Stumm starrten zwei goldgelbe Echsenaugen über den Hof auf die Haustür. Schon zwei Tage wurde genaustens beobachtet, wer das Haus betrat und wer es wieder verließ. Jede Gemütsregung, jedes verstandene Wort wurde analysiert und auf die Goldwaage gelegt. Jetzt musste sie doch allmählich mal gesund genug sein, um das Bett zu verlassen und um aus dem Haus zu kommen. Askatrashs anfängliche Sorgen und Ängste hatten sich in eine nagende Ungeduld verwandelt. Stunde um Stunde verrann für ihn langsam, er konnte an nichts anderes als Renia denken. Was, wenn sie schon lange tot war, aber niemand es ihm sagen wollte? Er war ein Drache, ein furchterregendes Monster, welches ganze Dörfer innerhalb weniger Augenblicke dem Erdboden gleich machen konnte. Da würde man doch bestimmt mit solch einer Nachricht möglichst lange hinter dem Berg halten, damit man keinen Wutanfall oder sowas abgekommen würde. Es half ihm auch wenig, dass Elvira und die anderen Personen tagsüber regelmäßig nach ihm schauten, ihm eine Ziege zum Essen und Eimerweise Wasser anboten. Hunger hatte er zwar schon, aber der Appetit hielt sich auch bei ihm noch in den Grenzen. Zu viel Angst hatte er, dass er beim Fressen seine Aufmerksamkeit verlor und genau in diesem Moment etwas Wichtiges geschah. Gerne würde er es auch mit dem Durst so machen, doch Durst war ein brennendes Gefühl, ein Gefühl das selbst der willensstärkste Drache nicht lange ignorieren konnte.
Nach langen, zähen Verhandlungen mit Gustos darüber, dass ein erschöpftes, hungriges und durstiges Männchen seine Freundin nicht verteidigen konnte, hatte er sich wenigstens darauf eingelassen, für eine halbe Stunde tagsüber seinen Posten zu verlassen und sich um sich zu kümmern. Ein schnelles Bad im kalten Teich brachte neue Energien nach einer viel zu kurzen Nacht und an einer Viehtränke gönnte er sich ab und zu ein paar Schlucke Wasser. In dieser Zeit würde der Bauer bewaffnet vor seiner Haustür stehen und niemanden, den der Drache nicht kannte, in das Haus lassen.
Zwar war Askatrash bemerkt worden wie er immer wieder um das Haus schlich und jeden Winkel des Hofes genau inspizierte, doch es schien niemand wirklich Anstoß daran zu nehmen. Wenn jemand doch mal kam, waren es vor allem Kinder, die ihn sehen wollten. Immerhin kam es nicht alle Tage vor, dass man mal einen leibhaftigen Drachen aus der Nähe sehen konnte, ansonsten blieb es für alle Beteiligten angenehm ruhig. Jeder hatte genug zu tun, die Sommertage so zu nutzen, dass sie später gut über den Winter kamen.
Er mochte den Gedanken nicht, wusste aber, dass er später nicht umherkommen würde, hier im Dorf auf irgendeine Weise arbeiten zu müssen um Renias Behandlung zu finanzieren. So war es schon bei den Drachen und sie hatte ihm auch früher schon erzählt, dass es nichts umsonst gab. Daher grummelte er die Kinder zwar an, ließ es dann aber doch über sich ergehen, dass sie mal auf seinen Rücken klettern wollten. Manche wollten, dass er flog, doch dieser Gedanke war ihm ohne Sattel nicht geheuer, daher mussten die Kinder sich damit genügen, dass er mit ausgestreckten Flügeln auf die Hinterbeine stieg. Es war nicht leicht, dabei auch noch die Tür im Blick zu halten, doch irgendwie klappte es dann schon. Zum Abschluss gab es dann eine kräftige Feuersäule in den Himmel, eher er sie dann verscheuchte. Immer hoffend, dass sie nie wiederkamen, obwohl sich das schnell als sehr vergeblich herausstellte. Wenigstens sorgte er so dafür, dass die anfängliche Skepsis der Erwachsenen, welche ab und zu mal „zufällig“ die Bauern besuchen mussten, langsam wich. Einmal waren mehrere Frauen da, welche ihm dann wie fahrendem Volk zujubelten. Manch eine zwinkerte ihm sogar zu, besonders nachdem er auf die Hinterbeine gestiegen war. Bevor allerdings negative Gerüchte aufkamen tat er aber so, als würde er diese Anerkennung nicht bemerken. Obwohl sie ihm natürlich schon ziemlich schmeichelte.
Jetzt war es aber schon später Nachmittag, die Sonne berührte schon die Gipfel der Berge im Westen, und die Kinder mussten wieder bei den Familien helfen, sodass er alleine war. Er hatte sich in einer Hab-Acht-Stellung auf den Boden gelegt, die Gliedmaßen unter den Körper gezogen und wieder Tür und Fenster ins Visier genommen. //Komm schon, komm endlich raus…. Bitte…// Als Zeichen der Anspannung rauchte es mit jedem Ausatmen aus den Nüstern und der Schwanz peitschte auf den Boden. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis Renia putzmunter aus der Tür treten würde. Aber das Gefühl hatte er auch schon gestern und vorgestern gehabt.
