Tagesblatt

Es ist Freitagabend kurz vor Mitternacht und ich kann mal wieder nicht schlafen. Aufgestanden war ich wie immer um acht Uhr heute Morgen.

Ich überlege gerade ob ich preisgeben soll, was ich morgens immer so mache. Okay, ich setze mich also für 30 Minuten auf meinen Massagesessel und trinke eine Tasse Kaffee. Die bringt mir immer Lilli, die eine Frühaufsteherin ist und dann manchmal, so wie heute, schon eine Stunde Sport hinter sich hat.

Mein „Rüttelsessel“ befindet sich hinter ihrem Schreibtischstuhl, so dass wir ziemlich nah beieinander sitzen, ohne uns gegenseitig auf den Laptop- oder Handybildschirm zu schauen, und uns auch immer ein bisschen unterhalten können.

Sie fuhr dann zu einem Termin bei einem Experten für Fahrzeugschäden und ich versuchte, meine Zahnärztin anzurufen, um den vierteljährlichen Prophylaxetermin, der für Montag vorgesehen war, zu verschieben. Mein Auto befindet sich nämlich in der Werkstatt.

Da ich nur eine Telefonansage erreichte, mit der mir mitgeteilt wurde, dass die Praxis bis Montag geschlossen ist, schickte ich ihr eine Mail.

Als Lilli von ihrem Termin zurückkam, konnte ich ihr mitteilen, dass ich inzwischen per PDF einen Kostenvoranschlag von meiner Werkstatt bekommen hatte. Mittwoch kann ich den Wagen abholen. Der hat 114.000 km auf dem Tacho und braucht unter anderem ein neues Zündschloss.

„Der Zündschlüssel lässt sich auf allen Stellungen abziehen, was nicht in Ordnung ist, deshalb Zündschloss Austausch notwendig.“

Mit Lillis Auto fuhren wir dann zum Einkaufen. Nachdem es gestern von ihr zubereiteten Spargel gegeben hatte, machte ich uns heute einen Bananenquark. Als Hauptgericht gab es einen Auflauf aus Kartoffelpüree und Lachs („Parmentier au saumon“), den wir Mittwoch von der Kühltheke des „Super U“ in Fessenheim mitgebracht hatten. Alles sehr lecker.

Am Nachmittag gab es dann einen Mittagsschlaf beziehungsweise meinerseits Lektüre von weiteren 30 Seiten das Buchs von Hanns-Josef Ortheil „Der Stift und das Papier“. Es ist doch ziemlich interessant zu lesen, wie er zum Schreiben gekommen ist. Der Mann hat sich nie irgendwas ausgedacht, sondern immer nur geschrieben, was ist, was er getan hat, was er gehört oder gesehen oder gefühlt hat, und was passiert ist.

Er ist genauso alt wie ich, Jahrgang 1951, und hat praktisch jedes Jahr ein Buch geschrieben. Er war auch immer ein „Tagesblattschreiber“. Ich bewundere sowas. Vielleicht sollte ich das auch versuchen. Obwohl, is vielleicht bissle spät.

Am Abend haben wir dann noch einen „Tatort“ und eine Folge „First Dates“ gesehen, beides aus der jeweiligen Mediathek. Das machen wir fast jeden Tag. Wollte ich nur mal erwähnt haben. Ich mag solche Rituale.

Forts.

Wenn Einer 70 Bücher geschrieben hat und dann Sprachlosigkeit preist, liest sich das etwa so.


Der „Roman einer Passion“ mit dem Titel „Der Stift und das Papier“ von Hanns-Josef Ortheil erschien im Jahr 2015 und umfasst knapp 400 Seiten.

Ich bin erst auf Seite 40 und muss einfach sagen, dass mich die Lektüre bis hierhin manchmal etwas gelangweilt hat. Ortheil schildert ausführlich, wie sein Vater ihn, den Knaben, in einer Jagdhütte im Westerwald im wahrsten Sinne des Wortes „zur Sprache“ gebracht hat.

Naja, es ist eigentlich schon ganz interessant. Hätte aber auch etwas kürzer zusammengefasst werden können. Meine Meinung. Trotzdem geniesse ich die Lektüre.

Meine geplante Fahrt zur Erstkommunion eines meiner Enkelkinder musste ich aus autotechnischen Gründen absagen.

Ich lese weiter.

https://www.ortheil-blog.de/

Von Stiften und Pfeifen

Angeregt durch einen Eintrag von Matthias Nowak über Hanns-Josef Ortheil sowie meinen Kommentar dazu

kommentar

habe ich mir gerade zum ersten Mal ein Werk dieses Autors bestellt. Ich hatte ja die Auswahl aus 70 Büchern des 70-Jährigen. Ich entschied mich letztlich für den ziemlich programmatischen Titel „Der Stift und das Papier“.

ortheil stift

Das ist einerseits ein nur scheinbar sehr begrenztes Thema, denn Stift und Papier hat Jeder auf dem Schreibtisch. Nur Wenige können damit auch Krimis schreiben wie zum Beispiel Georges Simenon.

