Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältig. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

Es gibt noch immer die Ost-West-Schere und zwar in vielerlei Gestalt. Der Westen ist ökonomisch und materiell reicher, aber man spricht dort auch eine andere Sprache. Die DDR galt als geschlossene Gesellschaft, aber gerade dort wird oft offener gesprochen, zumindest auf der unteren Ebene. Dem anderen seine Meinung zu sagen, ist im Osten oft weniger ein Problem. Weiterlesen

Die Weisheit der Sprache

Im Ungarischunterricht – wir schreiben das Jahr 2017 – wurde im Vorbeigang die Steigerungsform erörtert. Man brauchte sich nicht lange aufhalten, da es eine der wenigen grammatischen Prinzipien ist, die für den Ausländer unproblematisch sind – die üblichen Ausnahmen nicht berücksichtigt. Dem Adjektiv wird in der ersten Steigerung ein –bb angehängt, wobei die Lautharmonie beim Verbindungsvokal zu beachten ist und in der zweiten Form noch ein –leg vorangestellt. Weiterlesen

Huntington – 30 Jahre später

Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden. (Huntington)
„Wenn die Wirklichkeit die Ideologie widerlegt, so ist die Ideologie falsch, nicht die Wirklichkeit. Samuel Huntington wies 1996 in Kampf der Kulturen darauf hin, daß in Zukunft geistige und kulturelle Blöcke einander gegenüberstehen würden. Viele Idioten blickten damals allerdings nur auf Huntingtons erhobenen Zeigefinger und nicht auf das, worauf er hinwies. Die meisten dieser Idioten starren immer noch auf den Finger, obwohl die Realität dem amerikanischen Soziologen inzwischen recht gegeben hat.“ (Michel Onfray: Niedergang)

Vor drei Jahrzehnten, 1996, erschien eines der am meisten diskutierten und skandalisierten Bücher der Neuzeit: Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. In ihm entwarf er ein neues Paradigma des globalen politischen Zusammenlebens für die Zukunft. Anlaß genug, das Buch erneut zu studieren und abzuklopfen. Weiterlesen

Nationaler Rock in Ungarn

Jede Lebensphase hat ihre Musik. Drei Jahrzehnte lang, in Wellen der Intensität, vertrat ich die Ansicht, daß Musik, die es wert ist, gehört zu werden, eines leisten müsse: sie dürfe Welt nicht ausblenden, sondern müsse auf sie hinweisen. Sloterdijk hatte – da lag mein Musikgeschmack längst fest – diese Gedanken in „Weltfremdheit“ theoretisch untermauert.

Musik mußte erlitten werden. Weiterlesen

Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Karl Heinz Bohrer versuchte zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder einen intrikaten Gedanken neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe. Weiterlesen

Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

Dabei glaubte ich doch – in der Selbstwahrnehmung –, ein ausgeglichener, vermittelnder, verhältnismäßig ideologiefreier Schreiber zu sein. Weder – als kurze „Denkbiographie“ – das marxistisch-dialektische Herkommen (von der leninistischen Periode abgesehen) oder Nietzsches Perspektivismus noch die intensive postmoderne Phase der Alldekonstruktion und auch nicht die weit umfassende Fundamentalontologie schienen für Ja-Nein-Dichotomien gemacht. Und nun das! Weiterlesen

Nachruf auf den Humanismus

Es macht gewisse Schwierigkeiten, tradierte Ideale, scheinbar altbewährte Theorien, gewohnte Ansätze, anerkannte Begriffe und liebgewonnene Klassiker in Frage gestellt zu sehen. Aber es kann nicht Sinn und Zweck sein, sich derartiger Dinge immer wieder nur neu zu versichern, sie zu rekapitulieren, ohne dabei noch den offenen Blick auf Anderes zu haben.

Denken beinhaltet von je her eine permanente Verunsicherung, ein In-Frage-Stellen, und es hört dann auf, wenn es zur Sicherung einmal angenommener Positionen dient. Weiterlesen

Grundtvigs Begriff der Volklichkeit

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

© Den store danske

Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wie Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas. Weiterlesen

Volklichkeit

Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)

Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!

Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl? Weiterlesen

Unter der Wurzel der Fluß

Das beste Mittel, sich seiner nationalen Identität bewußt zu werden, ist, eine lange Zeit – in der Fremde zu leben.

Lang genug jedenfalls, um die erste Phase der Euphorie, der Freude am Neuen, Aufregenden, Unbekannten zu überstehen. Je besser man die Sprache beherrscht, umso deutlicher wird die Lektion, Weiterlesen

Die ungarische Erinnerungskultur

Um den Unterschied in der Gedenkkultur zwischen Deutschen und anderen einmal greifbar zu machen, lade ich meine Leser zu einem kleinen Spaziergang durch eine x-beliebige ungarische Stadt ein. Nehmen wir zum Beispiel Kecskemét oder Szeged … nein, zu groß, nehmen wir also Baja, ganz im Süden, eine unscheinbare Stadt mit weniger als 40 000 Einwohnern, die kaum jemand kennt, die keine größere historische Bedeutung hat, irgendwie eine ganz normale Stadt.

