Speerspitze in sein Herz bohrte und ihm die Luft die er atmete selbst sauer machte. Sie hatten ihn verraten! Daros hatte recht gehabt. Niemals dürfte man einem Menschen trauen! Mit der geballten Faust schlug Hannibal auf den Boden und wirbelte die Asche durch die Luft. Wut wallte in ihm auf. Nicht auf die beiden Frauen, sondern auf sich selbst. Er hatte immer getan was Daros ihm gesagt hatte und immer war sein Leben glücklich gewesen. Von Zeit zu Zeit etwas einsam, doch er hatte alles was er brauchte. Wieso hatte er in diesem Punkt nicht auch auf ihn gehört? Seinen Fehler hatte er teuer bezahlen müssen, nichts war geblieben. Vermutlich würden sich im Dorf bereits die Soldaten des Königs sammeln und ihre Speere schärfen. Es würde nicht lange dauern, bis sie anfangen würden, ihn zu jagen, jetzt wo sein Hort zerstört war. Hannibal kämpfte sich wieder auf die Füße hoch und drehte der Zerstörung den Rücken zu. Er müsste verschwinden bevor sie hier wären. Es blieb ihm nur noch einer, zu dem er jetzt gehen konnte und auch wenn er nicht genau wusste wo er jetzt lebte, so kannte er zumindest die Richtung. Ohne sich umzudrehen ließ er sein altes Leben hinter sich und machte sich auf dem Weg.


"Ich komme zurück, Daros!", sprach er leise bevor er loszulaufen begann.