Großer Bruder

Großer Bruder

„Wenn wir uns nach den Osterferien wiedersehen, dann ist sicher dein Geschwisterchen schon auf der Welt, Josh!“, hatte die Lehrerin am letzten Schultag vor den Ferien gesagt.
Josh war eigentlich gar nicht so wild auf ein Geschwisterchen. Jedenfalls nicht vor Ostern.
In den ersten Ferientagen hatte er oft darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde. Alle schienen sich zu freuen – seine Eltern, die Großeltern, sogar die Nachbarn. Nur Josh war sich nicht sicher, ob er sein Zimmer, seine Ruhe und vielleicht sogar seine Eltern teilen wollte.
Sein Freund Pit hatte einen kleinen Bruder. Der war zwar ganz süß, aber er schrie andauernd, und immer mussten sie leise sein, wenn Josh bei Pit spielte. Das gefiel ihm gar nicht. Und dann war da ja auch noch die Sache mit den Ostereiern – die müsste er dann auch teilen.
Das war – wie Papa sagen würde – unglaublich negativ.
Am Abend saß Josh auf seinem Bett und zählte seine Schokoeier noch einmal nach.
„Vielleicht“, murmelte er, „merkt das Baby ja gar nicht, wenn ich ihm nur ein ganz kleines abgebe.“
Dann hielt er inne und fragte sich, ob man überhaupt mit jemandem teilen konnte, der noch gar nicht da war.
Außerdem hatte dieses Baby ja sicherlich noch keine Zähne. Schokoeier waren also gar nicht das Richtige für so einen Minimenschen. Irgendwie beruhigte Josh das ein wenig.
Als Papa ihn später zu Bett brachte, sagte er:
„Oma schläft heute vorsichtshalber bei uns. Es könnte sein, dass ich Mama ins Krankenhaus fah-ren muss.“
Da war Josh doch ein bisschen aufgeregt. Dieses Kribbeln im Bauch fühlte sich tatsächlich ein wenig wie Vorfreude an – so wie Weihnachten kurz vor der Bescherung.
In dieser Nacht schlief Josh lange nicht ein. Immer wieder lauschte er auf jedes Geräusch im Haus, als könnte er den Moment verpassen, in dem sich alles veränderte.
Irgendwann stellte er sich vor, wie ein winziges Bündel in Mamas Armen lag. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob es vielleicht doch ganz schön sein könnte, der Große zu sein.
Schließlich übermannte ihn die Müdigkeit.
Er träumte von zuckersüßen Babys, die auf wattenweichen Wolken saßen und darauf warteten, abgeholt zu werden. Das war ganz schön aufregend, denn Josh musste gut aufpassen, dass kei-nes von ihnen herunterfiel.
Als er am Morgen aufwachte, war das Haus ungewohnt still. Oma saß in der Küche und strich ihm über den Kopf.
„Du bist jetzt großer Bruder geworden“, sagte sie sanft. „Heute Nacht ist deine kleine Schwester geboren.“
„Hab ich es mir doch gedacht“, sagte Josh. Vor lauter Aufregung hätte seine Stimme fast versagt. Er schluckte, und dann kullerten die Tränen. Schnell krabbelte er auf Omas Schoß – das tat so gut.
Oma streichelte ihm über den Rücken.
Dann schlug sie vor, zuerst einmal eine Tasse Kakao zu trinken und danach ins Krankenhaus zu fahren.
„Wir beide sollen die ersten sein, die Juna kennenlernen dürfen“, sagte sie.
Josh nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Dann muss ich ihr wohl doch ein Osterei abgeben“, sagte er leise, fast ein bisschen stolz.
Und während er den Kakao trank, fühlte sich das Teilen plötzlich gar nicht mehr so schlimm an – eher wie der Anfang von etwas Neuem.
Manchmal beginnt das Großwerden
mit einem kleinen Stück Schokolade,
das man plötzlich gern teilt.

