Ich lese weiter bei Frau N.
Einige Male ertappe ich mich. Vor allem bei Sprüchen à la „Werde dein neues Ich“. Oder bei der Gewichtsabnahme in vergangenen Zeiten. Damals dachte ich wirklich, dass Abnehmen mein Leben ändern würde. Meinen jetzigen Job in der Küche bekam ich allerdings zu meinen fettesten Zeiten (jedenfalls die Vorstufe des Festjobs). Die Sache mit der Partnerschaft allerdings … die war schon erfolgreicher in Zeiten eiserner Fettdisziplin, was aber auch am Alter liegen könnte.
Aber was tue ich mit meinem inneren Bedürfnis nach Weite und Horizont? Nach Lernen und neuen Eindrücken? Ich gehe ein wie eine Primel, wenn ich in ständiger Routine bleiben muss. Vielleicht bin ich einfach nicht der Selbstoptimierung verschrieben, sondern eine Extravertierte in hoher Potenz, die ohne Input von Außen vor sich hin mickert?
Scheisse an mir ist dann nur die Wirkung auf die Umgebung. Die findet das nämlich total anstrengend, wenn ich mich begeistere und in einem fort neue Pläne spinne. Für mich ist es keine Überwindung, eine neue Sprache zu lernen, sondern eine Wundertüte. Aber ich bin realistisch genug für die Einsicht, dass für den Spanischkurs gerade kein Platz in meinem Leben ist. Erstens, weil ich mich bereits für eine Serie Lerneinheiten entschieden habe, die mir wirklich Spaß machen. Und zweitens, weil ich zu den Menschen gehöre, denen das Zusammensein mit Freunden wichtig ist. Wenn die Serie vorbei ist … dann gerne Spanisch. Und wahrscheinlich noch mit dem Bonus, dass eine Freundin meine Lehrerin sein kann … wozu ist die Limette Muttersprachlerin?
Berufliche Optimierung … gerade las ich von Bestimmung. Wenn ich Frau N. folge und mir ausmale, was ich tun will, bin ich in meiner Küche verdammt nah dran. Und ich merke, dass mit den Fortbildungen der letzten beiden Jahre mein SPASS an diesem Tun noch gestiegen ist. Weil ich gelernt habe, Situationen so für mich zu gestalten, dass sie gut für MICH sind. Selbstbestimmung ist toll … und eben das Gegenteil von sich-verbiegen-müssen.
In einer Sache bin ich der Selbstpeitscherei allerdings kontinuierlich schuldig: Ordnung und Struktur. Den Nachwuchsmännern bin ich schuldig, die Wohnung nicht verlottern zu lassen. Ich wäre gerne scheisse. Wirklich sehr, sehr gerne. Es täte mir gut, nach Hause zu kommen nach langem Tag plus Abendtermin und einfach nur noch abzuhängen, statt in schlechtem Muttergewissen zu kochen, vorzukochen, Schulbrote zu schmieren und am kostbaren Wochenende Putzorgien zu veranstalten, die niemals reichen, weil das Geld eben nicht für eine Putzfrau reicht. Ich zwinge mich nachts um halb zwölf zum Wäscheaufhängen, weil eben das K.A.M.M.-Prinzip greift … Keiner Außer Mir Macht’s.
Am Arbeitsort liegen stapelweise Rezeptideen und andere Unterlagen … K.A.M.M. … und anderes ist immer wichtiger. Und die private Ablage ist ein Chaos.
Ich gebe zu … hier ist Selbstoptimierung wirklich das, was ich verfolge. Jahrelang nur mit Visualisierung und Traum von „ab morgen ist alles perfekt“. Im November belegte ich dann ein Seminar zur Selbstorganisation und zum Zeitmanagement. Eigentlich habe ich nichts von den dort vermittelten Techniken übernommen. Die pathetische Selbstverpflichtung dürfte irgendwo in einem Stapel herumliegen. Und mein Büro ist ähnlich unaufgeräumt wie vorher, während ich an meiner Kochzeile herumexperimentiere. Aber trotzdem … ist eine Art Knoten geplatzt. Ich habe es geschafft, zumindest meine Steuern à jour zu bringen und zu beginnen, die privaten Dokumente zu sortieren. Nicht deshalb, weil ich dadurch ein besserer Mensch werde, sondern weil ich es für wichtig halte, dass Dokumente auffindbar sind. Schließlich reise ich für die Küche auch weiter weg – Yepp, Cheffe möchte jetzt doch, dass ich demnächst wieder zu Schmitzens fliege.
Gewicht … hier tue ich mich schwer mit dem Begriff der Selbstoptimierung. Ich werde 50. Ich erlaube mir, auch den Körper einer 50jährigen zu haben. Auch wenn andere – Männer – das vielleicht von mir erwarten sollten. Trotzdem möchte ich nicht dicker werden, als ich es bereits bin. Wohler fühle ich mich mit etwas weniger Gewicht. Mit Selbstbeschränkung kenne ich mich aus. Das macht nur gierig auf die verbotenen Früchte. Also versuche ich, zumindest die schlimmsten Sucht-Exzesse zu begrenzen. Ich kaufe keine Schokolade und keinen Kuchen auf Vorrat. Wenn ich das essen möchte, dann eher mal aushäusig. Ein Stück Kuchen im Café zum Beispiel. Das Gemeine ist, dass ich eigentlich Salat liebe, aber die Zubereitung von Mahlzeiten für die Nachwuchsmänner zu lange dauert, um dann noch Salat für mich machen zu können. Mütter-Dilemma. Ich bin also gar nicht so scheisse in mir selbst, aber ich muss Kompromisse eingehen. Also … milde sein!
