Der vorlaute Spargel

Der vorlaute Spargel

„Hände hoch – ich schieße!“, rief der Spargel und kicherte. „Wir kommen mit!“, riefen ein paar weitere Spargelstangen.
Seit ein paar Tagen waren die fleißigen Erntehelfer wieder auf dem Feld aktiv. Und wenn der Spargel gewusst hätte, dass er zwar schießen kann, aber gleich darauf gestochen wird, wäre er sicher nicht so vorlaut gewesen.
„Psst! Nicht so laut!“, flüsterte eine dünne Spargelstange neben ihm und duckte sich tiefer in die warme Erde. „Du weißt doch, was passiert, wenn wir zu schnell nach oben wollen!“
„Ach was!“, rief der vorlaute Spargel und reckte sich ein Stück höher. „Ich will die Welt sehen – die Sonne, den Himmel und vielleicht sogar … Menschen!“
Der vorlaute Spargel ließ sich nicht beirren. Was sollte ihm schon passieren? Hier unten war es dunkel und langweilig. Er wollte hinaus, unbedingt.
„Na, dann viel Glück“, murmelte die dünne Spargelstange und zog sich noch ein wenig zurück.
Der vorlaute Spargel aber streckte sich weiter nach oben, Zentimeter für Zentimeter, bis er plötzlich ein Kitzeln spürte. Die Erde wurde heller, wärmer – und dann, mit einem leisen Plopp, durchbrach er die Oberfläche.
Vorsichtig schaute er sich um. Niemand war zu sehen. Also wagte er sich noch ein Stück weiter nach oben und blinzelte.
„Ganz schön hell hier!“, rief er. „Kommt alle, das müsst ihr sehen – da oben am Himmel steht ein Feuerball!“
„Das ist die Sonne, du Dummkopf!“, rief eine Stimme neben ihm. „Und wenn du so weitermachst, wirst du sie nicht lange anschauen können!“
Erschrocken drehte sich der vorlaute Spargel zur Seite. Neben ihm ragte eine etwas ältere Spargelstange aus der Erde, ein wenig krumm gewachsen und mit einem wissenden Lächeln.
„Wieso denn nicht?“, fragte er. „Hier ist es doch viel schöner als da unten!“
Der alte Spargel lachte leise. „Ja, ja … Menschen wirst du schon noch sehen. Zuerst von außen – später von innen. Aber erst, wenn man dir die Haut abgezogen hat.“
Der vorlaute Spargel verzog das Gesicht. „Die Haut abgezogen? Das klingt ja gar nicht gemütlich!“
„Ist es auch nicht“, sagte der alte Spargel und wiegte sich sanft im Wind. „Deshalb bleiben die Klugen von uns lieber noch ein bisschen unten.“
Doch genau in diesem Moment hörte man Schritte. Stimmen. Ein leises Rascheln.
Der vorlaute Spargel erstarrte. „Was ist das?“, flüsterte er.
„Zu spät“, murmelte der alte Spargel.
Ein Schatten fiel über das Feld, dann blitzte etwas Metallisches in der Sonne. Eine Hand griff nach dem vorlauten Spargel – und zack! – war er verschwunden.

Manche wollen zu schnell nach oben – und merken erst zu spät, dass nicht jeder Aufstieg ein Glück ist.

© Regina Meier zu Verl

Rosafarbene Blüten

Rosafarbene Blüten
Beim letzten verkaufsoffenen Sonntag in der Stadt hatte Lena sich ein wunderhübsches Frühlingskleid gekauft. Nun wartete sie darauf, es endlich einmal ausführen zu können. Leider war das Wetter noch ein wenig launisch.

