„Die letzten Tage unserer Väter“ von Joël Dicker

Buch: „Die letzten Tage unserer Väter“

Autor: Joël Dicker

Verlag: Piper

Ausgabe: Hardcover, 416 Seiten

Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ und „Das Geheimnis von Zimmer 622“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)

Das Buch: 1940 verlässt der junge Paul-Emile überstürzt seine Heimatstadt Paris. Nicht einmal sein Vater weiß, wohin er geht. Denn Paul schließt sich einer geheimen Spionageeinheit an, die Winston Churchill ins Leben gerufen hat. Mit einer Handvoll französischer Freiwilliger, Stan, Gros, Flaron, Cucu und Laura, lehrt man ihn die Kunst des geheimen Krieges.

Die Aufträge sind gefährlich, und die Missionen scheinen nie zu enden. So wird ihnen die Gruppe zur zweiten Familie, in der Loyalität, Sicherheit, Freundschaft und Liebe alle zusammenschweißen. In der Hoffnung, gemeinsam die letzte Mission zu überstehen. (Quelle: Piper)

Fazit: Wenn ein Autor mit einem Buch den Durchbruch schafft, und es sich bei dem für den Durchbruch verantwortlichen Werk nicht um das literarische Debüt handelt, kann man sicher sein, dass der entsprechende Verlag früher oder später auch alles Weitere veröffentlicht, was der Autor bis dahin geschrieben hat. Was ich im Übrigen völlig wertfrei meine.

Diesem Umstand werden wir irgendwann eine Anthologie von George R. R. Martins Einkaufszetteln – und zwar zweifellos VOR dem letzten Buch von „Das Lied von Eis und Feuer“ – oder Ken Folletts unbeendeten Sudokus zu verdanken haben.

Zwischendurch kann es aber eben auch eine gute Idee sein, ein bis dahin weitgehend unbemerkt gebliebenes literarisches Debüt nachträglich zu veröffentlichen, nämlich insbesondere dann, wenn es uns Bücher wie „Die letzten Tage unserer Väter“ beschert.

Als Quasi-Exkurs sei hier kurz angefügt, dass dieses Buch ein perfektes Beispiel dafür ist, mit welch hoher Wahrscheinlichkeit Neuerscheinungen – auch und gerade solche, die für mich potenziell interessant sind – mittlerweile im Vorfeld an mir vorbeigehen.  Denn ich war so gar nicht darauf vorbereitet, als ich im letzten Jahr dieses Buch einfach so im Regal der Buchhandlung meines Vertrauens herumliegen sah. Ich bemühe mich dann mittlerweile ja immer, meine Begeisterung zu zügeln und allenfalls noch meine Drinnenstimme freudig quieken zu lassen, während meine Draußenstimme allenfalls ein lässig-interessiert klingendes „Oh.“ von sich gibt. Kurz gesagt: Ich bin irgendwie nicht mehr auf dem Laufenden.

Aber zurück zu Dicker: In dessen Romandebüt ist einiges anders als in seinen folgenden Romanen. So bedient er sich hier ausnahmsweise mal eines historischen Szenarios:

Im Jahr 1940 beschäftigt sich der junge Paul-Emile gelegentlich damit, subversive Wandschmierereien gegen die deutsche Besatzung zu produzieren. Als er letztlich erwischt wird, ist er doppelt erstaunt. Einmal, weil es sich glücklicherweise nicht um die Gestapo handelt, die ihn da erwischt hat, und weil ihm das zudem unversehens das Angebot einbringt, Teil einer geheimen, von Winston Churchill ins Leben gerufenen Einheit zu werden, deren Ziel es ist, hinter den feindlichen Linien Sabotageakte zu begehen.

Diese SOE („Special Operations Executive“) wurde auf Geheiß Winston Churchills im Juli 1940 gegründet, der verlauten ließ, Ziel der SOE sei es, „Europa in Brand zu stecken“. In der Folge wurden die Agenten der SOE praktisch weltweit eingesetzt, mal zwecks Sabotageakten, mal zur Unterstützung von Widerstandsgruppen. Und mal ging das gut, mal weniger, so beispielsweise im sogenannten „Englandspiel“, als aufgrund erbeuteter Funkschlüssel etwa 50 SOE-Agenten von der deutschen Spionageabwehr aufgegriffen und inhaftiert wurden.

Paul-Emile geht auf das Angebot ein, und beginnt an der Seite einer größeren Zahl an Mitstreitern, abgeschottet und fernab von allen Fronten der Welt, seine Ausbildung. Letztlich bleiben neun Personen übrig, die die Ausbildung auch abschließen, was besonders für die, die diese eben nicht abschließen, keine wirklich gute Nachricht ist, denn wer die Ausbildung nicht beenden kann oder will, darf nicht einfach nach Hause gehen, sondern wird vor dem Hintergrund, dass er oder sie „zu viel weiß“, wie es immer so schön heißt, bis Kriegsende interniert.

Dicker bedient sich eines Figurenensembles, das tatsächlich ausnehmend gut im Zusammenspiel funktioniert. An Paul-Emiles Seite gehören zur Truppe beispielsweise noch der eher voluminöse Gros, Claude, der eigentlich angehender Pfarrer ist, Stanislas, der Senior der Gruppe – und natürlich Laura, in die sich Paul-Emile, von seinen Kameraden mittlerweile Pal genannt, Hals über Kopf verliebt. Die Leserschaft begleitet diese Truppe quer durch ihre Ausbildung, die einen Gutteil des Buches in Anspruch nimmt, vielleicht einen etwas zu langen, in der aber auch die Strapazen, der Stress, die Verzweiflung und die Angst, mit der sich auseinandersetzen müssen, ebenso gut zum Tragen kommt, wie die Kameradschaft untereinander.