Teddybär - Aquarell
Teddy – gemalt von Regina Meier zu Verl

© Regina Meier zu Verl

Die Freude zieht ihre Schuhe aus

Die Freude zieht ihre Schuhe aus

Die Freude stand vor der Tür und klopfte nicht. Sie legte nur ihr Ohr an das Holz, als wollte sie prüfen, ob es drinnen still genug für sie war. „Ich werde oft zu früh verdächtigt“, murmelte sie. „Dabei warte ich, bis ich wirklich gemeint bin.“
Im Zimmer war es still, nur ein leises Brummen erfüllte die Luft. Vorsichtig schob die Freude die Tür ein Stück auf und lugte hinein. Opa Franz lag auf dem Sofa und hielt sein Mittagsschläfchen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Heute muss ich leise sein“, dachte sie und trat ein.
Sie zog ihre Schuhe aus und stellte sie ordentlich neben die Tür. Barfuß ging sie näher heran und betrachtete den schlafenden Mann, dessen Atem den Raum in ruhige Wellen teilte. „Ich kann auch flüstern“, sagte sie leise zu sich selbst.
Im Sessel gegenüber saß die Zufriedenheit, die Hände gefaltet, als hätte sie dort schon lange gewartet. „Du bist genau richtig“, flüsterte sie. „Nicht zu früh. Nicht zu laut.“
Die Freude lächelte über dieses Kompliment. „Es ist schön, dass du zufrieden bist, liebe Freundin“, sagte sie.
„Bin ich das nicht immer?“, antwortete die Zufriedenheit und streckte sich langsam. Auch sie war ein wenig eingenickt, während sie Opa Franz beobachtet hatte und sich an seinem gleichmäßigen Schnarchen freute.
Die Freude kicherte leise, hielt sich aber rasch die Hand vor den Mund. „Du hast es gut“, flüsterte sie. „Du bleibst, wenn ich längst weitergezogen bin.“
„Ich komme nach dir“, sagte die Zufriedenheit ruhig. „Und manchmal bleibe ich noch, wenn du schon gegangen bist.“
Auf der Fensterbank regte sich die Erinnerung. Sie richtete ihr graues Haar und kniff sich in die Wangen. „Eine weise Frau sagte einmal, dass man dafür sorgen sollte, dass die Wangen rot sind, damit man lebendig aussieht“, murmelte sie. „Mein größter Wunsch ist es, eine lebendige Erinnerung zu sein.“
Die Freude trat näher. „Du bist mehr als das“, sagte sie sanft. „Du bist der Grund, warum ich zurückkehren darf.“
Die Erinnerung lächelte, und für einen Moment wirkte sie erstaunlich jung. „Und du bist mein Anfang“, antwortete sie. „Ohne dich gäbe es nichts, woran ich mich festhalten könnte.“
Im Halbschlaf bewegte Opa Franz seine Hand, als würde er nach etwas greifen, das nur er sehen konnte. Die Zufriedenheit neigte den Kopf. „Er hält euch beide fest“, flüsterte sie.
Die Freude setzte sich auf die Fensterbank und sah hinaus in den stillen Nachmittag. Sie war nicht eilig. Heute nicht.
Neben der Tür standen ihre Schuhe und warteten geduldig.

Die leise Freude ist oft diejenige, die am längsten bleibt.
© Regina Meier zu Verl

Wir sind eine Mannschaft

Wir sind eine Mannschaft

„Ich komme immer dann, wenn niemand mich gerufen hat“, sagte die Traurigkeit leise und strich mit einem graublauen Finger über die Fensterscheibe. Dabei malte sie ein rundes Herz in den beschlagenen Morgen. „Ich bleibe nicht lange. Ich setze mich nur kurz dazu.“

„Ich sehe dein Herz“, sagte das Mitgefühl behutsam. „Darum frage ich: Warum bist du heute hier? Ist dir etwas Schlimmes widerfahren?“

„Schlimm? Nein“, antwortete die Traurigkeit und lächelte schief. „Es ist nichts zerbrochen und niemand ist fortgegangen. Manchmal bin ich einfach da, wie Nebel am frühen Morgen. Ich erinnere die Menschen nur daran, dass etwas ihnen wichtig war.“

Das Mitgefühl seufzte leise. „Viele halten dich kaum aus. Ich möchte sie trösten, doch manche versinken in dir wie in zu weichen Kissen.“

„Ich halte niemanden fest“, erwiderte die Traurigkeit ruhig. „Ich bin kein Abgrund. Ich bin nur eine Pause.“

Da sprang die Freude herein, hell und klingend, als hätte jemand ein Fenster geöffnet. „Du ziehst dich immer wie ein regennasser Schal!“

„Und du kommst oft zu früh mit deinem Sonnenschirm“, sagte die Traurigkeit mild.

Hinter dem Vorhang raschelte es. Die Angst lugte hervor. „Ich werde oft mit dir verwechselt“, flüsterte sie. „Dabei klopfe ich viel lauter.“

„Du warnst vor Schlimmerem“, sagte die Traurigkeit.

„Das stimmt“, nickte die Angst. „Und wenn ich zu groß werde, kommt der Mut. Er steht neben mir.“

Der Mut erhob sich von der Heizungsbank und rückte seinen roten Schal zurecht. „Ich vertreibe niemanden“, sagte er ruhig. „Ich wachse nur ein wenig größer als die Angst.“

„Und ich bleibe bei denen sitzen, die zittern“, fügte das Mitgefühl hinzu.

Die Freude lächelte nun leiser. „Ich warte vor der Tür. Ich weiß, dass ich wieder hineingelassen werde.“

Die Traurigkeit sah in die Runde. „Wir sind kein Durcheinander“, sagte sie schließlich. „Wir sind eine Mannschaft.“

Draußen begann die Sonne das kleine Herz auf der Fensterscheibe zum Glänzen zu bringen.

Kein Gefühl kommt, um zu bleiben – aber jedes kommt, um etwas Wichtiges zu sagen.

© Regina Meier zu Verl

Emotionen als Kinder dargestellt, die Traurigkeit in Blau, die Freude in Gelb, der Mut mit dem roten Schal, die Angst in Grau hinter dem Vorhang und das Mitgefühl vorn sitzend
Emotionen . KI generiert