Ungarn: Wir haben das System gecrasht!

Rendszert váltottunk! Riefen die jungen Leute beim gestrigen Autocorso durch die Budapester Innenstadt – wir haben das System gestürzt (wörtlich: gewechselt). Damit stellten sie sich in die große Geschichte, die der Satz zitiert: den Fall der Mauer. Er enthält in seiner Hybris einen Großteil der Probleme, die zum Sturz Orbáns geführt haben, aber auch jener Probleme, vor denen Ungarn nun steht.

Die Geschichte ist offen, Prognosen sind wohlfeil, aber so viel kann man wohl sagen: Wenn Tisza mit ihrem Führer Péter Magyar nicht liefert, dann droht Ungarn ein politisches Vakuum, das im schlimmsten Fall zum Kollaps führen kann. (So gesehen muß man Tisza Glück wünschen und ein gewisses Vertrauen aussprechen.)

Denn die einzige valide Gegenkraft ist und bleibt der Fidesz. Der steht aber vor einer existentiellen Krise und wird in den nächsten Wochen und Monaten um seine Existenz kämpfen müssen. Die erste Frage wird sein, wie man mit Orbán, Herz, Seele und Hirn der Partei, umgehen wird, wie er sich selbst verhält. Macht er Platz, tritt er zur Seite oder wird er an seinem Stuhl kleben? Beide Szenarien sind stark risikobehaftet. Oder wird man ihn stürzen müssen, wird es ein Schisma, den Vatermord geben? Und wer soll ihm folgen?

Öffentlichkeitswirksam traten bisher nur Péter Szijjártó und Gergely Gulyás auf, Außenminister und Kabinettsminister ihres Zeichens. Der charismatischere Szijjártó wird – das hat Magyar in seiner Siegesrede schon deutlich gemacht – wegen seiner Beziehungen zu Rußland untersucht und wohl verklagt werden, der einschläfernde Bürokratentyp Gulyás hat weit weniger Appeal und die meisten anderen Granden der Partei sind durch ihre Verstrickungen verbraucht. Es bräuchte einen Charismatiker aus der zweiten oder dritten Reihe, der jetzt seinen Hut in die Arena wirft und riskiert, lebendig zerrissen zu werden …

Man kann sich das Ausmaß der Orbán-Sattheit, des Frustes, Hasses und Spottes in weiten Teilen der Bevölkerung kaum vorstellen, freilich durch einen Orbán-Kult am anderen Spektrum komplementiert. Tatsache aber ist: Viele Menschen haben sich nicht für Péter Magyar entschieden, sondern gegen Orbán! Nicht gegen die restriktive Migrationspolitik, nicht gegen den Grenzzaun und oftmals noch nicht mal für die EU und ihre Konsequenzen! Es ging nur um ihn! Daß er weg ist, war die Hauptsache, womit die Leerstelle gefüllt wird, weniger wichtig.

Die Rechte tut sich schwer mit solchen Zugeständnissen, denn sie hat in Orbán immer eine idealisierte Figur gesehen und wollte sich lieber die eigenen Vorstellungen bestätigen, als der Realität ins Auge zu schauen, eine Strategie im übrigen, die auch den Fidesz in den Abgrund geführt hat. Man sprach von einer „kulturellen Hegemonie“, meinte, daß Orbáns Lektüre Gramscis schon ein Verdienst sei und ließ sich von entsprechenden Think Tanks das Gewünschte aufsagen. Aber ob Orbán Gramsci tatsächlich gelesen hat, bleibt wohl eher ein Gerücht, viel wahrscheinlicher ist es, daß ihn seine Spindoktoren mit den entsprechenden Parolen versorgten.

Bei alldem hat die Neue Rechte übersehen, daß es die „kulturelle Hegemonie“ , den „nationalen Block“ nie gegeben hat, außer in den Vertretern dieser Theorie selbst. Sie ist heute nacht krachend gescheitert – die Auswirkungen auf die Theoriebildung müssen verstanden werden!

