Buch: „Ein ungezähmtes Tier“
Autor: Joël Dicker
Verlag: Piper
Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten
Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ und „Das Geheimnis von Zimmer 622“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)
Das Buch: 2. Juli 2022: In Genf bereiten zwei Einbrecher den Überfall auf einen Juwelier vor. Doch dieser Raub ist alles andere als zufälliges Verbrechen …
Fünf Tage zuvor plant Sophie Braun ein großes Fest anlässlich ihres 40. Geburtstags. Sie lebt mit ihrer Familie in einem großzügigen Haus am Genfer See, das Leben scheint ihr zuzulächeln. Aber die Idylle trügt. Denn ihr Ehemann ist offenbar in kriminelle Machenschaften verstrickt. Ihr Nachbar, ein vermeintlich untadeliger Polizist, spioniert die intimsten Winkel ihres Lebens aus. Und dann offeriert ihr ein Unbekannter ein Geschenk, das sie tief erschüttern wird.
Was verbirgt sich hinter der schillernden Fassade des privilegierten Paars? Und was verbindet sie mit dem raffinierten Juwelenraub? (Quelle: Piper)
Fazit: Eine ganz zauberhafte, langjährige Leserin meines Blogs geht bezüglich meiner Meinungsäußerung zum neuen Roman von Joël Dicker von nichts weniger als einer weiteren „Huldigung“ aus. Und wenn man weiß, welche Begeisterung ich den Romanen des Autors entgegenbringe, und mit welcher Ungeduld ich auf Neuerscheinungen warte, dann ist das eine absolut realistische Erwartungshaltung.
Die tatsächliche Sachlage ist diesmal jedoch unerwarteterweise etwas … komplexer.
Zu Beginn lernen wir das Ehepaar Sophie und Arpad Braun – an zahlreichen Stellen im Roman plötzlich „Brown“ genannt, da sollte man nochmal drüber schauen – kennen. Sie ist erfolgreiche, charismatische und umwerfend schöne Anwältin Ende 30, er ist aufstrebender Banker, was ihnen insgesamt ein auskömmliches Leben in einem glaslastigen Traumhaus unweit von Genf ermöglicht.
In einem für Angehörige der Mittelschicht gedachten Neubaugebiet – das von den ortsansässigen Upper-Class-Anwohnern abfällig „Die Warze“ genannt wird – in der Nachbarschaft der Brauns lebt das Paar Karine und Greg. Sie ist in einer Boutique angestellt, er ist Mitglied eines Sondereinsatzkommandos der Polizei.
Beide Paare freunden sich an. Von Seiten Karines und Gregs basiert diese Freundschaft tatsächlich aber primär auf Neid und Obsession. So stellt Karine, konfrontiert mit dem Luxusleben des befreundeten Paares, die Trostlosigkeit ihres eigenen Familienlebens fest, Greg wiederum ist Sophie schon nach kurzer Zeit vollkommen verfallen, und beginnt, sie vom Waldrand aus in ihrem Haus zu beobachten. Und damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an.
Wenn man weiß, ich ich zu den bisherigen Romanen von Joël Dicker stehe, dann weiß man auch, dass mir die Charaktere für gewöhnlich recht gut gefallen, selbst wenn die immer etwas „drüber“, immer etwas überzeichnet sind. Solche Charaktere fehlen in „Ein ungezähmtes Tier“ leider vollkommen. Kann ich über den Umstand, dass Dicker seinen Roman erneut in irgendeiner Upper-Class-Umgebung stattfinden lässt, und mit entsprechenden Figuren bevölkert, noch mit leichten Stirnrunzeln quittieren, erreichen mich seine Protagonisten leider nicht. Ihnen allen ist gemein, dass sie unehrlich, verschlagen, hinterlistig und profilneurotisch sind. Vielleicht noch mit Ausnahme von Karine, die … eigentlich nur profilneurotisch ist.
Nun muss das nichts Schlechtes sein, außerdem hat es schon seinen Sinn und Zweck, warum die Charaktere sind, wie sie eben sind. Und wenn man so will, verhandelt Dicker in seinem Roman über seine Figuren auch überzeugend Fragen zu althergebrachten Rollenbildern, Alphamännchen und ihrem Geltungsdrang und ähnliche Dinge.
Wenn ich aber einen Spannungsroman lese – und um einen solchen scheint es sich bei „Ein ungezähmtes Tier“ zweifelsfrei zu handeln -, dann stören solche Fragestellungen nicht, wichtiger sind aber eben meines Erachtens Figuren, an deren Schicksal ich auch Anteil nehme. Mir sind Sophie, Arpad und insbesondere Greg ob ihrer offensichtlichen Unehrlichkeit und Verschlagenheit nur leider sehr bald völlig egal, während ich mich bei Karine – die mich immer ein bisschen an Helen Lovejoy aus den „Simpsons“ und ihr „Kann denn nicht ein einziges Mal jemand an die Kinder denken?!“ erinnerte – gefragt habe, wie sie bisher eigentlich so durchs Leben kam.
