Shadowrun Berlin

Die Online Erweiterung von Andreas AAS Schroth

Schlagwort-Archiv: sr6

Edge durch Wetter, Licht, Bezahlung & Co.

Da gerade in RL in Berlin die Welt untergeht (Starkregen und Gewitter) hier ein kleiner, feiner Reminder, dass in SR6 diejenige Partei, die in einer Situation „im Vorteil“ ist, Edgepunkte erhält (ich empfehle je zutreffendem Faktor 1-2 abhängig von der Stärke des Effektes).

Nichts hier ist „neu“, es ist nur ein Reminder – der als „Baseline“ davon ausgeht, dass es keinen Vorteil für irgendeine Partei gibt, wenn die Situation „normal“ ist (eine „normale“ Geräuschkulisse, allgemeine Helligkeit, allgemein okaye Temperaturen, einigermaßen motivierte/wachsame/bezahlte Sicherheitskräfte).

Im Vorteil ist = Edge erhält

  • Wenn es LAUT ist = Diejenigen, die SCHLEICHEN wollen (Starkregen, Gewitter, Straßenlärm, laute Maschinen, Menschenmengen, laute Werbung/Durchsagen/Übertragungen/ALARME(!!!) aus Lautsprechern) – ja, unter bestimmten Umständen können plärrende Sirenen einen VORTEIL für Runner darstellen (take notes, Decker!)
  • Wenn es VÖLLIG STILL ist (deutlich leiser als „ganz normale Umgebungsgeräusche) = Diejenigen, die WAHRNEHMEN wollen (geschlossene Anlagen, leere Räume/Hallen, schallisolierte Einrichtungen, friedliche Natur) – gilt in der Natur speziell dann, wenn die „Hörenden“ sich nicht bewegen und die „sich Bewegenden“ durch Unterholz oder trockenes Laub laufen müssen!
  • Wenn es SEHR HELL ist = Diejenigen, die sich in der Dunkelheit bewegen (zum Beispiel Wachen stehen im Flutlicht von Scheinwerfern/Lichtmasten, Ziele bewegen sich außerhalb des Lichtscheins). Blitzkompensatoren und selbst banale Dinge wie Sonnenbrillen nicht vergessen! (immer bedenken: Ja, Blitzkompensatoren und Sonnenbrillen mögen verhindern, dass man „geblendet“ wird, helfen aber noch lange nicht, Dinge in dunklen Arealen zu sehen).
  • Wenn es DUNKEL ist = Diejenigen, die DEUTLICH BESSER sehen können (Personen/Metatypen mit natürlicher oder künstlicher Lichtverstärkung/Nachtsicht/Thermalsicht/Ultraschall, wenn die Gegenseite nicht ähnliche Sichtverbesserungen (natürlich oder künstlich) hat.
  • Wenn UNANGENEHME TEMPERATUREN herrschen = Diejenigen, die davon DEUTLICH! weniger betroffen sind (Wachen stehen im prallen Sonnenschein (und tragen keine Kleidung/Rüstung, die Hitze ableitet), Gegner sind im Schatten oder haben luftigere Kleidung (kann auch bei „gleicher Hitze“ für beide Seiten gelten, wenn die eine schwere Panzerung (ohne Kühlsystem) trägt und die andere im T-Shirt herumläuft – JA, es kann VON VORTEIL sein, wenig Rüstung zu tragen!).
  • Die Seite, die DEUTLICH!!! BESSER MOTIVIERT ist (Unterbezahlte Billo-Sicherheitskräfte gegenüber für den Auftrag bestens bezahlte Runner – neben der reinen Bezahlung gibt es auch den Faktor „Angst“: eine exzellente Bezahlung der Runner wird im Verhältnis nicht schwerer wiegen als die Todesangst der Wachen, zB vom Oyabun gekillt oder von Lofwyr gefressen zu werden (gilt dito, wenn zB die Zukunft der Kinder/das Wohlergehen der Familie der Wache vom Job abhängt, wie es bei den meisten Konzerngardisten der Fall ist (du wohnst in Konzernwohnungen, bekommst deinen Lohn in Konzernscrip, deine SIN hängt am Konzern, deine Kinder gehen auf Konzernschulen, … – „Mitarbeitermotivation muss nicht teuer sein!“ (kostenloses Konzern-Onlineseminar)).
  • Die Seite, die WEISS, dass gerade ein Angriff stattfindet (NIEMAND kann 24/7 top-aufmerksam sein – das gilt genauso für den Konzerngardisten, der jederzeit mit einem extrem unwahrscheinlichen Angriff durch Runner rechnen „müsste“, ALS AUCH FÜR RUNNER, die laut Aussage der Runner „die Umgebung zu jeder Zeit nonstop auf potenzielle Angreifer checken“, keine Routinen haben, jeden Drink und jede Mahlzeit vor Verzehr per Laboranalyse checken oder ähnlichen BULLSHIT). In den meisten Standardsituationen bei SR ist das ein Vorteil für die Runner, die in aller Regel ja die „handelnde“ Partei sind, während die Security ja nur „reagiert“, aber es gilt eben auch für alle Attentäter, SWAT-Teams und mit dem Zugriff auf di Runner beauftragten Polizeikräfte (außerhalb der extremen Heat nach einem Run, da wollen wir gerne den Runnern zugestehen, dass sie ein erhöhtes Gefahrenbewusstsein haben (aber dem Gegnerteam, das gerade einen Konzern-Exec entführt/befreit hat, eben auch).
  • Die DEUTLICH „FRISCHERE“ Seite (spielt mit den beiden vorherigen Punkten zusammen: Eine Wache am Ende einer 36-Stunden-Schicht (oder länger, dank Longhaul – dann am Ende der Wirkungszeit) ist deutlich im Nachteil gegenüber einem Runner, der frisch und ausgeruht (bzw. voll mit Wachsamkeitsdrogen) ist. Gilt umgekehrt natürlich auch für Angreifer auf Runner, die den Zeitpunkt ihres Angriffs ebenso timen können. Vergiss nie, dass Konzerne und auch andere Akteure auf Sparsamkeit angewiesen sind: Solange es keinen KONKRETEN Hinweis auf einen unmittelbaren Angriff gibt (was div. Vorteile der Runner negieren wird!!!) werden die verfügbaren Mittel so lang und weit gestreckt, wie überhaupt möglich. VORSICHT also vor Beinarbeit sowohl via „Umherfragen“ wie „Matrixrecherche“, die das Ziel „aufschrecken“ könnten (verdeckte Würfe werden empfohlen)!
  • OPTIONAL: AUTONOM AGIERENDE DROHNEN HABEN IMMER VORTEIL (Drohnen haben keine Motivationsprobleme, werden nicht müde, ihnen ist die Bezahlung egal etc. – die Konsequenz mag unpopulär sein, aber es gibt ja gute Gründe, aus denen in RL wie in SR jede Menge Tätigkeiten durch Drohnen/KI erledigt werden. Auf der anderen Seite kann man Dronen natürlich hacken, aber solange das niemand tut, sind Drohnen bzw. Elektronenhirne einem metamenschlichen Hirn gegenüber IMMER „im Vorteil“ (sorry to break the news).

Berliner Edge

Die Einführung einer neuen Herangehensweise an EDGE in Shadowrun 6. Edition ist einer der größten „Sprünge“ in der Art und Weise, Shadowrun zu spielen. Sehr vereinfacht ersetzt Shadowrun 6 eine endlose Liste konkreter Würfelmodifikationen gegen die bewusst allgemein gehaltene Regel, dass diejenige Seite, die sich „im Vorteil“ befindet, +1 Edgepunkt bekommt (zuweilen mehr).

Manche Gruppen haben damit ein Problem, und zwar vor allem jene, welche der Entscheidungshoheit der SL misstrauen und bei denen Spieler und Spielleitung auf möglichst exakte Regeln angewiesen sind, um das Spiel flüssig zu halten (wie es im Speziellen für Conventions oder Missions typisch ist, wo sich Spielende und Spielleitung nicht kennen und Regeln maximal standardisiert und verbindlich gehalten werden müssen*)

* Ob das so sein MUSS kann man diskutieren, aber ich verstehe, warum dies mitunter ein Problem darstellen kann – gerade, wenn man es mit Regelanwälten (Rules Lawyers) und Minmaxern einerseits sowie mit SLs zu tun hat, die ihre Macht missbrauchen = die Funktion der SL so, wie ich sie kapiere, nicht verstanden haben.

