Das Dorf als Heiler

Rezension: Michael Beleites: Dorf-Ethos. Für eine bodenständige Moral

Das Dorf ist anders. Zum einen ist es toleranter, zum anderen aber auch widerständiger. Dies ist die Ausgangsthese. Aber warum? Um diese eminente Frage zu beantworten, dockt Michael Beleites an zwei Theoriebausteine an, im Moralischen an Hans Küngs „Welt-Ethos“-Projekt und im Sozial-biologischen an sein eigenes „biologisch-ökologisches Umweltresonanz-Konzept“, und verbindet beide. Weiterlesen

Die Geburt des Feminismus aus dem Geist des Kynismus

„Ist es nicht eben diese Hipparchia, die, schon im frühen Morgen ihres Lebens vom Licht der Philosophie angestrahlt, aus der betäubenden Dumpfheit, worin die verpuppten Seelchen ihrer meisten Ge­schlechts­schwestern ihr Daseyn ver­träumen, zum Gefühl der Würde ihrer Natur erwacht ist?“ Wieland

Fast unbemerkt vollführt sich im kynischen Mantel eine metaphysische Revolution, der Diogenes Laertius nur wenige Zeilen zu widmen weiß. Es ist die einzige Lebens­beschreibung in seinem Monumentalwerk „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“, die eine Frau, eine Philosophin zum Gegenstand hat. Weiterlesen

Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen
PDF: Was ist Kynismus?

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere. Weiterlesen

Grundtvigs Begriff der Volklichkeit

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

© Den store danske

Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wie Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas. Weiterlesen

Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: vor fast 30 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Frauen im Schutze des Islam

„… daß Frauen niemals ihre vollen Rechte, natürliche Freiheit und vollständigen persönlichen Rechte genießen werden, als unter dem SCHUTZ des ISLAM. Der Islam hat eine Menge Rechte für Frauen festgelegt und eingesetzt. Dem entsprechend hat er auch bestimmte Pflichten benannt und festgelegt, die sie einhalten und erfüllen muß. All dies aus dem Grund, weil der Islam eine Göttliche Religion ist, im Gegensatz zu den von Menschen gemachten Gesetzen.“

Ist man mit Muslimen zusammen, läßt sich die Geschlechterfrage nicht umgehen. Legte mir einst ein muslimischer Freund ein kleines Büchlein vor: „Frauen im Schutz des Islam“. Darin sei alles erklärt.

Die Schrift lag in der Moschee aus und ist frei erhältlich. Sie gehört zu den am weitesten verbreiteten muslimischen Aufklärungsschriften. Man kann sie auch heute noch bei Amazon etwa erwerben.

Tatsächlich wird man die darin versammelten Argumente im Gespräch mit Muslimen – alteingesessenen ebenso wie neu hinzugekommenen – immer wieder hören. Wir haben es hier mit außerordentlich weit verbreiteten Positionen zu tun. Weiterlesen

Embryologie im Islam

Die Wissenschaft denkt nicht, weil sie nach der Art ihres Vorgehens und ihrer Hilfsmittel niemals denken kann – denken nämlich nach der Weise der Denker. Daß die Wissenschaft nicht denken kann, ist kein Mangel, sondern ein Vorzug. Er allein sichert ihr die Möglichkeit, sich nach der Art der Forschung auf ein jeweiliges Gegenstandsgebiet einzulassen und sich darin anzusiedeln. (Martin Heidegger)

Kennen Sie Keith L. Moore? Nein? Das ist keine Schande. Aber das könnte sich ändern, spätestens wenn Sie mit dem Moslem von nebenan sprechen. Unter Muslimen ist Keith Moore nämlich ein Star! Ich wurde mehrfach und aus verschiedenen Richtungen auf ihn angesprochen – also nahm ich mich der Sache an.

