Großer Bruder

Großer Bruder

„Wenn wir uns nach den Osterferien wiedersehen, dann ist sicher dein Geschwisterchen schon auf der Welt, Josh!“, hatte die Lehrerin am letzten Schultag vor den Ferien gesagt.
Josh war eigentlich gar nicht so wild auf ein Geschwisterchen. Jedenfalls nicht vor Ostern.
In den ersten Ferientagen hatte er oft darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde. Alle schienen sich zu freuen – seine Eltern, die Großeltern, sogar die Nachbarn. Nur Josh war sich nicht sicher, ob er sein Zimmer, seine Ruhe und vielleicht sogar seine Eltern teilen wollte.
Sein Freund Pit hatte einen kleinen Bruder. Der war zwar ganz süß, aber er schrie andauernd, und immer mussten sie leise sein, wenn Josh bei Pit spielte. Das gefiel ihm gar nicht. Und dann war da ja auch noch die Sache mit den Ostereiern – die müsste er dann auch teilen.
Das war – wie Papa sagen würde – unglaublich negativ.
Am Abend saß Josh auf seinem Bett und zählte seine Schokoeier noch einmal nach.
„Vielleicht“, murmelte er, „merkt das Baby ja gar nicht, wenn ich ihm nur ein ganz kleines abgebe.“
Dann hielt er inne und fragte sich, ob man überhaupt mit jemandem teilen konnte, der noch gar nicht da war.
Außerdem hatte dieses Baby ja sicherlich noch keine Zähne. Schokoeier waren also gar nicht das Richtige für so einen Minimenschen. Irgendwie beruhigte Josh das ein wenig.
Als Papa ihn später zu Bett brachte, sagte er:
„Oma schläft heute vorsichtshalber bei uns. Es könnte sein, dass ich Mama ins Krankenhaus fah-ren muss.“
Da war Josh doch ein bisschen aufgeregt. Dieses Kribbeln im Bauch fühlte sich tatsächlich ein wenig wie Vorfreude an – so wie Weihnachten kurz vor der Bescherung.
In dieser Nacht schlief Josh lange nicht ein. Immer wieder lauschte er auf jedes Geräusch im Haus, als könnte er den Moment verpassen, in dem sich alles veränderte.
Irgendwann stellte er sich vor, wie ein winziges Bündel in Mamas Armen lag. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob es vielleicht doch ganz schön sein könnte, der Große zu sein.
Schließlich übermannte ihn die Müdigkeit.
Er träumte von zuckersüßen Babys, die auf wattenweichen Wolken saßen und darauf warteten, abgeholt zu werden. Das war ganz schön aufregend, denn Josh musste gut aufpassen, dass kei-nes von ihnen herunterfiel.
Als er am Morgen aufwachte, war das Haus ungewohnt still. Oma saß in der Küche und strich ihm über den Kopf.
„Du bist jetzt großer Bruder geworden“, sagte sie sanft. „Heute Nacht ist deine kleine Schwester geboren.“
„Hab ich es mir doch gedacht“, sagte Josh. Vor lauter Aufregung hätte seine Stimme fast versagt. Er schluckte, und dann kullerten die Tränen. Schnell krabbelte er auf Omas Schoß – das tat so gut.
Oma streichelte ihm über den Rücken.
Dann schlug sie vor, zuerst einmal eine Tasse Kakao zu trinken und danach ins Krankenhaus zu fahren.
„Wir beide sollen die ersten sein, die Juna kennenlernen dürfen“, sagte sie.
Josh nickte und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
„Dann muss ich ihr wohl doch ein Osterei abgeben“, sagte er leise, fast ein bisschen stolz.
Und während er den Kakao trank, fühlte sich das Teilen plötzlich gar nicht mehr so schlimm an – eher wie der Anfang von etwas Neuem.
Manchmal beginnt das Großwerden
mit einem kleinen Stück Schokolade,
das man plötzlich gern teilt.

