„Das Lied der Dunkelheit“ von Peter V. Brett

Buch: „Das Lied der Dunkelheit“

Autor: Peter V. Brett

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 800 Seiten

Der Autor: Peter V. Brett, 1973 geboren, studierte Englische Literatur und Kunstgeschichte in Buffalo und entdeckte Rollenspiele, Comics und das Schreiben für sich. Danach arbeitete er zehn Jahre als Lektor für medizinische Fachliteratur, bevor er sich ganz dem Schreiben von fantastischer Literatur widmete. Mit seinen Romanen und Erzählungen aus der Welt von »Das Lied der Dunkelheit« hat er die internationalen Bestsellerlisten gestürmt. Peter V. Brett lebt in Brooklyn, New York. (Quelle: Penguin Random House)

Das Buch:

„Weit ist die Welt – und dunkel …“

… und in der Dunkelheit lauert die Gefahr. Das muss der junge Arlen auf bittere Weise selbst erfahren. Schon seit Jahrhunderten haben Dämonen, die sich des Nachts aus den Schatten erheben, die Menschheit zurückgedrängt. Das einzige Mittel, mit dem die Menschen ihre Angriffe abwehren können, sind die magischen Runenzeichen. Als Arlens Mutter bei solch einem Dämonenangriff umkommt, flieht er aus seinem Heimatdorf. Er will nach Menschen suchen, die den Mut noch nicht aufgegeben und das Geheimnis um die alten Kriegsrunen noch nicht vergessen haben.

„Das Lied der Dunkelheit“ ist ein eindringliches, fantastisches Epos voller Magie und Abenteuer. Es erzählt die Geschichte eines Jungen, der einen hohen Preis bezahlt, um ein Held zu werden. Und es erzählt die Geschichte des größten Kampfes der Menschheit – der Kampf gegen die Furcht und die Dämonen der Nacht. (Quelle: Penguin Random House)

Fazit: Ursprünglich wollte ich – und das schon seit ziemlich langer Zeit – zunächst mal etwas über Agatha Christies „Tod in den Wolken“ schreiben. Mir will aber partout nichts einfallen, was über „Ganz nett. Und das ist alles, was ich dazu sagen kann.“ hinausgehen will. Und das dürfte kaum einen eigenen Beitrag rechtfertigen. Haken wir Christie also einfach als „gelesen“ ab und wenden uns einem Buch zu, über das sich etwas mehr sagen lässt: „Das Lied der Dunkelheit“ von Peter V. Brett.

Auf der mittlerweile recht verzweifelten Suche nach einer Fantasy-Reihe, bei der ein längeres Verweilen lohnt, weil sie vielleicht mal nicht die hundertste Coming-of-Age-Geschichte ist, oder einundrölfzig Teile hat („Das Rad der Zeit“) oder einfach nur gänzlich unverständlich ist („Das Spiel der Götter“) oder einen Einstieg mit der Dynamik der Kontinentaldrift aufweist („Der Drachenbeinthron“) oder für alle Zeiten unvollendet sein wird (GRRM, Patrick Rothfuss), sofern Brandon Sanderson sie nicht zu Ende schreibt, weil er mal gerade eben eine Mittagspause lang Zeit hat, bin ich aus unerfindlichen Gründen bei „Das Lied der Dunkelheit“ gelandet.

Abseits davon lese ich im Fantasy-Bereich derzeit erneut „Ulldart“ von Markus Heitz (2002 – 2007) und die DSA-Romane des Heyne Verlags (ab 1995), was bereits alles über den Erfolg der eben erwähnten verzweifelten Suche aussagt, wie ich finde.

Aber der Einstieg in „Das Lied der Dunkelheit“ war zunächst mal ziemlich verheißungsvoll. Zwar ist der Auftakt der „Dämonen-Saga“ angesichts des Alters seiner drei Protagonisten im Kern durchaus auch -zumindest anteilig – eine Coming-of-Age-Geschichte und da sich Brett alle Zeit der Welt nimmt, die Geschichte dieser Protagonisten zu erzählen und immer erst nach vergleichsweise großen Abschnitten wieder von diesem zu jenem Charakter wechselt und seine Hauptfiguren zudem erst nach mehreren hundert Seiten überhaupt aufeinandertreffen lässt, ist auch die Dynamik nicht gerade ein Roland-Emmerich-Film.

Aber: Das liest sich lange Zeit dennoch sehr, sehr angenehm. Einmal, weil die Figuren, insbesondere die Hauptfiguren, überraschend facettenreich gestaltet sind und man gerne Anteil an ihrem Schicksal, an ihrer Geschichte hat. Zum anderen aber noch viel mehr, weil Peter V. Brett sich einen recht faszinierenden Weltenbau hat einfallen lassen. In der kurzen Inhaltsangabe kommt dieser Umstand nur rudimentär zum Tragen, aber die Welt, in der die Menschen nächtlich unter Dämonenangriffen zu leiden haben, welche nur durch die Anwendung von Schutzrunen an Häusern oder Stadtmauern abgewehrt werden können, die hat einfach was. Wobei man besagtem Weltenbau unrecht tun würde, wenn man ihn nur auf dieses eine Handlungselement runterbräche. Ein bisschen komplexer ist es schon.

Zudem vermittelt der Autor der Leserschaft den Hintergrund seiner Welt ziemlich organisch, ziemlich clever. Oftmals gibt es in solchen Büchern dann irgendwann einen mehrseitigen Info-Dump mit dem Charme eines ungefragten Spontanreferats zwischen zwei Charakteren, bei denen man sich fragt, warum die sich nun gegenseitig die Welt, in der sie leben, erklären müssen, obwohl sie die doch eigentlich kennen sollten. Peter V. Brett löst das deutlich überzeugender.

Und so hatte ich mit „Das Lied der Dunkelheit“ wirklich lange Zeit meinen Spaß. Wenn, ja, wenn da nicht die Charakterentwicklung wäre. Insbesondere Arlen, einer der Protagonisten, verhagelte mir hier die Freude. Ursprünglich aus einem kleinen Dorf stammend, hadert der Junge mit dem Tod seiner Mutter durch einen Dämonenangriff und der Untätigkeit seines Vaters in dieser Situation. Als dieser ihn dann auch noch mit einem jungen Mädchen zwangsverheiraten will, läuft Arlen weg und versucht, sich allein durchzuschlagen, mit dem Ziel irgendwann Kurier zu werden, einer jener unerschrockenen Männer, die mit wichtigen Handelsgütern, Post und Ähnlichem von Ort zu Ort ziehen, im Freien übernachten und sich dennoch gegen die Dämonenangriffe zur Wehr setzen können.

Die Umstände sollen hier nicht weiter ausgebreitet werden, aber: Aus diesem jungen, meistens sympathischen, wenn auch ein wenig zu fanatisch auf sein Ziel ausgerichteten Bengel macht Peter V. Brett im Verlauf der Handlung dann aus unerfindlichen Gründen so eine Art Iron-Man-Leopard-2-Panzer-Jesus-Hybriden und man wähnt sich kurze Zeit in irgendeinem beliebigem Gewaltporno aus der „Der dunkle Turm“-Reihe von Stephen King.

Es mag sein, dass das vor dem Hintergrund zukünftiger Teile Sinn ergibt, vielleicht sogar notwendig war. Mich hat diese überaus befremdliche Charakterentwicklung so gestört, dass ich mit dem Rest des Buches – und wir befinden uns da ungefähr erst beim ersten Aufeinandertreffen der Protagonisten – extrem gefremdelt habe. Ich würde ja sagen, dass ich mir unsicher bin, ob ich die Reihe fortsetze. Im Grunde meines Herzens weiß ich aber eigentlich, dass ich das wohl nicht tun werde. Schade.

Demnächst in diesem Blog: „Jeder im Zug ist verdächtig“ von Benjamin Stevenson

„The Secret of Secrets“ von Dan Brown

Buch: „The Secret of Secrets“

Autor: Dank Brown

Verlag: Lübbe

Ausgabe: Hardcover, 800 Seiten

Der Autor: Dan Brown ist Autor zahlreicher Thriller, die allesamt über Monate die Bestsellerlisten angeführt haben und erfolgreich verfilmt wurden. Mit seinem in über 40 Ländern erschienenen und mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmten Buch Sakrileg (Originaltitel: The Da Vinci Code) wurde er zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Dan Browns Thriller werden in 54 Sprachen übersetzt. (Quelle: Lübbe)

Das Buch: Robert Langdon, Symbolforscher aus Harvard, begleitet seine Freundin Katherine Solomon nach Prag. Katherine bereitet die Veröffentlichung eines Buches vor, das bahnbrechende Entdeckungen über die wahre Natur des menschlichen Bewusstseins offenbart. Doch ein brutaler Mord stürzt die Reise in ein unvorhersehbares Chaos, und Katherine verschwindet plötzlich, ebenso ihr Manuskript. Langdon sieht sich fortan einer mächtigen Organisation gegenüber und wird von einem unheimlichen Angreifer verfolgt, der aus Prags ältester Mythologie entsprungen zu sein scheint und nur ein Ziel verfolgt: gnadenlose Rache. (Quelle: Lübbe)

Fazit: Über vier Wochen ohne Blogbeitrag. Bevor die Leute denken, ich hätte einfach kommentarlos das Bloggen eingestellt, was sie natürlich allein schon deswegen nicht tun, weil sie sich über wichtigere Dinge Gedanken machen müssen, sollte ich vielleicht mal wieder etwas aufs virtuelle Papier bringen. Und was böte sich da besser an, als der fast noch druckfrische neue Roman von Dan Brown!? Mit stylishem roten Papierschnitt. Wie man das heute eben so macht.

In „The Secret of Secrets“ – die Mühe einer deutschen Übersetzung des Originaltitels hat man sich augenscheinlich geschenkt, vermutlich weil selbiger so komplex nun auch wieder nicht ist – treffen wir auf viel Altbewährtes und wenig Neues – was Fluch und Segen gleichermaßen sein kann.

