„Monas Augen“ von Thomas Schlesser

Buch: „Monas Augen“

Autor: Thomas Schlesser

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 496 Seiten

Der Autor: Thomas Schlesser ist Kunsthistoriker und lehrt an der École polytechnique in Paris. „Monas Augen“ ist sein erster Roman, der in über 30 Sprachen erscheint und auf der Shortlist des Grand Prix RTL-Lire stand. Als Direktor der Fondation Hartung-Bergman in Antibes hat er neben zahlreichen anderen Büchern eine Biografie über die norwegische Malerin Anna-Eva Bergman veröffentlicht. Schlesser forscht zur Kunst der Moderne am Schnittpunkt zu Politik und Naturwissenschaften. Darüber hinaus setzt er sich für die Vermittlung von Kunst an ein breites Publikum ein. (Quelle: Piper)

Das Buch: Und plötzlich ist alles anders: Als die zehnjährige Mona für eine Stunde ihr Augenlicht verliert, verweisen ihre Ärzte die besorgten Eltern an einen Kinderpsychiater. Monas Großvater Henry soll sie zu den Terminen begleiten, doch der hat eine andere, bessere Idee: Sie soll sie die ganze Schönheit der Welt in sich aufnehmen. Heimlich gehen die beiden in die großen Pariser Museen und betrachten dort Woche für Woche ein einziges Kunstwerk. Mit jedem Leonardo, jedem Monet und Kandinsky entdeckt Mona eine neue Weisheit – und dringt zum Grund ihres Leidens vor … (Quelle: Piper)

Fazit: Es mag nur mir so gehen, aber ich finde, wenn man den Klappentext dieses Buches liest, dann möchte man es sofort reflexartig sehr, sehr lieben haben. Man möchte es drücken, knuddeln, ihm ein Eis kaufen und an der Hand über die Straße helfen.

Und vor dem Hintergrund, dass ich behaupte, dass aus mir auch ein brauchbarer Kunsthistoriker hätte werden können, obwohl ich von Kunst, oder genauer: Malerei, eigentlich nicht die geringste Ahnung habe, wird es daher nicht verwundern, dass ich an „Monas Augen“ letztlich nicht vorbeigehen konnte.

Und ja, ich verstehe, dass sich das Buch zu einer Art Dauergast in den Bestsellerlisten entwickelt hat, ich kann nachvollziehen, dass Menschen es gerne lesen und gelesen haben, so richtig teilen kann ich die ganze Begeisterung um diesen Roman dann aber leider doch nicht.

Auffällig – und eigentlich gut gelungen – ist zunächst mal die Gestaltung des Buches. Im Laufe der Handlung sehen sich Mona und ihr Großvater eine ganze Menge verschiedener Gemälde an, die wiederum alle ganz zu Beginn und ganz am Ende des Buches abgedruckt sind. Das Problem dabei ist, dass die einzelnen Gemälde dabei so klein ausfallen, dass man – ich zumindest – wirklich keine unter Umständen wichtigen Details in ausreichendem Umfang erkennen kann, wenn man nicht gerade über die Sehfähigkeit eines Bundeswehr-Scharfschützen verfügt. Was vor dem Hintergrund des Inhalts des Buches ein bisschen witzig ist. Besser wäre es meines Erachtens gewesen, den einzelnen Kapiteln jeweils einen ganzseitigen Abdruck des jeweiligen Gemäldes voranzustellen.

Aber da man ja nicht penibel sein will, und außerdem über diverse Geräte verfügt, die eine detailliertere Betrachtung der einzelnen Bilder ermöglichen, startet man wohlgemut in die Lektüre. Und zu Beginn hat die auch noch eine gewisse Faszination. Abwechselnd werden die einzelnen Museums- bzw. Gemäldebesuche Monas und ihres Großvaters sowie das, was sonst noch so in Monas Leben passiert, dargestellt.

Und ja, die Unterhaltungen des jungen Mädchens mit ihrem Opa über dieses oder jenes Gemälde, über Künstlerbiografien, Kunstrichtungen und Intentionen der Künstler, die haben durchaus etwas. Allerdings wirken die Interaktionen, die Dialoge der beiden mit zunehmender Dauer des Buches tatsächlich etwas gestelzt, etwas gewollt, etwas realitätsfern, etwas „so redet doch kein Mensch“. Mal wirkt Mona darin wie eine Zehnjährige, mal wie eine hyperintelligente Zehnjährige, und mal wie eine zehnjährige promovierte Kunsthistorikerin. So ganz überzeugen mich gerade die im Fokus stehenden Figuren Mona und Henry daher leider nicht.

Und das gilt fatalerweise auch für das geschichtliche Drumherum. Die Schilderung von Monas Lebensgeschichte – von Ereignissen in der Schule, über die finanzielle Situation der Familie bis hin zu einer befremdlich euphemistischen Darstellung eines offensichtlichen Alkoholproblems ihres Vaters, das irgendwann wundersamerweise wieder wie von selbst aufhört, weil die Geschäfte plötzlich besser gehen – im Übrigen ein Handlungselement, die Geschäfte von Monas Vater also, das mir ebenfalls ein bisschen oberflächlich dargestellt wird, da plötzlich anhand unerwarteter Erlöse in eigentlich überschaubarer Menge so getan wird, als sei das väterliche Antiquitätengeschäft für alle Zeiten gerettet und noch genug Geld übrig, um „Meta“ zu kaufen, die Schilderung von Monas Lebensgeschichte also plätschert über weite Strecken einfach irgendwie so dahin, wirkt zuweilen, wie erwähnt, naiv-realitätsfern und bekommt erst so auf Seite 400 plötzlich einen Twist, der aber nun auch nicht wirklich überzeugend zu Ende erzählt wird.

Bleiben also prinzipiell die Abschnitte übrig, in denen Mona und Henry die Gemälde betrachten und über sie reden. Und wenn man sich die zuweilen befremdlich wirkenden Dialoge wegdenkt, dann kann man – zumindest als kunsthistorischer Laie, der ich bin – tatsächlich eine ganze Menge für sich mitnehmen.

Insgesamt macht „Monas Augen“ allerdings den Eindruck, eine Art „Sofies Welt“ der Kunstgeschichte zu sein. Und hätte ich drauf geachtet, dass eine französische Zeitung zum selben Urteil kommt, und das entsprechend Zitat sogar auf dem Einband steht, hätte ich das vorher gewusst. Das habe ich aber nicht und bin daher mit einer gänzlich anderen Erwartungshaltung an die Lektüre herangegangen.

Insofern mag „Monas Augen“ das richtige Buch sein, allerdings für einen anderen Leser.

Demnächst in diesem Blog: Schau ma moi, dann seng mas scho. Will sagen: Ich hab keine Ahnung.

abc.Etüden Januar 2025 II

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

zumindest für mich wenig überraschend gibt es heute die zweite der weiterhin von der zauberhaften Christiane organisierten Etüden zur Wortspende von Ludwig Zeidler.

