„Ein ungezähmtes Tier“ von Joël Dicker

Buch: „Ein ungezähmtes Tier“

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ und „Das Geheimnis von Zimmer 622“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)

Das Buch: 2. Juli 2022: In Genf bereiten zwei Einbrecher den Überfall auf einen Juwelier vor. Doch dieser Raub ist alles andere als zufälliges Verbrechen …

Fünf Tage zuvor plant Sophie Braun ein großes Fest anlässlich ihres 40. Geburtstags. Sie lebt mit ihrer Familie in einem großzügigen Haus am Genfer See, das Leben scheint ihr zuzulächeln. Aber die Idylle trügt. Denn ihr Ehemann ist offenbar in kriminelle Machenschaften verstrickt. Ihr Nachbar, ein vermeintlich untadeliger Polizist, spioniert die intimsten Winkel ihres Lebens aus. Und dann offeriert ihr ein Unbekannter ein Geschenk, das sie tief erschüttern wird.

Was verbirgt sich hinter der schillernden Fassade des privilegierten Paars? Und was verbindet sie mit dem raffinierten Juwelenraub? (Quelle: Piper)

Fazit: Eine ganz zauberhafte, langjährige Leserin meines Blogs geht bezüglich meiner Meinungsäußerung zum neuen Roman von Joël Dicker von nichts weniger als einer weiteren „Huldigung“ aus. Und wenn man weiß, welche Begeisterung ich den Romanen des Autors entgegenbringe, und mit welcher Ungeduld ich auf Neuerscheinungen warte, dann ist das eine absolut realistische Erwartungshaltung.

Die tatsächliche Sachlage ist diesmal jedoch unerwarteterweise etwas … komplexer.

Zu Beginn lernen wir das Ehepaar Sophie und Arpad Braun – an zahlreichen Stellen im Roman plötzlich „Brown“ genannt, da sollte man nochmal drüber schauen – kennen. Sie ist erfolgreiche, charismatische und umwerfend schöne Anwältin Ende 30, er ist aufstrebender Banker, was ihnen insgesamt ein auskömmliches Leben in einem glaslastigen Traumhaus unweit von Genf ermöglicht.

In einem für Angehörige der Mittelschicht gedachten Neubaugebiet – das von den ortsansässigen Upper-Class-Anwohnern abfällig „Die Warze“ genannt wird – in der Nachbarschaft der Brauns lebt das Paar Karine und Greg. Sie ist in einer Boutique angestellt, er ist Mitglied eines Sondereinsatzkommandos der Polizei.

Beide Paare freunden sich an. Von Seiten Karines und Gregs basiert diese Freundschaft tatsächlich aber primär auf Neid und Obsession. So stellt Karine, konfrontiert mit dem Luxusleben des befreundeten Paares, die Trostlosigkeit ihres eigenen Familienlebens fest, Greg wiederum ist Sophie schon nach kurzer Zeit vollkommen verfallen, und beginnt, sie vom Waldrand aus in ihrem Haus zu beobachten. Und damit fangen die Schwierigkeiten erst richtig an.

Wenn man weiß, ich ich zu den bisherigen Romanen von Joël Dicker stehe, dann weiß man auch, dass mir die Charaktere für gewöhnlich recht gut gefallen, selbst wenn die immer etwas „drüber“, immer etwas überzeichnet sind. Solche Charaktere fehlen in „Ein ungezähmtes Tier“ leider vollkommen. Kann ich über den Umstand, dass Dicker seinen Roman erneut in irgendeiner Upper-Class-Umgebung stattfinden lässt, und mit entsprechenden Figuren bevölkert, noch mit leichten Stirnrunzeln quittieren, erreichen mich seine Protagonisten leider nicht. Ihnen allen ist gemein, dass sie unehrlich, verschlagen, hinterlistig und profilneurotisch sind. Vielleicht noch mit Ausnahme von Karine, die … eigentlich nur profilneurotisch ist.

Nun muss das nichts Schlechtes sein, außerdem hat es schon seinen Sinn und Zweck, warum die Charaktere sind, wie sie eben sind. Und wenn man so will, verhandelt Dicker in seinem Roman über seine Figuren auch überzeugend Fragen zu althergebrachten Rollenbildern, Alphamännchen und ihrem Geltungsdrang und ähnliche Dinge.

