Die Weisheit der Sprache

Im Ungarischunterricht – wir schreiben das Jahr 2017 – wurde im Vorbeigang die Steigerungsform erörtert. Man brauchte sich nicht lange aufhalten, da es eine der wenigen grammatischen Prinzipien ist, die für den Ausländer unproblematisch sind – die üblichen Ausnahmen nicht berücksichtigt. Dem Adjektiv wird in der ersten Steigerung ein –bb angehängt, wobei die Lautharmonie beim Verbindungsvokal zu beachten ist und in der zweiten Form noch ein –leg vorangestellt. Weiterlesen

Den Koran lesen

I took up the Bible and began to read, but my head was too much disturbed with the tobacco to bear reading, at least that time; only having opened the book casually, the first words that occur’d to me where these: Call on me in the day of trouble, and I will deliver, and thou shalt glorify me. (Robinson Crusoe)
Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen … Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht. (Die neuen Leiden des jungen W.)

Robinson Crusoe, so erzählt uns Daniel Defoe, überlebte 28 Jahre auf einer einsamen Insel und dabei hat ihm – entgegen allen Popularisierungen – vor allem eines geholfen: die Bibel. Der Zufall (oder Gott?) wollte es, daß in einer der angeschwemmten Kisten auch das Buch lag, mit dem der junge Seemann zuvor noch keine Bekanntschaft geschlossen hatte. Im zweiten Jahr, während einer schweren Krankheit und seelischen Anfechtung, schlägt er es nach einem offenbarenden Traum auf und es spricht zu ihm. Weiterlesen

Forschung im Islam

Die Fliege im Glas

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Man muß es so deutlich sagen: Das Argumentationsniveau, in dem sich ein Teil der muslimischen Gedankenwelt bewegt, ist erbärmlich.

Verschiedene Diskussionen mit praktizierenden Muslimen zeigen, daß es ihnen schwerfällt, den Gedanken der Falsifikation zu fassen: „Die Wahrheit können wir nicht beweisen. Aber wir können die Unwahrheit beweisen und uns so der Wahrheit nähern.“ Weiterlesen

Dem Merz seine Unterschrift

Selbst die Unterschriften gehen verloren. Auf dem Einwohnermeldeamt sollte ich mein Autogramm für den neuen Ausweis auf einen Bildschirm schreiben – und scheiterte. Mußte drei oder viermal neu ansetzen, um was halbwegs Erkenntliches zusammenzubekommen. Der Computer hat mir die Handschrift gestohlen und mit ihr die schriftliche Einzigartigkeit und Individualität: meine Signatur.

Sie soll ja eine Menge verraten, über Charakter, Stimmung, Selbstwahrnehmung, Typus und solche Sachen. Weiterlesen

Das Bermuda-Dreieck verschwindet!

Schon lange hatte ich den Verdacht – jetzt bin ich mir ganz sicher. Ich sitze in der Sauna, da wird mir plötzlich alles klar: Das letzte große Geheimnis der Menschheit, eines der letzten Weltwunder in einer entzauberten Welt ist verschwunden, es wurde nicht gelöst, es wurde gelöscht, einfach ausgelöscht, ausradiert, wegrasiert. Und zwar flächendeckend, auch dort, wo es vollkommen unpassend und unzeitlich ist. Die Rechtschreibekontrolle will hier „urzeitlich“ einsetzen und sie hat endlich mal recht. Wir reden von Urzeitlichem. Das Verschwinden des Dreiecks ist ein Verbrechen gegen die Anthropologie, also mehr als eines gegen die Menschlichkeit – in beiderlei Gestalt.

Und sie wissen scheinbar nicht, was sie da tun! Weiterlesen

Islam in homöopathischen Dosen

In regelmäßigen Abständen beglücken uns die Zeitungen mit Meinungen zur Homöopathie – neun „Das-ist-alles-Humbug“-Artikeln steht vielleicht eine bejahende Studie oder ein Erfahrungsbericht entgegen (Beispiele unten).  Die Hauptargumente sind immer die gleichen: Placebo und „Da ist doch nichts drin“. Die Alltagsrealität sieht anders aus: Millionen Menschen (und Tiere) fühlen sich geheilt.

