Hilfe, meine Gedanken werden immer kürzer!

Ich habe manchmal das Gefühl, dass meine Gedanken nicht mehr so ausschweifend sind wie früher. Man könnte doch meinen, dass mir ein gewisses Mass an Altersweisheit die Möglichkeit gegeben haben sollte, Vieles viel ausführlicher darzulegen.

Tatsächlich ist es fast umgekehrt. Je mehr man weiss, desto öfter hält man gerne auch mal die Klappe.

Zwar denke ich schon ziemlich viel, finde ich. Doch das Meiste erweist sich oft als allzu banal. Zu kurz gedacht, zu oft gesagt. Kaum der Rede wert. Erst recht nicht des Schreibens.

Je mehr freie Zeit man hat, desto grösser ist auch die Freiheit, sein tägliches Leben beliebig zu gestalten. Manchmal fehlt dann einfach eine Struktur.

Nicht immer nur bis zur eigenen Nasenspitze denken!

Allen lieben Zeitgenossen wünsche ich einen guten Rutsch und alles Gute für 2021!

Der Weihnachtsmann ein alter Drecksack?

Was in Deutschland das „Dinner for One“ an Silvester ist, ist in Frankreich zu jeder Weihnacht ein eher trashiger Kultfilm. „Le père Noël est une ordure!“

Die chaotische Handlung spielt an einem Heiligabend in der Telefonseelsorge. Ein Mann und eine Frau nehmen Anrufe von schrägen Typen an, die teilweise dann auch direkt in ins Büro der scheinheiligen Seelentröster kommen. Um mit jemandem zu kommunizieren. Oder Spezialitäten aus ihrem östlichen Heimatland vorbeizubringen. Pralinen, die „von Hand gefertigt und unter den Achseln gerollt“ werden.

Die beiden Telefonseelsorger sind denn allerdings dauernd bemüht, die Nähesuchenden irgendwie abzuwimmeln. Klagen, die sie sich eher gelangweilt am Telefon anhören, quittieren Sie häufig vor allem mit einem ständig wiederholten „Ja, ich verstehe“.

Der Film nach einem Theaterstück der Pariser Gruppe „Splendid“ (Christian Clavier, Michel Blanc, Gérard Jugnot, Thierry Lhermitte, Josiane Balasko, Marie-Anne Chazel) ist oft so ordinär wie sein Titel. Und jedenfalls alles andere als politisch korrekt.

Leider gibt es keine deutsche Version dieses weihnachtlichen TV-Kult-Ereignisses. Man versteht vieles aber auch ohne Text.

Und was den Titel „Le Père Noël est une ordure“ betrifft, kann man „ordure“ sowohl mit „Drecksack“ als auch mit „Arschloch“ übersetzen.

Darauf kommt es dann auch nicht mehr an.

Die komplette Theateraufführung gibts hier.

Über kurz und lang

Heute morgen haben wir, Lilli und ich, beim Frühstück über unsere Lektüre und Podcasts gesprochen.

Sie beschäftigt sich sehr mit Hartmut Rosa, Resonanz und mit Schnittflächen zwischen Religion, Philosophie und Soziologie. Bei mir geht es ja meist mehr ums Schreiben an sich. Ich bin immer auf der Suche nach Themen, aus denen ich einen Text machen könnte. Bei dessen Lektüre man nicht einschläft.

Wir sprachen dann auch über kurze und lange Gedanken, aus denen man kurze oder längere Texte machen kann. Mein Themenspektrum ist da eher breit gefächert und hauptsächlich auf Alltägliches denn auf theoretische Philosophie fokussiert.

Mit Vergnügen lasse ich meine Gedanken schweifen, wenn ich alleine mit dem Auto durch Frankreich fahre. Ich habe da einige Strecken im Elsass, die ich sehr gut kenne und auf denen ich immer wieder gerne fahre. Sei es, weil mir die Landschaft gefällt oder weil es am Rhein entlang geht oder über Landstrassen, auf denen kaum Verkehr herrscht.

Manchmal reicht schon irgendein Satz aus dem Autoradio, der meinen Gedanken eine neue Richtung gibt, in die ich sie schweifen lassen kann. Ohne mich über wildgewordene Automobilisten ärgern zu müssen. Die dort eher selten sind. Sind vielleicht bissle chaotisch, aber nicht so aggressiv wie bei uns.