Da hing es nun an der Schranktür, leicht wie ein Versprechen. Immer wieder strich Lena mit den Fingern über den Stoff, als könnte sie damit den Frühling ein wenig schneller herbeirufen.
„Bald“, sagte sie leise zu sich selbst, „ganz bestimmt bald.“
Lena seufzte. Geduld war nicht ihre Stärke, das wusste sie selbst. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie brauchte eine Strickjacke – eine, die die Farbe der Blüten hatte. Das würde wunderbar aussehen.
Lena war Feuer und Flamme für diesen Gedanken.
Doch woher sollte sie so eine Jacke bekommen?
Am nächsten Morgen führte ihr Weg sie fast wie von selbst in eine kleine Seitenstraße, in der sie sonst nie unterwegs war. In einem Schaufenster hing zwischen handgestrickten Schals eine zartrosa Jacke, als hätte jemand genau auf ihre Idee gehört.
Lena blieb stehen, lächelte – und drückte zögernd die Klinke der Ladentür.
Mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ wurde sie von einer älteren Dame begrüßt.
„Was kann ich für Sie tun?“
Lena zeigte zum Schaufenster.
„Sie haben da so eine schöne Jacke, die genau zu meinem neuen Kleid passen könnte. Darf ich sie mir einmal genauer anschauen?“
Die ältere Dame nickte und holte die Jacke mit einer Sorgfalt aus dem Fenster, als wäre sie etwas ganz Besonderes.
„Die habe ich im letzten Winter gestrickt“, sagte sie. „Für jemanden, der ein bisschen Frühling braucht.“
Dabei lächelte sie Lena an, als hätte sie schon gewusst, wer eines Tages durch diese Tür kommen würde.
Sie reichte Lena die Handarbeit. Lena legte zuerst ihren Mantel ab und streifte dann vorsichtig die Jacke über. Sie passte wie angegossen und fühlte sich herrlich weich auf ihrer Haut an.
Liebevoll strich Lena über die feinen Maschen.
„Sie ist einfach nur wunderschön“, sagte sie leise.
Die alte Dame trat einen Schritt näher und betrachtete Lena mit einem zufriedenen Blick.
„Wissen Sie“, sagte sie, „manchmal sucht sich so ein Stück seinen Menschen selbst aus.“
Behutsam zupfte sie eine kleine Falte am Ärmel glatt, fast mütterlich.
Lena schluckte. Es kam ihr vor, als befinde sie sich in einem Traum. Doch als sie sich vorsichtig in den Unterarm kniff, merkte sie, dass alles ganz wirklich war.
„Sie ist bestimmt teuer, oder?“, fragte sie vorsichtig.
Die alte Dame schüttelte den Kopf.
„Teuer ist ein großes Wort“, sagte sie. „Ich wünsche mir nur, dass sie getragen wird – nicht im Schrank wartet.“
Sie nannte einen Preis, der Lena erleichtert aufatmen ließ, fast so, als wäre ein Stück Sonne durch die Wolken gebrochen.
„Sie haben mir heute eine sehr große Freude gemacht“, sagte Lena und reichte der Dame die Hand. „Vielen Dank!“
Die Dame lächelte.
„Dieses Dankeschön geht auch an Sie. Ich freue mich, dass Sie beide sich gefunden haben – die Jacke und Sie.“
Als Lena die kleine Glocke über der Tür hinter sich klingeln hörte, kam ihr die Straße plötzlich heller vor als zuvor. Sie schlug den Kragen der neuen Jacke ein wenig höher und spürte, wie gut es tat, sich selbst diesen kleinen Frühlingsmoment geschenkt zu haben.
Und zum ersten Mal seit Tagen dachte sie:
Vielleicht braucht es manchmal nur eine einzige Begegnung, damit ein grauer Tag Farbe bekommt.

