Wunder des Islams

Es scheint in volksmuslimischen Kreisen zwei Strategien zu geben, die Wahrheit des Korans und damit des Islams zu beweisen. Interessanterweise fehlen theologische Argumente. Gerade diese würde man erwarten. Stattdessen wird zum einen auf die linguistische und intellektuelle Vollkommenheit des Korans verwiesen – dazu später mehr –, viel öfter aber noch auf wissenschaftlich bewiesene Wunder. Demnach hätte Mohammed Einsicht in Zustände und Vorgänge gehabt, die er aus dem Wissen seiner Zeit heraus nicht gehabt haben konnte, denn erst die moderne Wissenschaft – von Embryologie und Anatomie über Botanik und Mikrobiologie bis hin zu Mathematik, Astronomie, Kosmologie und Relativitätstheorie – brachte diese ans Licht.

Immer wieder werde ich mit diesen Argumenten konfrontiert und regelrecht überrumpelt. Nur nach Textstudium der Quelle läßt sich dann eine Meinung bilden.

Mit meinem jugendlichen aber schon auffällig gebildetem syrischen Freund hat sich eine Art Ringkampf entwickelt. Ich gab ihm Richard Dawkins „The God Delusion“ zu lesen, nicht, weil ich das Buch besonders überzeugend fand, sondern aufgrund dessen Radikalität. Da ihm die englische Version zu kompliziert war, lud er sich eine arabische Übersetzung herunter, die – so stand als Warnung darunter – in einer ganzen Reihe islamischer Länder verboten ist und deren Besitz bestraft werden kann. Wäre das nicht schon ein starkes Argument: daß er das Buch hier ohne Bedenken lesen kann?

Die Lektüre geht schleppend voran. Stattdessen versorgt er mich immer wieder mit neuen Wundern. Letzte Woche war es Sure 6, Vers 125: „Und wen Allah leiten will, dem weitet Er seine Brust für den Islam, und wen Er irreführen will, dem macht Er die Brust knapp und eng, als wollte er den Himmel erklimmen. Also straft Allah die Ungläubigen.“ Darin meint man nun ableiten zu können, daß Mohammed das Dünnerwerden der Luft lange vor dem Wissen um die Schichten der Erdatmosphäre bekannt war. Dies zu widerlegen war recht leicht. Erstens ist es die Erfahrung eines jeden Menschen, der einen hohen Berg ersteigt – ihm geht der Sauerstoff aus, die Brust wird als „knapp und eng“ empfunden und auch in einer beduinischen Gegend wird es Menschen gegeben haben, die im Handelszentrum Mekka vom Himalaya etwa zu berichten hatten, und zweitens findet rein physikalisch gesehen der umgekehrte Prozeß statt: Je höher man steigt, je geringer also der Luftdruck wird, umso weniger Widerstand wird dem Lungengewebe entgegengesetzt und umso mehr weitet sich die Brust – wie sie sich umgekehrt verengt, wenn man tief ins Wasser taucht. Referenzquellen für derartige „Beweise“ sind meist irgendwelche Youtube-Clips. Das Netz ist voller Wunder des Korans …

Diesmal wurde meine Nachfrage mit Verweis auf Sure 21, Vers 31 abgeschmettert: „Sehen denn diejenigen, die ungläubig sind, nicht, daß die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren? Da haben Wir sie getrennt und aus dem Wasser alles Lebendige gemacht. Wollen sie denn nicht glauben?“ Es ist sicher kein Zufall, daß in beiden Fällen die Frage des Glaubens aufgeworfen wird. Wenn daran schon laut Mohammed der Glaube hängt, inklusive Strafe bei Nichtakzeptanz, wie sehr müssen sich Muslime tatsächlich an die Wahrheit solcher Verse klammern? Hier jedenfalls wird – so das gerne genommene Argument – nichts Geringeres als der Urknall von Mohammed gedacht; und woher, wenn nicht durch eine direkte Strippe zu Gott, hätte er das wissen können. Auch diesmal stehen in allen europäischen Sprachen eine Menge an Video-Clips zur Verfügung:

Youtube: Urknall im Koran

„What do you think?“ – erwartungsvolle Augen schauen mich an. Was Hussain nicht ahnt, ist das Dilemma, in dem ich stecke. Uns wurde eingetrichtert, andere Religionen dürfe man nicht beleidigen, müsse man respektieren etc. Wie weit darf man also gehen? „Honestly, Hussain, don’t take it personally … I think it is utter nonsense“. Glaubst du wirklich, daß in diesen vagen Zeilen – “daß die Himmel und die Erde eine zusammenhängende Masse waren“ – die unendliche Komplexität des Urknalls, von dem wir zudem sehr wenig wissen, den wir uns auch gar nicht vorstellen können, denn es hieße das Unendliche denken, die Singularität, es hieße, alle unsere eingeborenen Vorstellungen von Raum und Zeit aufzugeben, und es bedeutet auch den metaphorischen Gehalt der Vokabel zu begreifen, nicht zuletzt die Idee zu verlassen, es handele sich um eine Explosion, die in einen leeren Raum hinein geschah, sondern das Undenkbare erfassen, daß die Explosion erst Raum und Zeit schuf …, glaubst du tatsächlich, daß all das in diesen mickrigen Zeilen stecken kann? Und überhaupt: Was hat der Urknall mit Himmel und Erde zu tun? – die waren noch dreizehnkommanochwas Milliarden Jahre entfernt. Und was bedeutet denn der Plural: „die Himmel“? Derartige Schöpfungs- und Trennungsmythen gibt es zudem in jeder Mythologie. Die Griechen nannten es Uranus und Gaia, die das Chaos gebar, die Ägypter glaubten an das Zusammenspiel von Urfinsternis, Unendlichkeit und Urgewässer, die Germanen stellten sich die Kluft der Klüfte vor, aus der die Erde emporwuchs, „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ sagt das erste Buch Mose (aus dem hat Mohammed seines vermutlich abgekupfert) usw. Mit ein bißchen Phantasie kann man in jedem den „Urknall“ sehen. Am klügsten macht es noch Buddha – der kümmert sich nicht um unbeantwortbare Fragen. Und „aus dem Wasser alles Lebendige gemacht“, das hatte Thales von Milet schon 1200 Jahre vor Mohammed so gesehen …

Nach dieser kalten Dusche gibt es drei Rückzugsstrategien – der Junge ist erst 20, das darf man nicht vergessen, und an sich wirklich begabt.

1. Ich muß darüber nachdenken.
2. Aber man muß daran glauben.
3. Die deutsche oder englische Übersetzung gibt nicht den wahren Sinn wieder.

Zwei und drei sind Totschlagargumente, aber wenn Punkt 1 umgesetzt wird, ist schon viel erreicht – und das gilt auch für mich!

Das eigentliche Paradox ist aber ein anderes: Leute, die felsenfest an Adam und Eva als erste Erdenbürger oder den tatsächlich stattgefundenen Ritt in den Himmel Mohammeds auf dem geflügelten und menschengesichtigen Wunderpferd Buraq glauben und damit basale wissenschaftliche Erkenntnisse der Evolution, der Paläontologie, der Archäologie, der Geschichte, der Logik und der Metaphorologie negieren und trotz millionenfacher Evidenz diese als „unbewiesen“ darstellen, stürzen sich begeistert auf hochkomplexe, meist jedoch aufs Populär- und Vulgärwissenschaftliche heruntergebrochene, wissenschaftliche Erkenntnisse, sobald diese mit irgendeinem Dreh als vom Koran oder den Hadithen, also durch Mohammeds Mund, bereits angekündigt gelten. Man mißachtet die Beweismethode als solches, verschließt sich weitgehend der Aufklärung durch Wissen und Vernunft, nutzt es aber als Mittel, wenn es in den Kram paßt.

Kein anderer als Richard Dawkins höchstpersönlich hat derartige Aporien mit venenösem Gelüst immer wieder vorgeführt.

Auch dafür gibt es den – Videobeweis:

hier und hier und hier und hier und hier und hier

75/40/10

„Gewissensfreiheit“! Wollte man zu dieser Zeit des Kulturkampfes dem Liberalismus seine alten Stichworte zu Gemüt führen, so konnte es doch nur in dieser Form geschehen: Jeder muß seine religiöse wie seine leibliche Notdurft verrichten können, ohne daß die Polizei ihre Nase hineinsteckt. (Karl Marx)

75/40/10 sind nicht die Maße eines fehlgewachsenen konischen Menschen, sondern markieren ein dreifaches Jubiläum. Es geht um einen der einflußreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, einen der wenigen, die unser Weltbild tatsächlich unmittelbar verändern konnten.