Keith Moore ist Embryologe. Er hat eines der größten Wunder des Korans erfunden. Weiterlesen

Forschung im Islam

Die Fliege im Glas

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Man muß es so deutlich sagen: Das Argumentationsniveau, in dem sich ein Teil der muslimischen Gedankenwelt bewegt, ist erbärmlich.

Verschiedene Diskussionen mit praktizierenden Muslimen zeigen, daß es ihnen schwerfällt, den Gedanken der Falsifikation zu fassen: „Die Wahrheit können wir nicht beweisen. Aber wir können die Unwahrheit beweisen und uns so der Wahrheit nähern.“ Weiterlesen

Das innere Werdeziel der Kellerassel

„Ich sammle Kellerasseln“ – mit diesem Eingangssatz fängt Fritsche seinen Leser sofort ein. Noch weiß man nicht, was der Titel „Pan vor den Toren“ bedeuten soll, aber schon sind alle Sinne gespannt.

Und das sollten sie auch, denn Fritsche, den man als Theoretiker der Homöopathie oder als „Esoteriker“ oder vielleicht noch als Verfasser des einst viel gelesenen anthropologischen Traktates „Der Erstgeborene“ kennt, überrascht einmal mehr und erscheint mit diesem frühen Werk (1938) als naturwissenschaftlicher Magier.

Das klingt widersprüchlicher als es ist – Wissenschaft und Magie. Schon die Kellerassel wird uns als „Hüterin der Schwelle“ vorgestellt, „zum Mutterboden, dem unser Leib entstammt und der ihn zurückfordern wird“ und die Kellerassel und all ihre „Verwandten“ im fast unsichtbaren Bereich, haben dabei ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Wozu also in die Ferne schweifen, wenn das Faszinosum so nahe liegt? Weiterlesen

Islam in homöopathischen Dosen

In regelmäßigen Abständen beglücken uns die Zeitungen mit Meinungen zur Homöopathie – neun „Das-ist-alles-Humbug“-Artikeln steht vielleicht eine bejahende Studie oder ein Erfahrungsbericht entgegen (Beispiele unten).  Die Hauptargumente sind immer die gleichen: Placebo und „Da ist doch nichts drin“. Die Alltagsrealität sieht anders aus: Millionen Menschen (und Tiere) fühlen sich geheilt.

Wer so argumentiert, stellt nur unter Beweis, daß er von der Homöopathie nicht das Geringste verstanden hat. Weiterlesen

Weise Weihnacht

Zum 2. Advent

Gunnar Gunnarsson, in Deutschland leider nur noch einigen Kennern ein Name, ein isländischer Autor, der seine besten Bücher auf Dänisch schrieb, gehört zu den großen skandinavischen Erzählern, in einer Reihe mit Hamsun, Falkberget, Duun, Laxness – und das wäre schon wahr, wenn er nichts weiter als diese kurze, aber großartige Geschichte „Advent im Hochgebirge“ geschrieben hätte. Tatsächlich zählen auch „Die Eidbrüder“, „Die Leute auf Borg“ und „Schwarzvogel“ zum Kanon der skandinavischen Literatur.

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Die Invasion der zu vielen

Wir hatten geglaubt, das Problem gelöst zu haben. Die anfänglichen Zeichen waren ermutigend. Der Angriff blieb aus. Weiterlesen

In Deutschland muß niemand hungern

Zumindest nicht zu dieser Jahreszeit, denn der Tisch ist gedeckt, sobald man die Haustür hinter sich zuschlägt und irgendwo auch nur ein kleines bißchen Grün findet: einen Park, eine Wiese, selbst einen Straßenrand – von einem Garten oder einem Wald ganz zu schweigen.

Überall findet man das magische Kräuterdreieck, das aus Brennessel, Löwenzahn und Giersch besteht. Weiterlesen

Lange Lehren des kurzen Lebens

Das Leben sei der beste Lehrmeister, sagt man, und nur das gebrannte Kind verstünde die Gefahr tatsächlich.