Aber Con- und Missionplay sind ja für die Meisten nicht der Standard. Für Gruppen, die sich in einer „Session 0“ auf gewisse Prämissen und Verabredungen geeinigt haben, die also eine zueinander passende Vorstellung des Spiels (Regeln) einerseits und der Funktionsweise der Sechsten Welt (Setting) haben, bietet die Edge-Mechanik à la SR6 eine hervorragende, weil schnell und ohne viel Geblättere einsetzbare Mechanik, die geschicktes und kreatives Vorgehen belohnt.

Für das Spiel in Berlin hat die Edge-Mechanik einige besondere Anwendungsmöglichkeiten, auf die ich hier kurz eingehen will.

Kern dieser Überlegungen sind die Regeln für „Edge bei Sozialen Proben“ (SR6, S. 49+), aber auch andere Arten von „Heimvorteil“ spielen eine Rolle.

Warum ist HEIMVORTEIL wichtig? Beim Spiel in Berlin geht es ganz oft um den Kiez, in dem du operierst. Wie (überlebens-)wichtig es ist, in irgendeinem Kiez verortet zu sein und gute Connections in diesem aufzubauen, Aufträge für die Kiezgemeinschaft zu übernehmen, den Kiez zu fördern und sich um seine Bewohner zu kümmern etc. ist schon seit dem Berlinbuch für die 4. Edition, im Datapuls: Berlin der 5. Edition und natürlich im Buch „Berlin 2080“ der 6. Edition immer wieder und wieder betont worden.

Mit der Sechsten Edition wird dieses „Fluff“-Element via die Edge-Mechanik in knallharten „Crunch“ übersetzt (wer die Begriffe nicht kennt: „Fluff“ meint Setting/Atmosphäre/Story, „Crunch“ meint Regeln).

Ich gehe zwar davon aus, dass die Meisten, die SR6 spielen, diese Berliner Grundidee (die in Abwandlung natürlich auch in jedem anderen „Hometurf“ existiert, in Berlin aber auf Novacoke-Level hochgedreht wird) verstehen und im Spielalltag auch anwenden, ABER man weiß ja nie und daher hier ein paar Ideen, wie die besonderen „Spielregeln“ Berlins umgesetzt werden können (und SOLLTEN):

Die RUNNER im Vorteil

  • KIEZSPRECH. In der Kurzgeschichte „Gute Fahrt“ gibt es mehrere Beispiele für eine Art „Geheimsprache“ der Alternativen Berlins, die sich im ständigen Wandel befindet und daher durch Sprachchips oder andere Methoden der externen Infiltration (etwa der Konzerne) so gut wie unmöglich zu faken ist (vielleicht am Besten vergleichbar mit „Jugendsprache“, bei der es einen erheblichen Unterschied macht, ob ein tatsächlicher Teen oder ein Boomer den betreffenden, identischen Begriff verwendet). Natürlich bietet es den Runnern keinen automatischen Vorteil, Kiezsprech zu beherrschen (im Idealfall des exakten Kiez, in dem sie sich gerade bewegen), wenn das Gegenüber ebenfalls Kiezsprech beherrscht – ABER es ist eine schnelle Methode, sich als „zugehörig“ zu etablieren und 1 Edge zu erhalten, wenn es darum geht, einem oder einer Unbekannten (Alternativen, Anarchoaktivistin, Kiezbewohner) klarzumachen, dass man „auf derselben Seite ist“.
  • ORTSKENNTNIS. Haben die Runner eine Konfrontation innerhalb eines Kiezes oder eines sonstigen Gebietes, das sie sehr viel besser als die Gegnerpartei kennen (Kampf, Verfolgung, Abschütteln von Verfolgern), erhalten sie 1 Edge, da sie sich wesentlich besser positionieren und bewegen können.
  • UNTERSTÜTZUNG. Wird der „Heimvorteil“ der Runner neben der reinen physischen Ortskenntnis zudem durch die Anwohnenden aktiv unterstützt, bringt das weitere 1 bis 2 Punkte Edge (Anwohner, die Sicherheitskräften im Weg herumlaufen, diese ansprechen/ablenken, gezielte Falschauskünfte machen etc.). Dasselbe gilt übrigens ZUSÄTZLICH für FREUNDLICHE GEISTER, also dann, wenn der Magieanwender unter den Runnern freundschaftliche Beziehungen zu lokalen Geistern aufgebaut hat, und ebenso für DECKER und TECHNOMANCER, wenn diese im betreffenden Gebiet freundliche Sprites bzw. ein Netzwerk z.B. von ihnen selbst platzierten und konfigurierten Kameras, Drohnen und anderweitigen Sensoren aufgebaut haben.

Die GEGNER im Vorteil:

Natürlich gilt dasselbe Prinzip auch für den gegenteiligen Fall:

  • Während KIEZSPRECH dir ggf. Vorteile in diversen alternativen Zonen der ganzen Stadt verschafft, achten die Sicherheitskräfte in den Konzernsektoren vermehrt darauf, ob jemand den passenden „Konzernsprech“ hat (oder zumindest Hochdeutsch bzw. eine andere „Hoch-„Variante einer Sprache beherrscht – jedenfalls, soweit dies der angenommenen Rolle entspricht (wenn jemand in einem Einkaufszentrum in S-K Tempelhof einen gedehnten Kiezsprech-Akzent hat, ist das kein Grund für einen Massenalarm, aber wenn jmd. behauptet, ein S-K Gardist zu sein, ohne die passende Lingo zu beherrschen, fliegt die Tarnung sofort auf). Auch unterscheidet sich das Kiezsprech des (kommunistischen) Köpenick drastisch vom (aktuell zunehmend rechtsautonomen) Sprech von Spandau, was eigene Probleme aufwerfen kann.
  • Vor allem aber gilt das Prinzip der ORTSKENNTNIS auch für Konzerngardisten, Bullen und Gangs von Gegenden, in denen sich die Runner NICHT (oder SCHLECHTER) auskennen: Natürlich gibt es den Unterschied zwischen Gardisten, die seit 20 Jahren dieselbe stinklangweilige Lagerhalle bewachen, und dem neu eingesetzten „besser qualifizierten“ (oder preiswerteren) Trupp, der von der Zentrale irgendwo platziert wurde und sich völlig auf AR-Karten verlässt (und NULL Kontakt zu den Anwohnern hat) – aber das ist dann die Entscheidung der SL und womöglich ein Fakt, den man über BEINARBEIT vorab in Erfahrung bringen kann.
  • Dasselbe gilt in abgewandelter Form für UNTERSTÜTZUNG: Im durchschnittlichen Konzernsektor wird zwar kein Bürger einer Gruppe verdächtiger Externer aktiv entgegentreten (sehr im Gegensatz zum durchschnittlichen Anarchokiez), dafür stehen den Normal- und Konzernbürgern massenhafte Apps zur Verfügung, über die „Verdächtige“ gemeldet, verfolgt und anderweitig markiert werden können. Auch dies kann für die Bewegung der Runner im Gebiet ein Nachteil bzw. für die Sicherheitskräfte ein VORTEIL = 1 EDGE wert sein.

WARUM DAS TOLL IST

Auf der einen Seite macht dieses Edge-Prinzip das „ungesehene Vorgehen“ der Runner in klar definierten Feindbereichen schwieriger – was zum Beispiel beinhaltet, dass diese sich besser vorbereiten und womöglich via Beinarbeit eine „Gewährsperson“ rekrutieren müssen, die ihre Tarnung/ihr Vorgehen unterstützt (Beispiel: Eine Wache (ja, grammatikalisch weiblich, hättet ihr direkt an eine Frau gedacht?) identifizieren, ausspionieren und durch Akquise belastenden Materials aus ihrem Kommlink zur Kooperation „bewegen“ („Erpressung“ ist so ein hässliches Wort), die mit den anderen Wachen redet, während das Runnerteam maskiert schweigend im Hintergrund steht („Die gehören zu mir“)).

Auf der anderen Seite schafft dieses Prinzip über die reine Story-Ebene heraus eine MASSIVE Motivation, sich um seine Connections und seinen „Heimatkiez“ zu kümmern, um den eigenen Ruf besorgt zu sein und womöglich den Heimatkiez „strategisch zu wählen“: Ist ja schön, wenn dein Heimatkiez Falkensee am westlichen Rand ist, aber ein zentraler Kiez in Kreuzhain ist natürlich verkehrstechnisch leichter zu erreichen von einer größeren Zahl „potenzieller Zielgebiete“ aus.

Again: Die SR6 Edgemechanik ist „fuzzy“ und der Ermessensspielraum der SL – und zugleich: der Kreativspielraum der Spielenden – ist ungleich höher als bei einer konkret fixierten, über 4 Abschnitte ausgedehnten Detailregel – aber wenn es ein grundsätzliches Vertrauensverhältnis zwischen SL und Spielenden gibt, bietet Edge in SR6 ein großartiges Tool speziell für die Runner, sich einen oder mehrere Vorteile (sic) für den anstehenden Run zu erarbeiten.