Manche Begegnungen wärmen uns länger
als jede Jacke.
© Regina Meier zu Verl

Rosafarbene Blüten – KI generiert

 

Ein neuer Morgen

Ein neuer Morgen

Der Park hatte lange geschwiegen. Wochenlang hatten kahle Zweige im Wind geklirrt, und selbst die Wege schienen nur das Nötigste von sich preiszugeben. Doch an diesem Morgen lag etwas Neues in der Luft – ein kaum hörbares Versprechen, dass das Leben zurückkehren würde.
Es waren nur wenige Spaziergänger unterwegs zu dieser frühen Stunde. Eine Frau zog ihren Kragen höher, sie fror, das war ihr deutlich anzusehen. Ein älterer Mann führte einen kleinen Hund an der Leine und wartete geduldig, wenn dieser neugierig schnupperte, sein Beinchen hob und die nächste interessante Stelle ansteuerte.
Auf einer Bank, die noch kühl von der Nacht war, saß ein Mann mit einer Thermoskanne in den Händen. Der erste Dampf seines Kaffees stieg wie ein kleines Lebenszeichen in die Morgenluft. Und irgendwo, fast unbemerkt, hatte sich eine Krokusblüte durch die harte Erde geschoben.
„Guten Morgen“, sagte die Frau, die gerade die Bank erreicht hatte und zügig weitergehen wollte. Doch dann überlegte sie es sich anders, blieb stehen und fragte: „Darf ich mich einen Moment zu Ihnen setzen?“
Der Mann nickte und rückte ein wenig zur Seite.
„Gern“, sagte er. „Die Sonne kommt gleich um die Ecke, dann ist diese Bank der beste Platz im ganzen Park.“
Für einen Moment schwiegen sie, während irgendwo über ihnen ein Vogel begann, sein erstes vorsichtiges Lied zu probieren.
„A-Dur“, sagte der Mann. „Meine Lieblingstonart.“
Er lächelte.
Die Frau sah ihn interessiert an, stellte aber keine Fragen, sondern lauschte einfach dem Gesang des Vogels.
„Die Vögel wissen oft früher als wir, wann es Zeit ist aufzuwachen“, sagte er nach einer Weile. „Sie brauchen keinen Kalender dafür.“
Er drehte den Becher langsam in seinen Händen, als würde auch er noch ein wenig Wärme sammeln.
„Ich hatte heute Morgen auch das Gefühl, dass es Zeit wird, rauszugehen“, sagte die Frau. „Der Gedanke kam ganz plötzlich. Eigentlich bin ich eine Langschläferin, wissen Sie.“
„Ich stehe gern früh auf“, antwortete der Mann. „Sonst habe ich das Gefühl, das Beste vom Tag zu verpassen. Heute habe ich hier die erste Krokusblüte entdeckt und dem Gesang des Vogels lauschen dürfen. Morgen wird es wieder etwas anderes, etwas Neues sein. Das ist doch wunderbar, nicht wahr?“
Die Frau nickte langsam.
„Vielleicht“, sagte sie nachdenklich, „braucht man manchmal einfach einen neuen Morgen, um wieder anzufangen.“
Sie sah auf die kleine Krokusblüte, die sich unbeirrt dem Licht entgegenstreckte, als wüsste sie genau, dass sich das Durchhalten gelohnt hatte.
„So ist es“, sagte der Mann lächelnd. „Ich würde mich freuen, Sie einmal wieder hier zu treffen.“
Er erhob sich.
„Das wäre schön“, sagte die Frau und reichte ihm die Hand. „Alles Gute für Sie.“
Der Mann nickte, als hätte er genau diese Worte gebraucht.
„Ihnen auch“, sagte er leise, dann ging er langsam den Weg entlang, auf dem das Licht nun deutlich heller geworden war.
Die Frau blieb noch einen Moment sitzen, spürte die ersten warmen Sonnenstrahlen im Gesicht – und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, dass dieser Tag ihr etwas schenken könnte.

