„Wie viel Uhr ist es?“
Erde: „Ich bin die Erde, ich bin die Natur. Zeit spielt für mich keine Rolle.“
„Kannst du etwas gegen den Klimawandel tun?“
Erde: „Vergiss nicht, ich bin die Erde, ich bin die Natur. Ich werde mich verändern, aber es wird euch mehr betreffen als mich. Ich bin nicht verantwortlich für eure Zukunft. Ihr seid es.“
Wenn du die Erde am Telefon hättest, was würdest du sie fragen? Vielleicht hast du ja bald die Gelegenheit, deine Fragen über das „Mutter Erde Telefon“ zu stellen. Es funktioniert wie ein einfaches Telefongespräch, dahinter verbirgt sich ein KI-Prototyp, der die Perspektive unseres Heimatplaneten übernimmt.
KI schlüpft in die Rolle unseres Planeten
Entstanden ist die Idee, die Erde ans Telefon zu holen, für den Hackerton ‚Creative Lab für Klimakommunikation‘ im Sommer 2022. Bis ChatGPT veröffentlicht wurde, waren es zu diesem Zeitpunkt nur noch wenige Monate. „Wir haben uns gefragt, wie wir möglichst viele Menschen erreichen können und uns war klar, dass es vor allem an emotionaler Kommunikation fehlt und diese irgendwie interaktiv im öffentlichen Raum gestaltet werden sollte“, hat uns Falko Saalfeld, Gründer des Erde-Telefons, erzählt. „Die finale Idee, KI in die Rolle von unserem Ökosystem schlüpfen zu lassen, kam mir dann zufällig in einer Nacht im Zelt, bei einem Wildcamping-Trip auf Rügen.“ Kurz darauf hat Falko zusammen mit Hagen Plum die Idee gepitcht und dann mit dem Freund und Programmierer Mark Schatz das „Mutter Erde Telefon“ als KI-Prototyp entwickelt.
„Wir sehen ein riesiges Potential im Bildungssektor, aber auch im sozialen Sektor und anderen Storytelling-Formaten“, sagt Saalfeld. Besonders interessante Orte für die sehr spezielle Telefonverbindung sind Museen und andere Ausstellungsräume. Zum Beispiel könnte hier das „Mutter Erde Telefon“ in Rahmen interaktiver Ausstellungen eingesetzt werden.
Aber wer oder was spricht hier eigentlich als „Mutter Erde“? Dazu hat das Team hinter der Erde-KI die „Allgemeine Erklärung der Rechte von Mutter Erde“ (Cochabamba, Bolivien, Earth Day, 22. April 2010) als Grundverständnis für die Antworten vorgegeben. Bei der Konzeption haben außerdem Mitglieder des Vereins Survival International unterstützt. „Viele Umweltprobleme entstehen erst durch unser westliches Verständnis von Natur, Ressourcen und Profite. Die meisten Large Language Models reproduzieren unsere Sichtweise“, so Saalfeld. „Deshalb versuchen wir mit Hilfe von überlieferten Redewendungen von indigenen Gruppen dem LLM Weisheit und Naturverbundenheit beizubringen. Diese Daten sollen transparent und verfügbar sein.“
Dabei weist er auch darauf hin, dass aktuell in der Gesellschaft die Annahme vorherrscht, dass Sprachmodelle „neutrale“ Tools seien. Am Ende würden sie aber die Regeln und Daten reproduzieren, die von Programierer:innen festgelegt wurden. Außerdem würden Sprachmodelle auch politisch genutzt, um gewisse Sichtweisen und Diskurse vor allem auf Social Media zu beeinflussen „Für unser Projekt, in dem es um indigenes Wissen und Narrative geht, ist es zum Teil sehr aufwendig, dem Sprachmodell die eurozentrische, westliche Sichtweise abzutrainieren.“
Fehlende Sprachvielfalt: Warum KI-Systeme globale Ungleichheiten verstärken – und wie wir das ändern können
Fehlende Sprachvielfalt führt dazu, dass moderne KI Systeme Milliarden Menschen ausgrenzt. Das verschärft wirtschaftliche, soziale und technologische Ungleichheiten. Doch es gibt Hoffnung.
Aktuell arbeitet Saalfeld vor allem an der Technik, um überhaupt eine größere Skalierung zu ermöglichen. „Wir wollten bewusst keine Prototypen in Deutschland verteilen, die wir später nicht einfach updaten können und die nicht selbsterklärend sind.“ Durch den Open-Source-Ansatz ist das Projekt global skalierbar und kann individuell in verschiedenen Sprachen weiterentwickelt werden.
„Mutter Erde Telefon“ könnte auch Wäldern, Ozeanen und Bergen eine Stimme geben
Wir haben Falko Saalfeld gefragt, in wie weit sich sein Modell auch dazu einsetzen ließe, um Wäldern, Ozeanen und Berge „sprechen“ zu lassen. „Unbedingt“, sagt er. „Eine neue Geschichte per KI zu erzählen ist erst einmal kein Problem. Die Arbeit ist eher, diese Geschichten konsistent und logisch für die KI zu machen und falsche Narrative zu verlernen.“
Und wie steht es um Nachhaltigkeit des Modells? KI und insbesondere Sprachmodelle sind für einen enormen Energieverbrauch verantwortlich. Während Big Tech jedoch auf riesige Modelle setzt, liegt der Erde-KI dagegen ein anderer Ansatz zugrunde. „Unser Ansatz ist, ein kleines spezialisiertes Modell zentral für alle Mutter-Erde-Anwendungen zu trainieren und selbst zu hosten. Das spart nicht nur viel Energie, sondern ist auch schneller. Auch für die Sprache nutzen wir keine teuren Streaming Anbieter, sondern extrem effiziente Open Source Text-to-Speech- und Speech-to-Text-Modelle lokal, die keine Grafikkarten benötigen.“
Bei nachhaltiger KI geht es um mehr als grüne Rechenzentren
Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Jedes KI-Modell hat bereits ein langes „Leben“ hinter sich, bevor es überhaupt zum Einsatz kommt – mit massiven Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Wirklich ressourcenschonende und gemeinwohlorientierte KI-Nutzung und -Entwicklung muss daher den gesamten Lebenszyklus im Blick haben.
2023 wurde das Projekt bei dem K3-Preis für Klimakommunikation ausgezeichnet, 2025 war das Team auf der TED AI in Wien zu Gast. Wenn jetzt Entwickler:innen neugierig geworden sind und mithelfen wollen, können sie sich gerne melden, so Falko Saalfeld. „Unser Ziel ist es, eine internationale Community aufzubauen und wir schaffen das nur gemeinsam.“