Teddybär - Aquarell
Teddy – gemalt von Regina Meier zu Verl

© Regina Meier zu Verl

Matteo und das Osterlied

Matteo und das Osterlied
Der kleine Feldhase Matteo hatte sich den Wecker viel zu früh gestellt. Noch lag Raureif auf der Wiese, und die Ostereier in seinem Körbchen fühlten sich kalt an wie Kieselsteine. „Wer hat eigentlich beschlossen“, murmelte er und gähnte, „dass Ostern immer so früh am Morgen anfangen muss?“
„Aber Matteo!“, hörte er da in Gedanken die Stimme seiner Mutter. „So oft habe ich es dir schon gesagt: Kinder sind ungeduldig. Sie haben sich schon so lange auf ihre Ostereier gefreut!“
Matteo nickte ergeben. Mama war nicht mehr da, aber sie hatte ihm noch immer so manches mitzuteilen – und das war auch gut so.
Gerade, als Matteo zwei kleine Schokoeier neben der Terrassentür im Garten der Müllers versteckt hatte, hörte er einen spitzen Schrei:
„Das sind meine! Lass dir ja nicht einfallen, meine Ostereier wegzunehmen, dann setzt es was!“
Verwundert schaute sich Matteo um. Er hatte gar kein Kind gesehen. Woher kam dieser Schrei?
Da entdeckte er auf dem Gartenzaun ein kleines Rotkehlchen, das sich empört aufgeplustert hatte.
„Ich habe gestern schon gesehen, wie du hier unterwegs warst!“, piepste es aufgeregt. „Wenn du hier Eier verteilst, dann will ich auch eins – schließlich ist hier mein Revier!“
„Wer sagt das?“, wollte Matteo wissen. „Heute ist Ostern, da bekommen die Kinder Ostereier. Und auf keinen Fall ist heute ein Rotkehlchen-Beschenktag. Außerdem kannst du doch selbst Eier legen, und Schokolade ist für Rotkehlchen sowieso ungesund!“
Das Rotkehlchen legte den Kopf schief und sah Matteo eine Weile nachdenklich an.
„Eier legen kann ich wohl“, sagte es schließlich etwas kleinlauter, „aber niemand versteckt meine Eier so liebevoll im Gras.“
Dann hüpfte es ein Stück näher.
„Gibt es denn keinen Tag, an dem auch mal die kleinen Sänger des Gartens beschenkt werden?“
Matteo, der zwar nur ein kleines Herz hatte, aber darin doch jede Menge Platz für andere, versprach, darüber einmal mit dem Hasenfestausschuss zu reden. Er könne sich sogar vorstellen, dass seine Kollegen diesen Wunsch sicher gut finden würden.
Das Rotkehlchen schlug erfreut mit den Flügeln.
„Dann singe ich heute mein schönstes Osterlied für dich!“, rief es und setzte sich auf den höchsten Ast des Apfelbaums.
Und während Matteo weiterzog, begleitete ihn ein so fröhliches Zwitschern, dass ihm die Arbeit plötzlich viel leichter vorkam.
Der Apfelbaum, in dem das Rotkehlchen aus vollem Herzen jubelte, stand vor dem Fenster der kleinen Mia, die davon geweckt wurde. Fröhlich sprang sie aus ihrem Bett und erinnerte sich sofort daran, dass heute ein großer Feiertag war: Ostern.
Und ausnahmsweise durfte sie nach dem Anziehen direkt schon einmal im Garten nachschauen, ob der Osterhase schon dagewesen war.
Matteo hielt gerade inne, um ein buntes Ei zwischen zwei Gänseblümchen zu verstecken, als die Terrassentür aufging. Schnell duckte er sich hinter einen Blumentopf – Hasen waren zwar flink, aber entdeckt werden wollte er trotzdem nicht.
Durch einen schmalen Spalt sah er, wie Mia mit leuchtenden Augen in den Garten lief und plötzlich vor Freude rief:
„Mama! Er war wirklich da!“
Matteo lächelte still, nahm sein Körbchen und hoppelte weiter zum nächsten Garten.
Wer anderen eine Freude schenkt,
wird sich selbst freudig auf den Weg begeben.
© Regina Meier zu Verl

