Ein neuer Morgen
Der Park hatte lange geschwiegen. Wochenlang hatten kahle Zweige im Wind geklirrt, und selbst die Wege schienen nur das Nötigste von sich preiszugeben. Doch an diesem Morgen lag etwas Neues in der Luft – ein kaum hörbares Versprechen, dass das Leben zurückkehren würde.
Es waren nur wenige Spaziergänger unterwegs zu dieser frühen Stunde. Eine Frau zog ihren Kragen höher, sie fror, das war ihr deutlich anzusehen. Ein älterer Mann führte einen kleinen Hund an der Leine und wartete geduldig, wenn dieser neugierig schnupperte, sein Beinchen hob und die nächste interessante Stelle ansteuerte.
Auf einer Bank, die noch kühl von der Nacht war, saß ein Mann mit einer Thermoskanne in den Händen. Der erste Dampf seines Kaffees stieg wie ein kleines Lebenszeichen in die Morgenluft. Und irgendwo, fast unbemerkt, hatte sich eine Krokusblüte durch die harte Erde geschoben.
„Guten Morgen“, sagte die Frau, die gerade die Bank erreicht hatte und zügig weitergehen wollte. Doch dann überlegte sie es sich anders, blieb stehen und fragte: „Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?“
Der Mann nickte und rückte ein wenig zur Seite.
„Gern“, sagte er. „Die Sonne kommt gleich um die Ecke, dann ist diese Bank der beste Platz im ganzen Park.“
Für einen Moment schwiegen sie, während irgendwo über ihnen ein Vogel begann, sein erstes vorsichtiges Lied zu probieren.
„A-Dur“, sagte der Mann. „Meine Lieblingstonart.“
Er lächelte.
Die Frau sah ihn interessiert an, stellte aber keine Fragen, sondern lauschte einfach dem Gesang des Vogels.
„Die Vögel wissen oft früher als wir, wann es Zeit ist aufzuwachen“, sagte er nach einer Weile. „Sie brauchen keinen Kalender dafür.“
Er drehte den Becher langsam in seinen Händen, als würde auch er noch ein wenig Wärme sammeln.
„Ich hatte heute Morgen auch das Gefühl, dass es Zeit wird, rauszugehen“, sagte die Frau. „Der Gedanke kam ganz plötzlich. Eigentlich bin ich eine Langschläferin, wissen Sie.“
„Ich stehe gern früh auf“, antwortete der Mann. „Sonst habe ich das Gefühl, das Beste vom Tag zu verpassen. Heute habe ich hier die erste Krokusblüte entdeckt und dem Gesang des Vogels lauschen dürfen. Morgen wird es wieder etwas anderes, etwas Neues sein. Das ist doch wunderbar, nicht wahr?“
Die Frau nickte langsam.
„Vielleicht“, sagte sie nachdenklich, „braucht man manchmal einfach einen neuen Morgen, um wieder anzufangen.“
Sie sah auf die kleine Krokusblüte, die sich unbeirrt dem Licht entgegenstreckte, als wüsste sie genau, dass sich das Durchhalten gelohnt hatte.
„So ist es“, sagte der Mann lächelnd. „Ich würde mich freuen, Sie einmal wieder hier zu treffen.“
Er erhob sich.
„Das wäre schön“, sagte die Frau und reichte ihm die Hand. „Alles Gute für Sie.“
Der Mann nickte, als hätte er genau diese Worte gebraucht.
„Ihnen auch“, sagte er leise, dann ging er langsam den Weg entlang, auf dem das Licht nun deutlich heller geworden war.
Die Frau blieb noch einen Moment sitzen, spürte die ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht – und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass dieser Tag ihr etwas schenken könnte.
Manchmal beginnt ein neuer Abschnitt
nicht mit großen Worten,
sondern mit einem stillen Morgen.
© Regina Meier zu Verl