 

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“, deren Interimsgeschäftsführer Lübke in seinem Übergangschefbüro sitzt und die Zeitung liest, als sein Assistent Eugenio Pacelli den Raum betritt.

„Guten Morgen, Herr Lübke.“

„Er „bedauert“ das – pffff …“

„Bitte?“

„Entschuldigung. Guten Morgen, Pacelli. Ich war abgelenkt.“

„Wovon?“

„Von der Zeitung. Davon, dass ich Sorge davor habe, dass man uns hier bald nicht mehr braucht.“

„Nicht doch! Wieso?“

„Na, hier. Fritze Merz und seine „christliche“ Mischpoke paktieren willentlich und wissentlich mit Rechtsextremisten. Und als könnte er das nicht geahnt haben, „bedauert“ er das im Anschluss und scheint den Umhang des Vergessens darüber ausbreiten zu wollen.“

„Mantel.“

„Was?“

„Den Mantel des Vergessens.“

„Meinetwegen. Wie auch immer: Dieses verhuschte Mittelschichts-Männlein, dessen beruflicher Inhalt es war und ist, 24/7 den schnöden Mammon anzubeten, beginnt die Demokratie zu Grabe zu tragen – und „bedauert“ das dann.“

„Hm.“

„Und kurz danach veröffentlicht die „Tagesschau“ online einen Meinungsartikel von Vieweger, der behauptet, die SPD und die Grünen müssten Merz „dankbar“ sein und die Tatsache, dass die Union und nicht die AfD diesen Antrag eingebracht hat, sei „ein Dienst an der Demokratie“.

„Ernsthaft?“

„Jepp. Und ausgerechnet jetzt ist der Chef nicht da.“

„Immer noch in den USA?“

„Jepp. Ist damit beauftragt worden, Guantanamo wieder aufzubauen. Für 30.000 Gefangene.“

„Ernsthaft?“

„Jepp. Und deswegen, Pacelli, deswegen habe ich Sorge, dass wir bald nicht mehr gebraucht werden. Die Menschen schaffen sich im vollen Bewusstsein ihrer geistigen Kräfte und mit Vorsatz ihre eigene Hölle. Wir sind obsolet geworden, fürchte ich.“

 

220 Wörter.

„America Fantastica“ von Tim O’Brien

Buch: „America Fantastica“

Autor: Tim O’Brien

Verlag: HarperCollins

Ausgabe: Hardcover, 528 Seiten

Der Autor: Tim O’Brien erhielt 1979 den National Book Award für »Die Verfolgung«. Zu seinen weiteren Büchern gehören »Was sie trugen«, Pulitzer-Finalist und ein <em>New York Times Book of the Century</em>, und »Geheimnisse und Lügen«, Gewinner des James Fenimore Cooper Prize. Im Jahr 2013 wurde er mit dem Pritzker-Literaturpreis für sein Lebenswerk in der Militärliteratur ausgezeichnet. (Quelle: HarperCollins)

Das Buch: Einst Star-Journalist, lässt den in Ungnade gefallenen Boyd Halverson seine Vergangenheit einfach nicht los, während ihn die Gegenwart zermürbt. Also beschließt er eines Tages, die lokale Bank auszurauben, eine Geisel zu nehmen und abzuhauen, um eine Rechnung zu begleichen – mit dem Mann, dem er die Schuld an seinem verpfuschten Leben gibt. Doch das gestohlene Geld übersteigt nicht mal Boyds eigene Rücklagen, und Angie Bing, die Bankangestellte, mit der er immer ganz gerne geflirtet hat, stellt sich als ganz schön aufmüpfige Geisel heraus. Für die beiden beginnt ein Roadtrip in die Untiefen einer von Scham und Betrug zerfressenen Nation – mit einigen gefährlichen Verfolgern auf den Fersen. Nur die Polizei scheint sich nicht für Boyd und Angie zu interessieren … (Quelle: HarperCollins)

Fazit: Mein erster Gedanke nach Beendigung der Lektüre von Tim O’Briens neuem Roman war der, dass sich an diesem Buch mutmaßlich die Geister scheiden werden. Auf der einen Seite – und da stehe ich – werden sich die einfinden, die an dieser skurrilen Satire eine geradezu diebische Freude haben werden, auf der anderen die, die das eine oder andere Problem aufzeigen werden.

In „America Fantastica“ begleiten wir den ehemaligen Star-Journalisten Boyd Halverson, der sich nach dem Auseinanderfallen seiner Karriere und seines gesamten Lebens im kleinen, verschlafenen Städtchen Fulda eingefunden hat – nicht das in Hessen, sondern eine der sechs gleichnamigen Städte in den USA – und dort ein beschauliches Leben führt. Zu beschaulich, so scheint es. Denn irgendwann beschließt Boyd, die für US-Amerikaner obligatorische Wumme hervorzuholen und damit die örtliche Bank zu überfallen.

Dabei erbeutet er nicht nur eine überschaubare Summe Geldes, sondern nimmt die örtliche Bankangestellte Angie Bing auch als Geisel. Gemeinsam fliehen die beiden erst in Richtung Mexiko, dann wieder zurück in die USA, um einige Dinge … aufzuarbeiten, die dazu geführt haben, dass der einstige Star-Journalist eben in der US-amerikanischen Pampa leben muss.

Boyd glaubt, die Polizei im Nacken zu haben und neigt daher zum Aktionismus. Tatsächlich hat das die Bank betreibende Ehepaar aufgrund von … buchhalterischen Unstimmigkeiten jedoch überhaupt gar kein Interesse daran, überhaupt erst die Polizei einzuschalten. Letztlich macht dann zwar gefühlt die halbe Welt Jagd auf Boyd und Angie – die Polizei gehört aber eben nicht dazu …

In der Folge entwickelt sich ein irgendwo zwischen „A Serious Man“ und „Falling Down“ angesiedeltes Roadmovie, dem es an skurrilen Einfällen und Figuren nun wahrlich nicht mangelt.

Der Autor siedelt die Handlung dabei vor dem großen Hintergrund der ersten Trump-Jahre an und der aufkommenden Mythomanie in den USA, also dem praktisch zwanghaften Verbreiten von Lügengeschichten, aber auch der Bereitschaft, den allergrößten Blödsinn für bare Münze zu nehmen – und auf der anderen Seite belegbaren Fakten kein Vertrauen mehr entgegenzubringen. Kennen wir hier auch, fürchte ich. Und so müssen viele Szenen und Figuren vermutlich wohl auch als Satire auf die moderne, amerikanische Gesellschaft gesehen werden.

Und für mich persönlich klappte das wunderbar und ich muss zugeben, mich phasenweise köstlich amüsiert zu haben.

