„Commissaria Iva Markulin und Die Schatten über der Adria“ von Ines Calic

Buch: „Commissaria Iva Markulin und Die Schatten über der Adria“

Autorin: Ines Calic

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Paperback, 400 Seiten

Die Autorin: Ines Calic wuchs in Berlin, Paris und Istrien auf und studierte in Salzburg Jura. Journalistische Erfahrungen sammelte sie beim Aktuellen Dienst des ORF, ehe sie am Institut für Europäische Rechtsgeschichte zur Zeitgeschichte und zur nationalsozialistischen Gesetzgebung forschte. Brisante Themen aus Wissenschaft und Politik liefern Stoff und Hintergrund für ihre Bücher, sie schreibt Krimis und Thriller. Ines Calic ist Mitglied der International Thriller Writers und der Internationalen Liga für Menschenrechte. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb, hängt ihren Job an den Nagel, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Sie genießt es, wieder in der Heimat zu sein, umgeben von malerischen Städten, Stränden mit türkisem Wasser und köstlichem Essen.

Doch sie gönnt sich keine Ruhe und ruft eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Als erfolgreiche «Mafiajägerin» ist sie keine Unbekannte und macht schnell Bekanntschaft mit einflussreichen Personen. Sie erfährt von der bratstvo – einer Bruderschaft, die die schützende Hand über jedes ihrer Mitglieder hält, egal, wie tief diese in Korruption und Betrug stecken. Doch Iva lässt sich nicht einschüchtern und gräbt tief. Als sie bedroht wird, ist sie sicher, dass sie auf der richtigen Spur ist. Sie setzt alles daran, den Fall zu lösen – Iva will Gerechtigkeit, keine Rache. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Wenn man vor hier aus – und „hier“ bedeutet so viel wie „da, wo ich gerade sitze“ – immer südwärts durch das ganze Land fährt und bei den österreichischen Nachbarn so grob auf Höhe von Villach ist, dann sind es nur noch ein paar Dutzend Kilometer durch Slowenien. Kommt man in Rijeka oder Triest an, auf der Kreuzworträtselinsel Krk oder in Senj, Drehort der Serie „Die rote Zora“ – die Älteren werden sich erinnern -, dann ist es überall dort auch schön, aber dann hat man sich eben eindeutig verfahren.

Richtig unterwegs ist man, wenn man irgendwo zwischen Pula und Medulin ankommt, in einem wunderschönen Landstrich voller Sonnenschein, Oleander und Singzikaden, die einem aus Pinien auf die Knie fallen. Lange Geschichte.

In einem wunderschönen Landstrich jedenfalls, in dem ich früher™ – so viel früher™, dass es mittlerweile wie aus einem anderen Leben erscheint – selbst recht häufig war, und an den ich, wenn schon nicht persönlich, so doch wenigstens literarisch gerne zurückkehre, womit wir dann bei Ines Calic‘ Roman „Die Schatten über der Adria“ wären.

An dessen Beginn treffen wir auf die Protagonistin, Staatsanwältin Iva Markulin. Nach einem gemeinsamen Abend im Restaurant will ihr Ehemann das Auto holen und kommt dabei durch eine Autobombe ums Leben. Iva, die zwar aus Istrien stammt, ihren beruflichen Lebensmittelpunkt aber mittlerweile in Zagreb hat, tritt von ihrem Amt als Staatsanwältin zurück, um an der Spitze einer Sonderkommission vor Ort ermitteln zu können, wer ihren Mann getötet hat – oder ob die Autobombe vielleicht sogar ihr selbst gegolten hat.

Auf und abseits der reinen Handlungsebene gibt es tatsächlich ziemlich vieles, was man in Ines Calic‘ Krimi loben kann. Da wäre natürlich zuvorderst die gehörige Portion Lokalkolorit, von dem das Buch lebt. Dabei kommen nicht nur die Schönheiten des Landes zur Geltung, sondern eben auch die Probleme, vor denen Istrien beispielsweise angesichts aktueller klimatischer Veränderungen steht, in Form von bislang unbekannten Hitzeperioden oder zunehmenden Schwierigkeiten für die ortsansässigen Fischer, in den etablierten Fanggründen auch tatsächlich noch etwas zu fangen.

