Buch: „Monas Augen“
Autor: Thomas Schlesser
Verlag: Piper
Ausgabe: Hardcover, 496 Seiten
Der Autor: Thomas Schlesser ist Kunsthistoriker und lehrt an der École polytechnique in Paris. „Monas Augen“ ist sein erster Roman, der in über 30 Sprachen erscheint und auf der Shortlist des Grand Prix RTL-Lire stand. Als Direktor der Fondation Hartung-Bergman in Antibes hat er neben zahlreichen anderen Büchern eine Biografie über die norwegische Malerin Anna-Eva Bergman veröffentlicht. Schlesser forscht zur Kunst der Moderne am Schnittpunkt zu Politik und Naturwissenschaften. Darüber hinaus setzt er sich für die Vermittlung von Kunst an ein breites Publikum ein. (Quelle: Piper)
Das Buch: Und plötzlich ist alles anders: Als die zehnjährige Mona für eine Stunde ihr Augenlicht verliert, verweisen ihre Ärzte die besorgten Eltern an einen Kinderpsychiater. Monas Großvater Henry soll sie zu den Terminen begleiten, doch der hat eine andere, bessere Idee: Sie soll sie die ganze Schönheit der Welt in sich aufnehmen. Heimlich gehen die beiden in die großen Pariser Museen und betrachten dort Woche für Woche ein einziges Kunstwerk. Mit jedem Leonardo, jedem Monet und Kandinsky entdeckt Mona eine neue Weisheit – und dringt zum Grund ihres Leidens vor … (Quelle: Piper)
Fazit: Es mag nur mir so gehen, aber ich finde, wenn man den Klappentext dieses Buches liest, dann möchte man es sofort reflexartig sehr, sehr lieben haben. Man möchte es drücken, knuddeln, ihm ein Eis kaufen und an der Hand über die Straße helfen.
Und vor dem Hintergrund, dass ich behaupte, dass aus mir auch ein brauchbarer Kunsthistoriker hätte werden können, obwohl ich von Kunst, oder genauer: Malerei, eigentlich nicht die geringste Ahnung habe, wird es daher nicht verwundern, dass ich an „Monas Augen“ letztlich nicht vorbeigehen konnte.
Und ja, ich verstehe, dass sich das Buch zu einer Art Dauergast in den Bestsellerlisten entwickelt hat, ich kann nachvollziehen, dass Menschen es gerne lesen und gelesen haben, so richtig teilen kann ich die ganze Begeisterung um diesen Roman dann aber leider doch nicht.
Auffällig – und eigentlich gut gelungen – ist zunächst mal die Gestaltung des Buches. Im Laufe der Handlung sehen sich Mona und ihr Großvater eine ganze Menge verschiedener Gemälde an, die wiederum alle ganz zu Beginn und ganz am Ende des Buches abgedruckt sind. Das Problem dabei ist, dass die einzelnen Gemälde dabei so klein ausfallen, dass man – ich zumindest – wirklich keine unter Umständen wichtigen Details in ausreichendem Umfang erkennen kann, wenn man nicht gerade über die Sehfähigkeit eines Bundeswehr-Scharfschützen verfügt. Was vor dem Hintergrund des Inhalts des Buches ein bisschen witzig ist. Besser wäre es meines Erachtens gewesen, den einzelnen Kapiteln jeweils einen ganzseitigen Abdruck des jeweiligen Gemäldes voranzustellen.
Aber da man ja nicht penibel sein will, und außerdem über diverse Geräte verfügt, die eine detailliertere Betrachtung der einzelnen Bilder ermöglichen, startet man wohlgemut in die Lektüre. Und zu Beginn hat die auch noch eine gewisse Faszination. Abwechselnd werden die einzelnen Museums- bzw. Gemäldebesuche Monas und ihres Großvaters sowie das, was sonst noch so in Monas Leben passiert, dargestellt.
Und ja, die Unterhaltungen des jungen Mädchens mit ihrem Opa über dieses oder jenes Gemälde, über Künstlerbiografien, Kunstrichtungen und Intentionen der Künstler, die haben durchaus etwas. Allerdings wirken die Interaktionen, die Dialoge der beiden mit zunehmender Dauer des Buches tatsächlich etwas gestelzt, etwas gewollt, etwas realitätsfern, etwas „so redet doch kein Mensch“. Mal wirkt Mona darin wie eine Zehnjährige, mal wie eine hyperintelligente Zehnjährige, und mal wie eine zehnjährige promovierte Kunsthistorikerin. So ganz überzeugen mich gerade die im Fokus stehenden Figuren Mona und Henry daher leider nicht.
Und das gilt fatalerweise auch für das geschichtliche Drumherum. Die Schilderung von Monas Lebensgeschichte – von Ereignissen in der Schule, über die finanzielle Situation der Familie bis hin zu einer befremdlich euphemistischen Darstellung eines offensichtlichen Alkoholproblems ihres Vaters, das irgendwann wundersamerweise wieder wie von selbst aufhört, weil die Geschäfte plötzlich besser gehen – im Übrigen ein Handlungselement, die Geschäfte von Monas Vater also, das mir ebenfalls ein bisschen oberflächlich dargestellt wird, da plötzlich anhand unerwarteter Erlöse in eigentlich überschaubarer Menge so getan wird, als sei das väterliche Antiquitätengeschäft für alle Zeiten gerettet und noch genug Geld übrig, um „Meta“ zu kaufen, die Schilderung von Monas Lebensgeschichte also plätschert über weite Strecken einfach irgendwie so dahin, wirkt zuweilen, wie erwähnt, naiv-realitätsfern und bekommt erst so auf Seite 400 plötzlich einen Twist, der aber nun auch nicht wirklich überzeugend zu Ende erzählt wird.
Bleiben also prinzipiell die Abschnitte übrig, in denen Mona und Henry die Gemälde betrachten und über sie reden. Und wenn man sich die zuweilen befremdlich wirkenden Dialoge wegdenkt, dann kann man – zumindest als kunsthistorischer Laie, der ich bin – tatsächlich eine ganze Menge für sich mitnehmen.
Insgesamt macht „Monas Augen“ allerdings den Eindruck, eine Art „Sofies Welt“ der Kunstgeschichte zu sein. Und hätte ich drauf geachtet, dass eine französische Zeitung zum selben Urteil kommt, und das entsprechend Zitat sogar auf dem Einband steht, hätte ich das vorher gewusst. Das habe ich aber nicht und bin daher mit einer gänzlich anderen Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen.
Insofern mag „Monas Augen“ das richtige Buch sein, allerdings für einen anderen Leser.
Demnächst in diesem Blog: Schau ma moi, dann seng mas scho. Will sagen: Ich hab keine Ahnung.
