Den Koran lesen

I took up the Bible and began to read, but my head was too much disturbed with the tobacco to bear reading, at least that time; only having opened the book casually, the first words that occur’d to me where these: Call on me in the day of trouble, and I will deliver, and thou shalt glorify me. (Robinson Crusoe)
Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen … Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht. (Die neuen Leiden des jungen W.)

Robinson Crusoe, so erzählt uns Daniel Defoe, überlebte 28 Jahre auf einer einsamen Insel und dabei hat ihm – entgegen allen Popularisierungen – vor allem eines geholfen: die Bibel. Der Zufall (oder Gott?) wollte es, daß in einer der angeschwemmten Kisten auch das Buch lag, mit dem der junge Seemann zuvor noch keine Bekanntschaft geschlossen hatte. Im zweiten Jahr, während einer schweren Krankheit und seelischen Anfechtung, schlägt er es nach einem offenbarenden Traum auf und es spricht zu ihm. Weiterlesen

Haddsch

 „So before I was nine I had learned the basic canon of Arab life. It was me against my brother; me and my brother against our father; my family against my cousins and the clan; the clan against the tribe; and the tribe against the world. And all of us against the infidel.“ (Leon Uris: Haj)

Wer sind diese Menschen, die in Massen aus Syrien, Irak, Afghanistan und dem Maghreb  unsere Straßen beleben?

Die arabische Seele zu ergründen, hatte sich der amerikanisch-jüdische Autor Leon Uris schon vor Jahrzehnten vorgenommen. „Exodus“ wurde ein gigantischer Welterfolg, noch interessanter in dieser Hinsicht ist freilich sein spätes Werk „Haddsch“. Weiterlesen

Die Faszination des Islam

Wenn man sich auch nur ein klein wenig mit dem Islam in Deutschland beschäftigt, dann kommt man nicht umhin, die Menge an Youtube- und TikTok-Videos zu bemerken, die junge deutsche Konvertiten voller Stolz und meist mit missionarischem Eifer ins Netz stellen. Der Prozeß läuft für jedermann sichtbar seit Jahrzehnten – nun werden die ersten Mainstream-Medien aufmerksam, aber auch nur, weil die demographische Wippe längst gekippt ist.

Meist sind es junge Männer mit Ziegenbärten, diversen Kopfbedeckungen und oft beeindruckenden Arabisch- und Korankenntnissen. Weiterlesen

Terror als Ausweg

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

Der „schöne Tod“ war einst ein Ideal der stoischen Philosophie. Der Weise entschied nach langer Meditation und ohne äußeren Drang den Tod als natürlich und unabänderlich zu akzeptieren und bestimmte selbst den Zeitpunkt. Schon Sokrates machte es vor, als er das Ansinnen seiner Jünger, den Todestrakt zu fliehen, ablehnte und gleichgültig den Schierlingsbecher leerte. Der Stoiker Seneca war einer der großen Sterbemeister – er schnitt sich in aller Seelenruhe die Pulsadern auf. Weiterlesen

Frauen im Schutze des Islam

„… daß Frauen niemals ihre vollen Rechte, natürliche Freiheit und vollständigen persönlichen Rechte genießen werden, als unter dem SCHUTZ des ISLAM. Der Islam hat eine Menge Rechte für Frauen festgelegt und eingesetzt. Dem entsprechend hat er auch bestimmte Pflichten benannt und festgelegt, die sie einhalten und erfüllen muß. All dies aus dem Grund, weil der Islam eine Göttliche Religion ist, im Gegensatz zu den von Menschen gemachten Gesetzen.“

Ist man mit Muslimen zusammen, läßt sich die Geschlechterfrage nicht umgehen. Legte mir einst ein muslimischer Freund ein kleines Büchlein vor: „Frauen im Schutz des Islam“. Darin sei alles erklärt.

Die Schrift lag in der Moschee aus und ist frei erhältlich. Sie gehört zu den am weitesten verbreiteten muslimischen Aufklärungsschriften. Man kann sie auch heute noch bei Amazon etwa erwerben.

Tatsächlich wird man die darin versammelten Argumente im Gespräch mit Muslimen – alteingesessenen ebenso wie neu hinzugekommenen – immer wieder hören. Wir haben es hier mit außerordentlich weit verbreiteten Positionen zu tun. Weiterlesen

Welt und Lehre im Islam

„Man betrachte z.B. den Koran: dieses schlechte Buch war hinreichend, eine Weltreligion zu begründen, das metaphysische Bedürfnis zahlloser Millionen Menschen seit 1200 Jahren zu befriedigen, die Grundlage ihrer Moral und einer bedeutenden Verachtung des Todes zu werden, wie auch, sie zu blutigen Kriegen und den ausgedehntesten Eroberungen zu begeistern. Wir finden in ihm die traurigste und ärmlichste Gestalt des Theismus. Viel mag durch die Übersetzungen verloren gehen; aber ich habe keinen einzigen wertvollen Gedanken darin entdecken können. Dergleichen beweist, daß mit dem metaphysischen Bedürfnis die metaphysische Fähigkeit nicht Hand in Hand geht.“ (Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung)

Als Ungläubiger kann man den Koran durchaus als eine Sammlung von Verhaltensregeln in einer bestimmten konkreten Situation lesen, die demjenigen, der die Situation nicht kennt, nicht viel sagen, die für ihn nicht relevant sind.

