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Demian Sant’Unione: Jeder schreibt für sich allein. Zur Dramatisierung von Romanen für die Bühne am Beispiel von Hans Falladas “Jeder stirbt für sich allein”

 
Daher ist das schönste Zeichen der Originalität,
wenn man einen empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß,
dass niemand leicht, wieviel in ihm verborgen liege, gefunden hätte.1

 

PROLOG

Ein Vortrag im Rahmen dieser Vorlesungsreihe hat seinen besonderen Reiz, denn im Grunde erleben wir hier einen Praxistext dessen, worüber ich nun sprechen möchte: Die Dramatisierung von Romanen für die Bühne. Denn auch hier geht es doch darum, einen Text, der eigentlich nur zum Lesen gedacht war, so zu verändern, dass er mündlich vorgetragen werden kann.

Veränderung ist für mich hier tatsächlich das Schlüsselwort, denn nur durch beherzte Eingriffe und eigene Akzente lässt sich eine neue, in sich geschlossene Adaption erschaffen, die ohne Kenntnis der Vorlage bestehen kann.

Um diese These nun zu fundieren, habe ich mich für einen Dreiakter entschieden:

I. Akt: Exposition und Rahmenbedingungen

Nach dieser kurzen Einleitung werde ich zunächst ein paar Überlegungen zum Verhältnis von Roman und Drama anschließen, bevor wir dann ganz konkret am Beispiel Falladas sehen werden, wie sich die Dramatisierung von ihrer Inspirationsquelle unterscheidet.

Zugrunde liegt hier die Bühnenfassung von Jens Groß, die er als leitender Dramaturg des Maxim Gorki Theater erstellt hat. Inszeniert wurde sie dann von Jorinde Dröse, die Premiere war im September 2011.

Ich habe die Dramatisierung nicht unter theaterwissenschaftlichen, sondern unter literaturwissenschaftlichen Aspekten untersucht. Die Basis der Arbeit bildet daher ein Textvergleich, die Aufführung habe ich nur am Rande berücksichtigen können und möchte sie in diesem Vortrag vorerst vernachlässigen. Es könnte die Frage entstehen, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, den Text als Grundlage für eine Analyse zu nehmen. Schließlich ist er ja ein Zwischenprodukt, das doch ohnehin nur zur Aufführung bestimmt ist. Ich behaupte natürlich: ja, das ist gerechtfertigt und zwar aus mehreren Gründen.

Der erste und entscheidende: Jede Inszenierung ist bereits eine persönliche Interpretation des zugrunde liegenden Textes. Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass zwischen dem Roman und der Inszenierung zwei Adaptionen stattfinden. So wie die Dramatisierung des Romans eine intertextuelle Adaption ist, vollzieht sich in der Inszenierung eine weitere, intermediale Adaption. Das wird besonders deutlich, wenn man mal zwei verschiedene Inszenierungen des gleichen Textes gesehen hat. Es gibt Kürzungen, Veränderungen und Umdeutungen, die manchmal völlig von der Vorlage abweichen. Daher wäre es aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nicht schlüssig, die Aufführung als Grundlage zu nehmen. Was die Vergleichbarkeit angeht, ist es zudem ohnehin naheliegender, zwei Texte zu analysieren als Werke verschiedener Medien. Demian Sant’Unione: Jeder schreibt für sich allein. Zur Dramatisierung von Romanen für die Bühne am Beispiel von Hans Falladas “Jeder stirbt für sich allein” weiterlesen

  1. Goethe: Maximen und Reflexionen. In: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Hrsg. von Erich Trunz. Band 12. München: 1998, S. 365-547. []

Christoph Witt: Inschriftlichkeit in mittelhochdeutscher Literatur. Semantische Interaktion zwischen Schriften und ihren Trägern

