Buch: „Die Dramatisierung der Welt – Über Illiberalismus“
Autor: Lorenz Engi
Verlag: Claudius Verlag
Ausgabe: Taschenbuch, 192 Seiten
Der Autor: Lorenz Engi studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Zürch und Genf sowie Philosophie an der Uni Konstanz. Seine Habilitationsarbeit hatte die staatliche Neutralität zu religiösen Fragen zum Thema. Engi ist als Privatdozent für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität St. Gallen tätig. (Quelle: Uni St. Gallen)
Das Buch:1989, nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten im Osten Europas, sah es zunächst nach einem Siegeszug der liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts aus. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht: Russland und Belarus etwa entwickelten sich zu Diktaturen, ein EU-Staat wie Ungarn wird zunehmend autoritär regiert. „Illiberale Demokratie“ ist der Begriff, den der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán dafür geprägt hat.
Auch anderswo scheint der „Illiberalismus“ immer stärker zu werden: In fast allen westlichen Staaten verzeichnen populistische Strömungen deutliche Zuwächse.
Auf kluge und originelle Weise spürt Lorenz Engi in seinem Essay dem Phänomen nach: Woran liegt es, dass linke und rechte Populisten auf viele Menschen eine solche Anziehungskraft ausüben? Welche gesellschaftlichen Veränderungen haben zum Erfolg des „Illiberalismus“ beigetragen? Engi versucht Antworten auf diese Fragen und ermuntert seine Leserinnen und Leser zum Weiterdenken. (Quelle: Claudius Verlag)
Fazit: Während das nationale Wutbürgertum sich in schäumendem Furor bei „X“ anlässlich eines nicht in seinem Sinne ausgefallenen Urteils des Bundesverfassungsgerichtes darüber auslässt, dass man daraus wahlweise die Nichtexistenz des Rechtsstaates oder das Vorhandensein einer Diktatur oder auch beides ableiten kann, schwebt der Verfasser dieser Zeilen hier im übertragenen Sinne über den Dingen und fragt sich, ob die Menschen zunehmend bekloppter werden.
Und dann kommt so ein kleines, schmales Buch daher und gibt mir ein bisschen den Glauben an die Menschen zurück, weil ich dann weiß: Nein, „die Menschen“ nicht – nur einige …
In seinem Essay beschäftigt sich Lorenz Engi, der Titel lässt es erahnen, mit den aktuell zu beobachtenden Bestrebungen in vielen Teilen der Welt, die liberalen Demokratien zu attackieren, und entweder durch so etwas wie Viktor Orbáns Vorstellung einer „illiberalen Demokratie“ oder wenigstens durch etwas zu ersetzen, in dem die Menschen weniger dazu gezwungen sind, selbst zu denken, weil das schon irgendjemand für sie übernehmen wird und in dem sie die offensichtlich als persönliche Belastung empfundene individuelle Freiheit weitgehend los sind.
Dabei teilt der Autor seinen Text in drei Teile. Im ersten geht er historischen Entwicklungen und Ereignissen auf den Grund, die alle in mehr oder weniger großem Umfang Anteil an der aktuellen Situation hatten. Im zweiten beleuchtet er das Wesen des Illiberalismus genau und geht der Frage auf den Grund, was diesen überhaupt ausmacht. Und im dritten bringt er aktuelle Beispiele für illiberale Bestrebungen von den USA über Deutschland und Ungarn bis Russland an, zeigt aber auch auf, wo die Schwachpunkte des illiberalen Konzepts liegen. Wenn man es nicht ohnehin als einzigen Schwachpunkt in sich begreifen möchte.
In seiner Argumentation geht Engi im ersten Teil im weitesten Sinne von der Grundannahme Max Webers von der „Entzauberung der Welt“ aus. Begegnete man in der Vergangenheit Philosophen wie Sartre oder Heidegger noch mit einer Art religiöser Verehrung – die diese Herren durchaus auch zu inszenieren wussten -, sah man Ärztinnen und Ärzte seinerzeit noch als „Halbgötter in weiß“ an, begegnete man Popstars vom Kaliber eines Michael Jackson noch mit so etwas wie Ehrfurcht und Starkult, so hat sich vieles im Laufe der Zeit deutlich banalisiert und rationalisiert.
