Happy Birthday to meeeee #9

Errungenschaft: 9. Jahrestag

Glückwunsch zum Jahrestag mit WordPress.com!
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Guten Morgen bis Vormittag, liebe Leserinnen und Leser,

wir mögen in Zeiten leben, in denen wir uns nicht mehr merken, wie man dieses oder jenes Wort schreibt, weil wir unterbewusst ja wissen, dass wir das ja gar nicht müssen, da wir beim nächsten Mal ja einfach wieder nachschauen können, und in Zeiten, die sich durch unsinnige Apps auszeichnen, wie etwa die Parkscheiben-App für Leute, die, nun ja, keine Parkscheibe dabei haben, und stattdessen eben ihr Handy mit der entsprechenden App hinter die Windschutzscheibe legen wollen – worüber wir angesichts der Tatsache, dass besagte App über 10.000 Downloads hat, jetzt einfach alle nochmal in aller Stille und einer gewissen Betroffenheit kurz nachdenken -, in Zeiten, die darauf zusteuern, dass uns zukünftig eine solche App vermutlich an gelegentliches Atmen erinnern wird – aber zwischendurch, ja, zwischendurch ist eine gewisse elektronische Unterstützung eigentlich gar nicht so verkehrt.

Denn sonst hätte ich, angesichts der Tatsache, dass wir – auch und gerade abseits diverser technischer Spielereien – derzeit in interessanten Zeiten leben, mit Sicherheit nicht daran gedacht, dass mein Blog heute sein neunjähriges Bestehen feiert! Neun Jahre, die, aus einer Übersprungshandlung entstanden und seitdem durchgezogen, somit Beleg dafür sind, dass ich, um mal ziemlich frei die „Simpsons“ zu zitieren, nie aufgebe und nie etwas zu Ende denke.

Wobei so etwas wie ein Blog vermutlich auch nie wirklich zu Ende gedacht werden kann, unterliegt selbiger doch, wie eigentlich die gesamte Blogosphäre, einem gewissen stetigen Wandel, und das traf im vergangenen Blog-Jahr auch auf meinen zu, und wird sich vermutlich auch im zehnten Jahr des Bestehens so verhalten.

Die im Prinzip einzige Konstante seid daher ihr, meine mehrheitlich getreue Leserschaft. Insofern sei an dieser Stelle mal ein großer Dank dafür ausgesprochen, dass ihr hier immer noch, wieder, oder sogar jetzt erst lest!

Sofern nichts dazwischenkommt, was angesichts oben genannter interessanter Zeiten zwar nun ja nicht ausgeschlossen werden kann, von mir aber trotzdem als vergleichsweise unwahrscheinlich angesehen wird – nur um das Universum an dieser Stelle mal ein wenig zu provozieren -, lesen wir uns dann in einem Jahr an dieser Stelle zum zehnten Bloggeburtstag wieder.

Dafür plane ich dann Großes! Ich habe nur noch nicht die geringste Ahnung, was …

Gehabt euch wohl!

„Damenopfer“ von Steffen Kopetzky

Buch: Damenopfer

Autor: Steffen Kopetzky

Verlag: Rowohlt

Ausgabe: Hardcover, 448 Seiten

Der Autor: Steffen Kopetzky, geboren 1971, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein Roman «Monschau» (2021) stand monatelang auf der «Spiegel»-Bestsellerliste, ebenso wie «Risiko» (2015, Longlist Deutscher Buchpreis). «Propaganda» (2019) war für den Bayerischen Buchpreis nominiert. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn. Er lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt Pfaffenhofen an der Ilm. (Quelle: Rowohlt)

Das Buch: Moskau, 1923. Larissa Reissner hat als sowjetische Gesandte in Kabul strategische Pläne entdeckt, die das Britische Empire stürzen könnten. In der flirrenden Hauptstadt, wo man die Welt neu denkt und aus den Angeln heben will, sucht sie nach dem Verfasser, einem Deutschen namens Niedermayer. Denn der Sieg der Freiheit ist Reissners Lebenssinn, die junge Schriftstellerin und Revolutionärin wird als Wundertochter ihrer Epoche gefeiert. Aus illustrer Familie, lernte sie schon als Kind Lenin kennen, sie kämpfte als Politkommissarin der Wolgaflottille; Pasternak und Trotzki bewundern sie.

Von Moskau bricht Reissner auf nach Berlin – zu ihrer größten Mission: Sie soll ein geheimes Bündnis zwischen der Sowjetunion und dem deutschen Militär vermitteln, verkörpert durch General Tuchatschewski, den «roten Napoleon», und jenen schillernden Ritter von Niedermayer. Doch Larissa verfolgt ihre eigenen Ziele. Zwischen ihr und den beiden Männern entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht, das enorme Sprengkraft hat – in amouröser wie politischer Hinsicht. (Quelle: Rowohlt)

Fazit: Steffen Kopetzky betrat vergleichsweise spät, nämlich erst mit seinem Roman „Risiko“ meine literarische Landkarte, hat aber mit besagtem Roman sowie mit „Propaganda“ deutliche Spuren darauf hinterlassen. Nachdem ich „Monschau“ ausgelassen habe, weil es mich thematisch nicht ansprach, womit ich Herrn Kopetzky möglicherweise unrecht tue, war an „Damenopfer“ nun aber wieder kein Vorbeikommen.

Und das war, so viel sei vorweggenommen, eine ausgesprochen gute Entscheidung. Denn zunächst mal mag ich Romane, die historischen Figuren, die vielleicht nicht unbedingt jeder auf dem Schirm hat, im Nachhinein eine Stimme verleihen. Im vorliegenden Fall ist das Larissa Reissner. 1895 als Tochter eines deutschstämmigen Juristen in Lublin geboren, muss die Familie 1896 Russland verlassen, weil sich Vater Reissner, salopp gesagt, mit den falschen Leuten angelegt hat. Zu dieser Zeit sowie in den nachfolgenden Jahrzehnten war das ja nun auch nicht so schwierig.

Im Jahr 1906 kehrte die Familie nach Russland zurück. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs schreibt Reissner Artikel für Literaturzeitschriften, unter anderem für die von Maxim Gorki. Die erklärte Kriegsgegnerin, zumindest Kopetzkys literarische Version davon, wird später ihre eigene Zeitschrift herausgeben, wenn auch mit mäßigem wirtschaftlichem Erfolg.

Reissner wurde 1918 Mitglied der bolschewistischen Partei und trat in die Rote Armee ein. Sie brachte es dort bis zur Kommissarin des Generalstabs der Roten Flotte, spielte später bei der sog. „Kasaner Operation“, der Eroberung der Stadt Kasan, die von immenser Bedeutung für die Bolschewiki und den Fortgang des Bürgerkriegs war, eine entscheidende Rolle und verarbeitete ihre Erfahrungen später im Werk „Die Front 1918-1919“.