Natürlich kann die Gruppe nach Abschluss der Ausbildung nicht in der Gesamtheit zusammenbleiben, zumal sie alle für andere Einsatzgebiete – inhaltlich und auch geografisch – eingeplant sind, weswegen die Leserschaft mal diese, mal jene Figur bei ihren Einsätzen verfolgt.

Letztlich kommt Dicker aber immer wieder auf seinen Protagonisten Pal zurück, der schwer darunter leidet, von seinem Vater in Paris getrennt zu sein, der sonst niemanden zu haben scheint, dem er aber auch keine Informationen oder anderweitige Lebenszeichen zukommen lassen darf, weil die Einheit, in der Pal tätig ist, nun eben geheim ist und das auch bleiben soll.

Mögen die Figuren auch gut gelungen sein, so fällt in anderen Bereichen – gerade im Vergleich zu seinen anderen Büchern – auf, dass Dicker hier seine ersten literarischen Gehversuche macht. So ist, ich erwähnte es, der Ausbildungsteil im Buch schon recht ausufernd geschildert. Für das Zusammenspiel der Figuren und ihre Entwicklung ist das auch wichtig, nimmt trotzdem insgesamt einen zu großen Platz ein.

Zudem gleitet das Buch gelegentlich – eigentlich sogar unangenehm häufig – ins Kitschige ab. Inhaltlich und sprachlich. Die geneigten Leser haben schon relativ schnell begriffen, dass der Vater den Sohn und der Sohn den Vater vermisst. Die ewige und immer wiederkehrende Wiederholung dieser Information, verbunden mit einer Vaterfigur, bei der man sich fragt, wie der – bei allem Verständnis für seine Situation – in seiner Hilflosigkeit bisher eigentlich so durchs Leben kommen konnte, wirken irgendwann durchaus nervtötend und sorgen für intensives Augenrollen.

Wenn man den Kitsch-Part aber mal als gegeben angenommen und den Ausbildungsteil – der abseits seiner Länge ja sogar gut geschrieben ist – aber mal als gegeben akzeptiert hat, wird man mit einem spannenden Roman belohnt, der sich inhaltlich etwas traut, bis zum Schluss spannend bleibt, in seinen besten Momenten emotional mitreißend ist, ohne eben in diesen Momenten kitschig zu sein, und den man zumindest Dicker-Fans wärmstens empfehlen kann.

Weitere Rezensionen:

Catherine Oertel

LiteraturBlog

Frau Goethe liest

Demnächst in diesem Blog: Mal schauen … :-)

„Sibirische Sommer mit Dostojewski“ von Jan Brokken

Buch: „Sibirische Sommer mit Dostojewski“

Autor: Jan Brokken

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Ausgabe: Taschenbuch, 432 Seiten

Der Autor: Jan Brokken, geboren 1949, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der Niederlande. Er wuchs als Sohn eines Pfarrers im niederländischen Rhoon auf, nachdem seine Eltern kurz zuvor aus Indonesien zurückgekehrt waren. Er arbeitete für die Zeitungen Trouw und Haagse Post. 1985 debütierte er mit dem Roman »De provincie« und hat seitdem ein vielfach preisgekröntes Werk vorgelegt, das neben Romanen und Erzählungen auch literarische Sachbücher umfasst. Jan Brokken lebt in Amsterdam und an der franzöischen Atlantikküste, seine Bücher erscheinen in elf Sprachen. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Das Buch: Alles beginnt im Jahr 1849, als der junge Militärkadett von Wrangel in Petersburg der Hinrichtung einiger Aufständischer beiwohnen soll, die buchstäblich in letzter Sekunde begnadigt und in die Verbannung nach Sibirien geschickt werden. Einer von ihnen ist der junge Dostojewski. Im sibirischen Semipalatinsk kreuzen sich die Wege der beiden einige Jahre später wieder. Im »Kosakengarten«, dem Sommerhaus, das von Wrangel für sich und den Dichter mit Schreibverbot gemietet hat, führen sie hitzige Diskussionen, widmen sich gemeinsamer Lektüre und entwerfen Pläne für ihr zukünftiges Leben mit den jeweiligen Geliebten. (Quelle: Kiepenheuer & Witsch)

Fazit: Russland im Jahre 1849. Unter dem Einfluss der Revolutionsbewegung in Deutschland und quer durch Europa wird von den russischen Behörden jeder kritisch beäugt, dessen Denken und Handeln gegen den Zaren gerichtet sein könnte. Das wird auch Fjodor Michailowitsch Dostojewski zum Verhängnis. Dostojewski, zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem gefeierten Debütroman „Arme Leute“, der Novelle „Der Doppelgänger“ und weiteren Texten in Erscheinung getreten, wird vorgeworfen, zum Petraschewski-Zirkel rund um dessen Zentralgestirn Michail Wassiljewitsch Butaschewitsch-Petraschewski zu gehören, der revolutionäre Ziele verfolgen soll.

Von den in diesem Zusammenhang 34 Inhaftierten werden letztlich 21 zum Tode durch Erschießen verurteilt, unter ihnen auch Dostojewski, dem vorgeworfen wird, im Kreise seiner Mitverschwörer einen Brief von Wissarion Grigorjewitsch Belinski an Nikolai Wassiljewitsch Gogol vorgelesen zu haben, der unter anderem religionskritische Passagen enthält. Vermutlich hätte Fjodor zur Generation „Man darf aber auch gar nichts mehr sagen!“ eine ganz spezielle Meinung gehabt.

