Schwedische Gardinen

Es war in den 1980er Jahren, als ich zum ersten Mal mit blau-gelb in Berührung kam. Der bunte Katalog beeindruckte mich gewaltig. Kannte ich doch Möbelhäuser bislang nur in Form von Möbel Dingens in Nachbarkaff. Da, wo meine Eltern vor einigen Jahren ihre Eiche-banal-Schrankwand kauften. Freunde, die bereits dem Elternhaus den Rücken kehrten, kauften nicht neu, sondern sammelten im halben Dorf Speicherballast auf. Meine Grundschulfreundin aber … die lebte nicht in Dorf, sondern in Südgallien. Und zeigte mir auf Heimaturlaub erstens ein Bild von ihrem Freund und zweitens eines von ihrem Sofa. Plus einen bunten Katalog, der auch in mir Begehrlichkeit weckte.

Dann ging erstmal ich nach Gallien. Dort, wo ich war, gab es keine ausländischen Möbelhäuser, sondern nur möbilierte Wohnung und improvisierte Deko vom örtlichen „Preisbrecher“-Discount. Doch dann kam meine Chance. Erstens hatte ich einen Beruf, zweitens eine Wohnung, in die ich einziehen wollte und drittens ein Auto. Ein kleines nur. Aber ich brauchte ja auch nicht viel. Bett und Sofas hatte ich der Vormieterin abgekauft, die Küche war in der Wohnung drin … und den Kleiderschrank, das Platzwunder dem ich heute noch nachtrauere, hatten mir meine Eltern per Katalog bestellt. Also packte ich meinen Vater ein und fuhr an einem schönen Maimorgen ins Möbel-Paradies. Kaufte drei Regale, einen Bistrotisch, drei Metallklappstühle, einen Spiegel und einen Kleiderständer. Und war verliebt!

Seit diesem ersten Besuch war eine Fahrt ins blau-gelbe Möbelhaus immer wie ein Wunderland. Jeden Sommer wartete ich auf den Katalog und konnte mich nicht sattsehen an der bunten Fülle, die so ganz anders war als das, was ich aus meiner Kindheit kannte. Eine Zeitlang liebte ich Ivan, dann wendete ich mich Bill zu. Mein Schattenregal war Expedition. Das wollte ich immer haben, es passte aber nie ganz in meine jeweiligen Wohnungen. Stunden hätte ich in der großen Halle mit Kleinkram verbringen können – Küchenkram, Kerzen, Blumentöpfe, Kissenküllen kaufen. Und wie fast jeder, der „nur eine Plastikbox“ kaufen wollte, gab ich viel zu viel Geld aus bei meinen Besuchen.

Irgendwann änderte sich aber etwas. Irgendwann zwischen meinen letzten beiden Wohnungen verlor blau-gelb seinen Zauber und wurde erst zu Zweckerfüller, dann zu Kopfschütteln. Früher konnte Frau großartige Dinge dort entdecken. Wie das Bett, dessen Gerüstschwäche mir so leid tut. Wie die unglaublich praktischen Badschränke, die schon zweimal umzogen. Wie meinen hölzernen Teewagen. Und wie Bill, die schlanke Ausgabe. Sechzig, nicht achtzig oder vierzig. Sechzig ist ideal für jede Nische. Gibt es aber nicht mehr. Schon lange. Ganz davon abgesehen, dass die stabilen Holzqualitäten von früher zu leichtester Presspappe wurden. Ein Tischchen kostet weniger als ein amerikanischer Luxuskaffee und hält nur ein paar Jahre statt ein Leben.

Die letzten großen Teile, die ich bei blaugelb kaufte, waren die Schränke und Regale für die Nachwuchsmänner und meine abstrakten Küchenschränke plus Küchenbank. Weil ich schon die Hälfte hatte und nicht völlig neu beginnen wollte. Küchenbank und schmaler Tisch waren ein Fehlkauf. Weil unpraktisch. Und ich mir sogar schon den Zeh an den blöderweise nach außen ausgestellten dicken Bankbeinen brach.

Danach waren nur noch Nachttischlampen. Lampen, Kerzen, Kissenhüllen. Das ist das, was ich bei blaugelb noch spannend finde. Selbst der Katalog, auf den ich jedes Jahr im Sommer so gespannt wartete, hat seinen Zauber verloren. Konnte ich mich früher in die Wohnbeispiele hineinträumen, wirken sie heute als vollgestopftes Chaos. Zu viel Möbel in zu wenig Raum. Kein System in der Reihenfolge. Und nur noch eine kleine Auswahl abgebildet. Online eine miserable Suchfunktion und kaum die Hälfte der Artikel erhältlich, dazu horrende Versandkosten.

Ein Wunderland ist die blaugelbe Halle längst nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Das Kreative und Praktische ist ebenso verschwunden wie die Herzlichkeit. Und das liegt nicht daran, dass ich älter wurde oder meine Ansprüche höher. Die Ansprüche sind gleich … aber sie werden nicht mehr erfüllt.