Auf der anderen Seite kann man aber auch diverse Kritikpunkte benennen. So mag es durchaus sein, dass Teile der Leserschaft den Roman ob seiner überzogenen Darstellung irgendwie als „obendrüber“ wahrnehmen. Dazu kommt ein Humor, den man – wie eigentlich jede Art von Humor – mögen muss, um damit zurechtzukommen, der aber tatsächlich in besten Momenten knochentrocken daherkommt, in den schlechtesten jedoch mit fremdschämigem Altherrenwitzniveau aufwartet. Ähnliches gilt phasenweise auch für die Figuren, und da besonders für einige Frauenfiguren, die in sprachlicher Hinsicht zuweilen eher … derb daherkommen. Auf Basis der anekdotischen Evidenz meiner persönlichen Erfahrungen muss ich zugeben, dass ich keine Frau kenne, die so spricht. Ob das gegen den Roman oder für die Frauen meines persönlichen Umfeldes spricht, soll jeder selbst entscheiden.

Zudem muss sich der Roman die Frage gefallen lassen, die schon andere Rezensenten aufwarfen, nämlich welche Relevanz er schon zu seinem Erscheinen eigentlich noch haben will. Ergibt es wirklich noch Sinn, jetzt einen Roman über die Corona-Jahre unter Trump zu veröffentlichen, der mit allerlei Albernheiten versucht, die Idiotie eines Mannes, der ernsthaft angeordnet hat, den Golf von Mexiko und oder den Denali umzubenennen, noch zu übertreffen?

Aus meiner Sicht ja, die werden aber nicht alle teilen.

Demnächst in diesem Blog: „Monas Augen“ von Thomas Schlesser

„Wut und Wertung – Warum wir über Geschmack streiten“ von Johannes Franzen

Buch: „Wut und Wertung – Warum wir über Geschmack streiten“

Autor: Johannes Franzen

Verlag: S. Fischer

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Johannes Franzen, geboren 1984, ist Literaturwissenschaftler und Mitarbeiter am Germanistischen Institut der Universität Siegen. Er spricht und publiziert regelmäßig zu kulturellen Themen und Kontroversen u. a. im Deutschlandfunk Kultur sowie in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »taz« und auf »ZEIT Online«. Er ist Mitbegründer und -herausgeber des Online-Feuilletons »54books« und schreibt den Newsletter »Kultur und Kontroverse«. (Quelle: S. Fischer)

Das Buch: Der Literaturwissenschaftler und Erforscher von Skandalen Johannes Franzen fragt, warum Konflikte über Geschmack, Kunst und Kanon so heftig eskalieren. Wer einmal erlebt hat, wie der eigene Lieblingsfilm heruntergemacht wurde, oder wer einen Verriss des Lieblingsbuches gelesen hat, der kennt das tiefe Gefühl des Unwillens, das eine solche Attacke herausfordert. Empört möchte man widersprechen, den Roman oder den Film verteidigen – und damit auch sich selbst.

Johannes Franzen sieht im Streiten über Geschmack eine wichtige Kulturtechnik und versammelt eine Fülle von Kontroversen und Skandalen aus der Literatur-, Film- und Musikszene von Madame Bovary bis Breaking Bad, von Lolita bis Till Lindemann. Kurzweilig und klug analysiert er, warum wir in Bezug auf Romane, Songs, Computerspiele oder Serien starke Emotionen wie Begeisterung und Wut, Liebe und Scham entwickeln, und warum Konflikte über diese Gefühle so wichtig und produktiv sind. (Quelle: S. Fischer)

Fazit: Auf Johannes Franzens Buch „Wut und Wertung – Warum wir über Geschmack streiten“ bin ich mehr oder minder zufällig auf Bluesky aufmerksam geworden, bzw. aufmerksam gemacht worden. Flugs hatte ich mir dann sogar ein signiertes Exemplar bei Autorenwelt – wer Autorinnen und Autoren etwas Gutes tun will, schaut dort mal vorbei; und nein, für den kurzen Werbeblock bekomme ich nichts – gesichert und es konnte losgehen.

Der Autor teilt sein Buch in 11 Kapitel, die vermutlich auch separat für sich gelesen werden können, deren chronologische Lektüre nach meinem Dafürhalten aber allein deswegen Sinn ergibt, weil sich Franzen schon direkt zu Beginn mit der für den Rest des Buches wichtigen Frage auseinandersetzt, was die Grundvoraussetzung dafür ist, dass wir so leidenschaftlich über Kultur und letztendlich über Geschmack streiten.

Die Antwort auf diese Frage liegt für Franzen darin, dass selbstverständlich Dinge, die wir mögen, seien es Bücher, Filme, Musikalben, Opern, Theaterstücke oder was auch immer, natürlich immer auch ein bisschen ausmachen, was und wer wir sind und wie wir uns definieren. Diese Vorlieben sind Teil unserer „Selbsterzählung“, das was unseren „inneren Kern“ ausmacht. Und daher reagieren wir auch unter Umständen so sensibel, wenn jemand ein uns am Herzen liegendes Buch, einen Film, ein Musikalbum kritisiert oder gar abwertet.

Und schon zu diesem frühen Zeitpunkt wird deutlich, dass man sich in Franzen Darstellung sehr oft selbst wiederfindet. Ich jedenfalls tue das. Zumindest fühlte mich sofort an dieses eine Mal erinnert, als ich ein mir wirklich, wirklich wichtiges Buch verlieh und kurz darauf mit einem lapidaren „Ja, ganz nett.“ wiederbekam. „Ganz nett!“, pfff – Sakrileg! Nein, nicht Dan Brown.

Und meine persönliche Identifikation mit „Wut und Wertung“ zieht sich durchaus fast durch das gesamte Buch. Als Beispiel kann hier bereits das zweite Kapitel genannt werden, in dem sich der Autor mit dem modernen Kunstparadigma auseinandersetzt. Mit dem oft zitierten Elfenbeinturm, in welchem die sitzen, die definieren, was Kunst ist und was nicht und die von anderen erwarten, sich dieser Kunst, beispielsweise in Form der sogenannten „Literaturklassiker“, mit der entsprechenden Demut zu nähern.

Nun lasse ich mir ja – ich erwähne das gelegentlich – zweimal im Jahr anlassbedingt von einer ganz zauberhaften Person Literaturklassiker schenken. Und die Lektüre von Franzens Buch wirft durchaus die Frage auf, warum ich denn wohl meine, das tun zu müssen. Denn im Grunde meines Herzens weiß ich, dass nicht im Ansatz genug intrinsische Motivation bei mir vorhanden wäre, diese Klassiker selbst zu kaufen und dann zu lesen, wenn ich währenddessen den neuesten Spannungsroman von XY verpassen könnte, der mir mutmaßlich viel mehr hedonistische Freude bereiten dürfte, als zahllose Seiten voller durch Gebäck ausgelöste Erinnerungen. „Mutmaßlich“ deshalb, weil der Proust hier noch rumsteht.