Meine Ostergedanken

Ostern – das hat für mich immer auch etwas mit Neuanfang zu tun. Auferstehung – aufstehen, um neu zu beginnen, und das mit dem Wissen von gestern. Ist es nicht das, was wir uns alle wünschen? Fehler gar nicht erst zu machen, weil wir aus den alten gelernt haben? Und doch erleben wir immer wieder, dass wir in dieselben Muster zurückfallen, uns über uns selbst ärgern und uns fragen: Habe ich wirklich daraus gelernt?
Das ist nicht der klassische Ostergedanke, doch lässt er sich nicht damit verbinden? Könnten wir Ostern nicht tatsächlich als Einladung zu einem echten Neuanfang begreifen?
Und wie war das mit Jesus? Er hat, soweit überliefert, keine Fehler gemacht. Vielleicht hätte er nicht alles mit sich geschehen lassen sollen? Doch war das ein Fehler – oder vielmehr eine Lektion für uns Menschen? Seine Auferstehung war nicht sein persönlicher Neuanfang, sondern der Beginn eines neuen Weges für uns. Er hat uns seine Geschichte hinterlassen, eine Geschichte von Liebe, Vergebung und Hingabe. Eine Geschichte, die uns bis heute lehren sollte, was wirklich zählt.
Im Gegensatz dazu ist das Ende der Fastenzeit ein sehr persönlicher Moment. Wer wochenlang verzichtet hat, kehrt nun zum Genuss zurück. Das mag unserem Körper guttun, vielleicht fühlen wir uns leichter, bewusster, achtsamer im Umgang mit Nahrung und Genussmitteln. Doch es bleibt eine Veränderung, die vor allem uns selbst betrifft.
Wie viel wertvoller wäre es, nicht nur den Körper, sondern auch den Geist zu erneuern? Nicht nur auf Schokolade oder Wein zu verzichten, sondern auf Groll, Egoismus oder Gleichgültigkeit? Und nach der Fastenzeit nicht einfach ins alte Muster zurückzufallen, sondern gestärkt und mit frischen Ideen weiterzugehen?
Wie wunderbar wäre eine Verwandlung, die uns an unserem Platz in der Welt dazu anhält, für Frieden und Licht zu sorgen. Jeder kann in seinem eigenen Umfeld dazu beitragen, dass diese Welt ein friedlicherer, achtsamerer Ort wird – voller Liebe für unsere Mitmenschen.

Regina Meier zu Verl

Da lachen ja die Hühner! – eine Geschichte in Hoch- und in Plattdeutsch

Die folgende Geschichte kennt ihr schon, liebe Freunde und Leser. Ich hole sie heute noch einmal nach oben, weil mir die Geschichte als Übersetzung ins Plattdeutsche zugesandt wurde. Reinhard Rausch aus Ostholstein hat sich die Mühe gemacht und mir gefällt das so gut, dass ich es euch nicht vorenthalten möchte, zuerst dss Original, danach die Übersetzung
Danke Reinhard Rausch

Da lachen ja die Hühner!