Aber auch die auf – nun, sagen wir mal: Kungelei – funktionierende Gesellschaft der Halbinsel findet Erwähnung. Und das hat am Anfang sogar noch humorigen Unterhaltungswert, wenn Iva ihre Einsetzung als Leiterin der Sonderkommission nur durch einflussreiche Freunde durchsetzen kann, und auf diese Weise eine Telefonkette hinab auf der politischen Bedeutungsleiter in Gang gesetzt wird, in der jeder Entscheidungsträger dem jeweiligen Untergebenen in einer Mischung aus überbordender, aufgesetzter Freundlichkeit und unverhohlener Androhung von Konsequenzen andient, Markulin doch eben in diese Sonderkommission zu berufen, weil man sich doch darin einig sei, dass das eine gute Idee wäre …

Im Laufe der Handlung stellt sich jedoch raus, dass diese Form der Kungelei auch ihre Schattenseiten hat.

Lokalkolorit allein wäre für eine unterhaltsame Lektüre allerdings wohl etwas wenig. So wären beispielsweise überzeugende Charaktere noch ganz nett. In der Hinsicht muss ich gestehen, mit der Protagonistin zuweilen ein wenig zu fremdeln, und sie in ihrem Verhalten – eher, was das persönliche, familiäre Umfeld angeht – nicht immer nachvollziehbar zu finden. Aber jeder Jeck ist anders. Dafür geben die restlichen Figuren keinen Grund zur Beanstandung, und zusätzlich ist positiv zu erwähnen, dass sich Ines Calic auch nicht vor überraschenden, vielleicht sogar unpopulären Personalentscheidungen fürchtet. Zwar schwebt nicht, wie bei Markus Heitz oder George R. R. Martin, jede Figur mit Sprechrolle fürderhin durchgehend in Todesgefahr, aber so ganz sicher können sich die Charaktere bei Ines Calic eben auch nicht fühlen.

Da es sich um einen Krimi handelt, dürfte der für die geneigte Leserschaft wichtigste Aspekt aber vermutlich eben diese Krimihandlung darstellen. Und auch hier habe ich grundsätzlich wenig zu meckern. Mag die in der Inhaltsangabe erwähnte „bratstvo“ auch ein bisschen an das verschwörungsideologische Deep-State-Geblubber moderner Zeiten erinnern, funktioniert sie als Handlungselement ziemlich gut. In Zusammenhang mit weiteren Aspekten der Handlung, über die ich mal wieder nicht ausgiebig reden kann, ohne zu spoilern, wirkt Calic‘ Handlung und Thematik erfrischend unverbraucht.

Allerdings merkt man dem Ende an, dass es sich um einen Reihenauftakt handelt. Zwar ist die Handlung prinzipiell schon abgeschlossen, man erkennt aber, dass hier noch nicht alles auserzählt, noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Und das ist im Grunde genommen ja auch gut so, macht es doch durchaus neugierig auf die Fortsetzungen, die da hoffentlich kommen. Ich freu mich jedenfalls drauf.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlose Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um eine Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Mal schauen. Vielleicht packe ich mal wieder ein paar Kurzeindrücke zu Liegengebliebenem in einen Beitrag.

Soll- und Ist-Vergleich oder Wunsch und Wirklichkeit

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

um es vorweg zu sagen: Die folgenden Zeilen dienen primär als eine Art freundlicher Reminder an mich selbst, werden für die geneigte Leserschaft daher unter Umständen von untergeordnetem Interesse sein – und fürderhin immer dann von mir gelesen werden, wenn ich mal wieder der Meinung bin, Pläne machen zu wollen. Denn darum geht es. Pläne. Konkret um die, die ich vor gut einem Vierteljahr mal in diesem Beitrag verschriftlicht habe, um damit den Versuch zu unternehmen, wenigstens den Bereich „Bücher und Blog“ besser zu planen und zu strukturieren, wenn sich gerade sonst schon relativ viel meiner Kontrolle entzieht.

Und nun, so etwa ein gutes Vierteljahr später, erschien es mir doch mal an der Zeit, Plan und Realität miteinander abzugleichen.

Die Planung diente seinerzeit in erster Linie drei größeren Zielen: Einerseits sollten die Stapel der ungelesenen Bücher in dieser Zeit signifikant verkleinert werden. Zum Erreichen dieses Ziels sollten beispielsweise endlich mal diverse Klassiker angegangen werden, die mir freundlicherweise regelmäßig geschenkt werden, um sie dann nicht zu lesen. Unterstützend sollten notfalls rigoros Bücher abgebrochen werden, wenn sie mir nach einiger Zeit nicht zusagen.

Tja.

Also …

Nun, wie sag ichs …?