Warum also tue ich das? Vermutlich aus dem diffusen Grund des „sollte man mal gelesen haben“? Die Vorstellung, mal irgendwann das irdische Jammertal verlassen zu haben, ohne die Prousts und Joyces dieser Welt gelesen zu haben, behagt mir offensichtlich nicht. Und ebenso offensichtlich ist die eingeforderte Demut, mit der die Hochkultur von einfachen Menschen erwartet, ihren Erzeugnissen gegenüberzutreten und sie ebenso demütig zu rezipieren, bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen.

Das würde einerseits die o.g. Klassiker-Geschenke-Regelung erklären, ebenso wie die Tatsache, bei Büchern, die mir nicht gefallen haben, in meiner Bewertung zuweilen ganz explizit darauf zu verweisen, dass der Fehler sicherlich auch bei mir liegen könne. Warum ich Letzteres tue? Ich weiß es nicht. Denn einerseits hab ich es zwar auch nur zum Germanistik-Grundstudium gebracht, so ganz blöd bin ich andererseits aber nun auch nicht, und könnte demnach meinem Urteil vielleicht besser vertrauen. Unterschwellig scheine ich aber eben der Ansicht zu sein, dass es da draußen Menschen, Autoritäten, gibt, die viel besser beurteilen können, was gut und schlecht ist. Wer weiß?

Der permanente Abgleich des Gelesenen in „Wut und Wertung“ mit eigenen Verhaltensweisen, mit eigenem Empfinden zieht sich also, wie erwähnt, nahezu durch das gesamte Buch, bis hin zum letzten Kapital, in dem der Autor sich mit „Trotzrezeption“ auseinandersetzt. Mit dem Gefühl, dieses und jenes Kunstwerk „verteidigen“ zu müssen, weil der Eindruck vermittelt wird, dass andere einem etwas wegnehmen wollen. Exemplarisch wird hier unter anderem der Bereich Gaming genannt, unterlegt mit diversen Beispielen, zu denen man meinethalben gerne noch so etwas wie die sogenannte „Flughafen-Mission“ in „Call of Duty“ Teil irgendwas, das gesamte Spiel „Spec Ops: The Line“ oder – was aber wohl ein späteres Erscheinen des Buches vorausgesetzt hätte – die Kontroverse um das neue „Dragon Age“ hätte dazunehmen können.

Hier gehe ich mit Johannes Franzen auch völlig konform, denn Gamer sind schon zuweilen ein seltsames Völkchen. Vereinfacht gesagt: Wenn man aus Gründen der „Immersion“ – kein Scherz! – in einem Shooter wie „Wolfenstein“ die Darstellung von Hakenkreuzen verlangt, dann natürlich nur deswegen, weil Spiele selbstredend Kunst sind und wenn die Kunst sind, dann muss für diese ja dasselbe gelten wie für andere Kunstformen wie beispielsweise den Film, in dem die Darstellung von Hakenkreuzen überhaupt kein Problem mehr darstellt, solange sie nicht irgendwie verherrlichend genutzt werden.

Wenn ein Spiel – und da sind wir wieder beim eben erwähnten „Dragon Age“; mal ganz davon ab, dass das die wohl enttäuschendste Spieleerfahrung meines Lebens war, aber das würde einen separaten Beitrag erfordern – wenn nun also aber ein Spiel wie „Dragon Age“ non-binäre Charaktere und infolgedessen entsprechende Neopronomen enthält, dann sind Spiele natürlich keine Kunst, sondern nur noch ein Unterhaltungsprodukt und aus dem soll diese linksgrünwokeversiffte Agenda doch bitte herausgehalten werden.

Wie man es macht, man macht es falsch …

Und ehe man sich’s versieht, ist man dann schon beim Ende angekommen, stellt dann fest, dass es kurz vor der Veröffentlichung der PC-Version von „The Last of Us II“ doch noch gelungen ist, sich massiv spoilern zu lassen, trotz aller bisherigen Sorgsamkeit meinerseits, und dann, dass es doch noch die eine oder andere Passage gegen Ende gibt, die meinen persönlichen Widerspruch hervorrufen

Etwa wenn der Autor behauptet, man müsse an der „intellektuellen Redlichkeit“ der Menschen zweifeln, die anhand der Ausladung von Lisa Eckhart oder dem Beschluss, ein banales Lied über eine Puffmutter nicht zu spielen, die gesamte Kunstfreiheit bedroht sehen.

Ich persönlich finde diese Argumentation dann selbst etwas unredlich, denn man kann meines Erachtens beispielsweise dem Übermalen eines Gomringer-Gedichts oder der Verbannung des Puffmutter-Liedes durchaus kritisch gegenüberstehen, es einfach „falsch“ finden, und gleichzeitig überdramatisierend die ganze Kunstfreiheit bedroht zu sehen oder auch nur Gedicht und Lied gut zu finden. Wenn man nun hier so tut, als sei da ja nur ein sexistischer, banaler Schlager mit Nichtbeachtung gestraft worden, dann stimmt das natürlich erst mal – damit ergeht man sich aber eben selbst in der überheblichen Unterscheidung des Kunstparadigmas zwischen Hochkultur und banalem „Midcult“.

Außerdem habe ich Monastatos‘ hier nicht wiedergegebenes Zitat aus der „Zauberflöte“ tatsächlich spontan ganz anders gelesen …

Aber man muss und kann sich ja nicht in allem einig sein. Wäre dem so, dann würden zwar die immer gleichen und immer oberflächlicheren aufgeregten Debatten über irgendwelche vermeintlichen Zensurbestrebungen wegfallen, dann hätte Johannes Franzen aber vermutlich auch nicht dieses Buch geschrieben. Und das wäre schade gewesen.

Demnächst in diesem Blog: „America Fantastica“ von Tim O’Brien.

„Wir finden Mörder“ von Richard Osman

Buch: „Wir finden Mörder“

Autor: Richard Osman

Verlag: Ullstein

Ausgabe: Hardcover, 432 Seiten

Der Autor: Richard Osman ist Autor, Produzent und Fernsehmoderator. Seine Serie über die vier scharfsinnigen und liebenswerten Ermittlerinnen und Ermittler des Donnerstagsmordclubs hat ihn über Nacht zum Aushängeschild des britischen Krimis und Humors gemacht. Für sein Debüt Der Donnerstagsmordclub wurde er bei den British Book Awards 2020 zum »Autor des Jahres« gewählt. Er lebt mit Frau und Katze in London. (Quelle: Ullstein)

Das Buch: Amy Wheeler ist es als Bodyguard gewohnt, ihr Leben zu riskieren. Aber dass sie selbst ins Visier gerät, ist auch für Amy neu. Zumal sie nicht weiß, warum da plötzlich jemand wie verrückt auf sie schießt, während sie in South Carolina auf eine unfassbar reiche und erfolgreiche Thrillerautorin aufpasst. Ob es mit den Morden an Influencern zusammenhängt, die allesamt von ihrer Agentur betreut wurden?

