Einheimischenasyle

Moderne Nationen, versteht man daher, glaube ich, am besten, wenn man in ihnen politische Asyle sieht – und zwar, so paradox es klingt, Einheimischenasyle.

Ein Asyl ist ein Zufluchtsort, ein Schutzraum für Entwurzelte und Bedrohte. Heute sind es nicht allein die Flüchtlinge von außen, sondern fast genauso die Einheimischen, die sich bedroht und virtuell entwurzelt fühlen. Nationalasyle stützen die notwendige Illusion von Verankerung, von territorialer Immunität, von solidarischer Einbettung, und wo diese Asylfunktion versagt, bricht die Gewalt auf. Weiterlesen

Erinnerung als Erschütterung

Ein erster Faktor liegt in dem Umstand, daß das Binnenklima der deutschen Gesellschaft seit einigen Jahren durch einen Generationenwechsel geprägt wird, der ihre bisherig gültigen Selbstbeschreibungen antastet. Man könnte sagen, daß der nervliche Gesellschaftsvertrag der Nachkriegsgeneration aus zeitlichen Gründen überarbeitet werden muß.

Die Nervensysteme, die noch direkte Berührungen mit dem Nationalsozialismus hatten, werden ausgetauscht gegen Gedächtnisse, die ausschließlich auf einer symbolischen Ebene Weiterlesen

Friedenskybernetik

Die Zweifel der Eliten sind die Schwalben der Veränderung (Robert Jungk)

Machen wir uns für einen Augenblick die weitverbreitete Annahme zu eigen, daß sich der aktuelle Zivilisationsprozeß rasch auf katastrophische Unterbrechungen zubewege.

Würden durch das Aussprechen einer solchen Hypothese die Unheilsschlingen etwa entknotet? Keinesfalls, weil es zu den Eigenschaften katastrophennaher Metaknoten gehört, ihre Prognose in sich zu schlingen, ohne daß sich an der Struktur des Ganzen und seiner globalen Drift Nennenswertes ändern müßte. Weiterlesen

Die Dummheit der Demokratie

Imre Kertész – Denkanstoß

11. Januar 2004 Morgendämmerung. Vorgestern abend ist M. nach Budapest geflogen; ich habe sie ungern gehen lassen, sie fehlt mir. Die Abendmaschine war voller ärmlicher Araber, die in Budapest in irgendeine Nahost-Maschine umsteigen. Eine sonderbare Art armer Familien, mit Frauen, großköpfigen, aggressiv brüllenden Kindern; anstatt mit ihnen Mitleid zu haben, assoziiere ich Bomben und Terror. Europa wird bald zugrunde gehen an seinem einseitigen Liberalismus, der sich als naiv und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht, und nach Hitler waren keine Argumente mehr geblieben: Dem Islam taten sich alle Tore auf, man wagte nicht mehr, über Rassen und Religion zu sprechen, während der Islam fremden Rassen und Religionen gegenüber keine andere Sprache kennt als die Sprache des Hasses. – Weiterlesen

Spinner mögen die Spinnenden heißen

Denkanstoß – Sloterdijk

13.11.2013: Wie gern erfüllt das Rektorat der HfG den angestellten Letzten Menschen ihren Wunsch: Sie möchten künftig auf dem E-Mail-Verteiler nicht mehr „Mitarbeiter“, sondern „Mitarbeitende“ heißen, vorgeblich geschlechtsneutral. Unter dem Vorwand der Korrektheit schleicht etwas Bösartiges sich ein. Wo Behörden sind, ist die Wehrlosigkeit gegen Verhaltensgifte am größten, weil alles auf den Sinn fürs Mitmachen zielt. Der Sprachsinn war ja schon verlorengegangen,  als „Studenten“ die „Studierenden“ genannt werden sollten, vor Jahren nahm das Unheil seinen Lauf. Der lateinische Name für junge Menschen, die ihre Nase mit Eifer, studium, in Bücher stecken, war mit einem Mal nicht mehr participium praesens neutrum genug. Man eifert noch, aber in die falsche, die sexistisch nervöse Richtung. Sei’s drum, die Spinner mögen ab jetzt die Spinnenden heißen. Weiterlesen

Denkanstoß – Martin Sellner

Die rechte Antwort auf die „Politik der Schuld“ ist eine positive, patriotische Leitkultur und eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte. Historische Verbrechen werden weder geleugnet noch verharmlost. Sie werden jedoch der „mystisch-religiösen“ Aura, die ihren politischen Mißbrauch ermöglicht, entledigt. Weiterlesen

Konsequent praktizierter Egalitarismus

Die Krisenwirtschaft zeigt, daß Ansprüche sich von selbst reduzieren, sobald die Lager leer sind.

