Buch: Damenopfer
Autor: Steffen Kopetzky
Verlag: Rowohlt
Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten
Der Autor: Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein Roman «Monschau» (2021) stand monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste, ebenso wie «Risiko» (2015, Longlist Deutscher Buchpreis). «Propaganda» (2019) war für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. (Quelle: Rowohlt)
Das Buch: Moskau, 1923. Larissa Reissner hat als sowjetische Gesandte in Kabul strategische Pläne entdeckt, die das Britische Empire stürzen könnten. In der flirrenden Hauptstadt, wo man die Welt neu denkt und aus den Angeln heben will, sucht sie nach dem Verfasser, einem Deutschen namens Niedermayer. Denn der Sieg der Freiheit ist Reissners Lebenssinn, die junge Schriftstellerin und Revolutionärin wird als Wundertochter ihrer Epoche gefeiert. Aus illustrer Familie, lernte sie schon als Kind Lenin kennen, sie kämpfte als Politkommissarin der Wolgaflottille; Pasternak und Trotzki bewundern sie.
Von Moskau bricht Reissner auf nach Berlin – zu ihrer größten Mission: Sie soll ein geheimes Bündnis zwischen der Sowjetunion und dem deutschen Militär vermitteln, verkörpert durch General Tuchatschewski, den «roten Napoleon», und jenen schillernden Ritter von Niedermayer. Doch Larissa verfolgt ihre eigenen Ziele. Zwischen ihr und den beiden Männern entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht, das enorme Sprengkraft hat – in amouröser wie politischer Hinsicht. (Quelle: Rowohlt)
Fazit: Steffen Kopetzky betrat vergleichsweise spät, nämlich erst mit seinem Roman „Risiko“ meine literarische Landkarte, hat aber mit besagtem Roman sowie mit „Propaganda“ deutliche Spuren darauf hinterlassen. Nachdem ich „Monschau“ ausgelassen habe, weil es mich thematisch nicht ansprach, womit ich Herrn Kopetzky möglicherweise unrecht tue, war an „Damenopfer“ nun aber wieder kein Vorbeikommen.
Und das war, so viel sei vorweggenommen, eine ausgesprochen gute Entscheidung. Denn zunächst mal mag ich Romane, die historischen Figuren, die vielleicht nicht unbedingt jeder auf dem Schirm hat, im Nachhinein eine Stimme verleihen. Im vorliegenden Fall ist das Larissa Reissner. 1895 als Tochter eines deutschstämmigen Juristen in Lublin geboren, muss die Familie 1896 Russland verlassen, weil sich Vater Reissner, salopp gesagt, mit den falschen Leuten angelegt hat. Zu dieser Zeit sowie in den nachfolgenden Jahrzehnten war das ja nun auch nicht so schwierig.
Im Jahr 1906 kehrte die Familie nach Russland zurück. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs schreibt Reissner Artikel für Literaturzeitschriften, unter anderem für die von Maxim Gorki. Die erklärte Kriegsgegnerin, zumindest Kopetzkys literarische Version davon, wird später ihre eigene Zeitschrift herausgeben, wenn auch mit mäßigem wirtschaftlichem Erfolg.
Reissner wurde 1918 Mitglied der bolschewistischen Partei und trat in die Rote Armee ein. Sie brachte es dort bis zur Kommissarin des Generalstabs der Roten Flotte, spielte später bei der sog. „Kasaner Operation“, der Eroberung der Stadt Kasan, die von immenser Bedeutung für die Bolschewiki und den Fortgang des Bürgerkriegs war, eine entscheidende Rolle und verarbeitete ihre Erfahrungen später im Werk „Die Front 1918-1919“.
Während ihres Militärdienstes lernte sie Fjodor Raskolnikow – der eigentlich Iljin mit Nachnamen hieß, sich aber nach dem Raskolnikow benannt hat, 1939 einen Offenen Brief an Stalin schrieb und und im selben Jahr unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, womit wir wieder bei „mit den falschen Leuten angelegt“ sind – kennen und heiratete ihn.