Videotipp: Das erste Mal Shadowrun!

Mein erstes Mal Shadowrun war im Jahr 1989, damals noch mit englischem Regelwerk, und Gottlob lief damals keine Kamera mit.

Dass der Einstieg in die Sechste Welt von Shadowrun allerdings auch heute noch ohne Vorkenntnisse gelingen kann, könnt ihr hier selbst sehen.

Neo-/Meta-Racism in SHADOWRUN

I just wrote me a wolf (an actual German expression stating that I just wrote a long, WAY TOO long text that took a lot of effort („Ich habe mir gerade einen Wolf geschrieben“)) on the #shadowrun subreddit, trying to put my very complex thoughts about the life expectancy of orcs – and the changing concept of this meta-racial „feature“ in general – into words.

Since reddit does not accept the contribution (returning an error message, no further explanation given), I’ll just drop it here and try sending a link to reddit 🙂

Wish me luck.

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A REPLY TO THE POST „ORC LIFESPAN“ ON REDDIT/SHADOWRUN

[Short notes/prefaces: Racism is a minefield. As are the very definition of what concepts like „beauty“, „strength“ and „weakness“ even mean. Since I am just writing a reddit comment here and not „A Comprehensive Treatise on the Social-Economical Evolution of Meta-Racial Properties in the latter HAlf of the 21st Century“, PLEASE forgive me for generalizing and simplifying even though „the devil is in the details“. I mean no evil. Also, please note that I am from Germany and NOT an English native speaker, so I MAY use words that have a „subtext“ in the current discussion happning in the US (esp. universities) that I am TOTALLY unaware of. Again: I just try to get m thoughts across and I mean no evil.]

In the earliest editions, Orcs had a shorter lifespan, causing all kinds of in-game problems = fantastic storytelling opportunities for (and against) them. In later editions this was downplayed as „social factors“ and „racist pseudo-science“, so orcs – according to SR6 RAW – have the same biological lifespan as „normal“ humans, but not necessarily the same life expectancy (as they are poorer and face racial biases, do not generally have access to the best/necessary medical services, are more often victims of violence and drug abuse etc. – so: lower average lifespan is bc of outside social/societal factors, not genetic traits or somesuch).

That is the official line. And frankly said: It is complete bull… errh, I mean, I think the decision to downplay and reframe the orc life expectancy/lifespan is debatable at best, and a horrendous error at worst.

Let me explain (and again: this is MY PERSONAL OPINION, NOT the official line).

Shadowrun – as far as I understood what the original authors presented me, back in 1989 – was all about the fact that real-world racism is COMPLETE AND UTTER BULLSHIT, because we are all humans with no distinguishable physical or mental differences that would „warrant“ any distinction (apart from clichés, stereotypes and (mostly colonial) politics, sure).

SHADOWRUN, however, has metatypes with „actual“ and quite obvious differences, some of which are directly baked into the – again: obvious(ly profit-driven) – employment strategies of the corps, and not only the megas.

Side note: All this is REALLY beautifully explained and brought to life in the SR novel CHANGELING by Christopher Kubasik, my very very VERY VERY favourite Shadowrun novel of all times.

Like, let’s just say elves live (theoretically) forever (= do not die of old age), while orcs die early. Now who would you hire to get an incredibly expensive education – a long-term investment your corp will profit from for a (theoretical) unlimited amount of time in the future –, and who will you hire „as-is“ (with no further investment into skills and knowledge fields) to „just do as you’re told“ and maybe „burn out“ fast („Hire and Fire“).

THAT Is the reality of the soulless capitalist machine of the Sixth World.

And a setup like this leads to incredibly interesting stories, BECAUSE it is abstract and purely FICTIONAL.

For example, „Beautism“ (also: „Lookism“ = positive bias vs good-looking ppl leading to beautiful ppl getting better jobs, earlier promotions, better pay, lesser sentences, being assumed to be innocent more often, striking WAY better deals in negotiations etc.) is most definetly a thing in RL.

Elves (who are generally being described as being „more beautiful“ than other metatypes (the most beautiful elves are more beautiful than the most beautiful norms AND the totality of elves is more beautiful on average than all norms on average, which still means that there may be very well be breathtakingly beautiful norms (or orcs, or trolls, or dwarves) and dead-ugly elves, BUT …) will get good jobs more easily than, say, trolls, will get promotions before „Mister Unassuming Norm“ AND since they do not have to retire by foce of old age they will „clog“ the lead positions of several „tiers“ of corporate life sooner or later.

[Short note on the concept of „What is beatiful?“: Very simply said, „beauty“ is a social construct and not an absolute value, yes, but in the modern age (meaning both our RL and SR) what is beautiful gets defined by media (movies, music stars, yellow press, fashion shows). It is pretty well established in SR (mostly shown in artwork) that Sixth World media basically still follows the same beauty standards that we adhere to today, so the „elf bodytype“ and a young/ageless appearance is absolutely a trait you can bank on.

Yes, there is body sculpting and esp. leonization, so the (mega-)rich have a means to fight against this (or any other) „unfair“ advantage (nothing new here), but what about middle or lower management? Strange as it may seem, by 2080 most (if not all) McHugh restaurants will be managed by an elf – and all of the other employees will hate them just for being an elf and being the boss, OBVIOUSLY. And is he/she, the elf boss of the local McHugh’s, happy? OF COURSE NOT! Because being an elf, you are held to HIGHER standards „as seen on Trid“ and „as told to you by your parents and elf propaganda“: You are being fed the idea of actually being superior, of being destined for greatness, and while the „lowly“ orc can defend his failures (everybody has them!) by being of a certain metatype, or being brought up in a difficult neighborhood, or being discriminated because of that time you hit a classmate in 5th grade because you misjudged both your temper AND your physical strength, YOU, being the elf, YOU, having ALL of the advantages according to media and elitist elf policlubs, have NO excuse for the failure that you are. And always WILL be.

And hierin lies the rub: Actually „playing“ with ingame/inworld mechanisms that are based on FICTIONAL concepts like magic (and not only AI), or dragons (and not only Zuck/Bezos/Musk), or meta-racism (metatypes with actual, measurable differences in a profit-driven, feudal-capitalist world) is fascinating, interesting and even insightful, leading to a deeper understanding on the actual world we live in and, even more importantly, the human condition.

Downplaying these differences and relegating the SR metatypes (and metavariants, and metasapients) to „RL racial stereotypes that are only codified into fantasy tropes“ is misleading at best, and DOWNRIGHT DANGEROUS at worst.

I already TRIED to explain this here: https://www.reddit.com/r/Shadowrun/comments/1hf8i0p/comment/m2fbmv2/?utm_source=share&utm_medium=web3x&utm_name=web3xcss&utm_term=1&utm_content=share_button

[tl;dr: RL racism is like „The Fraggles“ fighting about whether you are pink or blue or green (= pointless and obviously stupid), while SR racism is a world where the Fraggles do not care about their individual color since there are tiny Dozers and giant Gorgs with VERY different bodies and minds walking around (all races in The Fraggles will of course come together and overcome their differences, since Jim Henson was WAY too good for this world].

I „get“ why CGL decided to downplay racism in SR via reducing/abandoning the actual (stat-wise, age-wise) differences in light of the recent and current racial discourse in the US of A (insofar as I, living in Germany, am aware of them), ESPECIALLY in light of the raging DnD/Hasbro/LotR discussion.

I STILL think downplaying or abandoning the „orcs die young“ trope is the wrong step.

You want to say that all SR metatypes/metavariants are actually, factually (more) equal?

That is nice notion – BUT trolls still are way bigger, making them better hires for construction or bodyguard jobs where size and strength are an advantage, AND they incur a +10% lifestyle „tariff“ that puts them at a SEVERE economical advantage throughout ALL lifestyles.

Is this also just a social factor? Are you actually bullsh1tting me?

But OK, let’s assume the size of trolls is just a pseudo-scientific racist stereotype, too: they are just vertically disadvantaged, much like dwarves, and what is „big“ and „small“ anyway?

What about centaurs, then? Are they just like other people, too? Or merrows? Is their dependency on water just a neo-colonial trope, and merrows are only the racist representation of the Bajao people of Southeast Asia?