Manchmal beginnt ein neuer Abschnitt
nicht mit großen Worten,
sondern mit einem stillen Morgen.
© Regina Meier zu Verl

Eine Frau und ein Mann auf einer Parkbank, im Vordergrund ein lila Krokus
Morgen im Park – KI generiert

Matteo und das Osterlied

Matteo und das Osterlied
Der kleine Feldhase Matteo hatte sich den Wecker viel zu früh gestellt. Noch lag Raureif auf der Wiese, und die Ostereier in seinem Körbchen fühlten sich kalt an wie Kieselsteine. „Wer hat eigentlich beschlossen“, murmelte er und gähnte, „dass Ostern immer so früh am Morgen anfangen muss?“
„Aber Matteo!“, hörte er da in Gedanken die Stimme seiner Mutter. „So oft habe ich es dir schon gesagt: Kinder sind ungeduldig. Sie haben sich schon so lange auf ihre Ostereier gefreut!“
Matteo nickte ergeben. Mama war nicht mehr da, aber sie hatte ihm noch immer so manches mitzuteilen – und das war auch gut so.
Gerade, als Matteo zwei kleine Schokoeier neben der Terrassentür im Garten der Müllers versteckt hatte, hörte er einen spitzen Schrei:
„Das sind meine! Lass dir ja nicht einfallen, meine Ostereier wegzunehmen, dann setzt es was!“
Verwundert schaute sich Matteo um. Er hatte gar kein Kind gesehen. Woher kam dieser Schrei?
Da entdeckte er auf dem Gartenzaun ein kleines Rotkehlchen, das sich empört aufgeplustert hatte.
„Ich habe gestern schon gesehen, wie du hier unterwegs warst!“, piepste es aufgeregt. „Wenn du hier Eier verteilst, dann will ich auch eins – schließlich ist hier mein Revier!“
„Wer sagt das?“, wollte Matteo wissen. „Heute ist Ostern, da bekommen die Kinder Ostereier. Und auf keinen Fall ist heute ein Rotkehlchen-Beschenktag. Außerdem kannst du doch selbst Eier legen, und Schokolade ist für Rotkehlchen sowieso ungesund!“
Das Rotkehlchen legte den Kopf schief und sah Matteo eine Weile nachdenklich an.
„Eier legen kann ich wohl“, sagte es schließlich etwas kleinlauter, „aber niemand versteckt meine Eier so liebevoll im Gras.“
Dann hüpfte es ein Stück näher.
„Gibt es denn keinen Tag, an dem auch mal die kleinen Sänger des Gartens beschenkt werden?“
Matteo, der zwar nur ein kleines Herz hatte, aber darin doch jede Menge Platz für andere, versprach, darüber einmal mit dem Hasenfestausschuss zu reden. Er könne sich sogar vorstellen, dass seine Kollegen diesen Wunsch sicher gut finden würden.
Das Rotkehlchen schlug erfreut mit den Flügeln.
„Dann singe ich heute mein schönstes Osterlied für dich!“, rief es und setzte sich auf den höchsten Ast des Apfelbaums.
Und während Matteo weiterzog, begleitete ihn ein so fröhliches Zwitschern, dass ihm die Arbeit plötzlich viel leichter vorkam.
Der Apfelbaum, in dem das Rotkehlchen aus vollem Herzen jubelte, stand vor dem Fenster der kleinen Mia, die davon geweckt wurde. Fröhlich sprang sie aus ihrem Bett und erinnerte sich sofort daran, dass heute ein großer Feiertag war: Ostern.
Und ausnahmsweise durfte sie nach dem Anziehen direkt schon einmal im Garten nachschauen, ob der Osterhase schon dagewesen war.
Matteo hielt gerade inne, um ein buntes Ei zwischen zwei Gänseblümchen zu verstecken, als die Terrassentür aufging. Schnell duckte er sich hinter einen Blumentopf – Hasen waren zwar flink, aber entdeckt werden wollte er trotzdem nicht.
Durch einen schmalen Spalt sah er, wie Mia mit leuchtenden Augen in den Garten lief und plötzlich vor Freude rief:
„Mama! Er war wirklich da!“
Matteo lächelte still, nahm sein Körbchen und hoppelte weiter zum nächsten Garten.
Wer anderen eine Freude schenkt,
wird sich selbst freudig auf den Weg begeben.
© Regina Meier zu Verl