So braucht man Fans der Reihe deren Protagonisten Robert Langdon wohl nicht mehr genauer vorzustellen. Auch dass dessen Charakterisierung selbst nach nunmehr sechs Teilen irgendwie wenig über „eidetisches Gedächtnis, Dozent für fiktive Studienfächer und Träger einer Micky-Maus-Armbanduhr“ hinauskommt, stellt für Kenner keine Überraschung mehr dar. Und selbst das Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit kommt einem vertraut vor, denn in „The Secret of Secrets“ vergeht auf ganzen 800 Seiten grob gerechnet nur etwa ein einziger Tag.

Selbst Langdons Sidekick ist so etwas wie eine alte Bekannte, denn Katherine Solomon trat bereits im dritten Teil der Reihe, „Das verlorene Symbol“, in Erscheinung. Dass Langdon und Solomon nun liiert sind, ist zwar so etwas wie eine Neuerung, allerdings auch nun keine wirklich revolutionäre.

All dieses Vertraute sorgt zwar einerseits dafür, dass sich die Dan-Brown-Romane mittlerweile ein bisschen anfühlen wie ein literarisches nach Hause kommen, auf der anderen Seite wirken die Bücher damit aber auch ein wenig wie ein Roman gewordenes „Rammstein“-Album: Es liest sich alles gleich. Inwieweit man sich daran stört oder auch nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Kommen wir weg vom Alten und hin zum Neuen. Und das gibt es zumindest in so ausreichender Menge, dass ich „The Secret of Secrets“ letztlich doch ganz gern gelesen habe.

Da wäre zunächst mal der Schauplatz. Prag. Eine ehrwürdige, geschichtsträchtige Stadt, die tatsächlich ja einen Besuch wert sein soll. Dan Brown führt die Leserschaft quer durch diese Stadt und zu zahlreichen mehr oder weniger bekannten Sehenswürdigkeiten. Wenn man – wie ich – noch nicht dort war, dann könnten einem die doch recht kurzen, wenig ausschweifenden Beschreibungen der Schauplätze vielleicht etwas mager erscheinen, allerdings gibt es dafür moderne Suchmaschinen, deren ich zumindest mich recht häufig bedient habe. Der Schauplatz als solcher vermittelt dessen ungeachtet tatsächlich zuweilen eine eher mystische, leicht unheimliche Atmosphäre, die dem Roman zuträglich ist.

Da wäre in erster Linie aber mal natürlich die Thematik des Buches. Über die möchte ich tatsächlich nicht mehr als unbedingt notwendig verraten, aber wichtig in dem Zusammenhang ist, dass Dan Brown seinen Roman einleitet, indem er behauptet:

„Alle Zeichnungen, Artefakte, Symbole und Dokumente in diesem Roman entsprechen der Realität.

Alle Experimente, Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse sind der Wirklichkeit entnommen.

Alle Organisationen in diesem Roman existieren.“

Ausgehend von dieser doch irgendwie recht großspurig klingenden Einleitung, meint man ja eigentlich, dass sich Dan Brown größtmöglich an Fakten wissenschaftlicher Art gehalten habe. So ganz hält das einer genaueren Überprüfung allerdings nicht stand, was in manchen Fällen schon dem Laien auffällt. Wenn der Autor beispielsweise angesichts der Entstehungsgeschichte des „Codex Gigas“, der nach Schriftanalysen von einer einzigen Person verfasst worden sein soll, was nach Aussage des Protagonisten Robert Langdon jahrzehntelang gedauert haben müsse, was aber nun wiederum ja vor dem Hintergrund, dass die Menschen im 13. Jahrhundert eine im Vergleich zu heute überschaubare Lebenserwartung hatten, alles ja gar nicht sein könne, wenn er also die Mär eines dunklen Mittelalters wiederkäut und unberücksichtigt lässt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der damaligen Zeit eben unter anderem auch auf die im Vergleich immens hohe Kindersterblichkeit zurückgeführt werden kann, es aber ja durchaus nicht wenige Menschen gab, die durchaus alt wurden, insbesondere vor dem Hintergrund der Lebensverhältnisse in einem mittelalterlichen Kloster … – dann ist das einfach Recherchefaulheit oder -unwillen. Ich bitte den voranstehenden Satz ob seiner Länge zu entschuldigen.

Auch wenn Brown die Stadt Prag als eine darstellt, in der wohl so etwas vorherrschen soll wie ein immerwährender Maskenball, ahnt man, dass diese Behauptung nur dazu dient, zu erklären, warum ein entsprechend maskierter Antagonist des Romans auf den Straßen nicht auffällt.

Solche Dinge mag man noch achselzuckend hinnehmen.

Schwieriger wird es dann mit dem eigentlichen Thema des Buches. Dan Brown befasst sich viel mit dem menschlichen Bewusstsein und der Noetik. Das kann er ja meinetwegen tun, allerdings verpasst er besagter Noetik den Anstrich einer seriösen Wissenschaft. Ein Anspruch, dem die Noetik und insbesondere das im Buch erwähnte „Institute of Noetic Sciences“ jedoch einfach nicht gerecht werden. Hierbei handelt es sich eben nicht um eine Wissenschaft, in der die Ergebnisse von Experimenten beliebig reproduzierbar und einem Peer-Review-Verfahren unterworfen sind, sondern um … tja, eigentlich um esoterischen Kappes, wenn man mich fragt.

Aber gut, schon Browns zweiter Robert-Langdon-Roman „Sakrileg“ fußte ja im Wesentlichen auf dem Buch „Der Heilige Gral und seine Erben“ der – mit Verlaub – verschwörungsideologischen Scharlatane Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh, und man konnte demnach zumindest ahnen, wenn nicht sogar wissen, dass „Sakrileg“ inhaltlich eigentlich pseudowissenschaftlicher Unfug ist. Der Lesefreude hat das zumindest bei mir seinerzeit aber keinen Abbruch getan, denn man konnte ja immerhin beschließen, sich auf diesen pseudowissenschaftlichen Unfug jetzt mal für ein paar hundert Seiten einzulassen.

Und so ist es eben auch bei „The Secret of Secrets“: Man muss sich auf die Thematik und die präsentierten Thesen einlassen und sich für nur so etwa 800 Seiten denken: „Hey, es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden,
als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“ Und dann kann man mit dem Roman eben durchaus seinen Spaß haben – auch wenn ihn die „Welt“ in gewohnt aufgeregtem Ton eher als „weltanschaulichen Traktat“ bezeichnet, mit „einer Botschaft, die man nur als gegenaufklärerisch bezeichnen kann“. Mag sein – ist aber eben irgendwie auch nur Unterhaltungsliteratur.

Abschließend sei lediglich angemerkt, dass das Buch am meisten unter seiner vollständig überdimensionierten Länge leidet. Hätte man dem Leser bereits bekannte Sachverhalte, Informationen und Handlungselemente nicht wieder und wieder ins Gedächtnis gerufen, und das auf Kosten des Umstands, dass besagter Leser dafür dann eigentlich erst nach mehreren hundert Seiten so richtig weiß, worum es in „The Secret of Secret“ überhaupt so richtig geht, dann hätte man schon mal ein paar Seiten eingespart. Intuitiv würde ich schätzen, dass der Roman auch mit 600 Seiten hätte auskommen können und gleichzeitig ein besseres Buch geworden wäre.

Demnächst in diesem Blog: „Tod in den Wolken“ von Agatha Christie.

„Kriegsklingen“ von Joe Abercrombie

Buch: „Kriegsklingen“

Autor: Joe Abercrombie

Verlag: Heyne

Ausgabe: Paperback, 800 Seiten

Der Autor: Joe Abercrombie arbeitet als freischaffender Fernsehredakteur und Autor. Mit seinen weltweit erfolgreichen »Klingen«-Romanen hat er sich auf Anhieb in die Herzen aller Fans von packender, düsterer Fantasy geschrieben und schafft es regelmäßig auf die internationalen Bestsellerlisten. Mit »The Devils« schlägt er nun ein neues Kapitel seines fantastischen Erzählens auf. Joe Abercrombie lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Bath. (Quelle: Penguin)

Das Buch: In einer düsteren Welt, die von Kämpfen gezeichnet und von Magie durchdrungen ist, lebt es sich besser als Held. Oder Magier. Alle anderen müssen sehen, wo sie bleiben. So auch Inquisitor Glokta, dessen eigene schmerzvolle Vergangenheit ihn nicht daran hindert, seine Feinde grausam zu verfolgen. Oder Barbarenkrieger Logen Neunfinger, der eigentlich die Nase voll von Schlachten hat und dem die größte noch bevorsteht, als er auf den alten Magier Bayaz trifft, der ganz eigene Pläne verfolgt …(Quelle: Penguin)

Fazit: Im Austausch mit einer ganz zauberhaften, langjährigen Leserin meines Blogs, die an dieser Stelle herzlich morgenkaffeegegrüßt wird – faszinierenderweise wird „morgenkaffeegegrüßt“ nicht von der Rechtschreibkorrektur bemängelt … -, erwähnte ich kürzlich anlässlich der Ankündigung meiner Einlassungen zu „Kriegsklingen“, dass ich derzeit ziemlich viele Fantasy-Reihen begonnen habe. Bei einigen habe ich den ersten Teil bereits gelesen, bei anderen nähere ich mich der Hälfte, bei wieder anderen der Verzweiflung.

Und dass ich mich aktuell nun ziemlich wahllos Brandon Sanderson, Peter V. Brett, Robert Jordan, David Gaider, Tad Williams, Lena Falkenhagen und Thomas Finn, Steven Erikson oder der so bummelig 180 Bände umfassenden DSA-Reihe zuwende, liegt mutmaßlich in einer Suche nach Eskapismus begründet, wenn man mal ehrlich ist. Nach etwas, das eine Weile den Kopf beschäftigt. Und nach etwas, das den Entscheidungsneurotiker in mir eine Weile ruhigstellt, indem es die Frage nach dem „Was lese ich als nächstes?“ beantwortet, bevor ich mich – wie ich das schon gerne mal tue – länger mit der Beantwortung dieser Frage beschäftige als ich für die Lektüre des Gesamtwerkes von Leo Tolstoi bräuchte.

