Laut Wikipedia war die Animatrix-Sammlung tatsächlich nur als Hintergrundmaterialien für Matrix-Fans gedacht, ein bisschen mehr vom Gleichen im hübschen Anime-Gewand. Ich weiß aber, dass damals, als DVDs noch relativ teuer waren, Animatrix schon als der heiße Scheiß aus dem Matrix-Universum gehandelt wurde, und wenn man sich das Ganze heute anschaut, konkurrieren die Kurzfilme durchaus mit dem ersten Matrix-Film um das Beste, was die Matrix-Idee hervorgebracht hat. Denn auch dieser erste Film hat ja durchaus seine Schwächen, nach dem fulminanten Einstieg gibt es lange illustrierte Laberpassagen. Animatrix hat die auch, insbesondere die beiden „The Second Renaissance“-Filme sind letztendlich eine illustrierte Geschichtslektion, aber es hat auch einige sehr starke, für sich funktionierende Kunstwerke und sogar einen der visuell herausragenden Animationsfilme neuerer Zeit, der sich fast unter den schönsten Animationsfilmen überhaupt platzieren könnte.
Zuvor noch Bemerkungen zu ein paar anderen Filmen: Interessant ist der Eröffnungsfilm, der mit dem CGI der damaligen Zeit geschaffen ist und eigentlich schrecklich gealtert sein müsste, es aber nicht ist. Ja, die Figurenanimationen sehen tatsächlich schlimm aus, Körper und Gesichter dagegen durchaus noch ganz okay. Nicht in dem Stil heutigen CGIs, das versucht, Menschen tatsächlich zu imitieren und kurz davor im Unheimlichen Tal stecken bleibt, sondern wie bessere Videospiel-Zwischensequenzen aus den 2000er Jahren, was zur Matrix eigentlich ganz gut passt. Gerettet wird der Film aber vor allem durch die noch immer überwältigenden Außenaufnahmen der Oberwelt; mit starkem Schwarz-Blau-Kontrast wird hier eine gelungen stilisierte apokalyptische Landschaft geschaffen. Die Story freilich beginnt zwar ganz gut, endet aber schwach mit einem Alle-sterben-Manöver. Überhaupt sind die abrupten und gewaltsamen Enden einiger der Stories ihr Pferdefuß, etwa auch beim visuell schwächsten Film „Program“, der die interessante Idee einer Revolution gegen die Revolution ansetzt, die Frage, ob man nicht ganz berechtigt sein könnte, in die Matrix zurückzuwollen, und das Ganze dann als Test abbricht.
Der erzählerisch stärkste Film ist „Beyond“, eine Alltagsgeschichte von einer verschwundenen Katze und einem Spukhaus innerhalb der Matrix, das natürlich eigentlich einen Glitch in der Matrix darstellt, er zeigt überzeugend und emotional den Blick auf das alltägliche Leben innerhalb der Simulation, ohne gleich wieder auf die großen Fragen von Widerstand, Mord und Umsturz zu lenken. Auch visuell arbeitet der Film stark mit dem Einsatz von Licht und Schatten und einem Stil, der es durchaus mit den stärkeren Animes seiner Zeit aufnehmen kann.
Und dann ist da noch „Detective Story“, ein audiovisuelles Meisterwerk, das ganz im Stil körniger Zeitungsfotos aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehalten ist und auf diese Weise eine dichte Noir-Geschichte von einem Detektiv erzählt, der nach einer Hackerin namens Trinity suchen soll. Auf YouTube gibt es viele Clips aus diesem Film, aber es lohnt sich wirklich, ihn ganz und auch mehrfach anzuschauen.
Auch die gezeichneten Kurzfilme wurden offenkundig computergestützt animiert, wobei ich nichts dazu gefunden habe, ob die Bilder manuell von Hand gezeichnet wurden oder digital gezeichnet; teilweise finden in jedem Fall Kamerafahrten statt, die nahelegen, dass Zeichnungen über ein 3D-Modell gelegt wurden. Alles Techniken, mit denen der Anime seit den späten 90er Jahren es immer wieder schafft, für relativ geringe Budgets visuell überwältigende und zugleich klassisch animiert wirkende Filme zu schaffen. Vor allem, weil solche Techniken eingesetzt werden, um die Arbeit zu erleichtern, nicht, um die Filme damit zu überladen und die Zuschauer durch Bewegung und Opulenz zu erschlagen. Die Filme werden getragen von wenigen Bildern, spärlichen Kamerafahrten und einer durchdachten Bildkomposition
Was mich auf meine schon häufig wiederholte Frage drängt: Es scheint sowohl vom Arbeitsaufwand als auch vom Budget her eigentlich ganz gut machbar zu sein, Animationsfilme zu erstellen, bei denen die Qualität der Bilder im Mittelpunkt steht, und was 2003 günstig möglich war, sollte 2025 noch sehr viel günstiger möglich sein. Und es gibt offenkundig weiterhin einen Durst nach künstlerisch anspruchsvollen Animationsfilmen. Warum stoßen also mit der heute verfügbaren Technik nicht mehr kleine Teams in die Lücke, die vor allem auf dem westlichen Markt Disney gelassen hat (im Bereich Anime werden solche Filme ja doch noch häufiger gemacht, wenn sie sich auch häufiger eines massenkompatibleren Stils bedienen als die Filme aus Animatrix oder neuere Meisterwerke wie „The Valley of the Birds“, „Moon“ und „Rain Town“)?
Welches Zauberberg Hörbuch? Westphal oder Sarbacher?
Es gibt eine neue, und erstmals vollständige Hörbuchausgabe von Thomas Manns Zauberberg. Da ich das alte Gerd-Westphal-Hörbuch nur auf Kassette habe, habe ich mich nach einigem Zögern für diese Variante entschieden, statt mir den Westphal digital zuzulegen. Der Grund: die doch überraschend unterschiedliche Laufzeit. Mir war immer klar, dass die alte Ausgabe gekürzt ist, aber dass Westphal nicht mal 19 Stunden läuft und die neue Variante, gelesen von Thomas Sarbacher, fast 40, das ist doch überraschend. Meistens kann man über den Daumen gepeilt folgendermaßen rechnen: Je nach Lesegeschwindigkeit und Zeichenzahl pro Seite dauern 100 Seiten Buch für gewöhnlich etwa drei Stunden. Der Zauberberg hat je nach Ausgabe zwischen 700 und 1000 Seiten, so dass ich 20 Stunden Hörbuch für zwar doch deutlich, aber nicht exzessiv gekürzt gehalten habe. Vorsicht, das ist noch kein Urteil, sondern eine Vorüberlegung.
Nun denn, der neue Zauberberg. Sarbacher liest wirklich ordentlich, bei einem Roman, bei dem es weniger auf Ton und Stimmung ankäme, würde ich sogar sagen ziemlich gut, aber er ist eben definitiv nicht Gerd Westphal. Das hat zwei Nachteile. Gerd Westphal ist über die Jahrzehnte derart zur Stimme der Thomas-Mann-Romane geworden, dass es durchaus schwerfällt, Thomas Mann zu hören, ohne ihn sofort mit Gerd Westphal zu vergleichen und einen Mangel zu bemerken. Man mag das aber noch unter Nostalgie abheften. Wichtiger: Für genau solche Romane ist Gerd Westphal ein verdammt guter Vorleser. Er besitzt eine relativ tiefe, voluminöse Stimme, die schon dadurch gut geeignet ist für Texte, in denen der Erzähler sich als “raunender Beschwörer des Imperfekts” gefasst hat, wie es Thomas Mann will, also nicht nur für Mann, sondern z.B. auch für Hugo oder Dostojewski. Bei Westphal liegt zugleich aber auch immer eine gewisse Wärme in seinem Vorlesen, die diese Funktion des Erzählens, wie in der Lagerfeuer-Erzähltradition, noch unterstreicht. Und dann: Westphal beherrscht meisterhaft die Balance zwischen reinem Vorlesen und stilisiertem Hörspiel. Es gab insbesondere auf dem deutschen Hörbuchmarkt eine Zeit lang die Mode, jede Rolle im Hörbuch in überzogener Weise mit der Stimme zu spielen, hervorgegangen wahrscheinlich aus dem Erfolg von Rufus Beck, dessen kaum erträgliche Schrei- und Quietsch-Performance durch die Erfolge mit Harry Potter für einige Zeit zum Goldstandard erhoben wurde. Auch bei Westphal liegt in jeder einzelnen Stimme eine gewisse Individualität, aber er macht das sehr subtil, etwa durch leicht angedeutete Aussprachevarianten, Höhen und Tiefen, einen sich nur ganz vorsichtig mitteilenden Sprechhabitus (Ausnahme die ebenfalls unhörbare Aufnahme von “Schuld und Sühne”). Aber er macht das eben doch, er verleiht den Figuren auf diese Weise unverwechselbares Profil, ohne durch exzessives Schauspiel aus dem Fluss der Erzählung herauszureißen. Das macht Sarbacher nun gerade nicht. Er ist kühl, distanziert, klar, wie es mittlerweile auf dem deutschen Hörbuchmarkt wieder Usus scheint. Ja, sein Ton hat beinahe etwas Schneidendes, was dem Ganzen eine gewisse Distanz verleiht, der Atmosphäre nicht gut tut. Das ist nicht super schlimm, man gewöhnt sich durchaus daran, aber es ist meines Erachtens nicht die Präsentation, die einem Werk vom Erzählhabitus und Inhalt des Zauberberg am besten bekommt.