Das überhebliche Gehabe eines Heideggers würde heute befremdlich wirken, Ärztinnen und Ärzte sind auch nur ehemalige Medizinstudenten, und Popstars sind normale Leute, denen ich wie selbstverständlich bei Social Media begegnen kann.
Aus der Banalisierung – oder besser: Rationalisierung – der Welt ergibt sich dann irgendwann die schwer erträgliche Erkenntnis der Banalität der eigenen Existenz. Eine Kerbe, in die Verfechter des Illiberalismus mit ihrem Hang zu Protz und Pomp, der Vermittlung eines diffusen Gefühls der Gemeinschaft und der Bedeutung eines jeden Einzelnen in dieser Gemeinschaft, dann mit Leidenschaft hineinschlagen, um Menschen einzufangen, die ohne jede Anleitung von außen, bspw. durch Religion oder ähnliche moralische Leitplanken, nur schwer durchs Leben zu kommen scheinen.
Der philosophische sowie literarische Hintergrund des Autors kommt dabei besonders in den ersten zwei Teilen deutlich zum Tragen, indem diverse Romanpassagen erwähnt werden, oft und gerne bspw. Thomas Manns „Der Zauberberg“ – Notiz für mich: Liegt hier noch irgendwo rum -, oder Philosophen wie die erwähnten Heidegger und Weber zu Wort kommen. Diese Horizonterweiterung verbunden mit dem Gedanken, sich mal irgendwann, wenn so richtig viel Zeit ist – vermutlich daher leider nie -, mal mit dieser oder jener der erwähnten Personen genauer zu beschäftigen, nehme ich persönlich gerne mit.
Im letzten Teil des Buches geht der Autor dann auf aktuelle Beispiele des Illiberalismus ein, angefangen mit dem Sturm aufs Kapitol 2021 in den USA. Weitere Beispiele sind die AfD hierzulande, Ungarn sowie Russland. Anschaulich verdeutlicht der Autor damit verschiedene Bestrebungen oder Zustände des Illiberalismus.
Er geht aber auch auf die Schwachpunkte des zuweilen in sich nicht ganz schlüssigen Konzepts des Illiberalismus ein, was – so schätze ich – argumentativ besonders wertvoll sein wird, wenn ich das nächste Mal gezwungen sein sollte, mit einem Vertreter des eingangs erwähnten Wutbürgertums in einen entsprechenden Austausch zu gehen.
Nun leitet der Autor aus seinen Betrachtungen – die er sinnvollerweise in einem der mittleren Kapitel nochmal kurz zusammengefasst hat – zwar keinen Ausblick auf die Zukunft ab oder gibt der Leserschaft gar einen Leitfaden für den Umgang mit den illiberalen Bestrebungen der heutigen Zeit mit an die Hand, sondern belässt es bei einem Überblick über die Entwicklung und den aktuellen Zustand – aber ein bisschen Eigenleistung der Leserschaft muss ja nun auch dabei sein.
So regt das Buch zum Ende hin selbst zum Weiterdenken an. Darüber, ob man in so etwas wie einer „illiberalen Demokratie“ wirklich leben möchte. Und was nun zu tun wäre, wenn dem nicht so ist. Oder ob wir weiter sorgenvoll vor Umfragewerten sitzen und darauf hoffen sollten, dass das alles schon irgendwie nicht so schlimm werden wird …
Ich danke dem Claudius Verlag für die freundliche Übersendung des kostenlosen Rezensionsexemplars. Die Tatsache, dass es sich bei diesem Buch um ein kostenloses Rezensionsexemplar handelte, beeinflusst meine Meinung selbstredend nicht.
Demnächst in diesem Blog: Ich verschwinde erst mal wieder mehr oder weniger in der Versenkung. Man liest sich. Gehabt euch wohl.