Sprache und Sein – ein produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen, das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … (Italo Calvino)
PDF: Sprache und Sein

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Weiterlesen

Volklichkeit

Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)

Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!

Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl? Weiterlesen

Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, Weiterlesen

Wiederholung und Übersetzung

Wer regelmäßig schreibt, der kennt das Problem. Zum guten Stil gehört es, Wortwiederholungen zu vermeiden. Ein Wort, das man gerade benutzt hat, sollte in unmittelbarer Nähe möglichst nicht noch einmal auftauchen. Das ist einer von vielen Bausteinen, einen ästhetisch gelungenen Text zu schreiben.

Allein, das Hirn sieht es anders und spielt uns oft einen Streich. Weiterlesen

Jakob Knudsen – das letzte Wort

PDF: Autorenporträt Jakob Knudsen Langversion

Die Deutschen – das Volk der Dichter und der Denker, ein Topos aus dem 19. Jahrhundert, der sich als Gerücht bis in unsere Tage schleppt. Er war schon damals nur zur Hälfte wahr. Nimmt man die Pro-Kopf-Verteilung zum Maßstab, dann haben die Dänen gute Aussicht, zumindest als das Volk der Dichter gelten zu können, denn was diese wenigen Millionen Menschen seit 200 Jahren an großartiger Literatur hervorgebracht haben, steht vermutlich einsam da in der europäischen Kulturgeschichte. Es liegt an der Ignoranz der Nachbarn, wenn nur wenige Werke bekannt sind oder bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Jakob Knudsen (1858-1917) gilt heute nahezu als vergessen – übrigens auch in seinem Heimatland. Weiterlesen

Schreck am Abend!

Plötzlich wurde mir bewußt, seit Jahren keinen Krimi mehr gelesen zu haben. Etwas, das ich früher öfter und ganz bewußt tat.

Allen voran Ed McBain, dessen 87th Precinct-Serie ebenso wie die Matthew-Hope-Reihe ein grandioses Sittenbild – aus vielen kleinen Puzzlesteinen zusammengesetzt – der US-amerikanischen Großstadtgesellschaft mit ihren sozialen Konflikten und den ethnischen Differenzen darstellt:

Im Grunde hatte McBain das partielle und lokale Scheitern und Gelingen des Melting Pots und des Multikulturalismus seit den 60er Jahren beschrieben Weiterlesen

Der Sinn der Muttersprache

In der multilingualen, globalen und vernetzten Welt wird der eigentliche Tiefensinn der Muttersprache oft verkannt. Man hält sie für ein Kommunikationsmittel, ein Zeichensystem, allen anderen sprachlichen Zeichensystemen grundlegend vergleichbar. Die Sprache wird dabei auf ihren Informationscharakter reduziert, weshalb es heute en vogue ist, mehrere Sprachen zu sprechen oder in Zukunft sich mit Gadgets zu versorgen, die mühelos die eine in die andere Sprache übersetzen können. Und so müsse der Zusammenhalt gelingen. Weiterlesen

Die Spur der Reden

Was sich anhand einiger Länder an den Stimmführungen andeutete, läßt sich auch an den Gesprächsinhalten aufzeigen: Wir leben noch immer in verschiedenen Kulturen und sind national und volklich – d.h. historisch, sprachlich, kulturell, territorial, ökonomisch und ethnisch – geprägt. Weiterlesen

Sprache und Identität

Ungarische Sprache und Identität II

Fortsetzung von: Kann Sprache denken?
Gesamter Text als PDF: Ungarische Sprache und Identität

Der von Heidegger aufgeworfenen Frage nach der „Tiefe und Gewalt der Existenz des Volkes und Stammes, der die Sprache spricht und in ihr existiert“ muß das Ungarische nicht ausweichen.[1] Ihre Spuren lassen sich 6000 Jahre in die uralischen Sprachen zurückverfolgen, vor 3000 Jahren begann seine Eigenexistenz im Urmagyarischen, als sich im Zuge der Wanderungsbewegungen der finnougrische Sprachstrom aufteilte. Weiterlesen

Kann Sprache denken?