Damit man nicht falsch versteht: Orbán war ein Ausnahmepolitiker, ein Vollblutpolitiker, ein politisches Tier, wie es sie heute kaum noch gibt. Aber vier aufeinanderfolgende Wahlperioden haben ihn sichtbar dick und selbstsicher gemacht – weshalb Magyars Forderung zum Nationalfeiertag am 15.3., die Wahlperioden auf zwei zu beschränken ein weiterer Pluspunkt für ihn war. Man kann Orbán jetzt studieren, wie man Churchill oder Kissinger oder de Gaulle studiert. Selbst wenn er hinter Gittern landen sollte.

Intrinsische Gründe dafür gibt es genügend und sie haben ganz wesentlich zu seiner Niederlage beigetragen. Die Korruption an erster Stelle, die Propaganda an zweiter. Beide sind systemisch, haben den realen Orbánismus lange getragen und sich letztlich gegen ihn gewendet. Mit sehr langen Vorlaufzeiten. Schon die Wahl vor vier Jahren oder die letzten Regional- und Europawahlen hätten alle Warnlichter zum Erglühen bringen müssen, wenn noch Leben in der Fidesz-Bewegung gewesen wäre. Sie hatten die große Unzufriedenheit signalisiert, die im Volke herrschte und der nur eine wählbare Opposition fehlte, um sie zum Ausdruck zu bringen.

Vor vier Jahren scheiterte die Clownskoalition um Péter Márki-Zay – alle in ihr vereinten Parteien wurden seither pulverisiert, auch die „Demokratische Koalition“ um Klára Dobrev und Ehemann Ferenc Gyurcsány, einst mächtige Sozialdemokratie, ist nun komplett zerstört worden. Es gibt in Ungarn derzeit keine nennenswerte politische Linke, auch wenn das Budapester Milieu das hergäbe – das muß man verstehen!

Die Korruption in Ungarn ist systemisch – ich wiederhole das als Merksatz! Auch für das System Orbán war es die Nabelschnur. Über Vorteils- und Schuldkomplexe wurde Loyalitäten und Abhängigkeiten bis in das gesellschaftliche Kapillarsystem hinein geschaffen.

Es ist aber nicht sein Alleinstellungsmerkmal, sondern die Korruption hat sich nur von den Kommunisten auf die Sozialdemokraten und weiter auf Fidesz vererbt und wenn man die alten ungarischen Autoren wie Mór Jokai, Kálmán Mikszáth oder Zsigmond Kemény liest, dann wird einem deutlich, daß dieses Phänomen der ungarischen Gesellschaft ebenso tief eingeschrieben ist wie der Ukraine oder Rußland.

Zwar hat sich Magyar den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben und seine ersten Schritte dürften sich auch dagegen wenden, doch ist die Wahrscheinlichkeit groß – je länger er an der Macht ist, umso wahrscheinlicher –, daß auch seine Partei in die Strukturen übergleiten wird. Vieles wird davon abhängen, wie die bisherigen Strukturen reagieren werden: werden sie kooperieren oder in den Überlebenskampfmodus wechseln?

Selbiges gilt für die medialen Verstrickungen. Während – nur als anekdotische Evidenz – den gestrigen Wahlkampf auf den regierungstreuen Kanälen M1Híradó und hír.tv nur wenige tausend Zuschauer verfolgten, klebten bei den oppositionellen Sendern Partizán und Telex jeweils 200 000 Leute an den Bildschirmen via YouTube. Seit Jahren wird das Staatsfernsehen von den meisten Ungarn ignoriert und lächerlich gemacht, so wie man sich in der DDR über die Aktuelle Kamera oder den Schwarzen Kanal erheiterte. Aber niemand schien die Diskrepanz in Regierungskreisen noch wahrnehmen zu wollen, stattdessen ergötzt man sich an den angeblichen Erfolgen.

Auch Orbáns Plakat-Kampagnen unterlagen diesem Paradox. Vor ein paar Jahren war Soros auf jedem Plakat zu sehen, aber kein Ungar interessierte sich für einen steinalten Milliardär, der nur noch gebrochen Ungarisch sprach und angeblich das Schicksal der Welt, Europas und vor allem Ungarns bestimmen sollte. Dann wurde Soros gegen die EU-Bürokratie ersetzt oder Selensky und fast immer in parodistischer, herabwürdigender Facon. Die Ungarn – zumindest die, die nicht am Fidesz-Tropf hingen – lachten nur darüber.