Daraus ließe sich ein möglicher Grund für die prinzipielle Fortschrittsfeindlichkeit weiter Teile des Islams, dessen Grundfeste der Koran ist, schließen. Weiterlesen

Embryologie im Islam

Die Wissenschaft denkt nicht, weil sie nach der Art ihres Vorgehens und ihrer Hilfsmittel niemals denken kann – denken nämlich nach der Weise der Denker. Daß die Wissenschaft nicht denken kann, ist kein Mangel, sondern ein Vorzug. Er allein sichert ihr die Möglichkeit, sich nach der Art der Forschung auf ein jeweiliges Gegenstandsgebiet einzulassen und sich darin anzusiedeln. (Martin Heidegger)

Kennen Sie Keith L. Moore? Nein? Das ist keine Schande. Aber das könnte sich ändern, spätestens wenn Sie mit dem Moslem von nebenan sprechen. Unter Muslimen ist Keith Moore nämlich ein Star! Ich wurde mehrfach und aus verschiedenen Richtungen auf ihn angesprochen – also nahm ich mich der Sache an.

Keith Moore ist Embryologe. Er hat eines der größten Wunder des Korans erfunden. Weiterlesen

Forschung im Islam

Die Fliege im Glas

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Man muß es so deutlich sagen: Das Argumentationsniveau, in dem sich ein Teil der muslimischen Gedankenwelt bewegt, ist erbärmlich.

Verschiedene Diskussionen mit praktizierenden Muslimen zeigen, daß es ihnen schwerfällt, den Gedanken der Falsifikation zu fassen: „Die Wahrheit können wir nicht beweisen. Aber wir können die Unwahrheit beweisen und uns so der Wahrheit nähern.“ Weiterlesen

Mythos Al-Andalus

Ich prophezeie der Philosophie eine andere Vergangenheit (Peter Sloterdijk)
Islam has a proud tradition of tolerance. We see it in the history of Andalusia and Cordoba during the Inquisition (sic!). (Barack Hussein Obama)

Die klassische Geschichtserzählung berichtet uns von einem Wunderland Al-Andalus. Inspiriert durch die romantische Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, werden die Jahre zwischen 711 und 1492 vornehmlich als Ideal einer toleranten islamischen Zeit, einer Blüte der Gerechtigkeit, der Multikulturalität und Diversität, des Pluralismus und eines friedlichen und sich gegenseitig befruchtenden Nebeneinanders von Islam, Judentum und Christentum, von Convivencia, bis hin zur Symbiose, dargestellt.

Dabei wird, ganz grob gesehen, von drei Phasen ausgegangen Weiterlesen

Dank sei Allah!

Eine feine Seele bedrückt es, sich jemandem zum Dank verpflichtet zu wissen, eine grobe, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein. (Nietzsche)

Man kann sich auf Jahre mit islamkritischen Schriften eindecken und sich so sein Islambild formen. Aber ich empfehle, sich daneben auch an die islamischen Quellen, die proislamische Literatur zu wagen. Das ist nicht immer eine angenehme Lektüre – das sprachliche und intellektuelle Niveau ist mitunter erschreckend niedrig –, schließt aber das apriorische Haßargument aus und gestattet einen ungefilterten Blick in die Köpfe der jeweiligen Muslime.

Ein Zentralwerk – im Übrigen auf hohem Niveau –, das ich jedermann wärmstens ans Herz lege, ist das „Handbuch Islam“ von Ahmad A. Reidegeld. Weiterlesen

Islam in homöopathischen Dosen

In regelmäßigen Abständen beglücken uns die Zeitungen mit Meinungen zur Homöopathie – neun „Das-ist-alles-Humbug“-Artikeln steht vielleicht eine bejahende Studie oder ein Erfahrungsbericht entgegen (Beispiele unten).  Die Hauptargumente sind immer die gleichen: Placebo und „Da ist doch nichts drin“. Die Alltagsrealität sieht anders aus: Millionen Menschen (und Tiere) fühlen sich geheilt.

Wer so argumentiert, stellt nur unter Beweis, daß er von der Homöopathie nicht das Geringste verstanden hat. Weiterlesen

Segen und Frieden mit Jesus

Die gestrige Geschichte, die dem allgemein anerkannten Hadith Malik entstammt, erzählte ich einem muslimischen Freunde. Er kennt sie, wenn auch ein klein wenig anders; demnach fehlte ihr eine wesentliche Ergänzung: die Frau wollte das! Sie sei zum Propheten gegangen und nicht er zu ihr, sie wollte ein Urteil über ihre Sünde, sie wollte bestraft werden.

Es gibt, sage ich, eine Parallelerzählung in der Bibel, in der Jesus über eine Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, richtet. Die geht so: Weiterlesen

Segen und Frieden mit Mohammed

Eines Tages trat eine Sünderin vor den  Propheten – möge Allah ihn segnen und ihm Frieden gewähren – und gestand, Ehebruch begangen zu haben und schwanger zu sein. Allahs Prophet – möge Allah ihn  segnen und ihm Frieden gewähren – sprach zu ihr: „Kehr um und komme nicht wieder, bevor du entbunden hast.“ Weiterlesen

Gibt es den Islam?

Den Islam, den Islam gibt es nicht – so hört man allerorten, insbesondere dort, wo man den Islam verteidigen will, also in der Regel gegen „Islamkritiker“ gerichtet argumentiert. Der programmatische Satz  – „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ – hatte vor einigen Jahren exakt dieses Argument vielstimmig auf allen Kanälen erneut provoziert.