You can twist and turn as much as you want: In the end, there are two kinds of racisms in the Sixth World:

– ONE: the „OLD (BS, and in-game THANKFULLY mostly irrelevant) RACISM“ being about the color of the skin and minor differences in facial features (that most ppl do not give one iota of frag about – BUT these features MAY still contribute to the „starting point“ of any individual’s background (a POC troll from the worst part of town has it worse than a white Troll whose family has been a founding member of an elitist university some 500 years ago)).

– TWO: „NEW (META-)RACISM“ of sitting beside a guy in the metro that is 2x your size and being NATURALLY AFRAID of him.

Regarding this „New and Fictional“ Racism of the Sixth World, there are of course still several, even countless layers, the most important being:

– ONE: SOULLESS EFFICIENCY. Example: The investment of a corp into an elf student will pay off longer than investing into an orc (the same goes for a pimp BTW).

– TWO: TRADITIONAL RACIST „RULES“. Example: If the world sees orcs as somewhat „less“ or values their death as „more acceptable“ since they do not live as long as „norms“ anyway, it is preferable to recruit them in jobs that have a higher mortality rate and/or are of minor interest to the public (esp. since „beggars/orcs can’t be chosers“, so hiring orcs will be cheaper in most cases).

This is TOTALLY DIFFERENT from the discussion around whatev Tolkien MAY have meant by originally drawing up the various races in LotR, AND totally different from the history and even CONCEPT of „high fantasy TTRPG“ like Dnd:

The actual differences between the „norms“ and the other metatypes is NOT about whether i.e. orcs are EVIL(tm) by nature, or what race/metatype is „better“ – it is about a ruthless, cutt-throat world with physically and mentally different kinds of sentient beings living in it who are ALL BASTARDS!

There is no better or worse, no good or evil, no lawful or chaotic. Just people walking on 2 or 4 legs, gliding snake-like on the floor, flying, swimming, being huge or tiny, having differing affinities for magic and in part VERY different powers … and the soulless neo-feudal capitalist world swallowing them ALL.

Das Beste aus dem Schattenload

Nachdem mir heute aufgefallen ist, dass ich war fleißig die ganzen Ingame-Newsfaxe des „Novapuls“ hier im Blog aktuell gehalten habe, musste ich feststellen, dass ich irgendwie seit 2022 vergessen habe, den Offgame-Newsletter „Schattenload“ ebenso aktuell zu halten.

Das habe ich natürlich sofort nachgeholt – UND habe dabei als kleine „Quality of Life“-Verbesserung das jeweilige Thema des Schattenloads direkt in den Titel geschrieben … was es ungemein einfacher macht, zwischen den ganzen Loads den zu finden, den man sucht.

Bei der Durchsicht der Schattenload-Posts bis zurück nach 2017 sind mir viele, VIELE Schattenloads aufgefallen, die ich komplett vergessen hatte und die eigentlich viel zu gut sind, um kostenlos verteilt zu werden ungenutzt auf irgendeinem Server zu verrotten.

Daher der Tipp: Shadowrunberlin ist RANDVOLL mit Material und es lohnt sich, durch die ganzen Kategorien zu schmökern.

Hier einige der besten Schattenloads bisher:

TRIXIES GARAGE :: Holy fuck, was für ein Schattenload. Ganz in der Tradition der Schnell&Dreckig-Reihe wird hier auf 4 Seiten eine Location samt Grundriss, die Betreiberin samt NSC-Werten und eine ganze Reihe von Abenteuer-Aufhängern präsentiert.

M-K DEFENDER :: Als jemand, der mit großer Begeisterung „The Division“ (1 & 2) gespielt hat, war mir die Einführung eines werfbaren, sich selbst entfaltenden und autonom handelnden Punktverteidigungssystems ein großes Anliegen. Nicht rein zufällig bin ich seitdem ein Fan des PVS (bzw. PDS) M-K Defender.

EINE FRAGE DER EHRE :: Unter den Schattenloads verbergen sich zwischen neuen Wummen, Drohnen und Fahrzeugen sowie Zusatzinhalten zu aktuellen Büchern (= „Zeug, das es leider platzmäßig nicht ins Buch geschafft hat“) gleich mehrere Runs, darunter – neben dem Krimi-Run „DER SELF-STORAGE-KILLER“ – auch der Hochrisikojob „Eine Frage der Ehre“. Fun fact: Im Run findet ihr auch die Host-Werte von Renraku im Japan Business Center, dem höchsten Gebäude Berlins. You know, falls man sie mal braucht.

THEMENSPEZIAL POLIZEI :: Der Inhalt dieses vierseitigen Schattenloads ist derart elementar und wichtig, dass er im demnächst erscheinenden Quellenband „Feind und Helfer“ (dem Hintergrundbuch zu Polizeidiensten der sechsten Welt) abgedruckt sein wird. Bis dahin (und auch danach) ist hier Polizeiausrüstung von der Dienstwaffe über die Verfolgerdrohne bis zum Aufstandsbekämpfungsfahrzeug alles kompakt versammelt, was man am Spieltisch „aus Gründen“ spontan benötigen könnte.

ZUFALLSTABELLEN :: Diesen Load vom März 2021 hab ich komplett vergessen. Hier findet ihr 8 feine Tabellchen auf 1 Seite, mit der man Begegnungen spontan etwas ausschmücken kann. Falls man mal das SL-Buch „Hinter dem Vorhang“ und den „Neo-Asphaltdschungel“ nicht griffbereit hat und man der Vielzahl der „36 Dinge“ erschlagen wird.

WASSERFAHRZEUGE :: Wellenreiter gefällig? In diesem Load gibt’s ein paar Optionen für den Individualverkehr ohne festen Boden. Nicht nur für Runden in Hamburg und Seattle sehr nützlich.

DER MULTIMOG :: Den Schattenload gibt es bereits seit der fünften Edition von Shadowrun. Und dieser Schattenload – der in der Übergangszeit zwischen SR5 und SR6 erschien – hat für die beiden vorgestellten Versionen des Geländemonsters „Multimog“ von Mercedes die Werte BEIDER Editionen!

DAS DEVIL’S RATWITCH :: Auch diesen süßen kleinen Siffladen in Berlin – mit Grundriss und Speisekarte! – habe ich komplett vergessen. Aber gut, der Load ist auch vom Juni 2019, da kann man bis heute auch schonmal was von der mentalen Festplatte wegfragmentieren.

Novapuls 07.05.2083 [MSW ermordet]

Schattenload 09.2024 [Die Akte Fianna]

Novapuls 29.03.2083 [KRISENWAHL BLN]

Kodiak 1: Papa Bär

TRIGGERWARNUNG: Selbstmord/Euthanasie/Mord, Metarassismus, Abtreibung

OFFPLAY-VORBEMERKUNGEN:

Der Troll-Rigger „Kodiak“ wurde zunächst als einmaliger „One-Shot“-Charakter geschaffen und ist seitdem einige Male (bisher: 3x) bei Online-Runs aufgetreten, deren Fokus der Natur der Sache gemäß oft eher auf der kurzen Darstellung der Shadowrun-Spielprinzipien lag als auf tiefer Charakter- und erst recht Teamentwicklung.

Mein Problem dabei: Kodiak weiß das ja nicht. Er ist ein lebender Charakter der Sechsten Welt. Eine arme Sau, die es in der Sechsten Welt schon schwer genug hätte, wenn nicht ausgerechnet ich ihn spielen würde, und noch viel mehr: Als „Springer“ in Runden mit wechselnder Besetzung.

Naja, und da ich Charaktere irgendwie nicht als „Wegwerfware“ oder „Spieldemo“ spielen kann, hab ich hier mal seine aktuellen Gedankengänge zu seiner Lage und den Ereignissen „runtergeschrieben“.

Wer im Einzelnen wissen will, auf welche Runs sich seine Gedankengänge beziehen, findet im Folgenden die entsprechenden Links:

„Lang lebe Runner Fridge“ (der Fridge-Run mit unerwarteten „Monster-Auftritten, Orkenspalter TV, SL: Mhaire): https://www.youtube.com/watch?v=NML8NcCuYMU&list=PLLUc6Tze1Yo-OBMYQsLp2cKeNIGIOKEhr

„Frankfurter Partysprenger“ (der SaalburgRun, Orkenspalter TV, SL: Mhaire): https://www.youtube.com/watch?v=NnubKz3UogU&list=PLLUc6Tze1Yo-OBMYQsLp2cKeNIGIOKEhr&index=2

Merjems Milkrun mit unerwarteten Hindernissen (der Aktenkoffer-Run, Orkenspalter TV auf der RPV-Bühne 2024, SL: Eevie): https://www.youtube.com/watch?v=eNSFT0UHw5o&list=PLLUc6Tze1Yo-OBMYQsLp2cKeNIGIOKEhr&index=3

Und natürlich dient das Ganze der Vorbereitung kommender Runs, die ihr in folgenden Monaten -äh- „genießen“ könnt.