Meine Gedanken sind mir aber manchmal doch zu kurz. Wenn sie zum Beispiel nur aus einem oder zwei Sätzen bestehen. Oder grade mal eine halbe Seite füllen. Wenn es dann doch eine ganze Seite wird, freue ich mich. Die lese ich auch später gerne nochmal. Weil mir schon das Schreiben so viel gibt und weil ich dabei immer das Gefühl habe, meinen Gedanken nicht nur freien Lauf zu lassen, sondern ihnen auch gleichzeitig eine mehr oder weniger feste Form gegeben zu haben.

Wenn ich auch nur ein bisschen Resonanz beim Leser erzeuge, dann freue ich mich schon. Ein längeres Werk würde ich ja nie mehr in Angriff nehmen. Erstens, weil ich sowieso keine geeignete Idee habe. Zweitens, weil ich bei zunehmender Freizeit immer älter werde, langfristige Planungen eh nicht mehr unbedingt naheliegend sind. Und drittens, weil ich der festen Überzeugung bin, dass die Zeit, in der die Leute lange Romane und dicke Wälzer lesen, vorbei ist.

In der Kürze liegt die Würze? Nicht unbedingt. Zu jedem Aphorismus gibt es einen Gegenaphorismus, der genau das Gegenteil besagt. Martin Walser: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“

Und einzeln dahingeworfene Sätze, ohne Vorlauf und ohne Nachlauf, werden zu leicht überflogen, vergessen oder falsch interpretiert.

Was ich damit sagen will? Mit einem einzigen Satz könnte ich das jetzt nicht zusammenfassen.

Und das ist auch gut so.

 

Familiäres

Von meiner jüngsten Schwester Gritli erhielt ich heute, ohne besonderen Grund oder Anlass, einen „Adventsgruss“.

Meinen fünf Enkelkindern in Belgien hatte ich vor einigen Tagen fünf Adventskalender geschickt. Da war auch einer für Katzen dabei, für die eine kinderlose Zwillingstochter, und einer für Hunde für die andere mit drei Kindern. Ich hatte mich vertan, denn es hätten ja sieben Adventskalender sein müssen. Hab mich dann dafür entschuldigt, sei in Mathe schon immer schlecht gewesen.

Früher war weniger Glitzer

Die seit zwei Jahren befreundeten Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre und Martin Suter sprachen in der NDR Talkshow über ein interessantes Phänomen.

Wenn ich es richtig verstanden habe, besteht dieses aus einem mit Wasser gefüllten verschliessbaren Glasbehälter, zum Beispiel einer Flasche oder einen Weckglas, in das man eine gewisse Menge Glitter gibt und das Ganze dann wie eine Schneekugel schüttelt.

Dabei fällt mir gerade ein, dass wir dieses Schneekugel-Prinzip ja schon lange kennen.

Dieses Glitzer-System verglichen die Herren dann mit unserem Gehirn, in dem sich bei Bewegung viele kleine Teilchen auf und ab oder hin und her bewegen, mal Klumpen bilden und sich dann wieder lösen. Wenn alles zur Ruhe kommt, setzt sich der ganze Flocken- und Krümelkram dann am Boden ab.

Und bildet einen Satz.

Also ich weiss ja nicht, ob das ein jetzt so ein wahnsinnig gutes Bild ist. Aber irgendwie musste ich an einen Geisteszustand denken, den ich zur Zeit manchmal auch bei mir feststelle.

Der Glitter oder die Flocken sind dann all die Informationspartikel, die täglich in ungeordneter Reihenfolge auf mich einströmen, mich umströmen oder sich auch nur irgendwie in meiner Nähe oder im Internet umhertreiben wie Schneegestöber im Schwarzwald. Und die sich in keinerlei Ordnung oder zu einem Schneemann formen lassen.

Früher war mehr Ordnung. Alles war leichter einzuordnen und zusammenzufassen, ob zu Richtigem oder zu Falschem. In grossen Mengen frei in der Luft schwebende und umherfliegende Informationsbrösel lassen sich nicht mehr zu einem überschaubaren Ganzen modellieren.

Und das ist auch gut so.