I.  Einleitung

Literaturwissenschaft befasst sich mit literarischen Texten. Daher liegt die Frage nahe, was genau wir meinen, wenn wir von einem Text sprechen – bereits im ersten Beitrag dieser studentischen Vortragsreihe ging es ja um diese Fragestellung. Und was immer unser theoretisches Modell ist, wir neigen dazu, einen Text als etwas Abstraktes, von seiner materiellen Umsetzung Ablösbares zu verstehen. Wo genau wir seine Bedeutung suchen, in den sprachlichen Zeichen, ihren strukturellen Relationen, im Rezipienten, in hermeneutischen Prozessen – das Papier, auf dem der Text steht, ist dafür unwichtig. Als Merkmale von Textualität gelten (etwa wie in Entwürfen von Robert-Alain de Beaugrande und Wolfgang Ulrich Dressler oder Siegfried J. Schmidt) meist Eigenschaften wie Kohärenz, Kohäsion oder Intentionalität.1 Materielle Aspekte klingen eventuell an, wenn es um die Fixiertheit von Texten als Merkmal von Schriftlichkeit in Abgrenzung zu Mündlichkeit geht, oder tauchen als Probleme in Editionsfragen auf. Und tatsächlich wollen wir meistens, dass die materielle Umsetzung des Textes verschwindet – das Buch soll uns nicht vom Text ablenken. Nach Juliet Fleming: „The disciplines of art with which we are familiar are founded on their ability to distinguish meaning from its physical media and to abandon the latter as extraneous.“2

Doch trotz dieser Tendenz, einen Text als etwas Immaterielles, Abstraktes zu verstehen, kennen wir Situationen, in denen es für Schrift gerade bedeutungskonstituierend ist, worauf sie steht. Man denke an die folgenden Beispiele: Eine Tätowierung auf dem eigenen Körper. Ein 50-Euro-Schein, auf dem „Gott will dich versorgen“ (Matt. 6,25-33) steht. „Nothing is impossible“, eingraviert auf der Schneide einer Rasierklinge.

Dieses Phänomen ist auch in der Literatur zu finden: Beispielsweise beschreibt Percy Shelley in einem Sonett eine im Wüstensand liegenden, zerbrochenen Pharaonenstatue, auf deren Sockel „My name is Ozymandias, King of Kings! / Look on my Works ye Mighty, and despair!“3 steht, und in Kurt Tucholskys Sudelbuch finden wir die Zeile „<Vive l’Anarchie> mit einem Diamanten in einen Spiegel gekratzt.“4 Die poetische Faszination liegt in all diesen Fällen in der Beziehung zwischen der Schrift und ihrer materiellen Umsetzung.

Dieses Phänomen, dass der Gegenstand die Bedeutung der Schrift, die auf ihm steht, mit ausmacht, möchte ich nun unter der Bezeichnung „Inschriftlichkeit“ näher betrachten. Dabei meine ich mit einer Inschrift (angelehnt an Juliet Flemings Begriff von Posy) ((Vgl. Fleming 2001: 20-21)) Schrift, die sich als auf etwas geschrieben versteht, die mit dem Gegenstand, auf dem sie steht, eine so intensive Beziehung eingeht, dass ihre Aussage mit davon ausgemacht wird, dass sie auf diesem Gegenstand steht.5

Den Gegenstand, auf dem eine Inschrift steht, werde ich als Inschriftträger bezeichnen.

Als methodische Vorüberlegung habe ich mich an zwei groben Regeln orientiert:

1. Inschriftlichkeit liegt vor, wenn eine Bedeutungsänderung stattfände, wenn die Inschrift auf einem anderen Gegenstand stünde. An den zuvor genannten Beispielen demonstriert: „<Vive l’Anarchie.> Mit einem Kuli auf einen Zettel geschrieben.“ Oder: „My name is Ozymandias, King of Kings! Look on my Works ye Mighty, and despair!“, als Kopfzeile eines Lebenslaufes. Der Wortlaut des Textes ist gleich, aber etwas hat sich verändert. Dieses kleine Experiment bietet zwar ein zunächst noch sehr intuitives, aber trotzdem recht hilfreiches Kriterium zur Identifizierung von Inschriftlichkeit. Christoph Witt: Inschriftlichkeit in mittelhochdeutscher Literatur. Semantische Interaktion zwischen Schriften und ihren Trägern weiterlesen