(Ungarische) Sprache und Identität I

Als Heidegger davon sprach, daß vor allem die griechische und die deutsche Sprache zum eigentlichen Denken geeignet seien, wurde deutlich, daß er von der ungarischen nichts verstand.[1] Zwar gelte dies „in je verschiedenem Grade“ von allen Sprachen, aber der bemesse „sich nach der Tiefe und Gewalt der Existenz des Volkes und Stammes, der die Sprache spricht und in ihr existiert“, und den „tiefen und schöpferischen philosophischen Charakter wie die griechische“ habe eben nur die deutsche. Weiterlesen

Vom Hurensohn

Auf Twitter veröffentlichte ein Lehrer ein paar Beobachtungen darüber, wie die „Rassismus“-Debatte den Umgangston in den Schulen beeinflußt. Weiterlesen

Über den Gebrauch der Wörterbücher

Wörterbücher sind Fluch und Segen zugleich. Sie ermöglichen uns – das ist banal – den Eintritt in das Vokabular einer anderen Sprache. Sie sind jedoch menschengemacht und das begründet zum Teil, weshalb sie oft auch ein Ärgernis sind. Denn Sprache, als Produkt unbewußt sprachformender Zusammenarbeit von Millionen Individuen, von Generationen, der beiden ewigen Geschlechter, von gesellschaftlichen Schichten, von Literaturen und Stilen … überragt das individuell-Menschliche. Schon eine einzige Sprache ist größer als selbst ihr bester Theoretiker, umso mehr trifft das zu, wenn es sich um zwei Sprachen handelt. Weiterlesen

Wie wir zu unserem Geld kommen

Vorsicht ist angebracht, man sollte wohl nicht allzuviel hineinlesen, aber die Tatsache, daß Sprachen das Problem des zu-Gelde-kommens verschieden lösen, ist nicht uninteressant. Das beginnt schon bei der Frage, warum gerade dieses vitale Interesse so divers ausgedrückt wird. Weiterlesen

Ungarn als Neinsager

Die Ungarn werden uns immer wieder als Spielverderber, als Neinsager, als renitente Zeitgenossen vorgestellt. Man kann bei ihnen – will mir scheinen – auch einen gewissen negativistischen, skeptischen, verschlossenen Zug feststellen. Heute kam mir dazu eine Idee, nicht mehr, nur ein flüchtiger Gedanke. Geschenkt hat ihn mir ein Kleinkind, gerade an der Schwelle, die ersten Wörter zu sprechen. Das allererste, das es scheinbar gelernt hat, war das Wort nem: nein. Weiterlesen

Das sprachliche Negativ

All unsere Aufmerksamkeit gilt den bewußten Tätigkeiten. Das, was wir tun, was wir denken, was wir beabsichtigen. Der Fokus liegt auf der Präsenz. So erscheint unser Alltag in einer Kontinuität, die er nicht hat, schaut man sich – wie in der Photographie – sein Negativ an. Weiterlesen

Ungarisch sprechen

Im Laufe der Jahre habe ich den Satz „Ich spreche Ungarisch“, meist von Deutschen ausgesprochen,  einige Male gehört oder sogar in der Zeitung gelesen. Selbst die „Paprikantin“[1] behauptete nach einigen Monaten Praktikum, Ungarisch gesprochen zu haben. Was aber bedeutet das? Es gibt offenbar ganz unterschiedliche Vorstellungen. Weiterlesen

Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit. Weiterlesen

Wer stiftet, was bleibet?

Vom ungarischen Revolutionär und Politiker Gyula Andrássi (1823-1890) geht folgende Legende um: Auf einem Herrenabend wurde er von einem Magnaten nach seiner seltsamen und gänzlich unstandesgemäßen Freundschaft zum Maler Mihály Munkácsy (1844-1900) befragt, über die man in den höheren Kreisen die Nase rümpfte. Darauf fragte Andrássi den Magnaten, ob er denn den Außenminister zu Rafaels Zeiten kenne, worauf dieser überrascht antwortete: „Woher soll ich das wissen?“ – „Sehen Sie“, kam die Riposte, aber wer Rafael war, das wissen Sie doch sicherlich?“

So war das in den alten Zeiten.

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Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

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Arme deutsche Sprache

Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für diese Verwüstung“, sagt Kanzlerin Angela Merkel bei einem Besuch in der Katastrophenregion.

Wenn die deutsche Sprache dafür keine Worte hat, welche sonst?

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