Während ihres Militärdienstes lernte sie Fjodor Raskolnikow – der eigentlich Iljin mit Nachnamen hieß, sich aber nach dem Raskolnikow benannt hat, 1939 einen Offenen Brief an Stalin schrieb und und im selben Jahr unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, womit wir wieder bei „mit den falschen Leuten angelegt“ sind – kennen und heiratete ihn.

Raskolnikow wird, an der Seite seiner Frau, später russischer Botschafter in Afghanistan. Man lebt sich jedoch schließlich auseinander, woraufhin Reissner ausgedehnte Reisen unternimmt, über die sie Reiseberichte verfasst und betätigt sich überdies weiterhin als die überzeugte Revolutionärin, die sie ist, und die 1923 die Chance sieht, ihre Revolutionspläne auch auf die zu dieser Zeit schwer angeknockt in der weltpolitischen Ringecke taumelnde Weimarer Republik auszudehnen …

Kopetzky erzählt die Geschichte seiner Hauptfigur dabei alles anderes als konventionell oder auch nur chronologisch. Munter springt er zwischen den Zeitebenen hin und her, primär zwischen den Jahren 1923 und 1926, und der diesbezüglich kenntnislose Leser, der ich bin, erfährt auf diese Weise bereits ziemlich zu Beginn, dass Larissa Reissner kein sonderlich langes Leben beschieden war. Ebenfalls ziemlich zu Beginn wird klar, dass es dem Autor gelungen ist, inhaltlich einen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen und Figuren seines Romans „Risiko“ und denen in „Damenopfer“ herzustellen. Zusammenhänge, die es wirklich gab, die aber vom in dieser Hinsicht wiederum kundigen Leser trotzdem mit Freude zur Kenntnis genommen wurden.

Ähnlich wie die zeitlichen Sprünge, so wechselt Kopetzky auch munter zwischen den Erzählern einzelner Kapitel, sowie teilweise der Erzählform. Wir verfolgen also nicht chronologisch die Erlebnisse seiner Protagonistin auf ihrem Lebensweg – der zudem wohl auch über zu viele Leerstellen verfügt, um das vollständig guten Gewissens tun zu können -, nein, Kopetzky lässt stattdessen eine Reihe von Erzählerinnen und Erzählern zu Wort kommen, die ihre eigenen Erinnerungen an ihr Zusammentreffen mit Reissner zum Besten geben, von Ho Chi Minh über Boris Pasternak bis hin zu Anna Achmatova, und er variiert erzählerisch von konventionell geschriebenen Kapiteln bis hin zu Sitzungsprotokollen  britischer Militärs. Somit ergibt sich Schritt für eine vielschichtige und -stimmige Darstellung seiner Protagonistin.

Insgesamt hat der Roman somit erzählerisch etwas Collagenhaftes, und soll das wohl auch haben. Auf Larissa Reissners Beerdigung, die ein zentrales, erzählerisches Motiv des Buches darstellt, lässt Kopetzky Boris Pasternak eine Grabrede halten, in der selbiger das Leben sinngemäß mit den einzelnen Worten eines Gedichts vergleicht, die zwar für sich getrennt stehen, im Zusammenhang miteinander dann aber dennoch einzelne Zeilen, Strophen und letztlich einen Sinn ergeben, so wie auch das Leben aus einzelnen Fragmenten und Begebenheiten bestünde, die zwar jeweils für sich stehen, zusammengesetzt dann aber ein Ganzes bilden. Damit fasst Kopetzkys Pasternak die Erzählweise in diesem Roman ziemlich anschaulich zusammen, finde ich.

Darüber hinaus merkt man Steffen Kopetzky einfach seine Begeisterung für seine Hauptfigur an. Diese greift auch auf seine Romanfiguren über, die Larissa Reissner überwiegend in derart strahlenden Farben schildern, dass man meint, man habe es hier mit einer kommunistischen Mischung aus Mutter Theresa, Josephine Baker und der Jungfrau Maria zu tun, was sie selbstredend nicht in der Form war. Insbesondere der zahllos wiederholte Umstand ihrer bemerkenswerten Schönheit wirkt hier etwas befremdlich. Nun will ich aber weder dem Autor noch seinen Figuren die Begeisterung für die Hauptfigur madig machen, denn irgendwie hat diese offenkundige Begeisterung ja auch etwas Schönes.

Mit „Damenopfer“ kommen aber nicht nur Freunde anders erzählter Romane auf ihre Kosten, sondern auch solche, die sich für historische Fakten interessieren. Denn immer wieder scheint im Buch die Tatsache durch, dass das Leben, das Universum und der ganze Rest und demnach auch die Historie als solche zwar nicht im Konjunktiv stattfindet, dass sie es aber hätte tun können, dass es also im Laufe der, nun ja, Geschichte, zahllose Abzweigungen gegeben hätte, die selbige hätte nehmen können, sich dann aber anders entschieden hat. Im Roman wird das insbesondere an der Situation in Deutschland 1923 deutlich:

Im November 1922 wird Wilhelm Cuno erster Präsidialkanzler von Eberts Gnaden, um die angeschlagene Weimarer Republik wieder auf Kurs zu bringen. Erschwert wird das dadurch, dass im Januar das Ruhrgebiet von französischen und belgischen Truppen besetzt wird. Vorrangig ging es dabei um die angebliche Nichterfüllung von Reparationszahlungen, tatsächlich aber wohl eher um Sicherheitsinteressen und die mögliche Einrichtung der Pufferzone zwischen den damaligen Erbfeinden. Dass das Vorgehen insbesondere Frankreichs international kritisiert wurde, interessierte in Paris nicht wirklich.

Cuno reagiert auf diese Provokation mit passivem Widerstand. Arbeiter in den besetzten Gebieten legten die Arbeit nieder oder erledigten sie betont langsam. Nur mussten Arbeiter, auch wenn sie nicht arbeiteten und demnach kein Geld verdienten, ja nun irgendwie auch versorgt werden, auch mit Geld. Dieses kam aus der Reichskasse, die bereits im Juni einen bemerkenswerten Schuldenstand von 22 Billionen Mark auswies. Die Regierung Cuno versuchte, des Problems Herr zu werden, indem man einfach die Notenpressen anwarf und Geldscheine nachdruckte. Das funktioniert insbesondere dann, wenn damit auch ein deutlicher Konjunkturaufschwung einhergeht – dieser blieb jedoch aus. Stattdessen setzte eine Hyperinflation ein, gegen die aktuelle Probleme Leiden auf hohem Niveau sind, und die Geldscheine bekamen recht schnell eine schwindelerregende Anzahl an Nullen.