Dagegen ist nichts einzuwenden – nur zu relativieren. Denn wir sind kurzlebige Wesen und manche Lehren lassen sich nur aus langfristigen Erlebnissen, langwährenden Ereignissen ziehen. Diese können sogar länger als ein Menschenleben sein – und wie zieht man dann eine Lehre daraus? Weiterlesen

Ontologie der Raumfahrt

Wie fast immer, wenn ich Sloterdijk lese, spielen die Synapsen verrückt, kommt man auf Ideen, die man sonst nie gehabt hätte, ertappt man sich bei seltsamen Entrückungen und Gedankenraumfahrten, die man meist wieder vergißt …

Diesmal arbeitete der Satz: „Auf die künftigen Raumfahrer wartet ein anderer Tod, eine Nicht-Beerdigung im Bodenlosen“ als Startrampe des Tagtraumes. Weiterlesen

Die Relativität unserer Wahrnehmung

Draußen regnet es. Eigentlich möchte ich in den Wald gehen – aber bei dem Regen?

Nun haben wir erstmals in der Geschichte des Menschen die Möglichkeit, uns von oben zu sehen und damit auch die Regenwolken in ihrer Bewegung. „Regenradar“ nennt sich die Seite. Was ich sehe, ist wenig ermutigend: es regnet überall, nördlich, südlich, westlich, östlich von uns. Das wird wohl nichts mit dem Waldgang oder aber man entschließt sich zur Regenkleidung. Weiterlesen

Waschbären und Migration

Nichtsahnend gehe ich in der Dämmerung durch den Wald, da fliehen plötzlich zwei Tiere vor mir, mitten auf dem Weg. Ihr Gang ist einmalig, die Formation auch: es sind Waschbären. Nun sind sie also auch bei uns angekommen. Es war nur eine Frage der Zeit.

Abends sprechen wir darüber. Was tun? Wenn sie im Wald sind, dann sind sie auch im Garten, auf dem Kompost vielleicht. Wo zum Beispiel ist die tote Ratte hin, die ich zur Skelettierung habe liegen lassen. Ob der Waschbär sie geholt hat? Weiterlesen

Den eigenen Tod denken

„Paradox ist: Wir wissen, daß wir sterben müssen, aber wir glauben es nicht, weil wir es nicht denken können“ – behauptete Hans Blumenberg[1].

Warum können wir es nicht denken? Weil Denken an Leben gebunden ist. Zwar können wir den Tod sehen und vielleicht auch riechen, aber immer nur den Tod der anderen. Aber auch dort bleibt uns die plötzliche Leere unverständlich: daß dieses andere Leben einfach verschwunden sein soll, ist uns kaum faßbar. Wir haben das Gefühl – und das Bedürfnis – weiterhin mit dem Menschen, den es einst gab, zu kommunizieren, unsere Gefühle zu ihm sind nicht mit seinem Verschwinden verschwunden. Weiterlesen

Der Traum von Afrika

Auf den Ästen der Mehlbeere vor meinem Fenster sitzen die Stare und warten. Eisiger Wind bläst ihre Federn auf. Beide, Männchen und Weibchen, tragen noch das Winterkleid, der Schnabel aber ist gelb und das bedeutet: sie wollen anfangen. Sie wollen ihr Nest bauen. Ein Starenkasten steht seit einigen Jahren hier – aus meinem Fenster kann ich direkt in ihn hineinschauen. Weiterlesen

Dialektik der Natur

Ein Kennzeichen großer Literatur ist ihre Reaktualisierbarkeit – sie mag unter anderen Vorzeichen entstanden sein, enthält aber genügend Schichten, um auch später noch ausgrabbar zu sein. Große Literatur kann sich durchaus in der kleinen Form verstecken. Ein schönes feines Nugget wurde mir dieser Tage zugespült, eine Geschichte von überraschender Vollkommenheit und aktueller Brisanz. Weiterlesen