Die Exekution soll am 22. Dezember 1849 durchgeführt werden. Zeuge der Ereignisse auf dem dafür vorgesehenen Paradeplatz ist auch der junge Alexander von Wrangel, zu diesem Zeitpunkt Schüler des Petersburger Alexander-Lyzeums.

Die Exekution wird Sekunden vor der Durchführung gestoppt, die Verurteilten werden begnadigt. Nun, jedenfalls im weitesten Sinne. Natürlich können Sie nicht einfach so ihres Weges gehen. Dostojewskis Todesstrafe wird zur Lagerhaft in Sibirien umgewandelt. Am 24. Dezember begibt sich Dostojewski auf den Weg und sitzt bis 1854 seine Lagerhaft ab. Im März 1854 muss sich Dostojewski gezwungenermaßen als Soldat den im sibirischen Semipalatinsk stationierten Truppen anschließen, was seine Situation nur mäßig verbessert. Zwar muss er keine Ketten mehr tragen, einfach so aus eigenem Antrieb aus dem Militärdienst ausscheiden, ist ihm jedoch auch untersagt. Gleiches gilt für seine literarischen Ambitionen. Seit Beginn seiner Lagerhaft darf der Schriftsteller keine Werke mehr veröffentlichen.

Der junge Alexander von Wrangel hat seine Ausbildung am Lyzeum mittlerweile abgeschlossen und soll, wie für die Absolventen dieser Einrichtung üblich, in den Staatsdienst übernommen werden. Wrangel entscheidet sich, den Dienst im Justizministerium anzutreten und wird auf eigenen Wunsch nach Sibirien versetzt. In dem noch nicht vollständig erschlossenen Gebiet möchte Wrangel mithelfen, Aufbruchstimmung zu erzeugen und Strukturen zu etablieren. Als „Prokuror für Staats- und Strafangelegenheiten“, als Staatsanwalt quasi, kommt der junge Mann ebenfalls nach Semipalatinsk und trifft dort auf den kaltgestellten Schriftsteller Dostojewski.

Schon nach kurzer Zeit entsteht eine innige Freundschaft zwischen den beiden Männern. Dostojewski ist nach Jahren der Lagerhaft froh, endlich wieder jemanden zum Reden zu haben – und dass der aristokratische Staatsdiener Wrangel nicht ganz so schlecht bei Kasse ist, und Dostojewski gelegentlich mal aushelfen kann, ist so schlecht auch nicht. Wrangel wiederum ist voller Lob für Dostojewskis „Arme Leute“ und dessen weitere Texte und schätzt die Diskussionen über die Werke, die der Autor im sibirischen Exil plant – voller Hoffnung, diese dann auch irgendwann mal wieder veröffentlichen zu dürfen.

Und so verbringen der Autor und der Baron viel Zeit miteinander, sitzen in ihrer „Kosakengarten“ genannten Datscha zusammen, rauchen Pfeife und diskutieren über die Literatur, das Wesen des Verbrechens und die Veranlagung des Menschen dazu, über Gott und die Welt also. Und sie teilen Sorgen und Nöte miteinander. Auch hinsichtlich Dostojewskis späterer erster Frau Marija Dmitrijewna Dostojewskaja, in die er sich unsterblich verliebt hat, die zu diesem Zeitpunkt nur leider bereits verheiratet ist. Baron Wrangel trifft es nicht wesentlich besser: Seine Katja, zu der er ebenfalls in unermesslicher Liebe entbrennt, ist deutlich älter, hat Kinder, ist mit einem General verheiratet, und hat so gar keine Lust dazu, dieses Leben zugunsten eines Jungspunds aufzugeben.

Jan Brokken hat das Leben seiner beiden Protagonisten in den vor allem für Dostojewski so prägenden Jahren auf der Basis von Biografien, Schriftwechseln und ähnlichen Dokumenten nachgezeichnet. Durch ein paar Dutzend Fußnoten am Ende des Buches werden weitere Informationen gegeben bzw. vorhandene vertieft, allerdings dankenswerterweise so, dass man niemals den Eindruck hat, es hier mit einem Sachbuch zu tun zu haben.

Dabei ist gegen Sachbücher ja per se nichts einzuwenden, ich empfinde Brokkens Ansatz allerdings um ein Vielfaches eleganter. In ruhigem, für mich persönlich schon fast beruhigendem, Ton begleitet Brokken seine Protagonisten durch deren Jahre in Semiplatinsk, die insbesondere für Dostojewski nicht immer ganz einfach waren. Nicht nur, dass der Schriftsteller immer noch Soldat zweiter Klasse ist, der sich nicht so einfach dafür entscheiden kann, aus dem Militärdienst auszuscheiden, nein, er ist auch immer noch von der Möglichkeit zur Veröffentlichung seiner Werke ausgeschlossen, seiner Bürgerrechte verlustig gegangen, und hat zudem in jeglicher Hinsicht harte und fordernde Jahre an der Seite von Mördern und Vergewaltigern im Straflager hinter sich, die es erst mal aufzuarbeiten gilt.