„Da lachen ja die Hühner!“, rief Papa und schüttelte den Kopf, als ich vorschlug, dass wir Ostern dieses Jahr mal ganz anders feiern könnten.
Ich verschränkte die Arme. „Aber es ist doch langweilig, wenn man genau weiß, was passiert! Immer das gleiche Ritual – Frühstück, Kirche, Eier suchen, Kuchen essen. Familienfeste sind doch echt nichts Spannendes mehr! Und ehrlich, Papa, ich bin doch mittlerweile viel zu alt für diese alberne Eiersuche!“
Papa grinste nur und widmete sich wieder seiner Zeitung. „Hühner lachen nicht, sie gackern!“, stellte ich trotzig klar, drehte mich auf dem Absatz um und knallte die Tür zu meinem Zimmer hinter mir zu.
Na super! Hätte ich mir ja denken können, dass keiner meinen Vorschlag ernst nimmt. Dabei war die Idee genial! Ich stellte mir vor, wie wir – wenn das Wetter mitspielte – eine riesige Osterrallye veranstalten würden. Eine Art Schnitzeljagd, nur eben mit bunten Eiern statt mit langweiligen Papierfetzen. Wobei… bei einer echten Schnitzeljagd findet man keine Schnitzel, sondern Schnipsel – kleine Hinweise auf einen versteckten Schatz. Nur mal so nebenbei.
Mein Freund Henry war sofort begeistert gewesen. Wir hatten uns zusammengesetzt und ein richtig cooles Quiz ausgearbeitet – mit kniffligen Fragen rund um Ostern, aber auch Allgemeinwissen und sogar kleine handwerkliche Aufgaben. Das würde ein riesiger Spaß werden! Wenn denn jemand zuhören würde.
Beim Abendessen hatte ich die Sache mit den Hühnern aber noch nicht abgehakt. „Mama, können Hühner eigentlich lachen?“
Sie blinzelte verwundert. „Wie kommst du denn darauf?“
„Papa hat das vorhin gesagt, als ich ihm meinen Vorschlag gemacht habe. ‚Da lachen ja die Hühner!‘“
Mama verzog das Gesicht und warf Papa einen tadelnden Blick zu. „Das sagt man, wenn man etwas für Quatsch hält. Aber was hast du ihm denn vorgeschlagen?“
Ich zuckte die Schultern. „Ist doch egal. Er hat mir sowieso nicht richtig zugehört.“
„Dann erzähl es mir!“, forderte Mama neugierig.
Also schilderte ich ihr meine Idee – und sie war sofort begeistert. „Das klingt ja großartig! Da bin ich dabei!“ Sie sah Papa herausfordernd an. „Du doch auch, oder, Michael?“
Papa hob die Hände, als wolle er sich ergeben, und grinste. „Klar, warum nicht?“ Dann zwinkerte er mir zu. Das sollte wohl „Sorry“ heißen.
Und von lachenden Hühnern war ab da keine Rede mehr.
© Regina Meier zu Verl

Dor lachen jo de Höhner
© Regina Meier to Verl
– in dat Plattdüütsche vun Reinhard Rausch –

„Dor lachen jo de Höhner!“ röppte Papa un schüddelte den Kopp, as ik vörslug, dat wi Ostern dit
Johr mol heel anners fieern könen.
Ik krüzte miene Arms. „Aver dat is doch langwielig, wenn man nau weet, wat passert! Jümmers dat sülve Ritual – Fröhstück, Kark, Eier söken, Koken eten. Familienfeste sünd doch echt nix Spannendes mehr! Un ehrlich, Papa, ik bün doch middewiel veel to old för düsse alberne Eiersöök!“

Papa griente nur un kiekte wedder in sien Daagblatt. „Höhner lachen nich, se gackern!“, stellte ik
trotzig klor, dreihte mi op den Afsatz üm un knallte de Döör to mien Ruum achter mi to.
Na doll! Harr ik mi jo denken kunn, dat keeneen mien Vörslag ernst nehm‘ deit. Dorbie wör de Infall genial! Ik stellte mi vör, as wi – wenn dat Weder mitspeelt – ene grode Osterrallye utrichten würden. Ene Snippeljagd, nur eben mit bunte Eier staats langwielige Papeersnippel. Wobi… bi ener echten Snippeljagd findt man keene Swiensnippel, sünnern Papeersnippel – lütte Henwies op en verstekten Schatz. Nur mol so nebenbi.

Mien Fründ Henry wör glieks betövert ween. Wi harrn uns tohoop set un en orntlich godes Quiz utarbeit – met vigeliensche Frogen ründ üm Ostern, aver ok Allgemeenweten un sogar lütte handwerkliche Obgaben. Dat würd en bannig groter Spijöök warrn! Wenn denn elkeen tohörn würd.

Bi‘n Avendeten harr ik de Saak met de Höhner aver noch nich afhakt. „Mama, könen Höhner egentlich lachen?“
Se blinzelte verwunnert. „Wo kümmst du denn dor=op?“
„Papa hett dat vörhen seggt, as ik em en Vörslag mokt heff. ‚Dor lachen jo de Höhner!’“
Mama vertreckte de Snut un warf Papa en tadelnden Blick to. „Dat seggt man, wenn man wat för
Tüünkram holln deit. Aver wat hest du em denn vörslagen?“
Ik zuckte met de Schullern. „Is doch egaal. He hett mi liekers nich orntlich tohöört.“
„Dann vertell mi dat!“, forderte Mama neeschierig.
Also verklorte ik ehr mien Infall – un se wör glieks betövert. „Dat is jo grootoordig! Ik bün dor=bi!“ Se kiekte Papa rutfordernd an. „Du doch ok, orrer, Michael?“
Papa streckte de Hänn na baben, as wullt he sik ergeben un griente. „Klor, worüm nich?“ Dann
zwinkerte he mi to. Dat schull wohl ‚Deit mi leed‘ heten.
Un vun dor=an wör vun lachenden Höhnern keene Reed mehr.