Man muß freilich den Vorteil genießen, unter ihnen zu leben, mit ihnen zu sprechen, um das sehen zu können, denn sie sind seit langem eher scheu und gebückt, wenn es um Politik geht. Magyar war nun der lebende Beweis dafür, daß man gegen die Macht aufstehen kann, ohne zusammengestaucht zu werden.

Magyar hat das jetzt geändert! Mit dem Mann aus dem eigenen Establishment konnte der verknöcherte Apparat nichts anfangen. Man verfolgte die alten Soros-Leyen-Selensky-Strategien, war nicht mehr in der Lage, die neue Qualität des Phänomens zu erkennen und verfiel in die alten Herabwürdigungsmuster, die Magyars Auftritt aber doch nur bestätigten. Und als Orbán in seiner Rede zum ungarischen Nationalfeiertag 2025 seine Gegner als „poloskák“, als Wanzen bezeichnete, da ging ein Murren durchs Land – das Wort machte Karriere und wurde auch gestern eifrig zitiert.

Nicht etwa, daß Magyar zimperlich mit seinem Gegner umging, aber wer den Staatsmann gibt, der muß sich auch staatsmännisch gebärden. Das ist Orbán erst gestern wieder gelungen, als es zu spät war, als er zerknirscht seine krachende Niederlage vor der Nation eingestehen mußte – was es wert ist, werden wir sehen.

Magyar hat den gebeugten Ungarn das Rückgrat wieder geradegebogen, vor allem den jungen. Während Orbán eine dunkle Kampagne führte, von unmittelbar bevorstehendem Krieg gegen Rußland und Untergang des Abendlandes sprach, von Souveränitätsverlust und der Europäischen Krake, wenn er nicht fortführen könne, versprach Magyar eine helle Zukunft, einen Neuanfang, eine Befreiung und üppige Geldströme, die von Brüssel nach Budapest fließen und das marode Gesundheitssystem oder die Infrastruktur wieder aufbauen werden. Und Jugend will Zukunft, Jugend wählt nicht die Apokalypse, Jugend will etwas vor sich haben – selbst wenn es unrealistische Versprechungen sein sollten. Sie hat auch ein Recht darauf.

Passend dazu auch Orbáns Bindung an die historische Vergangenheit in den Personen Putin und Trump. „Russen raus!“ wurde einer der Kampfslogans der Tisza-Anhänger und Trumps politische Irrlichterei machte die Freundschaft zwischen Viktor und Donald eher zu liability und hazard, als daß sie hätte helfen können. Trump ist längst kein Freund mehr, an dessen Brust man sich vertrauensvoll anlehnen kann. J.D.Vances Zwischenstop in Budapest war ein Bärendienst.

Wer sich die Wahlkampfreden beider Kontrahenten angeschaut hat, der konnte die Energieunterschiede nicht übersehen. Man sah und hörte Orbán an, daß er ein Mann der Vergangenheit war, verbraucht, verbaucht, ausgelaugt, nicht mehr wandlungsfähig und da halfen auch die Reihen kahlköpfiger und schwarz uniformierter und kahlrasierter Fleischnacken nicht mehr, die seine Veranstaltungen „schützen“, in Wirklichkeit aber die Tisza-Anhänger einschüchtern sollten. Man sehe sich den Auftritt vom 27.3. in Győr an, um zu begreifen, was ich meine.

Es war vor allem die Jugend, die Magyar wählte, und man sah das auch bei seinen Demonstrationen oder der gestrigen Siegesfeier. Wie oft ich den Satz junger Leute gehört habe, daß sie das Land verlassen werden, sollte Orbán noch einmal gewinnen, kann ich nicht mehr sagen, er ist so eine Art Standardfloskel geworden. Der Tisza-Mann hatte es auch eilig, die Auslandsungarn in seiner Siegesrede anzusprechen und sie zur Heimkehr aufzufordern, um das Land neu aufzubauen. Und unter den dreiviertel Millionen Ungarn, die im Westen ihr drei- bis vierfach besseres Geld verdienen, sind sehr viele jung und gut ausgebildet! Leute, die dem Land an allen Ecken und Enden fehlen. Hätte Orbán gewonnen, wäre ein Exodus der Jugend möglich gewesen – sie haben also tatsächlich für ihr eigenes Schicksal gewählt.