Umso rührender wirkt es erst, wenn Dostojewski dann auf seine zukünftige Frau trifft, in die er sich umgehend verliebt, die nun aber verheiratet ist. Allerdings mit einem Säufer in einem schlechten Allgemeinzustand. Und Dostojewski kann warten … Aus der anfänglichen Rührung wird beim Leser aber irgendwann dann auch Bedauern und Mitleid, wenn man sieht, in welch bemerkenswertem Umfang Dostojewski augenscheinlich bereit ist, sich selbst im Werben um die junge Frau zu erniedrigen. Mag sie noch so viele konspirativ anberaumte Treffen, an denen Dostojewski wegen seiner Aufenthaltsbestimmungen bzw. der Befehle seiner Vorgesetzten eigentlich gar nicht teilnehmen dürfte, kurzfristig absagen oder einfach so nicht erscheinen, der Autor entschuldigt sie ein ums andere Mal und beharrt darauf, dass sie trotzdem ein engelsgleiches Geschöpf sein muss.

Nachdem seine Angebetete sich nun auch wahrlich viel Zeit gelassen hat, bis sie Dostojewskis Werben nachgab, und vor dem Hintergrund der Ereignisse bis zu diesem Punkt, verwundert es dann auch nicht, dass die spätere Ehe nicht wirklich glücklich verlief, zumal sich gerade zu diesem Zeitpunkt Dostojewskis Epilepsie-Erkrankung in deutlicher Ausprägung zeigte und erstmals offiziell diagnostiziert wurde, was für Marija augenscheinlich ein Problem darstellte.

Aber auch Wrangel steht ihm da in nichts nach. Der junge Mann verliert sein Herz an eine wesentlich ältere Generalsgattin und Mutter mehrerer Kinder und entblödet sich nicht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit hinsichtlich der Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zu insistieren, die die Generalsgattin aber gar nicht im Sinn hat – sie möchte sich in erster Linie amüsieren. Und das nicht nur mit Baron von Wrangel, sondern auch mit zahlreichen anderen … – was ist das Maskulinum von „Gespielinnen“? Und falls es keines gibt, warum!?

Aber auch abseits der vielleicht etwas umfangreich geratenen inhaltlichen Herzschmerz-Komponente bietet Brokkens Buch alles nur Erdenkliche für Schmöker-Fans. Der Autor zeichnet im wahrsten Sinne des Wortes ein Sittengemälde der damaligen Zeiten, des überraschend mondänen Lebens vor Ort, thematisiert den Filz bei der Berufung von Personen in einflussreiche Ämter trotz erwiesener Nichteignung dafür, die raue Natur Sibiriens, in der ich keine drei Minuten zubringen möchte, die Aufbruchstimmung und geschichtliche Entwicklung bei der Erschließung dieses Landstrichs und noch so viel mehr.

Und nicht zuletzt bietet er einen äußerst hilfreichen Einblick in die Person Dostojewski, in welchem Ausmaß das auch immer möglich sein mag. Denn oftmals kann man ein literarisches Werk eben genau dann richtig gut begreifen, wenn man die Geschichte der Person dahinter kennt. Und wenn Brokken beispielsweise regelmäßig erwähnt, dass Dostojewski diese oder jene Begebenheit – wie beispielsweise die Scheinexekution – in diesem und jenem Werk thematisiert, oder diese und jene Person Vorlage für diese oder jene Figur in einem bestimmten Buch war, dann kann man Dostojewskis Bücher natürlich auch ohne diese Zusatzinformationen lesen und vermutlich gut finden. Enorm hilfreich finde ich es dennoch und werde zukünftig einen ganz anderen Blick auf seine Bücher haben.

Denn was das angeht, klaffen noch große Lücken bei mir. Über „Schuld und Sühne“ bin ich nie hinausgekommen, auch wenn „Der Jüngling“ seit geraumer Zeit bei mir rumliegt und nichts sagt. Wobei der Roman nun eigentlich auch eher Spätwerk des Autors ist, und Einstieg in das Gesamtwerk mit „Arme Leute“ mehr Sinn ergibt. Wie auch immer, ich werde jedenfalls demnächst Dostojewski lesen. Und Brokken bestimmt auch nochmal.

Weitere Rezensionen:

literaturleuchtet

Zeichen und Zeiten

Welt und Buch

Demnächst in diesem Blog: „Die letzten Tage unserer Väter“ von Joël Dicker.

„Die Bestie“ von David Seinsche

Buch: „Die Bestie“

Autor: David Seinsche

Verlag: Digital Publishers

Ausgabe: Taschenbuch, 426 Seiten

Der Autor: David Seinsche ist ein 1982 geborener Autor, der sich vorrangig dem Thriller-Genre verschrieben hat. Der Autor mit einem Hang zur finnischen Wildnis war dereinst für eine Kunst- und Kulturzeitung tätig, wechselte dann zur Tageszeitung und entwickelte währenddessen den Wunsch, eigene Bücher zu schreiben. (Quelle: Autorenhomepage)

Das Buch: In der US-Hauptstadt Washington, D.C. wird eine grausam zugerichtete Leiche entdeckt. Es handelt sich um den 20-jährigen Sohn des berühmten und einflussreichen Senators William P. Fitzroy, der mit zahlreichen Bisswunden übersät ist. Die FBI Special Agents Frank Bernstein und Pete Hancock werden zu dem Fall gerufen und beginnen ihre Ermittlungen. Kurz darauf geschieht ein weiterer Mord nach dem gleichen Muster. Das Opfer, dieses Mal eine junge Frau, die zu den jüngsten Senator:innen in der US-Hauptstadt zählt, wird auf ähnliche Weise zugerichtet. Schon wittert die Presse eine neue Story, und nur mit Mühe gelingt es den beiden Ermittlern, die Wogen flach zu halten. Können sie den Mörder finden, bevor noch eine Leiche auftaucht, oder steckt mehr hinter den Taten, als alle vermuten? (Quelle: Autorenhomepage)

Fazit: Nachdem ich zu Beginn des Jahres über „Sternenfinsternis“ von David Seinsche schrieb, war es irgendwann auch mal an der Zeit, sich mit dem zweiten seinerzeit zugesendeten Rezensionsexemplar zu beschäftigen, für das übrigens ein ausdrücklicher Dank an David geht. Bereits im Vorfeld der Rezensionsexemplare entwickelte sich ein kurzer Austausch dahingehend, dass Mord-und-Totschlag-Bücher blutiger Ausprägung ja nicht mehr so meins sind, und ich demnach a) Vorbehalte haben und es b) etwas dauern könnte, bis ich mich deshalb zur Lektüre durchringe.