Das heißt: Wenn es allein um die Präsentation geht, ist mein Urteil eindeutig. Obwohl Sarbacher einen guten Job macht, würde ich immer Gerd Westphal vorziehen und dazu raten, Gerd Westphal vorzuziehen.
Allerdings ist das neue Hörbuch eben doppelt so lang wie das alte, was zeigt, wie weitreichend die Kürzungen beim alten ausgefallen sind, einmal vorausgesetzt, Westphal liest nicht einfach deutlich schneller (und das ist nicht mein Eindruck, eher dürfte Sarbacher ein Stück schneller lesen). Aber ist das längere Hörbuch damit definitiv das bessere? Ihr wisst, ich bin kein Anhänger der Genieästhetik und auch keiner ihrer modernen Fortsetzungen in der Vorstellung, dass das Werk immer so am stärksten ist, wie es der Originalautor sich vorgestellt hat. Zudem: Ein Hörbuch ist trotz Textgleichheit auch immer ein anderes Werk als das Buch, das es vertont. Ich möchte nun nicht sagen, dass man den Zauberberg als gedrucktes Buch selbst kürzen müsste, aber als jemand, der diesen Roman mehrfach gelesen hat und das Hörbuch in der 20-Stunden-Version wahrscheinlich zehn bis zwanzig Mal gehört, muss ich zugeben, mir hat beim Hören bisher so wenig gefehlt, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass so viel gekürzt wurde. Sicher, wenn ich jetzt die lange Version anhöre, kann ich mir einige Stellen, die größtenteils weggefallen sein dürften, schon gut vorstellen, etwa der wirklich unerwartet lange Rückblick in die Kindheit und Jugend von Hans Castorp und das Leben bei den Tienappels, die man beim Lesen relativ schnell liest, beim Hören dann aber doch überrascht ist, dass man jetzt etwa eine Stunde hier verbracht hat und noch immer nicht zurück ist auf dem Zauberberg. Dann auch Exkurse wie den über die Zeit und den über das Erzählen, die sicherlich in der Westphal-Version deutlich gerafft wurden. Auch eine längere Passage über die Kindheit und Jugend und die Ausbildung Elia Naphtas kommt mit ziemlicher Sicherheit bei Westphal nicht vor. Aber die geistige Essenz des Zauberbergs war in dieser Version doch stets so anwesend, wie auch die überzeugend überlebensgroßen Figuren, die mitreißenden Dialoge zu Philosophie, Politik und Religion und die ganze überwältigende Atmosphäre des Berghofs, die das kürzere Hörbuch überzeugend transportiert. Ja, in gewisser Weise sogar überzeugender, weil eben die Präsentation so viel gelungener ist. Und das Hörbuch dämpft zugleich einige der kompositorischen Schwächen des Romanes, etwa die von mir hier schon in einem eigenen kurzen Artikel kritisierte allzu starke Reihenstruktur bei der Einführung der Figuren. Entsprechend gehe ich tatsächlich davon aus, dass ich bei meinem nächsten Durchgang durch den Zauberberg wieder meine Westphal-Kassetten hören werde und mir den vollumfänglichen Roman für die nächste Lektüre aufsparen. Ein Hörbuch ist, wenn auch in anderer Weise als ein Hörspiel, noch einmal ein Kunstwerk für sich, und das Gesamtpaket aus Text und der Art des Vortrags ist in der gekürzten Version überzeugender.
„Der Bahnhof in Plön“ von Christoph Ecker.
„Der Bahnhof in Plön“ von Christoph Ecker ist wirklich ein verwirrendes Buch. Ihr erinnert euch, Schiefgelesen hatte den relativ unbekannten deutschsprachigen Autor in ihrem Blog empfohlen, ich habe hier schon die Erzählung „Die letzte Kränkung“ besprochen, die zu den besseren Neulektüren meiner vergangenen Jahre gehört. Auch „Der Bahnhof in Plön“ ist wieder sehr interessant, diesmal ein knapp 400-seitiger Roman, aber vom Ganzen bin ich nicht so überzeugt wie von „Die letzte Kränkung“.
Der Roman beginnt sehr drastisch mit einem Typen, der anscheinend in New York lebt und finstere Aufträge von einer namenlosen Organisation annimmt. Wir folgen ihm sehr detailliert, wie er Leichen von einem Raum in einem Hotel in einen anderen verräumt und schließlich auflöst. Das Ganze wird in einer Weise beschrieben, die offenkundig Abscheu und Ekel auslösen soll. Der Text liest sich wie ein besonders finsterer Hardboiled-Roman, bis dann wegen einer Komplikation (der Protagonist musste eine Zeugin aus dem Weg räumen) ein neuer Auftrag gegeben wird. Zu den sehr expliziten Gewaltdarstellungen der ersten 50 Seiten kehren wir nicht mehr zurück, stattdessen folgen wir dem Protagonisten jetzt noch zu zwei bis drei weiteren Aufträgen und Konflikten mit seinen Auftraggebern, während mit der Zeit mehr über seine Vergangenheit enthüllt wird.
Wer dem Glauben anhängt, dass sich Literatur spoilern lässt, sollte ab hier nicht mehr weiterlesen. Texte lassen sich aber nur an der alleräußersten Oberfläche diskutieren, wenn man sogenannte Spoiler außen vor lässt, und ich möchte jetzt zumindest ein kleines bisschen in die Tiefe gehen.
Mit der Zeit nämlich stellt sich heraus, dass der Protagonist kein Mensch ist, wie wir, da gehe ich zumindest mal von aus. Ein erster Hinweis: Er steigt in New York in die U-Bahn und kommt in Paris wieder raus. Was anfangs noch darauf hinweisen könnte, dass wir uns in einer anderen Art von Welt befinden, wird mit der Zeit immer mehr an Fähigkeiten des Protagonisten rückgebunden. Der kann nämlich das U-Bahn-Netz für sogenannte Sprünge verwenden, und auch schon relativ früh lesen wir erste Rückblenden in eine eher mittelalterlich wirkende Zeit, in der die Menschen in Festen (Burgen, nicht Partys) leben und sich bekriegen, wobei die Feste des Protagonisten irgendwann untergegangen ist und die Bewohner sich in Zeitkapseln retteten. Ein paar spätere Hinweise lassen es recht wahrscheinlich erscheinen, dass es sich beim Protagonisten wie auch bei der Organisation, die ihm Aufträge erteilt, um das handelt, was bei uns den Legenden von Feen und kleinen Leuten zugrunde liegt. Das Ganze ist prinzipiell interessant erzählt, anders als andere Autorinnen und Autoren, die ein Mysterium in den Mittelpunkt ihres Textes stellen, ist der Autor hier wie auch schon in „Die letzte Kränkung“ trotz allem bemüht um eine atmosphärische Arbeit und das Erzählen in einer Weise, die Spannung aufbaut und Interesse daran weckt, wie es weitergeht.
(ff.: Spoiler, falls ihr an Spoiler glaubt)
Im Gegensatz zu „Die letzte Kränkung“ allerdings fehlt mir hier dann doch ein bisschen sehr viel in Richtung der Lösung der im Text aufgebauten Rätsel. Man kann noch gerade so dahinterkommen, dass unter den Überlebenden des Reiches irgendeine Art von Machtkampf tobt und dass der Protagonist wohl theoretisch irgendeine Art von Herrscherwürde für sich beanspruchen könnte. Doch allzu viel hängt mir in der Luft. Nicht mal bezüglich des Worldbuildings, der Geschichten hinter der Geschichte, sondern einfach bezüglich der Hauptgeschichte. Da mussten wir dem Protagonisten etwa 50 Seiten dabei zugucken, wie er Leichen verräumt, und bekamen den Anblick und die Gerüche beschrieben, und wirklich zurück zu dieser Geschichte kehren wir nicht, erfahren nichts über die Gründe, nichts über die Folgen. Auch der Mord, den der Protagonist verübt hat, hat zwar ein paar relativ unmittelbare, aber kaum Langzeitfolgen, und die fragwürdigen Operationen, die die Organisation an ihm verübt und die möglicherweise verhindern sollen, dass er weiterhin springen kann, werden nicht mal im Ansatz aufgeklärt. Die ganze Geschichte verläuft dann ins Leere, indem der Protagonist, statt tiefer in die Machtkämpfe einzusteigen, Lehrer in Kiel wird. Das ist prinzipiell gar kein ganz schlechtes Ende, scheiß auf den ganzen jahrtausendealten Kriegskram, ich mache was, wo ich im Alltag vielleicht etwas Sinnvolles bewirken kann, aber nach 400 Seiten voller eröffneter Rätsel, die einfach vom Tisch zu wischen, heißt vielleicht doch ein wenig sehr mit der Geduld der Lesenden spielen, zumal die Entscheidung nicht so wirklich überzeugt. Ich meine, ich will dem Stress der Machtkämpfe unter überlebenden Elfen entgehen und begebe mich dann ausgerechnet auf den Kriegsschauplatz des deutschen Schulsystems und in den Intrigantenstadl eines Lehrerzimmers?