  1. Moritz Baßler, Wolfgang Thiele: „Textualität“. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Vierte, akt. und erw. Ausg., hg. von Ansgar Nünning, Stuttgart, Weimar 2008, S. 711-712; hier S. 711 []
  2. Juliet Fleming: Graffity and the Writing Arts of Early Modern England, London 2001, S. 25 []
  3. Percy Bysshe Shelley: „Ozymandias“. In: The Poems of Shelley, hg. von Kelvin Everests und Geoffrey Matthews, vol. 2, Harlow 2000 (Longman Annotated English Poets), S. 310-311. []
  4. Kurt Tucholsky: Sudelbuch, Reinbek bei Hamburg 1993, S. 20 []
  5. Astrid Lembke, Ludger Lieb: „Magie der Inschrift. Die sinnliche Art der Informationsübermittlung“, abgerufen unter http://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/2012-1/04medi.html am 03.04.2013, letzte Änderung am 10.04.2012. []

Lorenz Becker: Die Macht der negierten Norm. Zum Zusammenhang von Ehebruch und Macht im mittelalterlichen Märe “Die Buhlschaft auf dem Baume”

Was wären all unsere Literaturen ohne den Ehebruch? 
(Denis de Rougemont)1

I.

Diese Frage stellt Denis de Rougemont in seiner Studie Die Liebe und das Abendland, die sich mit der Wirkmächtigkeit der Tristan-Liebe auf die abendländische Kultur beschäftigt. Und in der Tat muss diese Frage ganz besonders auch an die Literatur des Mittelalters gestellt werden. Ohne den Ehebruch würde ein erheblicher Teil dieser alten Literatur nicht existieren. Besonders eklatant erschließt sich dies mit Blick auf die Märendichtung: Diese zumeist schwankhafte Form einer Kurzerzählung hat gerade die Unordnung und die Destruktion von Werten und Normen im Blick. Besonders das Themenspektrum von Komplikationen in der ehelichen Beziehung bis hin zum Ehebruch gehört zu den häufigsten Gegenständen der mittelalterlichen Novellistik. So bilden die Ehebruchsmären nicht nur einen Ort, der Liebesaffären – fast ausschließlich von Ehefrauen – in Superlativen der Übertreibung erzählt, sondern der ebenso die Möglichkeit zum Spiel mit Macht für die eigentlich Machtunterworfenen gibt. Wie die Texte mit den Machtkonstellationen im Moment des Ehebruchs spielen, soll im Folgenden am Märe von der Buhlschaft auf dem Baume2 exemplarisch untersucht werden; doch zunächst einige kulturgeschichtliche Vorbemerkungen.

II.

„Du sollst nicht ehebrechen“ (Ex 20,14; Dtn, 5,18). Das sechste Gebot des Dekalogs spricht eine uralte und in der Geschichte des Abendlandes allgemeingültige und von Gott gegebene Norm aus. Ihre Negation gehört der luxuria, der Todsünde der Wollust oder Genusssucht an.3 „Die christliche Kulturtradition ist geprägt von der Auffassung der Ehe als Schöpfungsordnung (Gen 1,27f.; 2,24) und unauflöslicher Partnerverpflichtung.“4 Hieraus ergibt sich eine enorme Forderung, deren Realisierungsmöglichkeiten in allen Zeiten immer neu diskutiert wurden. Der mittelalterliche Ehediskurs findet sich in verschiedensten Ausprägungen in einer Reihe von Textsorten, verfasst von ebenso zahlreichen Autoren. Grundsätzlich lassen sich hierbei zwei Sphären unterscheiden: der weltliche und der kirchlich-religiöse Diskurs. Während der weltliche Diskurs die soziale Kontrolle der Ehe verantwortete und damit die kleinste Zelle der Gesellschaft organisierte, war es dem kirchlichen Diskurs daran gelegen, die christliche Moral per se aufrechtzuerhalten und als Werte- und Normanmaßstab geltend zu machen. In beiden Diskursen lässt sich eine viele Jahrhunderte überdauernde Grundkonstante verzeichnen: Die Macht des Mannes über die Frau.

