Es ist eine Frage, die sich wie von selbst stellt, wenn man die gegenwärtige Lage der Dinge betrachtet, und sie verrät mehr über unser Zeitalter als über die Maschine selbst: Warum vermag die Künstliche Intelligenz bald Literatur hervorzubringen, die selbst den strengsten Maßstäben des Kanons, der Kritik und des ästhetischen Urteils standhält? Weiterlesen
Literatur
Die Fülle der Leere
Rezension: Ernst Osterkamp: Poesie der leeren Mitte – Stefan Georges Neues Reich. Weiterlesen
Die Verteidigung des Fremden
Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze
Karl Heinz Bohrer versuchte zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder einen intrikaten Gedanken neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe. Weiterlesen
Drei Geschenkempfehlungen
Lesen. Seit Jahr und Tag macht sich der Guggolz-Verlag durch die Veröffentlichung großartiger nordischer Literatur verdient. Ob Amalie Skrams gigantische Hellemyr-Tetralogie, die Meistergeschichten des verfemten Johannes V. Jensen, ob Tom Kristensens unerreichter Trinkerroman oder Tarjej Vesaas‘ feinselige „Vögel“ oder das einzigartige und wundersame „Straumēni“ des Letten Edvarts Virza …: alles Meisterwerke, alle feinfühlig übersetzt, alles perfekte Weihnachtsbeschenkungen, die einen Unterschied machen. Weiterlesen
Jean Paul: Zum 200. Todestag
Nicht von dieser Welt
von Uwe Wolff (Angologe)
Flügel überall: Jean Paul (1763-1825) ist der Dichter der Freundschaft, der Liebe und der Engel. In keinem Werk der deutschen Literatur wuseln sie mehr herum, als in den Erzählungen und Romanen des Pastorensohnes aus Wunsiedel (Fichtelgebirge). Der hoch begabte Junge hatte einen wahrhaft enzyklopädischen Wissensdurst weit über die gelehrten Bücher hinaus. Die alten Sprachen lernte er bereits als Schüler mit jener Leichtigkeit, die seinen Lehrer erblassen ließ. Texte aus dem Alten Testament in hebräischer sowie griechische Texte des Neuen Testaments übersetzte er aus dem Stand ins Lateinische – die Wissenschaftssprache seiner Zeit.
Jean Paul war ein Überflieger. Weiterlesen
Magischer Moment in Halle
Es gab auf der Büchermesse „Seitenwechsel“ in Halle einen magischen Moment. Das heißt: Es mag mehrere solche Momente gegeben haben, aber ich war Zeuge eines solchen. Und er war – wie es für solche Momente konstitutiv ist – vollkommen ungeplant.
Vielleicht hat auch die Tatsache, daß viele rechte Denker offenbar ohne Uhr leben, damit zu tun. Weiterlesen
Lektüren Oktober 2025
Einerseits zur Selbstdisziplinierung und -motivation, andererseits weil es einigen Leuten gefallen hat, beginne ich wieder mit den monatlichen Kurzbesprechungen der Leseliste.
Joseph Roth: Hiob (1930)
Eigentlich eine Spätseptemberlektüre, aber weil sie mich so mitgenommen hat und so lehrreich ist, packe ich sie hier mit rein.
Dieses Buch habe ich zugleich gelesen und gehört und wenn man einen guten Vorleser hat, dann kann das den Eindruck potenzieren. Es braucht nur wenige Seiten, um zu begreifen, daß es ein Meisterwerk ist. Diese Geschichte um den Toralehrer Mendel Singer, dem das Schicksal scheinbar immer böse mitspielt, der alle seine Kinder verliert und schließlich auswandern muß, berührt überhaupt nur deswegen, weil ein Meister der Sprache sie bearbeitet hat. Da sitzt jedes Wort und jede Pause, das ist so tief ins jüdische Denken eingefühlt, Roth weiß exakt, wo er die Schrauben anziehen und wo er sie lockern muß … schon rein ästhetisch reißt es einen mit! Weiterlesen
Was ist Kynismus?
Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen
PDF: Was ist Kynismus?
Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere. Weiterlesen
Es ist nicht zu halten …
Manchmal ertappe ich mich – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im großartigen Magyar-Német Nagyszótár blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen.
Wie jener Dichter Lázár, den Sándor Márai in seinen großartigen „Wandlungen einer Ehe“ unter vier Protagonisten zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt erkoren hatte. Weiterlesen
Sprache und Sein – ein produktives Paradox
Lesen ist auf etwas zugehen, das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein wird … (Italo Calvino)
PDF: Sprache und Sein
Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwieriger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zunehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Weiterlesen
Grundtvigs Begriff der Volklichkeit
Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?
Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.
