Der Autor: Richard Schwartz, geboren 1958 in Frankfurt, hat eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker und ein Studium der Elektrotechnik und Informatik absolviert. Er arbeitete als Tankwart, Postfahrer und Systemprogrammierer und restauriert Autos und Motorräder. Am liebsten widmet er sich jedoch phantastischen Welten, die er in der Nacht zu Papier bringt – mit großem Erfolg: Seine Reihe um „Das Geheimnis von Askir“ wurde mehrfach für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. (Quelle: Piper)
Das Buch: Ein verschneiter Gasthof im hohen Norden: Havald, ein Krieger aus dem Reich Letasan, kehrt in dem abgeschiedenen Wirtshaus „Zum Hammerkopf“ ein. Auch die undurchsichtige Magierin Leandra verschlägt es hierher. Die beiden ahnen nicht, dass sich unter dem Gasthof uralte Kraftlinien kreuzen. Als der eisige Winter das Gebäude vollständig von der Außenwelt abschneidet, bricht Entsetzen aus: Ein blutiger Mord deutet darauf hin, dass im Verborgenen eine Bestie lauert. Doch wem können Havald und Leandra trauen? Die Spuren führen in das sagenhafte untergegangene Reich Askir … (Quelle: Piper)
Fazit: Mittlerweile vermittelt mein Blog in etwa den Eindruck einer verlassenen Fleischerei. Das große Schaufenster ist noch da, wenn auch leicht blind geworden, und drinnen erkennt man noch Fliesenwände und einen Tresen. Und vielleicht hängt noch das Firmenschuld über der Tür, das irgendwie immer übrig bleibt, wenn irgendwo ein Geschäft schließt. Aber im Grunde genommen merkt man, dass drinnen schon eine ganze Weile kein Betrieb mehr herrscht.
Insofern unternehmen wir jetzt einfach mal den zaghaften Versuch, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und widmen uns vorerst dem ersten Band von Richard Schwartz‘ „Askir“-Reihe. Und alles Weitere sehen wir dann.
Tatsächlich liegt mir das Buch sogar in der „Askir – Die komplette Saga I“-Fassung vor, in dem die ersten drei Bände des Fantasy-Mehrteilers versammelt sind. Ich hab mich aber aus Gründen entschieden, einzeln über die Bücher zu schreiben. Legen wir also mit „Das erste Horn“ los.
Darin begegnen wir Havald, einem langsam in die Jahre kommenden Krieger vorerst unbekannter Herkunft, der im Gasthaus „Zum Hammerkopf“ die restlichen Wochen des Winters zu verbringen gedenkt. Zusammen mit den ersten Ausläufern eines gigantischen Schneesturms betritt dann Sera Maestra de Girancourt die Schankstube, die wir im Folgenden der Einfachheit halber Leandra nennen wollen, eben, weil sie so heißt. Leandra, in der Magie ebenso ausgebildet wie im Schwertkampf, ist im Auftrag ihrer Königin unterwegs und will Kontakt zum legendären Reich Askir aufnehmen, um sich gegen das Kaiserreich Talak zur Wehr zu setzen, das seit vielen Jahren ein Land nach dem anderen unter seine Kontrolle bringt.
Der „Hammerkopf“ ist zudem, neben dem Gastwirt und seinen drei Töchtern, mit zahlreichen weiteren Gästen belegt. Mit Händlern, deren Geleitschutz, einer Gruppe Holzfäller sowie einer klar als solche erkennbaren Diebes- und Mörderbande unter dem Befehl eines gewissen Janos. Komplettiert wird das Figurenensemble durch die Dunkelelfe Zokora.
Kaum kommt Leandra mit dem zunächst verhalten bis ablehnend reagierenden Havald ins Gespräch, geschieht auch schon ein Mord und beide fühlen sich berufen, die Hintergründe desselben aufzuklären und kommen dabei dem ein oder anderen Geheimnis auf die Spur, das den Gasthof umgibt.
Nun habe ich in letzter Zeit genretechnisch alles Mögliche gelesen, meine Suche nach einer Fantasy-Reihe, die den Einstieg nicht durch grausames „Pacing“ erschwert und insgesamt zu längerfristigem Verweilen einlädt, habe ich aber nach wie vor nicht aufgegeben, was mich letztlich zu „Askir“ geführt hat. Und selten war die Frage nach dem längeren Verweilen so schwer zu beantworten wie hier.
Denn eigentlich macht Richard Schwartz hier einiges richtig. Eine Mordermittlung im Stile eines „Whodunit“ in ein Fantasy-Gewand zu kleiden, ist nämlich eigentlich keine schlechte Idee. Und der Fokus des Buches auf diesen einen Schauplatz tut dem Buch durchaus gut. Da sind wir nämlich schon wieder beim „Pacing“, das in anderen Auftaktbänden oft durch zahllose Schauplatzwechsel oder epische Einführungen in das Setting erschwert wird. Hier nicht. Primär beschäftigen sich Havard und Leandra eben zunächst mit der Frage, wer den armen Stallburschen ohne Sprechrolle – mehrheitlich gibt es im Reihenauftakt „Red-Shirts“-Tote – auf so grausige Weise um die Ecke gebracht hat. Und so ganz nebenbei stoßen sie dann eben hier und dort auf gewisse Geheimnisse des Gasthofs, aus denen sich bestimmte Informationen über das Setting ergeben.
Schwartz findet also hinsichtlich des Erzähltempos einen gelungenen Mittelweg zwischen bspw. der atemlos-gehetzt wirkenden Erzählweise eines Dan Brown und der epischen Schilderung eines Wurstbrotes von Karl Ove Knausgård, die den Leser keinen Zentimeter voranbringt.