Schiefgelesen hat in ihrem Blogbeitrag erwähnt, der Autor werde häufiger mit Thomas Pynchon verglichen. Den Vergleich kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen, aber vielleicht würde das der dicke und am häufigsten besprochene Roman „Fahlmann“ das ja noch ändern. Beide Autoren schreiben recht rätselhafte dicke Bücher. Pynchons Texte funktionieren ganz anders als die von Christoph Eckert. Sie sind sprachlich und kompositorisch anders gebaut, haben andere Themen. Ich habe mich über Pynchon schon häufiger breit ausgelassen, deshalb will ich das hier nicht alles wiederholen. Pynchon versucht ehrlich gesagt noch nicht einmal groß, rätselhaft zu sein, seine Texte sind eher geprägt von etwas überdrehten Figuren, die zugleich eher wie Funktionen einer Partitur, Motive, Themen auftreten, und von einer absurden Komik. Dabei werden in den Werken oft die Logiken des Verschwörungsdenkens oder ein Was-wäre-wenn die Welt wirklich so wäre, wie wir sie in postmodernen Theorien beschreiben, realisiert. Bei Ecker dagegen steht ein relativ gut, wenn auch kaum komplett, ausdeutbares Mysterium im Mittelpunkt, und „Der Bahnhof in Plön“ ist im Kern etwas rätselhaftere Fantasy oder Fantastik mit Brücke zu unserer Welt. Tatsächlich erinnert die Verbindung einer alten kriegerischen Welt, auf die noch hier und da rekurriert wird, und eines Jetzt, das das unsere ist, aber auch nicht das unsere, mich am stärksten an den Roman „Heliopolis“ von Ernst Jünger, des Weiteren vielleicht dann „Gläserne Bienen“ und „Eumeswil“ vom gleichen Autor. Nicht, dass Eckert die politischen Überzeugungen Jüngers teilen dürfte, noch teilt er mit ihm die stilistische Durchführung, doch das Verhältnis des Protagonisten zur Welt wie auch der Welt des Romans zu unserer Welt ähneln sich.
„Der Bahnhof in Plön“ ist durchaus, wie gesagt, ein interessanter Text, der auch sprachlich schöne Passagen bereithält, ich könnte mir aber vorstellen, dass zumindest ein Teil der Lesenden am Ende genervt sein wird, wie viel der angerissenen Handlungsmomente in der Luft hängen bleiben.
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Die Essenz der Romantik? „Die Günderode“ von Bettina von Arnim.
„Die Günderode“ von Bettina von Arnim wird hier und da als Briefroman bezeichnet. Ich bin mir nicht so sicher, ob man das wirklich behaupten kann. Der Text hat kaum eine Handlung, die man als romanhaft wahrnehmen wird. Vor allem handelt es sich um Briefe von Bettina von Arnim an die in der Romantik verehrte Dichterin Karoline von Günderode und relativ selten einmal um Antwortbriefe von dieser. Diese Briefe unterscheiden sich im Duktus übrigens doch deutlich, was auf jeden Fall sehr nahelegt, dass hier tatsächlich zwei Autorinnen geschrieben haben. Wahrscheinlich kann man das Werk aber auch nicht einfach als Briefwechsel bezeichnen, da die Hauptautorin die Texte wohl stark redigiert haben muss. Trotzdem kommt man der Wahrheit sicher am nächsten, wenn man von einem stark redigierten einseitigen Briefwechsel spricht. Wer mit der Erwartung an den Text herangeht, einen Briefroman zu finden wie etwa „Gefährliche Liebschaften“ oder „Die Leiden des jungen Werther“, wird enttäuscht werden. Die Briefe umspannen etwa ein Jahr und wenn man eine Handlung daraus destillieren möchte, dann diese: eine von Kunst, Natur und den Ideen der Romantik begeisterte Frau wird von ihrem Umfeld immer mal wieder freundlich dazu angehalten, doch mehr aus sich zu machen, mehr Geschichte zu lernen und vor allem auch selbst Kunst zu schaffen. Dazu mag sie sich nicht durchringen, aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal, weil sie sich eingesteht, dazu nicht die Fähigkeiten zu besitzen, häufiger aber, weil das Dichten den wahren Ausdruck der menschlichen Seele, dem direkten Schöpfen aus der Welt und der Natur, mit seiner Künstlichkeit doch sowieso nur im Wege stehe. Aber man darf sich das nicht vorstellen im Sinne einer tatsächlichen dramatischen Handlung, in der Welt und Umfeld die freundliche, naturverbundene Frau in eine Rolle zwängen möchte. Das sind einfach nur so Gedanken zur Dichtung, wie sie immer mal wieder geäußert werden, inmitten tausend anderer Gedanken. Denn das macht der Text vor allem: er verbindet vom romantischen Weltbild geformte Gedankengebäude teils mit Naturbetrachtungen, teils mit Betrachtungen zur Freundschaft zwischen von Arnim und Günderode und hier und da auch mit Beobachtungen zum gesellschaftlichen Leben in den Dörfern und Städten entlang von Rhein und Main, insbesondere bei Offenbach und zu Beginn rund um Rüdesheim. Die Autorin findet dabei immer wieder schöne Bilder, sowohl knapp zwischen Gedanken eingestreut, etwa:
“Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß die ganz klingend aussieht – die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond.”
Als auch deutlich ausgreifender:
“Ja, wenn ich das könnt, dacht ich, wie ich wieder auf meiner Pappel saß und jetzt nicht mehr herunter wollt, denn es war so schön geworden der ganze Himmel, Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell in Purpur anschossen, was hab ich alles gesehn von Farben und von wogenden Wipfeln, die sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die Natur so gütig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet hätt gehabt mit meinem Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor, wenn ich in der Natur bin; könnt man ihr nicht lieber zuhören? – ja, Du meinst, davon denkt man ja, daß man ihr zuhört, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich der Natur lausche, zuhören will ich’s nicht nennen, denn es ist mehr, als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. – Siehst Du, da fühl ich alles, was in ihr vorgeht, ich fühl den Saft, der in die Bäume hinaufsteigt bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch – und dann – da empfind ich – ich denk aber nicht grad oder doch nicht, daß ich’s wüßt, aber wart nur einmal, wie’s weiter geht. – Alles, was ich anseh – ja, das empfind ich plötzlich ganz – grad als wär ich die Natur selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies fühl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fühl ich verschieden. – Seh ich den großen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte beinah schon abgeblüht, jetzt ist ein Nachschuß da, das betracht ich alles, das dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich’s Sprach nennen? – mit was berührt man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel berührt, wie der Kuß den Menschen berührt? – Vielleicht doch; nun, es ist das, was ich in der Natur erfahr, gewiß Sprache, denn sie küßt meinen Geist, – jetzt weiß ich auch was küssen ist, denn sonst wär’s nichts, wenn’s das nicht wär, jetzt geb acht:”
Besonders das gesamte Kapitel 17 ist dahingehend sehr lesenswert. Hier erinnert die Autorin die Freundin an eine Nacht, in der sie sich irgendwo zwischen Schlangenbad und Rüdesheim in den Ausläufern des Taunus verirrt haben und schließlich zurück an den Rhein finden.