Raskolnikow wird, an der Seite seiner Frau, später russischer Botschafter in Afghanistan. Man lebt sich jedoch schließlich auseinander, woraufhin Reissner ausgedehnte Reisen unternimmt, über die sie Reiseberichte verfasst und betätigt sich überdies weiterhin als die überzeugte Revolutionärin, die sie ist, und die 1923 die Chance sieht, ihre Revolutionspläne auch auf die zu dieser Zeit schwer angeknockt in der weltpolitischen Ringecke taumelnde Weimarer Republik auszudehnen …
Kopetzky erzählt die Geschichte seiner Hauptfigur dabei alles anderes als konventionell oder auch nur chronologisch. Munter springt er zwischen den Zeitebenen hin und her, primär zwischen den Jahren 1923 und 1926, und der diesbezüglich kenntnislose Leser, der ich bin, erfährt auf diese Weise bereits ziemlich zu Beginn, dass Larissa Reissner kein sonderlich langes Leben beschieden war. Ebenfalls ziemlich zu Beginn wird klar, dass es dem Autor gelungen ist, inhaltlich einen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen und Figuren seines Romans „Risiko“ und denen in „Damenopfer“ herzustellen. Zusammenhänge, die es wirklich gab, die aber vom in dieser Hinsicht wiederum kundigen Leser trotzdem mit Freude zur Kenntnis genommen wurden.
Ähnlich wie die zeitlichen Sprünge, so wechselt Kopetzky auch munter zwischen den Erzählern einzelner Kapitel, sowie teilweise der Erzählform. Wir verfolgen also nicht chronologisch die Erlebnisse seiner Protagonistin auf ihrem Lebensweg – der zudem wohl auch über zu viele Leerstellen verfügt, um das vollständig guten Gewissens tun zu können -, nein, Kopetzky lässt stattdessen eine Reihe von Erzählerinnen und Erzählern zu Wort kommen, die ihre eigenen Erinnerungen an ihr Zusammentreffen mit Reissner zum Besten geben, von Ho Chi Minh über Boris Pasternak bis hin zu Anna Achmatova, und er variiert erzählerisch von konventionell geschriebenen Kapiteln bis hin zu Sitzungsprotokollen britischer Militärs. Somit ergibt sich Schritt für eine vielschichtige und -stimmige Darstellung seiner Protagonistin.
Insgesamt hat der Roman somit erzählerisch etwas Collagenhaftes, und soll das wohl auch haben. Auf Larissa Reissners Beerdigung, die ein zentrales, erzählerisches Motiv des Buches darstellt, lässt Kopetzky Boris Pasternak eine Grabrede halten, in der selbiger das Leben sinngemäß mit den einzelnen Worten eines Gedichts vergleicht, die zwar für sich getrennt stehen, im Zusammenhang miteinander dann aber dennoch einzelne Zeilen, Strophen und letztlich einen Sinn ergeben, so wie auch das Leben aus einzelnen Fragmenten und Begebenheiten bestünde, die zwar jeweils für sich stehen, zusammengesetzt dann aber ein Ganzes bilden. Damit fasst Kopetzkys Pasternak die Erzählweise in diesem Roman ziemlich anschaulich zusammen, finde ich.
Darüber hinaus merkt man Steffen Kopetzky einfach seine Begeisterung für seine Hauptfigur an. Diese greift auch auf seine Romanfiguren über, die Larissa Reissner überwiegend in derart strahlenden Farben schildern, dass man meint, man habe es hier mit einer kommunistischen Mischung aus Mutter Theresa, Josephine Baker und der Jungfrau Maria zu tun, was sie selbstredend nicht in der Form war. Insbesondere der zahllos wiederholte Umstand ihrer bemerkenswerten Schönheit wirkt hier etwas befremdlich. Nun will ich aber weder dem Autor noch seinen Figuren die Begeisterung für die Hauptfigur madig machen, denn irgendwie hat diese offenkundige Begeisterung ja auch etwas Schönes.
Mit „Damenopfer“ kommen aber nicht nur Freunde anders erzählter Romane auf ihre Kosten, sondern auch solche, die sich für historische Fakten interessieren. Denn immer wieder scheint im Buch die Tatsache durch, dass das Leben, das Universum und der ganze Rest und demnach auch die Historie als solche zwar nicht im Konjunktiv stattfindet, dass sie es aber hätte tun können, dass es also im Laufe der, nun ja, Geschichte, zahllose Abzweigungen gegeben hätte, die selbige hätte nehmen können, sich dann aber anders entschieden hat. Im Roman wird das insbesondere an der Situation in Deutschland 1923 deutlich:
Im November 1922 wird Wilhelm Cuno erster Präsidialkanzler von Eberts Gnaden, um die angeschlagene Weimarer Republik wieder auf Kurs zu bringen. Erschwert wird das dadurch, dass im Januar das Ruhrgebiet von französischen und belgischen Truppen besetzt wird. Vorrangig ging es dabei um die angebliche Nichterfüllung von Reparationszahlungen, tatsächlich aber wohl eher um Sicherheitsinteressen und die mögliche Einrichtung der Pufferzone zwischen den damaligen Erbfeinden. Dass das Vorgehen insbesondere Frankreichs international kritisiert wurde, interessierte in Paris nicht wirklich.