Denkt man an Dänemarks Geistesgrößen, dann fallen Namen wie Kierkegaard oder Hans Christian Andersen, tatsächlich hat aber keiner die skandinavischen Geisteswelten derart durchsäuert wie der in Europa wenig bekannte Grundtvig. Sein Werk ist enorm, vielfältig und schillernd; ohne ihn gäbe es das heutige Skandinavien nicht, wäre Dänemark nicht die Vorzeigedemokratie und ein Wohlfahrtsstaat geworden – und ohne die Umsetzung seiner Idee der „Volklichkeit“ beherbergte es wohl auch nicht das seit Jahrzehnten „glücklichste Volk“ Europas. Weiterlesen
Volklichkeit
Die Volklichkeit
(Gedicht von N.F.S. Grundtvig)
Volklich soll nun sein das Ganze
rings im Land von Kopf bis Fuß;
etwas Neues ist im Werke,
selbst ein Tor es sehen muß;
aber kann es, kaum geboren,
das ersetzen, was verloren?
Weiß man wirklich, was man will,
mehr als „Brot und Zirkusspiel“?
Mit Verlaub zu fragen!
Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl? Weiterlesen
Die Geschichte der Zukunft
Die Geschichte der Zukunft und die Frage der Identität
Anthropologie ist jene Deutung des Menschen, die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei. Denn mit dieser Frage müßte sie sich selbst als erschüttert und überwunden bekennen. (Martin Heidegger)
Sicher gibt es bei Heidegger ein Bemühen, den Namen Nietzsche oder das „Wer ist Nietzsche“ auf die Einheit der abendländischen Metaphysik, ja auf die Einzigkeit einer Grenzsituation auf dem Gipfel dieser Metaphysik zu reduzieren. Und dennoch war die Frage „Wer ist X?“ seinerzeit, auf Denker bezogen, eine seltene Frage; sie ist es noch immer, wenn man sie nicht in einem trivialen biographischen Sinn versteht. (Jacques Derrida)
Wie Alice das Wunderland durchstreift, gerät sie an eine blaue Raupe, mit der sie ins Gespräch kommt. Mit der Frage „‚Wer bist du?‘ erkundigte sie sich gelangweilt und mit schläfriger Stimme“. Alltäglicher und banaler kann ein Dialog kaum beginnen und doch: Weiterlesen
Das Ende der Kunst
Besonders unter Künstlern und Intellektuellen scheint die „Einwanderungsgesellschaft“ akzeptiert zu sein. Aber haben sich das unsere Gebildeten und Bildenden auch gut überlegt? Wissen sie – unter der Prämisse, daß die Zuwanderung zugleich eine deutliche Zunahme an Mitmenschen muslimischen Glaubens mit sich bringt, wissen sie also: Weiterlesen
Ihre und unsere Wirklichkeit
Es gibt einen seltenen Schlag Mensch, vor dem alle anderen verstummen, wenn er zu reden beginnt. Man nennt das Charisma. Karen Blixen war so ein Mensch. Diese Frau war mehr als eine bedeutende Schriftstellerin und eine begnadete Beobachterin: sie war weise. Lauschen wir ihr! Weiterlesen
Wiederholung und Übersetzung
Wer regelmäßig schreibt, der kennt das Problem. Zum guten Stil gehört es, Wortwiederholungen zu vermeiden. Ein Wort, das man gerade benutzt hat, sollte in unmittelbarer Nähe möglichst nicht noch einmal auftauchen. Das ist einer von vielen Bausteinen, einen ästhetisch gelungenen Text zu schreiben.
Allein, das Hirn sieht es anders und spielt uns oft einen Streich. Weiterlesen
Nicht Mord nicht Bann noch Kerker
Nicht Mord, nicht Bann, noch Kerker
nicht Standrecht obendrein
es muß noch stärker kommen
soll es von Wirkung sein. Weiterlesen
Was ist Vril?
Seit ein paar Wochen versucht Erik Ahrens, tiefe Keile ins rechte Lager zu treiben und eine eigene Bewegung aufzubauen. Er tut das via Videobotschaften, kurzen Clips auf verschiedenen Plattformen, sogenannten Spaces auf Twitter usw., also ausschließlich mit Hilfe der sozialen Medien. Sein Publikum ist jung und soll es auch sein, denn der Hauptgegner im Allgemeinen ist der „Boomer“ und die politischen Protagonisten aus Partei und Vorfeld im Besonderen.
Ob daraus eine ernsthafte Gefahr erwachsen kann, ist noch nicht zu sagen. Weiterlesen
The Stranger within my gate
The Stranger within my gate,
He may be true or kind,
But he does not talk my talk–
I cannot feel his mind.
I see the face and the eyes and the mouth,
But not the soul behind. Weiterlesen
Jakob Knudsen – das letzte Wort
PDF: Autorenporträt Jakob Knudsen Langversion
Die Deutschen – das Volk der Dichter und der Denker, ein Topos aus dem 19. Jahrhundert, der sich als Gerücht bis in unsere Tage schleppt. Er war schon damals nur zur Hälfte wahr. Nimmt man die Pro-Kopf-Verteilung zum Maßstab, dann haben die Dänen gute Aussicht, zumindest als das Volk der Dichter gelten zu können, denn was diese wenigen Millionen Menschen seit 200 Jahren an großartiger Literatur hervorgebracht haben, steht vermutlich einsam da in der europäischen Kulturgeschichte. Es liegt an der Ignoranz der Nachbarn, wenn nur wenige Werke bekannt sind oder bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Jakob Knudsen (1858-1917) gilt heute nahezu als vergessen – übrigens auch in seinem Heimatland. Weiterlesen