Von Erfolg gekrönt ist dieses Vorhaben jedoch nur in Einzelfällen. Die Vorgeschichte zu Tad Williams „Der Drachenbeinthron“ las sich beispielsweise recht unterhaltsam, der Einstieg in sein Hauptwerk – ganz ähnlich wie bei Robert Jordan oder Brandon Sanderson – gleicht jedoch der Rasanz der Kontinentaldrift und lässt den Leser schneller ermüden als ein Rammstein-Album das könnte. Bei den Büchern von Lena Falkenhagen und David Gaider stecke ich fest, Peter V. Brett schreckt mit seltsamen Personalentscheidungen ab, Steven Eriksons Bücher sind für mich bislang so etwas wie Literatur gewordene Jackson-Pollock-Gemälde, und die DSA-Bücher sind ein Thema für sich.

In dieser durchaus frustrierenden Gemengelage, die die Vermutung aufkommen lässt, dass ich das, was ich gerne lesen würde, vermutlich nur finden werde, wenn ich es vorher selber schreibe, bildet „Kriegsklingen“ dann eine Ausnahme. Und eine von der wohltuenden Art.

Im Auftakt zu Joe Abercrombies Trilogie treffen wir auf Logan Neunfinger, einen Barbarenkrieger, der zahlreiche Schlachten geschlagen hat nun eigentlich gerne einfach nur seine Ruhe hätte. Würde man ihn fragen, würde er wahrscheinlich: „Ich möchte hier sitzen …“ antworten. Das ist ihm aber nicht wirklich vergönnt, denn Logan trifft auf Bayaz, Erster des Ordens der Magi, sowie seinen Schüler. Der Magus gibt sich zumindest als eben der Bayaz aus, der vor Jahrhunderten in der Stadt Adua eine führende Beraterposition inne hatte. Bayaz nimmt Logan – die näheren Umstände sollen uns nicht interessieren – mit in besagte Stadt Adua, um dort seinen Platz im Geschlossenen Rat wieder einzunehmen.

Während sich diese Gruppe von Norden Adua nähert, wandern von Süden aus die entlaufene Sklavin Ferro an der Seite von Bruder Langfuß – ich liebe den Namen! – in Richtung Adua.

Dortselbst befindet sich bereits der Offizier Jezal dan Luthar, der sich eigentlich auf einen traditionellen Fechtwettbewerb gegen Vertreter anderer Truppenteile vorbereitet, der sich aber bald mit Herausforderungen konfrontiert sieht, die deutlich über einfaches Fechten hinausgehen.

Da so ein Buch nicht ohne zünftigen Antagonisten auskommt, hat sich Joe Abercrombie den Inquisitor Glokta einfallen lassen. Einst ebenfalls gefeierter Schwertkämpfer, dann jedoch in Kriegsgefangenschaft vergessen und gefoltert, kehrt Glokta irgendwann, körperlich – und mental offensichtlich auch – schwer beeinträchtigt, nach Adua zurück und schlägt eine Laufbahn als Inquisitor ein, in der er seinen offensichtlichen Hang zu Grausamkeiten ziemlich großzügig ausleben kann.

Damit wäre das Protagonistenensemble recht vollständig umschrieben. Es gibt da auch noch Ardee, die Schwester von Collem West, Adliger, ebenfalls Offizier und Freund von Jezal. Aber zu Ardee kommen wir später.

Da ein solches Setting nicht nur schwerlich ohne Antagonisten, sondern auch nicht ohne übergeordnete Bedrohung auskommt, tritt Bethod auf den Platz, Stammeskrieger des Nordens, dem es gelungen ist, die Stämme im Norden zu vereinen und sich als König ausrufen zu lassen, der nunmehr seine Armee gen Süden und gegen die Union – bestehend aus Midderland, Starikland und Angland, auch Adua gehört dazu – marschieren lässt. In Adua bereitet man sich daher auf den Krieg vor.

Bis hierhin hält sich Joe Abercrombie an das Einmaleins der Fantasy. Gleiches gilt für den Aufbau. Er wechselt zwischen den genannten Gruppen im Norden, Süden und in Adua hin und her, was für eine angenehme Dynamik sorgt, bis dann irgendwann – vergleichsweise spät – alle in Adua aufeinandertreffen, eine mehr oder weniger freiwillige Zweckgemeinschaft bilden und sich, nein, nicht nach Norden in Richtung Krieg, sondern in Richtung Westen aufmachen, zum sogenannten Rand der Welt auf. Warum, muss man wohl im zweiten Band ergründen.

Nun klingt das bis hierhin, als würde auf diesen 800 Seiten gar nicht so wahnsinnig viel passieren. Und ehrlicherweise ist das auch so. Der Handlungsstrang um Jezal dreht sich beispielsweise ewig lang um den oben erwähnten Fechtwettbewerb – und um seine Beziehung zu Jezal. Das wirkt unaufgeregt, ohne allerdings irgendwann mal langweilig zu werden. Und das gilt in ähnlicher Form eigentlich für alle Handlungsstränge.

Statt zahlloser wilder Actionszenen ohne Sinn und Verstand – vereinzelt gibt es die natürlich durchaus -, entscheidet sich Abercrombie nämlich ganz offensichtlich – und das ist etwas, was man meines Erachtens in ähnlicher Form im Fantasy-Genre, abseits von GRRM, nun wirklich, wirklich selten findet – dafür, sich eher mit seinen Figuren zu beschäftigen, mit ihrer Entwicklung und ihrem Zusammenspiel untereinander. Und das funktioniert hervorragend.

Beispielsweise indem man mit der einen oder anderen Figur anfangs noch etwas hadert. Nehmen wir hier mal Jezal und die nur kurz erwähnte Ardee heraus. Dass in Abercrombies „Kriegsklingen“ das Patriarchat noch funktioniert, dass neben Ferro und Ardee vergleichsweise wenig Frauen mit Sprechrollen auftauchen – geschenkt, damit kann ich umgehen. Dass Ardee anfangs aber so vollkommen blass bleibt und eigentlich lediglich als Projektionsfläche für Jezals amouröse Vorstellungen dient, mit denen er sich wiederum irritierend häufig beschäftigt, das wirkt befremdlich und lässt den Leser voller Vorbehalte fragen: „DAS sollen jetzt die Figuren sein, denen ich über drei Teile folgen soll?“

Und ja, das sind sie. Nur bleiben sie eben nicht so. Abercrombie gelingt es, neben dem überzeugenden Zusammenspiel der Charaktere, viele davon bereits im ersten Teil eine nachvollziehbare Entwicklung durchmachen zu lassen. Einem primär testosterongesteuerten Jezal würde ich ebenso ungern über drei Teile folgen wie einer Ardee, die einfach nur da ist, um eben da zu sein, und dem testosterongesteuerten Jezal als Handlungsmotivation fragwürdiger Natur zu dienen. Der selbstbewussten Frau und dem sein Handeln überdenkenden jungen Mann der zweiten Hälfte des Buches nur allzu gern.

Insgesamt hat man als Fantasy-Fan mit „Kriegsklingen“ also eher dann seinen Spaß, wenn man keine Daueraction braucht, keine literweise Blut, keine Drachen oder in Vulkane geworfenen Ringe, kein grundloses Anschleichen, stundenlanges Spurenlesen, und völlig sinnlos nebeneinander her Reiten, sondern wenn man Interesse an vergleichsweise gut geschriebenen Figuren und Figurenentwicklungen hat.

Weitere Rezensionen:

Der Büchernarr

Bücher wie Sterne

Chilliys Buchwelt

Demnächst in diesem Blog: Vermutlich nochmal Agatha Christie.

„Tod auf dem Nil“ & „Poirot rechnet ab“ & „Auch Pünktlichkeit kann töten“ von Agatha Christie

Buch: „Tod auf dem Nil“, „Poirot rechnet ab“, „Auch Pünktlichkeit kann töten“ – Sammelband

Autorin: Agatha Christie

Verlag: Bertelsmann

Ausgabe: Hardcover, 501 Seiten

Die Autorin: Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind – auch durch die Verfilmungen – einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren. (Quelle: Hoffmann & Campe)

Das Buch: Hercule Poirot freut sich auf eine erholsame Kreuzfahrt auf dem Nil. Doch dazu kommt es nicht. Auch Linnet Ridgeway hat sich den Verlauf ihrer Flitterwochen wohl anders vorgestellt. Die junge, bildschöne Millionenerbin wird tot aufgefunden, und Poirots Ermittlungskünste sind gefragt. Fast jeder der Mitreisenden hat ein Motiv. (Quelle: Hoffmann & Campe)

Fazit: Diese Ausgabe von „Tod auf dem Nil“ sowie den Kurzgeschichtensammlungen „Poirot rechnet ab“ und „Auch Pünktlichkeit kann töten“ aus dem Bertelsmann Verlag, mutmaßlich aus Anfang der 80er und ebenso mutmaßlich Relikt des längst in Vergessenheit geratenen Bertelsmann Clubs verdanke ich einer ganz zauberhaften Person, der an dieser Stelle einmal mehr Dank gebührt. Die Verlinkungen zu Autorin und Buch führen allerdings zu Hoffmann & Campe, aus dem einfachen Grund, dass es dort noch aktuelle Ausgaben des Buches – zumindest von „Tod auf dem Nil“ gibt. Nein, ich bekomme nichts dafür.

Meine Begeisterung für Poirot – und weitere ähnlich angelegte literarische Genrevertreter – hat ihren Ursprung in der Lektüre von „Das fehlende Glied in der Kette“ vor … Jahrzehnten, als Bestandteil der „roten Krimis“ aus dem Goldmann Verlag. Dieses Buch blieb mir aus meiner damaligen, wenn auch kurzen, Poirot-Phase vor allem deshalb im Gedächtnis, weil ich seinerzeit wirklich nahezu jeden Charakter des Buches als Täter verdächtigte, nur eben nicht die richtige Person. Fatalerweise bei einer erneuten Lektüre vor einiger Zeit nochmal …

Seitdem ist viel Zeit ins Land gegangen, Poirot lese ich aber immer noch gerne. Selbst wenn die Bücher inhaltlich auf recht unangenehme Weise etwas Staub angesetzt haben.

In „Tod auf dem Nil“, das 1978 mit dem genialen Peter Ustinov – der auch dann weiterhin fehlen würde, wenn keines der zahllosen ihm, wie vielen anderen verstorbenen Prominenten, untergeschobenen Zitate, die man auf einschlägigen Seiten so finden kann, wirklich zutreffend wäre –  verfilmt wurde, möchte Hercule Poirot ein wenig Entspannung auf einer Nilkreuzfahrt finden. Im Gegensatz zu Flugreisen kann er Schiffe deutlich einfacher ertragen.