Ich zähle hier an die hundert Denkmäler. Allein das ist eine große Überraschung. Weiterlesen

Der Ungar als Untertan

Pathetisch hatte Sándor Petőfi, der ungarische Nationaldichter schlechthin, in seinem Nationallied die Ungarn in sechsfachem kraftvollem Refrain vereidigt:

A magyarok istenére
Esküszünk,
Esküszünk, hogy rabok tovább
Nem leszünk!

Beim Gott der Ungarn
Schwören wir,
Schwören wir, Gefangene
wir nicht bleiben werden! Weiterlesen

Die moderne Nation

Die Nation ist ein hysterisches und panisches Informationssystem, das ständig sich selbst erregen, sich selbst stressieren, ja sogar sich selbst terrorisieren und in Panik versetzen muß, um sich selbst zu beeindrucken und um sich, als in sich selbst schwingende Streßgemeinschaft, davon zu überzeugen, daß es sie wirklich gibt. Ist ein solches nationales Informationssystem erst einmal hinreichend ausgebaut – können die Mehrheiten erst lesen, schreiben und sich selbst irritieren -, so ist die Nation imstande, sich von Tag zu Tag als selbstnötigende Einheit sinnlich konkret und doch auch gespenstisch abstrakt zu erleben und sich immer von neuem davon zu überzeugen, daß sie einen hinreichend starken Grund für ihre Existenz und ihre Kohärenz besitzt. Weiterlesen

The Stranger within my gate

The Stranger within my gate,
He may be true or kind,
But he does not talk my talk–
I cannot feel his mind.
I see the face and the eyes and the mouth,
But not the soul behind. Weiterlesen

Das fundamental Fremde des Fremden

Oh, East is East and West is West, and never the twain shall meet, Till Earth and Sky stand presently at God’s great Judgment Seat …

Einer, der es wissen mußte, war Rudyard Kipling (1865-1938) gewesen. In Indien geboren, im heutigen Pakistan gelebt, ein Weltreisender, der den Kontakt mit anderen Kulturen immer gesucht hatte. Man kennt ihn heutzutage fast nur noch wegen seiner Kinderbücher („Dschungelbuch“, „Kim“), zu Lebzeiten galt er als einer der Meister der Kurzgeschichten, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

The return of Imray ist so ein Kleinod, Weiterlesen

Erinnerung als Erschütterung

Ein erster Faktor liegt in dem Umstand, daß das Binnenklima der deutschen Gesellschaft seit einigen Jahren durch einen Generationenwechsel geprägt wird, der ihre bisherig gültigen Selbstbeschreibungen antastet. Man könnte sagen, daß der nervliche Gesellschaftsvertrag der Nachkriegsgeneration aus zeitlichen Gründen überarbeitet werden muß.

Die Nervensysteme, die noch direkte Berührungen mit dem Nationalsozialismus hatten, werden ausgetauscht gegen Gedächtnisse, die ausschließlich auf einer symbolischen Ebene Weiterlesen

Der staatliche Liebesentzug

Es gehört zu den fatalsten Ungleichgewichten der humanen Grunddisposition, daß Zuneigungen und Wertschätzungen unterschiedlich verteilt sind; und zu den schwersten menschlichen Kränkungen, daß eine genuine Liebe abgewiesen werden kann. Ein Großteil des Lebenselends, der Qual und der Gewalt, die sich Menschen einander antun, wurzelt in dieser Verletzung. Schon die griechischen Dramen waren voller derartiger Disparitäten, die zu endlosen Kriegen und fürchterlichen Gewaltorgien geführt haben. Weiterlesen

Die Spur der Reden

Was sich anhand einiger Länder an den Stimmführungen andeutete, läßt sich auch an den Gesprächsinhalten aufzeigen: Wir leben noch immer in verschiedenen Kulturen und sind national und volklich – d.h. historisch, sprachlich, kulturell, territorial, ökonomisch und ethnisch – geprägt. Weiterlesen

Die Spur der Stimmen

Die weibliche Stimme ist zum einen das hörbare Zeichen ihrer Geschlechtsmerkmale, zum anderen selbst eines. Wer die Stimme einer Frau hört, weiß, daß ihm ein Wesen mit allen weiblichen Attributen gegenübersteht. Die wenigen Ausnahmen werden hier – entgegen der zeitgeistigen Ideologie ausgeklammert und nicht überbetont, was die einzig vernünftige Form ist, Wesentliches über die Realität in Erfahrung zu bringen.

Die aktuelle Dekonstruktion der Völker und Nationen scheitert bereits an den einfachsten Evidenzen. Weiterlesen

„Remigration“ nach Martin Sellner

Rezension

Das heißeste Buch der Saison hatte selbstverständlich gnadenlose Vorfahrt auf dem Lektürefahrplan.

„Remigration“ faßt in aller Kürze – das darf bei der nachfolgenden Kritik nicht vergessen werden – Martin Sellners Vorstellungen dessen, was politisch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten durchzusetzen sei zusammen, will man die Identität des deutschen Volkes noch irgendwie wahren und damit überhaupt erst die Fortexistenz einer demokratisch organisierten Sozietät ermöglichen. Weiterlesen