Natürlich wäre es naiv, anzunehmen, daß all diese jungen Leute vollbewußt gewählt hätten. Nein: Tisza ist zum Meme geworden, zum Hype, wenn nicht zur Hysterie, zur aus sich selbst rollenden Welle, es war das, was man wählt, wenn man jung ist. Die Internetaffinität der Jugend trug zur unkontrollierten Verbreitung bei.

Das nationale Beharrungsvermögen, das in Ungarn bisher stärker als in anderen europäischen Ländern ausgeprägt war, gerät auch dort gegen die modernen Kommunikations- und Verflachungstechniken in die Hinterhand. Diese Prozesse sind überhaupt nur marginal politisch zu beeinflußen und vielleicht ist es klüger, die Welle zu reiten, als sich ihr als Breche stur entgegenzustellen – denn hinter ihr wartet ein Meer, um anzubranden.

Zu diesem Sturzbach gehören auch die quasi naturwüchsigen Migrationsströme in einer Welt der kompletten Verflüssigung, deren globale Bedeutung selbst beim Remigrations-Konzept noch nicht zur Genüge mitgedacht ist. Magyar versprach in seinen ansonsten inhaltlich eher vagen Ansprachen, das Gute des Fidesz zu übernehmen, und meinte damit in erster Linie den Grenzzaun, die Verweigerung der Massenmigration ins eigene Land – immerhin stellt die ungarische Sprache eine weitere natürliche Grenze dar – und die Pro-Familien-Politik. Ob er der europäischen Nomenklatura in diesen Fragen wird widerstehen können, dürfte eine der Schlüsselfragen werden. Die Gelder kommen wohl nur gegen tiefe Souveränitätsverluste – anderes anzunehmen, wäre naiv.

Denn auf der anderen Seite gab er sich vollkommen pro-europäisch und das ist es auch, was seine junge Klientel hören wollte. Dieser Spagat zwischen dem Nationalcharakter – dem höchsten Hungarikum – und den Gesetzen des Globalismus wird der Grundkonflikt werden. Die Ungarn sind seit 1000 Jahren pro-europäisch und haben dafür viele Male hohen Blutzoll zahlen müssen.

Magyar muß liefern und vermutlich schnell. Besonders die Jugend ist ungeduldig. Die Zweidrittelmehrheit gibt ihm alle Mittel in die Hand, auch verfassungsändernde. Zuerst dürften die Medien, die Justiz und die Wahlformalitäten auf Reset gestellt werden. It’s the economy, stupid – wie Maximilian Krah vorschnell meinte. Ja, natürlich, das auch! Aber den Ungarn geht es heute deutlich besser als vor 16 Jahren, auch das ist eine Tatsache, trotz aller wirtschaftlicher Schwierigkeiten der letzten Jahre, die teils hausgemacht, teils unverschuldet sind.

Man hätte Orbán diese Schwierigkeiten verziehen, zumal man seine Migrationspolitik bis ins linke Milieu unterstützte, wenn der Fidesz nicht so moralisch und medial anrüchig geworden wäre.

Nun muß Magyar also die Energiefrage lösen. Wo will er sein bezahlbares Öl und Gas herbekommen, wenn nicht aus Rußland? Was soll mit dem riesigen russischen Atommeiler Paks werden, dessen Ausbau – Paks 2 – eigentlich schon beschlossene Sache war, wie will er die unverschämt hohe Inflation bekämpfen, die Staatsverschuldung bremsen?

Wie will er den durch die Wahl offen zutage tretenden Generationenkonflikt lösen? Wie die schier unlösbare demographische Frage? Übernommene Lasten – aber man hört wenig Konkretes und die paar Euro-Milliarden werden strukturell nichts ändern. Hat er überhaupt die Leute dazu, um auch die zweite, dritte und vierte Riege anforderungsgemäß zu besetzen? Wo sind die fähigen Minister, Staatssekretäre, Verfassungsrechtler, Wirtschaftsexperten? Viele seiner Leute sind entweder Ex-Fidesz-Technokraten, liberale Aktivisten oder weitgehend unbekannt. Sind beim Personal die Skandale und das Abgleiten in die Selbstbereicherung nicht schon vorprogrammiert …?

