Der Weg aus dem Menschenpark

Gesamttext PDF Sloterdijks Menschenpark 
Fortsetzung von: Wo befindet sich der Menschenpark?

Das in etwa ist der Stand innerhalb dieses Problemkreises, als Sloterdijk 1997 zum ersten und 1999 zum zweiten Mal seinen Vortrag „Regeln für den Menschenpark“ hielt. Hätte es die Skandalisierung nach Elmau nicht gegeben, es wäre nicht mal sicher, ob diese schmale Schrift je eine breitere Öffentlichkeit erreicht hätte.

In dem medientheoretisch einsetzenden Text folgt Sloterdijk in Heideggers Rückenwind dem Gedanken des Scheiterns des klassischen Humanismus – weil jener den Menschen zu niedrig ansetzt, Teil der Metaphysik und von Seinsvergessenheit geprägt ist und im übrigen die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht verhindert, ja vielleicht sogar mitverursacht hat –, schwenkt mit der Einführung einer historisierenden Anthropologie dann aber aus und wirft anthropotechnische, hier konkret gentechnische Grundsatzfragen auf, die er abschließend ethisch wendet, indem er die scheinbare Tabufrage nach der „genetischen Reform der Gattungseigenschaften“ stellt. All das noch in vagem, andeutendem Ton.

Nur die Leser seiner früheren Werke hatten überhaupt die Chance, das Provokative verstehend ins Werkgefüge einzupassen.

Der zentrale Text in unserem Zusammenhang erschien zwei Jahre später und ist vergleichsweise wenig rezipiert worden. Vielleicht auch, weil er im Schatten der ersten beiden Bände des Großprojektes „Sphären“ steht und nur 90 Seiten umfaßt. Werklogisch gehört er vor die Trilogie. Schon der Titel „Das Menschentreibhaus“[1] stellt ihn in die angedeutete Kontinuität – man kann ihn als Exemplifizierung der „Menschenpark“-Thesen lesen.

Wenn ein Skandal je gerechtfertigt gewesen wäre, dann müßte es diesen schmalen Band betreffen.

Der skandalisierte Begriff der „Anthropotechnik“ wurde demnach als „planende Humanbiotechnik“ mißverstanden, meinte aber tatsächlich die simple Tatsache, daß der Mensch schon immer ein Produkt seiner eigenen Produktionsverfahren ist, und damit „eine Größe, die es in der bloßen Natur nicht gibt und niemals geben kann.“

Der Begriff der „Umwelt“ paßt auf ihn nicht mehr, er durchstößt diesen Ring und kommt damit erst im eigentlichen Sinne zur Welt. Das zeitigt insbesondere in der Atom- und Gentechnik apokalyptische Züge. Um auf den Grund der „Apokalypsefähigkeit“ zu gelangen, dürfe Heideggers Lichtung – also der Ort, „wo Sein aufgeht als das, was da ist“[2] – nicht nur ontologisch, sondern müsse auch anthropologisch und historisch beleuchtet werden, und zwar bis in die Hominisation zurück.

Dann wird der Mensch als nichtintentionaler Sphären-Bildner erkennbar, der „aus einem tierischen Im-Umwelt-Treibhaus-Sein ein menschliches In-der-Welt-Sein“ schafft. Dies geschehe über unendlich lange Zeiträume durch vier wesentliche und ineinandergreifende, sich ergänzende Mechanismen: die Insulation, die Körperausschaltung, die Neotenie und die Übertragung.

Die Insulation meint einen Prozeß des In-die-Mitte-Nehmens der besonders schützenswerten Exemplare, deren „Immunisierung“ und damit der Schaffung einer ersten Sphäre der Sicherheit, etwa in einer Herde oder Horde. Höhere und gesellige Lebensformen tendieren dazu, „für sich selbst die Rolle der ‚Umwelt‘ zu spielen, sie organisieren ihre eigene Nische.

Die Körperausschaltung beschreibt die erstmals technisch realisierte Distanz-, Differenzierungs- und Entlastungsleistung durch Würfe, Schläge, Schnitte. In ihnen verbergen sich auch die ersten primordialen Wahrheitsbegriffe, eine „ursprüngliche Richtigkeit“, denn wahr ist, was trifft, paßt, brauchbar ist, hilft, stimmt, steht, hält, sich fügt, wirkt etc.[3] Mit der „Eroberung der Naturdistanz“, geschieht die „erste Sprengung des Umwelt-Rings in Richtung Weltoffenheit“. „Damit tritt der evolutionäre Vorzug der Wahrheit vor Irrtum und Lüge auf die Bühne“.

Diese Vorgänge sind Bedingung und Voraussetzung der – drittens – typisch menschlichen Neotenie, des zu-früh-Geborenwerdens. Nur weil das „stabilisierte Gruppen-Treibhaus“ der Horde einen „technisch eingeräumten externen Uterus“ zu garantieren in der Lage ist, „in dem die Geborenen Ungeborenenprivilegien genießen“, kann das hilflose und viel zu unfertige Menschenkind zwei Drittel seiner Frühentwicklung außerhalb des mütterlichen Schutzraumes erfahren.

Übertragung ist dann der Prozeß der Übernahme dieser Raumqualitäten auf größere Gebilde wie Völker, Nationen oder Religionen.