Vor allem aber breitet das Buch recht typische Gedankengebäude der Romantik aus, etwa Ideen von irgendwie aus der Natur fließendem Geist und zum Verhältnis von Leben, Geist und Gott:
“Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetragen, ob nicht alles, was sich vollkommen und also lebendig in der Seele ausbilde, ein selbständiges Leben gewinnen müsse, das dann als willenskräftige Macht (wie jene Treue, mit der du mich magnetisierst) Menschengeister durchdringt und sie zu höherem Dasein inspiriert. – Was sich im Geist ereignet, ist Vorbereitung einer sich ausbildenden Zukunft, und diese Zukunft sind wir selber. – Du sagst, alles gehe ins Innere herein, und du empfändest die Welt nicht von außen. Aber ist denn die äußere Welt nicht Dein Inneres? – oder soll sie es nicht werden? – von innen heraus lernt man sehen, hören, fühlen, um das Äußere ins Innere zu verwandeln, das ist nicht anders, als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche vertragen, die für die Zukunft sich befruchten sollen. In der Seele liegt die Zukunft in vielfältigen Knospen, da muß aus reiner Geistesblüte der lebendige Staub hineingetragen werden. Das scheint mir Zukunft zu sein. – Jahre vergehen gleich einem tiefen Schlaf, wo wir nicht vorwärts und nicht zurück uns bewegen, und wirkliche Zeitschritte sind nur die, in denen der Geist die Seele befruchtet; in der Zeiten Raum geht das wirkliche Leben aus solchen einzelnen befruchtenden Momenten wie die Blütenperlen dicht aneinander auf. – Was ist auch Zeit, in der nichts vorgeht? – die nicht vom Geist befruchtet ist? – Pause, bewußtloses Nichts! – Raum, den wir durchschreiten, der noch unerfüllt ist. – Aber jene Momente müssen noch so dicht gesäet werden, daß der ganze Raum ein ewiges Blütenmeer von befruchtenden Lebensmomenten sei. – Alle Anreizung in selbständiges Leben entwickeln, das geistbewaffnet nach eigentümlicher Weise die Zukunftsblüten erweckt, das allein ist lebendige Zeit; aber uns selbst für abgeschlossen halten und einer Zukunft entgegenschreiten, die nicht wir selbst sind, das scheint mir Unsinn und ebensowenig wahr, als wenn unsere Einsicht nicht Folge unseres Begriffs wäre. Ich habe mich zusammengenommen, um deutlich zu sein, allein das ist das schwerste, man empfindet etwas unwidersprechlich und kann’s dennoch nicht aussprechen.”
Oder Ideen dazu, wie eine gute Weltherrschaft/Weltgesellschaft einzurichten wäre:
“Wär ich auf dem Thron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwälzen, sagte ich gestern abend zum Voigt. »Meinetwegen«, sagte er, »schad ist’s nicht drum; auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die mühseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes Zeugnis von ihrer lächerlichen Autorität; solche haben so großen Respekt vor ihrer hohen Tendenz, daß sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden; sie meinen, was durch sie geschähe, wäre der Schicksalsschlüssel, der durch sie die Zukunft aufschließt, die schon fertig daläge und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird, sie würden sich nicht getrauen, vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedürfnisse der höheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten; o nein! je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rücken, je mehr glauben sie sich mit Philistertum verschanzen zu müssen und suchen sich Notstützen an alten, wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Räte aller Art, geheime und öffentliche, die weder heimlich noch öffentlich anders als verkehrt sind – denn das rechte Wahre ist so unerhört einfach, daß schon deswegen es nie an die Reihe kommt. Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie.«”
Hierbei findet sich natürlich auch bei der definitiv nicht kriegerischen und alles in allem anscheinend sehr freundlich gesinnten Frau von Arnim diese Ablehnung von jeder Art von vermittelter und damit bürokratisch erscheinender Herrschaft, hier etwa ausgedrückt im sogenannten Philistertum, wodurch progressiv erscheinende Ideale von Menschenrechten und der Verbindung aller Menschen zugleich mit spätestens in der Praxis dann sehr reaktionären von Königtum, Schicksal und unmittelbarer Gemeinschaft verbunden werden. Klar, dass es in dieser Welt auch Ausschlüsse geben muss. Zwar breitet von Arnim an einer Stelle auch ihren Traum aus, dass man alle Kinder als gleiche Menschen unterrichten könnte, die Christen ebenso wie die Juden, treten Juden aber als konkrete Figuren auf, fährt der Text die üblichen Vorurteile auf oder exotisiert sie als Weise und definitiv sehr „Anders“:
„Weißt Du denn, wer meine erste Bekanntschaft ist, die ich hier gemacht hab? – Ein Jud! – aber was für einer? – Der schönste Mann! – Ein weißer Bart von einer halben Elle, große braune Augen, so schöne einfache Gestalt, die ruhigste Stirn, prächtige, majestätische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit süß hervortönen muß. Unser Hauswirt, der Professor Weiß, rief mich und sagte: »Wollen Sie einen schönen Juden sehen, so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer, sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitkleid.« Die Meline wollte nicht mitgehen und war verwundert, daß Weiß uns einlud, einem Handelsjud die Aufwartung zu machen, ich hab’s aber nicht bereut, es war ein Bild zum Malen, er saß in einem sehr reinen Rabbiner- oder Gelehrtengewand am Tisch, seine Hand guckte aus dem schwarzen weiten Ärmel, und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben;“
Auch der Traum von der Stiftung einer neuen Religion ist Thema, die dabei helfen könnte, das früher angesprochene ideale Reich zu errichten:
“Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Königssohn entwickelt, der einst der größte Herrscher sollt werden der ganzen Welt. – So muß es sein, daß er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse und daß sie müsse sich bessern. Ich glaub auch, daß Gott nur hat Königsstämme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der König hat Macht über alles, also erkennt der Mensch, der seinem öffentlichen Tun zusieht, wie schlecht er es anfängt, oder auch, wenn er’s gut macht, wie groß er selber sein könne. Dann steht grade der König so, daß ihm allein gelinge, was kein andrer vermag; ein genialer Herrscher reißt mit Gewalt kein Volk auf die Stufe, wohin es nie ohne ihn kommen würde. Also müssen wir unsere Religion ganz für den jungen Herrscher bilden. – Oh, wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will ich schon fertig werden. Ach, ich bitt Dich, nehm ein bißchen Herzensanteil dran; das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken, wie Gott, dann bin ich auch Dichter. Ich denke mir’s so schön, alles mit Dir zu überlegen; wir gehen dann zusammen hier in der Großmama ihrem Garten auf und ab in den herrlichen Sommertagen oder im Boskett, wo’s so dunkle Laubgänge gibt; wenn wir simulieren, so gehen wir dorthin und entfalten alles im Gespräch, dann schreib ich’s abends alles auf und schick Dir’s mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn’s die Menschen einst finden, sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben; es ist ein schöner Scherz, aber nehm’s nur nicht für Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht zusammen denken über das Wohl und Bedürfnis der Menschheit. Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andre nicht überlegen, als weil’s der Menschheit fruchten soll; denn alles, was als Keim hervortreibt aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, daß es endlich Frucht bringe; ich wüßte also daher nicht, warum wir nicht mit ziemlicher Gewißheit auf eine gute Ernte rechnen könnten, die der Menschheit gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. – Ach Gott, ich schlaf gar nicht mehr, gute Nacht; alleweil fällt mir ein, unsre Religion muß die Schwebe-Religion heißen, das sag ich Dir morgen.”
Auch wenn der Text streng genommen viel Theorie enthält, sollte man sich davon keine trockene Lektüre erwarten, im Gegenteil: Die Gedanken zu Gott, Welt und Natur brechen schwärmerisch aufs Blatt und sind selbst gar nicht zu trennen von bilderreiche Beobachtung und Beschreibung:
“Was meinst Du, was ich Dir da vorschwindel und muß die Tränen verbeißen? – Ich mein als, ich könnt die ganz Welt auf die Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt, wie’s Gott ihm auf die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei bleibt’s, wir mögen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollen’s einander alles still verborgen abhören, nicht wahr? – wie auf der grünen Burg im Abendrot, wo wir im Feldgraben lagen; da war ich freudig mit der Zung, da war’s immer, als wär einer hinter mir, der mir’s einflüstre; Du frugst, was ich mich denn umdreh so oft? – ich sagt: hinter mir tanzt’s – denn ich wollt nicht sagen: spricht’s; denn es war mehr so getanzt und flüchtig geschwungen im Kreis, Nymphen, die sich bei der Hand hielten, hinter den drei großen Zypressen hervor, schmiegten sich anmutig, die Füßchen zusammen und die Köpfchen; Du gucktst mich an und sagtest: sei kein Narr! – haha, ich muß lachen – das war zu spät, freilich bin ich ein Narr! – denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise, nach der wird getanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophentext in die Luft gesprengt, was war’s doch?”
„Die Günderode“ ist keine einfache Lektüre, und nichts für Menschen, die romanhafte Unterhaltung in unserem heutigen Sinne oder auch nur im Sinne des frühen 19. Jahrhunderts suchen. Man kann das Ganze, wenn man sich sehr anstrengt, als eine Art Roman betrachten, einfach weil jede andere Genrebezeichnung auch irgendwie daneben greift. Aber es sollte als Lektüre doch eher Menschen interessieren, die sich entweder vielleicht in kleinen Abschnitten, die man Tag für Tag lesen kann, an schwärmerischer Sprache und starken Bildern erfreuen, oder auch für solche, die einen durchaus breiten Überblick darüber suchen, was in der Romantik so gedacht wurde. Dafür, insbesondere auch bezüglich der Anknüpfungspunkte, die spätere oft nationalistische oder völkische Naturschwärmerei an die Romantik fand, ist “Die Günderode” gerade deshalb ein hilfreicher Text, weil Bettina von Arnim den Sphären der Macht, für die sich einige der männlichen Romantiker interessierten, relativ fernstand und weil hier keine Programmatik dargelegt wird (obwohl sie natürlich den Menschen, die sich dann auch nationalrevolutionär engagierten, durchaus nahe stand).