Sollte Tisza aber scheitern, dann droht das politische Vakuum. Und daß Mi Hazánk und László Toroczkai eine zukünftige Alternative wäre, wie ebenfalls Maximilian Krah herausposaunte, ist ein Gerücht, denn so lange man sich dort in der Öffentlichkeit mit fragwürdigen Gestalten umgibt, das Trianon-Diktat rückgängig machen und ein Groß-Ungarn anstreben will, wird diese Partei für eine moderne Wählerschaft unwählbar bleiben und die 10 Prozent nie überwinden.

Die Geschichte Ungarns ist wieder offen. Und sie wird gnadenlos mit denen abrechnen, die ihre Versprechen nicht einlösen.

PS: Und sollte es jemanden geben, der mir nun Altklugheit und nachherige Besserwisserei vorwerfen will, den verweise ich auf meine zahlreichen Artikel zu Ungarn und Orbán in den letzten acht, neun Jahren, in denen das meiste schon steht und für die ich immer und immer wieder kritisiert und angefeindet wurde … Schon vor Jahren hatte ich geschrieben, daß Orbán fallen wird, sobald es eine ernsthafte Opposition gibt. Weil man zum einen lieber seinen Illusionen glaubt und weil man meint, daß Kritik durch den Gegner per se falsch sein müsse.

Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältig. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

Es gibt noch immer die Ost-West-Schere und zwar in vielerlei Gestalt. Der Westen ist ökonomisch und materiell reicher, aber man spricht dort auch eine andere Sprache. Die DDR galt als geschlossene Gesellschaft, aber gerade dort wird oft offener gesprochen, zumindest auf der unteren Ebene. Dem anderen seine Meinung zu sagen, ist im Osten oft weniger ein Problem. Weiterlesen

Huntington – 30 Jahre später

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor drei Jahrzehnten, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen. Weiterlesen

Wo bleiben die Terroristen?

Despite the missteps of U.S. foreign policy, the terrorists‘ missteps have been even worse. That’s why I believe that our fears of terrorism are exaggerated. There just aren’t many terrorists, thank goodness.” Charles Kurzman

Um die Ecke denken, überraschen, nicht ausrechenbar sein … das hat mich schon immer fasziniert. Und wenn in einer Welt, in der wir permanent über die Tatsache stolpern, daß radikaler Islam Terrorismus in großer Zahl und quasi per Gesetz erzeugt, einer kommt und indirekt fragt: „Why are there so few Muslim Terrorists?“, warum es also eigentlich so wenige Terroristen gibt, dann hat er mich schon gebannt.

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Wozu Politik? Vom Interesse am Gang der Welt.

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Politik. Vom Interesse am Gang der Welt.

Erst als mir im Laufe der Lektüre der Sinn des „Wir“ aufging, bekam diese Schrift Brisanz. Wen meinte der Autor, wenn er von „wir“ sprach: uns alle? Die Deutschen? Oder die politisch Verbündeten? Nein, der Kreis muß noch enger, im Grunde genommen ganz eng gezogen werden – ohne daß er die größeren ausschließen würde.

2010 erschien dieser Kaplaken-Band – heute liest er sich natürlich ganz anders. Die Krise, von der Lehnert darin spricht, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009, wo man für einen Augenblick den Eindruck gewinnen konnte, das westliche Wirtschafts- und Politsystem stehe auf tönernen Füßen. Seither hat es gravierende Einschnitte gegeben. Die eskalierende Migrationskrise hat die Karten neu gemischt, aus ihr ist eine neue wirkmächtige Partei entstanden und seit einem Jahr wirbelt Trump die „wertebasierte Ordnung“ durcheinander und nur wenige sehen den vorhergehenden Nexus mit Rußlands Überfall auf die Ukraine …

Kann das Buch vor diesem Hintergrund noch bestehen? Weiterlesen

Noch einmal Grönland

Aus aktuellem Anlaß lege ich diesen Artikel, der fast auf den Tag genau vor einem Jahr geschrieben wurde, noch einmal vor. Er ist noch wahrer und dringlicher als damals. Allein die politischen Reaktionen in Dänemark haben sich geändert: Verfiel man damals in ratloses Schweigen, will man heute quer durch die Parteienlandschaft bis aufs Messer kämpfen – was selbstredend nur rhetorische Entschlossenheit ist. 