Wenn ich aber einen Spannungsroman lese – und um einen solchen scheint es sich bei „Ein ungezähmtes Tier“ zweifelsfrei zu handeln -, dann stören solche Fragestellungen nicht, wichtiger sind aber eben meines Erachtens Figuren, an deren Schicksal ich auch Anteil nehme. Mir sind Sophie, Arpad und insbesondere Greg ob ihrer offensichtlichen Unehrlichkeit und Verschlagenheit nur leider sehr bald völlig egal, während ich mich bei Karine – die mich immer ein bisschen an Helen Lovejoy aus den „Simpsons“ und ihr „Kann denn nicht ein einziges Mal jemand an die Kinder denken?!“ erinnerte – gefragt habe, wie sie bisher eigentlich so durchs Leben kam.

Aber hey, an Figuren scheiden sich zuweilen die Geister und es gibt zuhauf Stimmen, die die überzeichneten Figuren aus früheren Dicker-Romanen als eben viel zu überzeichnet beklagen, während sie mir gefielen, insofern werden Sophie, Arpad, Greg und Karine sicherlich auch viele Befürworter finden. Ich gehöre nur leider nicht dazu.

Meiner Begeisterung zusätzlich abträglich war tatsächlich der Stil, die Sprache, in der das Buch gehalten ist. Und damit habe ich nun, um ehrlich zu sein, gar nicht gerechnet.

Ich kann das gar nicht genau festmachen, aber insgesamt wirkt „Ein ungezähmtes Tier“ in sprachlicher Hinsicht etwas … rudimentärer als frühere Romane. Phasenweise erscheint der Text wie ein Aufsatz recht früher Klassenstufen, bei denen die Lehrkraft vorher darauf hingewiesen hat, dass es ganz dolle viel Spannung erzeugt, wenn man viele Fragen einbaut, auch solche der Charaktere an sich selbst. Ob das letztlich funktioniert? Ob das nicht vielleicht sogar kontraproduktiv wirkt? Ob es stilistisch aber wenigstens ungeschickt rüberkommt? Ob es vielleicht sogar sehr bald veritabel nervt? Wer weiß das alles schon so genau?

Außerdem ist das Buch in stilistischer Hinsicht an vielen Stellen ein ziemlicher Verstoß gegen das gute, alte „Show, don’t tell!“. Der Autor erklärt der Leserschaft tatsächlich an vielen Stellen bis ins Detail, wie sich die Figuren gerade weswegen fühlen, was dieses und jenes warum mit ihnen gemacht hat usw., anstatt das auf etwas ansprechendere Art und Weise, vielleicht über Dialoge, Gesten usw. zu transportieren und seiner Leserschaft zuzutrauen, selbst einzuordnen, wie sich seine Protagonisten gerade weswegen fühlen und warum sie daher dieses oder jenes tun.

Ich hab mich lange gefragt, warum mir „Ein ungezähmtes Tier“ sprachlich im Vergleich zu früheren Romanen so sauer aufgestoßen ist, genau erklären kann ich es mir nicht. Die Übersetzerinnen Michaela Meßner und Amelie Thoma haben sicherlich einen guten Job gemacht, was man auch mal wohlwollend erwähnen sollte. Daran kann es also nicht liegen. Mag die Ursache vielleicht die sein, dass Dicker mittlerweile seinen eigenen Verlag gegründet und hat und vielleicht ein laxeres Lektorat Einzug gehalten hat, weil man dem Verlagsgründer nicht sagen wollte, dass sein Buch in stilistischer Hinsicht nicht an frühere Bücher heranreicht? Man weiß es nicht, man munkelt nur.

Und dass Dickers neuer Roman an diesen entscheidenden Stellen so schwächelt, ist eigentlich sehr schade. Denn vom Aufbau und Inhalt des Buches kann man dem Autor erneut keinen großen Vorwurf machen. Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Abschnitt über den Tag des Überfalls auf den Juwelier, im Folgenden wird dann Tag für Tag der Weg dorthin beschrieben, erklärt, wie es soweit kommen konnte und wer da überhaupt wen aus welchen Gründen überfällt. Das überzeugt mich persönlich genauso wie die Geschichte selbst, über die ich nicht zu viel verraten kann und will. Allein dadurch, dass praktisch alle Hauptfiguren Geheimnisse und Dreck am Stecken haben, wäre es schade, hier irgendwas vorwegzunehmen.