Und Arnims Art des Schreibens wiederum hat durchaus auch ihren literarischen Reiz. Dieses Sich-selbst-Erlauben, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, unbeleckt von all den Geboten und Verboten, mit denen die Literatur sich Fesseln auferlegt, seit sie sich immer stärker zu einer Ware auf einem Markt degradiert hat, hat natürlich seine Schattenseiten: Man fragt sich immer wieder, wo das noch hinführen soll, ob es überhaupt einen Punkt gibt, an dem der Text sinnvoll enden kann, es fehlen all die Dinge, die heutige Lesende an Texte fesseln, Dramatik, Spannung aufs Ende hin, Binnenspannung, plastische Figurenzeichnung abseits vielleicht der beiden Briefeschreiberinnen, die man am Ende durch die Briefe doch ganz gut charakterisieren kann. Das fehlt übrigens nicht nur bei Bettina von Arnim, Schlegel ist dahingehend geradezu eine Katastrophe. Aber auf der anderen Seite ist da die Lust am wilden Denken, am Mitteilen von Gefühlen und Eindrücken, und am radikalen Verbinden von Sehen, Denken und Fühlen, wodurch man auch, wenn man das Theoriegebäude der Romantik in der Tendenz so wie ich ablehnt, immer wieder auf interessante und unerwartete Gedanken und Bilder und textliche Wendungen stößt, die man in den durchregulierten Texten strengerer Autorinnen und Autoren, und insbesondere neuerer Autorinnen und Autoren, so niemals finden wird. Hinzu kommt natürlich, dass von Arnim die technische Seite durchaus beherrscht, also auch fähig ist, einen Satz, der sich über 20 Zeilen zieht, dennoch sauber durchzuführen, und dass sie durchaus nicht ganz falsch darin liegen dürfte, dass zumindest für sie das freie, höchstens von einem innerlich gefühlten Rhythmus der Sprache getragene Dichten sehr viel adäquater ist und zu gelungenerem Ausdruck führt als die Regeln zu Reim und Versmaß, die sie an der Dichtung ihrer Zeit so abstoßen oder zumindest zurückschrecken lassen. Denn wirklich abstoßen können sie sie ja doch nicht, sonst würden die Gedichte der Freundin ihr nicht so gefallen, von denen sich einige im Text eingeschaltet finden, ebenso einige tatsächliche oder angebliche Volkslieder und Gedichte anderer Autorinnen und Autoren, die die beiden Briefeschreiberinnen sich zuschicken.
Dichte satirische Erzählung rund um Gedenkkultur. „Das Abschiedsmahl“ von Lara Haworth.
Warum sollte man einen Text zusammenfassen, wenn das ausnahmsweise der Klappentext einmal ganz korrekt erledigt:
„Wie aus dem Nichts erhält Olga Pavić die Nachricht, dass ihr Wohnhaus in Belgrad beschlagnahmt wird: weil die Stadt eine Gedenkstätte daraus machen will. Ein halbes Jahrhundert hat sie in diesem Haus verbracht. Nun bleibt ihr wenig Zeit, alle Erinnerungen zusammenzuklauben. Olga beschließt, ihre Familie, die in aller Welt verstreut ist, zu einem Abschiedsmahl zu versammeln. Als sie ihre Tochter Hilde, die als CEO einer Baufirma in Frankfurt mit Korruption zu kämpfen hat, und ihren schwulen Sohn Danilo, ein Balletttänzer, der in Moskau untergetaucht ist, endlich wiedersieht, kommen Geheimnisse ans Licht, die selbst Olga überraschen. Und die die Beschlagnahmung vielleicht doch noch verhindern können.“
Das ist ja alles andere als selbstverständlich, die Klappentexte, die nicht statt dem Buch, das man liest, das Buch beschreiben, das der Verlag verkaufen will, lassen sich an wenigen Händen abzählen.
Hier aber stimmt es, und Autorin Lara Haworth macht aus dieser interessanten Ausgangslage eine kurzweilige und auch relativ kurze Geschichte, die trotz der Kürze nicht unkomplex ist. Das Haus und Mutter Olga stehen im Mittelpunkt, Begegnungen mit drei ArchitektInnen machen sich über verschiedene Absurditäten zeitgenössischer Gedenkkultur lustig. Der an sich traurige, sich durch den Roman ziehende Witz ist, dass anscheinend nie spezifiziert wurde, an welches Massaker mit dem Mahnmal gedacht werden soll, sodass sich jede ArchitektIn ein eigenes Massaker ausgesucht hat. Das Lachen bleibt im Halse stecken, weil genau das darauf verweist, wie reich an Massakern die Geschichte des ehemaligen Jugoslawien ist, wobei die restliche europäische Geschichte dahinter tatsächlich nicht zurücksteht.
Die Stärke eines literarischen Textes liegt aber nicht in seiner Pointe, und womit “Das Abschiedsmahl” tatsächlich glänzt, das ist die Gestaltung. Aus den wechselnden Perspektiven der Figuren wird auf die Vergangenheit des Hauses geschaut und die Familiengeschichte mit ihren Konflikten auch gerade in ihrer Uneindeutigkeit entfaltet. Dabei wird das Haus mit seinen Geschichten, in seinem Aussehen, aber auch in den Gerüchen ein atmosphärisch glaubhafter Ort, der durch Erinnerungen, Gespräche und auch eine längere Traumsequenz belebt wird. Verwundern mag, dass die Beschlagnahmung so locker genommen wird, aber einerseits ist bis zum Schluss nicht klar, ob die Sache dann wirklich durchgezogen wird oder in der Bürokratie und ob der Unklarheit über das “richtige” Massaker versandet, und andererseits kommt im Verlauf des Textes relativ früh heraus, dass der Familie selbst das Haus durch einen ähnlichen fragwürdigen Verwaltungsakt übereignet wurde, sodass man die Sache wohl auch ein wenig als ausgleichende Gerechtigkeit sieht.
„Das Abschiedsmahl“ ist eine gelungene, dichte Erzählung, die zum Glück über eine witzigen Idee die tatsächliche erzählerische und atmosphärische Arbeit nicht vergisst, wie das leider bei Texten mit satirischem Einfall sonst häufig der Fall ist.
Noch mehr Pen-&-Paper-Verschriftlichung. „Die Chroniken der Drachenlanze“ von Margaret Weis und Tracy Hickman (2).
Eigentlich bin ich ja schon nach dem ersten Drachenlanze-Roman davon ausgegangen, dass ich nicht mehr weiterlesen würde. Der war holzschnittartig, aber halbwegs unterhaltsam, eskalierte viel zu schnell in Richtung Weltenkrieg, aber dafür hat er nur 99 Cent gekostet. Nicht das schlimmste Buch der Welt, aber Geld wollte ich für die Reihe definitiv nicht ausgeben. Kürzlich habe ich entdeckt, dass die Hörbücher kostenlos in der Onleihe verfügbar sind, und dann doch noch mal mit dem zweiten Roman, in der alten deutschen Übersetzung der dritte und vierte Roman, weitergemacht. Aber jetzt ist es endgültig vorbei.
Die Probleme beginnen damit, dass der erste Roman anscheinend so unbemerkenswert war, dass ich nach noch nicht mal einem Jahr die Handlung noch mal nachschlagen musste. Der zweite hat dann die gleichen Probleme, aber es fehlt, was ich beim ersten noch gelobt habe, der recht liebevolle Aufbau der Szenarien und Settings zu Beginn. Okay, der Anfang ist trotzdem noch das Beste: Die HeldInnen sind wieder auf Reisen, zuerst mit der Mission, eine Heimat für Flüchtlinge aus dem vorherigen Band finden, dann auf der Jagd nach diversen MacGuffins. Und die erste Reise in die Hafenstadt Tarsis, die sich, weil eine uralte Karte verwendet wurde, als längst keine Hafenstadt mehr herausstellt, ist tatsächlich ganz interessant, insbesondere aufgrund dieses Karten-Fuck-ups.
Dann folgen Fluchten, Jagden, Traumszenen, in denen alle sterben, aber nicht wirklich tot sind, Drachen, natürlich Drachen und so weiter und so fort. Da ist einfach wenig Reiz in der Geschichte, weder gibt es eine besondere sprachliche Gestaltung, noch Figuren, die mehr sind als ihre Charakterklassen und Völker, noch eine besondere inhaltliche Tiefe. Anders als etwa in den besseren DSA-Romanen, die es ja problemlos mit einigen der besten Fantasy-Publikationen aufnehmen können, wird hier wirklich vieles aus dem Pen-&-Paper-Rollenspiel direkt in Literatur übersetzt. So etwa die Gesinnungen der Figuren, die chaotisch böse oder rechtschaffen gut sind, in einer Art und Weise, dass tatsächlich von guten und bösen Figuren oder guten und bösen Göttern gesprochen wird, und die für den letzten Roman von mir monierte Formulierung zum Aufladen der Astralenergie der Magier wird tatsächlich fast Wort für Wort wiederholt, nur mit einer leichten Abwandlung und einigen zusätzlichen Informationen in der zweiten Hälfte.