Cuno reagiert auf diese Provokation mit passivem Widerstand. Arbeiter in den besetzten Gebieten legten die Arbeit nieder oder erledigten sie betont langsam. Nur mussten Arbeiter, auch wenn sie nicht arbeiteten und demnach kein Geld verdienten, ja nun irgendwie auch versorgt werden, auch mit Geld. Dieses kam aus der Reichskasse, die bereits im Juni einen bemerkenswerten Schuldenstand von 22 Billionen Mark auswies. Die Regierung Cuno versuchte, des Problems Herr zu werden, indem man einfach die Notenpressen anwarf und Geldscheine nachdruckte. Das funktioniert insbesondere dann, wenn damit auch ein deutlicher Konjunkturaufschwung einhergeht – dieser blieb jedoch aus. Stattdessen setzte eine Hyperinflation ein, gegen die aktuelle Probleme Leiden auf hohem Niveau sind, und die Geldscheine bekamen recht schnell eine schwindelerregende Anzahl an Nullen.
Im August stellt die Regierung dann die Reparationslieferungen gänzlich ein, wird gestürzt und Gustav Stresemann übernimmt Cunos Amtsgeschäfte. Stresemann erklärt im September den passiven Widerstand für beendet, nur einen Tag später sind aus Bayern Separationsbestrebungen zu vernehmen, in den von den Franzosen besetzten Gebieten kam es zur Gründung der sog. „Rheinischen Republik“.
In dieser Gemengelage des an allen Ecken und Enden brennenden Gebietes der Weimarer Republik – und hier ist der Putschversuch eines österreichischen Gefreiten im November 1923 noch gar nicht eingepreist -, sieht Russland die Chance für einen kommunistischen Revolutionsversuch in Deutschland, später als „Deutscher Oktober“ in die Geschichte eingegangen. Mit Eintritt der KPD in die Regierungen Sachsens und Thüringens schien die Gelegenheit günstig, von dort aus eine Revolution in Gang zu setzen, die letztlich zur Eingliederung eines Sowjetdeutschlands in die Sowjetunion führen sollte.
Der Versuch scheiterte jedoch, noch bevor er richtig in die Tat umgesetzt werden konnte. Lediglich in Hamburg kam es tatsächlich zu einer Aufstandsbewegung, deren Niederschlagung durch die Reichswehr insgesamt 94 Todesopfer forderte.
Und an dieser Stelle hätte die Geschichte eben eine schicksalsträchtige Wendung nehmen können. Hätten die Umsturzversuche nur im Ansatz die Dynamik der europaweiten Revolutionsbewegungen von 1848/49 gehabt, hätten sie vielleicht zum Erfolg geführt und der weitere Verlauf des vergangenen Jahrhunderts wäre vermutlich ein ganz anderer gewesen. Als jedoch absehbar war, dass die angestrebte Revolution im Keim erstickt war, hat man sich in Russland nämlich zu einer deutlichen Kursänderung entschieden. Statt Umsturz stand nun Kooperation mit Deutschland im Vordergrund. Eine Kooperation, die insbesondere die militärische Aufrüstung betraf. Zwar wurde die Zusammenarbeit weitgehend geheim gehalten, weil sie einen bewusst in Kauf genommenen Verstoß gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages bedeutete, dessen ungeachtet hat sie sicherlich dazu beigetragen, dass später der weiter oben genannte österreichische Gefreite einen erneuten Weltenbrand initiieren konnte.
All das Genannte sind Aspekte, die Steffen Kopetzkys „Damenopfer“ zu einem überaus gelungenen Roman und einem faszinierenden Leseerlebnis machen. Zwar braucht man unter anderem aufgrund der sprunghaften Erzählweise, der zahlreichen Figuren und der nicht gerade unterkomplexen Thematik eine gehörige Portion Aufmerksamkeit bei der Lektüre. Die aufzubringen lohnt sich jedoch über alle Maßen.
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Demnächst in diesem Blog: „Krüppelpassion“ von Jan Kuhlbrodt oder „Unter Nazis“ von Jakob Springfeld
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