Derweil saß Renia in ihrem Bett und starrte die gegenüberliegende Wand an. Jetzt, vor Sonnenuntergang, kam nicht mehr viel Licht in die Kammer, aber es gab eh nichts, was sie mit mehr Licht hätte machen können. Bauern besaßen keine Bücher zum Lesen, zudem hatte sie immer noch Kopfschmerzen und leichten Schwindel, wenn sie sich zu schnell zu heftig bewegte. Ihre Wunden heilten gut, jedenfalls sagte Elvira das. Sie konnte – und wollte – sich ihren Rücken aktuell nicht vorstellen. Langsam strich sie sich über den Kopf. Zwar wurde ihr von den Banditen der Kopf geschoren, doch nur schlecht und sehr unregelmäßig. Mit ihrem Einverständnis hatte Kylatrin ihr den Kopf glatt rasiert, was zwar nun besser aussah, Renia aber um ihre langen, schwarzen Haare trauen ließ. Sie hatte ihre Haarpracht immer gemocht und zu unterschiedlichen Frisuren zusammengesteckt, eine der wenigen „weiblichen“ Dinge, die ihr wirklich Spaß gemacht haben. Neben ihrem Körper, den sie auch immer, so gut es in den gegebenen Situationen ging, gepflegt hatte. Sie vermied zwar nicht jede Narbe oder Verletzung bei ihren Raufereien und Spielen mit anderen Kindern, insbesondere Jungs, aber achtete, dass sie, wenn möglich, immer ein Körperöl oder vergleichbares Pflegemittel verwendete. Und nun war dieser Körper von schrecklichen Wunden entstellt, die vermutlich noch schrecklichere Narben hervorbringen würden. Sie zog die Beine an, legte den Kopf auf die Knie und schluchzte. Nie hatte sie sich so hässlich, so unbegehrenswert, gefühlt wie jetzt. Dazu die Vergewaltigungen, die ihr Selbstverständnis deutlich auf den Kopf gedreht haben. Der Drache war dabei noch der Harmloseste unter ihren Schändern, denn musste sie sich doch gestehen, dass wie man in den Wald ruft, es so hinaus schallt.
//Wenn ich endlich dieses Bett verlassen kann, werde ich meine Rache an all denen nehmen, die mir das angetan haben. Und an ihren gottverdammten Hintermännern!// Ihre Rache und ihr Zorn darüber, was man ihr angetan hat und vor allem wer dafür verantwortlich war, ließ sie trotz ihrer Entstellungen und des dadurch verursachten seelischen Schmerzes weiterkämpfen.
Plötzlich klopfte es an der Tür und Renia schreckte zusammen. Sie hatte nicht so schnell mit Besuch gerechnet, vor allem da sie mehrfach betont hatte, dass sie der Familie nicht unnötig zur Last fallen wollte. Worauf diese allerdings herzlich wenig Rücksicht genommen hatte und so ziemlich jedes Familienmitglied sich mehrfach vergewisserte, dass alles in Ordnung war. Diesmal kam die Tochter, deren Name, Klorine, Renia mittlerweile auch in Erfahrung gebracht hatte, vorsichtig in die kleine Kammer. „Hey Renia, wie geht es dir?“ fragte sie freundlich und blickte auf die junge Frau im Bett. Sie war von ihr fasziniert, auch wenn sie noch nicht viel von ihr wusste. Aber dass sich jemand mit einem Drachen abgab, das war schon beeindruckend.
Die Angesprochene lächelte und hob den Kopf. „Mir geht es schon viel besser im Vergleich zu vorgestern. Wenn die blöden Kopfschmerzen nicht wären und sich nicht alles drehen würde, wenn ich aufstehen will, mich könnte hier nichts im Bett halten. Naja, außer Elvira.“ Sie grinste, wusste doch jeder, wie resolut die Heilerin sein konnte, wenn es um das Einhalten von Ruhezeiten anging. „Komm ruhig rein, das ist es doch bestimmt, was du willst.“
Das Mädchen betrat schüchtern die Kammer und setzte sich auf den Hocker. „Mutter meinte, ich solle mal nach dir schauen, damit du dich nicht zu Tode langweilst.“
„Das tu ich schon nicht, Kleine. Die Ruhe tut mir gut, auch wenn ich es mir vermutlich nicht eingestehen will.“ Obwohl in der deutlich hilfloseren Position, so war es doch definitiv Renia, welche hier die selbstbewusstere Frau war.
„Ach, ich habe dir einen Apfel und etwas Brot mitgebracht. Nicht viel, aber immerhin etwas.“ Sie kramte die Nahrungsmittel aus einer Tasche ihres Kleides hervor und legte sie mangels Platzes auf das Bett. Dankend griff die Verletzte nach dem Brot und nahm ein paar kleine Bissen. Mittlerweile konnte sie auch wieder vorsichtig Nahrung zu sich nehmen, auch wenn der Appetit noch ein wenig zu wünschen übrig ließ.
„Ich habe eh noch nicht viel Hunger, das bisschen Brei, das mir deine Mutter macht, das reicht mir für das Erste schon.“ Sie wollte zudem nicht riskieren, dass das Essen wieder den Weg nahm, den es gekommen war. „Wie geht es eigentlich Askatrash? Elvira sagt, dass er nicht sonderlich viel redet und die ganze Zeit nur das Haus anstarrt.“ Das protektive Verhalten von Askatrash konnte Renia sich immer noch nicht so ganz erklären, aber da er keine Anstalten machte, weg zu gehen und offenbar um ihr leibliches Wohl ernsthaft besorgt war, versuchte sie sich aktuell keine allzu großen Gedanken zu machen. Es war eine der wenigen positiven Dinge in ihrem Leben hier.
Klorine kicherte verlegen. Sie hatte die Darbietungen des Drachen auch gesehen und sich ausgemalt, wie es wohl wäre, auf einer solchen Kreatur durch die Lüfte zu reiten. „Ach, dem geht es ganz gut, denke ich. Er wird von Kindern belagert und macht dann ein paar Sachen mit ihnen. Lässt sie auf den Rücken, speit Feuer und so ein Kram.“
Ein erstaunter Blick folgte. „Seitdem ich vor zwei Tagen hier aufgewacht bin, frage ich mich, ob das wirklich der Drache ist, den ich kennen gelernt habe. Er macht all die Dinge, die ich vorher nicht von ihm erwartet hätte.“ //Gut, jetzt ist er auch frei… Aber dann hat er ja noch weniger Grund, das Ganze ausgerechnet für mich zu machen, oder?//
Die Tochter zuckte nur mit den Schultern. „Ich kenne ihn erst seit zwei Tagen, ich kann nicht viel zu sagen. Der netteste ist er aber zumindest nicht, zu mindestens ist er manchmal… etwas ruppig. Wenn er denn redet.“
„Okay, das klingt wirklich schon eher nach ihm.“ Eine lange Pause folgte, in der Renia sanft lächelnd das Mädchen bei ihr anschaute. „Bist du schon einmal auf einem Drachen geritten? Also jetzt mit Fliegen und allem Drum und Dran?“ Sie kannte die Antwort, aber manchmal kamen auch Drachenreiter in die entfernteren Gebiete der Reiche und es war dann immer eine Attraktion, die geflügelten Echsen einmal selbst zu besteigen und gut gesichert durch die Lüfte zu gleiten. Hätte Renia hier Sattel und Zubehör, sie würde dieses Erlebnis ihr definitiv nicht vorenthalten. Doch ihr Reitzeug war leider verschwunden.