Trotzdem fahre ich ab und an noch hin. Kaufe ein paar Kerzen, Leuchtmittel, vielleicht eine Kissenhülle. Zweckeinkäufe. Das Wunderland aber, dessen Katalog früher von Monat zu Monat zerfledderter wurde, während ich wohnträumte, das ist verschwunden.

Und die schwedischen Gardinen? Scheuselige Stoffqualitäten, umgestellt von Schlaufen (schön) auf Ösen (hässlich). Früher war mehr Lametta …

 

 

O tempora … o mores!

        Da werden Männer zu Mimosen. Das war mein Gedanke am Ende des gestrigen Abends. Oder auch … früher war weniger Gezeter.

 

        Der gemeine Single-Mann ist kapriziös. Er weiß, dass er die Wahl hat und nutzt es erbarmungslos aus. Würde nicht D*chungel am Eingang stehen, ich würde meinen, ich sei auf einer Bewerbungsplattform gelandet. Und die Stellenprofile haben es in sich.
        Jünger soll ich sein als der betreffende Kerl. Viel jünger angenehm. So 35, meint er. Dafür darf ich dann wohl einen sichtbar verlebten Sechzig-Plusser noch zwanzig Jahre pflegen.
        Meine Körbchengröße sollte zwischen B und maximal C liegen. Weil der ausschreibende Beziehungsanbieter ein Trauma mit großen Körben verbindet. OK, dass der jemals einkaufen geht, kann ich dann wohl vergessen.
        Ungefragt bindet mir der eine oder andere auch seine tägliche Rasur auf die Nase. Ja … hätte ich jetzt angesichts des bartlosen Bildes wirklich nicht vermutet. Sollte ich vielleicht doch meine Zahnputzgewohnheiten ankreuzen?
        Sehr nett auch die üblichen Inserate der „Genussherren“. Klar, auch ich empfinde es als einen Ausdruck von Lebensgenuss, wenn mein Partner abends, am Wochenende, in den Ferien und an Feiertagen seiner Familie zur Verfügung steht und von mir den Rundumservice zwischendurch erwartet. Natürlich ohne Ansprüche … für mich … und Verpflichtung … für ihn. An anderer Stelle in einem anderen D*chungel hat das Berechtigung … hier eher nicht.
        Und „es ist kompliziert“ … Mädels … das ist der Startschuss für einen Sprint. Es ist kompliziert bedeutet Trouble. Lots of trouble. Der einfachste Fall ist der, dass der Troublemaker sich als getrennt versteht, aber in einem Anfall von Beziehungsamnesie völlig vergessen hat, dies seiner noch in seinem Bett/Haus befindlichen Gattin/Lebensgefährtin (Nichtzutreffendes jeweils streichen) und der restlichen Außenwelt mitzuteilen.
        Sehr oft ist hier auch die Kategorie der Selbstüberholer am Start. Die Jetzterstrecht-Männer. Davon habe ich zu viele getroffen in den letzten zwölf Jahren, um die Zeichen noch zu verkennen. Der Selbstüberholer geht mit großem Elan und unendlicher Begeisterungsfähigkeit auf D*chungelexpedition. Schließlich ist er seit drei bis zehn Wochen Single und vielleicht sogar schon in seine eigene Wohnung gezogen! Jetzt beginnt für ihn ein neues Leben und da ist ganz viel Platz für die neue Frau an seiner Seite! Er ist hingerissen und verliebt und zeigt das auch. Doch wie immer liegt die Tücke im Detail. Zum einen ist sein Leben eine schlecht gemanagte Baustelle. Zum anderen hat dieser Typ Mann ausgeprägte Allergien. Nämlich gegen alles, was auch nur entfernt dem normalen Miteinander in einer Beziehung ähnelt. Im typischen Verlauf wird der Selbstüberholer seine neue „Liebe“ zunächst romantisch und leidenschaftlich umwerben, sie umhauen mit seinem uneingeschränkten Ja zu ihr, bis sie einknickt und sich ihrerseits wider alle Skepsis auch emotional öffnet. An diesem Punkt geht sie dann mit ihm um wie mit einem Partner. Also liebevoll, aber auch mit dem Bedürfnis nach einer gewissen Verbindlichkeit. Very basic nur. Das rechtzeitige Vereinbaren eines Zeitpunkts für ein Treffen zum Beispiel. Damit triggert sie bei ihm aber die Altlasten. Der Selbstüberholer wirft mit dem Wort Spontaneität um sich, während die Frau immer unspontaner wird, weil so vieles auf seine „das nie wieders“ stösst. Irgendwann nach zwei bis sechs Wochen wird der Selbstüberholer ein paar Tage verreisen. Irgendwohin. Aus irgendeinem Grund. Und spätestens danach wird er ihr erklären, dass er jetzt „Zeit für sich“ braucht … wenn sie Glück hat. Wenn sie Pech hat, meldet er sich einfach nicht mehr. Oder er macht es wie der Hirnwerker, dessen paar Tage weg auf Weihnachten fielen und der mir dann am 1. Feiertag den Abschied per Mail gab. Ein Selbstüberholer ist ein emotionaler Kamikaze. Bloss ist das Opfer nicht er.