Simon Siebenpunkt

Simon Siebenpunkt

Der kleine Marienkäfer Simon Siebenpunkt streckte vorsichtig seine Flügel unter dem ersten warmen Sonnenstrahl des Jahres. Lange genug hatte er reglos im trockenen Laub geschlafen – nun kribbelte ihm das Leben wieder in den Beinchen. „Frühling“, murmelte er zufrieden, „höchste Zeit für ein ordentliches Frühstück.“
Er erinnerte sich noch gut an seinen Garten und steuerte zuerst das Rosenbeet an. Aber wo waren sie denn, seine heiß geliebten Rosen mit den leckeren Läusen an ihren Stängeln? Sein kleiner Magen knurrte bedenklich.
Simon Siebenpunkt setzte sich auf einen kahlen Zweig und blinzelte in die helle Frühlingsluft. „Noch keine Läuse weit und breit“, seufzte er und strich sich mit einem Beinchen über den runden Bauch. Dann hob er den Kopf. Wenn das Frühstück schon auf sich warten ließ, konnte er sich wenigstens nach einer hübschen Marienkäferdame umsehen.
Hatte er doch erst vor ein paar Minuten das Insektenhotel verlassen, vor lauter Freude über den Sonnenschein, so schalt er sich nun selbst einen Tor. Sie hatte doch nebenan gewohnt, die hübsche Dame mit dem feinen Stimmchen. Hoffentlich schlief sie noch und war nicht längst ausgeflogen!
Simon Siebenpunkt drehte sich hastig um und krabbelte zurück zum Insektenhotel. „Simon, Simon“, brummelte er vor sich hin, „erst denken, dann losfliegen!“ Vorsichtig klopfte er mit einem Beinchen an die kleine Holzspalte neben seiner.
Simon hatte gar nicht bemerkt, dass sich eine Amsel auf dem Dach des Hotels niedergelassen hatte. „Du bist ein wahrer Glückskäfer!“, flötete sie verschmitzt. „Ich habe gerade keinen Hunger. Und deine kleine Freundin hat sich auch schon auf den Weg gemacht, um dich zu suchen – das glaube ich jedenfalls!“
Simon Siebenpunkt erstarrte einen Moment lang – eine Amsel auf dem Dach war schließlich keine Kleinigkeit für einen Marienkäfer. Dann atmete er vorsichtig auf und richtete seine Flügel. „Na, wenn das so ist“, sagte er tapfer, „dann sollte ich wohl besser losfliegen, bevor sie mich sucht und ich wieder einmal zu spät komme.“
Es ging also weiter.
Plötzlich entdeckte Simon Opa Fritz, der mit seiner Staffelei im Garten saß. In der Hand hielt er eine Palette mit bunten Farben und pinselte an einem farbenfrohen Bild. Und da – auf dem Bild – war das nicht seine Liebste?
Simon flog näher heran und setzte sich vorsichtig auf den Rand der Staffelei. Tatsächlich: mitten auf der gemalten Wiese saß ein Marienkäfermädchen mit sieben feinen Punkten und einem roten Kleidchen, so lebendig, dass Simon vor Staunen ganz still wurde.
Doch wie sollte Opa Fritz das wissen?
Trotzdem tat er genau das Richtige. Als er Simon bemerkte, malte er kurzerhand ein zweites Marienkäferchen direkt neben das hübsche Käfermädchen. Dann schloss er einen Moment die Augen, weil ihn die Sonne blendete.
Als er sie wieder öffnete, waren beide verschwunden.
Und der dritte, oben am Rand?
Der war auch weg.
Opa Fritz blinzelte und rieb sich verwundert die Augen. „Na sowas“, murmelte er und trat einen Schritt zurück. „Eben waren doch noch drei Marienkäfer auf meinem Bild.“
Er kratzte sich am Kopf, lächelte dann aber still in sich hinein.
Vielleicht hatte der Frühling sich einfach ein kleines Stück aus seinem Bild ausgeliehen.
Manchmal malt der Frühling Dinge,
die plötzlich lebendig werden.