„Nein… Und ich denke, es steht mir auch nicht zu, einen Drachen zu reiten. Ich bin ja nur eine arme Bäuerin. Vermutlich komme ich hier nie aus dem Tal heraus, ich bin schließlich auch schon verlobt.“ Sie blickte unsicher zu Renia rüber und spielte verlegen mit ihrer Kleidung, fast als wäre der Gedanke, dass sie jetzt noch Abenteuer erleben könnte, lächerlich.
Die braunen Augen der Verletzten blickten tief in die ebenfalls brauen Augen des Mädchens. „Bin ich auch. Mein Verlobter ist übrigens auch der Grund, warum ich hier bin. Aber lass uns bitte nicht darüber reden.“ Es war zwar nicht ganz die Wahrheit, ging aber in die Richtung. Zu ihrem eigenen Schutz sollte Klorine das jedoch nicht wissen. „Lass dir von keinem einreden, dass du nur weil du nen Kerl an deiner Seite hast, nicht das machen kannst, was du willst. Du bist jung genug um Abenteuer zu erleben. Und wenn du einen Drachen reiten willst, dann wird sich da auch ein Weg finden.“
Die Tochter schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Platz ist hier, bei meiner Familie. Nächsten Sommer heiraten wir, dann ziehe ich zu ihm und kümmere mich dort um die Familie. So wie Olaf seine Verlobte bald hier her holen wird und sie dann hier meinen Platz in der Familie übernehmen wird.“ Sie wirkte nicht wirklich so, als freue sie sich auf diese Zukunft, nahm diese aber zwangsweise an, und Renia konnte es ihr nicht übelnehmen. War sie nicht auch von Zuhause weggelaufen, um solch einem Schicksal zu entgehen? Musste sie sich nicht auch Monate lang in einem kaputten Forsthaus verstecken und versuchen, sich einen Drachen Untertan zu machen, um endlich von ihrem Vater und seinem Willen los zu kommen? Und nun lag sie hier, der Rücken kaputtgeprügelt, hilflos in einem kleinen Dorf fern jeglicher Zivilisation, aber viel zu nah zu ihrem Vater. „Aber ich denke, ich sollte nun gehen, sonst schimpft Mutter wieder, dass ich mich vor der Arbeit drücke.“ Eilig stand Klorine auf und ließ ihren Gast wieder alleine zurück.
Renia legte sich wieder hin, mit dem Kopf zur Wand, und dachte über das nach, was eben passiert war. Das Mädchen tat ihr leid, sah sie sich doch in ihr. Wohl wissend, dass sie sie nicht retten konnte, denn solche Geschichten gab es in jedem Dorf zu Haufen. Sie dachte an ihre eigene Jugend, wie ihr Vater zu ihr war, wie er ihr Leben auf eher negative Art und Weise beeinflusst hatte. Wie sie immer noch der Meinung war, dass jeder anderes ein besserer Vater gewesen wäre. Männer wollten immer nur den schnellen Fick, aber um die Folgen wollten sie sich dann nicht kümmern. Sie war eine dieser Folgen und das trieb ihr vor Wut und Schmerz über das erlittene Leid die Tränen in die Augen. In diesem Moment wünschte sie sich, niemals geboren zu sein. Dann hätte zumindest ihre Mutter ein besseres Leben gehabt.
Gegen Abend kam Elvira noch einmal in die Kammer und wollte sich ihre Patientin genauer ansehen, ehe sie sich selbst zur Nachtruhe begab. „Du siehst eigentlich ziemlich gut aus. Wenn es morgen mit deinen Kopfschmerzen besser ist und du keinen Schwindel mehr hast, denke ich, dass man dich zumindest zu deinem Freund lassen kann.“ Sie tastete wie schon so oft die Stirn ab, ob sich Fieber gebildet hatte. Doch das war auch jetzt nicht der Fall. „Aber irgendwas belastet dich doch, man kann es in deinen Augen lesen. Willst du darüber reden?“
„Nein. Ich will euch alle hier nicht in meine Geschichte reinziehen, tut mir leid.“ antwortete die Angesprochene wahrheitsgemäß. Zudem hatte sie jetzt einfach keine Lust mehr, mit irgendjemandem zu reden. Sie hatte eigentlich auf nichts Lust, höchstens vielleicht darauf, endlich aufstehen zu können und dem Ganzen hier einfach entfliehen. Aber selbst wenn sie das könnte, sie würde es nicht tun. Sie wollte sich schließlich noch für die ganze Arbeit, die die Bauern und die Heilerin mit ihr hatten, bedanken. „Und er ist nicht mein Freund… Er ist nur ein Bekannter oder sowas. Ich weiß gar nicht, warum er hier ist.“
Die Stirn der Alten wurde gerunzelt, sie ließ das Gehörte unkommentiert stehen. „Na gut. Dann leg dich jetzt schlafen. Ich weiß, du hast es gestern nicht gewollt, aber vielleicht nimmst du es jetzt.“ Sie stellte einen Becher mit einer leicht gelben Flüssigkeit auf den Hocker neben dem Bett. „Nimm es, dann kannst du deutlich besser schlafen. Mit den Gedanken, die dich belasten, wirst du doch keinen Schlaf finden.“
Jetzt musste Renia dann doch wieder lächeln, denn an Schlaf konnte sie in der Tat nicht denken. „Ach, irgendwann schläft man schon wegen Müdigkeit ein, da mache ich mir keine Sorge.“
„Wie du meinst. Aber mit der Medizin wirst du morgen auch fitter sein und kannst dann eher deinen… Bekannten treffen.“ Sie lächelte, ging aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Am nächsten Morgen würde sie den Becher leer vorfinden.