Was bleibt, ist also ein hinsichtlich seines Aufbaus und Plots erneut – zumindest über weite Strecken – überzeugender Roman, der aber an seinen Figuren und an seinen mysteriösen, stilistischen Schwächen krankt. Was bleibt, ist ein Buch, dass man trotz allem guten Gewissens lesen kann, und das einen gut unterhält, was sich daran erkennen lässt, dass ich die Lektüre an einem Montag begonnen und an einem Mittwoch beendet habe, während ich am dazwischenliegenden Dienstag keine Zeit zum Lesen hatte.

Was bleibt, ist aber auch das diffuse Gefühl einer leichten Enttäuschung.

Weitere Rezensionen:

LiteraturBlog

Frau Goethe liest

Demnächst in diesem Blog: Tim Sullivan oder Andreas Eschbach.

„Dunkle Momente“ von Elisa Hoven

Buch: „Dunkle Momente“

Autorin: Elisa Hoven

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Hardcover, 336 Seiten

Die Autorin: Elisa Hoven, 1982 in Berlin geboren, ist Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Sie hat in Cambridge, Harvard, Berkeley, Los Angeles, Phnom Penh, Basel und Sydney geforscht. Ihre Leidenschaft ist das Strafrecht, sie beschäftigt sich mit der Genese und den Folgen von Verbrechen. Neben belletristischer Literatur veröffentlicht sie auch im Sach- und Kinderbuch. Elisa Hoven lebt in Berlin und hat zwei Kinder. (Quelle: S. Fischer)

Das Buch: Eva Herbergen ist Strafverteidigerin mit ganzer Seele. Ihre Aufgabe ist es, Menschen vor Strafe zu bewahren: die berühmte Schriftstellerin, den gebrechlichen Millionär, die überforderte Stiefmutter. Sie weiß, es braucht nicht viel, dass aus einem Menschen ein Verbrecher wird, vielleicht sogar ein Mörder. Es genügt ein dunkler Moment, der die Wendung markiert – zum Opfer oder zum Täter. Auch Eva kämpft mit diesen Grenzen, die sie selbst schon überschritten hat, mit den blinden Flecken unserer moralischen Verurteilung. Mit jedem Fall, den Eva erzählt, in dem die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Recht verschwimmt, lösen sich ihre Gewissheiten auf. Bis sie sich fragt, welche Konsequenzen sie ziehen muss. (Quelle: S. Fischer)

Fazit: Meines Erachtens hätte aus mir auch etwas völlig anderes werden können. So hätte ich beispielsweise nach eigener Einschätzung einen brauchbaren Kunsthistoriker abgegeben – auch wenn ich von Kunst eigentlich keine Ahnung habe. Meiner Ansicht nach wäre ich auch als Jurist gut durchgekommen. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, unzählige Folgen „Matlock“ und eine gewisse Affinität zur Poesie von Gesetzestexten kommen hier wohl zum Tragen.

Letztlich ist es dann alles ein bisschen anders gekommen, weil andere Ideen und die Abitur-Note das so wollten, aber an Büchern wie „Dunkle Momente“ kann ich dann doch immer noch nicht vorbeigehen.

Darin beschreibt Elisa Hoven die berufliche Laufbahn ihrer Protagonistin, der Strafverteidigerin Eva Herbergen, erzählt von Eva selbst. Dafür werden insgesamt neun prägende Gerichtsprozesse aus Vergangenheit und Gegenwart der Hauptfigur geschildert, die alle so ein bisschen dazu beitragen und beigetragen haben, dass Eva eben so ist, wie sie ist.

Den Auftakt macht der Fall eines wohlhabenden Rentners, der Opfer eines Raubüberfalles wird und den Einbrecher letztlich auf dessen Flucht erschießt. Im Wesentlichen steht hier die Frage im Raum, inwieweit besagter Rentner sich noch auf Notwehr berufen kann oder eben nicht. Und sehr schnell kam mir das sehr bekannt vor. Denn ein ganz ähnlich gelagerter Fall ging vor gut 10 Jahren hier durch die Medien, zumindest in nördlichen Gefilden.

Dieses diffuse Gefühl des irgendwie bereits Bekannten erstreckte sich bei mir auch auf weitere Fälle. Und das liegt letztlich daran, dass die Autorin sich augenscheinlich reale Begebenheiten und Gerichtsprozesse als Vorbilder für die ihren genommen hat. Der eben erwähnte Rentner geht dabei auf einen Prozess aus dem Jahr 2014 am Landgericht Stade zurück, ein weiterer erinnert an den ehemaligen FDLR-Chef Ignace Murwanashyaka, und der sogenannte „Kannibale von Rotenburg“, Armin Meiwes, wird von vielen wohl auch deutlich erkannt werden.