Zu Hause in England genießt ihr Schwiegervater, der Ex-Kriminalkommissar Steve Wheeler, derweil die Freuden der Pensionierung: ein Pub, ein Pint, ein Quiz – und die Ruhe des Waldes.
Mit der jedoch ist’s vorbei, als seine Schwiegertochter anruft und ihn zu sich zitiert. Um mit ihm die Morde aufzuklären. Und so die Hintermänner zu finden, die ihr nach dem Leben trachten.

Fazit: Mit der „Donnerstagsmordclub“-Reihe – deren erster Teil sehr bald eine filmische Umsetzung unter Teilnahme von Helen Mirren, Pierce Brosnan, Ben Kingsley und Richard E. Grant erhalten soll – hat sich Richard Osman ganz tief in mein Herz geschrieben, das gebe ich gerne zu. Die schrulligen, aber mittlerweile liebgewonnenen Charaktere, die Dialoge, die gesamte Atmosphäre der Reihe, und inzwischen auch die überzeugenden Krimihandlungen lassen mich ungeduldig auf jeden neuen Teil warten.

Diesmal wurde meine Geduld sogar überstrapaziert, denn Richard Osman hat sich einfach mal die Freiheit genommen, sich von seiner Reihe wegzubegeben und einer anderen zuzuwenden. Das Ergebnis: „Wir finden Mörder“.

Darin treffen wir auf Amy Wheeler, die als Angestellte einer Firma für Personenschutz die Aufgabe hat, die Sicherheit der Bestsellerautorin Rosie d’Antonia zu gewährleisten, die sich damit in Gefahr gebracht hat, in ihrem letzten Buch einen berüchtigten Mafioso als Figur verarbeitet und allzu deutlich als diesen dargestellt zu haben. Nun könnte die Angelegenheit eine ganz ruhige sein, Autorin und Bodyguard am Pool auf einer Privatinsel ganz entspannt Cocktails schlürfen. Dann fängt aber plötzlich jemand an, auf Amy zu schießen und es stellt sich heraus, dass einige der Klienten von Amys Firma unter ungeklärten Umständen zu Tode kommen – und zwar immer dann, wenn sich Amy zufälligerweise gerade in der Nähe der jeweiligen Tatorte aufgehalten hat. Schnell wird klar, dass ihr jemand ans Zeug flicken will. Nur warum und weshalb bleibt unklar.

Deswegen kontaktiert Amy ihren Schwiegervater Steve, Polizist im Ruhestand, um zusammen der schändlichen Schergen schauriges Treiben zu beenden.

Nun mögen Vergleiche mit einer bereits mehrere Teile umfassenden Buchreihe und einem Einzelband als Auftakt einer anderen vielleicht unfair erscheinen, so ganz lassen sie sich aber vermutlich nicht vermeiden.

Und wenn man diese Vergleiche anstellt, dann fällt zunächst mal auf, dass Osman sich glücklicherweise den charmanten Witz bewahrt hat, der schon seine „Donnerstagsmordclub“-Reihe ausgemacht hat. Egal ob das Missverständnisse über Band-Shirts und Lieblingssongs oder Verweise auf Rockmusiker, die sich auf Elefanten sitzend einen Schuss setzen, sind – diese Bilder! -, auch „Wir finden Mörder“ ist reich an zahlreichen Szenen, die von Schmunzeln bis lauthals lachen sämtliche möglichen Heiterkeitsreaktionen des Lesers auslösen.

Wenn man sich jetzt – um den einmal begonnenen Vergleich weiterzuführen – die Figuren ansieht, dann fällt auf, dass Amy, Steve und die anderen vielleicht nicht ganz den Charme mitbringen, den das schrullige Quartett aus der Seniorenanlage „Coopers Chase“ so an sich hat. Allerdings hat Letzteres nun eben auch den Vorteil, dass sich die Leserschaft über mehrere Teile an sie gewöhnen konnten, während Amy, Steve & Co. eben „neu“ sind. Es fällt aber auch auf, dass die Figuren in „Wir finden Mörder“ durchaus etwas komplexer, etwas tiefgründiger wirken. Amy oder Steve haben ihr Päckchen zu tragen, die eine oder andere mentale Narbe im Leben kassiert und vieles blieb bislang unausgesprochen und zumindest Amy scheint auch nicht wirklich großes Interesse mitzubringen, ihre Vergangenheit zu diskutieren. Als Grundlage für die Figuren erscheint das natürlich ziemlich verheißungsvoll und ich bin recht zuversichtlich: Da geht noch was!

Nun können Sprache und Figuren so unterhaltsam sein, wie sie wollen, wenn die Krimihandlung das nicht ist – „Cosy Crime“ hin oder her -, dann bringt das ja alles nichts. Hierbei kann aber Entwarnung gegeben werden. Der Plot von „Wir finden Mörder“ weist den einen oder anderen Aspekt auf, von dem man sich fragt, warum darauf offensichtlich bisher eigentlich noch nie jemand gekommen ist, wirkt in sich schlüssig und angemessen turbulent und abwechslungsreich. Lediglich was die Auflösung angeht, habe ich den Eindruck ein wichtiges Detail einfach überlesen und deshalb einiges einfach nicht verstanden zu haben. Muss ich dann wohl nochmal lesen …

Und so gelangt man dann irgendwann schneller an das Ende des Buches als einem vielleicht lieb ist, um dann jedoch festzustellen, dass Richard Osman jetzt dann ja gleich zwei Reihen in petto hat, auf die man sich freuen kann. Ich jedenfalls tue das.

Für Fans von Richard Osman ist daher auch „Wir finden Mörder“ ein absolutes Muss, aber auch Fans des Cosy-Crime-Genres allgemein werden nicht enttäuscht.

Demnächst in diesem Blog: „Mord im Orient-Express“ von Agatha Christie.

„Abgrund“ von Robert Harris

Buch: „Abgrund“

Autor: Robert Harris

Verlag: Heyne

Ausgabe: Hardcover, 512 Seiten

Der Autor: Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren und studierte in Cambridge. Seine Romane »Vaterland«, »Enigma«, »Aurora«, »Pompeji«, »Imperium«, »Ghost«, »Titan«, »Angst«, »Intrige«, »Dictator«, »Konklave«, »München«, »Der zweite Schlaf«, »Vergeltung« und zuletzt »Königsmörder« wurden allesamt internationale Bestseller. Seine Zusammenarbeit mit Roman Polański bei der Verfilmung von »Ghost« (»Der Ghostwriter«) brachte ihm den französischen »César« und den »Europäischen Filmpreis« für das beste Drehbuch ein. Die Verfilmung von »Intrige« – wiederum unter der Regie Polańskis – erhielt auf den Filmfestspielen in Venedig 2019 den großen Preis der Jury, den Silbernen Löwen. Robert Harris lebt mit seiner Familie in Berkshire. (Quelle: Penguin Random House)

Das Buch: In London hat die 26-jährige Venetia Stanley – aristokratisch, klug, unbekümmert – eine Affäre mit Premierminister H. H. Asquith, einem Mann, der mehr als doppelt so alt ist wie sie. Er schreibt ihr wie besessen Liebesbriefe und teilt ihr die heikelsten Staatsgeheimnisse mit.