Ein Ei schöner als das andere

Ein Ei schöner als das andere

Der Duft von heißen Eiern lag in der Luft, vermischt mit einem Hauch von Essig, während im Gemeindehaus emsiges Treiben herrschte. Auf dem Tisch stapelten sich Eierkartons, daneben Töpfe mit dampfendem Farbsud, Pinsel, Filzstifte – und eine Flasche, deren Inhalt nicht ganz zur Fastenzeit passte.
„Tilde, hast du wieder das ganze Jahr lang Zwiebelschalen gehortet?“ Katharina zog eine Augenbraue hoch, während sie ihr eigenes Farbpulver ausbreitete.
„Natürlich, Kathi. Und diesmal habe ich besonders schöne Blätter gesammelt.“ Tilde strich sanft über die feinen Farnblätter, bevor sie sie vorsichtig auf ein Ei legte und mit einem Stück Seidenstrumpf fixierte.
Bine, die bereits ihre Filzstifte zückte, grinste. „Hoffentlich sind die Strumpfhosen wenigstens gewaschen.“
Ulrike kicherte und flüsterte: „Wichtiger ist doch, ob ihre Eier wirklich so einzigartig sind, wie sie tut.“
Während Tilde die ersten Eier ins Zwiebelsud-Wasser gleiten ließ, sprühte Ulrike eine großzügige Portion Rasierschaum auf einen Teller. „Ich hab gehört, das hier gibt tolle marmorierte Effekte!“ Mit einem Zahnstocher zog sie bunte Schlieren durch den Schaum und rollte ein Ei vorsichtig hindurch.
Tilde verzog das Gesicht. „Ihr regt euch über meine Strümpfe auf, aber legt Eier in Rasierschaum? Wer soll die denn essen?“
„Wieso denn?“ Ulrike zuckte mit den Schultern. „Die Schale kommt doch eh ab.“
Hedi, die bisher still ihr Tablett vorbereitet hatte, nutzte den Moment. „Mädels, jetzt erstmal was für die Nerven!“ Mit einem breiten Grinsen verteilte sie kleine Waffelbecher, gefüllt mit goldgelbem Eierlikör.
„Wir fasten doch …“ begann Klärchen zaghaft.
„Einmal ist kein Mal!“ Hedi zwinkerte und prostete in die Runde. Ein zögerliches Nippen, ein genüssliches Lächeln – dann griffen alle beherzt zu.
Mit jeder Runde Eierlikör wurden die Bemerkungen spitzer, das Kichern lauter, die Hände kreativer. Filzstifte kreisten über Küchenkrepp, Eier tauchten in Farbbäder und der Speckschwartentrick wurde fleißig angewendet.
Als schließlich alle Eier gefärbt waren, begann Katharina zu singen: „Ein Hund kam in die Küche …“
Bald stimmten alle mit ein, lachten, klatschten – und als der Pastor neugierig zur Tür hereinschaute, empfing ihn eine ausgelassene Damenrunde mit roten Wangen und glänzenden Augen.
Sein Blick fiel auf die prachtvollen Eier. „Ich freue mich, dass ihr trotz der Fastenzeit so fröhlich seid!“
Hedi stieß mit Katharina an. „Na, wenn der wüsste …“

© Regina Meier zu Verl
Eine weitere Ostergeschichte: Da lachen ja die Hühner

Noch eine: Ein ganz besonderes Ei

Ein ganz besonderes Ei

Ein ganz besonderes Ei

Als der kleine Feldhase, ein Cousin des Osterhasen, am Ostermorgen durch die Felder hoppelt, passiert etwas, das er niemals vergessen wird. Das Gras ist noch taubenetzt, doch die Morgensonne strahlt schon und lässt hier und da einen Wassertropfen aufblitzen. Schön sieht das aus. Der kleine Feldhase liebt diese Zeit des Tages besonders. Er ist noch beinahe allein in den Feldern, es sind nur wenige Tiere unterwegs und Menschen schon gar nicht. Vor denen hat der kleine Hase nämlich Angst – große Angst. Man erzählt sich da in Hasenkreisen so Dinge, die möchte er lieber nicht erleben.