Schade, ich lese oder höre durchaus gern auch einfache klassische Mainstream-High-Fantasy, wenn die Geschichte gut ist und die Figuren überzeugen. Aber die Drachenlanze werde ich wohl nicht einmal mehr geschenkt anfassen.
„Die letzte Kränkung“ von Christopher Ecker.
Vor einiger Zeit hat Schiefgelesen den relativ unbekannten deutschsprachigen Schriftsteller Christopher Ecker empfohlen. Dabei war unter anderem auch der Vergleich mit Thomas Pynchon aufgekommen, der zu meinen (allerdings jetzt schon länger nicht mehr gelesenen) Lieblingsautoren gehört. Das ist durchaus ein zwiespältiger Vergleich, denn Pynchon ist wirklich ziemlich einzigartig, und was ich bis jetzt an Imitaten oder Autoren in der Folge Pynchons gelesen habe, war vor allem anstrengend (als seien dicke Bücher, in denen wild zwischen Themen gesprungen wird und Informationen gestreut werden, ein Selbstzweck und nicht eher der Nebeneffekt von Pynchons durchaus witzig-elegantem Schreiben). In der Onleihe fand ich glücklicherweise mit „Die letzte Kränkung“ einen relativ kurzen Roman oder eine längere Erzählung von Ecker, um mir den Autor einmal anzuschauen, ohne gleich wieder Geld und Regalplatz opfern zu müssen.
Und „Die letzte Kränkung“ ist ein wirklich faszinierendes kleines Buch. Ich habe zurzeit nicht die Zeit, bei einer Interpretation in die Tiefe zu gehen, aber die Geschichte folgt ihrer eigenen absurden Logik, die sich möglicherweise entschlüsseln lässt, möglicherweise aber auch einiges anspielungsreich im Dunkeln lässt. Was dabei ganz wichtig ist: Der Autor macht nicht den Fehler typischer rätselhafter Bücher, also z.B. von Büchern, die in der Folge von Kafka geschrieben sind oder eben in der Folge von Pynchon, zu glauben, dass die Absurdität, das Mysteriöse allein ein Buch tragen. Der Text ist stark erzählt, steckt voller teilweise auch auf beklemmende Weise schöner Bilder, stellt ein ganzes Dorf in der Bretagne lebendig mit seinen BewohnerInnen vor Augen und baut trotzdem Geschehen und dahinter sogar so etwas wie konventionelle Spannung auf. Ab hier muss ich die Handlung weitergehend spoilern, da man sonst schlecht über den Text schreiben kann.
Spoiler
Also: Ein Typ, der Ich-Erzähler, hat sich in einem kleinen Dorf in der Bretagne verborgen. Wovor genau, ist nicht klar. Einerseits wartet er auf Anweisungen, andererseits hat er Angst, dass man ihn fälschlicherweise für einen deutschen Spion halten könnte, also sollte er eigentlich keiner sein. Vor allem aber hat er ein großes Geheimnis: In seinem Hotelzimmer hat er nämlich einen Spalt entdeckt, hinter dem es warm ist und nach Meer riecht und in dem alles verschwindet, was man hineinstopft. Dieses Geheimnis hütet er nun mit aller Kraft, während er von einem aufdringlichen Holländer bedrängt wird, eine Affäre mit einer Frau aus dem Dorf hat, mit der er allerdings nicht ins Bett geht (sie hat vor einem halben Jahr ihren Mann, einen Fischer, verloren, aber der Protagonist ist der, der nicht will), und er verarbeitet selbst noch den Tod seiner großen Liebe. Irgendwann taucht dann auch noch ein Mann mit einer eisernen Hand auf, dessen Erscheinungsbild recht deutlich den Prinzen aus der im Text erzählten Geschichte von der versunkenen Stadt Ys widerspiegelt. Die Sache wird aber noch mysteriöser: Der Pfarrer behandelt den Mann, als kenne er ihn seit seiner Kindheit, es gibt das Gerücht, dass der Vater des verschwundenen Fischers mit den Deutschen kollaboriert habe, und dieses Gerücht wird einmal auch auf den Vater des Protagonisten angewandt, und auch die französische Geliebte behandelt ihn nicht wie einen Fremden, der kurz nach dem Verlust ihres Mannes aufgetaucht ist. Es gibt also ein paar Hinweise, dass es sich um den verschwundenen Fischer handeln könnte. Zumindest beim ersten Lesen ging die Sache für mich allerdings zum Schluss hin nicht sauber auf, sondern bleibt in der Schwebe, und das scheint mir Absicht. Der Text kreist offenkundig um eine Leerstelle, die etwas mit dem Spalt zu tun hat, der warm ist, außen so etwas Ähnliches wie Lippen hat und nach Meer riecht. Zum Schluss kriecht der Mann, um seinen Verfolgern zu entfliehen, in diesen Spalt hinein. Hier könnte man etwa eine relativ deutliche Verwirklichung einer Sehnsucht nach dem Zurück in die Gebärmutter sehen. Was aber führt dazu? Der Zweite Weltkrieg und die Shoa werden zwar kaum bzw. gar nicht erwähnt, aber durch die zeitliche Einordnung wissen wir, dass beides gerade noch stattfindet. Der Mann hat eine Geliebte verloren. Wurde sie ermordet? Flieht er vor Verlust und weiterer Verfolgung? Oder aber vor eigener Schuld? Der Mann verhält sich ja alles andere als okay, schmeißt im Verlauf der Geschichte mindestens eine Katze und den aufdringlichen Holländer selbst in den Spalt.
Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher, ob die Geschichte sich komplett entschlüsseln lässt oder ob es nicht eher das Ziel ist, die Lesenden in solche Grübeleien zu stürzen. Ein solcher Text kann gelingen oder schrecklich misslingen, und das wiederum liegt meist nicht am Mysterium selbst, außer es ist zu plakativ, sondern am Drumherum. Und genau das macht Eckert richtig: Er erzählt eine Geschichte, in der diese Mysterien vorhanden sind, er schreibt nicht einen Text, der uns vor allem dieses Mysterium präsentieren möchte und dann leider gezwungen ist, auch noch ein bisschen Geschichte zu erzählen. Der kurze Roman ist sprachlich und atmosphärisch stark, bevölkert mit interessanten Figuren, und genau deshalb funktioniert dann auch der Tanz rund um das mysteriöse Zentrum. Definitiv ein Text, der nahelegt, sich auch mit anderen Werken des Autors noch auseinanderzusetzen.
Gelungene Parallelwelt mit einem Haken: „Stravaganza“ von Mary Hoffman.
„Stravaganza“ von Mary Hoffman ist mal wieder ein Fund aus dem offenen Bücherschrank. Wahrscheinlich wäre mir das Buch gar nicht aufgefallen, hätte mich Fragmentansicht nicht darauf hingewiesen, dass es sich um einen einmal recht beliebten, allerdings langfristig zumindest auf Deutsch eher unbekannt gebliebenen Fantasyroman handelt, der dann auch eine Reihe begründet hat.
Zumindest der erste Roman ist tatsächlich lesenswert. Ein Junge, der gerade eine schwere Krebsbehandlung durchmacht, findet sich auf einmal in einer Stadt wieder, die an Venedig erinnert, aber nicht Venedig ist. Er stellt bald fest, dass er dank eines Talismans immer, wenn er schläft, in diese Stadt reisen kann, und wird dort in eine Intrige rund um die Macht verwickelt. Parallelwelten und Zeitreisen (denn dieses Venedig befindet sich in dem, was in unserer Welt Renaissance genannt würde) sorgen oft für schwache Texte voller Paradoxien oder im Falle von vielen Welten bedeutungsloser Handlungen. Das wird hier aber vermieden, indem diese Welt in einem besonderen Verhältnis zu unserer steht, auf das die meisten Leser wahrscheinlich so ab Mitte des Textes kommen dürften, was aber nicht stört. Die Handlung in der Fantasywelt (es gibt auch ein wenig Magie oder zumindest etwas, das dafür gehalten wird) ist relativ spannend und auch politisch ganz gut geerdet, das Venedig fühlt sich tatsächlich nach Venedig an (das hatte ich ja bei anderen Texten mit Parallelwelt-Venedigs kritisiert, dass aus dem Szenario einer Stadt auf dem Wasser wenig gemacht wird), und auch die Handlung in unserer Welt ist relativ berührend gestaltet.