Ganz so erholsam wie erhofft wird es dann aber doch nicht, denn die Mitreisende Linnet Ridgeway – jung, schön, Millionenerbin – wird während der Reise ermordet. Poirot wird auf den Plan gerufen und beginnt mit den Ermittlungen. Und an Tatverdächtigen mangelt es dem exzentrischen Belgier nicht. Allen voran wäre da beispielsweise Jacqueline de Bellefort, der Linnet den zukünftigen Ehemann ausgespannt hat, und die Linnet und ihren Ehemann Simon deshalb nunmehr auf Schritt und Tritt verfolgt. Allerdings hat Jaqueline ein hieb- und stichfestes Alibi.

Oder geht das Verbrechen vielleicht zulasten des unbekannten Terroristen, der sich an Bord aufhalten soll, und den zu identifizieren der Beamte Colonel Race schließlich noch an Bord kommt?

Vielleicht handelt es sich aber auch um einen handelsüblichen Raubmord, denn im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass Linnets unermessliche wertvolle Perlenkette verschwunden ist!?

Bei „Tod auf dem Nil“ handelt es sich einen der Poirot-Romane, die verdeutlichen, warum ich selbige immer noch  gerne lese. Ein klassischer Whodunit mit überschaubaren Verdächtigenkreis und mehr oder minder von außen abgeschlossenem Tatort, der zum miträtseln einlädt, auch wenn die Lösung aus meiner Sicht schwierig selbst herauszufinden ist. Aber so ganz grundsätzlich liegt alles, was es zur Lösung braucht, auf dem Tisch. Wer also einen Hang zu Detektivromanen der klassischen Ära dieser Bücher hat und an wem der Klassiker in Buch- oder Filmform bislang vorbeigegangen ist, der macht hiermit auch wenig verkehrt.

Deutlich anders sieht das mit den Kurzgeschichtensammlungen „Poirot rechnet ab“ und „Auch Pünktlichkeit kann töten“ aus. Im Rahmen einer anderen Rezension verwies ich kürzlich auf den Theologen und Krimiautoren Ronald Knox, der im Jahr 1929 die „Zehn Regeln für einen fairen Roman“ aufstellte. Wie sehr einiges davon aus der Zeit gefallen sein mag, merkt man daran, dass Regel 5 lautet: „Chinesen haben in der Geschichte nichts zu suchen.“ was xenophob klingt, weil es das ist – wobei diese Regel ihren Einzug fand, weil es in der damaligen britischen Krimiliteratur en vogue war, Chinesen als Bösewichte der Krimis zu präsentieren. Was xenophob klingt, weil es das ist.

Nun hatten diese zehn Regeln nicht gerade dogmatischen Charakter. Einige Autoren versuchten, sich daran zu halten, einige hielten sie für einen Scherz, viele fühlten sich nicht im Geringsten daran gebunden. Und Agatha Christie ist angesichts der in den beiden Büchern enthaltenen Kurzgeschichten eindeutig der letzten Kategorie zuzuordnen. Und ja, sie verstößt auch gegen Regel 5.

Der literarische Strick, den sie sich selbst dreht, liegt bei den Kurzgeschichten eben in, nun ja, der Kürze der Texte. Sie hat schlicht keine Gelegenheit, der Leserschaft eine komplexe Spurenlage, einen Kreis von Verdächtigen oder ähnliches zu präsentieren. Die Lösung muss schnell gefunden sein, weswegen ihr Poirot in der Kurzgeschichten eher wirkt wie ein allwissendes Medium, dem Sachverhalte in einer Art göttlicher Eingebung vollkommen logisch ersichtlich scheinen, die moderner Leserschaft aber zuweilen an den Haaren herbeigezogen vorkommen dürften.

Dazu kommt noch, dass manche Texte, manche Handlungselemente, manche Charakterisierungen, die zu damaliger Zeit eine Selbstverständlichkeit zu sein schienen, heute ebenfalls aus der Zeit gefallen zu scheinen. Von der erwähnten Xenophobie bis zu fragwürdigen Frauenbildern ist alles dabei, was heutzutage für Stirnrunzeln sorgt.

Und ja, man soll Bücher immer vor dem Hintergrund ihres Entstehungszeitraums schließen, aber mich persönlich stören diese Sachverhalte in einem „einfachen“ Krimi deutlich mehr als irgendwelchen Gesellschaftsromanen von Charles Dickens.

In Summe bleibt die geneigte Krimileserschaft daher lieber bei den Poirot-Romanen als den Kurzgeschichtensammlungen.

Demnächst in diesem Blog: „Kriegsklingen“ von Joe Abercrombie. Fantasy! Yay!

„Die mörderischen Cunninghams – Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen“ von Benjamin Stevenson

Buch: „Die mörderischen Cunnninghams – Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen“

Autor: Benjamin Stevenson

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Taschenbuch, 384 Seiten

Der Autor: Benjamin Stevenson ist preisgekrönter Stand-up-Comedian und USA Today-Bestsellerautor. Er ist der Autor der weltweit beliebten Krimireihe Die mörderischen Cunninghams, deren erster Band Irgendwen haben wir doch alle auf dem Gewissen derzeit als große HBO-TV-Serie adaptiert wird. Jeder im Zug ist verdächtig ist der zweite Band der Reihe. Seine Bücher haben sich über 750.000 Mal in 29 Ländern verkauft und waren acht Mal als »Buch des Jahres« nominiert. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Eine mörderisch nette Familie: Ernie Cunningham, passionierter Krimi-Liebhaber, nimmt nur widerwillig am ersten Familientreffen seit Jahren teil. Seit er seinen Bruder Michael wegen Mordes angezeigt hat, hängt der Haussegen schief. Dass dann ausgerechnet am Vorabend von Michaels Ankunft auch prompt eine Leiche in dem isoliert liegenden Skiressort auftaucht, macht die Stimmung bei den eingeschneiten Cunninghams nicht unbedingt besser. Da von der Außenwelt keine Hilfe zu erwarten ist, stürzt sich Ernie Kraft seines geballten Kriminalwissens in die Ermittlungen, um weitere Todesfälle zu verhindern. Doch wem kann man trauen, wenn buchstäblich jeder mindestens eine Leiche im Keller hat? (Quelle: Ullstein)

Fazit: 1929: Der Theologe und Krimischriftsteller Ronald Knox, Vater des sog. „Sherlockian Reading“ und Mitglied des „Detection Clubs“ –  so einer Art „Gruppe 47“ der Krimiliteratur -, stellt die „Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman“ auf. Deren erste lautet beispielsweise

Der Verbrecher muss bereits zu Beginn der Geschichte Erwähnung finden, aber es darf niemand sein, dessen Gedanken der Leser folgen kann.“

Nicht alle seiner literarischen Mitstreiter hielten sich aber daran. Manche hielten sie auch schlicht und ergreifend für einen Scherz. Aus kürzlicher Lektüre weiß ich beispielsweise, dass sich weder Agatha Christie noch Georges Simenon daran hielten. Obwohl in beiden Fällen vermutlich bessere Bücher darauf geworden wären, wenn sie es getan hätten.

2023: Ernie Cunningham ist Autor. Im weitesten Sinne. Ernie schreibt Ratgeber darüber, wie man Krimis schreibt. Gelegentlich verkauft er sogar welche davon. Außerdem ist er das schwarze Schaf der Familie Cunningham, seit er vor einigen Jahren mit seiner Aussage dafür gesorgt hat, dass sein Bruder hinter Gittern landete.

Zum großen Familientreffen wird er von seiner in organisatorischen Belangen etwas manischen Tante Katherine allerdings trotzdem eingeladen. Im „Sky Lodge Mountain Retreat“ möchte die Familie im Rahmen eines entspannten – jedenfalls so entspannt, wie so eine Veranstaltung eben sein kann – Wochenendes die Haftentlassung seines Bruders Michael feiern. Dumm nur, dass dann eine Leiche auftaucht. Da die viel zitierte „natürliche Todesursache“ ausgeschlossen werden kann, beginnt Ernie, mit der umfassenden Autorität seines literarischen Schaffens ausgestattet, mit den Ermittlungen. Dann bricht auch noch ein Schneesturm über das Domizil herein – und schon befinden wir uns mitten in einem ziemlich gelungenen und humorvollen „Whodunit“.

Wir begegnen Ernie als Ich-Erzähler des Buches, dessen Besonderheit darin liegt, dass sich Ernie, als Koryphäe auf dem Gebiet „Wie man einen Krimi schreibt“, natürlich an die eingangs erwähnten „Zehn Regeln“ hält. Mit Beharrlichkeit verweist er beispielsweise regelmäßig darauf, dass er ein zuverlässiger Erzähler sei, dass er keinerlei Informationen, die für die Lösung des Falles relevant sind, verschweigen wird, sogar die Seitenzahlen, auf denen es zu Todesopfern kommt – es werden viele in diesem dennoch erfreulich unblutigen Krimi sein –  gibt er gleich zu Beginn an.

Und er zieht das wirklich konsequent durch. Man erlebt also keinen „Bobby Ewing unter der Dusche“-Moment – die Älteren werden sich erinnern -, sondern alles, was man für die eigenständige Lösung des Falles braucht, liegt offen vor dem aufmerksamen Auge des Lesers. Und dass es ein Plothole solchen Ausmaßes gibt, dass man mit dem Bus durchfahren könnte, gibt er ebenfalls freimütig zu.

Und dieser Ansatz, diese völlige Offenheit, ist tatsächlich mal etwas erfrischend anderes, als die Krimis, in denen der Mörder letztlich der Gärtner war, der auf Seite 168 kurz eine Sprechrolle hatte, oder der überraschend von seiner Chiliplantage im Dschungel Guatemalas wieder aufgetauchte Schwippschwager des Protagonisten, dessen Motiv dann darin liegt, dass seiner Familie vor zehn Generationen von den böswilligen Nachbarn aus Middle Fritham mal ein lahmender Esel verkauft wurde. Oder so.