Im August stellt die Regierung dann die Reparationslieferungen gänzlich ein, wird gestürzt und Gustav Stresemann übernimmt Cunos Amtsgeschäfte. Stresemann erklärt im September den passiven Widerstand für beendet, nur einen Tag später sind aus Bayern Separationsbestrebungen zu vernehmen, in den von den Franzosen besetzten Gebieten kam es zur Gründung der sog. „Rheinischen Republik“.

In dieser Gemengelage des an allen Ecken und Enden brennenden Gebietes der Weimarer Republik – und hier ist der Putschversuch eines österreichischen Gefreiten im November 1923 noch gar nicht eingepreist -, sieht Russland die Chance für einen kommunistischen Revolutionsversuch in Deutschland, später als „Deutscher Oktober“ in die Geschichte eingegangen. Mit Eintritt der KPD in die Regierungen Sachsens und Thüringens schien die Gelegenheit günstig, von dort aus eine Revolution in Gang zu setzen, die letztlich zur Eingliederung eines Sowjetdeutschlands in die Sowjetunion führen sollte.

Der Versuch scheiterte jedoch, noch bevor er richtig in die Tat umgesetzt werden konnte. Lediglich in Hamburg kam es tatsächlich zu einer Aufstandsbewegung, deren Niederschlagung durch die Reichswehr insgesamt 94 Todesopfer forderte.

Und an dieser Stelle hätte die Geschichte eben eine schicksalsträchtige Wendung nehmen können. Hätten die Umsturzversuche nur im Ansatz die Dynamik der europaweiten Revolutionsbewegungen von 1848/49 gehabt, hätten sie vielleicht zum Erfolg geführt und der weitere Verlauf des vergangenen Jahrhunderts wäre vermutlich ein ganz anderer gewesen. Als jedoch absehbar war, dass die angestrebte Revolution im Keim erstickt war, hat man sich in Russland nämlich zu einer deutlichen Kursänderung entschieden. Statt Umsturz stand nun Kooperation mit Deutschland im Vordergrund. Eine Kooperation, die insbesondere die militärische Aufrüstung betraf. Zwar wurde die Zusammenarbeit weitgehend geheim gehalten, weil sie einen bewusst in Kauf genommenen Verstoß gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages bedeutete, dessen ungeachtet hat sie sicherlich dazu beigetragen, dass später der weiter oben genannte österreichische Gefreite einen erneuten Weltenbrand initiieren konnte.

All das Genannte sind Aspekte, die Steffen Kopetzkys „Damenopfer“ zu einem überaus gelungenen Roman und einem faszinierenden Leseerlebnis machen. Zwar braucht man unter anderem aufgrund der sprunghaften Erzählweise, der zahlreichen Figuren und der nicht gerade unterkomplexen Thematik eine gehörige Portion Aufmerksamkeit bei der Lektüre. Die aufzubringen lohnt sich jedoch über alle Maßen.

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„Die Akte Madrid“ von Andreas Storm

Buch: „Die Akte Madrid“

Autor: Andreas Storm

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Paperback, 384 Seiten

Der Autor: Andreas Storm, geboren 1964, ist langjähriger Geschäftsführer und Partner einer Kommunikationsagentur. »Die Akte Madrid« ist der zweite Teil seiner Krimiserie um den Kunstexperten und Ermittler Lennard Lomberg. Andreas Storm lebt mit seiner Familie im Bergischen Land bei Köln. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch).

Das Buch: Granada im Sommer 2016. Bei einem Einbruch in ein Luxushotel nahe der Alhambra ist ein surrealistisches Gemälde gestohlen worden, das dessen Besitzer, den deutschen Verteidigungsminister, in große Erklärungsnot bringt. Zu blutig ist die Spur des Gemäldes, die von den Folterkellern der Franco-Diktatur bis in die Ministerien der Bonner Republik reicht.

Von seinem Mentor Peter Barrington wird Lomberg beauftragt, das Gemälde für den Minister aufzuspüren. Unterstützung erhält er dabei von der resoluten Kriminalrätin Sina Röhm. Schnell aber wird den beiden klar, dass es hier keineswegs nur um den Diebstahl eines als verschollen geltenden Gemäldes geht, sondern um ein damit verbundenes Vermächtnis von immenser politischer Sprengkraft.

Auch für Lomberg selbst ist die Sache heikel. Einerseits kreuzt das Gemälde nicht zum ersten Mal seinen Weg, andererseits muss er sich gleich zu Beginn der Ermittlungen die schmerzhafte Frage stellen, auf wessen Seite er eigentlich steht.

Doch die Zeit drängt – schon bald wird aus der Suche nach dem Kunstwerk eine Hetzjagd und Lomberg vom Verfolger zum Verfolgten … (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Ihr kennt diese Menschen, die im Fernsehen am Telefon tränenerstickt „Ich hab noch nie etwas gewonnen!“ rufen, wenn sie mal was, nun ja, gewonnen haben!? So jemand könnte ich sein, denn mit einiger Berechtigung kann auch ich sagen „Ich hab noch nie etwas gewonnen!“ Ja gut, ausgenommen diese 50 Mark, die ich damals bei Oddset gekriegt habe. Die Begriffe „Mark“ und „Oddset“ veranschaulichen aber wohl deutlich, wie lange das schon her ist. Auch wenn es zumindest Letzteres noch gibt.

Und weil das so ist, dass ich also – fast – noch nie etwas gewonnen habe, habe ich vor einiger Zeit auch mit überschaubarer Überzeugung bei einem kleinen Gewinnspiel bei Kiepenheuer & Witsch anlässlich der Veröffentlichung von „Die Akte Madrid“ mitgemacht – und war umso erstaunter, als man mir einige Zeit später mitteilte, dass ich zu den Gewinnern zählen würde. Kurz darauf trafen dann das Buch sowie eine Falsche Rotwein bei mir ein, die beide mittlerweile getestet und für gut befunden wurden. Ein ganz herzlicher Dank meinerseits geht daher vorab an die Verantwortlichen bei Kiepenheuer & Witsch sowie an Herrn Storm für die netten Zeilen im Buch.

Dies vorausgeschickt, wird es nun Zeit, sich mit selbigem auseinanderzusetzen.

„Die Akte Madrid“ ist der zweite Teil einer Krimireihe rund um Lennard Lomberg, seines Zeichens so eine Art Kunstdetektiv, darauf spezialisiert, lange verlorene Kunstwerke aufzuspüren und wiederzubeschaffen. Nach dem Diebstahl eines Gemäldes aus dem Nebengebäude eines Luxushotels in Granada, erhält Lomberg vom Besitzer des Gemäldes, dem deutschen Außenminister und angehenden NATO-Generalsekretär Franziskus Ritter, den Auftrag, das Bild zu finden und zurückzubringen.