Seit Donald Trump seine grönländischen Träume veröffentlicht hat, steht das kleine Dänemark Kopf. Was aus diesen Plänen noch werden kann, steht vollkommen in den Sternen. Allein Trumps Äußerungen haben bereits eine Dynamik in Gang gesetzt, Energien freigesetzt, deren Folgen unabsehbar sind.

Aus welcher Perspektive man sie betrachtet – grönländischer, dänischer, amerikanischer, russisch-chinesischer, europäischer, politischer und geopolitischer … –, stets wird es komplex, zeigt Licht- und Schattenseiten, kann utopisch oder apokalyptisch oder dazwischen verstanden werden. Weiterlesen

Ist der Terrorismus rhizomatisch?

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Weiterlesen

Warum die Deutschen?

In Ungarn gab ich gelegentlich ein paar Deutschstunden. Mein ausdauerndster Schüler war ein Mann von 80 Jahren, einst der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe.

Einmal wollte er die Deutsche Nationalhymne auswendig lernen und begann zu singen: „Deutschland, Deutschland über alles“. Er war überrascht, zu hören, daß man das nicht mehr singe, sondern nur noch „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Er fand das albern, man müsse doch auch einmal vergessen können … Weiterlesen

Erik Lehnert: Wozu Partei?

Rezension: Erik Lehnert: Wozu Partei? 

Eine Herangehensweise an eine Rezension ist es, den Gang der Gedanken nachzuzeichnen, durch Wiedergabe ausgewählter Passagen ein paar Höhepunkte oder typische Stellen zu markieren und das Ganze mit einigen wertenden Urteilen zu garnieren.

Hier geht das nur bedingt, das Buch ist zu aufgeladen, die klassische Besprechung müßte sich verheddern, den Rahmen ihrer Aufgabe sprengen, wäre letztlich vielleicht sogar länger als der zu besprechende Text. Wir müssen hier ganz im Abstrakten bleiben.

Lehnert argumentiert wie ein Maschinengewehr: Weiterlesen

Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: vor fast 30 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Die Iden des Merz

Großes Theater im Bundestag. Wer die Brutusse waren, die Merz versuchshalber das Messer in den Rücken stachen, werden wir wohl nie erfahren. Persönlich würde ich mal bei Saskia Esken nachfragen, ob die was weiß.

Die ganze Szene ist ein treffendes Sinnbild für den rasanten Niedergang dieses Landes, das nicht nur ökonomisch und infrastrukturell rapide abbaut, sondern auch politisch mehr und mehr zur Lachnummer wird. Weiterlesen

Die Macht der Argumente und die Argumente der Macht

Fast jeden Abend höre ich eine halbe Stunde Radio und zwar während des Kochens. Verschiedene ausländische Sender, um ein wenig Sprach-Input zu bekommen. Oft P1 (sprich: Pe Et), den öffentlich-rechtlichen Informationskanal Dänemarks. Der hat gerade einen Skandal zu verkraften, denn im Fernsehen wurde eine schwer linkslastige Dokumentation ausgestrahlt, von einem marxistischen Ökonomieprofessor verantwortet, die den Dänen eine grönländische Kolonialschuld einreden will und dabei frei mit großen Zahlen jongliert. Die Öffentlichkeit ist ob der offenbaren Propaganda entsetzt und hinterfragt den Rundfunkbeitrag … wir kennen das zur Genüge. Weiterlesen

Dem Merz seine Unterschrift

Selbst die Unterschriften gehen verloren. Auf dem Einwohnermeldeamt sollte ich mein Autogramm für den neuen Ausweis auf einen Bildschirm schreiben – und scheiterte. Mußte drei oder viermal neu ansetzen, um was halbwegs Erkenntliches zusammenzubekommen. Der Computer hat mir die Handschrift gestohlen und mit ihr die schriftliche Einzigartigkeit und Individualität: meine Signatur.