Wenn wir mal ehrlich sind, so unter uns, dann steht die Vermutung im Raum, dass dieses Vorhaben Folge eines mir rückblickend nicht mehr erinnerlichen, aber doch offensichtlich vorhandenen, gigantischen Silvester-Katers gewesen sein muss, der sich wohl bis zum 3. Januar hinzog. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Denn so wirklich geklappt hat nichts davon. Im Gegenteil. Die Stapel ungelesener Bücher sind, wenn auch nur unwesentlich, noch größer geworden, unter den in den letzten drei Monaten gelesenen Büchern befindet sich exakt eines aus dem Bereich der sog. „Klassiker“, wenn man „Mord im Orientexpress“ dazu zählen möchte, und der Abbruch von Büchern verursacht bei mir offensichtlich weiterhin irgendwas zwischen körperlichen Schmerzen und Sinnkrise.

Haken wir diesen Bereich also ab und tun bestenfalls so, als hätte es ihn nie gegeben.

Der zweite große Teil der Planungen betraf den Wunsch, sich mal wieder vermehrt mit einstigen Lieblingsgenres wie den historischen Romanen oder der Fantasy zu beschäftigen. Und auch hier ist der Erfolg … überschaubar. Zugegeben, mit „Abgrund“ von Robert Harris war, wenn man so will, ein historischer Roman dabei, auch wenn der mich nicht so wirklich überzeugte. Und mit „Im Wind der Freiheit“ von Tanja Kinkel sogar noch ein zweiter, und diesmal auch ein richtig, richtig guter. Aber so einen richtigen Fokus auf das Genre würde ich daraus nicht ableiten.

Ähnlich sieht es mit der Fantasy aus. Ja, ich stecke gerade mittendrin in „Im Schatten Simyalas 1 – Ruinen der Elfen“ von Lena Falkenhagen und Thomas Finn, zu dem es zeitnah – so viel kann ich jetzt schon verraten – sehr wahrscheinlich wohl eine nostalgisch verklärte Lobhudelei meinerseits geben wird, und zudem habe ich mir den ersten Teil von Tad Williams „Der Drachenbeinthron“ organisiert, stecke darin aber ziemlich fest und werde ihn vermutlich in etwa zum selben Zeitpunkt durchgelesen haben, an dem Philipp Amthor Alterspräsident des Bundestages wird. Mal schauen. Aber auch hier: Einen richtigen Fokus auf das Genre würde ich daraus nicht ableiten.

Insofern haben zwei der drei geplanten Vorhaben nicht so wirklich gut geklappt, scheint es. Das dritte davon beschäftigte sich mit den Neuerscheinungen, mit denen ich mich in den letzten drei Jahren so auseinandersetzen wollte. Im Einzelnen waren das:

Die Verdorbenen“ von Michael Köhlmeier – nicht gelesen

Wackelkontakt“ von Wolf Haas – nicht gelesen. Kommt irgendwann in der günstigeren Ausgabe – ich hab Zeit.

Die Schatten der Ideen“ von Klaus Modick – nicht gelesen

Hundert Wörter für Schnee“ von Franzobel – nicht gelesen

Im Wind der Freiheit“ von Tanja Kinkel – gelesen. Siehe oben.

Atom“ von Steffen Kopetzky – noch nicht gelesen, auch wenn ich eigentlich wollte. Der Verlag hat sich aber augenscheinlich entschieden, die vermutlich kitschigste Stelle des Romans als Auszug zu verwenden. Schreckte mich ab. Man wird sehen.

Die Rückseite des Lebens“ von Yasmina Reza – nicht gelesen. Warum? Weil es mir erst wieder einfiel, als ich mich mit dem Beitrag hier beschäftigte … klingt aber immer noch lesenswert. Man wird sehen.

Ósmann“ von Joachim B. Schmidt – nicht gelesen

Die Schule der Nacht“ von Nacht von Karl Ove Knausgård – gelesen und für außerordentlich gut befunden. Was aber auch daran liegen mag, dass ich auch eine Knausgårdsche Adaption des Telefonbuchs von Olpe im Sauerland für außerordentlich gut befinden würde.

Das Haus der Türen“ von Tan Twan Eng sowie „Der Duft des Wals“ von Paul Ruban erscheinen erst noch, eine Lektüre erscheint mir derzeit aber unwahrscheinlich.