Wenn ich an Fotos von ihm denke, dann sehe ich Bilder, auf denen er entweder mit einer Reihe von Pfeifen oder mit einer Menge von gespitzten Bleistiften abgebildet ist. Irgendwie fällt mir die Vorstellung, dass er diese Bleistifte regelmässig spitzen muss, ein bisschen schwer. Diese Tätigkeit ist ja auch im Gegensatz zu den Krimis, die Simenon geschrieben hat, ein ziemlich banaler Vorgang.

Trotzdem regt er mich fast mehr zum Schreiben an als irgendwelche erfundenen Erzählungen von Ereignissen, die sich möglicherweise tatsächlich im realen Leben abgespielt haben und dann zu Literatur verarbeitet werden. Mich interessiert der Prozess dieses Verarbeitens, also der Umgang mit Papier und Bleistiften oder Kulis und seit einiger Zeit eben auch mit dem Laptop vielmehr als das wahre Leben.

Das wahre Leben ist meist irgendwas zwischen „unbeschreiblich gefährlich und tödlich“ bis „total langweilig“. Der Umgang mit Papier und Stift dagegen bietet ungeahnte Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, und das in viel grösserem Mass als das wahre Leben. Für einen richtigen Schriftsteller ist das wahre Leben das, was sich an seinem Schreibtisch abspielt. Da ist oft viel mehr los als irgendwo anders. Im Guten wie im Schlechten.

„Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ (Blaise Pascal)

Augen auf bei der Berufswahl

Als in der Serie „Doc Morris“ (Staffel 2, Folge 5-6) der Vater seinen Sohn, den Landarzt, besucht, lässt er smalltalkmässig und spöttisch die Frage fallen, wie es ihm denn so gehe, mit seinen Patienten und deren Halsschmerzen oder Hexenschüssen.

Schlagartig musste ich an meinen Vater denken, der mich damals mit einer ähnlichen Frage brüskierte. Ich war ganz stolz, in Brüssel bei Berlitz meine erste Stelle gefunden zu haben, als Deutschlehrer mit Einzelunterricht für Erwachsene.

Sagt mein Vater: „Also Steisstrommler.“ Vielleicht war es auch „Steisspauker“ oder „Arschpauker“, ich weiss es nicht mehr. Jedenfalls spürte ich die ganze Verachtung, die mein Vater, der Offizier, dem Lehrerberuf entgegenbrachte.

Was ihn nicht daran hinderte, bei der nächsten Gelegenheit, als mehrere „Grössen“ des Kleinstädtchens im Schwarzwald bei meinen Eltern zu Besuch waren, als ich zum Geburtstag meiner Mutter dort war. Einer fragte mich, was ich denn so beruflich mache.

Worauf, noch bevor ich eine Antwort geben konnte, Vater meinte: „Mein Sohn ist in Brüssel tätig.“ Er sagte das in einem Tonfall, der besagen sollte, dass weiteres Nachfragen nicht erwünscht sei. Das Wort „Brüssel“ musste einfach genügen. Sollte doch jeder denken, ich wäre direkt in die EU-Kommission eingetreten. Als Quereinsteiger sozusagen.

Bei meinem nächsten Besuch bei den Eltern hatte ich bereits einen anderen Beruf in Brüssel. Ein Schüler, der ein internationales Unternehmen für die Belieferung von Sterne-Restaurants mit Edelprodukten hatte, suchte, 1978, Edel-Fresswelle, jemanden, der Sterne-Köche in Deutschland besuchte, um Ihnen Hummer, Austern und Gänseleber zu verkaufen.

Er drückte mir einen Katalog in die Hand und schickte mich nach Deutschland. Ich sei jetzt sein Verkaufsdirektor für Deutschland.

Als ich meinem Vater das so erzählte, reagierte er auf das Wort Verkaufsdirektor mit dem Einwurf „Aha. Also Klinkenputzer.“

Zwei Jahre später machte ich mich selbständig und gründete ein Übersetzungsbüro. Was er dazu gesagt hätte, weiss ich nicht. Er war inzwischen gestorben.

Aus dem kleinen Einmannunternehmen machte ich nach zehn Jahren eine Aktiengesellschaft. Ich war dann deren Hauptaktionär, Geschäftsführender Gesellschafter und Vorsitzender des Verwaltungsrats.

Darüber hätte Vater sich wirklich lustig machen können. Wir waren nämlich nur zu dritt. Ich machte die Übersetzungen und die beiden anderen waren Strohfrau und Strohmann.

Tapeten! Wechsel!

Dass wir heute so spontan waren, war eigentlich überhaupt nicht geplant.

Ursprünglich wollten wir ja in das Tapetenmuseum („Musée du Papier Paint“) in Frankreich. Soll richtig interessant sein. Also nicht Tapetenrollen oder Kleistertische, sondern schöne Fototapeten und richtige Kunst und so weiter.

Auf halber Strecke schauten wir dann noch mal ins Handy, um die Route zu überprüfen. Und was soll ich sagen? Dienstags geschlossen!

Kehrten wir ganz spontan um und gingen auf die Landesgartenschau in Neuenburg am Rhein.

Danach hatten wir spontan Durst, Eislust und Pizzahunger.

Um 18 Uhr waren wir wieder daheim. Schöner Urlaubstag, das.