Buch: „Die letzten Tage unserer Väter“
Autor: Joël Dicker
Verlag: Piper
Ausgabe: Hardcover, 416 Seiten
Der Autor: Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des Jahres 2012 wurde und dessen Übersetzungsrechte mittlerweile schon in über 30 Sprachen verkauft wurden, erhielt Dicker den Grand Prix du Roman der Académie Française sowie den Prix Goncourt des Lycéens. Mit „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ und „Das Geheimnis von Zimmer 622“ konnte er an seine Erfolge anknüpfen und schaffte es ebenfalls auf die Bestsellerlisten. (Quelle: Piper)
Das Buch: 1940 verlässt der junge Paul-Emile überstürzt seine Heimatstadt Paris. Nicht einmal sein Vater weiß, wohin er geht. Denn Paul schließt sich einer geheimen Spionageeinheit an, die Winston Churchill ins Leben gerufen hat. Mit einer Handvoll französischer Freiwilliger, Stan, Gros, Flaron, Cucu und Laura, lehrt man ihn die Kunst des geheimen Krieges.
Die Aufträge sind gefährlich, und die Missionen scheinen nie zu enden. So wird ihnen die Gruppe zur zweiten Familie, in der Loyalität, Sicherheit, Freundschaft und Liebe alle zusammenschweißen. In der Hoffnung, gemeinsam die letzte Mission zu überstehen. (Quelle: Piper)
Fazit: Wenn ein Autor mit einem Buch den Durchbruch schafft, und es sich bei dem für den Durchbruch verantwortlichen Werk nicht um das literarische Debüt handelt, kann man sicher sein, dass der entsprechende Verlag früher oder später auch alles Weitere veröffentlicht, was der Autor bis dahin geschrieben hat. Was ich im Übrigen völlig wertfrei meine.
Diesem Umstand werden wir irgendwann eine Anthologie von George R. R. Martins Einkaufszetteln – und zwar zweifellos VOR dem letzten Buch von „Das Lied von Eis und Feuer“ – oder Ken Folletts unbeendeten Sudokus zu verdanken haben.
Zwischendurch kann es aber eben auch eine gute Idee sein, ein bis dahin weitgehend unbemerkt gebliebenes literarisches Debüt nachträglich zu veröffentlichen, nämlich insbesondere dann, wenn es uns Bücher wie „Die letzten Tage unserer Väter“ beschert.
Als Quasi-Exkurs sei hier kurz angefügt, dass dieses Buch ein perfektes Beispiel dafür ist, mit welch hoher Wahrscheinlichkeit Neuerscheinungen – auch und gerade solche, die für mich potenziell interessant sind – mittlerweile im Vorfeld an mir vorbeigehen. Denn ich war so gar nicht darauf vorbereitet, als ich im letzten Jahr dieses Buch einfach so im Regal der Buchhandlung meines Vertrauens herumliegen sah. Ich bemühe mich dann mittlerweile ja immer, meine Begeisterung zu zügeln und allenfalls noch meine Drinnenstimme freudig quieken zu lassen, während meine Draußenstimme allenfalls ein lässig-interessiert klingendes „Oh.“ von sich gibt. Kurz gesagt: Ich bin irgendwie nicht mehr auf dem Laufenden.
Aber zurück zu Dicker: In dessen Romandebüt ist einiges anders als in seinen folgenden Romanen. So bedient er sich hier ausnahmsweise mal eines historischen Szenarios:
Im Jahr 1940 beschäftigt sich der junge Paul-Emile gelegentlich damit, subversive Wandschmierereien gegen die deutsche Besatzung zu produzieren. Als er letztlich erwischt wird, ist er doppelt erstaunt. Einmal, weil es sich glücklicherweise nicht um die Gestapo handelt, die ihn da erwischt hat, und weil ihm das zudem unversehens das Angebot einbringt, Teil einer geheimen, von Winston Churchill ins Leben gerufenen Einheit zu werden, deren Ziel es ist, hinter den feindlichen Linien Sabotageakte zu begehen.