Uns sollen hier nicht die leicht zu durchschauenden Widersprüche interessieren, etwa daß es den Islam stets dann doch gibt, wenn es ihn zu verteidigen gilt: Der Islam gehört zu Deutschland – Der Islam darf nicht verleumdet werden – Der Islam ist eine friedliche Religion – Der Islam ist grundgesetzkonformIslam ist Barmherzigkeit etc. Wir wollen dem Argument auf den Grund gehen und eventuell dasjenige herausarbeiten, was den Islam ausmacht. Weiterlesen

Mohammed in der Literatur – Tralow

Johannes Tralow war insbesondere in der DDR ein Gigant. Überhaupt erlangte der Historische Roman, dessen Großmeister Tralow im Osten war, enorme Beliebtheit, nicht zuletzt deswegen, weil die geschichtliche Verkleidung einerseits ideale Möglichkeiten bot, „geheime Botschaften“ weiterzureichen, und andererseits die ungestillte Reiselust der Ostdeutschen zumindest in der Phantasie befriedigte. Gerade mit seiner „Osmanischen Tetralogie“ befriedigte Tralow das Bedürfnis nach Exotik, verführte allerdings auch zu einer beschönigenden Orient-Sicht.  Weiterlesen

Mohammed in der Literatur – Klabund

Erhört eure Gebete! (Barbusse: Jesus)

Die Geschichte des Propheten ist so schillernd wie nur möglich: Frauen, Liebe, Eifersucht, Intrigen, Mord und Totschlag, Exotik, Erotik, Farben und Düfte, grandiose Natur, Kriege und Schlachten und die großartigsten Charaktere. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn literarisch erfinden müssen. Eine solche Gestalt muß die Literaten und Poeten en masse angezogen haben, die Regale müßten sich unter Mohammed-Romanen biegen.

Die Realität ist eine andere. Weiterlesen

Die Philosophie der Ahmadiyya

Im Herbst 2015 kam es in Weimar zu einem unverhofften und intensiven Gespräch mit Suleman Malik, dem Vorsitzenden der Erfurter Ahmadiyya-Gemeinde und im darauffolgenden Frühjahr konnte ich mit Said A. Arif, dem Imam der Berliner Moschee, sprechen und einen kurzen Mailwechsel führen. In den Beiträgen „Der friedliche Islam“ und „Friede und Islam in Sachsen?“ wurde über diese Begegnungen berichtet und die Zugriffszahlen beweisen, daß es ein Bedürfnis sowohl nach Aufklärung über den Islam als auch nach einer friedlichen Auslegung gab. Beide empfahlen ein viel angepriesenes Buch, das Hauptwerk des Gründers dieser Glaubensrichtung – Mirza Ghulam Ahmad –  mit dem anspruchsvollen Titel: „Die Philosophie der Lehren des Islam“. Hier soll es auf Herz und Nieren geprüft werden; hält es einer kritischen Prüfung stand?

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Die Erstbegegnung mit dem Buch verlief nicht glücklich, denn die ersten 20 Seiten werden mit unangenehm empfundener Veneration verplempert. Zumindest erfahren wir die Entstehungsgeschichte des Textes, bei dem es sich um einen Redebeitrag zu einer „Konferenz Großer Religionen“ im Jahre 1896 in Lahore handelt. Es scheint eine Art Wettbewerb gewesen zu sein, in dem Religionsvertreter die Vorteile und die Wahrheit ihrer Religion darlegen konnten und nur Ahmad, so behaupten die abgedruckten Presseartikel ebenso wie der Autor selbst, hatte überzeugt – sein Aufsatz war „frei von menschlicher Schwäche“, belegte „die Unwahrheit falscher Religionen“, bewies „die Vollkommenheit des Islam und seine Überlegenheit über alle anderen Religionen“. Hört man heute nicht mehr so gern, mag Glaubenswilligen aber eine Entscheidungshilfe sein.

Es galt seinerzeit fünf Fragen zu beantworten. Ahmad macht von vornherein klar, daß er die Wahrheit des Korans ausschließlich aus den Aussagen des Korans erschließen will, was sofort methodologische Probleme eröffnet, die meisten islamischen Diskussionen jedoch charakterisiert. Einerseits wird apriori ein Grundvertrauen eingefordert – in religiösem Terminus: Glauben –, andererseits nimmt man ein grundlegendes Paradox in Kauf: Man will die Reinheit des Diamanten mithilfe seiner zweifellos vorhandenen intrinsischen Schönheit beweisen und verzichtet auf den (evtl. verstörenden) Vergleich mit anderen Diamanten. Wissenschaftlich und erkenntnistheoretisch wäre das Buch damit bereits erledigt, nur, so einfach sollte man es sich nicht machen.

Die erste Frage des Religions-Wettbewerbs lautete: „Was sind die physischen, moralischen und geistigen Zustände des Menschen?“ – ihr widmet Ahmad zwei Drittel seines Buches. Er versucht strukturiert, durchaus im Sinne des aufklärerischen Rationalismus, vorzugehen, hält das allerdings nicht immer durch und driftet in Exkurse ab.

Demnach gäbe es drei „Zustände des Menschen“, jedem wird im Koran ein eigener Ursprung zugeordnet und im Falle des physischen Zustandes sind das: der Trieb, das Gewissen („das sich anklagende Selbst“) und die „beruhigte Seele“. Daß ein Zustand den anderen wechselseitig beeinflußt, wird in einem ersten Exkurs anhand der Nahrung beschrieben: man ist also, was man ißt. Der Koran schreibt Mischkost vor, dem Vegetarier etwa „gebricht es an persönlichem Mut“, beim reinen Karnivoren „gehen Sanftmut und Demut zugrunde“. Aus diesen Überlegungen heraus erklären sich auch die „unsäglichen Aussagen“ des heutigen Kalifen, der behauptet haben soll: „Essen von Schweinefleisch führt zu Homosexualität“.

So fragwürdig die konkreten Schlußfolgerungen sind, so avantgardistisch kommt uns heute der holistische Ansatz vor; er wurzelt freilich weniger im Koran als in den indischen Weisheitslehren.