Lomberg beginnt zu recherchieren. Und je mehr er herausfindet, umso mehr wird ihm bewusst, dass er hier in ein Wespennest gestochen haben könnte, dass seine Ursprünge in den Anfängen der spanischen Franco-Diktatur hat.

Andreas Storm erzählt seine Geschichte auf ebenso komplizierte wie überzeugende Weise. Er springt munter zwischen verschiedenen Zeitebenen, von der Zeit der Entstehung des Bildes „Tormenta en ciernes“ vor Beginn der Franco-Diktatur, über die Jahre 1942/43 bis hin zum Jahr 2016, in dem die Suche Lombergs stattfindet. Das entsprechend umfangreiche Figurenensemble macht es, im Zusammenhang mit den Zeitsprüngen, nicht immer ganz einfach, den Überblick zu behalten. Andererseits gelingt es Storm so auch, die Spannung stets hochzuhalten, denn jeder Handlungsstrang, jede Zeitebene für sich, hat inhaltlich ihren eigenen Reiz und man möchte immer dann, wenn die Erzählperspektive wechselt, eigentlich schon gerne wissen, wie es in der weitergeht, die man nun wieder verlässt. „Die Akte Madrid“ erfordert daher recht aufmerksames Lesen, belohnt dafür dann aber ganz entschieden. Zur genaueren Einordnung des Figurenensembles gibt es zum Ende des Buches auch nochmal ein Personenregister, das zu Beginn des Buches einzufügen aus meiner Sicht sinnvoller gewesen wäre, weil ich die seltsame Eigenschaft habe, Bücher von vorne zu beginnen.

Im Laufe der Zeit entwickelt sich dann nicht nur eine spannende und temporeiche Geschichte, rund um Beutekunst und die Franco-Diktatur, sondern eben auch eine recht lehrreiche. Auch und gerade Leserinnen und Leser, die im Bereich des spanischen Bürgerkrieges, der Franco-Diktatur, der Legion Condor oder der Blauen Division nicht über umfassende Kenntnisse verfügen, werden das Buch vermutlich nicht nur mit dem Gefühl, gut unterhalten worden zu sein, schließen, sondern auch mit dem, nebenbei sogar noch etwas gelernt  zu haben.

Kritik lässt sich für mich lediglich in zwei Bereichen anbringen. Zum Einen habe ich persönlich leichte Probleme mit den Hauptfiguren. Nicht den historischen aus den früheren Zeitebenen, sondern denen aus dem Hier und Jetzt des Romans, also mit Lomberg selbst, mit seiner Mitstreiterin Sina Röhm und einigen als Antagonisten einzustufenden Figuren. Diese wirken mehrheitlich eher wie snobistische Upper-Class-Charaktere im Stile eines Harlan Coben, was nicht schlecht sein muss, und meinetwegen auch so gewollt sein mag, mir persönlich aber den Zugang zu den Figuren eher erschwert hat. Das mag man aber gerne anders sehen.

Der zweite Kritikpunkt liegt in der Tatsache begründet, dass es sich bei „Die Akte Madrid“ um den zweiten Teil einer Reihe handelt. Dieser Umstand macht es nämlich meines Erachtens nötig, Leserinnen und Leser, die – wie ich eben – den ersten Teil nicht kennen, mit ausreichend Informationen zum „Was bisher geschah“ und der Entwicklung der Charaktere zu versorgen. Und hier schwächelt das Buch meines Erachtens etwas. Dass Andreas Storm darauf verzichtet, die Ereignisse des Auftaktromans nochmal in epischer Breite auszubreiten, ist vollkommen richtig, und es mag auch ein schmaler Grat sein zwischen dem, was man darüber erzählen kann, um denen, die den ersten Teil noch nachholen wollen, die Lektüre nicht zu vermiesen und dem, was man erzählen sollte, damit man als Nichtkenner des ersten Teils trotzdem den Eindruck hat, die Figuren und Zusammenhänge irgendwie zu kennen oder wenigstens grob zu erahnen. Dennoch hatte ich für mich hier eher den Eindruck des „Nichts Halbes, und nichts Ganzes“, den Eindruck, mit dem Nötigsten versorgt, ansonsten aber im Niemandsland des Halbwissens alleine gelassen zu werden.

Daher sollte man vielleicht – was irgendwie in der Natur der Sache liegt – mit dem ersten Teil in die Reihe einsteigen. Selbigen werde ich dann wohl auch zeitnah nachholen. Denn zumindest inhaltlich sowie thematisch hat mich „Die Akte Madrid“ auf voller Linie überzeugt. Aus mir hätte nämlich ein guter Kunsthistoriker werden können, nur um das mal gesagt zu haben.

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„Die Erfindung des Lächelns“ von Tom Hillenbrand

Buch: „Die Erfindung des Lächelns“

Autor: Tom Hillenbrand

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Hardcover, 512 Seiten

Der Autor: Tom Hillenbrand, studierte Europapolitik, volontierte an der Holtzbrinck-Journalistenschule und war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Sachbücher und Romane – darunter die Thriller »Hologrammatica«, »Qube« und »Montecrypto« – haben sich bereits hunderttausende Male verkauft, sind in mehrere Sprachen übersetzt, wurden vielfach ausgezeichnet und stehen regelmäßig auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Als der Pariser Louvre am 22. August 1911 seine Pforten öffnet, fehlt im Salon Carré ein Gemälde: Leonardo da Vincis »Mona Lisa«. Sofort versetzt der Polizeipräfekt seine Männer in höchste Alarmbereitschaft, lässt Straßen, Bahnhöfe und sogar Häfen sperren. Doch es ist zu spät. La Joconde ist verschwunden. Juhel Lenoir von der Pariser Polizei soll es finden – und die Welt schaut ihm dabei zu … (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Eingangs sei mir die Erwähnung gestattet, dass es nur meinem ausgeglichenen Gemüt zu verdanken ist, dass ich jetzt diese Zeilen tippe, und nicht etwa am Straßenrand auf Fahrradfahrer oder Fußgänger eintrete, die einerseits im fließenden Verkehr an einer Ampel, andererseits beim Überqueren eines Zebrastreifens nichts anderes zu tun hatten, als beharrlich auf ihr Handy zu starren, und sämtliche anderen Verkehrsteilnehmer somit weitgehend auszublenden, in der offensichtlich sicheren Gewissheit, dass die das schon irgendwie mitkriegen. Da die Nobelpreise bereits vergeben sind, konnte der Anlass der Handynutzung ganz offensichtlich nicht so wichtig sein, dass dieses Verhalten in irgendeiner Art und Weise gerechtfertigt ist, aber sei es drum …

Tom Hillenbrand also. Jener Tom Hillenbrand, der mich unter anderem schon mit „Der Kaffeedieb“, „Hologrammatica“ oder „Montecrypto“ überzeugt bis begeistert hat, und auf dessen neuen Roman ich aufgrund dieser erwähnten Vorerfahrungen sehnsüchtig gewartet habe. Und das vollkommen zu recht, wie sich herausstellen sollte.

