Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
nachdem WP gerade aus unerfindlichen Gründen einen Teil meines bereits getippten Textes gefressen hat, verzichte ich auf das erneute Einhacken der eben noch in epischer Breite ausgeführten Vorrede, die sich eigentlich auch dahingehend ganz gut zusammenfassen lässt, dass ich beschlossen habe, fürderhin regelmäßig alles, was schon so lange auf meinen Stapeln gelesener Bücher liegt, dass sich eine erschöpfende Rezension schwierig gestalten würde, wenigstens kurz in Worte zu fassen. Den Anfang macht
„Die Grasharfe“ von Truman Capote
Der elfjährige Colin lebt nach dem Tod seiner Eltern bei seinen eher verhaltensoriginellen Tanten Verena und Dolly. Verena ist Geschäftsfrau, die ihre Hände unter anderem in allerlei Immobilien des kleinen Städtchens hat, Dolly dagegen macht sich nicht viel aus Geld, und hat ihr Auskommen, indem sie mit ihrer Freundin Catherine, die eigentlich das von ihrem Vater geerbte Dienstmädchen der Tanten ist, im Wald Kräuter sucht, um daraus Arzneien zu brauen und in aller Herren Länder zu verschicken.
Als Verena darauf aufmerksam wird, wittert sie ein großes Geschäft. Dolly jedoch hat überhaupt kein Interesse daran, ihre Arznei übermäßig zu monetarisieren und die Verantwortung für so ziemlich das Einzige, wofür sie alleine verantwortlich zeichnet, abzugeben, und es kommt zum Streit zwischen den Tanten. Dieser endet damit, dass Dolly, Catherine und Colin aus dem Haus ausziehen, und in einem Baumhaus im sogenannten „Paternosterbaum“ unterkommen.
Nach kurzer Zeit hat die kleine Gruppe den einen oder anderen Mitstreiter, während der Großteil der Einwohner dahingehend insistiert, dass besagte Gruppe nun aber doch bitte mit dem Blödsinn aufhören und nach Hause zurückkommen möge. Schließlich schreckt man auch vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurück …
Wenn man vorher Capotes „Kaltblütig“ gelesen hat, dann ist dieses Buch hier so etwa der ziemlich genaue Gegenentwurf dazu. „Die Grasharfe“ bietet eine kleine, vergleichsweise kurze, warmherzige Geschichte voller verschrobener Charaktere, die dazu animiert, Menschen einfach so sein zu lassen, wie sie sind, die Fragen nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung thematisiert, und die das faszinierenderweise ganz ohne zeitgenössisches identitätspolitisches Genörgel oder Gefasel von „Bevormundung“ schafft.
Ich hätte „Die Grasharfe“ vor etwa 25 Jahren lesen sollen, dann hätte sie mir noch besser gefallen, so bleibt dennoch eine charmante Geschichte mit durchaus aktuellem Ansatz, die auch wegen des überschaubaren Umfangs wärmstens zu empfehlen ist.
„Unterm Rad“ von Hermann Hesse
Die „Ich hätte das vor 25 Jahren lesen sollen!“-Erkenntnis trifft auch auf Hermann Hesses „Unterm Rad“ zu. Protagonist des Buches ist der junge Hans Giebenrath. Hans ist ein überdurchschnittlich guter Schüler und bereitet sich auf sein Landexamen vor. Diesem Ziel ordnet er bereits ziemlich viel unter, trotzdem prasseln von außen immer weitere Hoffnungen, Erwartungen und Anforderungen auf ihn ein. Letztlich sitzt der bislang eigentlich sehr naturverbundene junge auch in den Ferien auf Anraten seines Schulleiters nur noch vor den Büchern, um sich auf das Examen vorzubereiten.
Nach Bestehen desselben wird der Druck auf Hans weiter verstärkt. Zu den Erwartungen, die sein Vater, sein Schulleiter, eigentlich die ganze Stadt, in ihn legen, kommt nun noch die der Lehrkräfte an der Klosterschule Maulbronn, in die Hans nach dem Examen wechselt.
Nachdem er diesen Lauf der Dinge zwar leidlich beklagt, dessen Sinnhaftigkeit aber nicht wirklich infrage gestellt hat, gerät er schließlich in Kontakt zum eher musisch veranlagten Mitschüler Hermann Heilner. Hermann ist ein Freigeist, der über den Dingen zu stehen scheint, und sich aus dem Unterrichtsstoff im Allgemeinen nicht wirklich viel macht. Das hinterlässt großen Eindruck bei Hans. Seine Leistungen werden schwächer, sein nervlicher Zustand ebenso, insbesondere nachdem Heilner die Schule verlässt. Schließlich kehrt auch Hans nach Hause zurück. Vorübergehend, wie es heißt.