Trotzdem glaubt der Verfasser der Ur-Philosophie damit die Regulierungswut des Koran erklärt zu haben, ohne auf die historischen und geographischen Bedingtheiten einzugehen: „Mithin hat der Heilige Qur’an der Besserung der physischen Zustände des Menschen große Aufmerksamkeit geschenkt. Er hat die äußeren Handlungen des Menschen bis aufs Kleinste geregelt, wie zum Beispiel sein Lachen, Weinen, Essen, Trinken, Bekleiden, Schlafen, Sprechen, Schweigen, Heiraten, Ledig bleiben, Gehen, Anhalten, Baden usw.“ (59)

Ahmad nimmt – das muß man noch einmal betonen – auch nicht in Anspruch, selber zu argumentieren, sondern läßt den Koran durch sich sprechen: nicht er, „das Heilige Wort Gottes ordnet alle natürlichen Triebe des Menschen, seine fleischlichen Begierden und Leidenschaften, seinen psychischen Zuständen zu“. Wie durch ein Wunder stimmen also die Fragen der Akademie vollkommen mit den Antworten des Korans überein.

Man kann diesen „Begierden und Leidenschaften“ natürlich begegnen, man kann sich stufenweise bessern und der Koran bezweckt letztlich nichts anderes. Zuerst indem man die einfachen Verhaltensregeln einhält, dann indem man die „moralischen Eigenschaften des Menschen lernt“ und schließlich indem man „die Liebe zu Gott“ kultiviert.

Die Zirkularität der Argumentation ist wohl kein logischer Lapsus, sondern Teil des Inklusionsprojektes. „Der Qur’an hatte (sic!) eine großartige Aufgabe: die Wilden als Menschen zu zivilisieren, sie dann die Moral zu lehren und schließlich die moralischen Menschen auf den höchsten Gipfel der Entwicklung zu leiten und sie zu gottnahen Menschen zu machen.“ … „Die Moralanweisungen, Vorschriften und Lehrsätze des Qur’ans haben den allumfassenden Zweck, den Menschen vom natürlichen, physischen Zustand, der einen Anstrich von Wildheit hat, in den moralischen Zustand zu versetzen, und ihn dann aus dem Moralischen in den uferlosen Ozean des Geistigen zu lenken.“ (67)

Es folgen nun eine ganze Reihe von Koranversen, die zur „Besserung“ aufrufen, sei es bei der Nahrung oder im Umgang mit Frauen, Kindern, Eigentum etc. – hier wird in der Tat die zivilisierende Bedeutung der Schrift deutlich. Ausnahmsweise wollen wir einem Exkurs folgen, da er ein sensibles Thema anspricht und die Argumentationslogik offenbart: Schweinefleisch. Warum ist es verboten? Das ließe sich schon etymologisch in mehreren Sprachen nachweisen und Ahmad zeigt hier eine Affinität zu scholastischem Denken, vor allem aber sei das Schwein nun einmal „unrein“, „ist doch der Schmutz und Dreck dieses Tieres wohl überall bekannt“, es lebe von Unrat und sei das „schamloseste Tier“, sein Fleisch „erzeugt Schamlosigkeit“.

In besagtem Stufenmodell folgen nun die moralischen Zustände und die Mittel der Besserung. Da ist zum ersten die „Unterlassung des Bösen“ (Keuschheit, Ehrlichkeit, Friedfertigkeit, Höflichkeit), zum zweiten die Vollbringung des Guten (Nachsicht, Güte, Verwandtschaftsgüte, Mut, Wahrheitsliebe, Standhaftigkeit, Mitleid). Dabei habe vor allem der Verstand zu regieren; als Grundregel gilt: „Für eine moralische Eigenschaft wird der Verstand vorausgesetzt, und sie kann nur so heißen, wenn sie bei richtigem Anlaß Ausdruck findet.“ (104)

Moralisch kann ein Tun also nur dann sein, wenn es bei vollem Verstand vollführt wird und wenn es auch de facto die Möglichkeit des unmoralischen Handelns gibt. Einen Hungernden von meinem Teller zu speisen, weil ich selber schon satt bin oder die Speise nicht mag, qualifiziert dafür nicht, wie auch die „echte Gelegenheit die Wahrheit zu sagen, diejenige ist, bei der man den Verlust von Leben, Eigentum und Ehre befürchten muß“ (112).

Auch die „bloße Vergebung ist keine moralische Handlung“, da sie einer natürlichen Veranlagung des Kindes – das schnell vergißt und verzeiht – entspricht.

Hier macht Ahmad auch die Differenz zum Christentum deutlich, ohne es zu erwähnen, doch dürfte folgendes Argument gegen die christliche Vergebungslehre gerichtet sein: „Der Qur’an lehrt nicht, daß man in keinem Fall dem Bösen Widerstand leisten soll, oder daß dem Missetäter und Bösewicht die Strafe auf keinen Fall auferlegt werden soll. Er empfiehlt die Umstände genau zu prüfen und zu entscheiden, ob Vergebung oder Bestrafung erforderlich ist, und dann so vorzugehen, wie es dem Bösewicht sowie der Allgemeinheit wirklich nutzbringend sein wird. Manchmal veranlaßt die Verzeihung einen Missetäter zu bereuen und ein andermal ermutigt sie ihn zu weiteren Verbrechen. Daher verlangt das Wort Gottes nicht, blindlings aus Gewohnheit zu vergeben, sondern die Angelegenheit einer Erwägung zu unterziehen und mit Bedacht zu entscheiden. Wir sollen also dem Fall angemessen handeln.“ (100)

In obiger Aufzählung der Besserungsmittel der moralischen Zustände fehlte noch die „Suche nach einem höheren Wesen“, die aufgrund der kategorialen Verschiedenheit einzeln genannt werden muß. Ahmad fügt folgerichtig einen längeren Exkurs über koranische Theologie ein, der an dieser Stelle ausgeklammert werden soll.