Es war noch relativ früher Morgen, doch in der kleinen Kammer war bereits einiges am Laufen. „Autsch… Nicht so fest, bitte.“ maulte die Verletzte, als ihr beim täglichen Verbandswechsel die nicht verletzte Haut gereinigt wurde. Sie hatte tatsächlich einige wundlose Stellen und dort meinte die Mutter wohl, dass sie besonders gut schruppen musste. So als könne sie damit die Stellen putzen, an denen sie aktuell nicht Putzen konnte.
„Haben wir gleich. Für deinen ersten Tag aus dem Bett möchte ich, dass du schön aussiehst. Die Leute sollen ja nicht denken, dass ich meine Gäste nicht zu versorgen weiß.“ Da war wieder der resolut-freundliche Ton einer Mutter, die die Familie schon durch so manche Krise gesteuert hatte und nun sich auch von ihrem Gast nicht in ihr Handwerk reinreden lassen wollte. „Aber deine Wunden sehen schon viel besser aus. Ich denke, noch zwei, drei Tage, dann können wir es mal ohne Verbände versuchen. Es hat nichts mehr geblutet.“
//Immerhin etwas. Auch wenn ich mich jetzt schon vor dem Fäden ziehen fürchte.// dachte Renia, sagte hierzu aber nichts. //Ich hoffe, ihr habt keine Spiegel, in denen ich mich sehe. Bestimmt sehe ich grausam aus.// Das neue Anlegen der Verbände ging problemlos und kaum waren diese stabilisiert, reichte die Mutter ihr auch schon ein Hemd. Denn obwohl die Bandagen doch alles wichtige verdeckte, waren sie recht luftig und zeigten weitaus mehr Haut als es für eine junge Frau angebracht war. Das Hemd wurde eilig über den Kopf gezogen, Renia konnte nicht schnell genug aus dem Bett und damit aus dem Haus kommen.
„Langsam, jetzt setzen wir dich erst einmal auf und dann schauen wir, wie es mit dem Laufen funktioniert. Und Schuhe solltest du auch noch anziehen.“ Gesagt, getan. Das Aufrichten und an der Bettkante hinsetzen funktionierte problemlos, Schmerzen gab es keine und auch der Schwindel blieb aus. Zum ersten Mal seit der Flucht musste Renia vor Freude lachen, hatte sie doch ein erstes Stück wichtiger Selbstständigkeit zurückbekommen. Ungeduldig ließ sie es zu, dass ihr ein paar alte Schuhe angezogen wurden.
Mit der Hilfe der Mutter schaffte sie es sogar, die ersten Schritte zu gehen. Anfangs noch unsicher, aber als sie merkte, dass ihre Beine nicht verletzt waren und lediglich nur etwas außer Übung waren, wollte sie voranstürmen. Ein kräftiger Griff um den Oberarm bremste das Vorhaben jedoch kurz hinter der Tür aus. „Nicht so schnell, junge Dame. Ich will nicht, dass du es nicht mal bis zur Tür schaffst.“ Renia grummelte, aber verstand schnell, dass es besser war. Nach den ersten Schritten war sie dann doch noch etwas wackeliger als sie es sich vorgestellt hatte.
Im Raum selber befand sich zurzeit niemand, auch wenn alle wussten, dass ihr Gast heute zum ersten Mal das Bett verlassen würde. Doch es gab ein paar Dinge, die sich nicht verschieben ließen und daher mussten die ersten Schritte in kleinem Rahmen stattfinden. Mit jedem Schritt, den die Verletzte tat, wurde sie sicher und so ließ ihre Begleiterin sie dann selbstständig laufen. Der Rücken spannte und tat höllisch weh, doch wollte sie sich davon nicht die Freude nehmen, endlich wieder die Sonne auf der Haut zu spüren. Sie war nie jemand, der es lange in Gebäuden aushalten konnte. Daher griff sie die Klinke und öffnete die Tür, um in das warme Licht des Sommermorgens zu treten.
„Urghs!“ Renia war in ihrem Leben schon durch zahllose Türen nach draußen gegangen und sollte eigentlich wissen, was sie an solch einem Tag erwartete, doch wie nahezu jedes Mal wurde die junge Frau von dem hellen, warmen Licht der frühen Morgensonne überrascht. Kein noch so helles Feuer oder Magie konnte es mit dieser Intensität aufnehmen. So musste sie die Augen zusammenkneifen und war einige Sekunden erst einmal komplett geblendet.
Auf der anderen Seite des Hofes, im Schatten einiger Bäume, hatte wie jeden Tag ein Wesen die Tür seit den ersten Sonnenstrahlen des Tages kaum aus den Augen gelassen. Er war heute Morgen noch unruhiger als die Tage zuvor, da er es sich nicht erklären konnte, warum sie noch da drin war. Sein Schatz, diese wertvolle Fracht, musste doch endlich mal aus dem Haus kommen. Und nun ging die Tür auf und innerhalb kleinster Sekundenbruchteile war ihm klar, dass es jemand war, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sein Herz schlug so stark wie schon lange nicht mehr, der ganze Körper wurde durch die Hormone in seinem Blut noch einmal unruhiger und angespannter. Der Drache schnellte in einem kräftigen Satz aus seinem Versteck hervor und sprang mit ungeahnter Geschwindigkeit auf die Frau zu. Erst wenige Handbreit vor ihr blieb er stehen, es war für Außenstehende ein Wunder, dass er sie nicht komplett umgerannt hatte. Natürlich bemerkte er, dass sie noch nicht viel erkennen konnte, es hielt ihn aber nicht davon ab, mit der Schnauze sehr nah an ihr Gesicht zu gehen. Ja, sie war es, zweifelsohne. Das Gesicht und den Geruch erkannte er sofort, auch wenn seine Nase mit Abstand nicht die Beste war. Sie wirkte noch ein bisschen wackelig auf den Beinen und er hatte das Gefühl, dass sie noch hagerer war als er sie bei den Banditen aufgesammelt hatte. Aber, und das war für ihn das Wichtigste, sie lebte und war wohl mittlerweile stark genug, selbst zu stehen und zu gehen.