Nicht so wirklich überzeugt mich die Idee an sich, dass zwei Welten, zwischen denen doch relativ gigantische Unterschiede bestehen, sich derart parallel entwickelt haben, dass dann die tatsächlichen Unterschiede nur ganz klein sind. Etwa: Die Geschichte soll sich gespalten haben, indem in der anderen Welt der andere Bruder eine Stadt gegründet hat, Remus also statt Romulus. Und trotzdem ist Italien in der Renaissance ungefähr der gleiche Staat, heißt nur ein wenig anders? Das scheint mir schon recht fragwürdig. Noch schwieriger wird es allerdings, wenn man bedenkt, dass selbst die Chemie der Parallelwelt anders zu funktionieren scheint. Bei uns ist Gold vergleichsweise selten und wertvoll, Silber deutlich häufiger und hat die Eigenschaft, mit der Zeit anzulaufen. In der Parallelwelt ist es genau andersherum, die beiden Edelmetalle sind also chemisch unterschiedlich aufgebaut. Das sollte Naturwissenschaft und Wirtschaft in einer Art und Weise durcheinanderwerfen, die dazu führt, dass die Welt sich komplett anders entwickelt, wahrscheinlich schon bevor die Menschen laufen lernen, spätestens aber nachdem Gold und Silber zu wichtigen Handelsgütern wurden.
Das sind natürlich weiterreichende Erwägungen, die man bei der Lektüre von „Stravaganza“ leicht beiseite wischen kann, das Buch ist trotzdem eine recht gelungene Erzählung, wenn auch kein Meisterwerk.
Zu viel Pen-&-Paper-Verschriftlichung. „Die Chroniken der Drachenlanze“ von Margaret Weis und Tracy Hickman (1).
Weil er für 99 Cent zu haben war, habe ich mir einmal den ersten Roman der ersten Drachenlanze-Trilogie besorgt. Denn auch nur halbwegs ordentlich gemachte klassische Fantasy ist ja meist eine angenehme Lektüre, und obwohl er auf einer Tabletop-Reihe basiert, hat die Drachenlanze einen ganz guten Ruf.
Es fängt doch gar nicht so schlecht an. Dieses komplett in die Bäume gebaute Dorf und darin die Kneipe, deren Mobiliar größtenteils direkt mit dem Baum verwachsen scheint, ist wirklich interessant, wenn auch ein in der Fantasy mittlerweile vielleicht allzu häufig genutzter Topos. Ich denke etwa an Yew in der Ultima-Reihe.
„Der Baum, in den die Gaststube hineingebaut war, umfing sie zärtlich mit seinen uralten Ästen, und die Wände und Möbelstücke waren mit einer solchen Sorgfalt um die Zweige des Baumes herum angefertigt worden, dass unmöglich zu erkennen war, wo das Werk der Natur aufhörte und wo die Geschicklichkeit der Erbauer anfing. Die Theke schien wie eine glänzende Woge um das lebende Holz zu steigen und zu fallen. Durch die Buntglasfensterscheiben fiel ein angenehmes Licht in den Raum.“
Und auch wenn der Roman sprachlich wirklich super einfach ist, versucht er das Ganze auch hier und da bildlich vor Augen zu stellen:
„Er sah sich um und sein Blick verweilte liebevoll auf der vertrauten Landschaft. Die unter ihm liegenden Berghänge bildeten einen Teil eines hohen Gebirgsbeckens, das in herbstliche Farbenpracht getaucht war. Die Vallenholzbäume im Tal funkelten in den Farben der Jahreszeit, die strahlenden Rot- und Goldtöne verblassten im Purpur der weiter entfernt liegenden Kharolis-Gipfel. Der makellos azurblaue Himmel über den Bäumen spiegelte sich im Krystalmir-See wider. Dünne Rauchwolken kräuselten sich zwischen den Baumwipfeln – der einzige Hinweis auf die Stadt Solace. Ein sanfter Dunst hüllte das Tal in den süßen Duft verbrannten Holzes.“
Dass es um eine Heldenreise gehen wird und um eine Abenteuergruppe, die sich liest wie das Klischee einer jeden Pen-&-Paper- oder PC-Abenteuergruppe, habe ich erwartet, und doch hält der Text die Stärken dann nicht. Zu viel entfällt auf das Abklappern von Stationen. Ein finsterer Wald voller Untoter, eine Ruinenstadt mit einem falschen Drachen, eine Ruinenstadt mit einem echten Drachen … und so weiter. Schon dieser frühzeitige exzessive Drachenaufmarsch nervt ein bisschen. Diese Eskalation magischer Wesen kennt man von D&D-Spielen, aber in Romanen muss das doch nicht sein. Und so sehr die Klischees im Rahmen der Gruppe zu erwarten waren, manchmal liest es sich doch zu sehr, als wäre hier Spielmechanik in Romanform übersetzt. Das beginnt bei den Völkern und Klassen. Was ist das eigentlich, ein Barbar, wo wir mit denen hier doch einiges zu tun haben? Eine typische eher spielmechanische Stelle etwa hier:
„Es ist der Fluch der Magier, dass sie ständig lernen und jeden Tag ihre Zaubersprüche wiederholen müssen. Die Worte der Magie brennen sich dem Geist ein, flackern dann und erlöschen, wenn der Zauber gewirkt wurde. Jeder Zauber zerstört einen Teil der physischen und geistigen Energie des Magiers, bis er völlig erschöpft ist und sich ausruhen muss, bevor er seine Magie erneut anwenden kann.“
An manchen Stellen wirkt der Text zumindest in der Übersetzung auch sprachlich unsauber.
Dass die Welt eher Kulisse werden würde, hätte man eigentlich schon befürchten können, als in besagter Kneipe vom Anfang plötzlich ohne Ende Stühle gerückt werden. Waren die nicht mit dem Baum verwachsen?
Das Ganze eskaliert dann ab der Mitte rasch in Richtung eines großen Krieges, wobei die Draconier das Land überrennen und gleich zahlreiche Drachen mit dabei haben, deren Einsatz mir insgesamt nicht gefällt. Sie wirken eher wie Kriegsgerät, wie Ausführende des Willens der Draconier, wo doch auch in Dungeons and Dragons meines Wissens Drachen zumindest halbwegs seltene, mächtige, hochintelligente Wesen sein sollten. Der Roman hat häufiger etwas von einem Dungeon Crawler, aber zum Schluss hin ist er dann ganz Dungeon Crawler.
Ich will nicht sagen, dass die Lektüre nicht dennoch halbwegs unterhaltsam ist, allerdings kosten die beiden weiteren Bände der Trilogie dann schon gut das Vierfache. Das klingt immer noch nicht nach viel Geld, aber man bekommt dafür eben auch schon ein oder zwei gute Filme, zahlreiche andere Bücher oder fast ein Monatsabo bei diversen Streaming-Anbietern. Daher weiß ich wirklich noch nicht, ob ich weiterlese.
Frankfurt-Panoptikum zwischen Lasker-Schüler & Woolf: „Die kleine Goethemutter“ von Helene Böhlau
In „Die kleine Goethemutter“ von Helene Böhlau kommt bis jetzt am intensivsten zusammen, was für die Autorin schon in früheren Romanen der Tendenz nach charakteristisch war, das ist: historische Szenarien aus dem 18. und 19. Jahrhundert, beschrieben in einer entsprechend detailreichen, schwelgerischen, manchmal dem Szenario entsprechend alt klingenden Sprache, innerhalb einer Form mit wechselnden Fokusfiguren und damit in der Art und Weise des Erzählens durchaus modern, also wie es zu Lebzeiten der Autorin als avanciert galt.
Der Roman ist etwas, wofür man den Begriff Panoptikumsroman prägen könnte, also die erzählerische Darstellung eines Mikrokosmos, sei es eines Hauses, einer Straße, einer Stadt durch diese polyperspektivische Verfahrensweise. Solche Romane waren gerade zu Beginn der literarischen Moderne häufig, Virginia Woolfs „Mrs Dalloway“, James Joyces „Ulysses“, aber auch der deutlich leichter zu lesende moderne Roman „Menschen im Hotel“ von Vicky Baum würden darunter fallen.
„Die kleine Goethemutter“ ist ein solcher Roman für das Frankfurt des Jahres 1742 im späten Herbst. Der Text hebt an mit einer Reflexion über einen gutbürgerlichen Garten, dann folgen wir zwei Kindern erst durchs Haus der Eltern und dann auf dem Weg in die Schule, wo sie sich aber bald von einem Jungen mit einer dressierten Elster ablenken lassen. Der zweite Strang konzentriert sich dann auf die ältere Cousine der beiden, Katharina, und deren Ehemann, einen Arzt. Der Arzt wiederum hat als Geliebte eine wahrscheinlich noch recht junge Witwe, wovon die Ehefrau auch weiß, aber da die Liebelei sich auf nichts mehr als gemeinsame Teestunden zu beschränken scheint, stört das keinen. Katharina wiederum arbeitet als Hebamme, was den Mann stört, der lieber eine Hausfrau hätte, und nach einer dramatisch-witzigen Passage, in der Katharina nicht nur dabei helfen muss, ein Kind zu gebären, sondern auch noch dem Mann und dessen Bruder Beistand leisten muss, die beide die Geburt schwerer zu nehmen scheinen als die gebärende Frau, verliebt sich der Bruder des Mannes in Katharina. Jener wird als geistig behindert, in der Sprache des Romans “schwachsinnig”, bezeichnet, warum eigentlich genau, wird aber nie wirklich präzisiert. Wir kehren zwischendurch häufiger zu der Geschichte der Kinder zurück, die auch mal im Haus des Arztes anwesend sind und dann wieder bei ihren Eltern, es gibt eine gemeinsame Mainfahrt und so weiter und so fort, das Ganze kulminiert dann in der Kaiserkrönung von Karl VII.