Die dritte Stufe der Besserung betrifft die geistigen Zustände, deren Quelle die „beruhigte Seele“ ist, „die den Menschen von der Stufe des Moralischen zur Stufe des Gottnahen leitet“ (139). Diese „völlige Harmonie mit seinem Schöpfer“, in dem man Ruhe, Glück und Trost finde, sei das „Paradies auf Erden“. Ahmad wendet sich damit gegen die jenseitsparadiesische Teleologie der meisten seiner muslimischen Glaubensgenossen. Der Weg dahin ist recht einfach: Gebet, Unterwerfung (Islam) und geistige Verbindung mit Gott. Das vortrefflichste Gebet ist al-Fatiha, die erste Sure des Korans, Unterwerfung bedeutet „das sich Niederwerfen seiner sämtlichen Fähigkeiten vor Gott“ (145), die Verbindung wird durch den Willen hergestellt, „für die Sache Gottes tausendfachen Kummer auf sich zu nehmen und sich mit solch absoluter Hingabe und Aufrichtigkeit ihm hinzuwenden, als ob alle außer ihm tot wären“ (147), es ist die „Opferung des Selbst auf dem Pfade Gottes“ (150), „die vorbehaltlose Fügung unter den Willen Gottes“. (162)

Von diesem Fundament aus – aus der triebgeleiteten, gewissensbeladenen und Ruhe suchenden Existenz heraus die Unterteilung der menschlichen Zustände in physische (natürliche), moralische (psychische) und geistige (spirituelle) abzuleiten und jeweilige Wege der Besserung in Beachtung der Primärvorschriften (Essen, Trinken, Heiraten usw.), Unterlassung des Bösen (Keuschheit, Ehrlichkeit, Friedfertigkeit, Höflichkeit)  und Vollbringung des Guten (Nachsicht, Güte, Mut, Wahrheitsliebe, Standhaftigkeit, Mitleid, Suche nach höherem Wesen), sowie dem Gebet, der Unterwerfung unter und der geistigen Verbindung mit Gott – von dieser Grundlage aus, will Ahmad nun im Schnelldurchlauf die restlichen vier Fragen beantworten.

Erstens: Was ist der Zustand des Menschen nach dem Tod? Er ist kein „völlig neuer“, es gibt also eine Kontinuität zwischen Leben und Tod, er ist „eine vollkommene Wahrnehmung und ein klares Abbild der Zustände im irdischen Leben.“ (169) Spätestens hier wird die starke Influenz durch den Hinduismus bzw. Buddhismus deutlich, was für einen Inder nicht überraschen kann. Die Parallelen zur theravada-buddhistischen Trieb- bzw. Tendenzlehre sind offenkundig, freilich um das Element der Reinkarnation verkürzt.

Auch aus einer anderen Perspektive sind diese Ausführungen höchst interessant: sie distanzieren sich vom in muslimischen Kreisen weit verbreiteten Buchstabenglauben! „Wer das Paradies als einen Ort ansieht, wo die irdischen Dinge in großer Menge zu bekommen wären, der hat kein einziges Wort des Heiligen Qur’ans verstanden.“ (170) Die „geistigen Früchte“, die man auf Erden genossen habe, die werde man gleichartig auch im Jenseits genießen und das Leben nach dem Tode stelle kein neues Leben dar, „sondern nur ein Abbild und eine Wahrnehmung des gegenwärtigen Lebens“ (174).

Damit wird – und das muß man ganz deutlich hervorheben – die eschatologische Wucht des Mainstream-Islams, die eine wesentliche Triebkraft des politischen Islams, des Islamismus darstellt, deutlich abgebremst: Der Gläubige kann sich weder direkt in ein vollkommen anderes Paradies katapultieren, sondern wird dort nur die Verlängerung seiner Taten vorfinden – keine guten Aussichten für Selbstmordattentäter o.ä. –, noch spielt der Djihad, insbesondere der kleine oder äußere Djihad, der Kampf gegen Ungläubige, überhaupt eine wesentliche Rolle. Daher nimmt die andernorts so eminent wichtige „Hölle“ bei Ahmad kaum eine tragende Funktion ein und wo doch, dort wird sie ebenfalls metaphorisch verstanden. Tatsächlich unternimmt der Autor sogar gewisse Anstrengungen, relativ eindeutige Koranverse – „Ergreifet ihn und fesselt ihn und werft ihn in die Hölle. Dann stoßt ihn in eine Kette, deren Länge siebzig Ellen ist (69.31)“ (185) – in abstrakte Symbolik umzuwandeln. Einem Mujahed muß es grauen, wenn er liest: „Gott der Allmächtige fügt dem Menschen von sich aus kein Unglück zu, sondern Er legt einfach dem Menschen seine eigenen schlechten Taten vor.“ (186)

Ahmad läßt nicht die Spur eines Zweifels: „Zusammenfassend können wir feststellen, dem Heiligen Qur’an gemäß sind beide, Himmel und Hölle, das Abbild und die Manifestation des menschlichen Lebens auf Erden. Sie stellen nichts Materielles dar, was von außen her käme. Sie werden zwar sichtbar erscheinen, sind aber in der Tat die Verkörperungen und Zurückstrahlung unserer geistigen Zustände in dieser Welt. Wir glauben an kein materielles Paradies, wo Bäume wie hier auf Erden gepflanzt werden, noch an eine Hölle, die wirklich Schwefel usw. ausströmt. Nach der islamischen Glaubenslehre sind Himmel und Hölle vielmehr Abbilder unserer Taten.“ (190f.) Die Frage der Legitimität solcher Interpretationen ist freilich aufschlußreich: die Privatoffenbarung – „Ich habe persönliche Bekanntschaft mit diesen Dingen …“ (180)

Zweitens: Was ist der Sinn menschlichen Lebens? Wir wissen es bereits: „Der wahre Sinn des menschlichen Lebens liegt … allein in der Verehrung Gottes und in Seiner wahren Erkenntnis und in der vollkommenen Ergebenheit in Seinen Willen. Eines ist klar: Der Mensch hat keine Befugnis, den Zweck seines Lebens selbst zu bestimmen.“ (195) Erkenntnis Gottes, „Wissen um die vollkommene Schönheit des göttlichen Wesens“, „Belehrung über die Güte Gottes“, Gebet, Aufopferung seines Lebens für die Sache Gottes, Standhaftigkeit, die Suche nach „der Gesellschaft der Rechtschaffenen und die Nachahmung ihres guten Beispiels“ und das aufmerksame Beobachten der „Traumgesichter, Visionen und Offenbarungen“ (197-205) sind die acht Mittel, fast hätte man sagen können: die acht Pfade, das Ziel zu erreichen.