Aber hey, an Figuren scheiden sich zuweilen die Geister und es gibt zuhauf Stimmen, die die überzeichneten Figuren aus früheren Dicker-Romanen als eben viel zu überzeichnet beklagen, während sie mir gefielen, insofern werden Sophie, Arpad, Greg und Karine sicherlich auch viele Befürworter finden. Ich gehöre nur leider nicht dazu.
Meiner Begeisterung zusätzlich abträglich war tatsächlich der Stil, die Sprache, in der das Buch gehalten ist. Und damit habe ich nun, um ehrlich zu sein, gar nicht gerechnet.
Ich kann das gar nicht genau festmachen, aber insgesamt wirkt „Ein ungezähmtes Tier“ in sprachlicher Hinsicht etwas … rudimentärer als frühere Romane. Phasenweise erscheint der Text wie ein Aufsatz recht früher Klassenstufen, bei denen die Lehrkraft vorher darauf hingewiesen hat, dass es ganz dolle viel Spannung erzeugt, wenn man viele Fragen einbaut, auch solche der Charaktere an sich selbst. Ob das letztlich funktioniert? Ob das nicht vielleicht sogar kontraproduktiv wirkt? Ob es stilistisch aber wenigstens ungeschickt rüberkommt? Ob es vielleicht sogar sehr bald veritabel nervt? Wer weiß das alles schon so genau?
Außerdem ist das Buch in stilistischer Hinsicht an vielen Stellen ein ziemlicher Verstoß gegen das gute, alte „Show, don’t tell!“. Der Autor erklärt der Leserschaft tatsächlich an vielen Stellen bis ins Detail, wie sich die Figuren gerade weswegen fühlen, was dieses und jenes warum mit ihnen gemacht hat usw., anstatt das auf etwas ansprechendere Art und Weise, vielleicht über Dialoge, Gesten usw. zu transportieren und seiner Leserschaft zuzutrauen, selbst einzuordnen, wie sich seine Protagonisten gerade weswegen fühlen und warum sie daher dieses oder jenes tun.
Ich hab mich lange gefragt, warum mir „Ein ungezähmtes Tier“ sprachlich im Vergleich zu früheren Romanen so sauer aufgestoßen ist, genau erklären kann ich es mir nicht. Die Übersetzerinnen Michaela Meßner und Amelie Thoma haben sicherlich einen guten Job gemacht, was man auch mal wohlwollend erwähnen sollte. Daran kann es also nicht liegen. Mag die Ursache vielleicht die sein, dass Dicker mittlerweile seinen eigenen Verlag gegründet und hat und vielleicht ein laxeres Lektorat Einzug gehalten hat, weil man dem Verlagsgründer nicht sagen wollte, dass sein Buch in stilistischer Hinsicht nicht an frühere Bücher heranreicht? Man weiß es nicht, man munkelt nur.
Und dass Dickers neuer Roman an diesen entscheidenden Stellen so schwächelt, ist eigentlich sehr schade. Denn vom Aufbau und Inhalt des Buches kann man dem Autor erneut keinen großen Vorwurf machen. Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Abschnitt über den Tag des Überfalls auf den Juwelier, im Folgenden wird dann Tag für Tag der Weg dorthin beschrieben, erklärt, wie es soweit kommen konnte und wer da überhaupt wen aus welchen Gründen überfällt. Das überzeugt mich persönlich genauso wie die Geschichte selbst, über die ich nicht zu viel verraten kann und will. Allein dadurch, dass praktisch alle Hauptfiguren Geheimnisse und Dreck am Stecken haben, wäre es schade, hier irgendwas vorwegzunehmen.
Was bleibt, ist also ein hinsichtlich seines Aufbaus und Plots erneut – zumindest über weite Strecken – überzeugender Roman, der aber an seinen Figuren und an seinen mysteriösen, stilistischen Schwächen krankt. Was bleibt, ist ein Buch, dass man trotz allem guten Gewissens lesen kann, und das einen gut unterhält, was sich daran erkennen lässt, dass ich die Lektüre an einem Montag begonnen und an einem Mittwoch beendet habe, während ich am dazwischenliegenden Dienstag keine Zeit zum Lesen hatte.
Was bleibt, ist aber auch das diffuse Gefühl einer leichten Enttäuschung.
Weitere Rezensionen:
Demnächst in diesem Blog: Tim Sullivan oder Andreas Eschbach.