Viele erste Male – In Wiesbaden (2)

Anfänge – Es begann in Köln (1)

In Wiesbaden buchten meine Eltern mir einen Platz im altsprachlichen Dilthey-Gymnasium. So stand ausser Latein nun auch Altgriechisch auf dem Lehrplan. Zum noch weiteren Anheben meines Bildungsniveaus bekam ich irgendwann auch ein Abo für das Wiesbadener Staatstheater. Das umfasste etwas von Allem: Komödie und Tragödie, Ballett und Oper. Naja, musste man halt alles mal gesehen haben.

Ballett war erstes Mal. Und zugleich auch letztes Mal. Von Brecht gab’s glaub ich die Johanna der Schlachthöfe.

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Apropos erstes Mal. Ich bekam Weihnachten 1964, mit 13 Jahren, mein erstes Fahrrad. Hörte die ersten Beatles-Songs im Radio. Kaufte mein erstes Tonbandgerät Grundig TK 14 zum Aufnehmen von LPs, die ich mir von Klassenkameraden lieh. Rauchte erste Zigaretten. Hatte erste „beste Freunde“, Martin zwei Stockwerke tiefer und Jürgen aus meiner Klasse. Bei Dyckerhoff, Sohn der Zement-Dynastie, waren wir manchmal sonntags nach Biebrich eingeladen, wo wir im Keller mit Luftgewehren schiessen durften. Meine ersten Schüsse. 1965 las ich zum ersten Mal DER SPIEGEL, Titelgeschichte „Weltmacht Coca Cola“.

In unserem 8-Parteien-Wohnhaus waren wir insgesamt 25 Kinder. Oft spielten wir nachmittags auf dem Wendeplatz der Wolfram-von-Eschenbachstrasse Völkerball. Mit Jürgen, der in Sonnenberg wohnte, dessen Eltern einen Swimmingpool im Garten hatten, machte ich mal eine mehrtägige Radtour in die Gegend um Worms.

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Ich machte auch weiter mit dem in Köln begonnenen Herausgeben einer kleinen Zeitschrift. Statt mit Kohlepapier-Durchschlägen arbeitete ich mit einem Matrizendrucker, den mir mein Onkel im Schwarzwald geschenkt hatte. Den hatten sie in der Firma Sachtleben, wo er Direktor war, ausgemustert. Jetzt konnte ich schon etwas grössere Auflagen machen, wahrscheinlich so um die 20 Hefte. Eine meiner Leserinnen und Förderinnen war Frau Hund aus der Büromöbel-Dynastie in Wolfach und Biberach. Einmal schickte sie mir eine riesige Schachtel Pralinen für mich und die ganze Redaktion. Ich hatte ja noch ein paar freie Mitarbeiter.

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1967 zogen wir nach Mönchengladbach um. Dort hatte ich dann meine erste „richtige“ und grosse Liebe. Sie ist heute Kunstdozentin in Berlin.

Mit Jürgen Streeck habe ich immer noch Kontakt. Schön war die Zeit!

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Es wird ernst in Mönchengladbach (3)

Drei im Himmel und drei an der Theke

Das nervt mich manchmal richtig, wenn ich mir im Kopf einen Satz für eine bevorstehende Situation zurechtlege und vielleicht auch noch mehrmals verändere. Ich möchte doch spontan reden, ohne vorher zu überlegen, was ich dann sagen werde.

Naja das war jetzt nichts Wichtiges und ich musste nur für Lilli was in der Apotheke abholen, was vorhin noch nicht da gewesen war, aber ab 17 Uhr da sein müsste. Ich überlegte also was ich dann sage, wenn ich um 17 Uhr dort nochmal aufkreuze und die sagen: „Ist leider noch nicht angekommen.“

Ich betrat dann den Laden. An der Theke stand ein Mann, den ich gerade noch sagen hörte: „Den Namen weiss ich nicht mehr, aber es war so eine blau-gelbe Verpackung.“ Da hatte ich jedenfalls innerlich was zu lachen. Eine blau-gelbe Verpackung. In der Apotheke.

Okay ich brauchte dann den vorgefertigten Satz nicht anzubringen denn meine Bestellung war tatsächlich schon angekommen und ich brauchte nur den Zettel abzugeben und gar nichts zu sagen. Ich nahm das Medikament, in einer weiss-orangenen Verpackung, bedankte und verabschiedete mich.

Im Auto ging es dann wieder weiter. Ich überlegte, wie ich diesen Eintrag beginnen und welche Überschrift ich nehmen sollte. Es sollte irgendwas mit einer drei sein. So im Stil von „Die Drei von der Tankstelle“ oder so. Ich konnte mich nicht so recht entschliessen. Es sollte ja auch nicht albern sein und tatsächlich was mit drei Personen zu tun haben.

Als da wären meine Mutter, „Schultes Margret“, und ihre beiden Brüder Louis-Ferdinand und Erich Schulte. Alle drei schon seit einigen Jahren verstorben. Aber in Wolfach, wo ich gestern war, noch bestens bekannt. Bestens im wirklich positiven Sinne und sowas freut einen dann natürlich.