Drittens: Die Wirkung des Göttlichen auf das menschliche Leben im Hier und Dann. Es ist exakt dieser Aufstieg vom primitiven Zustand zum wahren „Menschsein“, von der Physis über die Moral zur Gotteserkenntnis. „Die Forderungen des vollkommenen, göttlichen Gesetzes wirken auf das praktische Leben des Menschen solchermaßen, daß er durch die Befolgung des Gesetzes allmählich die Rechte der Mitmenschen erkennt und mit ihnen mit Gerechtigkeit, Güte und Erbarmen umgeht, wann und wo dies angebracht ist.“ (209) Gäbe es die letzte Ergänzung nicht, die allerdings, wie wir gleich sehen werden, fundamental ist, könnte man das wohl für ein christliches Programm halten.

Viertens: Was sind die Quellen der Gotteserkenntnis? Für einen Muslim ist das natürlich der Koran. Aber schon Mohammed war bewußt, daß diese Zirkularität ins Paradoxe führen muß. Deshalb ermahnt er immer wieder, die Lehren zu prüfen. Ahmad unterscheidet „drei Grade des Wissens“: „die Gewißheit durch Folgerung, Gewißheit durch Sehen und Gewißheit durch Erleben“ (223) Das erste meint den Kausalnexus – wo Rauch ist, müsse auch Feuer sein –, das zweite die direkte Ansicht der Flammen und das dritte das Erleben der Wärme.

Dem Autor muß bewußt gewesen sein, daß seine Abhandlung noch mindestens zwei Probleme enthält: Die Frage der Legitimation und der Abgleich mit der Realität des Heiligen Textes. Da seine Argumentation auf extrinsische Relativierungen verzichtet und die Wahrheit eines Textes aus dem Text selber ableiten will, ohne ihn in den narrativen Kontext einzuordnen, schwebt seine Darlegung im freien Raum, fehlt ihr das Maß und bedarf einer Verankerung. Diese ist der Autor selbst!

Er gibt sich „als Empfänger göttlicher Offenbarungen“ zu erkennen, den „die Gnade Gottes zu dieser Höhe emporgehoben hat“ (236). Aus der Attitüde des Religionsgründers heraus kann er dann sagen: „Ich versichere meinen Zuhörern, daß der Gott, Dessen Begegnung das Heil und die ewige Glückseligkeit für den Menschen bedeutet, niemals zu erreichen ist ohne den Heiligen Qur’an zu befolgen.“ Und: „Ich versichere allen Suchenden, daß nur der Islam es ist, der die frohe Botschaft (sic!) von diesem Weg verkündet. Bei allen anderen Bekenntnissen ist der Weg der göttlichen Offenbarungen seit langem versperrt.“ (237) Ahmads Berufung auf die Vernunft gilt also nur innerhalb des engen Zirkels des Glaubens, eines ganz konkreten Glaubens.

Wer den Koran kennt, weiß um seine Dualität: er spricht ausgiebig von Barmherzigkeit und das nicht selten unmittelbar nachdem die unbarmherzigsten Urteile besonders „Ungläubigen“ gegenüber abgegeben wurden. Bislang bezog sich Ahmad ausschließlich auf erhebende Passagen. Auch das Leben des Propheten ist bekanntlich in zwei scheinbar gegensätzliche Phasen geteilt: die mekkanische und die medinische Periode. Die erste ist durch eine gewisse Poesie und Friedfertigkeit, die zweite jedoch durch unübersehbare Gewalttätigkeit geprägt. In islamkritischen Kreisen führt man das oft auf eine Charakterschwäche zurück: Solange Mohammed schwach und erfolglos war, versuchte er sich diplomatisch und friedfertig zu geben, im Moment seiner Macht offenbarte er dagegen seine tyrannische Veranlagung.

Ahmad kann in dieser Frage nicht die traditionelle islamische Interpretation überwinden und verweist auf die Gewaltbereitschaft von Mohammeds Gegnern. Die Differenz zur Jesus-Gestalt wird hier deutlich wie nirgendwo: „Hätte der Islam sich nicht bei den gegebenen Verhältnissen gegen die Gewalttätigkeit der Bedränger verteidigt, so hätte dies zum Gemetzel von Tausenden von Unschuldigen – Kindern und Frauen – geführt, und der Islam wäre im Keime erstickt worden.“ (248) Gemetzel von Kindern und Frauen wurde deswegen nicht verhindert, nur waren es dann keine „unschuldigen“ mehr – auch Ahmad kommt aus der Dichotomie von Gläubigen/Ungläubigen = Unschuldige/Schuldige, wie sie im Koran vorgegeben ist, nicht heraus. „Unsere Gegner unterliegen einem schweren Irrtum, wenn sie meinen, daß ein von Gott offenbartes Gesetz uns auf keinen Fall erlauben soll, dem Bösen zu widerstehen, und daß göttliche Liebe und Barmherzigkeit nur durch Sanftmut und Milde ausgedrückt werden können.“ (248)

Was soll man aus kritischer Sicht davon halten?