        Sehr beliebt in letzter Zeit übrigens auch die Viel-Liebe. Wer in der Ornithologie aktiv bleiben will, ist mit diesem Etikett bestens bedient. Wie heißt es in dem Brauchtumslied: ich nehme jeden, der mir gefällt. Der Vielliebende ist die Emo-Variante von Aufreißer. Er liebt ja alle, deshalb kann keine ihm ans Bein pinkeln. Für ausschließlich liebende Wesen wie mich leider eine Garantie auf Herzschmerz. Das freie Kommunardenleben sollen andere genießen. Ich bin dafür wohl doch zu sehr Spießerin.
        Klug und geistreich wünsche ich mir den Kerl und darf ich natürlich auch für viele von ihnen sein. Aber bitte nicht so klug, dass Monsieur nicht mithalten kann. Hirn-Mimikry ist auch keine Lösung. Denn schließlich müsste das Down-thinking ja über längeren Zeitraum standhalten.
        Gruselresistenz ist ein Basic. Wer meine Einstellung zu whazzap-Bildchen kennt, kann sich ungefähr die Reaktion auf eine armlange Reihung von einkopierten Gedichten und Rührseligkeitstextchen vorstellen. Richtig … ich hätte gerne mal ein Argh!
        Und die männlichen Mimosen mit dem Gezeter? Die betreffen einen wesentlichen Aspekt der Kontaktanbahnung. Das Telefon nämlich. Die Männer meiner Jugend hatten nie ein Problem damit, ihre Nummer herauszugeben. Die RICHTIGE Nummer. Nicht das Mobiltelefon. Ich bin ein Kind der 70er … ich kann Festnetznummern noch auswändig! Und ich telefoniere nicht gern mit Mobiltelefonen. Wegen ihres unhandlichen Formats. Die Dinger kann man sich noch nicht mal unter das Kinn klemmen, um die Hände frei zu haben. Wenn ein Mann zetert, sein Festnetz sei a) im Erdgeschoss oder b) nur für seine Familie da … dann ist das IMHO Mimosengetue.
      Es gibt natürlich auch die anderen. Die Sterne im Haufen Mist. Wobei ich ja selbst nicht weiß, ob ich Stern oder Mist bin. Ist wohl alles eine Frage der Perspektive. Wahrscheinlich gibt es Männer, die weibliche Stereotypen in ähnlicher Vielfalt beschreiben können. Und vielleicht falle ich ja auch unter diese.
      Mein Blog ist hier wieder einmal Ventil für ungefilterte Bosheit. Die nur hier stattfindet. Psychohygiene. Wenn ich die Bosheit hier herauslasse, dann kann ich im D*chungel wieder ein bisschen offener auf Menschen zugehen. Weil ich ja genau weiß, dass die meisten genauso arme Teufel sind wie ich selbst: Single und unglücklich darüber.
      Doch leider, leider macht es halt noch kein Paar aus, wenn zwei alleine unglücklich sind.
      Also weiter Fährten suchen, Touristen kennenlernen. Und vor allem dafür sorgen, dass vor lauter Mädels-Terminen irgendwo an den nächsten Wochenenden noch Platz dafür ist, die D*chungelaner dann auch zu treffen.
      La Belle du Jour hat nämlich nur ein geringes Haltbarkeitsdatum. Eine neue D*chungelinkarnation ist maximal so lange interessant, wie sie nach außen auch „neu“ erscheint. Vier bis sechs Wochen. Bis Ostern. Das ist das Zeitfenster. Und jetzt hoffe ich, dass es mir gelingt, mich selbst zu überraschen … vielleicht mal Ironie-Fasten?
      To be continued … vielleicht findet die Belle du Jour ja bald das Biest des Tages?

 

 

Nachtrag: Brauchtums-Ausfälle

Der Ehrlichkeit halber sei gestanden … auf den letzten Brauchtumsmetern wurde ich doch noch Opfer eines „Ausfalls“. Heute nachmittag nämlich fehlte mir plötzlich ein Stück Zeit. Oder auch: sudden death. Müdigkeitsanfall und gaaaanz kurz mal aufs Bett gelegt. Dann wohl im Halbschlaf unter die Decke geschlüpft und … dann fehlte der Rest vom Film. Die nächste Erinnerung war ein Ruf aus dem Flur … und mein erster Impuls, den heimkommenden Sohn anzumeckern, warum er so früh morgens so einen Lärm mache.

Gottseidank folgte ich dem Impuls nicht. Es war ja schließlich auch erst halb sieben … abends!