Hillenbrand leitet sein Nachwort sinngemäß mit den Sätzen „Alles in diesem Buch ist genauso passiert. Abgesehen von dem was ich mir ausgedacht habe“ ein. Und es ist tatsächlich rückblickend schwer fassbar, was damals alles genauso – oder fast genauso – passiert ist:

Wir schreiben das Jahr 1911 und Monsieur Paupardin, seines Zeichens Museumswärter im Louvre, geht seinem Dienst nach. Der damals gängigen Praxis entsprechend, möchte ein Hobbymaler die „Mona Lisa“ künstlerisch festhalten und weist Paupardin auf den ungewöhnlichen Umstand hin, dass eben jenes Gemälde nicht an seinem Platz hängt. Man geht, ebenfalls gemäß der damals gängigen Praxis, zunächst davon aus, dass das Gemälde von einem der zahlreichen entsprechend durch den Louvre dazu autorisierten Fotografen gerade im Labor fotografiert wird. Erst als sich herausstellt, dass es sich auch dort nicht befindet, bricht bei Paupardin und den weiteren Verantwortlichen der kalte Schweiß aus …

Man kontaktiert die Polizei, die wiederum Commissaire Lenoire mit den Ermittlungen beauftragt. Dieser vermutet zunächst einen „Inside Job“ und verhört aus diesem Grund die zahllosen Angestellten des Louvre sowie sonstige Personen mit Zugang zum selbigen. Als das jedoch erfolglos bleibt, ändert sich die Grundannahme der Polizei nun dahingehend, dass man von einer organisierten Bande ausgeht. Letztlich erkalten die Spuren jedoch immer mehr und die Ermittlungen verlaufen im Sande.

Dann tritt der sogenannte Baron d’Ormesan auf den Plan. In einer Zeit, in der noch ganz Paris über den Diebstahl spricht und sich veritabel über die kümmerlichen Sicherheitsvorkehrungen im Louvre lustig macht, die, salopp formuliert, qualitativ noch unter denen des Wochenmarktes von Olpe im Sauerland liegen, wendet sich der unbekannte Baron an eine Zeitung. Er lässt dem „Paris Journal“ zwei Statuen zukommen, die er nach eigener Aussage im Louvre entwendet haben will – die dortigen Verantwortlichen werden später die Echtheit der Statuen bestätigen – und erwähnt, dass er noch weitere gestohlen und zwei davon an einen renommierten Maler weiterverkauft haben will.

Das wiederum ist der Moment, in dem bei Guillaume Apollinaire sowie Pablo Picasso der kalte Schweiß ausbricht. Denn beide wissen, dass es sich bei „Baron d’Ormesan“ um eine Figur aus einem von Apollinaires Büchern handelt, und beide wissen, wer sich dieses Pseudonyms bedient. Und es ist davon auszugehen, dass auch die Polizei das bald weiß …

Tom Hillenbrand gelingt mit seinem Roman in mehrerer Hinsicht ein Kunststück. Zum einen bevölkert er diesen, auch wenn ich nicht gezählt habe, sehr wahrscheinlich mit weit mehr historischen Figuren als fiktiven Charakteren. Von den erwähnten Autoren und Malern über die Tänzerin Isadora Duncan, der später ein Seidenschal zum Verhängnis werden sollte, oder den Okkultisten Aleister Crowley bis hin zu dem Kriminalisten Alphonse Bertillon, dem der Offizier Alfred Dreyfus zu großen Teilen seine unberechtigte vorübergehende Inhaftierung zu verdanken hatte, taucht quasi alles auf, was im Paris der damaligen Zeit Rang und Namen hatte.

Nun könnte das bei anderen Autoren den faden Eindruck eines sinnfreien Namedroppings hinterlassen, das den Eindruck „Sehr her, ich habe recherchiert!“ erwecken soll. Hillenbrand jedoch gelingt es, seine historischen Figuren mit so viel Leben und zu füllen und so überzeugend darzustellen, dass sie die zwei, drei fiktiven Charaktere – wie eben Commissaire Lenoire oder auch Mitglieder der damals aktiven Bonnot-Bande – sogar deutlich in den Schatten stellen.

Nun ist das Figurenensemble bei weitem nicht das Einzige, was „Die Erfindung des Lächelns“ zu einer recht nachdrücklich vorgebrachten Leseempfehlung meinerseits macht.

Der Einstieg in den Roman fällt dabei sogar noch etwas schwer bzw. er fällt kompliziert aus. Der Roman wechselt ständig die Erzählperspektive zwischen den Figuren und speziell am Anfang ist nicht immer ganz deutlich, wen man nun eigentlich bei was begleitet, und welche Rolle er oder sie für den Gesamtzusammenhang spielt. Eben jener Gesamtzusammenhang erschließt sich nach einiger Zeit dann aber immer mehr, weswegen ich mich verleitet fühlte, zwischendurch zum einen oder anderen mir bis dahin eher unklaren Kapitel am Anfang zurückzublättern, bis sich ein befriedigendes Gefühl von „Ach so!“ breit machte. Eben durch die ständigen Wechsel der Erzählperspektive bekommt der Roman zudem eine vergleichsweise hohe Dynamik.

Darüber hinaus punkte das Buch letztlich aber auch insbesondere durch seine farbenfrohe Schilderung des Paris der damaligen Zeit, oder zumindest dessen, was sich heutige Generationen darunter vorstellen. Dazu tragen viele Kleinigkeiten bei. Die Erwähnung der Hitzewelle, die die Bevölkerung in Paris 1911 plagte. Die Schilderung der Überfälle der Bonnot-Bande – überzeugter Anarchisten, die die Ansicht vertraten, dass Eigentum böse ist, sofern es anderen gehört, und die ihre Überfälle mithilfe von vergleichsweise schnellen Autos durchführten, während die Polizisten mehrheitlich noch auf Pferden oder gar Fahrrädern unterwegs waren. Oder eben die Diskussion über das Wesen der Kunst bzw. der Malerei, dahingehend, ob die Ausstellung vergleichsweise alter Kunst die Weiterentwicklung der Malerei verhindert, wenn man alte Meister als das Nonplusultra darstellt, dem es nachzueifern gilt oder ob es nicht vielleicht doch statthaft sei, wie Apollinaire sinngemäß gefordert hat, den Louvre einfach niederzubrennen.