Natürlich spürte Renia den Windhauch, den er mit seinem Ansturm verursachte, instinktiv riss sie beide Arme vor das Gesicht, nahm diese ob ihrer unnötigen Reaktion aber sofort wieder runter. Stattdessen musste sie nun ein paar Mal blinzeln bis sich ihre Augen endgültig an das Licht gewöhnt hatten. Zunächst sah sie nur eine lila Schnauze, zwei Nüstern und auf jeder Seite eine Bartel hängen. Dazu ein paar Schuppen, einen weinroten Kamm und gefährlich wirkende Reißzähne. Da seine Schulterhöhe ein gutes Stück über ihrem Kopf war, musste sie den Blick ein bisschen heben, um seine goldgelben Augen zu erblicken. Sofort fiel ihr die Wunde über seinem linken Auge auf. Es musste eine große Wunde gewesen sein und er hatte wohl nur viel Glück gehabt, nicht sein Augenlicht verloren zu haben.
Sie wusste, dass er hier sein würde, sie hatte sich auch schon Worte überlegt, die sie ihrem Vergewaltiger sagen wollte. Die Phase, in der sie ihn zu ihrem Sklaven machen wollte, wollte sie jetzt nicht wirklich ansprechen. Doch es war so, als hätte irgendjemand – oder irgendwas – ihre Kehle verschnürt. So konnte sie nicht anders als ihn mit großen Augen anzustarren und den Mund schweigend zu bewegen.
Ihm ging es ähnlich. Wie stellte man sich jemandem vor, den man beim letzten Treffen gewünscht hat, ihn nie wieder zu sehen? Und nun hatte man sie in der Zwischenzeit unter Lebensgefahr aus einem Banditenlager befreit und unter Aufbietung aller Kräfte in Sicherheit gebracht. Nun war es wider Erwarten doch so, dass sich die Beiden so gegenüberstanden als hätten sie nicht mit dem Gegenüber an diesem Ort gerechnet. Verlegen starrte er zurück in ihre braunen Augen. „Schönes Wetter, findest du nicht?“ Er hatte irgendwann mal gelernt, dass wenn man nicht wusste, worüber man reden sollte, das Wetter immer einen guten Ausgangspunkt stellte.
Schweigen. Langes Schweigen. So lang, dass die Mutter aus der Tür kam, sich aber diskret in den Hintergrund stellte, als sie bemerkte, dass Renia einen doch sehr stabilen Stand hatte. Was sollte denn nun auf solch einen Anfang gesagt werden? Aller Hass, aller Zorn, alle Gefühle über ihn waren verschwunden. Es war einfach so absurd gerade, dass Renia nichts anderes blieb, als zu lachen, während Askatrash verwirrt dreinschaute. „Du hast jetzt drei Tage und Nächte auf mich gewartet, hast das Haus wie ein Hund bewacht, und dir fällt nichts anderes ein, als über das Wetter zu reden?“ Ihr ganzes Gesicht strahlte und es war wohl das ehrlichste, freundlichste Lachen, welches sie seit langem über die Lippen bekommen hatte.
Er wusste nicht, was er erwarten sollte, von einer Ohrfeige, von vielen Ohrfeigen, bis hin zu einem Kuss wäre alles möglich gewesen. So folgte ein schlichtes Zucken mit den Schultern. „Schön, dass es dir wieder besser geht.“ Er senkte den Kopf und schaute auf den Boden. Es war ihm unangenehm, das zu sagen, auch wenn er es eigentlich die ganze Zeit über sagen wollte.
Unsicher über den weiteren Verlauf der Unterhaltung, berührte sie ihn vorsichtig auf der Schnauze und gewann so auch seinen Blick zurück. „Schön auch dich wieder zu sehen…“ //Habe ich das jetzt wirklich zu ihm gesagt? In diesem Tonfall? Oh Renia, hast du etwa einen Schlag auf den Kopf bekommen? Du warst doch froh, dass er weg war.// Sie lächelte verlegen. „Und… Danke für das Alles…“
Langsam hob der Drache den Kopf und wusste nun endgültig nicht mehr, was zu tun war. Sie berührte ihn sanft, machte ihm keine Vorwürfe, kein gar nichts. Sie stand einfach da und bedankte sich bei ihm. Wie man es bei einem Retter nun mal tat, auch wenn Retter einen für gewöhnlich in der Vergangenheit nicht vergewaltigt hatten. „Gern geschehen. Für dich würde ich es jeder Zeit wieder machen.“ //Was? Wie? Das soll ich mir nochmal antun? Für sie? Die mir das Leben aus den Eiern prügelt? Ich meine einmal ja, aber nochmal… Irgendwann ist ja auch mal genug, oder?// Er grinste. Langsam aber sicher kam er mit der Situation zurecht. „Gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich. Und du weißt ja, ich bin kein Drache, der Gold haben will.“
„Sowas aber auch! Schäm dich!“ Die Mutter schrie entsetzt auf, als sie diese Worte hörte. Sowas unerhörtes hatte sie ja schon lange nicht mehr gehört. Er sollte sich was schämen, so etwas zu verlangen.
Renia hatte die Hand von vorne auf sein Maul gelegt und ihm damit unmissverständlich gezeigt, dass er jetzt erst einmal nichts mehr zu sagen hat. Sie drehte sich in der Hüfte nach hinten und schaute ihre Gastgeberin frech grinsend an. „Keine Sorge, das bin ich von ihm gewöhnt. Es ist nur seine Art, mir zu sagen, dass es ihm gut geht.“ Die ältere Frau beruhigte sich wieder, schüttelte dennoch den Kopf und schien innerlich über die jungen Leute von heute zu meckern, welche sich nicht an Recht und Anstand halten wollten. Und an Askatrash richtete Renia: „Pass du mir lieber mal auf, dass es nicht heißt ‚Junge, starke Frau rettet hilflosen, schwachen Drachen aus misslicher Lage‘.“ Er hatte das Eis nun endgültig gebrochen und so nutzte sie sie Gelegenheit der Stunde und packte ihn an seinen Barteln, je Hand eine. „Aber im Ernst… Danke. Danke, danke.“ So schnell wie sie locker wurde, so schnell wurde sie auch wieder ernster. „Ich… Du… Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich in Gefangenschaft geblieben wäre.“ Sie schwieg, denn sie wusste es genau, die Banditen hatten ihr gesagt, was sie mit ihr vorhatten und sie wusste auch, wohin die Reise geführt hätte.