Den Begriff der Macht verstehe ich im Folgenden losgelöst von Staats- und Rechtskontexten und im Anschluss an Max Weber als „Grundtatsache menschlichen Zusammenlebens“5, die auch in informellen Rahmen ihre Wirkung entfalten kann. Wie Michel Foucault gezeigt hat, wird diese Macht konstituiert, stabilisiert und verteilt durch eine Vielzahl öffentlicher Diskurse, die meist institutionell gebunden sind und in informelle Räume, bspw. den der Ehe, hinein reichen und diese organisieren.

Für eine interne Machtanalyse von Ehe als sozialer und potentiell ungleicher und auch dynamischer Beziehung zwischen Einzelpersonen sollen drei Grundformen der Macht nach Heinrich Popitz6, operationalisiert werden. Die erste Grundform der Macht ist demnach Lorenz Becker: Die Macht der negierten Norm. Zum Zusammenhang von Ehebruch und Macht im mittelalterlichen Märe “Die Buhlschaft auf dem Baume” weiterlesen

  1. Denis de Rougemont: Die Liebe und das Abendland, Zürich 1987, S. 21. []
  2. Das Märe von der Buhlschaft auf dem Baume ist anonym und in zwei Fassungen (A und B, beide aus dem 15. Jahrhundert) überliefert. Während die mittelniederdeutsche Fassung B nur fragmentarisch bezeugt ist, liegt von A eine vollständige Handschrift in mittelhochdeutscher Sprache vor, weshalb sie allein den Gegenstand der folgenden Analyse bilden soll. Die Fassung A wird nach dem Muster BADB zitiert. Zugrunde liegt Klaus Grubmüller (Hrsg.): Novellistik des Mittelalters, Berlin 2011, S. 244–259. []
  3. Vgl. Otfrid Ehrismann: Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden im Mittelalter, Darmstadt 2011, S. 58. []
  4. Hermann Deuser: Die Zehn Gebote. Kleine Einführung in die theologische Ethik, Stuttgart 2002, S. 95. []
  5. Vgl. Karl-Georg Faber et al.: „Macht, Gewalt. I. Einleitung (Verf. ders.)“, In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 3, Stuttgart 1982, S. 817–935, hier S. 817. []
  6. Heinrich Popitz: Phänomene der Macht. 2., stark erweiterte Auflage, Tübingen 1992. []

Friederike Wein: Auf den Spuren der Grete Minde. Zu den Quellen von Fontanes Novelle

Grete Minde und Tangermünde

Einige der bekanntesten Werke deutscher Literatur gehen auf wahre Begebenheiten oder Erfahrungen des jeweiligen Autors zurück. Gerade Theodor Fontane ist dafür bekannt, wahre Ereignisse literarisch zu verarbeiten, die er während seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg erfahren hatte. So ist uns heute nicht nur Effi Briest und damit auch die historische Vorlage der Familie von Ardenne im Gedächtnis geblieben, sondern auch der heute und damals prominenteste Kriminalfall der seinerzeit zu Brandenburg gehörigen Altmark: Grete Minde und der Stadtbrand von Tangermünde.

Eine Trennung der historischen Figur von der literarischen hat stattgefunden und so ist Grete Minde heute vielen hauptsächlich über die 1880 erschienene Novelle geläufig, in der Fontane das Bild einer von Rachsucht und Hass getriebenen Patriziertochter zeichnete, die ihre Heimatstadt anzündete und sich anschließend selbst das Leben nahm.

Tangermünde ist eine alte Stadt mit etwa 2700 Einwohnern1, die 1617 bereits auf eine sechshundertjährige Geschichte zurückblicken konnte. Durch ihre direkte Elblage hatte die Stadt ihren Reichtum als Mitglied des Hansebundes gemacht, der bis zum Stadtbrand trotz Niedergang der Handelsvereinigung anhielt.

Nach und nach hatte die Stadt jedoch an Bedeutung als Residenzstadt der Kurmark Brandenburg verloren und befand sich bis zum Dreißigjährigen Krieg in einer Art autokratischen Herrschaft durch den Tangermünder Stadtrat, der ausschließlich aus dem Patriziat bestand2.