Zusatz-Anmerkung: Nichts von Kodiaks privaten Gedankengängen ist eine Offplay-Kritik an den Mitspielenden und erst recht nicht an der SL, vor allem nicht an Eevie, die unter extremen Bedingungen (nur EINE STUNDE für den ganzen Run, Run zudem direkt nach einem Feueralarm mit Komplett-Evakuierung der Halle) den Aktenkoffer-Run auf die Beine gestellt hat.

Das Folgende ist eine reine INGAME Betrachtung von Kodiak.


Drrrrrk. Drrrrrk. Drrrrrk. Drrrrrrrrrrr…k. Drk. Drrrrk. Drrrrrk.

Die Ironie, wie sehr das Geräusch der sich drehenden Revolvertrommel wie „Drrrrek“ klang, entging ihm nicht. Drrrrk. In gewisser Weise hatte das etwas Beruhigendes, Bestägigendes. Dr … Drrrrrrrrrrk.

Erinnerungsblitze.

Drrrrrk.

Wie er mit den anderen die Treppen dieses verdrrrekten Wohnblocks hinabstürmte, während hinter ihm eine Granate explodierte. Drrrrk. Die Videofeeds seiner Drohnen im Augenwinkel, wie von unten Yakuza-Gangster durch die Toreinfahrt stürmen. Drrrrk. Das Kommandofenster der Munitionsauswahl. Drrrrk. Die im Sekundenbruchteil getroffene Auswahl der Minigranate als Munitionstyp. Drrrrk. Der Geruch von Schweiß und Angst. Drk, mit dem Daumen an der Trommel gestoppt.

Munitionswahl eingelockt.

Pause. Atmen. Drrrrrrrrrrrrrrrrrk.

Die Bildfetzen einstiger Körper, die an den Wänden der Tordurchfahrt verteilt wurden. Drrrrk. Das Gefühl von herabregnender, viel zu warmer Feuchtigkeit, während sie hinausstürmten. Drrrrrk. Funktionieren. Sichern. Den Roadmaster rufen. Einsteigen. Sichern. Körper in den Van schieben. Geruch von Eisen. Drrrrrk.

Er wirft die Wirtz Atlas [Werte hier https://www.shadowrun6.de/index.php/spielhilfen-2/schattenload.html (Schattenload Januar 2022)] auf den Teppich neben den Bett, wo sie mit einem unbefriedigend-dumpfen „Whump“ liegen bleibt.

Er starrt an die Decke. Flach auf dem Hotelbett liegend – ein Luxus, den er früher gar nicht kannte. Damals, als er noch seine Hörner hatte. Beziehungsweise: Diese nicht abnehmen konnte.

Seitenblick auf den Nachttisch. Zwei Hörner mit dekorativem Bronzering mit Keltenmuster. Tatsächlich seine echten Hörner, ehe er diese vor vielen Jahren abnehmen ließ.

Heutzutage kann er sie bei Bedarf an seinen Kopf anschrauben – das Gewinde ist im Inneren des Bronzerings verborgen, das Gegenstück ist in seine kurzen Stümpfe eingefräst und muss regelmäßig erneuert werden.

Er trägt sie im Alltag. Um weniger aufzufallen. Um sich blöde Kommentare anderer Trolle zu ersparen, er sei ein „Normposer“ (ja, klar, ohne Hörner geht man als Troll natürlich VOLL als Norm durch), „Hornloser“, „Bücker“ oder – der ewige Klassiker – „Kastrat“ oder irgendeine andere auf mangelnde Chad-Männlichkeit abzielende Beleidigung.

Seltsam. Wenn er sie trägt, sieht er aus wie früher. Es sind ja auch SEINE Hörner. Und er fühlt sich trotzdem verkleidet. Genau so, wenn er eine Sonnenbrille trägt, um seine glattpolierten Chrom-Cyberaugen zu verbergen.

Er kneift sich in den Nasenrücken. Biologen würde es eine „Übersprungshandlung“ nennen, weil er die Augen nur noch abschalten, aber mangels Lidern nicht mehr zukneifen kann.

Und alles umsonst.

Die Hörner: Weg, um besser Helme tragen zu können und beim Einstieg in Cockpits – oder im Kampf – nicht hängen zu bleiben.

Die Augen: Weg, weil sie nicht scharf genug für eine Pilotenausbildung waren.

Der Reflexbooster: Eingebaut, um seine Massenträgheit am Boden im Vergleich zu anderen Anwärtern zu (über-)kompensieren.

Alles für das eine Ziel.


„Anwärter Konrad Baer?“

„Ja, Sir.“

„Ich bin beeindruckt, muss ich sagen.“

„Ja, Sir?“

„Sie haben im aktuellen Jahrgang wirklich herausragende Ergebnisse erzielt. 46 Prozent mehr als die Soll-Trainingszeit in der VR. Exzellente Leistungswerte. Hohe Feedbackimpulse und Peak-Werte bei der neoronalen Verlinkung. Lob Ihrer Ausbilder für herausragende Disziplin, Präzision, Mannschaftsgeist, Stress-Resistenz und Kreativität bei der Bewältigung unerwarteter Kampfsituationen.“

„Danke, Sir.“

„Exzellente Reaktionszeiten. Fähigkeit zur gleichzeitigen Steuerung multipler Drohnen mit unterschiedlichen Einsatzprofilen, herausragende mechanische Kenntnisse, Spitzenwerte bei der Einsatzfähigkeit im Schmerzsimulator. Kurz gesagt: Unter den besten 10% der Bewerber für die Pilotenausbildung.“

„Danke, Sir.“

„Haben Sie Präferenzen für Ihre zukünftige Rolle innerhalb der Streitkräfte der Allianz Deutscher Länder?“

(Erleichtert) „Ja, Sir. Ich würde gerne Banshee-Pilot werden.“

(Aufblickend) „Banshee-Pilot?“

(Schweigen. Überlegen. Er weiß, was er sagen will, aber die geballte Aufmerksamkeit auf nur ihn lähmt ihn. Wie immer.)

„Banshee, Stonewall, Centurion … Sir, ich … bin mir bewusst, dass meine … Größe mich ungeeignet für den Einsatz als Jagdpilot in einem … Eurofighter oder einem anderen aktuellen Jet der Bundeswehr macht.“

(Schweigen. Schwitzen. Schlucken).

„Die meisten … der im Einsatz befindlichen … äh, Jets … stammen mindestens dem Grunddesign nach … aus Prä-Awakening-Zeit, und auch … ähm … neuere Modelle … verfügen über keine seriell verfügbaren Troll-Anpassungen.“

(Zögern. Keinen Fehler machen. Nicht anklagend werden. Sachlich bleiben. Fakten sind Freunde).

„Ähm … und selbst, wenn Hersteller und … Sie wissen … ähm … die Beschaffung versuchen würden … mal angenommen … das enge Cockpit eines (sag das Fachwort!) … Düsenfliegers (IDIOT!) … auf … ähm … Überschwere … ähm, also … Trolle … anzupassen, wäre das … nunja, kompletter … ähm … kompletter Unfug, da es die Kosten hoch- … und … naja … die Leistungswerte nach unten treiben würde. Ich … ähm … ich bin kein Idiot. Ich verstehe das.“

Schweigen.

„Sir. Ähm. Wenn ich frei sprechen darf: Worin ich meine Erfüllung sähe … also, ähm … das wäre eine aktive Rolle … bei der Bemannung von Luftfahrzeugen, in deren Cockpit … also, die prinzipiellen Möglichkeiten … technisch betrachtet … zur Metatyp-Anpassung … ohne signifikante Abstriche bei den Leistungsdaten … also, ähm … bestehen. Das schließt VTOL-Transporter wie den GMC Banshee mit ein … aber, ähm … aber sollte diese Option nicht verfügbar sein, … dann … dann … ähm, dann … (KOMM KLAR, ARSCHLOCH!) … ähm, dann sähe ich mich … auch … auch … auch in der Pilotenrolle eines Skytrucks, TR-55s oder Ospreys. Sir.“


Er setzt sich ruckartig auf. Erinnerungen. Kneift sich in den Nasenrücken, dreht sich um 90 Grad und platziert die Füße auf den Boden neben dem Bett.

Luxus.

In seiner eigentlichen Bruchbude liegt er auf einer KapokSynth-Matraze – relativ hart und trotzdem weich, aber letztlich ein Futon. Liegt man erstmal drauf, ist es bequem – aber Abends auf Bodenniveau runterzukommen und noch mehr morgens tief vom Boden aufzustehen ist mühsam (Aufwachen – Aufsetzen – Seitlich raus, ein Fuß auf den Boden – Hoch aufs andere Knie – Hand zum Abstützen an die Wand – Atmen – Das Eigengewicht von 340 kg hochwuchten).