Der Drache schwieg, denn er wusste tatsächlich nicht, wovor er sie gerettet hatte. Er hatte sie nur in dem Lager gesehen und gewusst, dass sie dort unmöglich bleiben konnte. Es brauchte eine Weile, in der Renia ihm ins Gesicht schaute und er einfach nur zurückschaute. „Und du… Wie geht es dir so?“ fragte sie ihren Drachenfreund nach einer langen Pause. Wie hatte sie es geschafft, so lange nicht zu bemerken, dass er sein rechtes Vorderbein nicht belastete und in einer Schonstellung unter dem Körper hielt?
„Ganz gut eigentlich… hab ein paar kleinere Wunden bekommen, aber nichts dramatisches.“ Er lächelte etwas verlegen, wollte die Situation etwas entschärfen.
Es klappte, sie lächelte zurück. Natürlich ahnte sie, dass er einige heftige Verletzungen abbekommen haben musste, sonst würde er das Bein ja nicht heben. Sie sah nun auch, dass etwas vom Flügel versteckt, eine große Wunde an seiner rechten Flanke, an der Schulter, sichtbar war. Diese sah gepflegt aus, er musste sie sich mehrfach geleckt haben, aber dass es eine tiefe, heftige Wunde war, stand außer Frage. „Schön, dass es dir gut geht…“ Langes Schweigen, dann rutschte ihr ein Satz heraus, den sie nicht sagen wollte. „Du hättest dich aber nicht für mich in die Gefahr begeben müssen.“
Askatrash nahm die Bemerkung nicht negativ auf. Er grinste stattdessen. „Nö, hätte ich nicht müssen. Aber hey, es hat irgendwie auch Spaß gemacht, blutrünstige Bestie zu spielen, Menschen verbrennen, sie aufzuschlitzen, ihr Blut zu schmecken. Alles zu machen, wofür wir Drachen berühmt sind.“ Die Worte kamen längst nicht so selbstsicher aus seinem Maul wie er es sich gewünscht hatte. Er wollte doch das starke Männchen spielen, und jetzt merkte er, wie schwach er eigentlich war. Noch immer stand er ruhig da, mit seinen Barteln in ihren Händen. Es war etwas unangenehm, aber es gefiel ihm, war es doch auch ein Stück der Beweis, dass seine Renia wieder da war.
Sie schauten sich noch eine Weile an und beruhigten sich dadurch gegenseitig. Seine Versuch, möglichst männlich dazustehen, wurde durch sein Strahlen, sein Lächeln, die Tränen in den Augen, als er ihr Lachen sah, eigentlich fast ins Lächerliche gesehen. Er hatte durch das, was er getan hatte, mehr als bewiesen, dass er ein ganzer Kerl war. Renia wusste, dass auch er seine Gefühle haben durfte, er es sich nur nicht eingestehen wollte. „Komm, lass uns mal ein paar Schritte tun, ich würde gerne wissen, wo ich hier eigentlich bin.“ Eine Bartel wurde losgelassen, die andere als eine Art Leine verwendet. Kylatrin schüttelte nur den Kopf, bemerkte dann aber, dass die Beiden ganz offensichtlich ihre Hilfe nicht mehr brauchten und verzog sich daraufhin in ihr Haus. Etwas Zeit für sich würde den beiden Turteltauben bestimmt nicht schaden.
„Ja… Das klingt nach einem guten Plan…“ Dass sie damit so schnell wieder anfing, damit hatte er nicht gerechnet. Aber Askatrash ließ Renia gewähren, im Moment war er einfach nur froh, dass sie wieder da war und sich auch vorsichtig bewegen konnte. Zwar merkte er, dass sie noch nicht so ganz stabil lief, aber vom Umkippen oder so war sie weit entfernt. Und irgendwie gefiel es ihm ja auch sehr, dass sie gleich die Zügel in die Hand nehmen wollte. Seine Renia, deren Rettung er als etwas alltägliches abtun wollte, war wieder da und es schien ihr tatsächlich den Umständen entsprechend auch gut zu gehen.
Zielstrebig steuerte sie ein Stück Gras unter den Bäumen an. Vorsichtig setzte sie sich auf den Boden und atmete tief durch. Jetzt, nach dem ersten Wiedersehen, spürte sie ihren Rücken wieder. Es brannte und die Nähte spannten ziemlich, doch sie ließ sich nichts anmerken. Stattdessen blickte sie über die Wiese, den Hang hinunter ins Tal, mit Richtung Talende. „Schöner Ort hier.“ Er legte sich derweil dicht neben sie auf die linke Seite, den Kopf auf den Boden. „Nichts da.“ Sie packte wieder die Bartel und zog ihn daran vorsichtig in die Höhe, natürlich darauf bedacht, dass er freiwillig den Kopf in die Richtung bewegte. Zu seinem absoluten Erstaunen legte sie seinen Kopf vorsichtig in ihren Schoß und begann damit, ihn zwischen den Augen zu kraulen. Als hätte sie das schon die ganze Zeit gemacht und wäre es das natürlichste der Welt, dabei war es das erste Mal, dass sie so sanft mit ihm umging.