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat legen bis heute großen Wert darauf, als wahrhaft friedlicher Islam aufzutreten. Extremismen sind ihnen fremd, sie vertreten einen Weg der Mitte. Der Friedensgedanke solle nicht nur ausgesprochen, er müsse auch in den Schriften niedergelegt werden. Der Koran und die Hadithe – wie das Alte Testament – bieten ein Sammelsurium von sehr gegensätzlichen Aussagen und offerieren damit ein Arsenal an Argumenten in beide Richtungen. Ahmads philosophische Herleitung macht eine aggressive Auslegung deutlich schwieriger. An der Überlegenheit des Islam läßt auch er keinen Zweifel und die Gewißheit, die einzig wahre Religion zu vertreten, die in absehbarer Zeit alternativlos die Welt umspannen soll, wird auf ewig ein potentielles Pulverfaß bleiben.

Objektiv betrachtet, verstoßen manche seiner Argumentationen gegen die Gesetze der Logik – auch das dürfte eine inhärente Schwäche bleiben.

Auch ist in der spirituellen Konsequenz nicht leicht zu sehen, was die Ahmadiyya-Auslegung leisten soll, was Buddhismus, christliche Mystik oder auch die glaubensunabhängige Stoa nicht schon geleistet hätten.

Für gläubige Sunni- und Schia-Muslime wird diese Schule wohl dauerhaft Tabu bleiben. Zum einen ist die Selbstdeklarierung zum Mahdi ein extremes Sakrileg, zum anderen dürfte die metaphorische, gleichnishafte Auslegung zahlreicher Passagen den meisten Muslimen suspekt sein, so sehr, daß man es nahezu verstehen kann, wenn die Ahmadiyya meistens gar nicht als Muslime akzeptiert werden und theologisch als Häretiker gelten.

Letztlich stellt dieses Buch eine koranisch motivierte Moralphilosophie dar. Wenn man sie mit den bedeutenden zeitgenössischen Ethiken eines Eduard von Hartmann, Husserl, den Neukantianern, John Stuart Mill etc. gegenüberstellt, die selbst oft schon Verfallserscheinungen waren, dann wird der simplizistische Charakter überdeutlich und daran ändert auch nichts, wenn Ahmad von den Ahmadiyya als Jahrhundertdenker und Philosoph gefeiert wird. Das liegt an der geschlossenen Lektüre des Heiligen Buches und an der Absenz einer kontinuierlichen philosophisch-theologischen Tradition. Wenn das stimmt, dann taugt Ahmads Philosophie immerhin dazu, eine solche Tradition anzuregen.

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Ramadan als Wehrübung

Gerade begehen Millionen unserer Mitmenschen den Ramadan. Mittlerweile wird das in der Presse gefeiert, mittlerweile klären die Medien flächendeckend auf, mittlerweile wünschen staatliche Stellen einen „Gesegneten Ramadan“, mittlerweile haben wir uns an den Mundgeruch in der Straßenbahn gewöhnt – als Ausdruck des Rechtes auf freie Religionsausübung.

Alle Religionen kennen Fastenzeiten und asketische Exerzitien. Wenn man den Begriff der Religion – religio: Rückbindung – aber modifiziert oder ihn durch einen anderen ersetzt, dann werden neue Perspektiven sichtbar, dann wird auch verständlich, weshalb der Islam – die theologisch wohl schwächste aller Weltreligionen – eine solche Ausdauer haben konnte und weshalb er gerade jetzt, verbunden mit einer demographischen Explosion, sich anschickt, die Welt ein zweites Mal zu erobern.

Der Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“:

  1. Das Glaubensbekenntnis, die Schahada
  2. Das fünfmalige tägliche Gebet
  3. Das einmonatige Fasten während des Ramadans
  4. Die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka
  5. Der Zakad, die Spende an die Bedürftigen

Peter Sloterdijk hatte in seinem fulminanten Großessay „Du mußt dein Leben ändern“, den umstürzenden Gedanken geäußert, den Begriff der Religion abzulegen. Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“ … „Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdient, hat eher eine anthropologische als eine ,religiöse‘ Spitze.“ Darüber hinaus sei der Begriff kulturimperialistisch, da er nur im Westen verstanden würde und Hindus und Buddhisten schon Jahrhunderte zuvor „Religion“ ausübten, ohne diesen Begriff zu benötigen, der ihnen erst durch „Religionswissenschaftler“ aufgedrängt wurde.

Mohammeds Genie liegt in der Vorwegnahme dieses Gedankens und in der Installation eines entsprechenden Regulariums. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die fünf Säulen des Islam – andere Pflichten, wie der kleine und der große Djihad, die Koranlektüre, das Auswendiglernen … kommen hinzu –, so erkennen wir ein ausgeklügeltes Hochintensivtrainingsprogramm. Bis auf die Schahada, die theoretisch nur ein Mal, bei der Annahme der Religion, gesprochen werden muß, die in der Realität aber tagtäglicher innerer Begleiter der meisten Muslime ist – etwa beim Bismillah vor jeder Mahlzeit, vor dem Geschlechtsverkehr etc. –, bis auf die Schahada also und die Hadsch, handelt es sich um Permanenzübungen.

Vor allem das Gebet entfaltet eine enorme Macht. Alle drei Stunden circa ist der Muslim angehalten innezuhalten, sich aus der realen in die spirituelle Welt zu begeben, eine „Vertikalspannung“ zu seinem Gott aufzubauen, und dabei immer wieder die gleichen Formeln zu beten und sich mindestens 17 Mal vor dem Gott in den Staub zu werfen. Die psychomotorische Ausrichtung eines Hirns, das sich diesem Exerzitium unterwirft, ist sehr wahrscheinlich. Der physische Akt des Niederwerfens – hier erkennt man, daß Mohammed ein kluger Intuitivpsychologe war – verbindet beide Ebenen und vertieft die geistige Gravur durch körperliche Repetition. Heute ist das neuester Stand der Wissenschaft, heute nutzt man das Verfahren im Profisport, bei Rehabilitation oder bei der Gehirnwäsche.