Während Asquith das Land unfreiwillig in den Krieg gegen Deutschland führt, untersucht ein junger Geheimdienstoffizier die widerrechtliche Enthüllung streng geheimer Dokumente – und plötzlich wird aus einer intimen Affäre eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit, die den Verlauf der politischen Geschichte verändern wird. (Quelle: Penguin Random House)

Fazit: Es gibt ja so Autorinnen und Autoren, deren Schaffen man schon seit relativ langer Zeit begleitet. Und in meinem Fall ist Robert Harris einer davon. Da mag es fast zwangsläufig erscheinen, dass eine so langjährige Leser-Autor-Beziehung durchaus auch mal Schwankungen unterworfen ist, man sogar unter Umständen feststellen muss, dass man, so sehr man Vergangenes auch schätzt, mit den neuen Büchern irgendwann nur noch wenig anfangen kann. In meinem Fall teilen mittlerweile beispielsweise John Katzenbach und Sebastian Fitzek dieses Schicksal. Und es hat den Anschein, als könnte es auch bei Robert Harris irgendwann so weit sein.

Zwar haben mich seine letzten beiden Romane, „Der zweite Schlaf“ – in welchem die Welt übrigens im Jahr 2025 untergeht, also machts gut und danke für den Fisch – und „Königsmörder“ durchaus unterhalten, allerdings fehlte Ersterem doch irgendwie das „gewisse Etwas“, ohne das konkretisieren zu können, und Letzterer überzeugte über lange Strecken, allerdings schien der Autor einfach keinen gelungenen Ausstieg aus dem Roman gefunden zu haben, weswegen er gegen Ende dahinplätscherte und irgendwie zerfasert wirkte. Und die diesen beiden Büchern vorangegangenen Romane „München“ und „Konklave“ fielen bei mir eigentlich ziemlich vollständig durch.

Ich ging also mit einer gewissen Besorgnis an die Lektüre heran – und sah mich schließlich in meiner Besorgnis bestätigt.

Die Handlung setzt in „Abgrund“ kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs ein. Dort treffen wir auf Venetia Stanley, eine junge, wohlsituierte Frau aus gutem Hause, die eine Affäre mit dem britischen Premierminister H.H. Asquith eingeht. In einer atemberaubenden Frequenz schreiben sich die beiden Briefe, teils mehrere am Tag. Und Asquith fügt diesen Briefen immer wieder eigentlich hochgeheime Dokumente hinzu, um sie über bestimmte Sachverhalte zu informieren und sich bei den gemeinsamen Spritztouren über Land den einen oder anderen Ratschlag zu holen. Durch Unachtsamkeit – man könnte auch Sorglosigkeit dazu sagen, weil während dieser Fahrten einfach mal so Geheimdokumente zerknüllt aus dem Autofenster geworfen werden – wird die Polizei auf den Briefwechsel aufmerksam und der junge Geheimdienstoffizier Deemer wird auf die Überwachung der beiden angesetzt.

Nun hat es sowohl die Affäre, als auch den Briefwechsel tatsächlich gegeben. Und während der Premierminister die von Venetia erhaltenen Briefe selbstredend vernichtet hat, hat Venetia sie aufgehoben, was sie später zu einem unermesslichen Schatz für die Geschichtsschreibung werden ließ. Bei der Wiedergabe des Briefwechsels nahm sich Harris also auf der einen Seite gewisse Freiheiten und hielt sich auf der anderen an historische Originaldokumente.

Und gerade aus diesen Originalbriefen ergibt sich ein durchaus spannendes Bild des damaligen britischen Premierministers. Nämlich das eines sich vollständig in diese Affäre verrannten, irgendwie sehr bedürftig wirkenden Mannes, der den Eindruck vermittelt, sich verzweifelt von einer jungen Frau die Bestätigung holen zu müssen, alles schon irgendwie richtig zu machen. Auf der anderen Seite ist auch die junge Venetia Stanley gut gelungen, die deutlich mehr als nur ein Handlungs-Sidekick für den Premierminister ist, nämlich eine durchaus tatkräftige junge Frau, die sich nicht scheut, trotz ihrer „besseren“ Herkunft im Krieg in den Krankenschwesterndienst einzutreten.

Der fiktive Paul Deemer kann als Figur ebenfalls überzeugen. Der junge Polizist befindet sich im Zweispalt zwischen der Sorge um seinen im Krieg befindlichen Bruder, dem schlechten Gewissen darüber, sich nicht selbst ebenfalls freiwillig gemeldet zu haben und der Frage, was um alles in der Welt das eigentlich soll, was er da den ganzen Tag tut, wenn er unzählige der Briefe zwischen Stanley und Asquith abfängt, um deren Inhalte auf sensible Themen abzuklopfen.

Meine Schwierigkeiten mit dem Buch liegen somit schon mal nicht im Figurenensemble begründet.

Nein, meine Probleme liegen eher darin, dass das Buch schlicht und ergreifend unendlich langatmig ist. Für gewöhnlich schafft Harris es, historische Begebenheiten so spannend darzustellen, dass man seine Bücher selbst dann noch begeistert liest, wenn man diese historischen Begebenheiten im Detail kennt. In „Abgrund“ ist das nur leider nicht so. Zwar sind auch hier die historischen Abläufe durchaus ansprechend geschildert und wer nur und ausschließlich historisch interessiert ist, für den könnte das Buch ein wahres Fest sein. Wer zudem aber noch in irgendeiner Art und Weise spannend unterhalten werden will, dürfte unter Umständen auf der Strecke bleiben.

Denn fast von Beginn an plätschert das Buch mehr so vor sich her. Stanley und Asquith schreiben sich Briefe, die Briten stolpern in den Ersten Weltkrieg, sie schreiben sich Briefe, die Briten sind mittlerweile im Ersten Weltkrieg, sie schreiben sich Briefe, an den Dardanellen läuft es nicht so gut, sie schreiben sich Briefe … usw. usf.

Die Höhepunkte des Buches bilden dann ausgerechnet die Passagen des mit der Ermittlungsarbeit beauftragten fiktiven Polizisten Deemer – bis man als Leser feststellt, dass diese eigentlich auch völlig sinnfrei sind und exakt zu gar nichts führen.

„Abgrund“ ist schlicht und ergreifend arm an Spannung, Höhepunkten, Tempowechseln oder irgendetwas anderes, was es von einem populärwissenschaftlichen Geschichtsbuch-Roman-Hybriden abheben könnte. Und das ist durchaus schade.