Ein Gutteil der DDR-Witze beruhte auf der Aufdeckung von Konsumansprüchen im Zeitalter der leeren Kaufhäuser. Diesen hier erzählte mir ein bekannter DDR-Theologe: Geht ein Mann ins Kaufhaus und möchte Bettwäsche kaufen. Sagt der Verkäufer: »Da sind Sie bei mir falsch. Bei uns gibt’s keine Handschuhe. Keine Bettwäsche gibt’s im dritten Stock.« Weiterlesen

Lenin über die Ukraine

Das Fiasko der Politik der neuen Provisorischen Regierung, der Koalitionsregierung, zeichnet sich immer klarer ab. Die von der Ukrainischen Zentralrada erlassene und am 11. Juni 1917 vom Gesamtukrainischen Armeekongreß angenommene „Universalakte“ über die staatliche Ordnung der Ukraine entlarvt diese Regierungspolitik und ist ein dokumentarisches Zeugnis ihres Fiaskos. Weiterlesen

Die Anrede mit dem Namen

Denkanstoß Bollnow

Denn in dem Ton, in dem man einen anderen Menschen anspricht, liegt zugleich immer eine bestimmte Erwartung. In diesem Ton wird der andere Mensch in einer bestimmten Weise genommen, in einer bestimmten Weise eingestuft. Und ich hatte in anderem Zusammenhang entwickelt, wie stark sich der andere Mensch nach dem Bilde dieser Erwartung formt, sich dem anpaßt, als der er genommen wird. Weiterlesen

Die Bedeutung des Mittelstands

Denkanstoß – Aristoteles

Denn wenn der von uns in der Ethik aufgestellte Grundsatz zu Recht besteht, daß das glückliche Leben ein Leben gemäß unbehinderter Tugend und die Tugend eine Mitte ist, so muß das mittlere Leben das beste sein, ein Leben, sagen wir, in einer Mitte, die für jeden zu erreichen ist. Diese nämlichen Bestimmungen müssen aber, wie für die Tugend und Schlechtigkeit eines Staates, so auch für die einer Verfassung gelten, da die Verfassung wie ein Leben des Staates ist. Weiterlesen

Transzendente Intelligenz

Denkanstoß Sloterdijk XIII

Es gibt noch eine authentische Transzendenzquelle, die mit der Selbsterfahrung der Intelligenz zu tun hat. Intelligenz ist ja so verfaßt, daß sie zu fremder Intelligenz in ein teils erotisches, teils phobisches Verhältnis gesetzt ist. Aber das stärkste Merkmal von Intelligenz ist, daß sie auf Intelligenz aufmerksam sein kann, daß sie Lerngemeinschaften bildet, sozusagen Irritationsteams ausbildet. Das ist auch ein typisches Zeichen von authentischer Intelligenz, daß man fremde Intelligenz so ernst nimmt, daß man von ihr belebt werden möchte, oder im Fall der Paranoia, die auch außerordentlich bedeutend ist, einen semi-transzendenten Charakter hat, daß man sich in die bösen Pläne einer fremden Intelligenz vorauseilend einfühlt, weil man der Klugheit des anderen nichts Gutes zutraut. Weiterlesen

Dem Vaterland verpflichtet

Denkanstoß – Machiavelli

So oft ich mein Vaterland ehren konnte, habe ich es, wenn auch zu meinem Vorwurf und meiner Gefahr, immer bereitwillig getan, denn es gibt für den Menschen in seinem Leben keine größere Verpflichtung als gegen das Vaterland, da er zuerst demselben sein Dasein verdankt, und dann alles Gute, was ihm Glück und Natur gewährt haben. Weiterlesen

Denkanstöße Sloterdijk XI

Anthropologie könnte eine ernsthafte Wissenschaft sein, wenn der Mensch nicht wäre. Aber sie kann sich nicht konsolidieren, weil sie mit ihrem Gegenstand schwankt. Weiterlesen

Die Maßlosigkeit im Leben der Gegenwart

Denkanstöße – Bollnow (1962)

Wir brauchen uns nicht damit aufzuhalten, den Geist dieser Maßlosigkeit in unserer Gegenwart im einzelnen sichtbar zu machen. Die Maßlosigkeit schon unserer äußeren Lebensansprüche ist oft genug, wenn auch vergeblich angeprangert worden. Ob es nun der Fernsehapparat ist, das eigene Auto oder die Ferienreise nach Mallorca: in allem strebt der Mensch über seine vernünftigen Grenzen hinaus. Dabei wendet sich die Kritik nicht gegen die Bedürfnisse als solche, deren Erfüllung gewiß das menschliche Leben in einer schönen Weise zu bereichern vermag, sondern dagegen, daß diese Bedürfnisse den Menschen versklaven und daß er in der Ruhelosigkeit der immer erneuten Anstrengung gar nicht dazu kommt, das Gewonnene auch zu genießen. Kaum ist das eine Ziel erreicht, so treibt das neue Bedürfnis den Menschen zu neuer Anstrengung weiter. Darum ist es auch hier die Frage des rechten Maßes; denn das übersteigerte Verlangen nach Lebensgenuß untergräbt notwendig die Voraussetzungen des Lebensgenusses selbst und hebt sich also selber auf. Maßlosigkeit heißt hier Ruhelosigkeit und ewige Hast. Weiterlesen