Die Hadsch war einst ein enormer Kraftakt. Sich in einen Jet zu setzen, in Mekka zu landen, sich ein Tuch umzuwerfen, ein Selfie zu machen, dieses bei Instagramm einstellen und zwei Tage später schon wieder im Trainingslager der Nationalmannschaft zu sein, dürfte an der Paradiespforte eher wenig goutiert werden. Die Hadsch war als asketisches Exerzitium gedacht, als Leidenszeit, als Zeit des Selbstrisikos. Wer einmal durch die Wüste zog, um die Kaaba zu umrunden, und dabei Hitze und Entbehrung erleiden mußte, den Tod riskierte oder den Überfall durch marodierende Banden, die gnadenlose Sonne ertrug … für den ist die Ankunft, ist das Gemeinschaftserlebnis, ist das Erreichen des Ziels wie eine Offenbarung. Man muß als moderner Mensch schon Reinhold Messner lauschen, um eine Ahnung davon zu bekommen.

Selbst der Zakad ist als Übung zu beschreiben. Es geht darum, 2,5 bis 10 Prozent seines Einkommens an die Armen abzugeben. Die christlichen Konfessionen kennen das als Zehnt oder Kollekte. Aber das Opfer, die Spende, das Almosen ist seit je ein stark wirkendes Gottes-Aphrodisiakum, eine Wohlfühlmaschine und eine Verbindung zum Transzendenten. Wird sie regelmäßig eingeübt, entfaltet sie ihre abhängig machende Glückswirkung.

Unter diesen Vorzeichen ist die Funktion des Ramadan evident. Sein jährlicher Wiederholungscharakter zeichnet ihn als Exerzitium par excellence aus. Der Hadsch vergleichbar, konnte Mohammed nicht ahnen, daß seine Jünger einst in allen Weltteilen sich umtreiben, bzw. war es Mohammed nicht bewußt gewesen, wie groß die Welt eigentlich ist. Es gibt Indizien dafür, daß er vom Scheibencharakter der Erde und damit ihrer Endlichkeit, überzeugt war. Seine Religion ist eine Wüstenreligion, seine Welt reichte bis an den Rand der Dürre, bis an die Berge, er konnte also nicht ahnen, daß es für einen Muslim in Norwegen Probleme geben könnte, die Mekkawanderung zu leisten oder den Ramadan ohne Kompromisse zu überleben. Man hätte von Al Alim, dem Allwissenden, möglicherweise eine konkrete Anweisung für diesen Fall erwarten können …

Auf der arabischen Halbinsel teilen sich Tag und Nacht in schöner Gleichmäßigkeit von ca. 12 Stunden (± zwei) die Zeit, sommers wie winters. Trotzdem ist der Übungserfolg bedeutend. Es ist eine 30-malige Übung zur Abwehr des Zweifels, eine Überwindung des inneren Schweinehundes (pardon), ein zwar überschaubares Leid, durch seine Wiederholung aber ein sehr wirksames. Zudem führen die Intensivierung des Gebets, die größere Offenheit für Spiritualität während des Fastens, die Freude über die Überwindung zu einer gefühlten Gottesnähe, das täglich gemeinsame Fastenbrechen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Umma, die Distinktion zwischen „Wir“ und „die anderen“, zwischen mumin und kuffar, und damit die Sicherheit des Dazugehörens.

Vermutlich ist der Islam das am meisten durchorganisierte – man kann von Psychodesign sprechen – „religiöse“ System. Seine Anhänger sind – das muß die Intention des Gründers gewesen sein – mehr oder weniger durchtrainierte potentielle Glaubenssoldaten. Lediglich der Buddhismus kennt in einigen Spielarten ein ähnlich starkes Training, die Meditation, deren Energie freilich komplett nach innen geleitet wird, wohingegen der Islam eine extrovertierte Religion darstellt. Seine hohe Repetitivität verleiht ihm seine Macht, die er seit 1400 Jahren, trotz weitgehend kultureller Rückständigkeit, beeindruckend unter Beweis stellt. Wer all diese Entbehrungen auf sich genommen hat, für den ist es mit jedem Male schwerer, den zurückgelegten Weg kritisch zu betrachten. Es wäre dann alles umsonst gewesen …

In diesem Sinne: Gesegneter Ramadan!

Pierre Vogel: „Der Ramadan ist ein Trainingslager, eine Schule für dich.“

Siehe auch: Allahu Akbar – eine Klarstellung

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3. Mohammed und Globalisierung

Dem erwartungsvollen Leser wird das Fehlen des Namens Mohammed – in all seinen Schreibweisen – auf der Liste der beliebtesten Namen aufgefallen sein. Das wäre ja ein stark identifikatorisch zuschreibender Rufname des alten Typs und frühere Schlagzeilen aus nah und fern machten uns auf seine zunehmende Popularität in Europa aufmerksam. Er taucht in dieser Liste nicht auf, noch nicht mal als „Problem“; man muß schon tiefer graben, um fündig zu werden. Erst auf der Webseite der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ findet man ihn auf Platz 21, wo er stagniere, aber immerhin noch vor den angekündigten Trends der Zukunft – Liam, Milan und Karl – steht.

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Das Fremde enträtseln

Das Fremde erkennt man daran, daß es einem fremd ist. Man muß es enträtseln, wenn man es verstehen will. Manchmal hilft uns dabei unsere Presse, aber manchmal eben auch nicht. Wie etwa in dem mysteriösen Fall, den „Die Welt“ dieser Tage aufgedeckt hatte – allerdings waren Leser dieses Blogs darüber bereits früher informiert.

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