Diese Mischung aus Figuren, Erzählweise und Kolorit macht aus „Die Erfindung des Lächelns“ einen außerordentlich gelungenen Roman, der zwischen Sittengemälde und Spannungsroman pendelt, und den man gerne nochmal von vorne beginnen würde, sobald man ihn durchgelesen hat.

Nachtrag: Eine gefundene Rezension bei „vorablesen“ trägt den schönen Titel „Jetzt ist sie weg“, und ich ärgere mich gerade ein bisschen, das mir das nicht eingefallen ist … :-)

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„Die Foundation-Trilogie“ von Isaac Asimov

Buch: „Die Foundation-Trilogie“

Autor: Isaac Asimov

Verlag: Heyne

Ausgabe: Taschenbuch, 880 Seiten

Der Autor: Isaac Asimov wird 1920 im russischen Petrowsk geboren und übersiedelt 1923 mit seinen Eltern nach Brooklyn in die USA. Trotz des elterlichen Wunsches, er möge Medizin studieren, entscheidet sich Asimov für die Chemie und promoviert 1948 an der Columbia-Universität in New York zum Dr. phil. Anschließend studiert er in Boston Medizin. Er arbeitet als Chemiker und bekleidet als solcher eine Professur an der Medizinischen Hochschule von Boston. Parallel zu seiner naturwissenschaftlichen Karriere schreibt er 1937 seine ersten Science-Fiction-Erzählungen. Seine wichtigsten Werke entstehen in den Vierziger- und Fünfzigerjahren, der sogenannten goldenen Ära der Science Fiction. 1958 beendet Asimov seine Hochschullaufbahn und widmet sich nur noch dem Schreiben. Neben seinen utopischen Romanen wendet sich Asimov in den sechziger Jahren mehr dem populär-wissenschaftlichen Sachbuch zu und behandelt Wissensgebiete wie Astronomie, Chemie und Physik. In den siebziger Jahren feiert er sein „Comeback“ als Science-fiction-Autor. Am 6. April 1992 stirbt Isaac Asimov in New York. (Quelle: Penguin Random House)

Das Buch: Das Galaktische Imperium steht vor dem Zerfall. Doch der Psychohistoriker Hari Seldon ersinnt einen riskanten Plan, um die Menschheit zu retten … Eine Vision, die Jahrtausende umspannt, ein Zukunftsbild, das die gesamte Galaxis mit einbezieht – mit den Foundation-Romanen hat Isaac Asimov Literaturgeschichte geschrieben. (Quelle: Penguin Random House)

Fazit: Zugegeben, anstatt mich mit Isaac Asimovs Science-Fiction-Klassiker zu beschäftigen, könnte ich mich natürlich heute Morgen auch erst mal aufregen. Über die Wahlergebnisse beispielsweise. Weil die darauf hindeuten, dass uns irgendwann halt doch eine Koalition aus Mittelschicht-Merz und erklärten Faschisten bevorsteht, nur weil ein nennenswerter Teil der Bevölkerung Mängel im Bereich Frustrationstoleranz aufweist und daher lediglich mit Reaktanz als einzige Bewältigungsstrategie aufwarten kann. Mit anderen Worten: Weil ein nennenswerter Teil der Bevölkerung das Verhalten störrischer Teenager aufweist.

Oder aber darüber, dass es Kollegen gibt, die auch nach über drei Jahren Pandemie noch so strunzdoof sind, mit Erkältungssymptomen ungetestet bei der Arbeit zu erscheinen, nur um dann erstaunt festzustellen, dass sie dann doch das Virus ereilt hat, weswegen ich jetzt noch abwarten darf, ob es mich nicht doch auch noch erwischt.

Oder darüber, wie viel Hässlichkeit eigentlich im Wort „Verlagsgruppe“ liegt.

Aber all das tue ich nicht – auch weil ich des Aufregens irgendwie müde bin. Es hört ja eh keiner zu, der es vielleicht tun sollte. Und dann kann ich mich guten Gewissens auch weniger frustrierenden Dingen zuwenden. Beispielsweise Asimovs Foundation-Trilogie.

An deren Beginn lernen wir das Galaktische Imperium kennen, ein Zusammenschluss unzähliger bewohnter Planeten bzw. Sonnensysteme, regiert von einem Kaiser, der auf dem Planeten Trantor residiert, der wiederum praktisch ausschließlich den gesamten Verwaltungsapparat des Imperiums beherbergt. Wer also den Passierschein A38 sucht, wird ihn auf Trantor finden. Irgendwann.

Und wie das mit Imperien nun mal so ist, so neigt sich auch das Galaktische Imperium früher oder später dem Ende seiner Existenz entgegen. Auch wenn das natürlich noch niemand wahrhaben und hinterher niemand gewesen sein will, ganz ähnlich der beiden aktuellen Landtagswahlergeb… – ich wollte mich nicht aufregen.

Jedenfalls: Dass das Galaktische Imperium seinem Ende entgegensieht, mag nicht jeder wahrhaben, es ist jedoch das Ergebnis fundierter Forschung des großen Psychohistorikers Hari Seldon. Die Psychohistorik ist eine von Seldon ins Leben gerufene Wissenschaftsdisziplin, die im Prinzip besagt, dass beim Vorhandensein einer entsprechend großen Menschengruppe, die überdies keine Kenntnis davon haben darf, Bestandteil psychohistorischer Beobachtung zu sein, sich valide Schlüsse auf die zukünftige Entwicklung einer gesamten Gesellschaft ableiten lassen. Im vorliegenden Fall eben die Entwicklung des Galaktischen Imperiums.

Um die ebenfalls von Seldon vorausgesagte Zeit des Interregnums, die nach Ende des Imperiums beginnen, 30.000 Jahre dauern und von Gewalt und Barbarei geprägt sein wird, auf „nur“ 1.000  Jahre zu verkürzen, plant Seldon die Einrichtung der Foundation, eines Wissenschaftsprojekts, für das 10.000 Wissenschaftler eine „Enzyklopaedia Galactica“ erstellen sollen, die die gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Menschheit enthalten bzw. bewahren soll.  Da die Obrigkeit von Seldons Imperiumsuntergangsvorhersagen nicht wirklich schwer begeistert ist, wird der Wissenschaftler jedoch per Gerichtsurteil ans Ende des bekannten Universums auf den Planeten Terminus verbannt. Was ihm jedoch ziemlich zupass kommt, denn einerseits gibt ihm das die Möglichkeit, vom noch langen Arm des Imperiums unbehelligt, besagte Foundation hochzuziehen, und zum anderen hat er seine Verbannung mit den Mitteln der Psychohistorik vorhergesehen, und damit den, oder zumindest einen, Beweis dafür angetreten, dass seine Wissenschaft funktioniert.