Ich hatte mir am Abend vorher ein Zimmer im Hotel Blume in Hausach reserviert, damit ich nicht am Montagmorgen 100 km bis zu einem Zahnarzttermin fahren musste, der um 9 Uhr war. Das frühe Aufstehen hätte mich nicht gestört, aber die haben einen ja so verrückt gemacht mit ihrem grossen Generalstreik, dass ich nicht riskieren wollte, irgendwo auf der Autobahn in einem Stau stecken zu bleiben.

Denn ich musste nicht nur pünktlich um 9 uhr bei der Zahnärztin sein, sondern auch so rechtzeitig, dass das Labor mir die Sache noch am selben Tag reparieren sollte, damit ich danach auch gleich wieder heimfahren könnte.

Die Wirtin hat nicht nur mich wiedererkannt, sondern wir hatten auch ein längeres Gespräch, bei dem ich keine vorbereiteten Sätze brauchte. Nachdem sie mir von ihren Problemen erzählt hatte, frischte ich ihr Gedächtnis mit meinen Wolfacher Vorfahren auf. Meine Mutter und ihre beiden Brüder Louis-Ferdinand Schulte, ehemaliger Direktor von Sachtleben, und Dr. Erich Schulte, damals beliebter Arzt in Wolfach.

Frau Wirtin kannte sie alle. Und natürlich kannte sie auch Horst Lapp, mit dem ihr Mann wohl manchmal ein Glas Most trinkt.

Ich brauchte keinen neuen Zahn, obwohl ein alter – in meinem Alter! – mir beim Zähneputzen einfach rausgefallen und im Abfluss verschwunden war. Er hatte ja auch schon lange genug gewackelt. Der Zahn, nicht der Abfluss. Nein, ein Ersatzteil musste repariert beziehungsweise angepasst werden. Und dafür zuständig war immer Bernd vom Labor, ein alter Freund.

Von ihm bekam ich dann, als ich am Nachmittag das Teil in Gutach abholen kam, bestätigt, was ich schon geahnt hatte. Die neue Zahnärztin arbeitet mehr mit einem anderen Labor. Die alte Zahnärztin, die mich seit zehn Jahren betreut hatte, ist pensioniert. Und Bernd geht wohl auch in Reha-Kur und/oder Rente, fällt dann also auch aus. Zwei zehnjährige Kenner meiner Zahngeschichte. Muss wohl eine Neue und ein Neuer her, hier bei uns in der Gegend. Dann fahr ich nur noch zum reinen Spass in den Schwarzwald.

Wo ich am Montag auch Horst Lapp wieder traf. Mein Freund und Heimatdichter, der meine drei Schultes auch noch gut gekannt hat, sass im Café Waidele, wo ich halbzahnlos meine heisse Schokolade trank, mit zwei Kumpels an der Theke.

Wir haben nur ein paar Worte gewechselt und ein Foto gemacht. Ob die drei Kumpels Kaffee oder Tee tranken, weiss ich nicht mehr. Aber in Wolfach sagt man: „Kommsch geschtern, kriegsch Moscht.“

Eloise und andere Frauen


Das war ein ganz guter Tag heute. Um 11 Uhr hatte ich Termin in Wolfach bei meiner Zahnärztin. Die professionelle Zahnreinigung machte ihre Assistentin, mit der ich anschliessend noch ein nettes Gespräch hatte.

Ich kenne Wolfach ja seit meiner Kindheit und sie wohnt in Sichtweite des grossen Jugendstilhauses, in dem meine Oma und mein Onkel mit seiner Familie wohnten. Leider wurde es vor ein paar Jahren abgerissen und an dieser Stelle ist jetzt ein Parkplatz der Firma Sachtleben, deren Direktor mein Onkel damals war.

Wir sprachen über Orte, die wir beide kennen. Also die Fabrik, die beiden Bauernhöfe von Schmittebauer und Schmittechristel, die Bahnstrecke, auf der ich als Kind noch Dampfloks vorbeifahren sah, und den grossen Garten meiner Tante, der ebenfalls plattgemacht und zu einem Parkplatz umfunktioniert wurde.

Auf dem Rückweg kaufte ich dann noch einen neuen Einkaufskorb beim Welzel in Hausach und im Elztal Erdbeeren und Kirschen an einem Stand am Strassenrand.

Korb Welzel

Zu Hause angekommen las ich den neuesten Eintrag meiner Frau in „Nells Tagebuch“. Wir plauderten ein bisschen und assen dabei Kirschen. Dann machte ich uns auch gleich die Erdbeermilch, die sie immer ganz gerne mag und die jedesmal bissle anders schmeckt. Mal ist sie etwas zu süss und mal nicht süss genug. Naja, ich muss halt üben, üben, üben!

Sie legte sich dann ein bisschen zum Vorschlafen hin und ich fuhr noch kurz nach Frankreich rüber, um ein paar Sachen im französischen Supermarkt zu besorgen.

Wir tranken zusammen den üblichen Tee, bevor sie um 21.30 Uhr zur Nachtschicht aufbrach.

Es war ja praktisch noch hell und ich hatte keine Lust, den Allein-zu-Hause-Abend schon zu beginnen. So fuhr ich eine kleine Tour durch die anbrechende Nacht, durch Neuenburg, Müllheim und Heitersheim auf der B3.

Im Auto hörte ich Radio Dreyeckland. Auf einmal spielten sie „Eloise“ von Barry Ryan! Da hab ich dann voll aufgedreht!