Dem Menschen gelingt mit alldem, in dieser „Schonung“, in diesem „autogenen Park“, nichts Geringeres, als „eine Umkehrung der Selektionstendenzen“ der Evolution. Daß die Sprache das Haus des Seins sei, wie Heidegger meinte, ist erst an zweiter Stelle wahr, die Anthroposphäre ist das erste Haus. 

All diese umweltdistanzierenden, sphärenschöpferischen, verwöhnungseffektiven primären Anthropotechniken sind durch ihre evolutionäre Wirkung per se schon immer Gen-Techniken; und autotechnische Umformungen gehören zum humanen Apriori: seine „Natur“ zu verändern, heißt, sie zu verwirklichen[4]. Antitechnische Ressentiments verraten nur die „untherapierbare Doppelmoral, vortechnisch zu denken und technisch zu leben“[5]

Dem „Unbehagen am Artifiziellen“ als Konstante der Metaphysik tritt Sloterdijk entgegen, bricht ausgleichend aber auch eine Lanze für einen „geschichtlich beispiellosen Typus von Konservatismus“ von „alten Naturen“, die „einer Hegung bedürfen“[6]; kurz: Zuversicht und Sorge, wie sie auch im „Menschenpark“ angesprochen wurden. Was wir heute als „Gentechnik“ diskutieren, gehört zu den sekundären Anthropotechniken – „Zu rechtfertigen wären sie nur dann, wenn sie als einsichtige Fortschreibung der Brutkastenrevolution im Interesse von lokal oder universal anerkennungsfähigen Zielen ausgewiesen werden können.“ 

Das wiederum können sie nur als Homöotechniken. Diese sind von den Allotechniken unterschieden. Fast alle bisherige Technik war Allotechnik, d.h. konfrontative, widerstandüberwindende, extraktive, herrschaftliche, antinaturale Technik, die der zweiwertigen Logik – Subjekt/Objekt, Geist/Materie etc. – der klassischen Metaphysik entspricht. Die Technikentwicklung hat uns nun zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit an einen Punkt geführt, an der sie „weit genug entwickelt sein wird, um radikal auf Naturnachahmung umstellen zu können“[7]. Die Gentechnologie ist selbst ein Beispiel dafür. 

Sie zwingt uns auch, aufgrund ihrer mehrwertigen Ontologie – das Gen z.B. ist wesentlich Information, Befehl und führt damit eine dritte Kategorie ein – eine mehrwertige Logik auf (Gotthard Günther und Gilles Deleuze sind ihre Vordenker): Tertium datur. Diese Art Technik nennt Sloterdijk Homöotechnik, sie kann „ihrem Wesen nach nichts anderes wollen als das, was ‚die Sachen selbst‘ von sich aus sind und werden können“, sie ist „ko-intelligent“. 

Nur vor diesem Hintergrund sind Sloterdijks skandalisierte Äußerungen um einen „Codex der Anthropotechniken“, von „Menschenproduktion“, „Lektion und Selektion“, vom „Menschen als Züchter des Menschen“, von der „genetischen Reform der Gattungseigenschaften“ u. dgl. zu verstehen.[8]

Diese um die Jahrhundertwende kulminierenden Gedanken münden in den folgenden 15 Jahren in breite Erzähldelta aus.

In seiner Sphären-Trilogie versuchte Sloterdijk den Prozeß der Sphärenbildung von innen nach außen in weit ausholenden historischen Kontextualisierungen nachzuzeichnen; in „Blasen“ (1998) die intimen Sphären, in „Globen“(1999) die terrestrischen und sich globalisierenden, in „Schäume“ (2004) die bereits globalisierten, postmodernen, multifokalen, vernetzten. „Im Weltinnenraum des Kapitals“ (2005) widmet er sich dezidiert der vornehmlich kapitalistischen Globalisierung, in „Du mußt dein Leben ändern“ (2009) dem Übung- und Aufrichtungscharakter (Vertikalspannung) der Anthropotechniken … in seiner Theopoetik …

[1] Das Menschentreibhaus. Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie. Weimar 2001. Geringfügig erweitert erschien der Text noch einmal unter dem Titel „Domestikation des Seins. Die Verdeutlichung der Lichtung“ in dem hier besonders wichtigen Sammelband „Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger“. Frankfurt/M. 2001
[2] Regeln für den Menschenpark, S. 27
[3] Vgl. Eurotaoismus, S. 243ff.
[4] Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt/M. 2009, S. 308
[5] Kränkung durch Maschinen. In: Nicht gerettet; S. 364
[6] Tatzeit des Ungeheuren. Zur philosophischen Rechtfertigung des Künstlichen. In: Nicht gerettet, S. 381 und 387
[7] Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. S. 329
[8] Weitere Umkreisungen der Thematik finden sich vor allem in „Nicht gerettet“ – darunter vor allem in den Texten: „Luhmann. Anwalt des Teufels. Von der Erbsünde, dem Egoismus der Systeme und den neuen Ironien“, „Aletheia oder Die Lunte der Wahrheit“, „Kränkung durch Maschinen. Zur Epochenbedeutung der neuesten Medizintechnologie“, „Tatzeit des Ungeheuren. Zur philosophischen Rechtfertigung des Künstlichen“

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