Wer so argumentiert, stellt nur unter Beweis, daß er von der Homöopathie nicht das Geringste verstanden hat. Weiterlesen

Die ewige Merkel

Was wäre die deutsche Presselandschaft ohne ihr Gegenteil, ihre Nemesis – die Zeller Zeitung? Seit zehn Jahren recherchiert das Team um Redaktionschef, Journalist, Marketingleiter, Kundenberater, Zusteller, Finanzier und Karikaturist Bernd Zeller überparteiisch, unabänderlich und präsent, mutig und alternativlos in den dunklen Abgründen der Berliner Republik und erhellt dem Leser im Blitzlicht der Gescheitheit und der zeichnerischen Evidenz die inneren Aporien des politischen Wahnsinns in Deutschland. Weiterlesen

Die neue Reibungslosigkeit

Martin Lichtmesz wirkt fast schon ein wenig angeödet, wenn er über Solingen schreibt. Kein Wunder: für ihn ist es der x-te Text zum Thema und im Grunde gibt es nicht mehr viel zu sagen, nur noch Variationen. Unbedingt lesen!

Hinzuzusetzen gibt es wenig – nur zwei Mikrobeobachtungen. Es geht um die mediale Verarbeitung. Weiterlesen

Sloterdijks Judenwitz

Ein Fachblatt des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller deutet den baldigen Durchbruch an der Front der medikamentösen Judäophobie-Therapie an. Man entwickelt soeben ein Produkt unter dem Projekttitel Allojudeosanbinitrat, das bei über 80 Prozent der Probanden zu einer deutlichen Milderung von Erscheinungsformen des Neuropathisch-Kompulsiven Hebräophoben Syndroms (NCHS) führte.

Freilich wurden auch Fälle von Neuroleptika-typischen invertierten Reaktionen beobachtet, bei denen es zu Symptomverstärkungen kam. Namentlich verwandelten sich einzelne Patienten unter höheren Dosierungen in glühende Netanjahu-Anhänger. Im Team der Forschenden (bis vor dem Inkrafttreten der Sprachpolizeiregeln: der „Forscher“) ist noch keine Einigkeit in der Frage erzielt worden, ob man die Untersuchungen abbrechen oder auf die Marktzulassung des Produkts hinarbeiten soll.

Aus: Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage III. Frankfurt 2023, S. 489f. Eintrag vom 13. 8. 2016

Sein und Stein

Steine liegen einfach so herum, könnte man meinen. Kinder würden vielleicht so auf die Frage nach dem Stein oder die nach dem Sein des Steins antworten. Oder auch nicht, denn sie haben noch die Fähigkeit, Dinge, Gegenstände und auch Steine in ihrer Phantasie zu beleben. Weiterlesen

Sisyphos der Deutsche

Daß wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorzustellen haben, wie Albert Camus seinen Traktat beendet, ist ein schwer zu akzeptierender Gedanke. Vor allem, wenn man seine wohl irrige Prämisse mitbedenkt: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“.

Es ist der heroische Blick, der uns stutzig machen sollte. Er scheint für unsere heutige Zeit kaum noch haltbar. Die letzte verbliebene Sisyphos-Aufgabe – so will es scheinen, wenn man sich seine Zeitgenossen betrachtet – hat davon wenig behalten. Die Rede ist vom Staubwischen, Aufräumen und Rasenmähen. Weiterlesen

Der kohlpechrabenschwarze Mohr

Ein neuer Fall von Zensur oder cancel culture erregt Aufsehen. Andere nennen es „zeitgenössische Anpassung“ oder „inklusiver machen“, wenn man die Neuauflagen der Kinderbuchklassiker Roald Dahls, die es in mehr als 300 Millionen Exemplaren gibt, entschärft und bearbeitet, sprich alles entfernt, was irgendjemanden in der Welt beleidigen könnte, sei er nun schwarz, fett, doof, nichtbinär oder auch nur gehirngewaschen. Auch Referenzen an den „Kolonialismus“ müssen weichen, so etwa der Name Rudyard Kiplings. Weiterlesen