Und wenn man das ergänzt durch ein liebevoll gestaltetes Figurenensemble, sowie eine humoristische Note, die wie jeder Humor natürlich Geschmackssache ist, die mich aber schon ziemlich zu Anfang überzeugte, als Ernie auf dem Schild des Ressorts nicht „Sky Lodge Mountain Retreat“, sondern „Sky Lodge Mountain, Retreat“ liest – ein Beleg dafür, dass Satzzeichen Leben retten können -, dann kommt ein Krimi heraus, den ich allen Freunden des Genres bedenkenlos empfehlen kann, dessen Fortsetzung ich bereits ebenfalls gelesen habe und bei dem ich nun sehnsüchtig auf die Übersetzung des dritten Teils warte.

Nur falls das hier mal jemand bei Ullstein liest: Seht zu!

Weitere Rezensionen:

Lesen macht Laune

Ullas Leseecke

Demnächst in diesem Blog: Mal schauen …

„Nach allen Regeln der Kunst“ von Hanns-Josef Ortheil

Buch: „Nach allen Regeln der Kunst – Schreiben lernen und lehren“

Autor: Hanns-Josef Ortheil

Verlag: Suhrkamp

Ausgabe: Hardcover, 367 Seiten

Der Autor: Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Sein literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck, dem Brandenburgischen Literaturpreis, dem Nicolas-Born-Preis und dem Villa Massimo Stipendium. Seine Kindheit und Jugend waren von der Vorbereitung auf ein Leben als Pianist geprägt. Seine ersten Texte schrieb er unter Anleitung seines Vaters in der elterlichen Heimat des Westerwaldes, seiner »Urlandschaft«. Noch immer zieht er sich in sein dortiges Elternhaus häufig zum Schreiben zurück. (Quelle: Suhrkamp)

Das Buch: Hanns-Josef Ortheil, Schriftsteller und Professor für Literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim, entwirft in Nach allen Regeln der Kunst ein schillerndes, anregendes Panorama seiner über dreißigjährigen, unkonventionellen und erfrischend gegenwartsbezogenen Lehre.

Vom berüchtigten weißen Blatt ausgehend, lädt er anhand von inspirierenden Schreibaufgaben zu einer weiten Reise durch die Ländereien des Erzählens ein – von der Skizze und ersten Entwürfen bis hin zur Erzählung oder der Arbeit am Roman. Anhand von Seitenblicken auf andere Texte und Bücher entsteht nebenbei auch eine breit angelegte Recherche nach den unterschiedlichen Facetten literarischer Formen und Kreativität.

Auf verblüffende Weise bezieht Ortheils Lehre nicht vermutete Vorgaben anderer Künste wie Musik, Malerei, Fotografie oder Film in das literarische Entwerfen und Planen mit ein. Nicht zuletzt ist sein Buch eine faszinierende Erzählung über den Umgang mit jungen oder älteren Schreibtalenten, die sich bedingungslos für das eigene Schreiben entschieden haben – und bietet dadurch viele Anregungen für alle, die diesen kreativen Schaffensprozess selbst erleben möchten. (Quelle: Suhrkamp)

Fazit: Nach „Beep! Beep! Read all about it“ von Peter Felixberger und dem auch in „Nach allen Regeln der Kunst“ mit völliger Berechtigung lobend erwähnten „Bei Regen in einem Teich schwimmen“ von George Saunders ist dieses Buch das dritte innerhalb von gut anderthalb Jahren, das sich mit der Frage befasst, wie man literarische Texte konzipiert und schreibt, woraus man die Vermutung ableiten könnte, dass ich irgendwas schreiben wollte, wenn man es nicht besser wüsste.

Tatsächlich bin ich – und ich erwähnte das bereits in der Rezension des o.g. Buches von Peter Felixberger – niemand, der für irgendeine Form des Schreibseminars geeignet ist. Sich dennoch entsprechende Kenntnisse anzueignen, kann aber ja nun in jedem Fall nicht schaden, gleich, ob man sie irgendwann nochmal brauchen könnte oder ob nicht. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich außerhalb der Schule auch nie wieder eine Kurvendiskussion geführt, den Zitronensäurezyklus genauer betrachtet oder gar irgendwelche schon damals nur rudimentär vorhandenen Handarbeitskenntnisse erneut angewendet.

Zudem ist Hanns-Josef Ortheil ein Autor, dessen Schaffen ich zwar nicht akribisch verfolge, zu dem ich aber schon seit „Faustinas Küsse“ Ende der 90er immer wieder mal gerne zurückkehre, wenn mich etwas anspricht. Und das war nun hier mehr als der Fall.

Die Existenz von Ortheils Buch liegt in der Pandemie begründet. Plötzlich konnte der Autor, anders als in den 30 Jahren zuvor, nicht mehr so ohne Weiteres nach Hildesheim reisen oder gar dort sein Seminar zu Kreativem Schreiben halten – und auch sonst war vorübergehend ja nicht wirklich viel möglich, wie wir alle wissen. Kurzerhand entstand die Idee, aus den Notizen aus Jahrzehnten eine Art Dokumentation der Seminarinhalte zu erstellen und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ortheil beginnt da, wo alles Schreiben in irgendeiner Form beginnt. An einem Schreibtisch. Oder irgendeinem anderen dafür geeigneten Möbelstück. Jedenfalls mit dem Ort des Schreibens. Und der Frage, wie man sich diesen einrichtet, wie man ihn gestaltet. Und inwiefern das hilfreich sein kann. Einen logischeren Einstieg kann man sich kaum wünschen. Der Autor fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern baut seine Inhalte kapitelweise in nachvollziehbarer Reihenfolge auf.

Folgerichtig wird anschließend – neben sehr lehrreichen Exkursen in die Geschichte des Schreiben – die Frage der Materialsammlung, der „Inspiration“ als solcher behandelt. Und Kapitel für Kapitel, Thema für Thema, von Figurenzeichnung bis zur Ausarbeitung eines Plots, nähert er sich dann der sinngemäßen Frage „Wie schreibe ich einen Roman?“.

Und es gibt sehr vieles, das man an diesem Buch loben kann. Zunächst mal, dass es – trotz des universitären Hintergrunds des Inhalts – nicht in einem universitären Ton gehalten ist, denn „Ein akademischer Ton
wäre dem nicht gerecht geworden, hätte er doch nichts von der freien, oft sprunghaften und manchmal auch assoziativen Art vermittelt, die den Unterricht geprägt hatte.“ (S. 16).

Zudem sind die vielen Anregungen zu kleinen und größeren Schreibübungen zu nennen. Es macht Laune, das eine oder andere davon mal auszuprobieren. Erfrischend ist außerdem, dass der Autor sich kein Unfehlbarkeitsdogma zugesteht, dass er also zwar einerseits Inhalte, Arbeitsweisen, Anregungen vermitteln will, die er für sinnvoll hält, dass er auf der anderen Seite die Leserschaft aber auch ermuntert, herauszufinden, was man davon übernehmen will und was nicht, womit man etwas anfangen kann und womit nicht, welcher Schreibtyp man letztlich ist und welcher nicht. Das lädt zum Experimentieren dann ebenso ein wie zu einer Art literarischer Selbstfindung.

Und vor diesem Hintergrund ist es dann auch gar nicht mehr so schlimm, wenn man, wie ich, mit einigen der vermittelten Inhalte wenig bis überhaupt nichts anfangen kann. So möchte ich im Grunde meines Herzens weder irgendwelche großformatigen Journale einrichten, in die ich dann collagenartig Dinge kleben kann, um selbige ggf. irgendwann mal wieder als Materialsammlung zu benutzen, weil Dinge wie Collagen anzufertigen meinen natürlich Fluchtreflex auslösen, noch ist in meinem persönlichen Fall die Anregung des Reisens so einfach umsetzbar, auch wenn Ortheil Reisen – vermutlich mit völliger Berechtigung – als elementar zur Horizonterweiterung zu halten scheint.

Und auch die Tatsache, dass ich vor dem Hintergrund, dass Ortheil mit „Schreiben“ mitnichten das hobbymäßige Nebenbei-Schreiben meint, sondern das ernsthafte, das tägliche, das Fleiß erfordernde, das fokussierte, kurz: das Schreiben von Leuten meint, die zuweilen vielleicht klischeemäßig von sich behaupten, sie würden verrückt werden, wenn nicht gar sterben, wenn sie nicht schreiben würden … – ich bitte, neu ansetzen zu dürfen: Dass ich vor diesem Hintergrund vielleicht gar nicht die Zielgruppe bin, weil ich das erwähnte Gefühl im Grunde noch nie verspürt habe, demgegenüber aber höchstens verrückt werden würde, wenn man die Fußball-Bundesliga oder Bücher in Papierform verbieten würde, ist dann auch nicht weiter schlimm.

Tatsächlich bietet „Nach allen Regeln der Kunst“ für jede und jeden gleich ihrer oder seines literarischen Schaffens oder Nichtschaffens genug Ansätze, um das eine oder andere auszuprobieren und etwas für sich mitzunehmen. Oh, und die unterhaltsam auflockernden Passagen, in denen der Autor oft von seinen Studentinnen und Studenten gestellte Fragen wiedergibt – nebst den dazugehörigen Antworten natürlich – darf abschließend auch nicht unerwähnt bleiben.

„Nach allen Regeln der Kunst“ ist eines dieser Bücher, die man nach der letzten Seite eigentlich wieder von vorne beginnen möchte, diesmal ausgestattet mit Stift und Zettel, und das man anschließend ins Regal stellt, wohlwissend, dass es man sicherlich noch das eine oder andere Mal in die Hand nimmt.

Schreibinteressierte und die, die es werden wollen, können hier bedenkenlos zugreifen. Oder mal auf dem WordPress-Blog des Autors vorbeischauen.