Fazit: Was lerne ich also nun aus dem mauen Soll-Ist-Abgleich zwischen Planung und Realität? Nun, zunächst mal tue ich nach außen hin so, als würde mich das nicht stören. Und darüber hinaus akzeptiere ich schweren Herzens, dass sich so etwas wie anstehende Lektüren schwerlich planen lassen oder ich einfach nicht der Typ dafür bin, sich an solche Pläne zu halten. Und zudem steht ja auch noch die Frage im Raum, inwiefern eine solche Planung überhaupt sinnvoll ist.

Aber die soll an einem anderen Tag beantwortet werden.

Gehabt euch wohl.

„Die Schule der Nacht“ von Karl Ove Knausgård

Buch: „Die Schule der Nacht“

Autor: Karl Ove Knausgård

Verlag: Luchterhand

Ausgabe: Hardcover, 672 Seiten

Der Autor: Karl Ove Knausgård wurde 1968 geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiographischen Projektes wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in 35 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. 2015 erhielt Karl Ove Knausgård den WELT-Literaturpreis, 2017 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur, 2022 nahm er in Kopenhagen den Hans-Christan-Andersen-Literaturpreis entgegen. Er lebt in London. (Quelle: Penguin)

Das Buch: Eine winzige Insel vor der norwegischen Küste: Kristian Hadeland, erfolgreicher Künstler mit einer Karriere in London und einer bevorstehenden Retrospektive am MoMa in New York, hat sich in die Abgeschiedenheit zurückgezogen. Er will seinem Leben ein Ende setzen. »Tod und Vergänglichkeit«, das war das große Thema seines fotografischen Werks, mit dem er sich über sämtliche Regeln hinwegsetzte und in der Kunstwelt für Furore sorgte. Für diesen Ruhm ist er einen faustischen Bund eingegangen. Jetzt steht er vor den Trümmern eines rücksichtslosen Lebens und bittet um Erlösung. Möglicherweise vergeblich. (Quelle: Penguin)

Fazit: Wenn ich dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gerade etwas ankreide, dann, dass sie mir nicht genügend Zeit lassen, um in ausreichendem Maße zu lesen. Und mit „im ausreichendem Maße“ meine ich „ausschließlich“. Denn sonst wäre ich einerseits viel ausgeglichener als ich es bin und hätte andererseits „Die Schule der Nacht“ schon längst durchgehabt, einfach weil es aus meiner Sicht das bislang beste Buch aus der „Morgenstern“-Reihe des norwegischen Autors ist, und ich die ersten gut 300 Seiten geradezu rauschhaft gelesen habe – bis dann eben das Leben, das Universum und der ganze Rest dazwischenkamen.

Zu Beginn des Romans sitzt dessen Protagonist Kristian Hadeland am Tisch und verfasst Notizen, in denen er die potenzielle Leserschaft wissen lässt, dass er einerseits gedenkt, seinem Leben ein Ende zu setzen, allerdings nicht, ohne andererseits die Gründe dafür vorher aufzuschreiben.

Im Folgenden macht die Handlung einen zeitlichen Schritt zurück in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Hadeland studiert in London Fotografie und macht sich über die Weihnachtsfeiertage auf, seine Familie in Norwegen zu besuchen. Und schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass Hadeland irgendwie „anders“ ist. Allerdings nicht anders auf die erfrischende, unkonventionelle Art, sondern auf die unangenehme, etwas gruselige. In einem Radiobeitrag beschrieb man ihn als in empathischer Hinsicht „merklich reduziert“ und der Autor selbst ihn als „Trumpsche Figur“. Und beides ist ziemlich treffend.

Hadelands Ich-Bezogenheit, seine Rücksichtslosigkeit und emotionale Kälte werden also schon nach wenigen Seiten deutlich. Einem potenziellen Selbstmordversuch seiner Schwester an den Feiertagen steht er beispielsweise ziemlich indifferent gegenüber, nutzt die Gelegenheit des leeren Hauses – da alle anderen im Krankenhaus bei besagter Schwester sind – vielmehr, um das kaum angetastete Weihnachtsessen sowie das Zimmer seiner Schwester zu fotografieren, weil man das für irgendein Fotoprojekt ja nochmal brauchen könnte. Auch als er ohne Wissen seiner Eltern Zeuge wird, wie sein Vater ihn im Gespräch mit seiner Mutter als „Vollblut-Narzissten“ bezeichnet – und vermutlich noch nie in der Geschichte der Literatur hat eine Figur mit der Beschreibung einer anderen so richtig gelegen -, sucht er nicht etwa das Gespräch, sondern bricht einfach den Kontakt zur Familie ab.