Das Geheimnis der guten Ehe

Leichtfertige Menschen meinen, es bestünde in der Liebe, und noch leichtfertigere sehen es in der Verliebtheit. Doch sind das Klischees. Nicht, daß ein Gran Liebe nicht notwendig sei, nur darf man ihren Anteil nicht überschätzen. Überhaupt ist der Mensch zu sehr langer Liebe gar nicht fähig, auf keinen Fall zu einer jahrzehntelangen. Weiterlesen

Mal wieder was Rassistisches

Das wird gut angenommen, das treibt die Klickzahlen hoch, macht nicht viel Arbeit und ist auch leicht zu verstehen.

Ich habe mich also mal wieder in die Stadt gewagt; die Rede ist von Plauen, Vogtland, Sachsen, 65000 Einwohner, wenn man alle Eingemeindungen mitzählt, Tendenz stark fallend, sofern man Zuwanderung nicht einberechnet. In der Presse kann man noch immer lesen, daß es hier gar keine Migration gebe und nur zwei Prozent Ausländer hier lebten. Weiterlesen

Gürtelrose, Covid, China

Ich mache jetzt etwas, was man nicht tun sollte, will man seriös sein und was ich bisher weitgehend vermieden habe: ich spekuliere, ich rechne ein paar Nummern zusammen, die vielleicht nicht zusammengehören, ich behaupte oder insinuiere etwas, für das ich keine Belege habe, ich verschwörungstheoretisiere also. Weiterlesen

Wahrnehmungsfehler

Im Wald laufe ich auf eine Frau zu, die ganz vertieft in ein kleines rotes Büchlein schaut und vor sich hinmurmelt. Rechts oben sieht man ein Emblem. Was liest sie nur, geht es mir durch den Kopf? Eine Mao-Bibel, einen Gedichtband, eine Anleitung der Zeugen Jehovas oder der Mormonen, das Kommunistische Manifest? Als ich näher komme, klärt sich alles auf. Kein Buch, sondern ein in schönes Leder eingebundenes Mobiltelefon hält sie in der Hand, die Kamera rechts oben. Weiterlesen

In Deutschland muß niemand hungern!

Viele Menschen machen sich Sorgen: Was sollen wir essen, wenn alles teurer wird? Was sie nicht wissen: das Essen liegt auf der Straße, oder genauer; auf der Wiese oder hängt am Busch. In Deutschland muß niemand hungern – zumindest nicht von April bis November. Weiterlesen

Das vermeidbare I-Wort

FireShot Capture 735 - ZDF zur Winnetou-Debatte_ Bitte „I-Wort“ vermeiden - www.berliner-zeitung.de

Wenn die Enkelkinder da sind, weht hier ein anderer Wind. Jetzt sind sie endlich in dem Alter, mit den Indianern zu spielen. Davon habe ich schon lange geträumt. Weiterlesen

Polizeistaat Ungarn

Man muß nicht lange in Ungarn weilen, um zu erkennen: Ungarn ist ein arger Polizeistaat! Weiterlesen

Der ersehnte Gast

Über Goethe hat uns neuerdings jemand belehren wollen, daß er mit seinen 82 Jahren sich ausgelebt habe: und doch würde ich gern ein paar Jahre des »ausgelebten« Goethe gegen ganze Wagen voll frischer hochmoderner Lebensläufte einhandeln, um noch einen Anteil an solchen Gesprächen zu haben, wie sie Goethe mit Eckermann führte, und um auf diese Weise vor allen zeitgemäßen Belehrungen durch die Legionäre des Augenblicks bewahrt zu bleiben. Wie wenige Lebende haben überhaupt, solchen Toten gegenüber, ein Recht zu leben! (Nietzsche)

Man hat, wenn unerwartet Gäste kommen, mitunter das Bedürfnis, Tür und Fenster weit zu öffnen, den Drang nach Luft und Weite.

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