Demnächst in diesem Blog: Mal schauen …

„Der Distelfink“ von Donna Tartt

Buch: „Der Distelfink“

Autorin: Donna Tartt

Verlag: Goldmann

Ausgabe:  Taschenbuch, 1024 Seiten

Die Autorin: Donna Tartt ist eine amerikanische Autorin, die für ihre in vierzig Sprachen übersetzten Romane stets von Kritik und Publikum gefeiert wurde. Ihr erster Roman, »Die geheime Geschichte«, wurde 1992 veröffentlicht. Im Jahr 2003 erhielt sie den WH Smith Literary Award für ihren Roman »Der kleine Freund«, der auch für den Orange Prize for Fiction nominiert war. Für ihren zuletzt geschriebenen Roman, »Der Distelfink«, wurde sie mit dem Pulitzer-Preis und der Andrew Carnegie Medal for Fiction ausgezeichnet. (Quelle: Penguin)

Das Buch: Als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist, verliert er seine Mutter durch ein tragisches Unglück. Er versinkt in tiefer Trauer. Auch das Gemälde, das verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen. Es scheint geradezu, als würde ihn das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert, in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt … (Quelle: Penguin)

Fazit: Hach je, wie fange ich da jetzt an …? Diese Frage stelle ich mir tatsächlich schon länger, weiß aber auch in dieser Sekunde noch keine genaue, definitive Antwort. Na – vielleicht fangen wir einfach mal mit meinen Stapeln ungelesener Bücher an …

Diese haben mittlerweile ziemlich bedrohliche Ausmaße angenommen. Bedrohlich in erster Linie für die Statik des Gebäudes. Auch und gerade, weil einige Bücher sich schon seit ziemlich, ziemlich langer Zeit darauf befinden. So wie eben „Der Distelfink“. Seinerzeit so in etwa zum Veröffentlichungszeitraum gekauft, also vor bummelig zehn Jahren, zweimal angelesen, vor dem schieren Umfang kapituliert und wieder zur Seite gelegt. Aber eben nie aussortiert. Denn so, wie ich seit zehn Jahren davon überzeugt bin, ganz bestimmt irgendwann mal „The Witcher 3“ durchzudaddeln – was realistisch betrachtet tatsächlich aber wohl nie passieren wird -, so war ich davon überzeugt, dass irgendwann schon der richtige Moment für dieses Buch kommen wird. Und dieser Moment war unlängst. Was im Übrigen für mein untrügliches Gespür dafür, noch lohnenswerte Lektüre von der auszusortierenden zu unterscheiden, spricht, wie in aller gebührenden Bescheidenheit mal gesagt werden muss.

Am Ende der Lektüre stand dann die Erkenntnis, die dort oft bei Büchern steht, die ewig auf den oben genannten Stapeln vor sich hin lümmelten, nämlich die, dass ich das Buch schon längst hätte lesen sollen.

Nun habe ich, die geneigte Leserschaft weiß das, in den letzten Jahren nicht gerade wenige Bücher gelesen, auch wenn das davon abhängig ist, womit man sich vergleicht. Da waren schlechte Bücher dabei, gute Bücher, einige, die einem länger im Gedächtnis bleiben – und dann gibt es noch die wenigen, die man nur unwillig zur Seite legt, um beispielsweise irgendwelche unaufschiebbaren profanen Dinge des täglichen Lebens zu erledigen. Die, an die man auch dann denkt, während man gerade diese profanen Dinge erledigt, weil man viel lieber zum Buch zurückkehren und wissen möchte, wie es weitergeht. Die, bei denen man abends im Bett „Okay, nur noch EIN Kapitel!“ denkt – um dann mit einem überraschenden Sonnenaufgang konfrontiert zu werden.

Von dieser Art Bücher habe ich schon ziemlich lange keines mehr gelesen, „Der Distelfink“ ist jedoch unzweifelhaft ein solches.

Darin treffen wir auf den 13 Jahre alten Theo Decker. Nachdem sein alkoholkranker Vater Hals über Kopf das Weite gesucht hat, lebt er allein mit seiner Mutter zusammen. Nun hat Theo in der Schule ziemlichen Mist gebaut und soll zusammen mit seiner Mutter zum Rapport bei der Schulleitung antreten. Auf dem Weg dorthin haben die beiden allerdings noch ein bisschen Zeit, die sie im Museum zu verbringen gedenken, um sich dort eine bestimmte Gemäldeausstellung anzusehen. Tragischerweise gibt es ausgerechnet an diesem Tag einen Bombenanschlag auf das Museum, den Theo überlebt, seine Mutter jedoch nicht. In den Wirren des Bombenanschlags begegnet der Junge einem sterbenden Mann, der ihm einen Ring in die Hand drückt und eine Adresse nennt, an der er ihn selbigen abzugeben bittet, und ihn zudem auffordert, das Bild „Der Distelfink“ von Carel Fabritius einzustecken und mitzunehmen. Fortan wird es ihn begleiten, wohin auch immer er geht.

Im Folgenden begleitet Donna Tartt ihren Protagonisten über zehn Jahre auf seinem weiteren Lebensweg, der ihn zunächst mal in die Wohnung eines Mitschülers führt, dessen Eltern sich spontan bereit erklären, ihn aufzunehmen, weil er ansonsten nirgendwohin kann. Währenddessen schwebt über Theo jedoch beständig die Sorge, man könnte ihn zu seinen Großeltern abschieben, zu denen er nicht den geringsten Bezug hat oder gar sein Vater könnte wieder auf den Plan treten, der sich bisher in erster Linie dadurch ausgezeichnet hat, sich die Rübe vollzuschütten und dann irgendwann den Abflug zu machen.

Vorerst soll das an wiedergegebenen Handlungselementen reichen, weil ich niemandem das Vergnügen wegnehmen möchte, selbige eigenständig zu entdecken.

Denn ja, „Der Distelfink“ zu lesen, ist trotz – oder auch gerade wegen – seines Umfanges über weiteste Strecken ein wahres Vergnügen. Es gibt so vieles, was dieses Buch wirklich außergewöhnlich macht.

Da wäre zunächst mal die Empathie, die Nähe, die … ja schon fast Zärtlichkeit, mit der sich Donna Tartt ihren Figuren, insbesondere ihrem Protagonisten, zuwendet. Gerade zu Beginn des Romans betrachtet man das Leben des durch den Tod seiner Mutter völlig aus der Bahn geratenen Theo Decker als das eines zum Spielball der Wellen im Meer des Schicksals gewordenen, in welchem oftmals über ihn entschieden wird statt mit ihm etwas zu entscheiden oder ihn wenigstens mal um seine Meinung zu fragen. Theo wiederum wirkt gerade deshalb über weite Strecken des Anfangs aber auch wie ein unnötig passiver Charakter, der mit sich machen lässt, was andere mit ihm eben machen.

Dann wieder denkt man daran, dass es für seine Passivität, für seine vermeintliche Indifferenz, aber nun auch Gründe gibt und seine Spielräume als Minderjähriger, sein Leben selbst mitzugestalten, nun eben auch arg eingeschränkt sind – und dann leidet man wieder mit ihm mit. Und denkt eigentlich fortwährend über diese Figur nach.

Aber selbst wenn man sich mein gänzliches Unverständnis zuziehen wollte und nichts mit der Hauptfigur anfangen könnte, so böte Donna Tartts Figurenensemble noch ausreichend andere Bezugspunkte, an denen man sich nach Herzenslust abarbeiten könnte. Als Beispiel, ohne ins Detail zu gehen, seien hier die Eltern von Andy Barbour, dem Schulfreund, bei dem Theo nach dem Tode seiner Mutter unterkommt, genannt.

Und dann ist da ja noch diese … nun, kann man das Liebesgeschichte nennen!? Ich denke schon. Denn Theo seinerseits ist völlig entflammt für Pippa, die Nichte des eingangs genannten im Museum verstorbenen Mannes, der Theo erneut begegnet, als er auftragsgemäß den Ring an der übermittelten Adresse abliefern will. Ich gebe zu, oftmals nicht unbedingt Fan von Romantikparts in Büchern zu sein, weil die sich oft nicht auf dem schmalen Grat zwischen gefühlsduseligem Kitsch einerseits und Banalität und eigentlicher Emotionslosigkeit andererseits halten können. Donna Tartt balanciert auf diesem Grat jedoch nicht nur gekonnt, sie schlägt auf ihm Salti und macht die Liebesgeschichte, über die ich ansonsten kein einziges Wort verlieren werde, zur wohl besten seit Martin Suters „Lila, lila“, das hier nur als Referenz genannt wird, weil ich eine hoffe Affinität zu diesem Buch habe, die man nicht teilen muss, und dafür alternativ einen eigenen individuellen Titel eintragen kann.

Zuletzt ist es – natürlich – auch die wendungsreiche Geschichte des jungen Theo Decker, die diesen Roman so lesenswert macht. Tartt lässt ihre Hauptfigur durch Jammertale follettschen Ausmaßes gehen – allerdings segenswerterweise ohne dessen oftmalige Kitschkomponente -, sie lässt sie aber auch immer wieder Hoffnung oder wenigstens Hoffnungsschimmer, manchmal sogar so etwas wie Lebensglück, erleben, bespielweise indem sie ihn auf Boris treffen lässt. Boris ist –  in emotionaler sowie geografischer Hinsicht – ähnlich heimatlos wie Theo, allerdings wohl der einzige, den Theo als wirklichen Freund bezeichnen würde. Selbst wenn das Leben an der Seite dieses Freundes zu einer Passage voller Alkohol und Drogen führt, die manchmal schwer erträglich ist.

Wenn diese wendungsreiche Geschichte überhaupt einen Schwachpunkt hat, dann ist es wohl ein in Richtung einer Räuberpistole gehender Abschnitt im letzten Drittel des Buches, den es meines Erachtens so nun wirklich nicht gebraucht hätte, von dem sich die Autorin allerdings glücklicherweise früh genug wieder verabschiedet, sodass damit in keiner Weise der Gesamteindruck getrübt wird.

Nun hoffe ich, dass bis hierhin ansatzweise verständlich rübergekommen ist, warum das Buch bei mir so einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat, und falls nicht, kann ich es nun auch nicht mehr ändern. Sofern man sich der Tatsache bewusst ist, dass man es hier mit einem Tausendseiter zu tun hat, den man meines Erachtens weder mal so nebenbei, noch in kleinen Häppchen bis Pfingsten 2028 lesen sollte, weil es dem Roman einfach nicht gerecht würde, kann man mit „Der Distelfink“ aus meiner Sicht wirklich nichts falsch machen. Aber auch gar nichts. Wirklich so überhaupt nichts.

Für mich ist es eines der besten, wenn nicht das beste Buch, das ich seit vielen Jahren gelesen habe.