Beim Sport hingegen komme ich der Selbstakzeptanz immer näher. Ich merke, wie gut mir die Runden am Fluss tun. Besser als der Hantelsport. Also nutze ich den Sportclub seit drei Monaten fast täglich als Dusche und Sauna. Und bin glücklich damit.. Ausnahme heute. Nicht in erster Linie, weil es regnet, sondern weil ich Punkt 9 in der Küche sein möchte. Aus Gründen. Und um für jemanden erreichbar zu sein.
So lange ich die für die Ruhe in meinem Geist so wichtige Bewegung habe, muss ich mich nicht auf Geräte oder in Kurse peitschen. Vielleicht kommt auch dafür wieder eine Zeit … aber jetzt brauche ich die Luft und das Wasser, den Schrittrhythmus, die Ruhe und die fließende Assoziation von Gedanken, die das Hirn sauber spült. Ich bin nicht scheisse … aber ich bleibe bei mir.
Auch die Aussagen zu Therapie u.ä. finde ich sehr, sehr generalistisch bei Frau N.. Wie viele Menschen brauchen Hilfe dabei, Verletzungen von außen zu heilen? Es geht nicht um Optimierung, sondern um HEILUNG. Um die Versöhnung mit sich selbst. Nicht darum, ein anderes Selbst zu werden, sondern darum, sich selbst anders zu verstehen.
Und in dieser Hinsicht bekenne ich mich ein weiteres Mal schuldig. Ich habe die Zuhörerin gebraucht, um zu verstehen, warum ich immer wieder in Muster geriet, die mir sehr schadeten. Ich habe die Einsicht gebraucht, um Signale richtig zu deuten und Energievampire zum Teufel zu schicken. Wäre ich so scheisse, d.h. von der Überzeugung, dass ich für eine Beziehung mein Selbst verbiegen muss und es nicht wert bin, geliebt zu werden, gesteuert, geblieben … dann wäre ich vermutlich heute ein körperliches und seelisches Wrack, das hospitalistisch den Kopf gegen das davor befindliche Brett dengelt.
Ich habe einen starken Selbsterhaltungstrieb. Vielleicht hätte ich es auch so geschafft. Aber die richtigen Fragen zur richtigen Zeit … die haben mich zum Denken und Schließen gebracht.
In vielem bin ich wahrscheinlich noch eckiger und kantiger … also gar nicht dem Bild der Stromlinienform und des optimierten Menschen entsprechend.
Bin ich scheisse?
Das Dumme ist, dass das niemand abschließend beurteilen wird. Am wenigsten ich selbst. Denn wenn ich mich für scheisse entscheide … finde ich das doch im Grunde wieder gut … also bin ich dann gut, wie ich bin, gelle?
Andere hingegen finden mich teils extrem gut, teils extrem scheisse. Ich polarisiere. Schon immer. Kein Mensch für Gruppen, eher für Einzelbeziehungen. Aber das habe ich schon sehr früh im Leben verstanden.
Eine Sache allerdings gibt es … in der versuche ich ganz bewusst, das IST zu akzeptieren. Und mich nicht scheisse deswegen zu fühlen. Nämlich die Warteschleife zum selbstbestimmten Leben NACH den Kindern. Die dauert noch. Und ohne mich als Mutter scheisse zu fühlen, jiepere ich trotzdem nach dem, was da noch kommt. Muss ich daran jetzt eigentlich arbeiten oder darf ich diese Sehnsucht einfach als Teil meines Fühlens akzeptieren?
Und … die Partnersuche? Heisst, so scheisse bleiben wie ich bin im Extremfall, mich selbst „auszusortieren“? Oder heisst es, mich als Single scheisse zu finden? Und es dann wieder gut zu finden?
Ist so scheisse bleiben wie ich bin nicht die ultimative Akzeptanz von innerer Stagnation?
Nicht falsch verstehen … auch ich halte nichts vom durchgetakteten Leben von Peh-Kipp bis Beschäftigungskurse im Hospiz. Ich halte nichts von 20-Stunden Tagen (jedenfalls nur aus-aus-aus-ausnahmsweise einmal in zwei Jahren) oder von Plänen zum Einbau von Pflicht-Freizeit in den Terminkalender.
Viel halte ich aber davon, mich selbst ausgeglichen zu fühlen. Und dafür brauche ich meine Oasen. Wie die morgendliche Flussrunde. Oder die Zeit für einen Wein mit einer Freundin. Diese Oasen muss ich mit einem Claim abstecken. Gegenüber dem Job, aber auch gegenüber der Familie. Familie sorgt für Planung. Immer. Und wenn frau nicht aufpasst, wird sie verplant. Also immer schön Claim setzen.
Morgen mehr … dieses Buch reizt zur Auseinandersetzung … mit der Meinung der Autorin und mit mir selbst …