Während er da so fröhlich durch die Felder hoppelt, glitzert plötzlich etwas direkt vor ihm. Der kleine Hase bleibt sofort stehen und schaut sich das Ding genauer an, ein Ei war es – oder doch kein Ei? Nun ja, es hätte auf jeden Fall ein Osterei sein können. Vielleicht hatte einer seiner Osterhasencousins eines verloren. Er nimmt das Ei zwischen seine Vorderpfoten und betrachtet es genauer. Hübsch ist es, ein gesprenkelt und  türkisblau. Ein außergewöhnliches Ei, schöner als alle, die er bisher entdeckt hat. Er schnuppert dran, riecht aber nichts, er schüttelt es leicht und hält es dann an seine Löffel. Da – ist das nicht ein Geräusch, ganz leise zwar, aber doch zu hören. Der kleine Hase atmet tief durch und lauscht wieder. „Pick, pick, pick“, macht es im Ei.

Der kleine Hase traut sich nun nicht mehr, es zu schütteln. „Da lebt was drin!“, flüstert er ergriffen und da das Ei so klein ist, hat er auch gar keine Angst. „Ob es ein Küken ist?“, murmelt er und betrachtet das Ei ganz genau. Da sieht er, dass sich ein kleiner Riss bildet, die Schale knackt und das Picken wird lauter. Der kleine Hase stellt sich darauf ein, dass ein Küken das Licht der Welt erblicken wird. Was sonst schlüpft aus einem Ei? Ein Hase jedenfalls nicht, der wird geboren und ein Mensch kann es auch nicht sein. Es muss ein Küken sein, vielleicht von einem Huhn, einer Ente oder einem Vogel – und sehe da, ein spitzer Schnabel schaut aus dem Riss und er pickt und pickt und schon bald wird ein winziges Köpfchen sichtbar. Die ganze Zeit trägt der kleine Feldhase das Ei sicher auf seinen Pfoten, damit ihm ja nicht passiere.

Dass über ihm die Amsel aufgeregt kreist und zwitschert, bemerkt der kleine Feldhase gar nicht, so ist er mit der Geburtshilfe beschäftigt. Endlich hat sich das kleine nackte Wesen von den Schalen befreit. Das Herz des kleinen Hasen klopft immer schneller vor lauter Freude und die Amselmutter singt ihm ein Loblied. Dankbar ist sie, doch eine Sorge bleibt ihr. Wie soll sie das Junge in ihr Nest bekommen? Das sagt der kleine Feldhase: „Mutter Amsel, mach dir keine Sorgen. Wenn du dein Kind fütterst, dann sorge ich dafür, dass ihm hier auf dem Boden nichts passiert, ich nehme es in meine Obhut, das verspreche ich!“

In den Augen der Amselmama glitzern Tränen und auch der kleine Feldhase ist sehr ergriffen. Er beschützt das Kleine und drei Mal am Tag kommt die Amselmutter, um es zu füttern. Ist das nicht eine wunderbare Osterfreude?

Schon nach zwei Wochen lernt das Amselküken das Fliegen und darf endlich seine Geschwister im Nest kennenlernen. Der Feldhase und die Amselmama aber bleiben Freunde, ein Leben lang.