Und so kam es dann auch – nur um festzustellen, dass meine Sorgen bezüglich des blutigen Inhalts weitgehend unbegr… – wobei, so ganz unbegründet nun auch wieder nicht. „Die Bestie“ enthält durchaus gewisse Szenen expliziter Gewaltdarstellung, andererseits aber auch nicht mehr, als Stephen Kings „Der dunkle Turm“ auf den ersten 50 Seiten oder aber ein beliebiger Quentin-Tarantino-Film zwischen Minute 80 und 90. Wer diesbezüglich sensibel ist, für den ist „Die Bestie“ – das sagt aber irgendwie auch schon der Titel, oder!? – vermutlich eher nichts, alle anderen sollten sich davon nicht abschrecken lassen, denn abseits der Gewaltdarstellungen hat Seinsches Thriller, den ich eher als Krimi wahrnahm, einiges zu bieten.

Allem voran wäre da mal das Ermittlerduo zu nennen. Die FBI Special Agents Frank Bernstein und Pete Hancock sind Hauptfiguren, wie sie, nun ja, im Buche stehen. Auf der einen Seite der idealistische, junge Frank Bernstein, der quasi gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat und noch grün hinter den Ohren darauf wartet, nun durchstarten zu dürfen, auf der anderen Seite der weitgehend desillusionierte, zynische, alkoholkranke Hancock, schon älter und mit zerrüttetem Lebenslauf. Mit seinen beiden Protagonisten hat Seinsche ein Ermittler-Duo etabliert, das mich in höchstem Maße unterhalten hat, selbst wenn die Figurenkonstellation nicht besonders neu sein dürfte, entspricht die Mischung „Alter schlecht gelaunter Cop und junger gut gelaunter Cop“ doch quasi den Hauptfiguren in jedem zweiten Polizistenfilm der 80er. Aber die Chemie zwischen Bernstein und Hancock, die Dynamik, die Dialoge, all das stimmt einfach. Insgesamt erinnern die beiden Agents ein bisschen an Connor und Hank aus „Detroit: Become Human“, auch wenn das jetzt wieder niemandem was sagt.

Das gelungene Hauptfigurenduett entschädigt auch ein bisschen dafür, dass der eigentliche Fall zwischenzeitlich ein bisschen an den Rand gedrängt wird. Der Eindruck entsteht vielleicht auch deshalb, weil der Autor auf sinnlose Schießereien, wilde Verfolgungsjagden und ähnliches Beiwerk, das von mir auch nicht vermisst worden wäre, verzichtet, und die Krimihandlung vergleichsweise unaufgeregt daherkommt. Bernstein und Hancock reisen von Tatort zu Tatort und versuchen, abgeklärt und seriös Ermittlungen durchzuführen. Sie jetten, reden mit Gerichtsmedizinern, sichten Tatorte, reden mit Angehörigen, die alle bemerkenswert abgeklärt auf die jeweiligen Todesnachrichten reagieren, was von Bernstein und Hancock weitere Fragen auftauchen lässt, und all das auf vergleichsweise ruhige Art und Weise. Ich fand den Ansatz zur Abwechslung eigentlich mal ganz entspannend, zumal ein wildes und sinnfreies Actionfeuerwerk im Zusammenhang mit den oben erwähnten Gewaltdarstellungsszenen dann vielleicht auch ein bisschen viel des Guten gewesen wäre.

Eben jene Szenen werden zwischenzeitlich eingeschoben und in diesen begleiten wir den Täter bei seinem … nun ja, schändlichen Tun. Genauere Rückschlüsse auf Identität und Motiv lassen diese Einschübe aber kaum zu, und auch insgesamt ist es schwierig, in Seinsches Krimi mitzuraten und seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Ich behaupte mal, dass es kaum jemandem gelingen wird, auf eine auch nur in Ansätzen richtige Lösung für den Fall zu kommen.

Das macht aber eigentlich auch nichts.

In Summe bleibt trotzdem ein unterhaltsamer, raubeiniger Krimi, dessen Ermittlerduo ich gerne in etwaigen Fortsetzungen weiter verfolgen würde.

Demnächst in diesem Blog: Mal schauen. Ich hab Hans Fallada, Joël Dicker, Anthony Doerr, Karin Slaughter, Jan Brokken und noch irgendwas, was ich jetzt vergessen habe, im Angebot. Irgendwas davon wird es wohl werden …

„Über die Berechnung des Rauminhalts I“ von Solvej Balle

Buch: „Über die Berechnung des Rauminhalts I“

Autorin: Solvej Balle

Verlag: Matthes & Seitz

Ausgabe: Hardcover, 170 Seiten

Die Autorin: Solvej Balle, 1962 in Bovrup geboren, studierte Literatur und Philosophie in Kopenhagen und veröffentlichte 1984 ihren ersten Roman. Nach Jahren ausgedehnter Reisen durch Europa, Amerika, Kanada und Australien wurde sie 1996 Herausgeberin der literarischen Zeitschrift  Den blå port. Seither veröffentlicht sie in unregelmäßigen Abständen eigene literarischen Werke und übersetzte aus dem Englischen u.a. Rosemare Waldrop. Auf Deutsch erschien bislang der Roman Nach dem Gesetz. (Quelle: Matthes & Seitz)