Richard Dawkins wurde heute vor 75 Jahren in Nairobi geboren und auch wenn es vermutlich Millionen Menschen gibt, die diesen Tag verfluchen, oder verfluchten – würden sie seine Bücher kennen –: für mich ist es ein Feiertag und es sollte für alle einer sein, auch für die ihn Verfluchenden. Denn Dawkins ist der Hohepriester der Wahrheit, des Ringens um die Wahrheit!

Sein Erstling „The selfish Gene“ – das man besser mit „Das eigennützige Gen“ statt des mißverständlichen „Das egoistische Gen“ übersetzte – schlug wie eine Bombe ein und wirkt bis heute nach. Darin versucht er Paradoxa zahlreicher darwinistischer Fehlinterpretationen ebenso zu korrigieren wie er das seinerzeit neueste genetische Wissen verarbeitete. Bis dahin glaubte man – im Grunde genommen gegen Darwin, aber von ihm durch seine Titelwahl begünstigt – an eine artenzentrische oder individuenzentrische Motivation der natürlichen Auslese.

Dawkins  hingegen sieht das treibende Agens, die essentiale Kraft im „Gen“. Das Wort „Gen“ muß man in Anführungszeichen setzen, um die linguistische Notlage zu signalisieren, denn Worte sind gerade in den neuen Wissenschaften, wie Genetik und Quantenphysik, Hülsen, die den Sachverhalt oft eher abdecken als enthüllen. „Replikatoren“, so Dawkins, sei das treffendere Wort.

Dawkins nun meint: „daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden“, daß wir, wie alles sich geschlechtlich fortpflanzendes Leben, Wegwerfbehälter, Transportmittel quasi-unsterblicher und willenloser Gene sind und daß diese Gene uns nur schaffen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Der „survival of the fittest“ findet also nicht auf individueller oder spezieistischer Ebene statt, sondern auf genetischer und kulturell sogar erweitert, auf memetischer. Die Folgen sind eklatant! Zum Beispiel – um nur eines herauszugreifen – gäbe es damit keine „Krone der Schöpfung“ mehr oder anders gesagt, unendlich viele Kronen, da jedes bis zum jeweiligen Zeitpunkt überlebende Lebewesen – vom Bakterium über die Eiche bis hin zum Menschen – je eine Krone der „Schöpfung“ ist. Diese bewußte Überspitzung hat den Vorteil, die zahlreichen philosophischen und theologischen Implikationen unmittelbar greifbar zu machen.

Es war freilich vergebene Liebesmüh des Wissenschaftlers, darauf hinzuweisen, daß er „nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution“ eintrete, daß er vor einem „moral reading“ warnte und daß ihn die Problematik selbst dazu zwinge – wenn man denn mathematische Gleichungen und chemische Formeln vermeiden will – Anthropomorphismen zu wählen, ohne sie zu meinen: Es erging sich neben wissenschaftlicher Begeisterung ein Bombardement der Entrüstung auf ihn, vor allem aus religiösen Rohren. Immerhin hatten diese „Kritiker“ die wahre Bedeutung der Theorie durchaus erfaßt: Wenn das „egoistische“ Gen – das sich im Übrigen sehr oft durch überwältigenden Altruismus bis hin zur Selbstaufgabe seines Körpervehikels durchsetzen mag –, wenn dieses Gen also die Entstehung des Lebens erklären kann, wozu und warum dann noch Gott? Für den Wissenschaftler ist diese eine reine Frage der Wahrheit, der Evidenz; Motive spielen keine Rolle mehr, nur noch Effekte. Das klingt kälter, als es ist, und wer die Gedanken bis zum Ende durchdenkt, mag mehr Trost und ob seiner intrinsischen Schönheit des Arguments, auch mehr Wohlgefallen darin finden, als ein Glaube an einen Gott jemals leisten kann.

