Der vorlaute Spargel
„Hände hoch – ich schieße!“, rief der Spargel und kicherte. „Wir kommen mit!“, riefen ein paar weitere Spargelstangen.
Seit ein paar Tagen waren die fleißigen Erntehelfer wieder auf dem Feld aktiv. Und wenn der Spargel gewusst hätte, dass er zwar schießen kann, aber gleich darauf gestochen wird, wäre er sicher nicht so vorlaut gewesen.
„Psst! Nicht so laut!“, flüsterte eine dünne Spargelstange neben ihm und duckte sich tiefer in die warme Erde. „Du weißt doch, was passiert, wenn wir zu schnell nach oben wollen!“
„Ach was!“, rief der vorlaute Spargel und reckte sich ein Stück höher. „Ich will die Welt sehen – die Sonne, den Himmel und vielleicht sogar … Menschen!“
Der vorlaute Spargel ließ sich nicht beirren. Was sollte ihm schon passieren? Hier unten war es dunkel und langweilig. Er wollte hinaus, unbedingt.
„Na, dann viel Glück“, murmelte die dünne Spargelstange und zog sich noch ein wenig zurück.
Der vorlaute Spargel aber streckte sich weiter nach oben, Zentimeter für Zentimeter, bis er plötzlich ein Kitzeln spürte. Die Erde wurde heller, wärmer – und dann, mit einem leisen Plopp, durchbrach er die Oberfläche.
Vorsichtig schaute er sich um. Niemand war zu sehen. Also wagte er sich noch ein Stück weiter nach oben und blinzelte.
„Ganz schön hell hier!“, rief er. „Kommt alle, das müsst ihr sehen – da oben am Himmel steht ein Feuerball!“
„Das ist die Sonne, du Dummkopf!“, rief eine Stimme neben ihm. „Und wenn du so weitermachst, wirst du sie nicht lange anschauen können!“
Erschrocken drehte sich der vorlaute Spargel zur Seite. Neben ihm ragte eine etwas ältere Spargelstange aus der Erde, ein wenig krumm gewachsen und mit einem wissenden Lächeln.
„Wieso denn nicht?“, fragte er. „Hier ist es doch viel schöner als da unten!“
Der alte Spargel lachte leise. „Ja, ja … Menschen wirst du schon noch sehen. Zuerst von außen – später von innen. Aber erst, wenn man dir die Haut abgezogen hat.“
Der vorlaute Spargel verzog das Gesicht. „Die Haut abgezogen? Das klingt ja gar nicht gemütlich!“
„Ist es auch nicht“, sagte der alte Spargel und wiegte sich sanft im Wind. „Deshalb bleiben die Klugen von uns lieber noch ein bisschen unten.“
Doch genau in diesem Moment hörte man Schritte. Stimmen. Ein leises Rascheln.
Der vorlaute Spargel erstarrte. „Was ist das?“, flüsterte er.
„Zu spät“, murmelte der alte Spargel.
Ein Schatten fiel über das Feld, dann blitzte etwas Metallisches in der Sonne. Eine Hand griff nach dem vorlauten Spargel – und zack! – war er verschwunden.
Manche wollen zu schnell nach oben – und merken erst zu spät, dass nicht jeder Aufstieg ein Glück ist.
© Regina Meier zu Verl