© Regina Meier zu Verl

Opa, Timo und die Frühlingskinder*

Opa, Timo und die Frühlingskinder

„Gestern habe ich den Frühling gesehen. Er huschte übermütig durch den Garten und zupfte mal hier, mal da. Ich habe ihn gefragt, was er da macht, aber ich bekam keine Antwort. Als ich ihn nämlich ansprach, verschwand er, schnell wie der Wind!“, erzählte Opa seinem Enkel Timo.
„Den Frühling hast du gesehen? Den kann man doch gar nicht sehen!“, behauptete Timo. Er war ein bisschen verärgert, weil Opa ihn schon wieder mal auf den Arm nehmen wollte. Aber dieses Mal würde es ihm nicht gelingen. Das wäre ja noch schöner!
„Wie sah er denn aus, dein Frühling?“, fragte er und in seiner Stimme schwang ein lauernder Ton mit.
„Es ist nicht mein Frühling, es ist auch deiner!“, meinte Opa. „Es war ja nur ein kurzer Augenblick, aber ich erinnere mich, dass er eine gelbe Latzhose trug und grüne Gummistiefel und ja, er hatte blonde Locken.“
„War es denn etwa ein Mädchen? Wegen der blonden Locken, meine ich.“, fragte Timo.
„Gibt es nicht auch Jungen mit blonden Locken? Ich vermute, dass es ein Junge war, aber sicher bin ich nicht!“, stellte Opa fest. „Geh doch selbst mal nachschauen, vielleicht triffst du ihn ja auch, den Frühling!“
„Ich wollte sowieso gerade nach draußen, frische Luft tanken, dann kann ich ja mal gucken!“ Er glaubte Opa nicht, wusste doch jeder, dass der Frühling wie eine Fee aussah mit einem weiten, bunten Umhang, goldenen Haaren, einer Krone und einem warmen Lächeln und so; jedenfalls bestimmt nicht wie ein Junge oder Mädchen. Timo zog Jacke, Mütze und Stiefel an und stapfte in den Garten hinaus. Man konnte nie wissen, ob Opa vielleicht doch recht haben könnte. Aufmerksam schlenderte er durch den Garten, blickte hinter jeden Strauch und sogar in den verwaisten Hühnerstall. Dann suchte er in den Blumenbeeten und plötzlich stutzte er. Gelb blinkte es ihm zwischen den verdorrten Herbstblättern aus zu. Gelb und grün. Ein kleines Gelb und ein kleines Grün. Die Farben des Frühlings, aber doch viel zu klein für ihn. Der Frühling, überlegte sich Timo, der musste doch viel größer sein. Groß und schlank und zauberhaft. Nicht winzig klein unter alten Blättern verborgen. Er musste sich auch nicht verstecken, gerade, wo doch alle schon auf ihn warteten!
Timo schnupperte, irgendwie roch es plötzlich so anders. War das etwa der Frühling, der so duftete? Er beugte sich zum kleinen Gelb und Grün hinunter schnupperte wieder; und als er sein Gesicht so nah am Boden hatte, sah er viele Gelbs und Grüns und sogar ein Lila und es duftete so schön wie Mamas Blütenparfüm, nur noch besser.
„Wer seid ihr?“, flüsterte er voller Andacht.
„Frühlingskinder“, wisperten viele Stimmchen. „Sieht man doch! Wir sind die Boten des Frühlings. Aber noch kann nicht jeder uns sehen.“
„Ich sehe euch. Ein bisschen. Eure Farben sehe ich. Und euren Duft rieche ich.“ Timo war ganz aufgeregt.
Er erhob sich, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht am Ende noch eines der zarten Frühlingskinder zu zertreten. Als er auf dem gepflasterten Weg zum Haus ankam, rannte er glücklich, so schnell er konnte, ins Haus.
„Opa, du hattest recht!“, rief er freudig. „Der Frühling war da und er hat ganz viele Frühlingskinder in unserem Garten untergebracht!“
Opa schmunzelte. Wusste er doch, dass sein Junge einen Blick für das Schöne hatte. Vielleicht hatte er ihm das vererbt, wer weiß?