40 Jahre ist dieses Buch nun alt.

Es folgten eine ganze Reihe von Werken, alle lesenswert, in denen Dawkins seine These zu untermauern versuchte. „The Ancestor‘s Tale“ („Geschichten vom Ursprung des Lebens“) war für mich eine Offenbarung, weil es das Aha-Erlebnis, die Evolution „verstanden“ zu haben, brachte – selbstverständlich eine Selbsttäuschung: Vielleicht werden wir sie nie bis ins kleinste Detail verstehen können, denn es wimmelt von Überlagerungen und „cross overs“ und auch mir scheint, daß man bestimmte Anpassungsleistungen ohne eine ziehende oder stoßende transzendente Macht – die kein Gott sein muß, die auch ein Naturgesetz sein kann – kaum zu erklären vermag.

Diese Gott-Losigkeit durchzog sein ganzes Werk, aber erst in „The God Delusion“ – erneut sensationalistisch als „Gotteswahn“ übersetzt – zieht er die Summe daraus; ein Weltbestseller, der auch in Deutschland 300 000 Replikate verkaufte und enormes Aufsehen erweckte. Mit diesem Buch wurde Dawkins auch jenseits der scientific community wahrgenommen. In ihm versucht er die hohe Unwahrscheinlichkeit der Existenz einer divinen Macht, der „God hypothesis“ aufzuzeigen, die klassischen Gottesbeweise zu widerlegen, spürt er den Ursachen und Auswirkungen des Glaubens nach und versucht den Atheismus als eine intellektuell, moralisch und ästhetisch vollkommen befriedigende Daseinsweise zu propagieren, die zudem so etwas wie eine fast sichere Wahrheit für sich verbuchen kann. Er tut das voller Leidenschaft und gerade das brachte ihm viel Feindschaft ein. Sie wurde vielfach als atheistischer Fundamentalismus gelesen, als Austreiben des Teufels – wenn man so ironisch sein darf – mit Beelzebub. Rück- und Vorsicht gegenüber religiösen Positionen kann Dawkins nicht verstehen, denn Gottesglaube ist für ihn genauso kritisierbar und Kritik sollte niemanden verletzen, wie bei jeder anderen Lehre.

Darin verbirgt sich der springende Punkt des Mißverständnisses zahlreicher Kritiker. Er wäre ihnen aufgefallen, wenn sie bemerkt hätten, daß Dawkins die lange und breit ausgefächerte Geschichte des Atheismus gar nicht zu Kenntnis nimmt. Der Atheismus ist so alt wie der Theismus – allein im deutschsprachigen Bereich haben Fritz Mauthner und Hermann Ley vielbändige Geschichten verfaßt. Aber Dawkins scheint weder Lukrez, Seneca noch Pierre Bayle, La Mettrie oder Feuerbach, geschweige denn Marx und Lenin, gelesen zu haben. Und muß es auch nicht, denn er argumentiert von einem archimedischen Punkt aus, der es ihm gestattet, die ganze Welt aus den Angeln zu hebeln: die Evolution.

Daher sind die Kritiken an seiner theologie- und philosophiehistorischen Ignoranz zwar sachlich richtig, treffen ihn jedoch nicht. Wenn dann noch gründlicher deutscher Geist und angelsächsische Luzidität aufeinanderprallen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Beeindruckend brachte das eine Diskussion bei Kerner ans Licht, wo Dawkins sich drei Hardlinern gegenüber sah, u.a. einem messerscharfen Geist wie Bischof Huber, bei dem es einem kalt den Rücken runter läuft, wenn er über Liebe spricht oder die Bedeutung der Hölle im Christentum negiert.

Hölle hin oder her – die von mir betreuten Muslime haben eine Höllenangst vor ebenjener Hölle und aller natürlicher Zweifel wird immer wieder von dieser Angst besiegt. Dawkins‘ Buch – so mangelhaft es sein mag und so schwer sein Ton für europäische Ohren zu ertragen ist – leistet hier hervorragende Dienste als Fuß in der Tür. Der Klügste von ihnen hat es nun gelesen, in einer im arabischen Raum verbotenen Übersetzung, und wir werden es bald ausführlicher diskutieren.

Zehn Jahre ist es alt – kein Alter für ein ewiges Thema!

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