Diese SOE („Special Operations Executive“) wurde auf Geheiß Winston Churchills im Juli 1940 gegründet, der verlauten ließ, Ziel der SOE sei es, „Europa in Brand zu stecken“. In der Folge wurden die Agenten der SOE praktisch weltweit eingesetzt, mal zwecks Sabotageakten, mal zur Unterstützung von Widerstandsgruppen. Und mal ging das gut, mal weniger, so beispielsweise im sogenannten „Englandspiel“, als aufgrund erbeuteter Funkschlüssel etwa 50 SOE-Agenten von der deutschen Spionageabwehr aufgegriffen und inhaftiert wurden.
Paul-Emile geht auf das Angebot ein, und beginnt an der Seite einer größeren Zahl an Mitstreitern, abgeschottet und fernab von allen Fronten der Welt, seine Ausbildung. Letztlich bleiben neun Personen übrig, die die Ausbildung auch abschließen, was besonders für die, die diese eben nicht abschließen, keine wirklich gute Nachricht ist, denn wer die Ausbildung nicht beenden kann oder will, darf nicht einfach nach Hause gehen, sondern wird vor dem Hintergrund, dass er oder sie „zu viel weiß“, wie es immer so schön heißt, bis Kriegsende interniert.
Dicker bedient sich eines Figurenensembles, das tatsächlich ausnehmend gut im Zusammenspiel funktioniert. An Paul-Emiles Seite gehören zur Truppe beispielsweise noch der eher voluminöse Gros, Claude, der eigentlich angehender Pfarrer ist, Stanislas, der Senior der Gruppe – und natürlich Laura, in die sich Paul-Emile, von seinen Kameraden mittlerweile Pal genannt, Hals über Kopf verliebt. Die Leserschaft begleitet diese Truppe quer durch ihre Ausbildung, die einen Gutteil des Buches in Anspruch nimmt, vielleicht einen etwas zu langen, in der aber auch die Strapazen, der Stress, die Verzweiflung und die Angst, mit der sich auseinandersetzen müssen, ebenso gut zum Tragen kommt, wie die Kameradschaft untereinander.
Natürlich kann die Gruppe nach Abschluss der Ausbildung nicht in der Gesamtheit zusammenbleiben, zumal sie alle für andere Einsatzgebiete – inhaltlich und auch geografisch – eingeplant sind, weswegen die Leserschaft mal diese, mal jene Figur bei ihren Einsätzen verfolgt.
Letztlich kommt Dicker aber immer wieder auf seinen Protagonisten Pal zurück, der schwer darunter leidet, von seinem Vater in Paris getrennt zu sein, der sonst niemanden zu haben scheint, dem er aber auch keine Informationen oder anderweitige Lebenszeichen zukommen lassen darf, weil die Einheit, in der Pal tätig ist, nun eben geheim ist und das auch bleiben soll.
Mögen die Figuren auch gut gelungen sein, so fällt in anderen Bereichen – gerade im Vergleich zu seinen anderen Büchern – auf, dass Dicker hier seine ersten literarischen Gehversuche macht. So ist, ich erwähnte es, der Ausbildungsteil im Buch schon recht ausufernd geschildert. Für das Zusammenspiel der Figuren und ihre Entwicklung ist das auch wichtig, nimmt trotzdem insgesamt einen zu großen Platz ein.
Zudem gleitet das Buch gelegentlich – eigentlich sogar unangenehm häufig – ins Kitschige ab. Inhaltlich und sprachlich. Die geneigten Leser haben schon relativ schnell begriffen, dass der Vater den Sohn und der Sohn den Vater vermisst. Die ewige und immer wiederkehrende Wiederholung dieser Information, verbunden mit einer Vaterfigur, bei der man sich fragt, wie der – bei allem Verständnis für seine Situation – in seiner Hilflosigkeit bisher eigentlich so durchs Leben kommen konnte, wirken irgendwann durchaus nervtötend und sorgen für intensives Augenrollen.
Wenn man den Kitsch-Part aber mal als gegeben angenommen und den Ausbildungsteil – der abseits seiner Länge ja sogar gut geschrieben ist – aber mal als gegeben akzeptiert hat, wird man mit einem spannenden Roman belohnt, der sich inhaltlich etwas traut, bis zum Schluss spannend bleibt, in seinen besten Momenten emotional mitreißend ist, ohne eben in diesen Momenten kitschig zu sein, und den man zumindest Dicker-Fans wärmstens empfehlen kann.
Weitere Rezensionen:
Demnächst in diesem Blog: Mal schauen … :-)