© Regina Meier zu Verl

Das Frühlingsfohlen

Das Frühlingsfohlen
Lio und Maila konnten es kaum erwarten: Jeden Tag, jede freie Minute verbrachten sie im Stall, halfen beim Ausmisten, füllten Heunetze oder kraulten die Ponys, die sich genüsslich gegen sie lehnten. Doch in diesem Frühling lag eine besondere Spannung in der Luft – Snowflake, die elegante Schimmelstute, sollte bald ihr Fohlen bekommen!
Schon seit Tagen hatten die Zwillinge den Geburtstermin im Kopf, zählten die Stunden, schauten immer wieder zu Snowflake, als könnte man ihrem Bauch ansehen, wann es endlich losgehen würde. Papa hatte extra eine Kamera installiert, um sie aus dem Haus beobachten zu können, und versprach hoch und heilig, sie zu wecken, wenn es ernst wurde.
Trotz ihrer Aufregung waren Maila und Lio längst im Bett, als Papas Handy plötzlich vibrierte. Eine Nachricht von der Kamera! Bewegung im Stall!
Papa sprang auf, rief noch „Es geht los!“ Richtung Badezimmer, wo Mama sich gerade ein heißes Bad gönnte, und eilte zur Tür hinaus. Mama war sofort auf den Beinen und rüttelte die Zwillinge wach. Doch die beiden waren bereits auf alles vorbereitet – sie hatten klugerweise ihre Jogginganzüge angezogen, damit sie nur noch in die Stiefel schlüpfen mussten.
„Aber leise!“, mahnte Mama, während sie mit ihnen zur Tür hinauslief. „Snowflake darf nicht aufgeregt werden.“
„Ja, ja, wir wissen es doch!“, flüsterte Maila und zog Lio hinter sich her.
Der Stall lag ruhig da, das Licht der Außenlampe warf lange Schatten auf den Hof. Drinnen schimmerte im Halbdunkel das weiße Fell der Stute, die noch stand, ruhig atmend, aber aufmerksam.
Papa nickte ihnen zu. „Alles sieht gut aus.“
Dann geschah es: Snowflake legte sich hin. Lio und Maila hielten die Luft an. Die Welt schien für einen Moment stillzustehen – nur das gleichmäßige Atmen der Stute und das leise Rascheln des Strohs waren zu hören.
„Bald ist es soweit“, murmelte Papa.
Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit – obwohl es vielleicht nur fünfzehn Minuten waren – war es da. Ein zierliches, noch feuchtes Fohlen lag im Stroh, seine langen Beine etwas unkoordiniert, während es versuchte, die neue Welt zu begreifen.
Maila biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu jauchzen. Lio ballte die Fäuste vor Begeisterung. Ein Hengstfohlen! Ihr erstes eigenes Frühlingsfohlen!
Snowflake drehte sich sanft um und begann, das Kleine mit ihrer warmen Schnauze abzulecken.
Mama, Papa und die Zwillinge schauten sich an. Keine Worte waren nötig. Ihr Jubel war stumm – aber in ihren Augen funkelte er umso heller.
© Regina Meier zu Verl

Der Birkenweg im Frühling*


Der Birkenweg im Frühling

Elfenfrau und Feenkind
flüstern leis’ im Abendwind,
dass der Winter geht zur Neige
Frühling rauscht im Birkenzweige.

Bald schon werden an den Spitzen
grüne Blätter lustig blitzen
und der Stämme Silberschein
wird uns eine Freude sein.

Geh ich dann durch die Allee,
vergess ich jedes Ach und Weh,
atme ein der Birken Duft,
es liegt Frühling in der Luft.