Erneut ist der Roman sprachlich herausragend, wie die meisten Texte von Helene Böhlau, mit detaillierten poetischen Beschreibungen der noch sehr mittelalterlich wirkenden Stadt Frankfurt, der bürgerlichen Häuser, in denen wir uns aufhalten, der Straßen und auch mit einem ausgedehnten Ausflug in die Judengasse. Hier gelingen Böhlau auch starke Passagen, die zeigen, wie Menschen unter dauerhafter Diskriminierung und Ausgrenzung sich immer stärker in das Bild dessen verwandeln können, was andere Menschen in ihnen sehen wollen, und wie sich das Bild verändern kann, wenn der diskriminierende Blick weggenommen wird.
Ein paar Beispiele zur sprachlichen Gestaltung:
“Sie zogen an manchem alten Haus vorbei, und grad wie der Junge hatten sie nicht Zeit für ihr großes Bilderbuch. In jenen Tagen war die alte Reichsstadt gar farbenprächtig trotz ihrer schiefen Häuser und ihrem Schmutz anzuschauen. Für Beth und die Schwester ein endloser Zeitvertreib im Sommer und im Winter. Mit dem Bilderbegucken wuchsen sie auf. Die waren eine Welt für sie, eine eindrucksvollere als die lebendige Menschenwelt, die in den Gassen ihr Wesen trieb.
Heut aber lockte der Wall und der Eichenbaum, von dem der Junge die Elster sich geholt hatte, es lockten die mächtigen Bäume, die köstlichen Rasenrutschen, auf denen man sich abwärtsrollen lassen konnte, der stille Schatten, das Sonnengeflimmer, das Windeswehen, die reine Luft, die sie draußen umspielte. Düster war’s in der Stadt, und alle Gewerbe rasselten, klopften, schnurrten, dröhnten, taten, was sie an Lärm nur tun konnten – und ein jedes hatte sein besonderes Gerüchlein, und alle miteinander mit allem Drum und Dran einer eingepferchten Bürgermasse gaben oft herzhaften Gestank bei Sommerhitze und Windstille.
Die schönen, majestätischen Hochwälle aber lagen vor der Stadt wie ein gewaltiges Paradies mit ihren Eichen, Ulmen und Linden.”
“In der Judengasse, die nach Sonnenuntergang mit einem hohen Tor verschlossen wurde und Sonntags und Feiertags den ganzen Tag, hatten sie schon hin und wieder durch die Ritzen des schauerlichen Tores geblickt.
Wo sie gestanden, war es soweit hell und luftig gewesen, aber in der verschlossenen Gasse mit den hohen Häusern gingen traurige Gestalten in dumpfer Luft. Aus der Gosse, die durch die Enge floß, stiegen widerliche Dünste auf, aus den Fenstern sah man Köpfe schauen, die an der armseligen Luft ihres elenden Gefängnisses, das an die achttausend umschloß, sich erlaben wollten, und ein Gemurmel war hörbar wie in einem Bienenschwarm, denn in der engen, langen, dunkeln Schlucht bewegten sich eine große Anzahl Menschen.
Jeder der Zusammengepferchten hatte irgend etwas zu tun, zu holen, zu besorgen, zu bereden. So gab es auch immer Schaulustige an den traurigen Toren, die neugierig auf das Elend ihrer eingesperrten Mitbürger gern einmal im Vorübergehen einen Blick warfen.
Beth und die Schwester hatten auch schon dort gestanden und in das geheimnisvolle Treiben geschaut. Niemand dachte sich etwas dabei, es war so seit undenklichen Zeiten.
Wenn über der ganzen Stadt Sonntags- und Festtagsfreude lag, die Bürger hinauszogen aufs Land oder auf die Stadttürme stiegen, um ins Land zu schauen, oder zum Kringelbrünnche gingen, vor das Schaumaintor, ins Kirschenwäldche, ans Stallburgsbrünnche, auf die Pfingstwiese, auf den Schneiderwall, hinter die Schlimme Mauer, zum Mainzer Törchen, hinaus auch auf der Äpfelbaumallee nach Oberrad und Offenbach oder auf den Sandhof per Schiffchen, kurz, es sich wohl sein ließen an allen erdenklichen Pläsierorten und auf Lustpartien zu Wasser und zu Lande, hielten sie die Juden in der trostlosen Gassenschlucht hinter mächtigen Toren in böser Dämmerung und Fäulnis eingesperrt.”
Böhlau wird laut Wikipedia heute vor allem als frühe Feministin erinnert, was in ihren Romanen allerdings nie besonders intensiv durchkommt, vielleicht auch, weil man darunter heute etwas anderes versteht als damals. Ihre Texte sind selten dezidiert politisch, wenn auch hier und da auf Doppelmoral hingewiesen wird. Definitiv scheint die Autorin ihren Feminismus eher so zu verstehen, dass es eben gewisse Rollen der Frau und des Mannes gibt und dass beide in ihren Unterschieden in gleicher Weise geschätzt werden sollten, wobei allerdings die Autorin im mir bisher bekannten Werk auch niemals Frauen, die aus den Rollen ausbrechen, negativ zeichnet. Hier unterstreicht wahrscheinlich am ehesten die witzig-dramatische Geburtspassage die feministische Haltung der Autorin, indem das sogenannte starke Geschlecht in all seiner Schwäche durch den Kakao gezogen wird, allerdings durchaus nicht abwertend, sondern mit einer gewissen freundlichen Zuneigung:
“»No, Herr Söhnlein, wie meint Er wohl, daß all die Leut, die auf der Straß als laufe, zustanne gekomme sin? Gerad so, wie jetzt wieder einer daherkommt. Auf die Äppelbäum sein se nit gewachse.
Hat Herr Söhnlein das Kind zu kriege? frag ich. Denk ich mir fast die Madam, so ist’s im allgemeinen der Brauch.
Und wer hat da zu tröste und zu helfe – die Madam wohl?
Und wer liegt im Kindsbett? – Der Wöchner – und die Madam nur so nebebei – zum Trost und zur Gesellschaft!
Geh Er jetzt, Herr Söhnlein, und laß Er uns mache! Wir sind nit so wehleidig. Wir wissen scho, die ewige Seligkeit und ein Kindche, das will erkauft sei. Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nit naß. Ihm sag ich: die ewige Seligkeit und das Kindche will errunge sein; das ist die Faulheit im Menschen, die das nit will.
Nun geh Er – und bring Er warm Wasser, daß ich die Händ mir nochmals wasch.
Habt ihr noch wen im Haus, der zuspringe kann?«
»Den Bruder der Frau,« sagt Herr Söhnlein.
»Noch ein Mannsbild? Da sei Gott vor!« Katharine lachte. »Noch ein Furchthas, der sein Kamilletee darzu ausschwitzt.«”
Wie der Roman zu seinem Titel kommt, kann man sich denken, wirklich enthüllt wird es erst im letzten Kapitel. Elisabeth, eines der beiden jungen Mädchen, die durch die Stadt abenteuern, ist Elisabeth Goethe, die später dann eben die Mutter von Johann Wolfgang Goethe sein wird. Den Roman macht diese Enthüllung nicht wirklich besser, der Schluss hat dadurch ein wenig etwas Kitschiges, eine Behaupten von Bedeutung, die der Roman allein durch seine künstlerische Gestaltung bis dahin sowieso schon verdient hätte. Von der Autorin wird es vor allem genutzt, um die Idee zu äußern, dass es in dieser Zeit einen Mann brauchte, der den Geist und den Witz von Elisabeth Goethe besaß, damit dieser zu großem Erfolg gelangen konnte. Schade, dass das in Deutschland zumindest teilweise auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt, denn dieser Roman von Helene Böhlau könnte durchaus zu Recht mit den anderen großen Romanen der europäischen Moderne genannt werden, und das gerade weil er, wenn auch etwas behutsamer, zwar die gleichen Techniken einsetzt, aber ganz anders klingt durch die Kombination mit der uralt wirkenden, oft erlesenen, aber oft auch wieder von lokalem Dialekt durchzogenen Sprache. Das ist recht einzigartig innerhalb der Romane der klassischen Moderne.
Ach ja, die Sprache: Die Hauptfiguren reden mehr oder minder dialektales Hessisch. Das macht die Lektüre heute natürlich nicht gerade einfacher, zumindest wenn ihr ebenso wie ich beim Lesen von hessischem Dialekt immer gleich die Stimmen von Badesalz im Ohr habt. Die müsst ihr aussperren.










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