Der erste Teil der auf dieser Ausgangslage basierenden nun folgenden Trilogie hat mich dabei tatsächlich nahezu in wahre Begeisterungsstürme versetzt.  Nur – wie erkläre ich das jetzt anschaulich? Nun, im Grunde läuft es darauf hinaus, dass Asimov auf so ziemlich jeden Schreibratgeber der Welt pfeift. Beispielsweise sucht man bei ihm einen klar auszumachenden Protagonisten, der Sympathien gewinnen und an dessen Schicksal man atemlos Anteil haben soll, eher vergeblich. Ursächlich liegt das daran, dass Asimov zwischen den einzelnen Teilen seines Reihenauftakts vergleichsweise große Zeitsprünge von mehreren Jahrzehnten oder mehr macht. Daraus folgt, dass derjenige, den man vielleicht eben noch als den vermutlichen Protagonisten ausgemacht hat, wenige Seiten und einen Zeitsprung weiter vielleicht gar keine Rolle mehr spielt.

Und wenn man sich schon nicht an einzelne Personen gewöhnen muss, weil die eh gleich wieder tot und/oder vergessen sind, dann muss man sich, so muss sich Asimov wohl gedacht haben, auch nicht sonderlich intensiv mit deren Gedanken- und Gefühlswelt auseinandersetzen. So ist der erste Teil erzählerisch in meiner Wahrnehmung fast vollständig emotionsentkernt. Man könnte sagen: Hätte Spock einen Roman geschrieben, so wäre das vermutlich der erste Teil der Foundation-Trilogie. Das klingt vielleicht gruselig, ich aber fand das absolut großartig. So bekommt das Ganze irgendwie den Touch einer Doku, die sich mit den ersten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten des Foundation-Projektes und der Frage nach der Exaktheit von Seldons Psychohistorik beschäftigt.

Über drei Teile wäre das allerdings vermutlich zu viel des Guten – also, für mich nicht, für die Mehrheit aber eben dann wohl schon -, weswegen Asimov dann ab dem zweiten Teil des Dreiteilers dazu übergeht, ein klar auszumachendes Figurenensemble zu etablieren, das die Geschicke der nun auch in zeitlicher Hinsicht überschaubarer ausgearbeiteten Handlung lenken soll.

Ab da hat meine Begeisterung dann doch durchaus etwas nachgelassen, denn nicht alle Figuren wissen wirklich zu überzeugen, und insbesondere der im zweiten Teil aufgebaute Antagonist ist in erster Linie einfach nur irgendwie schräg. Mir ist klar, welchen Sinn er erfüllt, insbesondere im Hinblick auf Seldons Psychohistorie und die Frage, inwiefern man das Leben, das Universum und den ganzen Rest denn nun wirklich vorhersagen kann, mögen muss ich ihn deswegen aber ja nun lange noch nicht.

Auch auf der Seite der „Guten“ jedoch finde ich kaum eine Figur, an deren Schicksal ich so wirklich Interesse habe. Einzig der Wissenschaftler Ebling Mis sowie der Soldat Han Pritcher währen hier also positive Gegenbeispiele zu nennen. Im Vergleich mit dem gesamten Figurenensemble ist das anteilig arg überschaubar.

Die Geschichte wird im weiteren Verlauf dann ebenfalls irgendwie konventioneller und lässt den erfrischend anderen Ansatz des Reihenauftakts schmerzlich vermissen.

Und wenn man Sci-Fi-Fan ist, wird einem irgendwann auffallen, wie undetailliert ausgearbeitet Asimovs Vorstellung der Zukunft beispielsweise in technischer Hinsicht ist. Während Roddenberry in seinem „Star Trek“ allein auf dem Weg vom Holodeck über den Turbolift bis hin zur Brücke zahllose technische Spielereien eingebaut hätte, so findet sich bei Asimov in erster Linie die gefühlt tausendfach geschilderte Funktionsweise von Aschenbechern, die die Kippen mittels eines Atomblitzes verschwinden lassen, sowie ganz allgemein eine offensichtlich zur Schau gestellte und heute vielleicht als eher befremdlich empfundene Begeisterung des Autors für die Atomkraft. Oh, und Schreibmaschinen mit Spracherkennung gibt es auch. Erinnerte mich ein bisschen an die Phonografenwalze von Bell, aber sei es drum. Zugegeben, die Bücher sind in den 50ern entstanden, und dürfen daher heute gerne ein bisschen anachronistisch bis befremdlich wirken. Insgesamt ist aber beispielsweise das eben erwähnte „Star Trek“, wenngleich auch später entstanden, deutlich besser gealtert.

Das alles ändert aber nichts daran, dass ich in Summe durchaus Spaß mit dieser Trilogie hatte, und dass ich mal ganz stark vermute, dass das nicht mein letztes Buch von Asimov gewesen sein wird. Denn der gesamte Kosmos – pun not intended! -, den Asimov rund um seine Foundation aufgebaut hat, ist noch viel größer, als „nur“ diese drei zusammengefassten Teile. Allein der Foundation-Zyklus umfasst irgendwas bei 17 oder 18 Bücher, und ich schätze, es lohnt sich, da noch etwas tiefer einzusteigen.

Weitere Rezensionen:

Esthers Bücher

Seitenhieb

Demnächst in diesem Blog:

Sehr wahrscheinlich „Die Erfindung des Lächelns“ von Tom Hillenbrand.

„Vertrauen“ Dror Mishani

Buch: „Vertrauen“

Autor: Dror Mishani

Verlag: Diognes

Ausgabe: Hardcover, 352

Der Autor: Dror Mishani, geboren 1975 in Cholon bei Tel Aviv, ist ein israelischer Schriftsteller und daneben Literaturwissenschaftler mit dem Spezialgebiet Geschichte der Kriminalliteratur. Seine Romane sind in viele Sprachen übersetzt, ›Drei‹ war in Deutschland monatelang auf der Bestsellerliste. Sowohl von seiner ›Avi-Avraham‹-Krimi-Serie als auch von ›Drei‹ sind internationale Verfilmungen in Vorbereitung. Dror Mishani lebt mit seiner Familie in Tel Aviv. (Quelle: Diogenes)

Das Buch: In einem Vorort von Tel Aviv wird vor einem Krankenhaus ein Neugeborenes gefunden. Am selben Tag verschwindet ein Tourist und lässt sein Gepäck im Hotelzimmer zurück. Inspektor Avi Avraham hat genug von Bagatellfällen und häuslichen Dramen. Deshalb stürzt er sich gleich in den rätselhaften Vermisstenfall. Doch bald merkt er, dass auch das Private Sprengstoff birgt – und gerät in ein Labyrinth aus Gewalt und Täuschung, das ihn bis nach Paris führt und nicht nur mit dem Mossad in Konflikt bringt. (Quelle: Diogenes)

Fazit: Manchmal im Leben ist es halt so, dass man eingestehen muss, offensichtlich einen Fehler gemacht zu haben.

