Genau!

Genau! Erschrocken fahre ich mir über den Mund. Scheiße! Wieder ist es passiert. Ich habe „genau!“ gesagt. Habe das Fremde, das Uneigentliche, das Gerede, das Hohle, die Leere, das Man in meinen Kopf und Mund gelassen. Den Westen! Das bin nicht ich, das sind wir nicht – genau!

Warum nicht „ja“, „klar“, „richtig“, „korrekt“, „sicher“, „eben“, „freilich“, „wahrhaftig“ … was weiß ich. Alles wäre gegangen, nur „genau“ nicht.

Das gibt es erst seit ein paar Jahren. Plötzlich war es da. Auf eine Frage – und die war auch oft schon falsch gestellt, nämlich als Suggestivfrage, die nur eine Bejahung zuließ … oder ein „nein“, aber das wäre Affront gewesen – wurde immer wieder mit „genau“ geantwortet. Dann begann man damit, Sätze zu eröffnen oder eigene Ideen abschließend abzusegnen.

Man bekommt es zuerst gar nicht mit, meint, es sei ein Lapsus, eine individuelle Eigenheit, aber dann bist du von „genaus“ umgeben. Junge Leute vor allem, Studenten, die sich nun Studierende nennen, Akademiker fingen damit an oder steckten sie das Virus nur weiter? Das waren die Einverstandenen, die Unkritischen, die Harmoniebedürftigen, die mit dem „genau“ anfingen, die Flaumbärte, schmalschultrig, nickelbrillig, palibetucht, die Alternativen, die keine Milch mehr trinken wollten und kein Fleisch essen, die mit Mate-Tee anfingen und alles Bio oder was?

Ein Menschentyp, der mir unendlich fremd ist. Alle sprechen reinstes Hochdeutsch, ununterscheidbar vom anderen – man wußte sofort: die kommen aus dem Westen. Hannover oder Mannheim oder Bonn oder andere Orte, die nur Assoziationen von Sterilität und Betonbauten und Ditib-Moscheen wecken, aus denen unsereins, der noch Menschen kannte, nur noch fliehen will. Genau: fliehen!

Das gilt auch für „alles gut!“ Früher war es „super“ oder „mega“ und noch früher „geil“ oder „kraß“ – aber darin war wenigstens noch ein Rest Aufruhr und Überschwang. Auch damals fuhr ich mir erschrocken über den Mund, wenn eines davon durchkam. Später hat man’s ironisch genutzt – hin und wieder.

Aber „genau“, das ist geronnene Anpassung, ja kein Konflikt, Bejahung der beschissenen Sorte, ja nicht anstoßen, ja nicht die Karten auf den Tisch legen. Reiner Westen. Falsch und verlogen und vor allem: seelenlos.

Selbstverständlich kann man „genau“ sagen, soll man – das gute „man“ – sogar, dort eben, wo es um Exaktheit geht, um – ja nun: Genauigkeit … und das ist selten am Satzanfang.

Paßt auf Leute: so genau muß man es nehmen. Wer mit sowas anfängt, ist schon im Strudel, und wer mir so antwortet, der hat schon verloren! Nicht beim ersten Mal – es kann ja passieren –, aber dann schon. Ich will und werde meine Sprache behalten und verteidigen und diesen Sprachmüll nicht weitertragen.

Und wer sich auf den Schlips getreten fühlt: bitteschön, gern geschehen!

6 Gedanken zu “Genau!

  1. Avatar von Lucke, Carsten Lucke, Carsten schreibt:

    Sympathisch, daß Sie sich darüber so aufregen – da ist noch ’ne Menge Leben in Ihnen !

    Was ist mit dem Wort „Scheiße“, das Sie so pointiert gesetzt haben ?!

    Immer gut, wo’s hingehört. Enorm viele Sätze – gerade auch im Film – beginnen damit : „Scheiße ja, … nein, … verdammt, … verflucht, … aber auch, … nochmal“ und, und, und.

    Ist quasi Kulturgut.

    Wirklich scheiße fand ich immer : „supi“ !

    Gefällt 2 Personen

    • Mal ganz prinzipiell: Artikelschreiben ist auch nur ein Kostüm, das man sich überstülpt und Leser dieses Blogs sollten bemerkt haben, daß der Fundus verschiedene in petto hat. Wenn der Schauspieler auf der Bühne vor Schmerz zusammenbricht oder vor Rage schreit … fühlt er dann diesen Schmerz oder ist das ein künstlerisches Mittel? Und so geht das allen, die sich irgendwie öffentlich produzieren. In den meisten Fällen zumindest.
      Man kann so einen Artikel auch trocken soziologisch oder zynisch, ironisch angehen usw. Schien mit weniger angebracht.

      Gefällt 1 Person

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