Frauen und Kinder in Ungarn

Was in Ungarn sofort auffällt: Es gibt kaum ningelnde, nörgelnde, nervende Kinder. Zumindest habe ich noch kaum eines gesehen. In Deutschland jedoch genügen in der Regel fünf Minuten im Stadtzentrum oder einem Einkaufspalast, um gestreßten Müttern, die ihre Kleinen anblaffen, und weinenden, schreienden, zappelnden Kindern zu begegnen.

Mütter sind hier auffällig auf ihre Sprößlinge fokussiert. Weiterlesen

Lehrer Urup

Die meisten Autoren – auch jene, die in ihrer Zeit echte Berühmtheiten waren – sind nach 100 Jahren vergessen. Aber es gibt auch welche, die nach so langer Zeit erst entdeckt werden oder eine Renaissance haben, deren Werke plötzlich mit ganz anderer Dringlichkeit zu uns sprechen oder die sich als visionär erweisen – und Jakob Knudsen (1858 – 1917) ist so einer.

Man kann ihn radikal nennen – aus heutiger und aus damaliger Sicht. Radikal heißt, an die Wurzel gehen, aber es bedeutet auch: rücksichtslos und sein eigenes Leben einsetzend. Weiterlesen

Kommunismus ist Sowjetmacht plus Schach

Im Kinde steckt die Spielleidenschaft; sie muß befriedigt werden. Man muß ihm nicht nur Zeit zum Spielen geben, sondern sein ganzes Leben mit dem Spiel durchdringen. Sein ganzes Dasein ist Spiel. A.S. Makarenko[1]

Es lohnt sich, gelegentlich die Bücher der Kindheit zur Hand zu nehmen, jene Werke, die einst einen tiefen Eindruck hinterließen. Sie bleiben für immer präsent, unterschwellig und unauflösbar, oft nur als Gefühl oder gar nur als Erinnerung an ein bestimmtes Gefühl.

Halten die einstigen Erlebnisse noch stand? Weiterlesen

Die Anrede mit dem Namen

Denkanstoß Bollnow

Denn in dem Ton, in dem man einen anderen Menschen anspricht, liegt zugleich immer eine bestimmte Erwartung. In diesem Ton wird der andere Mensch in einer bestimmten Weise genommen, in einer bestimmten Weise eingestuft. Und ich hatte in anderem Zusammenhang entwickelt, wie stark sich der andere Mensch nach dem Bilde dieser Erwartung formt, sich dem anpaßt, als der er genommen wird. Weiterlesen

Das Handy als Prozeß

Wir nehmen die Welt vornehmlich momentan auf: durchschauten wir die Prozesse, würde wir vieles anders machen oder vielleicht gar nicht. Das gilt vom Kleinen bis zum ganz Großen, etwa der Wirkung des Menschen auf die Ökosysteme oder das Klima. Weiterlesen

Wo ist unsere Unschuld hin?

Sandor Márai erwähnte in seinem „Füves Könyv“ das Kinderbuch „The story of Ferdinand“ (1936) des amerikanischen Schriftstellers Munro Leaf. Offensichtlich ein Klassiker der Zeit, mehr als eine Lebensspanne alt, der zu denken gab. Nun kam mir das Buch in die Hand. Es erzählt die Geschichte eines jungen Stieres in Spanien, der sich ganz und gar nicht wie seine Brüder aufführt und anstatt sich zu stoßen, zu puffen und zu raufen, sich lieber auf eine ruhige Wiese zurückzieht, um die schönen Blumen anzuschauen. Es ist die mittlerweile allseits bekannte Geschichte des anders veranlagten, des identitätsunsicheren Kindes. Weiterlesen

Die Verantwortung der Psychoanalyse

Die meisten Leser werden wohl der Beobachtung zustimmen, daß unsere Jugend mehr und mehr psychischen Störungen unterliegt. Statistisch gesehen scheint sie immer weniger belastbar und leistungsfähig zu sein, die Zahl der jungen Leute mit einer psychologischen Diagnose ist exorbitant gestiegen, ob ADHS, Autismus, LRS, Bulimie, Borderline, SVV, Depression, Schulangst, andere Angststörungen und zuletzt Genderinkongruenz, all diese Krankheiten, Abweichungen und Verhaltensprobleme sind auf rasantem Vormarsch, es wird geschätzt, daß in Deutschland innerhalb eines Jahres jeder fünfte Teenager an einer psychischen Störung leidet – eine unvorstellbare Zahl. Wer nicht in seiner Pubertät eine Störung hatte, ist schon nicht mehr normal. Wir züchten systematisch eine kaputte Generation heran und die Perspektiven für die kommenden sind noch düsterer. Weiterlesen

Bollnow lesen!

Bollnows Pädagogische Anthropologie – die Erziehbarkeit des Menschen

Die Erziehbarkeit des Menschen – PDF

Pädagogik läßt sich weder von einem Ziel (Ethos) noch einem transzendentalen Grund oder einer weltanschaulichen Prädisposition als Wissenschaft herleiten, sondern nur aus der Konkretion, der historischen und der anthropologischen, auf dem Feld der Empirie. Es war die geisteswissenschaftliche Pädagogik (Schleiermacher und Dilthey), die diesen Begründungszusammenhang erkannte und ein methodisches Besteck zur Verfügung stellte, ihn produktiv zu bearbeiten. Weiterlesen

Wagt an den Kindern!