Feenkind und Elfenfrau
kichern schon, ich hör’s genau,
amüsieren sich und raunen:
„Schau, die Menschin, die kann staunen!“

© Regina Meier zu Verl

Opa, Timo und die Frühlingskinder

Opa, Timo und die Frühlingskinder

„Gestern habe ich den Frühling gesehen. Er huschte übermütig durch den Garten und zupfte mal hier, mal da. Ich habe ihn gefragt, was er da macht, aber ich bekam keine Antwort. Als ich ihn nämlich ansprach, verschwand er, schnell wie der Wind!“, erzählte Opa seinem Enkel Timo.
„Den Frühling hast du gesehen? Den kann man doch gar nicht sehen!“, behauptete Timo. Er war ein bisschen verärgert, weil Opa ihn schon wieder mal auf den Arm nehmen wollte. Aber dieses Mal würde es ihm nicht gelingen. Das wäre ja noch schöner!
„Wie sah er denn aus, dein Frühling?“, fragte er und in seiner Stimme schwang ein lauernder Ton mit.
„Es ist nicht mein Frühling, es ist auch deiner!“, meinte Opa. „Es war ja nur ein kurzer Augenblick, aber ich erinnere mich, dass er eine gelbe Latzhose trug und grüne Gummistiefel und ja, er hatte blonde Locken.“
„War es denn etwa ein Mädchen? Wegen der blonden Locken, meine ich.“, fragte Timo.
„Gibt es nicht auch Jungen mit blonden Locken? Ich vermute, dass es ein Junge war, aber sicher bin ich nicht!“, stellte Opa fest. „Geh doch selbst mal nachschauen, vielleicht triffst du ihn ja auch, den Frühling!“
„Ich wollte sowieso gerade nach draußen, frische Luft tanken, dann kann ich ja mal gucken!“ Er glaubte Opa nicht, wusste doch jeder, dass der Frühling wie eine Fee aussah mit einem weiten, bunten Umhang, goldenen Haaren, einer Krone und einem warmen Lächeln und so; jedenfalls bestimmt nicht wie ein Junge oder Mädchen. Timo zog Jacke, Mütze und Stiefel an und stapfte in den Garten hinaus. Man konnte nie wissen, ob Opa vielleicht doch recht haben könnte. Aufmerksam schlenderte er durch den Garten, blickte hinter jeden Strauch und sogar in den verwaisten Hühnerstall. Dann suchte er in den Blumenbeeten und plötzlich stutzte er. Gelb blinkte es ihm zwischen den verdorrten Herbstblättern aus zu. Gelb und grün. Ein kleines Gelb und ein kleines Grün. Die Farben des Frühlings, aber doch viel zu klein für ihn. Der Frühling, überlegte sich Timo, der musste doch viel größer sein. Groß und schlank und zauberhaft. Nicht winzig klein unter alten Blättern verborgen. Er musste sich auch nicht verstecken, gerade, wo doch alle schon auf ihn warteten!
Timo schnupperte, irgendwie roch es plötzlich so anders. War das etwa der Frühling, der so duftete? Er beugte sich zum kleinen Gelb und Grün hinunter schnupperte wieder; und als er sein Gesicht so nah am Boden hatte, sah er viele Gelbs und Grüns und sogar ein Lila und es duftete so schön wie Mamas Blütenparfüm, nur noch besser.
„Wer seid ihr?“, flüsterte er voller Andacht.
„Frühlingskinder“, wisperten viele Stimmchen. „Sieht man doch! Wir sind die Boten des Frühlings. Aber noch kann nicht jeder uns sehen.“
„Ich sehe euch. Ein bisschen. Eure Farben sehe ich. Und euren Duft rieche ich.“ Timo war ganz aufgeregt.
Er erhob sich, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um nicht am Ende noch eines der zarten Frühlingskinder zu zertreten. Als er auf dem gepflasterten Weg zum Haus ankam, rannte er glücklich, so schnell er konnte, ins Haus.
„Opa, du hattest recht!“, rief er freudig. „Der Frühling war da und er hat ganz viele Frühlingskinder in unserem Garten untergebracht!“
Opa schmunzelte. Wusste er doch, dass sein Junge einen Blick für das Schöne hatte. Vielleicht hatte er ihm das vererbt, wer weiß?

© Regina Meier zu Verl