Es gäbe zahllose Gründe, die Geschichte von Hermann Hesse zu mögen, und im Grunde tue ich das auch. Sie ist phasenweise gut erzählt, so ist beispielsweise der Kontrast in Atmosphäre und Sprache zwischen dem gehetzt wirkenden ersten Kapitel, in dem man Giebenraths Umfeld und Situation kennenlernt, und dem zweiten, sehr viel ruhigeren, das teilweise in der freien Natur spielt, die der Junge eigentlich so schätzt, großes Kino.
Und die Geschichte rund um den Leistungsdruck, dem sich ein junger Mensch ausgesetzt sieht, hat zudem eine bemerkenswerte Aktualität.
Das einzige Problem, das ich mit der Geschichte habe, ist, dass sie eben nicht im geringsten Maße subtil wirkt. Hesse lässt nichts ungesagt, lässt die Drucksituation, in der sich sein Protagonist befindet, nicht für sich sprechen, damit sich die Leser ihre eigenen Gedanken dazu machen können, sondern er thematisiert diese Drucksituation immer wieder ganz plakativ, verweist darauf, dass der Junge ja gar keine Zeit mehr für sich selbst habe, und ähnliches. Das nimmt „Unterm Rad“ massiv die Wirkung, weil man sich schon recht früh denkt: „Ja, Hermann, ich hab es ja begriffen: Übersteigerter Leistungsdruck ist kontraproduktiv!“.
Wahrscheinlich hätte ich, wie erwähnt, das Buch mehr zu schätzen gewusst, wenn ich es vor einem Vierteljahrhundert gelesen hätte, so bleibt jedoch der Eindruck eines Klassikers, den man gelesen haben kann, aber nicht gelesen haben muss.
„Dunkelblum“ von Eva Menasse
Wir schreiben das Jahr 1989 in dem kleinen österreichischen Örtchen Dunkelblum. Menasses fiktiver Ort steht dabei für das Städtchen Rechnitz an der Grenze zu Ungarn. In den letzten Kriegsmonaten 1945 kommen 200 Zwangsarbeiter nach Rechnitz, die vorher an Hitlers Südostwall arbeiten mussten. Während eines Festes des ortsansässigen Grafenehepaares werden 180 von ihnen von einigen Teilnehmern dieses Festes erschossen. Die Geschehnisse gehen als „Massaker von Rechnitz“ in die Geschichte ein.
Knapp 45 Jahre nach diesen Ereignissen werden in Eva Menasses Roman die Bewohner Dunkelblums, die bislang beharrlich geschwiegen haben, erneut mit diesen Gräueltaten konfrontiert: Einige Studenten haben es sich zum Auftrag gemacht, den überwucherten jüdischen Friedhof vom Wildwuchs zu befreien, ein Unbekannter kommt in die Stadt und stellt unangenehme Fragen zur Vergangenheit und zudem entzweit sich das Örtchen in der Frage um die Neugestaltung der Wasserversorgung. Diesbezüglich ist für die Altvorderen in der Kommunalpolitik lediglich klar: Großflächige Buddelei muss in jedem Fall verhindert werden …
Hätte ich mich mit Menasses Roman auf die einzig angemessene Art auseinandergesetzt, so hätte man in jüngerer Vergangenheit mal eine ultimative Lobhudelei dazu gelesen. So muss ich es dabei belassen, dass die Autorin sich ihres Themas zwar auf absolut angemessene Weise zuwendet, diesen aber, um ihn eben wegen dieses Themas nicht vollends im Dunkeln enden zu lassen, mit einer ganzen Reihe verhältnismäßig schräger Figuren sowie einem gewissen Charme, auch und gerade in sprachlicher Hinsicht, füllt, den ich irgendwie als typisch österreichisch empfinde.
Menasse gelingt es so, Interesse für die historischen Fakten ihres Romans zu erzeugen, ohne ihre Leserschaft aber gleichzeitig in mehrere hundert Seiten lange Trübnis verfallen zu lassen. In der heutigen „Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen-Vogelschiss-Mahnmal-der-Schande-Maus-ausgerutscht-alimentierte-Messermänner-Zeit“ ist „Dunkelblum ein bemerkenswert wichtiges Buch! Wer es also noch nicht gelesen hat: Unbedingt nachholen!