Mit Blick auf anderslautende Rezensionen mag es allerdings sein, dass ich einfach keine Ahnung habe. Da ist beispielsweise von einem „spannenden Politthriller“ die Rede, und auch die Kollegen von „eat.READ.sleep“ sind der Ansicht, dass Harris die Geschichte „als Thriller aufbereitet hat“. Ich persönlich muss gestehen, diesen „Thriller“ leider nicht gefunden zu haben.

Ich danke dem Bloggerportal und dem Heyne Verlag für die freundliche Übersendung des Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, hat meine Meinung ganz offensichtlich nicht beeinflusst.

Demnächst in diesem Blog: „Wir finden Mörder“ von Richard Osman

abc.Etüden Januar 2025 I

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ich hoffe doch, dass ihr alle ausnahmslos irgendwo zwischen „absolut perfekt“ und „wenigstens erträglich“ ins neue Jahr gestartet seid.

Was es, sehr zu meiner Freude, auch ins neue Jahr geschafft hat, sind die von der zauberhaften Christiane organisierten Etüden, für deren erste Ausgabe im Jahr 2025 der Etüdenerfinder Ludwig Zeidler die Wortspende beigesteuert hat. Legen wir los.

Wir befinden uns in der Hölle, dem Stammsitz der Firma „Fate LLP“, deren Eigentümer und Geschäftsführer, S. Atan, die Büroräume seit einiger Zeit verwaist gelassen und ein Praktikum bei der Trump-Administration angetreten hat. Als Interimsherrscher hat er seinen Lakaien Lübke bestimmt. Allerdings bietet der mittlerweile Anlass zur Kritik. Als Beweis mag folgender Mitschnitt eines Geheimtreffens der drei Abteilungsleiter – einem namenlosen Hausmeister, einem ebenfalls namenlosen Auszubildenden sowie Markus Söder – unter Vorsitz des Lübke-Stellvertreters Eugenio Pacelli dienen.

„Gut, meine Damen und Herren, dann …“

„Hier gibt’s keine Damen! Gab es nie. In keinem einzigen Text!“

„Vorlauter Azubi! Bis eben hat das nie jemand mitbekommen.“

„Ja, aber wo er recht …“

„Schnauze, Söder. Also – wir sind hier zusammengekommen, um über die Demission von Herrn Lübke zu diskutieren.“

„Was hat er verbrochen?“

„Ich dachte, als Hausmeister kommen Sie viel rum und kriegen was mit? In Kurzform: Ich glaube, er dreht langsam durch. Die Macht bekommt ihm nicht.“

„Also, bei mir ist das anders. Solange man eine Zusammenarbeit mit Rot oder Grün ausschlie…“

„Schnauze, Söder! Leute ernsthaft: Neulich hab ich Herrn Lübke dabei erwischt, wie er in seinem Büro auf dem Boden saß und tief in eine Klangschalenmeditation vertieft war …“

„Was ist daran so schl…“

„Das ist die verdammte HÖLLE, Söder! Hier gibt es keine Klangschalen! Was käme als Nächstes? Chiasamen-Smoothies im Getränkeautomaten? Veggie-Tage in der Kantine?“

„Also, ich fänd das ja gut …“

„Vorlauter Azubi-Schnösel! Weiter im Text. Da wäre noch die Sache mit dem Umhang.“

„Umhang?“

„Ja. Kürzlich warf er sich so einem Umhang um, schwafelte irgendwas von „Filmkarriere“ als „Hellboy 4″, und …“

„Hellboy trägt doch gar keinen Umhang?“

„Schnauze, Söder, mir doch egal. Er schwafelt was von Filmkarriere, und dass man ihn anbeten würde, wirft den Umhang zurück und huscht aus der Tür.“

„Hat er sich dabei nicht auf die Nase gelegt? Man könnte sagen, er hätte sich, äh, „verhuscht“?“

„Das. Ist. Nicht. Witzig. Leute: Wir haben hier ein Problem. Auch die Zahlen der BWA gehen in den Keller, seitdem er hier das Sagen hat. Es reicht!“

„Und was machen wir jetzt?“

„Wir sagen: „Schwarz-Grün: No!“

„Schnauze, Söder! Ich sag euch, was wir machen: Ich sehe keine andere Möglichkeit, als den Chef zurückzuholen. Der Brief ist schon fertig, ich bräuchte nur noch eure Unterschriften.“

300 Wörter.

Quo vadis, reisswolfblog!?

Hallo, liebe Leserinnen und Leser,

ja, zugegeben, ich hätte als Überschrift auch „Ausblick auf 2025“ oder etwas Vergleichbares nehmen können – aber so klang es irgendwie dramatischer. Willkommen in meiner persönlichen Clickbait-Hölle. Muhahaha. :-)

Denn diese und alle folgenden Zeilen dienen primär dem eigentlich in erster Linie für mich relevanten Ziel, einer etwas besseren Planung und Übersicht des vor mir liegenden Lesejahres. Anlässe dafür gibt es in etwa deren drei, würde ich spontan sagen.

Zunächst wären da mal die Stapel ungelesener Bücher, die mittlerweile tatsächlich auch für die gesamte Statik des Gebäudes, in dem sie untergebracht sind, bedrohliche Ausmaße annehmen, und die ich im laufenden Jahr signifikant zu verkleinern denke. Auch dadurch, dass ich insbesondere die Klassiker größeren Umfangs, die zweimal im Jahr freundlicherweise anlassbedingt bei mir ankommen, auch endlich mal lese. Zuletzt sind beispielsweise gerade Lion Feuchtwanger und Thomas Wolfe bei  mir eingezogen. Als ich das den im Regal befindlichen Prousts und Joyces mitteilte, focht es sie nicht an … – aber eben auch dadurch, notfalls rigoros Bücher abzubrechen, die teils schon seit vielen Jahren bei mir herumliegen, was irgendwelche Gründe haben muss. Auch wenn das etwas ist, bei dem ich mich nach wie vor in so etwas wie einem Lernprozess befinde.

Zum Zweiten wäre da mein intensiv vorhandener Wunsch, mich mal wieder primär mit einst liebgewonnenen Genres zu beschäftigen, die verkaufszahlenbedingt aus meiner Sicht Schaden genommen haben, als da wären bspw. die Fantasy sowie der historische Roman. Ich möchte mir also die Freiheit erlauben können, wenn ich es in den Kopf kriege, einfach mal signifikante Teile des Jahres damit zu verbringen, alle Teile von „Das Rad der Zeit“ zu lesen, oder mal Dreiteiler von Peter V. Brett oder Robin Hobb nachzuholen. Oder endlich mal die „Phileasson-Saga“ weiterlesen. Oder halt Tanja Kinkels „Unter dem Zwillingsstern“ erneut zu lesen, weil man ja heute nur noch wenige nicht histomancierte historische Romane kriegt. Tue ich vielleicht sowieso. Dazu später mehr.