Das Buch: Nach einer Geschäftsreise zu einer Antiquariatsmesse in Bordeaux beginnt für die Buchhändlerin Tara Selter, die mit ihrem Mann Thomas in einem Haus in Nordfrankreich lebt, die Zeit stillzustehen. Gefangen in einer Wiederholung, durchlebt sie stets von Neuem jenen 18. November, während es für Thomas und alle anderen Menschen, denen sie begegnet, ein immer neuer Anfang ist. Sie erinnern sich an nichts, was »gestern« war, erwachen stets zu ihrem ersten 18. November des Jahres. Genießt Tara diese Zeit des »Schwindels« im doppelten Sinne die ersten sechzig Tage noch, offenbart sich langsam ein Problem: Sie wird älter, Thomas nicht. Die beiden, die sich zuvor so nahegestanden haben, entfernen sich voneinander – und Tara versucht versessen, aus dem 18. November herauszufinden. (Quelle)

Fazit: Ich bin ein einfacher Mensch.

Möglicherweise wäre ich im Grunde meines Herzens auch lieber jemand von denen, die in illustrer Runde und elaboriertem Code nach so einer Lektüre bei einem Glas Rotwein und beliebigen Tabakwaren über Kafkas Verhältnis  zu seinem Vater, über Camus und den Existenzialismus oder – um beim hier vorliegenden Beispiel zu bleiben – über die Frage, was um alles in der Welt uns die Autorin mit diesem Text sagen will, fachsimpeln.

Das bin ich aber nicht. Ich bin ein einfacher Mensch.

Was nicht bedeutet, dass ich der grundsätzlichen Frage nach der Bedeutung eines Textes gegenüber abgeneigt bin, oder ich mich nach Beendigung eines Buches überhaupt nicht mehr mit dem Gelesenen beschäftige. Es bedeutet viel mehr, dass ich die Ansicht vertrete, dass der Autorin ja nun gerade eben ganze 170 Seiten zur Verfügung standen, um mir zu erklären, was sie mit ihrem Text sagen will, und wenn ihr das, so wie hier, zumindest zunächst, bis zum Ende eines Buches so gar nicht gelungen ist, dann liegt das entweder am Text selbst, was vor dem Hintergrund der vergleichsweise positiven Bewertungen in den Feuilletons dieser Welt ausgeschlossen werden kann, oder, um es mit den Worten von Hape Kerkeling zu sagen, „Dann unterstelle ich, dass da kein intellektueller Zugang …“. Und das musste es dann wohl sein.

Und daher hab ich „Über die Berechnung des Rauminhaltes I“ zunächst ziemlich entnervt weggelegt.

Zu viel in Solvej Balles Roman hat mich dann doch gestört.

Der Einstieg in den Roman ist sogar noch ganz verheißungsvoll gestaltet. Es dauert nicht lange, bis Balles Protagonistin Tara begriffen hat, dass irgendwas anders ist, als sie morgens nach einem Geschäftstermin in ihrem Hotel wach wird, im Speisesaal dieselben Dinge wie am „Vortag“ passieren und die Tageszeitung von eben diesem „Vortag“ gelesen wird. Schnell wird ihr klar: Sie hängt im 18. November fest, auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hat, warum und wie. Das Problem dabei: Sie ist die Einzige, die im 18. November festhängt.

Tara verlässt schließlich das Hotel, geht wieder nach Hause und erlebt auch dort immer und immer wieder den 18. November, an der Seite ihres Mannes, der ihr vollkommen Glauben schenkt, und mit dem sie Ursachen und Lösungsstrategien erarbeitet, dem sie aber, salopp formuliert, jeden Morgen aufs Neue sagen muss, was Phase ist. Tara, davon und vom Umstand, dass auch alle Überlegungen zu den Ursachen und Lösungen ihres Schicksals sie keinen Meter nach vorne bringen, enttäuscht und desillusioniert, zieht schließlich ins Gästezimmer ein.

Und spätestens ab da bekommt der Roman eine Zähigkeit, die trotz der Kürze des Buches schwer zu durchdringen ist. So schildert Tara nach ihrem Umzug in das Gästezimmer immer und immer wieder in aller Detailfülle die immer gleichen Verrichtungen, denen ihr Mann im Haus so nachgeht, und die sie an den Geräuschen einordnen kann, vom Abstellen der Einkaufstüten, bis hin zu Toilettengängen. Eine gewisse Redundanz liegt vor dem Hintergrund der gewählten Handlung in der Natur der Sache, und Bill Murray könnte ein Lied davon singen – vermutlich „I Got You Babe“ von Sonny und Cher. Das aber immer aufs Neue zu lesen, ohne dass in dieser Zeit der Roman auch nur in irgendeiner Art und Weise nennenswert vorangeschritten wäre, geht irgendwann an die Substanz.

Und so habe ich, mit gefühlt stetig abnehmender Aufmerksamkeit, den Roman bis zum Ende gelesen, und nicht den geringsten Schimmer gehabt, was das Ganze denn nun sollte.

Und dann – dann hab ich nachgedacht. Über die Frage, was uns die Autorin denn nun mit ihrem Text sagen wollte. Ohne Rotwein und Tabakwaren, aber immerhin.