© Regina Meier zu Verl

Der besondere Hase*


Der besondere Hase


Eine Woche lang hatte es mildes und frühlingshaftes Wetter gegeben und nun dieser jähe Rückfall. Beinahe fühlte es sich wieder wie Winter an, fehlte noch, dass es schneite. Wo war nur die Wärme geblieben? Traurig hoppelte ein Häschen durch die nasse Wiese.
„Arme Narzissen!“, bedauerte er die hübschen gelben Blumen, die dort standen.
„Euch ist ja sicher noch viel kälter als mir. Ich habe wenigstens ein dickes Fell, aber ihr müsst zittern.“
„Ach was!“ Eine der Narzissen lachte hell auf und antwortete: „Wir sind doch sonnengelb und tragen die Wärme praktisch in uns. Schau nur, wie wir leuchten!“
Der Hase schaute und schnupperte und dann nickte er. „Stimmt, ihr leuchtet wunderbar und euer Duft ist einmalig. Nach Frühling riecht ihr und nach … Sonnenschein, ja, genau, nach Sonnenschein!“
„Oh, vielen Dank. Solche Komplimente machen uns glücklich!“, sagte die Narzisse, die scheinbar das Sprechen für alle übernommen hatte.
„Oh, sehr gern“, antwortete das Häschen. „Ich mache gern hübsche Blumen glücklich!“
„Und Eier, nicht wahr?“ fragte die Blume.
„Eier? Wieso das denn?“ Der kleine Hase war ratlos. Was hatte er denn mit Eiern zu tun?
„Na, du ziehst ihnen doch hübsche Kleider an, ist es nicht so?“ Plötzlich kicherten alle Narzissen, silberhell klang das. Der Hase fand das wunderschön.
„Ich bin doch kein Schneider, ihr Hübschen!“, lachte der Hase.
„Dann bist du vielleicht ein Maler?“, meinten die Narzissen und jetzt sprachen sie alle durcheinander.
„Oder ein Frisör?“ – „Oder gar ein Künstler?“
Der Hase lachte und lachte, er konnte sich gar nicht beruhigen. Er war doch nur ein einfacher Hase, was sonst? Oder?
„Ich bin nur ein einfacher Hase!“, sagte er deshalb ein wenig zögerlich, weil es ihm eigentlich gerade so gut gefiel, etwas Besonderes zu sein oder zu können.
„Im letzten Jahr war hier einer von deiner Sorte, der viele bunte, wunderhübsche Eier zwischen uns versteckt hat. Das war lustig und auch das hat uns glücklich gemacht. Man kann sagen: Hasen machen uns glücklich. Die einen verstecken bunte Eier und du machst uns liebevolle Komplimente!“, sagte die Narzisse, die schon ganz zu Anfang das Wort übernommen hatte.
Mit einem Mal mischte sich eine fremde Stimme ein. Es war die alte Eiche, die ganz in der Nähe stand.
„Ihr kleinen Dummies!“, sagte sie freundlich. „Habt ihr denn noch nie etwas vom Osterhasen gehört?“
Der kleine Hase schüttelte heftig den Kopf, so dass seine Ohren hin und her flogen und auch die Narzissen schüttelten ihre Glockenblüten. Ein silberhelles Klingeln ertönte, das war so wunderschön, dass alle, die auf dem Weg vorbeigingen stehen blieben.
„Guck mal!“, rief ein Kind. „Der Osterhase in der Narzissenwiese!“
Der kleine Hase atmete auf. „Ach, dann bin ich wohl ein Osterhase, gut, dass ich das endlich weiß!“, rief er den Narzissen zu, drehte ihnen sein Stummelschwänzchen zu und sauste davon wie der Blitz. Schließlich hatte er nun jede Menge zu tun, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Etwas verrückt

Heute morgen bin ich mit einem Limerick wach geworden. Gestern hatte ich mich mit meinen Osterlimericks beschäftigt und noch zwei hinzugefügt, prompt habe ich dann noch einen dazu geträumt – einen was? Na, einen Osterhasen!

Schaut hier, wenn ihr mögt.

Verrückt ist aber gar nicht, dass ich eine Strophe geträumt habe, das passiert mir öfter und deshalb finde ich das gar nicht mehr ungewöhnlich. Heute habe ich noch eine passende Rahmenhandlung dazu geträumt. Das war so:

Man hat mich gebeten, an einem Poetry Slam teilzunehmen mit den Limericks. Ich bin ja nicht schüchtern und habe gleich zugesagt. Natürlich musste ich mich darauf vorbereiten und das habe ich auch ausgiebig getan. Ich möchte euch das an einem Beispiel verdeutlichen. Hier also eine Strophe, die ich mit den entsprechenden Anmerkungen versehen habe.