Und der dritte Grund liegt irgendwie in sich selbst: Die Neuerscheinungen 2025. Um zu erahnen, ob das bis hierhin genannte Vorhaben irgendwie umsetzbar ist, ohne weltumspannende Neuerscheinungen zu verpassen, muss ich halt schon wenigstens mal im Ansatz wissen, was denn so kommt. Außerdem lohnt sich ein Blick in die Neuerscheinungen schon wegen dieses phänomenalen Gefühls, das einen für Sekundenbruchteile durchströmt, wenn man durch Zufall darauf aufmerksam wird, dass eine Neuerscheinung einer liebgewonnenen Autorin bzw. eines liebgewonnenen Autors ansteht, die man nicht auf dem Schirm hatte.

Schauen wir also doch einfach mal, das da so kommt:

Das Jahr beginnt verheißungsvoll, nämlich mit „Die Verdorbenen“ von Michael Köhlmeier, welches am 28. Januar erscheint. Nun sind Köhlmeiers Bücher ein schmaler Grat. Wenn man Glück hat, bekommt man so etwas wie „Das Philosophenschiff“ oder gar „Zwei Herren am Strand“, wenn man Pech hat, bekommt man „Die Abenteuer des Joel Spazierer“.

Ich bin mir daher noch nicht so sicher, ob ich dieses Wagnis eingehe. Alternativ klingt „Wackelkontakt“ von Wolf Haas ganz spannend, das schon am 9. Januar erscheint. Allerdings erscheint das genannte Wagnis hier kaum kleiner, weil ich von Haas meines Wissens bisher noch gar nichts gelesen

Der Februar beinhaltet mit dem 27. einen meiner persönlichen literarischen Feiertage des Jahres 2025, denn an diesem Tag erscheint mit „Ein ungezähmtes Tier“ der neue Roman von Joël Dicker. Wer schon mal eine meiner Lobhudeleien zu einem seiner Bücher gelesen hat, weiß, dass ich daran nicht nur nicht vorbeikomme, sondern daran auch gar nicht vorbeikommen will.

Allerdings ist der Februar auch abseits meines persönlichen Lieblingsschweizers nicht arm an spannend klingenden neuen Titeln. Klaus Modick, den ich seltsamerweise schon seit „Der kretische Gast“, trotz meiner Begeisterung für das Buch, linksliegen gelassen habe, was bedeutet, dass ich trotz allen guten Willens nicht mal sein „Konzert ohne Dichter“ nachgeholt habe, veröffentlicht am 13. Februar eine Neuausgabe seines Romans „Die Schatten der Ideen„. Klingt spannend.

Am 18. Februar wiederum steht Franzobels neuer Roman „Hundert Wörter für Schnee“ auf dem Plan. Wenn man berücksichtigt, wie sehr mich der Österreicher mit „Das Floß der Medusa“ begeistert hat, um mich dann einige Zeit später mit „Die Eroberung Amerikas“ auf mindestens gleichem Niveau zu enttäuschen, dürfte der oben erwähnte schmale Grat allerdings noch im ein Vielfaches höher sein als beim geschätzten Michael Köhlmeier. Schaun mer mal.

Der März hat es dann besonders in sich. Dieser startet für mich definitiv mit Tanja Kinkels neuem Roman „Im Wind der Freiheit“ am 06. des Monats. Das Rezensionsexemplar ist bereits geordert. Zwar habe ich schon Ewigkeiten keines ihrer Bücher mehr gelesen, möchte aber immer noch „Unter dem Zwillingsstern“ lückenlos unters Volk verteilen, wenn ich könnte, weswegen ich andererseits einsehe, dass meine Kinkel-Abstinenz ein unhaltbarer Zustand ist, der gefälligst beendet gehört.

Kurz darauf tritt Steffen Kopetzky auf den Plan. Sein neuer Roman „Atom“ erscheint am 11. März. Erfahrungsgemäß werde ich daran schlecht vorbeigehen können.

Nur eine Woche später, am 18. März 2025, kommt dann „Die Rückseite des Lebens“ von Yasmina Reza auf den Markt, von der ich zwar bislang auch noch nichts gelesen habe – allerdings hat mich das Buch beim Durchforsten diverser Verlagsvorschauen verdächtig spontan angesprungen.

Bei dieser Konkurrenz dürfte es Joachim B. Schmidt, dessen Roman „Ósmann“ am 26. März erscheint, durchaus etwas schwer haben. Andererseits war „Kalmann“ halt wirklich, wirklich gut. Vielleicht lese ich da auch erst die Fortsetzung. Abwarten.

Die Konkurrenz in diesem Monat besteht allerdings in erster Linie in Form meines zweiten persönlichen, literarischen Feiertags des Jahres 2025: Am 26. März erscheint mit „Die Schule der Nacht“ der nächste Teil der Morgenstern-Reihe von Karl Ove Knausgård, auf das ich mich in etwa so freue wie eine beliebige Zwölfjährige auf ein Konzert von Taylor Swift mit anschließendem Meet & Greet. Schon das Cover ist, mit Verlaub, einfach irgendwie geil.

Im April hat dann der malaysische Autor Tan Twang Eng meine Aufmerksamkeit erregt mit seinem Roman „Das Haus der Türen„. Selbiges erscheint am 15. des Monats. Nur einen Tag später kommt dann Paul Rubans „Der Duft des Wals„. Das Interesse in beiden Fällen beruht allerdings primär auf reiner Intuition nach der Lektüre der Klappentexte.

Wenn man auf der einen Seite berücksichtigt, dass ich neben dem Lesen ja noch ein Leben habe, auf der anderen aber, dass vermutlich nicht alle der hier aufgeführten Titel dann wirklich bei mir einziehen werden, auf der ersten wiederum, dass ich in dieser Zeit vermutlich aber zusätzlich noch auf Interessantes stoßen werde, das ich jetzt noch gar nicht auf dem Schirm habe, dann … ist das schon gar nicht wenig für ein paar Monate.

Zumindest dann, wenn ich das eingangs Erwähnte wirklich auch nur im Ansatz in die Tat umsetzen möchte. Aber gut, der Blaise Pascal – ob berechtigt oder nicht, kann ich gerade nicht beurteilen – zugeordnete Satz lautet ja nicht umsonst: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Wir werden also sehen, was draus wird.

Vielleicht habe ich im März ja auch schon eine siebenstellige Summe in der Lotterie gewonnen, und davon ob meines Frusts über die erneute US-Präsidentschaft Trumps und der Kanzlerschaft von „Fritze“ Merz eine unbewohnte Insel in Nova Scotia gekauft, dort eine Blockhütte mit Lieferdienst-Anbindung und Highspeed-Glasfaser errichtet und lese ganz in Ruhe Proust, wenn ich nicht gerade meinen Steam-Account leerdaddele.

Nachdem ja mittlerweile sogar das Deppenapostroph in bestimmten Fällen erlaubt ist, scheint schließlich alles möglich.

Wir werden sehen.

Gehabt euch wohl