Und letztlich erscheint die Lösung zur Dechiffrierung des Textes eine recht leichte. Denn in „Die Berechnung des Rauminhaltes I“ geht es aus meiner Sicht um Trauerbewältigung, um den Umgang mit einem Verlust. Vermutlich ist Taras Mann Thomas gestorben. Oder sie selbst? Ich bin noch unschlüssig.

Wie auch immer, da wäre zu Beginn das gänzliche Unverständnis, das Tara der Situation entgegenbringt, die eben darin besteht, dass sie in ihrer Situation gefangen ist, während alle anderen einfach ihr Leben weiterleben. Und wer mal einen entsprechenden Verlust zu beklagen hatte, kennt vielleicht das empörte Gefühl, dass einem widerfährt, wenn man bemerkt, dass trotz des teilweisen Untergangs der eigenen Welt praktisch alle anderen Menschen ihr Leben einfach so ungeniert und ungerührt weiterleben.

In der Folge zieht Tara dann wieder bei ihrem Mann ein. Erst ganz nah bei ihm, also ins eigene Schlafzimmer. Später vergrößert sie die Distanz und zieht in das Gästezimmer. Schließlich wird die Distanz durch einen Umzug in ein vor ihr gekauftes Haus erneut vergrößert. Und auch hier bietet sich der entsprechende Vergleich an: Mag der Verlust auch immer noch spürbar sein, so wird der emotionale Abstand im Laufe der Zeit für gewöhnlich größer, zumindest so groß, dass es uns selbst gelingt, in das ungenierte und ungerührte Verhalten der o.g. Menschen einzustimmen, und irgendwie wenigstens unser eigenes Leben weiterzuleben.

Und so ähnlich verhält es sich auch mit der Bewertung des Textes selbst. Je mehr Zeit seit der Lektüre verstrichen ist desto wohlwollender stehe ich ihm gegenüber, und wenn man sich mal die Zeit und Mühe gemacht hat, ein wenig drüber nachzudenken, funktioniert das Buch durchaus und hinterlässt einen entsprechenden Eindruck.

Weitere Fortsetzungen des nach Aussage des Verlages „groß angelegten Romanprojekts“ werde ich  mir dennoch schenken. Das ist mir auf Dauer zu anstrengend.

Ich bin ein einfacher Mensch.

Demnächst in diesem Blog: „Die Bestie“ von David Seinsche.

Abgebrochen: „1795“ von Niklas Natt Och Dag

Buch: „1795“

Autor: Niklas Natt Och Dag

Verlag: Piper

Ausgabe: Taschenbuch, 528 Seiten

Der Autor: Niklas Natt och Dag, geboren 1979, arbeitet als freier Journalist in Stockholm. Der Spiegel-Bestsellerautor entstammt der ältesten Adelsfamilie Schwedens. Nicht zuletzt deshalb hat er eine besondere Verbindung zur schwedischen Geschichte. Sein historischer Kriminalroman „1793“ wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Schwedischen Krimipreis für das beste Spannungsdebüt. Wenn er nicht schreibt oder liest, spielt er Gitarre, Mandoline, Geige oder die japanische Bambuslängsflöte Shakuhachi. (Quelle: Piper)

Das Buch: Nach einer Feuersbrunst, die viele Leben gekostet hat, liegt der beißende Geruch von Verzweiflung in der Luft. Wie ein hungriges Tier schleicht das Böse in Gestalt des zwielichtigen Tycho Ceton durch die verwinkelten Gassen. Niemand weiß, was für ein widerliches Komplott er als Nächstes plant.

Zeitgleich beginnt das Königshaus eine unerbittliche Jagd auf alle Gegner der Regentschaft. Ein Brief mit den Namen der Verschwörer soll im Umlauf sein – und ausgerechnet die vermisste Anna Stina Knapp wurde damit gesehen. Zwei begnadete Ermittler stellen sich der Dunkelheit entgegen und wollen nicht nur Ceton fassen, sondern auch Anna Stina beschützen: Emil Winge und der einarmige Veteran Jean Michael Cardell. Doch während sie noch versuchen, für das Gute einzustehen, bahnt sich unaufhaltsam ein Inferno an … (Quelle: Piper)

Fazit: Zugegeben, eigentlich – was kaum jemand auf dem Schirm haben dürfte, hier eingangs aber trotzdem erwähnt werden soll – sollte es an dieser Stelle erst mal um ein anderes Buch gehen. Aber zwischendurch gibt es halt immer mal einen Grund, sich über irgendwas zu echauffieren. Und dieser Grund muss nicht immer die offensichtliche Tatsache sein, dass das soziale Gewissen der FDP augenscheinlich tödlich verwundet im Straßengraben dem baldigen Ende entgegensiecht, das kann auch mal einfach nur der Unmut über eine Leseerfahrung sein. So wie im vorliegenden Fall. Und dieser Unmut muss dann eben raus.

Und man muss es in aller Deutlichkeit so sagen: Ich bin vermutlich mit bislang noch keiner Romanreihe so veritabel und unerwartet auf die Schnauze gefallen, wie mit dieser hier. Denn der Reihenauftakt „1793“ wurde von mir seinerzeit noch über den grünen Klee gelobt. Dann aber muss so einiges schief gelaufen sein.

Meiner persönlichen Überzeugung nach, die sich nicht mit den realen Begebenheiten decken muss, ergab sich das, was dann schief lief, daraus, dass „1793“ ursprünglich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Einzelband konzipiert war. Der Abschluss der Handlung, die eine oder andere überaus diskutable Personalentscheidung – alles deutet darauf hin, dass da nichts mehr kommen sollte. Dann aber wurden vermutlich sowohl Autor als auch Verlag vom überwältigenden Erfolg des Buches überrascht, Ersterer von Letzterem mit zwei Fortsetzungen beauftragt, und Ersterem fielen bei der Umsetzung derselben seine eigenen Entscheidungen aus dem dann als Reihenauftakt geltenden Buch auf die Füße.