Sie soll ja eine Menge verraten, über Charakter, Stimmung, Selbstwahrnehmung, Typus und solche Sachen. Weiterlesen

Gedanken zu Grönland

Seit Donald Trump seine grönländischen Träume veröffentlicht hat, steht das kleine Dänemark Kopf. Was aus diesen Plänen noch werden kann, steht vollkommen in den Sternen. Allein Trumps Äußerungen haben bereits eine Dynamik in Gang gesetzt, Energien freigesetzt, deren Folgen unabsehbar sind.

Aus welcher Perspektive man sie betrachtet – grönländischer, dänischer, amerikanischer, russisch-chinesischer, europäischer, politischer und geopolitischer … –, stets wird es komplex, zeigt Licht- und Schattenseiten, kann utopisch oder apokalyptisch oder dazwischen verstanden werden.

Die dänischen Medien überschlagen sich. Weiterlesen

Hiobsbotschaften aus Syrien und Rumänien

Syrien

Die politischen „Eliten“ in Deutschland haben den Schuß nicht gehört. Sie jubeln über den Sturz Assads in Syrien und sind nicht in der Lage, auch nur zwei Schritte vorauszudenken. Scholz spricht von „einer guten Nachricht“, Röttgen (CDU) spricht von einer „großen Befreiung“, in der Presse überschlägt man sich, die islamistischen Soldaten als „Rebellen“, „Freiheitskämpfer“ und „Revolutionäre“ zu adeln. Aller politische Verstand scheint verloren zu sein im Diktatoren-Furor. Ob Putin, Assad oder Trump a forteriori – alles neue Hitler, böse, bäh, muß weg, um jeden Preis.

Auch die Hoffnung auf rechter Seite, daß nun eine Million Syrer das Land verlassen werden, ist an politischer Naivität nicht zu überbieten. Weiterlesen

Überwältigungskino

Jemand empfiehlt den Film „The Northman“, der sei gut. Ich schaue den Trailer und weiß, daß ich ihn mir nicht anschauen würde, vor allem nicht im Kino. Zu invasiv. Geschrei, Blut, Feuer, Gewalt, Mord, Totschlag, Hauen, Stechen, Kopfabschlagen am laufenden Band – und Nicole Kidman. Die lange Liste ihrer Filmographie beweist mir, daß ich noch keinen einzigen ihrer Filme gesehen habe – und trotzdem ist sie mir schon über. Sie hatte mal das Angebot für Woody Allen zu spielen, aber da sagte sie ab: dort hätte ich sie mir angesehen.

Diese typische amerikanische Mimik und Gestik sind mir zuwider: Weiterlesen

Viktor Orbáns Waterloo

Unter den zahlreichen aufsehenerregenden Ergebnissen der Wahl zum Europäischen Parlament – national und international –, ragt für mich das ungarische Ergebnis heraus. Hier haben wir es mit einem veritablen Erdbeben zu tun, das die gesamte politische Tektonik des Landes fundamental verändern kann. Weiterlesen

Die Macht der Tendenz

Viele irrige Entscheidungen beruhen auf der Verkennung der momentanen Lage. Aufgrund ihres psychischen Apparates tendieren Menschen dazu, sich ein falsches Bild vom Augenblicksmoment zu machen. Moment meint hier eher die Bewegung – nicht den, sondern das. Es gibt mittlerweile zahlreiche technische, statistische Hilfsmittel, doch die Psyche ist oft stärker und das Gedächtnis schwächer. Gedächtnis bräuchte man z.B., um sich der Hilfsmittel noch rechtzeitig zu erinnern, um sie zu Rate zu ziehen. Weiterlesen

Aufklärung und Sklaverei

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House. Weiterlesen

Die politischen Kannegießer

Hand aufs Herz: wer kennt den Begriff des „Kannegießers“ noch? Nicht der Beruf des Zinngießers ist gemeint, den die historisch Interessierten oder Besucher von Trödelmärkten vielleicht noch kennen, sondern seine metaphorische Bedeutung. Und unter denen, die ihn kennen: Wer weiß die Quelle?

Ich habe sie gerade gelesen, die Quelle. Der Begriff stammt von dem dänisch-norwegischen Dramatiker und Klassiker Ludvig Holberg (1684 – 1754). Sein zweites und populärstes Stück trug den Titel „Den Politiske Kandestøber“ (1722). Weiterlesen