In seiner AR-Kurzauswahl bei S-Kea sind schon ein paar Bettmodelle markiert – höheres Bettgestell aus Metall, Duraharz oder (wow) Massivholz, Stauraum darunter, weniger mühsam – aber so, wie die Dinge in letzter Zeit laufen (DRRRRREK!) geht er davon aus, seine Bude irgendwann wechseln zu müssen. Da macht es mehr Sinn, den Payout der letzten Runs für ein wenn auch in der Preisklasse überteuertes, aber auf Trolle angepasstes Zimmer zu „verschwenden“, um etwas Ruhe zu finden.

Was zum Drrrek hatte er falsch gemacht (Drrrrrk)? Warum zum Drrrrrrek lief es in letzter Zeit zu Schice (Drrrrk)?

Er war es gewohnt, ein „Springer“ zu sein. Ohne festes Team. Der Typ, den andere Runner hinzubuchten, wenn sie jemandem mit einem Panzerfahrzeug brauchten (oder, wenn es mies lief, zusätzliche „Muskeln“ und eine Extra-Kanone). Dazwischen war er Schmuggler – nie auf eigene Rechnung (dafür fehlten ihm die Connections und das Verhandlungsgeschick), immer nur als Überbrückung für Schieber oder Teams, die irgendwas von A nach B liefern mussten – und obwohl es himmelweit von seinen früheren Träumen und Ambitionen war, kam er irgendwie über die Runden. Und das war okay für ihn – er war kein Spinner und kam mit dem miesen Blatt klar, welches das Schicksal ihm zugeteilt hatte.

Gelegentlich nahm er „Bullshit-Jobs“ an, um sich Schatten-Cred aufzubauen – wie diese an sich hirnlose Racheaktion für Fridge, den er kaum gekannt hatte, und bei der er irgendwie – die Geister mögen wissen, wie – in irgendeinen Monster-Horror-Show hineingeraten war.

Okay, gut. Die Sechste Welt ist ein abgefahrener Ort, und keiner im Team – Peach, Samsa, Monas, Buzz und vor allem er selbst – hätte vorhersehen können, dass sie mitten in etwas hineingeraten würden, was man zusammenfassend und rückblickend heute als „die Woche des Todes“ bezeichnet.

Es hatte ihn zwar gestört, auch im Nachhinein nie erfahren zu haben, worum es bei dem Angriff der Monstrositäten (die in den Schatten inzwischen „Chimären“ genannt wurden) eigentlich ging – aber zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein war gewissermaßen Berufsrisiko unter Schattenläufern, also hatte er es abgehakt.

Im Abhaken war er großartig!

Dann – nur zwei ereignislose Standard-keine-Überraschungen-Runs später – folgte der Einsatz auf der Saalburg mit No, Stahlbeißer, Troi und Kumiho – einmal mehr eher lockere Bekannte aus dem stets nachwachsenden Pool aufstrebender Läufer im Groß-Frankfurter Plex – und auch dieser war wesentlich „heißer“, als er es gewohnt war.

Klar: Der Einsatz von Waffengewalt war eine ständig präsente Option und Wahrscheinlichkeit für Berufsverbrecher, inklusive „Quereinsteigern“ wie ihm. Dennoch hatte es ihn besorgt, dass er zum zweiten Mal in so kurzer Zeit tatsächlichen Gebrauch seiner Waffen machen musste.

Seiner Waffen.

Sein Blick fiel auf den Wirtz Atlas Revolver, den er vor Kurzem auf den Teppich geworfen hatte.

Erinnerungsfetzen.

Der dritte Run.

„Gude! Merhaba, Habibis, Merjam (Miriam? Mirjam?) hier, habt ihr eusch vermudlisch schon gedacht, ich hab wenisch Zeit, also wird kurds, Yoga Outfit und danach Moschee Freidachsgebet, ihr verschdehd, aber lohnt sich für eusch isch versprech … Herr Schmidd … Aggdengoffah … Diesheimer Straß 288 Wohnung seggsdrei … Kein Problem außer ist schlechde Gegend, da kann man kein Taggsi zum Abholn schiggn und Schmidt will Profis …“.

Schieber-Drektalk. Ein einfacher Run: Koffer in einem teilentleerten Wohnblock holen und abliefern. Merjam ist eine solide Connection … WAR … eine solide Connection … feuchtes Tropfen auf den Nacken. Geruch von Eisen und Blut. Die Wirtz schwer in seiner Hand. Ein halbes Dutzend Menschen, an den Wänden verteilt … für 3K pro Runner … 4 Runner, macht 12K, geteilt durch (sagen wir) 6 Tote, macht 2.000€ pro Leben, grob überschlagen, … alles in allem: Erschreckend normal.

Nur, dass es ihn diesmal wirklich erschreckte.

Theoretische Kalkulationen waren real geworden. Er selbst hatte die meisten umgebracht. Oder alle gerettet, je nach Betrachtungsweise.

Ein Schuss. Mini-Sprenggranate aus Betsy, der schönen Betsy, seinem Troll-Revolver Typ Wirtz Atlas, die Ladung völlig bewusst mental per Smartverbindung ausgewählt, keine Entschuldigungen … keine Entschuldigungen außer der, in diese Situation getrieben worden zu sein.

Die Wohnung. Der seltsame japanische Voicecall mit dem Zeitlimit. Der Koffer. Die hereinströmenden Yakuza von unten. Der gänzlich unerwartete Granatenangriff von oben. Töten oder getötet werden.

Atmen.

Drek kann passieren. Schieber wissen nicht alles.

Er hatte es selbst gesagt: „Wir kennen Merjem. Die verarscht uns nicht, und wenn sie uns verarscht, hat sie uns zum letzten Mal verarscht“.

Bei den Geistern, er kannte genug minutiös geplante Militäreinsätze (naja, aus Schulungen, ist ja nicht so, als hätte er in den Eurokriegen gekämpft oder so), die trotzdem beim ersten Feindkontakt zur Hölle gingen – daher kam es nie auf das Vorher, aber umso mehr auf das HINTERHER an.

Einen unerwarteten Countdown, der schwer nach Schmidt-testet-Runner klang, und mindestens sechs in der Hofeinfahrt verspritzte Menschen später, hatte Merjem Folgendes bemerkt:

„Ah, is Offenbach, kann alles passieren. Ah, Bibi, reg disch nisch auf, isch geb Geld rüber, muss noch zu Mehmet heute, Fußball gucken“.

Und das war das Ding:

Er und das Team waren bezahlt worden. Es war nach Shadowrun-Standards, nach Leistungsdaten, nach genau den kalten Parametern, aus denen er niemals ein Banshee-Cockpit von innen sehen würde (und vielleicht war genau das das Schlimme daran) ein okayes Geschäft.

Er hatte keinen Anlass zu denken, dass Merjam sie verarscht hatte.

Und trotzdem: Innerlich hakte er Merjam unter „verbrannt“ ab – und war sich unsicher, ob er überhaupt den Luxus hatte, eine potenzielle Auftragsquelle in Zukunft ablehnen zu können.

Vielleicht war früher wirklich alles besser, und er war einfach mit 38 schon zu alt und die Drekswelt war spätestens seit der Dreks-Todeswoche eh endgültig am Arsch.

Vielleicht war er auch einfach von Tridfantasien über Ehre und Kameradschaft in Militär und Schattenszene hirnfraggt worden und er war einfach blöd, weil er höhere Ansprüche an einen Auftraggeber hatte – selbst, wenn sie oder er nur Mittler war – als „nerv mich nicht, will Fußball gucken“.

Für ihn klang seine Erwartungshaltung ziemlich normal und unspektakulär, eben einfach, dass man ein Mindestmaß an Moralität hatte, aber vielleicht war diese seelenlose Geschäftsart auch längst zum Standard in den Schatten geworden, oder vielleicht hatte es die „guten alten Zeiten“ in Militär wie Schatten überhaupt nie gegeben, nicht einmal vor der Woche des Todes, jener Zäsur, ab der ohnehin irgendwie alles zur Hölle ging.

Was wusste er denn schon?


Ein kahler Raum. Schreibtisch. Zwei Stühle dahinter, keiner davor für ihn. Sein Ausbildungsleiter. Daneben ein Elf im Anzug, ohne Insignien, kein AR-Display von Namen, Rang, Abteilung, Funktion.