Im Folgenden könnten übrigens einige Informationen gegeben werden, die denen, die diese Buchreihe vielleicht noch selbst lesen wollen, um sich anschließend zu beklagen, dass sie die darin investierte Lebenszeit nie wiederkriegen, besser vorenthalten bleiben sollten – alle, für die das zutrifft, stellen die Lektüre daher vielleicht besser an dieser Stelle ein. Ich sag’s nur vorher …

Denn – und da setzen wir wieder am vorletzten Absatz an – wenn man im ersten Band ein sehr überzeugendes Ermittlerduo konzipiert, das im zweiten Band aus Gründen des anteiligen Ablebens schon mal faktisch nicht mehr zusammenarbeiten kann, das aber im ersten Teil ausnehmend gut funktioniert hat, dann bringt das schon mal Probleme mit sich. Wenn man dann die düstere Atmosphäre, die im ersten sowie im zweiten Teil – die ist in der Fortsetzung, auch im dritten Teil, tatsächlich auch ganz gut gelungen – durch weitere fragwürdige Personalentscheidungen konterkariert, dann verursacht das weitere Probleme. Denn in „1794“ tauchen beispielsweise Nebenfiguren auf, die einerseits mit dem großen, bösen Antagonisten des Buches – über den gleich noch zu reden sein wird – aufeinandertreffen, und mit denen man angesichts ihres beklagenswerten Schicksals vermutlich Mitleid empfinden soll, die aber so derart schmerzlich naiv sind und handeln, dass man sich eher denkt: „Ich hab’s euch doch gesagt! Irgendwie habt ihr es jetzt auch nicht anders verdient.“ Und besagter Antagonist wird als bösartige Bedrohung in Ausmaßen des Star-Wars-Imperiums dargestellt, dabei wäre sein schändliches Tun im Laufe der Handlung allein dadurch zu beenden gewesen, indem man ihm bei einer der zahlreichen diesbezüglichen Gelegenheiten einfach mal zünftig aufs Maul gehauen hätte, und ich verstehe nicht, warum man das nicht getan hat.

Das größte Problem von „1794“ waren also zusammengefasst die nicht überzeugenden bzw. in Teilen albernen Figuren sowie die in sich nicht immer logische Geschichte.

Und in „1795“ – gibt einfach irgendwie „mehr vom selben“.

Im ersten Teil des Buches begleiten wir unser Ermittlerduo Cardell und Winge – nicht DER Winge, sondern sein im zweiten Teil im Rahmen eines Bobby-Ewing-unter-der-Dusche-Moments plötzlich aufgetauchter Bruder – durch die schwelenden Trümmer Stockholms auf der Suche nach Anna Stina, die man bereits aus vorangegangenen Bänden kennt, und die sich im Besitz eines Briefes befindet, der sie unter den aktuellen Umständen in Lebensgefahr bringen könnte. Aber auch auf der Suche nach Tycho Ceton – ich muss immer an Ijon Tichy denken, aber sei’s drum -, dem großen bösen Antagonisten aus dem zweiten Teil. Denn den gibt es noch. Dieser wendet sich in seiner Verzweiflung an seine bösartigen Schergen-Kollegen aus dem zweiten Teil, denn die gibt es auch noch, um ihr schändliches Treiben aus dem zweiten Teil fortzusetzen und … irgendwann denkt man sich: „Das hab ich doch irgendwann schon mal so ähnlich gelesen!?“

Tatsächlich ist „1795“ so eine Art „Episode 7“ der Literatur. Man kennt die einzelnen Handlungselemente, die Figuren sowieso, aus vorangegangenen Teilen und irgendwie versucht der Autor dann, eine Handlung daraus zusammenzuschustern, die man aber auch irgendwie schon kennt.

Dazu kommen dann noch erzählerische Redundanzen.

So begleiten wir, wie erwähnt, das Ermittlerduo im ersten Teil auf der Suche nach dem bösartigen Tycho Ceton. Der zweite Teil des Buches deckt im Wesentlichen denselben Zeitraum ab, nur erfahren wir hier aus den Sicht es erwähnten Bösartigen, wie es ihm so ergangen ist, was wir in Teilen aber schon aus dem vorangegangen Teil wissen.

Und da war dann, irgendwo so um die Hälfte des Buches herum, der Punkt, an dem ich entschieden habe, dass es das für mich war mit dem Reihenabschluss.

Und im Grunde genommen ist das tatsächlich recht schade. Denn Niklas Natt Och Dag gelingt in seinem dritten Teil etwas, das schon im zweiten Teil hilfreich gewesen wäre, nämlich seine Hauptfiguren – allen voran den Ersatz-Winge – nachvollziehbarer zu gestalten. Seine Protagonisten werden greifbarer, verständlicher, menschlicher – das alles nur leider zu spät, denn sie – allen voran der Ersatz-Winge -, sind mir zu diesem Zeitpunkt bereits bemerkenswert egal. Und die bösen Antagonisten mit dem Bedrohungslevel eines handelsüblichen Sturmtrupplers schon lange.

Und so werde ich eben nie erfahren, ob Cardell und Ersatz-Winge dieser Bedrohung Herr werden. Es ist mir aber leider auch weitgehend egal.

Demnächst in diesem Blog: „Über die Berechnung des Rauminhalts I“ von Solvej Balle.