September. Die letzte Tinder-Bekanntschaft habe ich abgeschossen. Er hat keine Zeit für mich. Ich will nicht am unteren Ende der Prioritätenliste stehen. Da war ich vor ungefähr zwei Jahren schon einmal. Gefällt mir dort nicht. Auf Tinder habe ich auch keine Lust mehr. Ich will keine Dates mehr. Keine Männer. Ich werde nicht mehr suchen, ich will gefunden werden. Mein Cutter meint zu mir, dass man genau mit der Einstellung einer neuen Liebe begegnet. Und genauso sollte es mir passieren.
Wenn man 50 Stunden in der Woche arbeitet, bleibt nicht viel Zeit fürs Privatleben. Man verbringt die meiste Zeit am Set oder schlafend im Bett. Ich bin froh, wenn ich es zum Einkaufen in den Supermarkt schaffe. Denn das Essen vom Lieferdienst oder das Catering hängt einem irgendwann zum Hals raus. Freizeit, Freunde, Familie – das sind die drei Fs auf die ich in meinem Job oft verzichten muss. Wie soll da F Nummer vier in mein Leben passen: Freund.
Bei einer Produktion, die das Nachmittagsprogramm eines großen deutschen Privatsenders täglich über Monate füllen soll, hockt man mit dem Team wochenlang aufeinander. Man lernt sich kennen, man teilt dieselben Witze, man wächst zusammen: Die Moderatoren, die Redakteure, die Aufnahmeleiter, die Tonmänner und schließlich auch die Kameramänner. Ein Exemplar ist mir besonders ins Auge gefallen. Gut, er war mit seinen 1,98 m auch nicht zu übersehen. Seit wir uns vor zwei Monaten das erste Mal begegnet sind, baggert er an mir rum. Aber nicht auf die plumpe Art, sondern hartnäckig und mit scheinbar ernsthaftem Interesse. Ich hätte nach drei ‚Neins‘ bestimmt aufgegeben. Anfangs war ich auch nicht interessiert. Jetzt kann ich nicht mehr leugnen, dass ich ihn mag. Ich habe ihn kennen gelernt. Beide wissen wir, dass das ein Risiko ist. Schließlich arbeiten wir noch gut fünf Monate zusammen. Ich tue das, was jede Frau in dieser Situation tun würde: Ich frage meine beste Freundin um Rat. Sie meint: „Schlimmstenfalls hast du die nächsten fünf Monate Sex. Und was den Berliner Singlemarkt angeht, den kennst du ja.“
Recht hat sie. Ich fasse in einem Moment des Alleinseins mit dem Kameramann all meinen Mut zusammen (ja, ich bin nervös – ein gutes Zeichen) und schlage vor, am nächsten Abend Essen zu gehen. Er grinst und wir verabreden uns.
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