//Was… Was macht sie denn jetzt? Oh… Das fühlt sich gut an… Bitte nicht aufhören…// dachte er sich. Er selbst wusste gar nicht, dass er da so empfindlich war und dass es sich so gut anfühlte, gekrault zu werden. Im ersten Moment hatte er gedacht, dass sie dort anfangen wollte, wo sie aufgehört hatte. Offenbar hatte er nun eine etwas andere Renia vor sich. Er fühlte sich so respektiert, so ernst genommen. Ein sehr komisches, unwirkliches Gefühl. Aber es gefiel ihm. //Wenn das dauerhaft so ist, könnte ich mich daran gewöhnen.//
„Warum bist du eigentlich wiedergekommen? Es klang bei unserem letzten Abschied jetzt nicht so als würdest du mich noch einmal wiedersehen wollen.“ fragte sie ihn ruhig. Sie war selbst irgendwie ein bisschen verwundert, dass sie nun so sanft zu ihm war. Ja, es hatte sich schön angefühlt, ihn an der Bartel zu ziehen, sie hätte aber damit aufgehört, wenn er sich gewehrt hätte. Der Gedanke, aus ihm einen Sklaven zu machen, was verschwunden. Aber ab und zu mal bei ein paar unartigen Dingen das Sagen zu haben… Das wäre schon was Feines.
Die Frage ging ihm während der Warterei auf sie auch schon durch den Kopf. Wann war der Moment, als er realisierte, dass es ein Fehler war, von ihr abzuhauen und er damit begonnen hatte, nach ihr zu suchen? Als er merkte, dass ohne Menschen es schwieriger an Essen zu kommen war? Dass er dafür sogar arbeiten musste? Der Grund, dass Menschen trotz, oder gerade wegen, ihrer geringen Größe immer gute Schlafplätze fanden, die trocken und halbwegs warm waren? Oder als er merkte, dass Wichsen alleine doch nicht so viel Spaß machte und er die deutlich intensiveren Orgasmen mit ihr bekam? Etwas hatte er sich ja schon daran zurückgesehnt, mal wieder gefesselt zu sein. Einfach da hängen und auf seinen Orgasmus warten. Die Schmerzen, welche er hatte, waren oft erregend und es war schon geil, seine eigenen Eier geschwollen zu sehen. Als er diese Gedanken realisierte und bewusst wahr nahm, wurden seine Augen groß und er musste schlucken. //Askatrash… Ist dir klar, wie rattig du warst, wenn sie dich hart rangenommen hast? Du bist offenbar einer von denen, die darauf stehen, geschlagen zu werden, Schmerzen zu haben…// Normalerweise war er es doch immer, der Schmerzen austeilte und es genoss, diese zu sehen. Und nun realisierte er, dass er es genauso genoss, am anderen Ende der Peitsch zu stehen. //Das darf Renia aber nie erfahren, sonst nimmt sie dich gar nicht mehr ernst. Du bist ja schon fast ein Schoßhündchen für sie.// Er musste sich zusammenreißen, nicht den Kopf von ihrer Hand wegzuziehen. „Keine Ahnung… Ich habe irgendwann ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich als großer, starker Drache eine kleine, schwache Frau alleine lasse…“
Lautes Lachen folgte. Nein, das konnte Renia bei bestem Willen nicht ernst nehmen noch ihm dafür auch noch in irgendeiner Weise böse sein. „Du bist ein schlechter Lügner, aber es schmeichelt mir natürlich, dass du ausgerechnet mich schützen willst. Das ist sehr lieb von dir.“ Sie schaute ihm grinsend in die Augen und strahlte, man konnte ihr ansehen, wie glücklich und erleichtert über diese Situation war. „Damals auf dem Plateau hast du aber anders von mir gedacht.“
Askatrash schwieg lange. Das Plateau, aber auch die Situation davor, das waren jetzt nicht unbedingt Zeiten, an die er sich wirklich erinnern wollte. Umgekehrt gäbe es ohne diese Episoden auch keine Streicheleinheit im Grünen während eines schönen Sonnenbades. Erst wollte er sagen, dass man ja sah, wozu das führte, aber das wollte er nicht sagen. Es klang ihr gegenüber zu fies. „Meinungen ändern sich. Zu deinem Glück, würde ich sagen.“
„Ja… Ohne dich wäre ich nicht hier. Ohne dich wäre mein jetziger Zustand, egal wie er auch sei, schlimmer… Viel schlimmer…“ Schon als sie ihn zu ihrem Sklaven machen wollte, war er das ein oder andere Mal wohl ein Schutz gegen Kopfgeldjäger und andere Ganoven. Damals lebte sie noch viel dichter an dem Ort, den sie niemals wieder betreten wollte, wodurch die Gefahr des Entdecktwerdens viel höher war. „Danke nochmals, ich kann dir gar nicht genug danken.“ Ein bisschen schämte sie sich dafür, was sie ihm angetan hatte, jetzt im Nachhinein hatte er es nicht verdient. Aber hätte er es auch getan, wenn sie ihm nicht vorher Respekt vor ihr beigebracht hätte?
Auch er wurde ernster und dachte an ein unschönes Thema seiner Vergangenheit, wie er von den Menschen für seine Untaten bestraft wurde und dann faktisch als vogelfrei galt. „Und ohne dich wäre ich auch in einem ganz anderen Zustand. Da würde mir einiges mehr fehlen.“ Als Renia den Drachen erwischte, hatte er auch seinen eigenen Steckbrief, man wollte zwar nicht seinen Kopf, aber ihn zumindest entmannen. Nicht zu Unrecht, das musste er sich eingestehen, aber seiner Strafe wollte er sich dann doch nicht stellen.
So saß sie mit ihm auf dem Schoß auf der Wiese nahe des Hofes in welchem ihr Leben gerettet wurde. Vorsichtig streichelte sie dem Drachen über den Kopf und versuchte, ihre Gedanken etwas zu beruhigen. Klar, sie freute sich über diesen Moment der Ruhe und der Intimität mit ihm, dessen Anblick sie sehr überrascht hatte. Auf eine sehr positive Art und Weise, denn für ihn unbemerkt überlegte sie sich schon, was sie wie mit ihm machen konnte. Gar nicht mal sexuell, denn darauf hatte sie im Moment keine wirkliche Lust, dazu war sie dann doch noch zu geschwächt. Aber vor dem Ganzen konnte sie viel zu selten ihn Reiten, auf ihm durch die Lüfte fliegen, mit ihm waghalsige Manöver machen.