Zu der emotionalen Kälte gesellt sich noch eine gehörige Portion Überheblichkeit, die sich unter anderem darin äußert, dass Hadeland oftmals über die vermeintliche Bedeutungslosigkeit des Lebens Anderer nachdenkt, sich persönlich und sein Schaffen jedoch massiv überhöht. Und das, obwohl seine Kunst auch an seiner Uni eigentlich lange Zeit nicht wirklich gut ankommt. Anstatt zu darüber nachzusinnen, wie er es besser machen könnte, sind für Hadeland natürlich wieder die Anderen schuld, die seine vermeintliche Genialität ob ihrer eigenen Beschränktheit einfach nicht erkennen können. In diesem Punkt wirkt er ein bisschen so wie der Menderes Bağcı der Fotografie – bei allem Respekt vor Menderes.

Mit Hadeland hat der norwegische Autor den mit gigantischem Abstand unangenehmsten Protagonisten aller mir bekannten Knausgård-Bücher geschaffen – und das will durchaus was heißen, wenn man beispielsweise mal „Aus der Welt“ gelesen hat.

Allerdings wirkt die Hauptfigur für mich als Leser weniger abschreckend als vielmehr faszinierend. Sie ist wie etwas, bei dem man eigentlich nicht hinsehen will aber auch nicht wegsehen kann. Ganz großes Kino.

Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Narzissten wäre allein für sich genommen schon lesenswert genug, wenn man sie so umsetzt, wie der Norweger und man sie – das muss an dieser Stelle gesagt sein – so unheimlich gut übersetzt wie Paul Berf das hier getan hat.

Knausgård bewirft diese Geschichte allerdings noch mit einer Vielzahl weiterer Themen, sieht, was davon hängenbleibt und klöppelt das Ganze dann zusammen. Und während einiges davon wohl nur der inhaltlichen Ausgestaltung des Romans dient – man erfährt beispielsweise das eine oder andere über die Anfänge der Fotografie und die erste Dageurrotypie, die einen Menschen auf einem Bild festhält – „Boulevard du Temple“, 1838 -, hat anderes sicherlich seinen Sinn auf der Deutungs- und Bedeutungsebene des Romans. So zieht sich etwa das Thema der Musik von vorne bis hinten durch den Roman. Abseits davon, dass Knausgårds Protagonist auch hier verhaltensoriginelle Züge zeigt, weil seine Plattensammlung zwingend nach bestimmter Systematik geordnet werden muss, bin ich mir sicher, dass der Autor mir mit der Auswahl der erwähnten Bands etwas sagen will – ich bin mir nur unsicher, was, denn ich muss zugeben, von Bands wie „Hüsker Dü“ tatsächlich erst in diesem Roman zum ersten Mal gehört zu haben.

Und mir ist auch nicht verborgen geblieben, dass sich das „Faust“-Thema aus der Literaturgeschichte durch den Roman zieht, in erster Linie in Form des Dramas von Christopher Marlowe. Und ja, Parallelen zu Kristian Hadelands Geschichte sind auch für mich offensichtlich. Sehr viel besser kann man das allerdings wohl beurteilen, wenn man – anders als ich – Marlowe oder Shakespeare oder meinetwegen Goethe oder wenigstens Thomas Mann mal gelesen hat. Aber das sollten dahingehend klügere Menschen als ich beurteilen.

Ich kann für mich nur festhalten, dass „Die Schule der Nacht“ zweifelsfrei das beste der Bücher aus der „Morgenstern“-Reihe darstellt, auch weil es die Möglichkeit bietet, es ohne Vorkenntnisse der anderen Bücher bzw. auch einfach nur so als Einzelband zu lesen, weil die Zusammenhänge zur übergeordneten Geschichte bestenfalls überschaubar sind.

Sicherlich ist „Die Schule der Nacht“ nicht unbedingt Wohlfühl-Literatur. Und man kann sich zweifelsfrei die Frage stellen, ob man sich angesichts der Tatsache, dass man jeden Morgen erst mal nachsehen muss, ob der amerikanische Präsident oder einer seiner beiden Minions wieder lange wach war, auch noch ein Buch geben muss, dessen Protagonist ganz ähnliche Züge trägt. Und ebenso zweifelsfrei muss man das natürlich nicht. Meiner unbescheidenen Meinung nach sollte man aber.

Ganz klare Leseempfehlung!

Ich danke dem Luchterhand Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.

Demnächst in diesem Blog: Sehr wahrscheinlich „Die Inkommensurablen“ von Raphaela Edelbauer oder „Nacht der Ruinen“ von Cay Rademacher.