Wer wäre unser Goethe geworden, wenn Goethe 1758 im zarten Alter von 11 Jahren an den Blattern gestorben wäre. Wer wäre dann unser Dante, unser Cervantes, unser Shakespeare, Petőfi, Mickiewicz oder Hans Christian Andersen geworden? Schiller? – ist ohne Goethe kaum vorzustellen. Kleist? – zu dünn sein Werk. Wieland? – zu viel Zweitrangiges in seinem Oeuvre.

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Ungarisch sprechen

Im Laufe der Jahre habe ich den Satz „Ich spreche Ungarisch“, meist von Deutschen ausgesprochen,  einige Male gehört oder sogar in der Zeitung gelesen. Selbst die „Paprikantin“[1] behauptete nach einigen Monaten Praktikum, Ungarisch gesprochen zu haben. Was aber bedeutet das? Es gibt offenbar ganz unterschiedliche Vorstellungen. Weiterlesen

Maß und Takt in der Erziehung

Denkanstöße – Herman Nohl

Schiller ist der erste gewesen, der diese polare Erfahrung formulierte: Leben und Form, Neigung und Gesetz, Hingabe an die freie Mannigfaltigkeit und Gestaltwillen – sie sind untrennbar voneinander und jede einseitige Entscheidung bedeutet eine Abstraktion. …

Das souveräne Wissen um die Polarität aller unserer Aufgaben, insbesondere aller pädagogischen Aufgaben und die Freiheit, die daraus entsteht, das ist das erste Geheimnis aller Bildung des Erziehers. Eine solche Grundantinomie unseres pädagogischen Lebens ist, daß wir uns selbst leben, jede Seele für sich, und zugleich den objektiven Werten und Gemeinschaften verbunden sind, daß wir unsere Gegenwart genießen wollen und doch zugleich für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen, zugleich aber zur Freiheit erziehen, daß wir die Vergangenheit tradieren und zugleich an einer neuen Welt bauen, daß wir in dieser Welt und ihren säkularen Aufgaben leben und doch immer um eine Transzendenz wissen, aus der uns die Ehrfurcht für unser ganzes Dasein kommt. …

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Instinkt für das Leben

Im Wald fand ich den Schädel eines Schwarzspechtes, noch nicht ganz kahl, noch mit Knochenhaut- und Federresten verschmutzt, aber dennoch ein schönes Exemplar und eine weitere kleine Reliquie in meiner Sammlung. Die besteht aus Schädeln von im Wald gefundenen verwesten Tieren und reicht vom Eber bis zur Maus. Weiterlesen

Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

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Wahre Inklusion

In der Zeitschrift „Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben“, sechster Jahrgang, aus dem Jahre 1931 las ich dieser Tage einen Artikel über „Die Widersprüche im Charakter und ihre pädagogische Bedeutung“.

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Gespräch mit einem Lehrer

Während der Ferien traf ich mich mit einem Lehrer aus Nordsachsen – wir kennen uns aus Studienzeiten. Er lehrt dort am Gymnasium, ist seit Jahren Beratungslehrer. Darüber unterhielten wir uns vor fünf oder sechs Jahren, als wir uns zum letzten Mal trafen und darüber sprachen wir auch diesmal. In dieser kurzen Zeit hat sich sehr viel verändert.

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Die schrecklichen Kinder

Kaum je hat man begriffen, in welchem Maß die von allen Seiten in Dienst genommene „Zukunft“ eine Deponie für die Illusionsabfälle der überforderten Gegenwart darstellt. Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk hatte in seinem Buch „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ einem weit zurückreichenden, nun aber allgegenwärtigen und wirkmächtigen Phänomen nachgesonnen, das unsere modernen Gesellschaften wie ein geheimer Code, eine noch unentdeckte DNA durchdringt: die Bastardisierung. Das ist – vereinfacht ausgedrückt – der Effekt, daß die Generationen nicht mehr durch Erfahrungs- und Erlebenskongruenz aneinander gebunden sind: die Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder, konkreter: sie erkennen sich selbst in ihren Kindern nicht mehr.

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Erziehung kaputt

Hätte ich gewußt, wer an der Tür steht, ich wäre nicht öffnen gegangen. Dabei hätte man es an der Art des Klingelns bereits ahnen können.

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Schnelle Lernerfolge

Nach einer kleineren Produktbestellung erhalte ich folgende Mail:

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Mitteldeutsche Begegnungen III

Am Tag darauf geht es nach Jena. Ein kurzer Zwischenstopp wird in Sömmerda gemacht. Ich kenne diese Stadt aus früherer Lebensphase ganz gut. Ihr Herzstück war das Büromaschinenwerk, das zum gigantischen Robotron-Kombinat gehörte. Zur Wendezeit arbeiteten hier 13000 Menschen. Jeden Morgen und jeden Abend wälzten sich vier- und fünfspurige Fahrradkolonnen durch die Stadt, ein riesiges Neubaugebiet wurde extra für die Arbeiter gebaut. Nach der Wende wurde das Werk von der Treuhand abgewickelt, die altehrwürdige Stadt erlebte schweren Blutverlust.

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The Deep State of Mind

Eine ungarische Deutschlehrerin gibt mir die Hausaufgabe eines Schülers der achten Klasse zum Kontrollesen. Die Schüler sollten eine Phantasiegeschichte schreiben. Diese ging nun wie folgt.

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