Weitere Rezensionen

AstroLibrium

Kulturgeschwätz

Radiergummi

Kaffeehaussitzer

Demnächst in diesem Blog: Vermutlich „Nach allen Regeln der Kunst“ von Hanns-Josef Ortheil

„Ich hätte da ein paar Fragen an Sie“ von Rebecca Makkai

Buch: „Ich hätte da ein paar Fragen an Sie“

Autorin: Rebecca Makkai

Verlag: Eisele

Ausgabe: Taschenbuch, 560 Seiten

Die Autorin: Rebacca Makkai ist eine der renommiertesten amerikanischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr dritter Roman Die Optimisten bedeutete für sie den großen Durchbruch und wurde nicht nur ein New-York-Times-Bestseller, sondern stand auch auf der Shortlist für den Pulitzer Prize und den National Book Award. Ich hätte da ein paar Fragen an Sie ist ihr vierter Roman, der sofort nach Erscheinen auf die New-York-Times-Bestsellerliste sprang. Rebecca Makkai lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Chicago. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Eigentlich wollte Bodie Kane ihre Zeit am Internat in New Hampshire für immer hinter sich lassen. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung an vier Jahre als Einzelgängerin und an den Mord an ihrer Zimmergenossin Thalia Keith. Trotzdem kehrt Bodie als Dozentin für Medienwissenschaften zurück an das College.

Als eine ihrer Schülerinnen beginnt, an einem Podcast über Thalias Tod zu arbeiten, gerät sie in einen obsessiven Strudel aus Erinnerung, nächtlicher Internetrecherche und imaginären Gesprächen mit ehemaligen Zeitgenossen. (Quelle: Ullstein)

Fazit: Die Lektüre von „Ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie“ liegt schon vergleichsweise lange zurück, ganz unter den Tisch fallen sollte das Buch aber dann doch nicht. Aus Gründen.

In „Ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie“, das ob des etwas sperrigen, wenn auch akkurat übersetzten Originaltitels ab hier vermutlich einfach „das Buch“ genannt werden wird, treffen wir auf Bodie Kane. Bodie ist Ende 30, Anfang 40, steht mit beiden Beinen im Leben, verdient ihr Geld als Dozentin, und betreibt nebenbei einen Podcast. Damit ist sie quasi prädestiniert dafür, ein kurzes Seminar zum Thema Podcasts an ihrem alten College durchzuführen. Allerdings wollte sie an dieses College eigentlich nie zurück, denn unweigerlich damit verbunden sind die Erinnerungen an Bodies Zimmergenossin Thalia, die nach der Abschlussfeier tot im Schulschwimmbad treibend aufgefunden wurde.

Bodie nimmt das Angebot aber dennoch an, denn im Grunde ihres Herzens hat sie immer noch leise Zweifel, ob der damals von der Polizei als Täter identifizierte Sportlehrer Omar Evans, der seitdem auch in Haft sitzt, wirklich schuldig ist oder ob die Ergebnisse der Polizei nicht vielleicht einfach auf Rassismus beruhen. Semisubtil trägt Bodie dazu bei – was man ihr vorhalten kann, aber nicht muss -, dass eine Schülerin sich im Rahmen des Podcast-Seminars dieses Themas annimmt, und versucht – später unterstützt durch einen weiteren Mitschüler – Licht ins Dunkel der damaligen Ermittlungen zu bringen.

Nun mag das bis hierhin wie ein handelsüblicher Krimi klingen, den man schon tausendmal gelesen hat, also irgendwas zwischen einem Campus-Roman und Katzenbach-Thrillern. Damit würde man „Ich hätte da noch ein paar Fragen an Sie“ – jetzt habe ich den Titel doch wieder ausgeschrieben – aber unrecht tun, denn … das Buch (Ha!) ist viel mehr als das.

Da wäre zunächst mal die überzeugend gelungene Protagonistin zu erwähnen. Bodie Kane ist einfach ein zutiefst menschlich wirkender Charakter, der sich zum Wiedersehen mit alten Freundinnen schon mal leicht einen trinkt, ein bisschen mit sich und der Welt hadert und in einer Noch-Beziehung fragwürdiger Ausprägung lebt, in der es beide mit der Treue nicht ganz so genau nehmen. Gerade ihre Darstellung als alles andere als perfekte Person macht sich für mich sehr nahbar. Und spätestens, als Sie in mittlere Fassungslosigkeit und Unverständnis ausbricht, als die mit dem Podcast betraute Schülerin in einer fast schmerzhaft rührenden Fehlinterpretation des Konzepts der „kulturellen Aneignung“ fragt, ob es denn okay sein, wenn Sie einen Podcast über ein Mordopfer anderer Hautfarbe macht, ist sie mir sehr sympathisch.

Zudem zweiten ist es die Fülle von – leider – nach wie vor wichtigen, tagesaktuellen Gesellschaftsthemen, die die Autorin in ihre Handlung einarbeitet und dabei mit einer eindrücklichen Beiläufigkeit verhandelt , die das Buch so lesenswert machen. Rassismus, Sexismus, körperliche Gewalt gegen Frauen, Femizide, MeToo, all das und mehr findet Erwähnung und wirkt gerade deshalb besonders eindrücklich, weil es nicht auf moralisierende Weise erwähnt wird, sondern einfach als faktisch vorhanden, als eben einfach nur da geschildert wird. Die Autorin überlasst es weitgehend ihrer Leserschaft, sich ihre Gedanken dazu zu machen.

Die dritte tragende Säule des Romans ist dann natürlich aber eben auch die Krimihandlung. Die Frage, ob jemand, der in der Vergangenheit als Mörder verurteilt wurde, wirklich der Täter ist, ist als Thema eines Krimis nun wahrlich nicht neu, denn allein gefühlt jeder zweite Katzenbach-Thriller geht von dieser Prämisse aus – bei allem Respekt vor Katzenbach. Es gelingt der Autorin dennoch, aus der altbekannten Thematik etwas Spannendes zu machen. Was diesen Punkt angeht, muss mir die getreue Leserschaft mal vertrauen, denn ich merke, dass ich hier nicht näher ins Detail gehen kann, ohne in Gefahr zu geraten, irgendetwas Wichtiges zu verraten.

Insgesamt kommt dann eine ganz klare Leseempfehlung für Freunde von über die einfache Struktur eines Krimis herausgehende Spannungsliteratur mit gesellschaftskritischem Subtext heraus.

Demnächst in diesem Blog: „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Das wird, so viel sei schon verraten, eine ultimative Lobhudelei werden. Sofern es mir gelingt, die in angemessene Worte zu fassen.

„Die Schattenhand“ und „16 Uhr 50 ab Paddington“ von Agatha Christie

Bücher: „Die Schattenhand“ & „16 Uhr 50 ab Paddington“

Autorin: Agatha Christie

Verlag: Atlantik

Ausgabe: Hardcover

Die Autorin: Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind – auch durch die Verfilmungen – einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren. (Quelle: Atlantik Verlag)

Die Bücher:

„Die Schattenhand“: In der Hoffnung auf ein ruhigeres Leben, hat sich der junge Jerry Burton mit seiner Schwester im idyllischen Städtchen Lymstock niedergelassen. Doch in kürzester Zeit verwandelt sich der Ort zum Schauplatz einer Reihe von Intrigen. Was mit anonymen Hassbriefen beginnt, gipfelt im Selbstmord einer Bewohnerin.

Miss Marple ist zur Stelle, um den Geheimnissen von Lymstock auf die Spur zu kommen. (Quelle: Atlantik Verlag)

„16 Uhr 50 ab Paddington“: Aus ihrem Zugabteil beobachtet Elspeth McGillicuddy einen Mord in einem anderen Zug. Hilflos muss sie zuschauen, wie ein Mann eine Frau erwürgt. Die Frau geht zu Boden, der Zug fährt davon. Es gibt keine Verdächtigen, keine anderen Zeugen – und, zu guter Letzt, auch keine Leiche. Keiner glaubt Elspeth. Außer ihrer Freundin Miss Marple, die nicht ruht, bis sie den Täter dingfest gemacht hat. (Quelle: Atlantik Verlag)

Fazit: Die beiden Bücher waren Bestandteil eines drei Miss-Marple-Bücher umfassenden Sammelbandes älteren Datums, der mir von einer ganz zauberhaften Person geschenkt wurde, weswegen sie auch zusammen zur Sprache kommen sollen. Warum das dritte Buch hier keine Erwähnung findet, dazu später mehr.

In „Die Schattenhand“ begegnen wir dem jungen Jerry Burton und seiner Schwester Joanna. Jerry möchte sich nach einem Flugzeugabsturz erholen und hat sich dafür das vermeintlich ruhige Kleinstädtchen Lymstock auserkoren. Allerdings ist es mit der ländlichen Idylle nicht weit her. Nach kurzer Zeit erhalten die Burtons einen Brief mit, nun, sagen wir obszönen Inhalten. Nachfragen ergeben, dass das nicht der erste Brief dieser Art ist, die in Lymstock verteilt werden.

Doch damit nicht genug, bald gibt es die ersten Todesopfer. So scheint sich Mona Symmington, Ehefrau des Anwalts Richard Symmington, selbst das Leben genommen zu haben. Sie wird nicht das einzige Opfer bleiben, bevor Miss Marple Licht in die Angelegenheit bringt …

„Die Schattenhand“ ist eine dieser kleinen Geschichten, die ich – nicht in der negativen Konnotation gemeint – als „ganz nett“ bezeichnen würde. Das Lokalkolorit, die kleinstädtischen Animositäten und Sympathien kommen gut rüber, der Kriminalfall als solcher gewinnt aus meiner Sicht aber keinen Innovationspreis. Zudem hat die in der Inhaltsangabe erwähnte Miss Marple, anders als es besagte Inhaltsangabe wohl vermuten lässt, vergleichsweise spät ihren ersten Auftritt.

Zudem ist ein „Die Schattenhand“ ein Text, dem man anmerkt, dass sich – auch das ist gar nicht negativ gemeint – so langsam der Staub der Geschichte darauf abgesetzt hat. Spontane Liebschaften zwischen Leuten, die sich gefühlt zweimal gesehen haben und weitere Handlungselemente wirken aus heutiger Sicht nun mal irgendwie befremdlich. Und ja, ich weiß, dass man einen Text vor dem Hintergrund seines Entstehungszeitraums lesen sollte – und dennoch …

Insgesamt ist „Die Schattenhand“ einer jener „Kann man, muss man aber nicht“-Texte aus der Feder von Agatha Christie.