Im September 1617 war die Stadt in der Altmark zu 80% niedergebrannt3. Insgesamt 486 Wohnhäuser, 52 innerstädtische Scheunen mit Getreide und immobile Güter den Akten nach im Wert von 5 Tonnen Gold wurden dabei zerstört4. Zahlreiche Menschen und Vieh kamen in den Flammen um.

Zwei Fehdebriefe mit der Androhung einer erneuten Brandstiftung wurden 1618 gefunden, deren Schreiber man trotz der Versuche eines Schriftabgleichs durch Namensniederschriften nicht ausfindig machen konnte. Die Bevölkerung litt an Wohnraum- und Nahrungsmangel. Von der Zerstörung am meisten betroffen war die heutige Altstadt innerhalb der Stadtmauern, dem Wohnort der Bürger, der Zünfte und des Patriziats, also der Wohnort derjenigen, die in Tangermünde Macht und Einfluss besaßen. Um die soziale Ordnung wieder herzustellen, wurde verschiedenen Hinweisen nachgegangen, was zunächst jedoch keinen Erfolg brachte.

Was sich aus Augen der Zeitgenossen abgespielt hat, erfährt man in der Gerichtsakte von 1619, die „Acta Inquisitional contra Margarethen Mündten und Consorten“, die heute im Stadtarchiv Tangermünde, Sachsen-Anhalt5, aufbewahrt wird. Das mehr als 150 Blatt starke Konvolut besteht aus schriftlichen Stellungnahmen, Schriftproben6, Protokollen und Verwaltungsbriefen7. Die Akten geben Einblicke in einen frühneuzeitlichen Prozess und das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Friederike Wein: Auf den Spuren der Grete Minde. Zu den Quellen von Fontanes Novelle weiterlesen

  1. Mittelwert der Berechnungen Riedels. Vgl. Frank Riedel: Der Glanz verblasst. Tangermünde und die Tangermünder in der Frühen Neuzeit, in: Sigrid Brückner (Hrsg.): Tangermünde. 1000 Jahre Stadtgeschichte, Dößel 2008, S. 225-244. []
  2. Zum Problem der Machtverhältnisse in Tangermünde vgl. Hugo Rosendorf: Tangermünder Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. Diss. phil. a. d. Universität Greifswald, Greifswald 1914. []
  3. Berechnung Riedels, vgl. Anm. 1. []
  4. Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 4D, Nr. 67, fol 122. []
  5. Unter der Signatur Kom.-Reg. XXVII/1. []
  6. Insgesamt 214, die Aufschlüsse über die Bewohner der Stadt zulassen. Die Unterschriften zeugen von einer unterschiedlich stark ausgeprägten Alphabetisierung. So befinden sich darunter sowohl geübte Schreiberhände mit kurzen Einträgen als auch bloße Niederschrift von Initialen. []
  7. In diesem vielfältigen Spektrum an Textsorten befinden sich aber auch die beiden gefundenen Fehdebriefe, denen ich wegen ihrer Reimform und Metrik durchaus eine Literarizität zusprechen möchte. Ebenso die Umdichtungen liturgischer Kirchenlieder seitens des Gefangenen Merten Emmert, die sich ebenfalls in der Akte erhalten haben. []

Sven Lüder: „Den Text gibt es, den Text gibt es nicht, den Text gibt es…“ – Einige Überlegungen zur germanistischen Arbeit heute