Der Kniff von Elisa Hoven besteht darin, dass sie die realen Fälle nicht Eins-zu-eins nacherzählt, was nun sowohl langweilig, als auch irgendwie befremdlich wäre, sondern dass sie sie inhaltlich abwandelt, um weitere Aspekte ergänzt, sie teils einen anderen Verlauf nehmen lässt als die Originale. Und das funktioniert im Prinzip ziemlich gut, auch weil es klar deutlich macht, dass vieles vor Gericht eben doch anders laufen kann, wenn nur ein Aspekt anders gelagert ist oder überhaupt irgendwie beleuchtet bzw. bewertet wird. Zudem verfügen die Fälle zumeist über eine unerwartete Wendung, die das Geschehen nochmal in eine völlig andere Richtung lenkt. Allerdings muss hierzu gesagt sein, dass diese Wendungen in einigen Fällen nach einem identischen, hier nicht näher genannten Schema verlaufen, was sie dann irgendwann als weniger überraschend erscheinen lassen als sie wohl gedacht sind.

Das ändert aber an der Tatsache, dass das grundsätzliche Konzept trotzdem gut funktioniert, ziemlich wenig.

Was für mich persönlich nicht so gut funktioniert, ist die Protagonistin selbst. Ich kann Eva Herbergen tatsächlich irgendwie nicht leiden. Nun muss man Hauptfiguren auch nicht wirklich leiden können, um sie trotzdem überzeugend zu finden, andernfalls wäre Albert Camus vielleicht doch Gymnasialprofessor geworden. Aber sie sollten nachvollziehbar gestaltet sein, insbesondere was ihre Persönlichkeit und ihre Handlungsmotivation angeht. Nun ist an Evas Persönlichkeit selbst wohl recht wenig auszusetzen, sie erscheint durchaus als freundlicher und für ihre Mandanten sehr engagierter Mensch. Allerdings, nun, sagen wir mal, sie überschreitet gerne mal Grenzen, auch und insbesondere in beruflicher Hinsicht.

Und die Intention des Buches und seines Aufbaus ist mutmaßlich, die Gründe für diese Grenzüberschreitungen herauszuarbeiten. Und hierfür wird primär ein Prozess aus Evas Vergangenheit als Ursache angeführt. Nun kann und will ich dazu naturgemäß nicht viel verraten, aber für mich funktioniert diese Argumentation leider nicht. Man könnte daraus zwar Evas übersteigertes Engagement ableiten, das Vorhaben, sich zukünftig ausnahmslos mehr in alle Fälle reinzuhängen als in diesen einen – aber diese Grenzüberschreitungen, bis hin zur Strafvereitelung – zumindest nach meinem Dafürhalten, ich bin ja kein Jurist -, die lassen sich für mich daraus nicht folgerichtig ableiten.

Abseits der Fremdelei mit der Hauptfigur und der erwähnten Eintönigkeit in den Wendungen der Fälle habe ich „Dunkle Momente“ allerdings gerne gelesen. Weil es anschaulich – allein schon durch das Cover – herausarbeitet, dass alles immer auch ganz anders ausgehen könnte. Wer in irgendeiner Form an der Thematik des Buches Interesse hat, der kann damit meiner Meinung nach wenig verkehrt machen.

Übrigens hat mir der Verlag, dem an dieser Stelle freundlich für die Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars gedankt sei, das natürlich wie immer keinerlei Einfluss auf meine Meinung hatte, irrtümlicherweise gleich zweimal ein Rezensionsexemplar geschickt. Eines davon liegt hier also so rum. Wer Interesse daran hätte, kann das ja gerne kundtun, dann schauen wir mal, was sich da machen lässt.

Weitere Rezensionen:

letteratura

Demnächst in diesem Blog: Entweder Tim Sullivan oder Andreas Eschbach, sehr viel wahrscheinlicher aber Joël Dicker.