„16 Uhr 50 ab Paddington“ gefiel mir im direkten Vergleich deutlich besser. Zu Beginn des Buches beobachtet Elspeth McGillicuddy – ernsthaft: dieser Name führte bei mir zwangsläufig zur Erinnerung an Loriot-Texte über den Landsitz North Cothelstone Hall, auf dem die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Middle Fritham und Nether Addlethorpe residieren – einen Mord in einem vorbeifahrenden Zug.

Allerdings will ihr niemand Glauben schenken – niemand außer Miss Marple. Die daraufhin mit Ermittlungen beginnt. Ober besser: Sie lässt ermitteln. Anders als in der Verfilmung des Stoffes spielt Miss Marple nämlich auch hier lange Zeit eine eher im Hintergrund stattfindende Rolle, ist aber dennoch deutlich präsenter als in „Die Schattenhand“. Auch die Ermittlungsarbeit als solche wirkt überzeugender, nachvollziehbarer und logischer als in vorgenanntem Buch, auch wenn man als Leser hier wie dort natürlich nach Herzenslust mitraten und herumspekulieren kann.

Nach der Lektüre beider Bücher stellte ich dann abschließend fest, durchaus gut unterhalten worden zu sein, aber – erwartbar – doch eher Anhänger der Poirot-Romane zu bleiben, die mir im direkten Vergleich deutlich komplexer erscheinen.

Dass ich den dritten im Sammelband enthaltenen Roman nicht zur Sprache bringe, hat einen eher kuriosen Hintergrund. Gegen Ende von „16 Uhr 50 ab Paddington“ wollte ich eigentlich nur wissen, wie viele Seiten es noch bis zum dritten Buch sind und blätterte daher weiter nach vorne, ohne groß irgendwas zu lesen. Spoilergründe und so. Mir wollte es aber partout nicht gelingen, den Anfang des dritten Buches zu finden.

Also sah ich etwas genauer hin und blätterte Kapital für Kapital weiter. Und siehe da: Nach Kapitel … 26 oder so folgte doch tatsächlich Kapitel drei des Folgebandes „Bertrams Hotel“. Ich fühlte mich ein bisschen an ein steinaltes Bühnenprogramm von Hape Kerkeling erinnert, in dem er im Rahmen einer Marcel-Reich-Ranicki-Parodie ein Buch von Kerkelings Alter Ego Siegfried Schwäbli rezensiert und sagt: „Das sogenannte Buch beginnt in der Tat etwas ungewöhnlich – nämlich mit Kapitel vier. Wo die ersten drei Kapitel verblieben sind, erfährt der Leser nicht!“ Darauf Schwäbli: „Na ja, die hat halt mein Schwager verbummelt …“

Da in meinem Fall die Urheberschaft durch einen Schwager ausgeschlossen werden kann, schien irgendwann der Blick auf die Seitenzahlen nur zu logisch zu sein. Und ich staunte nicht schlecht, als ich feststellte, dass auf Seite 380 die Seite 401 folgte. 20 Seiten des Buches fehlen schlicht und ergreifend. Die sind auch nicht mutwillig entfernt worden, denn das könnte man sehr wahrscheinlich sehen. Nein, sie sind einfach nicht da. Punktum. Vielleicht bin ich ja im Besitz eines seltenen Fehldrucks, der in Christie-Kreisen sechsstellige Kaufsummen auf den Plan ruft, wer weiß das schon. Die fehlenden Seiten werden mir jedenfalls ein echtes Ministerium bleiben.

Dieser Umstand führte dann dazu, dass ich mir das Ende von „16 Uhr 50 ab Paddington“ doch tatsächlich ergoogeln musste – und auf „Bertrams Hotel“ dann so gar keine Lust mehr hatte …

Demnächst in diesem Blog: „Ich hätte da ein paar Fragen an Sie“ von Rebecca Makkai

„Zeit der Zauberer – Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 -1929“ von Wolfram Eilenberger

Buch: „Zeit der Zauberer“

Autor: Wolfram Eilenberger

Verlag: Klett-Cotta

Ausgabe: Taschenbuch, 431 Seiten

Der Autor: Wolfram Eilenberger, geboren 1972, war langjähriger Chefredakteur des Philosophie Magazins, moderiert die »Sternstunde Philosophie« im Schweizer Fernsehen und ist Mitglied der Programmleitung der ›phil.COLOGNE‹. In zahlreichen Talkshowauftritten im Deutschen Fernsehen gibt er der Philosophie eine Stimme und ein Gesicht. Sein Buch »Zeit der Zauberer« stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste, wurde 2018 mit dem Bayerischen Buchpreis und 2019 mit dem in Frankreich renommierten Prix du Meilleur Livre Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Bestseller »Feuer der Freiheit«. (Quelle: Klett-Cotta)

Das Buch: Die Jahre 1919 bis 1929 markieren eine Epoche unvergleichlicher geistiger Kreativität, in der Gedanken zum ersten Mal gedacht wurden, ohne die das Leben und Denken in unserer Gegenwart nicht dasselbe wäre. Die großen Philosophen Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger prägten diese Epoche und ließen die deutsche Sprache ein letztes Mal vor der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zur Sprache des Geistes werden. (Quelle: Klett-Cotta)

Fazit: Der Ansatz selbst ist nicht neu: Man nimmt sich ein Thema oder eine Epoche – oder, wie hier, ein Thema während einer Epoche – und versucht sich dann an der Darstellung desselben anhand des Lebens und Wirkens einiger prominenter Persönlichkeiten. Von Florian Illies bis Uwe Wittstock haben diesen Ansatz schon so einige gewählt, und auch Wolfram Eilenberger tut das in ganz ähnlicher Form. Und er tut das sehr, sehr gut.

Wir lernen in seinem Buch die großen Philosophen Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin, Ernst Cassirer und Martin Heidegger kennen und begleiten sie während des Zeitraums zwischen 1919 und 1929 in eben ihrem Leben und Wirken.

Auf der einen Seite widmet sich das Buch naturgemäß den entsprechenden Philosophieansätzen der vier großen Denker. Nun bin ich jemand, der im Bereich Philosophie irgendwo zwischen „blutiger Anfänger“ und „interessierter Laie“ einzuordnen ist. Ich erwähne in dem Zusammenhang gerne, dass ich hierzu höchstens mal als Jungspund Jostein Gaarder gelesen habe, dafür auf Weischedels „Philosophischer Hintertreppe“ schwer verunfallt bin. Und wenn man mal davon absieht, dass ich seitdem lediglich versuche, Prechts „Die Geschichte der Philosophie“ und Bertrand Russells „Philosophie des Abendlandes“ zu lesen – was mir vielleicht auch endlich mal gelingen würde, wenn man mir die Muße dazu ließe -, hat sich an diesem Zustand nicht viel geändert.

Aber interessiert bin ich allemal.

Nun ist Interesse allein bei offensichtlichem Vorliegen eines begrenzten Erkenntnishorizonts manchmal leider nicht ausreichend, bei allem Bemühen Eilenbergers, den Lesern das Schaffen seiner Protagonisten verständlich darzulegen. Allein voran sei hier Martin Heidegger genannt. Der Herr hielt es offenbar für notwendig, die unter Umständen vielleicht sogar intellektuell zu durchdringenden Inhalte seines philosophischen Denkens durch Verwendung einer an Neologismen so reichen Fachterminologie –  für die es sogar einen separaten Wikipedia-Eintrag gibt – zu verkomplizieren, sodass ich beim Versuch der Erkenntnis einfach irgendwann die Segel strich und das Ganze als gewollt elaboriertes, affektiertes Geschwafel abtat. Ich bin mir sicher, ich tue ihm damit unrecht. Es ist mir nur herzlich egal. Auch weil ich abseits des reinen philosophischen Wirkens keinen Bezug zu ihm finde.

Insbesondere Benjamin, aber auch Cassirer, und mit Abstrichen sogar Wittgenstein, machen es einem da deutlich einfacher. Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ kann man tatsächlich verstehen, auch das unstet wirkende Schaffen von Walter Benjamin – das das Wesen der Person Walter Benjamin passend zu spiegeln scheint –  ist ohne große Hirnverrenkungen nachvollziehbar. Wittgenstein und sein „Tractatus logico-philosophicus“ ist da natürlich eine ganz andere Hausnummer, geblieben ist bei mir aber zumindest die diffuse Überzeugung, grob verstanden zu haben, was mir Wittgenstein sagen will.

Wolfram Eilenberger gibt sich also, wie erwähnt, alle erdenkliche Mühe, das Wirken der vier großen Denker möglichst verständlich darzustellen, Heidegger hin oder her. Die große Leistung des Autors liegt meines Erachtens aber noch in etwas anderem: Wenn ich eingangs sinngemäß schreibe, dass wir die großen Philosophen „kennenlernen“, dann ist das durchaus wörtlich zu verstehen. Eilenberger gelingt es, der Leserschaft ein ziemlich gutes Gefühl für die Menschen Heidegger, Benjamin, Cassirer und Wittgenstein zu geben, für die Privatpersonen, die sie eben auch waren. Und nicht alle davon muss man zwingend mögen. Heidegger. Mit anderen würde man ohne große Probleme ein Bier trinken gehen. Cassirer. Einigen möchte man auch gerne einfach irgendwie helfen. Benjamin. Und wenn man dann auf die im Buch enthaltenen Fotos schaut, hat man das Gefühl, ziemlich genau zu wissen, warum der Blick eines der Protagonisten an den von Private Paula in den sanitären Anlagen des Marine Corps Recruit Depot Parris Island erinnert. Wittgenstein.

In Summe ergibt all das ein sehr lesenswertes Buch, von dem die beiden Nachfolger ziemlich sicher sehr bald bei mir einziehen werden. Selbst unter der Annahme, man würde vom philosophischen Denken der Protagonisten nicht ein einziges Wort verstehen, bliebe immer noch das überzeugende Portrait von vier großen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts.

Klare Leseempfehlung – wenn man thematisch wenigstens im Ansatz interessiert ist.

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