Liebe Kommiliton_innen,

nachdem ich mich herzlich für die Einladung, hier in dieser studentischen Vortragsreihe vor Euch als Erster sprechen zu dürfen, bedanke, möchte ich um Verzeihung bitten. Die Überschrift, unter der ich heute spreche, dieser Ausdruck scheinbar fehlender Konkretheit, der in seiner Vagheit praktisch für jeden, der hier noch zu haltenden Vorträge stehen kann, ist verschiedenen Überlegungen und Zweifeln geschuldet, welchen Gedanken an dieser Stelle am ehesten Raum gebührt. Dabei war es jedoch nicht nur ein luxuriöser Zweifel, der sich vor einer notwendig zu fällenden Entscheidung über das zu Sagende scheut, sondern es ist auch ein Zweifel ganz grundlegender Art und Ausdruck einer Skepsis, die ich nie ganz auszuräumen imstande bin, wenn es um die Frage gehen soll: Wie kann ich Literaturwissenschaft heute betreiben? Wie lässt sich dem Text begegnen in einer Zeit, die ihm und seinesgleichen bereits derartig viele Untersuchungen beschert hat; Untersuchungen mit derartig heterogenen Perspektiven. Fast notgedrungen werfen Recherche-Situationen die Frage auf: Gibt es den Text überhaupt, gibt es den Text noch? Die Frage ist natürlich nicht, ob es einen Text gibt. Mit Sicherheit gibt es sehr viele Texte, manche würden soweit gehen zu sagen: Es gibt nur Texte. Die Frage ist jedoch, ob der bestimmte Artikel die Bestimmtheit seines Objektes, die er verspricht, einlösen kann.

Ich will heute versuchen, diesen Zweifeln, die ich bei jeder Frage, Interpretation oder Text-Analyse hege, in methodischer Weise zu begegnen, indem ich eine Auseinandersetzung mit Saussures Zeichen-Begriff präsentieren werde, welche die berühmte Differenzierung zwischen Signifikat und Signifikant, zwischen Bedeutung und Bezeichnung, prekär erscheinen lässt. Den Kerngedanken dazu entnehme ich der letzten Arbeit, die ich in meinem Bachelor-Studium geschrieben habe, in welcher ich anhand dieses Zeichen-Begriffs das linguistische Konzept des Morphems problematisierte. Weil der Rahmen dieser Reihe einen deutlichen Fokus auf die Literaturwissenschaft legt, möchte ich zu Beginn jedoch keinen zu langen interdisziplinären Ausbruch wagen, sondern literaturwissenschaftliche Prämissen mit Saussure konfrontieren. Im Hintergrund steht dabei nicht nur, wie es mit seinem Werk Vertraute vielleicht ahnen, und, wie ich es erst nach Fertigstellung dieser Arbeit erfuhr, Jacques Derrida, sondern auch andere Vertreter poststrukturalistischer Theorie, von denen einige an die Zeichen-Analyse Saussures anknüpfend, angesprochen werden sollen.

Selbstverständlich kann ich auf die komplexen Theoreme, die den Poststrukturalismus konstituieren, hier nicht vertieft eingehen. Wenn mir schon zu Beginn meines Vortrages diese Werbung gestattet ist, so darf ich allerdings darauf hinweisen, dass einige von ihnen eine explizite Auseinandersetzung Mitte November, während eines anderen studentischen Projektes, nämlich der Tagung „Perspektiven nach der Postmoderne“, erfahren werden.

Was ich heute also präsentiere möchte, ist, mit Ludwig Jäger gesprochen, die „epistemologische Delegitimation“ der „Gründungsfiktion des Strukturalismus“,1 die ich mit der Frage verbinden möchte, ob nicht auch die Literaturwissenschaft aus ihr Konsequenzen für ihr Arbeiten ziehen muss.

Sven Lüder: „Den Text gibt es, den Text gibt es nicht, den Text gibt es…“ – Einige Überlegungen zur germanistischen Arbeit heute weiterlesen

  1. Jäger 2010b: 121. []

Aus den Schubladen

Die Vortragsreihe „Aus den Schubladen“ stellt im Sommersemester 2013 eine Plattform für studentische Germanistinnen und Germanisten an der Freien Universität Berlin dar. Aus der ganzen Bandbreite des literaturwissenschaftlichen Studiums präsentieren sie ihre Forschungsergebnisse: von der Mediävistik bis zur Gegenwartsliteratur, von Identitätskonstruktion zu literarischer Vergangenheitsbewältigung, von editionswissenschaftlichen und didaktischen Perspektiven des Faches zu Wortskulpturen und zu filmischen Dystopien.
Im Zentrum steht hierbei die Aufwertung studentischer Arbeiten, die, obwohl sie stets in den titelgebenden Schubladen verschwinden, häufig innovative, fundierte und wertvolle germanistische Forschung darstellen und die daher mehr als nur Fingerübungen zum Erreichen von Credit Points.