Etwa, wenn man gefühlte achttausendachthundertachtundvierzig Wahlgänge gebraucht hat, um jemanden in ein politisches Amt zu hieven, nur um ihn dann nach relativ kurzer Zeit wieder aus diesem Amt zu verjagen, weil man festgestellt hat, dass der irgendwie zu nett zum politischen Gegner und ungehörigerweise sogar an Kompromissen interessiert ist.

Oder wenn man eine Kryptobörse nach nur dreijährigem Bestehen mit einem Firmenwert von 32 Mrd. Dollar bewertet – nur um dann festzustellen, dass da überraschenderweise Kundengelder in dubiose Fonds abgezweigt, salopp gesagt also betrogen wird. Vielleicht, weil man aus der Holzmann-Pleite nicht gelernt hat. Oder aus Prokon. Oder Wirecard.

Und manchmal muss man eben eingestehen, dass es irgendwie auch eher in die Kategorie Fehler gehört, in literarischer Hinsicht nicht auf die innere Stimme gehört zu haben, die einem gesagt hat, dass man schon von Dror Mishanis „Drei“, obwohl allenthalben gelobt, nicht ganz so begeistert war, die aber von dem Einwand hinweggewischt wurde, dass jeder eine zweite literarische Chance verdient hat. Ich hätte auf die Stimme hören sollen.

Die erste Schwierigkeit des Buches liegt darin, dass „Vertrauen“ der vierte Teil einer Krimireihe rund um den Protagonisten Avi Avraham ist. Nun kann Mishani dafür wenig, dass ich erst mit dem vierten Teil in diese Reihe einsteige. Es gibt jedoch Autorinnen und Autoren, die später eingestiegene Leser mit ausreichend Hintergrundinformationen zum bisherigen Geschehen bzw. zur bisherigen Entwicklung ihrer Charaktere zu geben. Mishani gelingt das eher so semi. Zwar thematisiert er durchaus beispielsweise die vergangene Zusammenarbeit mit einer mittlerweile verstorbenen Vorgesetzen, die mutmaßlich in vorangegangenen Büchern eine Rolle gespielt haben muss, oder die Entwicklung seiner familiären Situation – so richtig greifbar wird das alles für Nichtkenner vergangener Teile aber eben nicht.

Ähnlich verhält sich das mit den Figuren des Romans. Dabei ist der Protagonist Avi Avraham sogar noch die positive Ausnahme. Der Ermittler steckt in einer Art Sinnkrise, hat die Nase voll von allen möglichen Bagatellfällen, möchte etwas anderes sehen, möchte etwas bewegen und bemüht sich deswegen um eine Versetzung. Auch wenn man Avi Avraham bislang noch nicht kannte, so kann man ihn wenigstens nachvollziehe. Alle anderen Figuren sind jedoch mehr halt nur irgendwie so da. Auch hier gilt, dass anderen Autoren schon mal besser gelungen ist, die bisherige Entwicklung ihrer Figuren wenigstens in groben Zügen kurz nochmal wiederzugeben, um sie etwas verständlicher zu gestalten. Sowohl was das Rekapitulieren bisheriger Ereignisse als auch die Schilderung vorangegangener Figurenentwicklung angeht, ist das beispielsweise der jüngst besprochenen Karin Slaughter mit „Dreh dich nicht um“ deutlich besser gelungen, auch wenn das Buch auf der Handlungsebene großer Mist war.

Eben diese Handlungsebene reißt mich in „Vertrauen“ nun aber auch nicht gerade vom Hocker. Misahni verarbeitet in seinem Buch quasi zwei Fälle in einem. Zum einen haben wir da ein vor einem Krankenhaus ausgesetztes Neugeborenes, zum anderen einen verschwundenen Hotelgast. Beides scheint keine große Sache  zu sein, vermutet Avraham, lässt daher Baby zunächst Baby sein bzw. setzt eine Kollegin auf die Angelegenheit an und wendet sich selbst dem verschwundenen Hotelgast zu. Spätestens als sich im Rahmen seiner Ermittlungen herausstellt, dass zwei Unbekannte nach dem Verschwinden des Hotelgastes sich als Verwandte ausgegeben, und sein Gepäck abgeholt haben, und der Tatsache, dass bei der zweiten Durchsuchung des Hotelzimmers plötzlich Rauschgift gefunden wird, das bei der ersten Begehung definitiv noch nicht da war, weiß Avraham, dass hier irgendwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Meiner Ansicht nach hat sich Mishani keinen Gefallen damit getan, sich gleich zwei Fällen in einem Buch zuzuwenden, die dann auch noch mit der Brechstange eine Verbindung im weitesten Sinne kriegen müssen, ohne die dem Buch nichts gefehlt hätte. Hätte sich der Autor lediglich dem Fall des ausgesetzten Neugeborenen zugewandt, hätte ich daran nur auszusetzen gehabt, dass ich diesen Fall eben als unspektakulär empfinde. Es mag sein, dass die religiöse Komponente des Falles – womit ich übrigens nicht zu viel verrate, weil die Protagonistin dieses Handlungsstrangs sich schon sehr früh als fundamentalreligiöse Hardlinerin rausstellt – eine gewisse Sprengkraft haben kann. Nur eben woanders. Ich habe den gesamten Handlungsstrang um das ausgesetzte Baby, die Klärung der Mutterschaft, der Vaterschaft und der dazugehörigen sonstigen Hintergründe als ziemlich langatmig empfunden.

Der zweite Fall jedoch hätte das Zeug dazu gehabt, unterhaltsam zu sein. Geheimdienstliche Verwicklungen, unbekannte Verschwundene, plötzliche Drogenfunde – dieser Handlungsstrang hatte tatsächlich ziemlich viel, um daraus eine überzeugende Krimihandlung zu klöppeln. Nur hätte diese ein bisschen mehr Zeit, ein bisschen mehr Ausarbeitung gebraucht. Zeit, die aber eben nicht da war, weil ja unbedingt die Geschichte des verschwundenen Babys erzählt werden musste.

So hat es den Anschein, als hätte Mishani zwei Ideen für ein Buch gehabt, die aus seiner Sicht vielleicht beide aber nicht genug hergaben, um eine vollständige Fortsetzung alleine zu tragen, weswegen sie zwingend in einem Buch zusammengefasst werden mussten, um dann noch mit einer Brechstangen-Verbindung, die eigentlich keine ist und die es nicht gebraucht hätte. miteinander verknüpft zu werden.

Herausgekommen ist auf diese Weise dann eben aus meiner Sicht nichts Halbes und nichts Ganzes.

Schade eigentlich.

Demnächst in diesem Blog: „Die Foundation-Trilogie“ von Isaac Asimov

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