Ihre Augen schlossen sich und vor ihr breitete sich das Land, die Berge, die Täler tief unter ihr aus. Renia saß in diesem Tagtraum auf ihm, mit dicken Kleidern und speziellen Stiefeln gegen die Kälte und die Gefahr des Absturzes geschützt, während er seine mächtigen Schwingen ausbreitete und ab und an mal einen Schlag tat. Der eisige Wind der höheren Luftschichten konnte ihr an den wenigen ungeschützten Hautflächen nichts anhaben, das atemberaubende Gefühl der Freiheit und des Fliegens ließen es nicht zu, dass ihr so etwas triviales wie kalter Wind die Freude und die Lust verderben konnte. Ihr Schwert sicher in seiner Scheide verpackt, so würde sie als unabhängige Drachenreiterin dann Abenteuer erleben, sich etwas Reichtum schaffen und stärker werden. Und dann würde sie ihren Peinigern, diesen Arschlöchern, diesem Abschaum entgegentreten und das beenden, was sie angefangen hat.
Plötzlich wurde ihr kalt. Die Sonnenstrahlen wärmten sie nicht mehr, ihre Seele und damit ihre Gedanken und die Mimik verfinsterten sich. Von den Höhen der Freiheit auf dem Rücken eines Drachens war sie in die tiefsten Tiefen der Gefangenschaft ihrer eigenen Vergangenheit geraten, wie sie es für nicht möglich erachtet hätte. Ihre Kehle schloss sich, sie stoppte das Streicheln und blickte kalt nach vorne. Die Schmerzen ihres Rückens flammten auf wie ein Feuer, welches trockene Zweige zum Fressen bekam und mit ihnen all die Sätze, die Sprüche, die Qualen, welche sie ertragen musste.
Askatrash, trotz der Zärtlichkeit relativ wachsam geblieben, schreckte auf. Irgendwas war passiert, sie hatte plötzlich das Streicheln eingestellt und mit dem Auge, welches er ihr entgegenstreckte, konnte er sehen, dass sich ihre Mine drastisch verändert hatte. Er hob den Kopf und schaute sie an. „Renia? Alles in Ordnung? Hast du was gesehen?“ Hastig blickte er sich um, er hielt das für ein Schreckmoment. Waren Reiter oder andere Banditen zu erkennen? Leute, welche wie Kopfgeldjäger aussahen? Seine Pupillen wurden eng, das Gesicht streng und er suchte jeden Flecken ab, den er erkennen konnte. Zunächst die Wege, dann den Wald, doch er fand nichts. Was war es dann, dass sie so versteinern ließ?
Erst langsam spürte die junge Frau, wie sie wieder die Kontrolle über ihren Körper zurückbekam. Sie zitterte stark, hatte kalten Schweiß auf der Stirn und starrte zunächst in die Ferne, um dann vorsichtig seinen Blick zu erwidern. „Ich… Ich weiß es nicht…“ Es war schrecklich, sie fühlte fast jeden Hieb, jeden Griff noch einmal, fast als wäre sie in dieser Situation gefangen. Ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertsein übermannte sie und ihren Geist. Instinktiv griff sie nach seinem Kopf, wieder den Barteln, die vor ihrem Gesicht hingen. Verzweifelt schaute sie ihm tief in die Augen. „Bitte… Bitte versprich mir, dass du nicht gehst, dass du nie von meiner Seite weichst. Ich geb dir alles was du willst… Du darfst mich benutzen, wann du willst.“ Ihre Hände zitterten und waren verkrampft, das spürte er auch in seinen eigentlich recht unempfindlichen Barteln. „Nur bitte geh nicht weg!“
Der Drache war vollkommen überrumpelt von der Situation. Eben noch hatte sie einen festen, stabilen Eindruck gemacht, war wieder die Herrin, sie hatte ihn in den Händen und er hatte es genossen. Und nun wirkte sie aufgelöst, fahrig, ängstlich. Was ging hier vor sich? War sie von bösen Mächten befallen? Wurden ihr Kräuter untergejubelt? Das konnte er sich nicht so vorstellen, aber er hatte auch keine Erklärung für das Verhalten. Er merkte lediglich, dass es nicht gespielt war, dass es echt wirkte. Er sah den Schweiß, sah die Augen die ihn anstarrten, das verspannte Gesicht. Und diese Bitte, die sehr ernst klang. Er wusste instinktiv, dass er jetzt handeln musste. „Ich werde nicht weggehen, Renia. Ich habe dich hier her gebracht, habe um dich gekämpft, werde dich nicht aufgeben.“ Er schluckte. Es war nicht so, dass ihm die Worte leicht fielen, er wusste darum, dass er sich jetzt ernsthaft band. Und dass alles, was noch wenige Minuten zuvor geredet wurde, nur ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem war. Das, was sie peinigte, kam offenbar aus dem nichts und überfiel sie hinterrücks. Tränen drangen in seine Augen, sie so hilflos zu sehen, er fühlte sich in die Nacht von vor drei Tagen versetzt, so angstvoll. „Ich schwöre, dass ich dir immer treu sein werde und immer an deiner Seite stehen werde, egal was auch passiert.“ Dann drückte er seine Schnauze an ihre Stirn, als Zeichen der Übereinkunft.
Die Verkrampfungen in den Armen wurden schwächer, im Moment der Berührung begann sie damit, langsam und tief einzuatmen. Sie presste ihre Stirn gegen die seinige und schloss die Augen. Es tat so gut, diese Worte zu hören und noch viel mehr ihn zu spüren. Das kräftige Männchen, ihren Retter. Langsam trat sie zurück in die Realität, in der niemand anderes als er und sie waren, in der sie auf einer Wiese in der Sommersonne saß. Renia ließ seine Barteln los, nur um sich dann irgendwie anders an seinem Kopf festzukrallen. Tränen flossen ihre Wangen herunter und sie begann kräftig zu weinen. Auf der einen Seite war sie so unendlich froh, endlich die Sicherheit zu haben, welche sie seit Jahren suchte, auf der anderen Seite war sie über sich selber geschockt. Bis eben dachte sie, dass sie die Situation gut weggesteckt hatte und nun so etwas. „Danke...“ Mehr brachte sie in dieser Lage nicht über die Lippen.
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