Netzfund ohne literarischen Bezug

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

unlängst stieß ich in den unendlichen Weiten des Internets auf folgende Seite, die ich tatsächlich niemandem vorenthalten möchte. Falls sich noch jemand – ausgehend von der sich jedenfalls nach meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren ausbreitenden Resignation – fragen sollte, warum es so wichtig ist, am folgenden Sonntag zu Wahl zu gehen – deswegen:

https://datajournal.org/schon-wieder/

Also geht wählen. Bitte! Mir ist sogar schon fast egal, wen. Meinetwegen auch die Partei zur Verjüngungsforschung. Halt nur nicht die Kackblauen und ähnliche Gestalten. Bitte.

Gehabt euch wohl.

„Dorn – Zimmer 103“ von Jan Beck

Buch: „Dorn – Zimmer 103“

Autor: Jan Beck

Verlag: Penguin

Ausgabe: Paperback, 384 Seiten

Der Autor: Jan Beck, Jahrgang 1975, arbeitete zunächst als Jurist, bevor er sich dem Schreiben widmete. Seine Thriller rund um Inga Björk und Christian Brand (»Das Spiel«, »Die Nacht«, »Die Spur«, »Das Ende«) landeten allesamt auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Wenn Jan Beck nicht gerade schreibt, verbringt er seine Zeit in der Natur, besonders gerne im Wald. (Quelle: Penguin)

Das Buch: Kriminalpsychologe Simon Dorn beendet nach zahlreichen persönlichen Schicksalsschlägen seinen Polizeidienst und zieht sich in das leerstehende Hotel Dornwald in Bad Gastein zurück. Dort setzt er heimlich seine Arbeit fort. Zimmer für Zimmer verwandelt er das Dornwald in einen Schaukasten ungelöster Mordfälle. Einzige Verbindung zur Außenwelt: Karla Hofbauer vom Cold Case Management am Bundeskriminalamt Wien. Als Hofbauer in Hamburg ermordet wird, deutet alles auf einen Serientäter hin. Die junge Kriminalpolizistin Lea Wagner folgt Hofbauers Spuren nach Bad Gastein und kommt als ungebetener Gast. Doch bald schon ermitteln Dorn und Wagner gemeinsam und jagen einen Mörder, der keine Grenzen kennt. (Quelle: Penguin)

Fazit: Es gibt im Thriller-Genre verschiedene … – ist „Tropes“ das richtige Wort ?- , die mich für gewöhnlich von der Lektüre eines Buches Abstand nehmen lassen. Dazu gehören Serientäter, Ritualmorde mit in irgendeiner Art präparierten Mordopfern sowie beliebte, aber auch ausgenudelte Antagonisten-Hintergründe.

„Dorn – Zimmer 103“ hat all das, und trotzdem ist nichts davon der Grund – jedenfalls nicht jeweils für sich einzeln genommen -, warum ich am Ende der Lektüre reicht unschlüssig bin. Denn auf der einen Seite hat es mich durchaus gut unterhalten, auf der anderen hakt es eben an der einen oder anderen Stelle trotzdem.

Zunächst mal finde ich die Idee des Settings – ein einsiedlerisch lebender Kriminalpsychologe, Fallanalytiker oder wie man ihn auch nennen möchte, und eine junge Polizeibeamtin als Partner und ausführendes Organ des Teams – grundsätzlich ziemlich gut. Leider findet der Autor eher spät in diese Konstellation hinein. Knapp die Hälfte des Buches, wenn ich mich recht entsinne, geht vorbei, bevor Simon Dorn und Lea Wagner sich überhaupt das erste Mal begegnen. Unter „X und Y ermitteln gemeinsam“ hatte ich mir persönlich etwas anderes vorgestellt. Aber gut, zum einen ist „Dorn – Zimmer 103“ ja auch ein Reihenauftakt, in dem einige personelle Weichen erst mal gestellt werden müssen, zum anderen unterhält die erste Hälfte trotz der bis dahin fehlenden Kooperation des fürderhin als Duo auftretenden Protagonisten-Gespannes.

Ein bisschen eher haderte ich da schon mit den Charakteren selbst. Da haben wir nun beispielsweise einen vom Schicksal arg gebeutelten Kriminalpsychologen. Und vermutlich muss der vom Schicksal auch einfach arg gebeutelt sein, damit man dem Autor abnimmt, dass sich der Psychologe in ein unbewohntes Hotel zurückzieht, das eigentlich an allen Ecken und Enden auseinanderfällt. Ich persönlich – und das ist nur und ausschließlich meine Meinung basierend auf den entsprechenden Präferenzen – hätte in solchen Büchern halt gerne mal ein bisschen weniger „kaputte“ Figuren. Es muss nicht in den Bereich der Cosy Crime gehen, auf der anderen Seite muss aber auch nicht jede Hauptfigur zwingend eine Reihe traumatische Erlebnisse hinter sich gebracht haben, um ein überzeugender Protagonist zu sein, finde ich. Aber wie erwähnt, das ist nur meine persönliche Sicht.