„Sie sind Konrad Baer?“

„Ja, Sir.“

Blick ins Nichts auf AR-Daten, die er nicht sehen kann.

„Sie haben private Aufrüstungen in den Augen und Ihre Reflexe betreffend?“

„Ja, Sir.“

„Gesamtwert nach Marktpreisen rund 85.000 Euro?“

(Schweigen, überlegen)

„Ich habe keinen Grund, an Ihren Angaben zu zweifeln, Sir.“

„Interessant.“

„Sir?“

„Woher haben Sie das Geld für derartige Einbauten?“

„Von meiner Familie, Sir.“

„Hm.“

Starren ins AR-Nichts.

„Sir, wenn ich frei sprechen darf?“

„Hmhm.“

Eine Kameradin (Lidia) hatte ihn vorgewarnt, dass so ein Gespräch anstehen könnte. Er war vorbereitet. Hätte er normale Augen, hätte er sie jetzt geschlossen, um sich besser auf seinen Text konzentrieren zu können. Wie die Dinge standen, blendete er die optischen Impulse einfach aus und las sein (Lidias) Skript überraschend flüssig ab.

„Sir, die Anforderungen für Piloten steigen seit Jahren. Die geforderten Spezifika in der Spitzengruppe nur mit biologischen Faktoren zu erreichen ist beinahe unmöglich, da sich unter besagten Top-Anwärtern immer mehr Kandidaten befinden, die über private Aufrüstungen verfügen. Wenige bereits aus der Zeit vor dem Diensteintritt stammend, viele – wie in meinem Fall – erst während der Dienstzeit innerhalb von Freistellungszeiträumen eingebaut, die klar dokumentiert und auch genehmigt sind. Den Anwerbungsmedien nach existiert keine Diskriminierung hinsichtlich Metatyp, Gender, Religion und so weiter, und es steht mir völlig fern, irgendeine Diskriminierung zu unterstellen. Private Einbauten von Peak Performern werden selbstverständlich nicht vorausgesetzt, aber es gilt als offenes Geheimnis, dass die Mittel für Aufrüstungen durch die Bundeswehr in allen Gattungen begrenzt ist. Meine Familie verfügte über ausreichende Geldmittel und Verbindungen, mir betreffende Einbauten zu ermöglichen – eine Investition in meine Einsatzfähigkeiten, welche den Wehretat entlasten und welche im übrigen zunehmend üblich sind. Ich habe volles Verständnis und außerdem jedwedes Bewusstsein dafür, dass der Einsatz von Einsatzkräften meines Metatyps innerhalb der Streitkräfte und speziell innerhalb der motorisierten Kräfte besondere Mehrkosten verursacht. Mein Bestreben – und das meiner Familie – ist es, Sie bzw. den Allianzhaushalt im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten zu entlasten und maximale Wehrfähigkeit herzustellen, in Ihrem wie meinem Interesse.“

„Sie drücken sich ziemlich gewählt aus für …“

(Schweigen, „blinzelnd“ kommt die Realsicht wieder online)

„Sir?“

„Wir haben den finanziellen Hintergrund Ihrer Familie überprüft. Sie wirken nicht wie jemand, dessen … ‚Sippe‘ sich ohne Weiteres Zehntausende Euros für Aufrüstungen leisten könnte.“

„Sir, es waren auch keine ‚ohne Weiteres‘ geleisteten Investitionen. Im Gegenteil hat meine Familie …“

„Wer hat Ihnen wirklich die entsprechenden Aufrüstungen gesponsort? Wem gilt Ihre Loyalität?“

(Schweigen, Ringen mit aufkommendem Zorn, Abschalten der Augen, Ringen um Fokus)

„Sir, mein Wunsch ist es … und das seit der frühen Jugend … der Allianz Deutscher Länder und seiner Bürger zu dienen.“

„Bulldrek.“

„Sir?“

„Wenn ich da einhaken darf: Baer ist ein überaus …“

„Ihre Meinung interessiert hier wirklich niemanden.“

„Sir, stellen Sie diese Fragen eigentlich auch Norm- oder Elf-Anwärtern mit privat finanzierten Aufrüstungen?“

„BAER! BEHERRSCHEN SIE SICH!“

„Ich denke, wir sind hier fertig.“


Tiefes Seufzen.

Er steht auf, macht einen Schritt zur Wirtz und nimmt sie vom Teppich hoch.

Die Wirtz Atlas ist ein schwerer Revolver, selbst in seiner Troll-Hand.

Genau das mag er an ihr, und genau das mag er an Sally, seiner Krime Confederate, diesem völlig absurd überdimensionierten Kipp-Action-Gewehr, das nichts anderes als eine drekking doppelläufige Sturmkanone ist:

Sein ganzes Leben lang ist er umgeben von Norm-Größen, die wenn, dann nur notdürftig auf seine Körpermaße (271 cm, 340 kg) angepasst sind.

Betsy und Sally sind für ihn geschaffen. Für IHN. Für TROLLE. Und wer als Nicht-Hauer ernsthaft denkt, er könne eine Wirtz Atlas oder eine Krime Confederate [Werte: Krime Katalog, S. 17] mit irgendeiner Anpassung tatsächlich abfeuern, hat den folgenden Bruch der Handwurzel-, Unterarm- oder Schulterknochen absolut verdient.

Er nimmt Betsy auf. Wiegt sie in der Hand. Der Daumen fährt über die Trommel. Drrrk. Drrrrrk.

Mindestens sechs Leben.

Und er weiß nicht einmal, wieviele genau.


Zusammenhanglose Erinnerungsfetzen.

Sein Vater. Normgeboren 2008. Goblinisiert zum Troll 2021. Die Mutter, gleiches Schicksal, 3 Jahre jünger. Kennenlernen im Hauer-KZ (wie auch immer es heutzutage euphemistisch genannt wird). Zehn Jahre Kampf um die Anerkennung von Menschenrechten und Erbschaft. Unterm Strich privilegiert aufgewachsen und insofern eine Abweichung von der „Norm“ (NORM!!!), mit der er immer zu kämpfen hatte.

Geboren 2044. Zu spät, um auf die Tränendrüse drücken zu können. Andere hatten es schwerer. Trotzdem: Auch 20+ Jahre nach der Goblinisierung die Ausnahme. Grade noch so die First Generation der Trollgeborenen. Beziehungsweise: Eben nicht.

Die Eltern riesig, knöchern, monströs. Nicht für ihn, der ihre Zärtlichkeit kennt, aber für alle, für alle, welche ihn und die Eltern sehen: Er ein scheinbarer, nur leicht groß geratener und über viele Jahre eher schlaksiger Norm. Mama und Papa Monster, aber vermögend genug, alle Versuche des Jugendamtes und der Deutschen Familienhilfe abzuschmettern, „das Kind zu schützen“, wegzunehmen und ihm eine „bessere Zukunft“ zu schenken.

2053. Der Vater zunehmend überwuchert von Dermalablagerungen. Schmerzen. Mentale Regression. Mutter verzweifelt. Er selbst voller Angst. Wann steht ihm das Schicksal des Vaters bevor?

Praktisch zeitgleich: Erste Wucherungen bei ihm selbst. Er hat Angst. VIEL Angst. Werde ich wie Pap? Muss ich sterben, ehe ich gelebt habe? Es juckt. Jede Dermalablagerung umgeben von einem Hof von nässender Akne. Der Körper dreht durch. Nie gekannte Kopfschmerzen, als die Hörner durchbrechen. Unvorstellbare Zahnschmerzen, als die Hauer durchkommen. Aushaltbare, aber unablässig dröhnende und summende Körper- und Muskelschmerzen, als der Leib aufschießt, in Länge und Breite – nicht innerhalb von Tagen oder Wochen – was er bevorzugt hätte – sondern über einige Jahre hinweg. Schnell und quälend langsam zugleich.

In der Schule: Anfangs ein Freak. Erst Spott. Später, als er zu groß für Spott wurde, Angst. Die Nachrichten voll von SuperBILD-Panikmeldungen über Gewaltvorfälle von „veränderten“ Jugendlichen (KINDERN!), die ihre Mitschülenden (Inklusion, so wichtig – aber nicht für solche wie ihn) gefährden, verletzen, sogar versehentlich töten.

Und immer die Angst, die noch größer als die Schule ist.

Papa ist ein Knochenberg. Sein liebes Gesicht kaum mehr erkennbar. Je mehr die Hautwucherungen zunehmen, desto mehr baut sein Geist ab. Die Familie kann sich Pflege leisten – ja, verdammt, die Goblinisierung traf auch vermögende Schichten – aber Mama ist verzweifelt.