Der Autor bringt seine Leserschaft so durchaus dazu, eben noch dieses eine Kapitel zu lesen, um zu erfahren, was denn nun hinter jener Tür ist oder dieses andere Kapitel, in dem vielleicht endlich die Hintergründe einer der Hauptfiguren aufklärt wird und dann vielleicht noch jenes, in dem man bestimmt mehr über die Welt erfährt, in der wir uns befinden. Ein bisschen fühlt sich das Ganze dann an wie in einer Pen&Paper-Runde, aber mir hat es Spaß gemacht.
Über einiges andere lässt sich das allerdings leider nicht in gleicher Form sagen.
Am wenigstens fällt hier wohl noch der recht einfach gehaltene Stil ins Gewicht. Eigentlich trägt der sogar eher dazu bei, dass man unkompliziert nur so durch die Seiten fegt. Zuweilen wirkt der eine oder andere Dialog vielleicht etwas holprig, aber wenn man nichts bis ins Detail sprachlich Geschliffene erwartet, dann geht das schon in Ordnung.
Dass die Figuren in ein bewährtes, stereotypes und klar erkennbares Gut-Böse-Schema passen, muss einem ebenfalls nicht gefallen. Ich persönlich hatte damit allerdings weniger Probleme, auch weil sich Schwartz bemüht, seine Protagonisten und Antagonisten im Verlauf der Handlung mit mehr Hintergrund und mehr Tiefe auszustatten. So richtig klappt das für mich zwar nicht, aber insgesamt kann ich auch mit oberflächlichen Figuren umgehen, gerade wenn die ja noch weitere Teile Zeit haben, sich entsprechend zu entwickeln.
Nein, was mir die Lektüre des Buches in signifikantem Maße verleidet hat, ist eine ganz simple und einfach zu benennende Tatsache: Es ist sexistisch. Phasenweise ist es sogar in ekligem Maße sexistisch. Dass Havald sich reihenweise an der Betrachtung dieser und jener „wohlgestalteten“ Frau im Raum ergötzt und es aus seiner Sicht „nicht wohlgestaltete“ in diesem Raum augenscheinlich nicht gibt, dass er mehrfach darüber sinniert, welche Freude ein Mann doch am reinen Anblick einer Frau haben kann: Geschenkt, meinetwegen soll der Protagonist doch ein wenig sexistisch sein, ich musste Protagonisten ja noch nie mögen und vollständig unrecht hat ja vielleicht nicht. Insgesamt würde ich das dann allenfalls als etwas unangebracht oder unangenehm empfinden, auch wenn die Häufigkeit derartiger Sexualisierungen befremdlich ist.
Nun wird die Stimmung im Gasthof allerdings immer aufgeheizter, eine Art Lagerkoller setzt ein. Und die weiter oben erwähnten Rohlinge unter dem Befehl von Janos werden gegenüber den die Gäste bedienenden Wirtstöchtern immer zudringlicher. In dieser Situation haut Havald jedoch nicht etwa auf den Tisch, um den Männern zu sagen, dass sie ihre Finger da behalten sollen, wo sie hingehören. Nein, er rät vielmehr dem Wirt, seine älteste Tochter diesen Männern praktisch zur sexuellen Selbstbedienung zu überlassen, damit die beiden jüngeren ungeschoren davonkommen. So als wäre eine Gruppenvergewaltigung in irgendeiner Weise eine Art unaufhaltsames Naturgesetz, dem man sich besser fügen sollte. Und das, obwohl Havald und Leandra mit den zudringlichen Mannsbildern eigentlich den Boden aufwischen könnten.
Nun, vielleicht glaubt Havald ja wirklich, dass Vergewaltigungen irgendwie unvermeidbar sind, wenn man Männer und Frauen zusammen in einen Raum sperrt. Denn an anderer Stelle schildert er, wie er als Teil einer Söldnertruppe selbst an einer Gruppenvergewaltigung beteiligt war. Aber hey, von allen Vergewaltigern des Söldnertrupps war er aber wenigstens derjenige, der sie anschließend in seinem Bett schlafen ließ, und getröstet hat und sie sich waschen ließ und was auch immer. Deswegen war sie anscheinend gar nicht so dolle böse auf ihn. Was immer Richard Schwartz geritten hat, insbesondere diese Passage – die anschließend nie wieder thematisiert wird – ins Buch einzubinden. Vielleicht sollte sie dazu dienen, den Protagonisten noch als halbwegs menschlich in einer insbesondere für Frauen grausamen Welt darzustellen. Falls das die Intention gewesen sein sollte, ging das aber mal nach allen Regeln der Kunst in die Hose.
Dass die Dunkelelfe Zokora in all dem als irgendwie nymphomanisch veranlagt dargestellt wird, und sie im späteren Verlauf des Buches ihren aktuellen Gespielen an einer Leine durch die Gegend führt – etwas, das ich mir mit umgekehrter Geschlechterverteilung nicht mal vorstellen möchte -, fällt da insgesamt kaum noch ins Gewicht.
Ich habe wirklich keine Ahnung, was Richard Schwartz zu dieser Art Darstellung bewogen hat. Denn er überschattet damit eine wirklich abseits davon weitgehend gut umgesetzte Idee, die eigentlich Lust auf die Fortsetzungen machen würde. Ich bin der guten Hoffnung, dass sich das in den Folgebänden etwas anders darstellt, ansonsten sehe ich für die weiteren etwa 800 Seiten eher … nun ja … „schwartz“. Man verzeihe mir den Kalauer.
Vielleicht stelle ich mich hier auch nur ein bisschen pingelig an, denn dem Großteil der Rezensenten in der weiten Welt des Internets scheint dieses Problem kaum aufzufallen.
Nun, wir werden sehen …
Demnächst in diesem Blog: Keine Ahnung …
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