Seine künftige Ermittler-Partnerin Lea Wagner ist da deutlich weniger „kaputt“, dafür aber auch deutlich weniger nachvollziehbar. Um das zu erläutern muss ich ein kleines, prinzipiell unbedeutendes Detail der Handlung spoilern und bitte das zu entschuldigen: Aus Gründen, die jetzt nicht weiter wichtig sind, wird Lea Wagner nämlich vorübergehend vom Dienst suspendiert. Ein Klassiker! In dieser Zeit erfährt sie vom Schicksal der ermordeten Polizistin Karla Hofbauer, mit der sie eine gewisse Vorgeschichte oberflächlicher Natur verbindet, und beginnt, auf eigene Faust – ein weiterer Klassiker! – trotz dieser Suspendierung – wieder ein Klassiker – zu ermitteln. Sehr schnell hinterfragt man als Leser dann die Handlungsmotivation dieser jungen Frau. Da ist es praktisch, dass sie sich die irgendwann im Buch selbst beantwortet. Sie tue das, sagt sie, weil sie es Karla Hofbauer einerseits schuldig sei und weil es andererseits ihr Job sei.

Nur sehe ich Ersteres einfach vollständig anders, weil die oberflächliche Bekanntschaft der beiden Frauen eine solche „Schuldigkeit“ einfach nicht hergibt, und Letzteres mag ja so sein, allerdings doch bitte nicht dann, wenn ich diesen Job gerade nicht ausführen darf! Überhaupt wäre es meines Erachtens in der Krimi- und Thriller-Literatur mal ganz nett, wenn die handelnden Personen öfter Dinge machen würden, die sie auch dürfen, und nicht nur die, zu denen sie gerade Bock haben. Das Leben ist nicht Schimanski! Und die Älteren erklären den Jüngeren jetzt bitte, wer Schimanski ist.

Jedenfalls glaube ich nicht, dass unter Weglassung rechtlich fragwürdiger Handlungselemente umgehend der Charme eines deutschen Katasteramtes bei einem solchen Thriller oder Krimi herauskäme. Man sollte vielleicht einfach mal den Versuch unternehmen.

Grundsätzlich, man merkt das hoffentlich, beruht meine Fremdelei mit dem Buch auf den Figuren, mit denen ich einfach nicht warmgeworden bin. Das gilt im Weiteren dann auch für den Antagonisten, über den ich mich jetzt nicht weiter äußern möchte, um nicht zu viel zu verraten. Im Ansatz ist der ganz clever gestaltet, die letztliche Auflösung und Handlungsmotivation dann eher doch wieder nicht.

Und das ist eigentlich alles sehr schade. Denn wie gesagt, die grundsätzliche Idee und die Konstellation dieses Ermittlerteams gefällt mir ausnehmend gut. Deswegen bin ich auch überzeugt, dass da zukünftig noch einige sehr unterhaltsame Thriller auf die Leserschaft warten.

Ob ich dann dazu gehöre, muss ich mir noch überlegen.

Demnächst in diesem Blog: „Der Kriminalist – Die Logik des Todes“ von Tim Sullivan

„Mord im Orientexpress“ von Agatha Christie

Buch: „Mord im Orientexpress“

Autorin: Agatha Christie

Verlag: Hoffmann & Campe

Ausgabe: Taschenbuch, 256 Seiten

Die Autorin: Agatha Christie begründete den modernen britischen Kriminalroman und avancierte im Laufe ihres Lebens zur bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten. Ihre beliebten Helden Hercule Poirot und Miss Marple sind – auch durch die Verfilmungen – einem Millionenpublikum bekannt. 1971 wurde sie in den Adelsstand erhoben. Agatha Christie starb 1976 im Alter von 85 Jahren. (Quelle: Hoffmann & Campe)

Das Buch: Nach einigen Mühen hat Hercule Poirot ein Abteil im Kurswagen Istanbul – Calais des Luxuszugs ergattert. Doch auch jetzt ist ihm keine Ruhe vergönnt: Ein amerikanischer Tycoon ist ermordet worden, der ganze Zug voller Verdächtiger. Und der Mörder könnte jederzeit wieder zuschlagen.