Maß und Takt in der Erziehung

Denkanstöße – Herman Nohl

Schiller ist der erste gewesen, der diese polare Erfahrung formulierte: Leben und Form, Neigung und Gesetz, Hingabe an die freie Mannigfaltigkeit und Gestaltwillen – sie sind untrennbar voneinander und jede einseitige Entscheidung bedeutet eine Abstraktion. …

Das souveräne Wissen um die Polarität aller unserer Aufgaben, insbesondere aller pädagogischen Aufgaben und die Freiheit, die daraus entsteht, das ist das erste Geheimnis aller Bildung des Erziehers. Eine solche Grundantinomie unseres pädagogischen Lebens ist, daß wir uns selbst leben, jede Seele für sich, und zugleich den objektiven Werten und Gemeinschaften verbunden sind, daß wir unsere Gegenwart genießen wollen und doch zugleich für die Zukunft arbeiten, daß wir Gehorsam verlangen, zugleich aber zur Freiheit erziehen, daß wir die Vergangenheit tradieren und zugleich an einer neuen Welt bauen, daß wir in dieser Welt und ihren säkularen Aufgaben leben und doch immer um eine Transzendenz wissen, aus der uns die Ehrfurcht für unser ganzes Dasein kommt. …

Weiterlesen

Patriotismus im reinen Sinne

Denkanstöße – Dobroljubow

Der Patriotismus im reinen Sinne als eine der generellen Formen, in denen sich die Liebe des Menschen zur Menschheit äußert, ist durchaus natürlich und berechtigt.

Weiterlesen

Denkanstöße – Sloterdijk VII

Wenn wir im folgenden von „Gesellschaft“ sprechen, bezeichnet der Ausdruck weder (wie im virulenten Nationalismus) einen monosphärischen Behälter, der eine abzählbare Population von Individuen und Familien unter einem politischen Wesensnamen oder einem konstitutiven Phantasma einschließt, noch (wie für manche Systemtheoretiker) einen unräumlichen Kommunikationsprozeß, der sich in Subsysteme „ausdifferenziert“.

Weiterlesen

Denkanstöße – Sloterdijk VI

Einige willkürliche und ganz subjektiv ausgewählte Beispiele von Sloterdijks aphoristischer, oft ironischer Prägnanz aus seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“. Selbstverständlich aus dem Kontext gerissen.

Götter sind Vagheiten, die durch Kult präzisiert werden.

Zu seinen (Jesu) Dichtern wurden die Evangelisten, die seine Geschichte vom Ende her erzählten. Sie zögerten nicht, ihren Lehrer, dessen Worte vor den fatalen Ereignissen nach seinem Einzug in Jerusalem bei ihnen nachhallten, sagen zu lassen, was er gesagt haben müßte, sollte seine irdische Erscheinung den Sinn haben, ohne den sie nur der Stoff zum Bericht eines Scheiterns wäre.

Weiterlesen

Denkanstöße – Imre Kertész

11. Januar 2004 Morgendämmerung. Vorgestern abend ist M. nach Budapest geflogen; ich habe sie ungern gehen lassen, sie fehlt mir. Die Abendmaschine war voller ärmlicher Araber, die in Budapest in irgendeine Nahost-Maschine umsteigen. Eine sonderbare Art armer Familien, mit Frauen, großköpfigen, aggressiv brüllenden Kindern; anstatt mit ihnen Mitleid zu haben, assoziiere ich Bomben und Terror. Europa wird bald zugrunde gehen an seinem einseitigen Liberalismus, der sich als naiv und selbstmörderisch erwiesen hat. Europa hat Hitler hervorgebracht, und nach Hitler waren keine Argumente mehr geblieben: Dem Islam taten sich alle Tore auf, man wagte nicht mehr, über Rassen und Religion zu sprechen, während der Islam fremden Rassen und Religionen gegenüber keine andere Sprache kennt als die Sprache des Hasses. –

Weiterlesen

Denkanstöße – Enzensberger

Die eklatanten inneren Widersprüche, die unserer Zivilisation auf den ersten Blick anzumerken sind, werden gemeinhin, und nicht immer zu Unrecht, als bedrohlich empfunden. Gleichzeitig garantieren sie aber die Freiheiten, die uns verblieben sind. Solange sie an den Tag treten können, ist es möglich, den Zustand der Gesellschaft zu verändern, ohne sie zu zerbrechen. Erst wenn sie gewaltsam zum Schweigen gebracht werden, wenn das Gemeinwesen seine Antagonismen verleugnet und sich als Monolith ausgibt, verschwindet die Möglichkeit der Revision. Die einzig in sich stimmige Welt ist die totalitäre.

Weiterlesen