Sie redet offen mit ihm, ZU offen. Offenbart irgendwann, vor Jahren das Geschwisterchen abgetrieben zu haben, „weil ich das niemandem antun möchte.“ Er weint viel. Um sich. Um Mam. Um Pap. Um Sis oder Bru.

2056 ungefähr. Er erinnert sich nicht mehr genau. Papa verschwindet aus dem Alltag. Gelegentliche Klinikbesuche. Sein Tod, 2059, ist eine Erlösung. Für ihn. Für Mam. Womöglich sogar für Pap, wie alle sagen. Anhaltender Verdacht, dass es ein Freitod, dass es Euthanasie auf Mams Verlangen war.

Die 2060er sind eine wilde Zeit für Hauer. Es ist SEINE Zeit. 2060 wird er 16. Und es hat noch keine Zeit in der Menschheitsgeschichte gegeben, die – egal, wie grotesk abartig und schlimm – für die Teens der Ära nicht die transformativste und aller-allerbeste Zeit EVER gewesen wäre.

Die Hörner und Hauer sind durchgebrochen. Die Wachstumsschmerzen lassen nach, oder wenn sie nicht nachlassen, hat er sich zumindest daran gewöhnt und kennt es nicht anders. Natürlich ist es ihm peinlich, dass die Dermalwucherungen weiterhin nässen und neue Klamotten – inklusive des teuren Tour-Shirts seiner Lieblingsband – schnell durchwetzen, weil die Industrie noch keine Stoffe entwickelt hat, die mit seiner besonderen „Bioform“ samt ihrer Ecken und Kanten klarkommen.

Weil er Bauchschläfer ist und seine Hörner sehr ausladend, kauft ihm Mam eines der ersten Troll-Betten, auf dem man – ähnlich früheren Massage-Matratzen – „face-down“ mit einer Aussparung fürs Gesicht liegen kann, ohne zu ersticken.

Gelegentlich empfindet er seinen Metatyp sogar als Vorteil, wenn Mädchen wegen seiner „Exotik“ seine Nähe suchen, aber zu Intimitäten jenseits von Petting kommt es nie – und umgekehrt ist er, dank Konditionierung der Schönheitsideale durch die Medien – zu dämlich, die wahrhaft an ihm interessierten und auf noch ganz andere Weise belasteten Troll-Girls überhaupt wahrzunehmen.

Die 2030er waren dominiert von der ersten Generation „natürlich geborener“ Zwerge und Elfen, welche die Teenagerzeit erreichen. Irgendwo zwischen den 2040ern und 2050ern versuchen die Medien zunehmend (und staatlich gesteuert im Sinne der Friedenswahrung? – eine damals populäre Verschwörungstheorie), auch Orks und Trolle als „normal“ darzustellen (insofern sie nicht alles Andersartige als Perversion und Verbrechen gegen Gott darzustellen), aber die Hauer der 40er und meist auch der 50er sind goblinisiert und dadurch traumatisiert.

Erst in den 2060ern kommt die erste Generation der „Hauergeborenen“ ins Teen- und Erwachsenenalter und revolutionieren ihre (Sub-)Kultur auf einzigartige Weise.

Er – ewig der Irrtum des Timings – ist da schon dabei, seinem eigenen blöden Traum nachzujagen.

Weil er „Baer“ heißt und größer als die meisten Gleichaltrigen ist, nennen ihn die anderen „Papa Baer“ (ein Lockruf für viele Mädchen mit Daddy Issues – als ob er davon nicht selbst genug hätte), und als er eine Eurokrieg-Schmonzette im Trid sieht, in der ein Rigger mit Callsign „Papa Bear“ an Bord eines Banshees wiederholt in letzter Sekunde die verzweifelten Protagonisten aus der Gefahrenzone extrahiert, ist es um ihn geschehen: Kaum volljährig, geht er zur Bundeswehr, um seinem Traumberuf „Pilot“ nachzujagen.

Und natürlich ist letztlich eh immer die Mam Schuld, weil sie ihn darin bestärkt hat, seinem eigenen Weg zu folgen.


(Langes Schweigen)

„Es ist das Beste, was ich Ihnen anbieten kann.“

(Schweigen)

„Die bittere Wahrheit ist, dass es auf absehbare Zeit keine Troll-Piloten in der Bundeswehr geben wird.“

(Schweigen)

„Das kann und wird sich irgendwann ändern. Nehme ich an.“

(Schweigen)

„Bei Anschaffungskosten von mehreren Millionen Euro kann sich kein Militär der Welt eine hunderttausende Euro wiegende Größenanpassung für einen Troll-Piloten leisten. Und das umso mehr, da es ja auch nicht gerade unzählige Anwärter Ihrer Größenklasse …“

(Schweigen)

„Hören, Sie, Baer. Sie sind gut. WIRKLICH gut. Ich konnte Sie daher in ein Sonderprogramm bringen, das Ihnen die Rigger-Aufrüstung finanziert.“

(Schweigen)

„Nur eben nicht im Lufteinsatz. Und auch nicht als Panzerfahrer.“

(Schweigen)

„Nur im Nachschub.“

(Schweigen)

„Betankung. Remunitionierung. Truppentranport.“

(Schweigen)

„Da gibts gute Fahrzeuge. Bewährt. Und es ist eine wichtige Kampffunktion. Vielleicht sogar die Wichtigste überhaupt.“

(Schweigen)

„Hören Sie, wer weiß, wie lange an Bord der Flugkampfgeräte überhaupt noch Piloten sitzen. Die Drohnentechnik schreitet in atemberaubender Geschwindigkeit voran. Alles nur noch Joystick-Cowboys, und die autonomen Drohnen mit Kill Decision sind schon heute weiter, als irgendeiner ahnt.“

(Schweigen)

„Ach, DREK, Konrad, kann ich Sie für den Einbau eines Rigger-Implantats eintragen oder nicht?“.


Er hat seinen Dienst vertragsgemäß abgeleistet.

Er hat seine Pflicht getan.

Monate, Jahre an Übungen und Manövern. Sogar zwei Kriegseinsätze im Ausland, ohne direkten Feindkontakt zwar, aber top-trainiert und motiviert genug, um nicht negativ aufzufallen. Ein Troll im Truckbetrieb, dessen Mehrkosten bei der Anpassung der Fahrerkabine durch seine Mehrkraft bei der Verladung von Munition und Vorräten wenigstens teilweise kompensiert werden konnten.

Win-Win für ihn und das Vaterland.

2073 ist seine Ma gestorben. Schmerzmittel-Überdosis, als ihr die wachsenden chronischen Beschwerden durch Abnutzung der Gelenke und Knochen zuviel wurden. Spaß am Leben hatte sie eh schon lange nicht mehr.

Hatte ER eigentlich Spaß am Leben? Irgendwann hatte er es vergessen. Zunächst die Antwort. Irgendwann auch die Frage.

Er dreht die Wirtz in der Hand. Schwer. Für Trolle wie ihn gemacht. Falls irgendetwas auf dieser Welt für Trolle wie ihn gemacht und nicht nur notdürftig angepasst ist.

Nur sehr kurz dreht er die Waffe so, dass die Mündung in sein Gesicht zeigt.

Er schnaubt. Lacht kurz auf (zu schrill).

Nein, so weit ist er nicht. Noch LANGE nicht. Er wird es NIEMALS sein.

Das Leben hat ihm nicht viel geschenkt. Seine Träume vom Fliegen konnte er nicht verwirklichen. Auch nicht den Traum, ein Team aus höchster Not zu extrahieren.

Wenn es so etwas wie ein Multiversum verschiedener Möglichkeitsebenen gibt, dann gäbe es irgendwo einen Konrad Baer, der Pilot ist. Oder der eine Frau, eine Familie hat. Aber was soll das bringen, sich mit der besten aller Welten zu vergleichen?

Er hätte es auch viel schlimmer treffen können!

Jeden Tag läuft er an Hauern vorbei, die ohne Geld und eine liebende Familie, ohne gute Kameraden oder zumindest einigermaßen verlässliche Chummer klarkommen mussten. Müssen.

Er war, ist, insgesamt, gesund. Er war, ist, insgesamt, noch nicht zu alt, „einen Unterschied zu machen“, was immer zum Drek das heißen mag. Er hat mehrere zigtausend Euronen Hardware-Einbauten, er hat Betsy und Sally, er ist nicht komplett verblödet und irgendwo dort draußen wird seine Gelegenheit auf ihn warten, etwas Großes zu tun.

Oder zumindest irgendetwas halbwegs Relevantes …

Es ist, schlussendlich, alles eine Frage des Glücks.

Drrrrrrrrrrrr….

Schattenload 10.2023 [Wer ist Ronin?]