Eine Aufgabe, wie gemacht für den Meisterdetektiv. (Quelle: Hoffmann & Campe)

Fazit: Früher™ habe ich tatsächlich eine ganze Reihe Agatha-Christie-Bücher besessen, primär aus der legendären „Rote-Krimis“-Reihe von Goldmann. Nun ist das aber schon in etwa ein Vierteljahrhundert her, und irgendwie sind die alle weg. Daher lasse ich mir der Einfachheit halber mittlerweile einfach wieder welche schenken, vorzugsweise die Poirot-Romane. So wie eben auch „Mord im Orientexpress“.

Inhaltlich ist das Ganze schnell erzählt. Aus nicht weiter wichtigen Gründen befindet sich der belgische Detektiv Hercule Poirot an Bord des Orientexpress‘ auf der Fahrt von Istanbul nach Calais. Mit an Bord sind eine Reihe weiterer mehr oder minder illustrer Fahrgäste, zu denen unter anderem der amerikanische Unternehmer Ratchett gehört. Irgendwann bleibt der Zug jedoch wetterbedingt mitten im Nirgendwo stecken. Und zu allem Überfluss wird auch noch der besagte Ratchett ermordet in seinem Abteil aufgefunden. Der Mörder muss sich demnach unter den Fahrgästen oder sonstigen Personen im Zug befinden. Hercule Poirot befindet sich in seinem Element und beginnt zu ermitteln.

„Mord im Orientexpress“ mag vermutlich der bekannteste der Romane von Agatha Christie sein, wenn man allein mal von der Tatsache ausgeht, dass der Stoff für TV und Kino bis heute bereits fünfmal verfilmt wurde – mein Favorit unter den Poirot-Romanen wird er aber vermutlich nicht werden.

Warum das so ist, ist ebenfalls schnell erzählt. Zwar erfolgt die Ermittlungsarbeit des belgischen Meisterdetektivs – an der Stelle sei erwähnt, dass ich Peter Ustinov schmerzlich vermisse, selbst wenn der mit diesem Roman hier überhaupt nichts zu tun hatte – auf gewohnt spannende und zum Miträtseln animierende Weise. Allerdings kristallisiert sich im Laufe der Zeit eine Lösung des Mordfalls heraus, die ich persönlich als viel zu konstruiert empfunden habe. Viel, viel zu konstruiert. Selbige gehört dann zwar naturgemäß zur Kategorie „Da wäre ich nie draufgekommen“, wirkt für mich dann aber eben trotzdem unglaubwürdig. Was schade ist.

Zudem merkt man dem Roman sein Alter an. An einigen Stellen wirkt „Mord in Orientexpress“ – zumindest gilt das für meine Ausgabe, es mag sein, dass die Neuübersetzung vom Ende der 90er hier Abhilfe geschaffen hat – schlecht gealtert, fragwürdig und aus der Zeit gefallen. Etwa wenn es darum geht, dass Poirot meint, jemandem aufgrund seiner Kopfform anzusehen, dass dieser kein Brite sei, wenn Italienern pauschal auf Basis ihrer angeblichen „Heißblütigkeit“ ein Hang zu Messerstechereien unterstellt wird oder wenn man die Frage erörtert, unter welchen Um- und in welchem Zuständen Frauen wohl in der Lage wären, jemanden zu erstechen.

Natürlich muss und sollte man ein Buch unter der Berücksichtigung seines Erscheinungsjahres beurteilen und ich bin kein Fan davon, wenn Menschen meinen, in Klassikern herumstreichen und unter Umständen diskussionswürdige Passagen an heutige Maßstäbe und Moralvorstellungen anpassen zu müssen, weil das auf ziemlich überhebliche Art und Weise impliziert, dass diese Maßstäbe und Moralvorstellungen fürderhin für alle Zeit Bestand haben und ihrerseits nicht selbst weiteren Veränderungen unterliegen werden – aber so richtig ist mir die vorbehaltslose Lektüre an diesen Stellen dann nicht gelungen, muss ich zugeben.

Und so war „Mord im Orientexpress“ letztlich etwas, von dem ich zukünftig sagen können werde: Ja, habe ich gelesen.

Mehr aber auch nicht.

Demnächst in diesem Blog: „Dorn – Zimmer 103“ von Jan Beck