Der Osterhase auf Sylt,  (begeistertes Gesicht machen, weil Sylt so schön ist)
der hatte sich mächtig verkühlt. (Mundwinkel vor Mitleid hängen lassen)
Ihm lief die Nase, (Taschentuch umständlich herauskramen)
der arme Hase, (weinerliche Stimme nutzen)
wie schlecht hat er sich wohl gefühlt? (Das Publikum anschauen und Mitleid erwarten)

Wisst Ihr, wie ich’s meine? Ein bisschen verrückt bin ich eben doch!

Osterhäsin

Der besondere Hase


Der besondere Hase


Eine Woche lang hatte es mildes und frühlingshaftes Wetter gegeben und nun dieser jähe Rückfall. Beinahe fühlte es sich wieder wie Winter an, fehlte noch, dass es schneite. Wo war nur die Wärme geblieben? Traurig hoppelte ein Häschen durch die nasse Wiese.
„Arme Narzissen!“, bedauerte er die hübschen gelben Blumen, die dort standen.
„Euch ist ja sicher noch viel kälter als mir. Ich habe wenigstens ein dickes Fell, aber ihr müsst zittern.“
„Ach was!“ Eine der Narzissen lachte hell auf und antwortete: „Wir sind doch sonnengelb und tragen die Wärme praktisch in uns. Schau nur, wie wir leuchten!“
Der Hase schaute und schnupperte und dann nickte er. „Stimmt, ihr leuchtet wunderbar und euer Duft ist einmalig. Nach Frühling riecht ihr und nach … Sonnenschein, ja, genau, nach Sonnenschein!“
„Oh, vielen Dank. Solche Komplimente machen uns glücklich!“, sagte die Narzisse, die scheinbar das Sprechen für alle übernommen hatte.
„Oh, sehr gern“, antwortete das Häschen. „Ich mache gern hübsche Blumen glücklich!“
„Und Eier, nicht wahr?“ fragte die Blume.
„Eier? Wieso das denn?“ Der kleine Hase war ratlos. Was hatte er denn mit Eiern zu tun?
„Na, du ziehst ihnen doch hübsche Kleider an, ist es nicht so?“ Plötzlich kicherten alle Narzissen, silberhell klang das. Der Hase fand das wunderschön.
„Ich bin doch kein Schneider, ihr Hübschen!“, lachte der Hase.
„Dann bist du vielleicht ein Maler?“, meinten die Narzissen und jetzt sprachen sie alle durcheinander.
„Oder ein Frisör?“ – „Oder gar ein Künstler?“
Der Hase lachte und lachte, er konnte sich gar nicht beruhigen. Er war doch nur ein einfacher Hase, was sonst? Oder?
„Ich bin nur ein einfacher Hase!“, sagte er deshalb ein wenig zögerlich, weil es ihm eigentlich gerade so gut gefiel, etwas Besonderes zu sein oder zu können.
„Im letzten Jahr war hier einer von deiner Sorte, der viele bunte, wunderhübsche Eier zwischen uns versteckt hat. Das war lustig und auch das hat uns glücklich gemacht. Man kann sagen: Hasen machen uns glücklich. Die einen verstecken bunte Eier und du machst uns liebevolle Komplimente!“, sagte die Narzisse, die schon ganz zu Anfang das Wort übernommen hatte.
Mit einem Mal mischte sich eine fremde Stimme ein. Es war die alte Eiche, die ganz in der Nähe stand.
„Ihr kleinen Dummies!“, sagte sie freundlich. „Habt ihr denn noch nie etwas vom Osterhasen gehört?“
Der kleine Hase schüttelte heftig den Kopf, so dass seine Ohren hin und her flogen und auch die Narzissen schüttelten ihre Glockenblüten. Ein silberhelles Klingeln ertönte, das war so wunderschön, dass alle, die auf dem Weg vorbeigingen stehen blieben.
„Guck mal!“, rief ein Kind. „Der Osterhase in der Narzissenwiese!“
Der kleine Hase atmete auf. „Ach, dann bin ich wohl ein Osterhase, gut, dass ich das endlich weiß!“, rief er den Narzissen zu, drehte ihnen sein Stummelschwänzchen zu und sauste davon wie der Blitz. Schließlich hatte er nun jede Menge zu tun, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl

Die Elster und das Osterei

Die Elster und das Osterei

Ein Ei lag auf der Wiese. Ein helles, leuchtendes, rot-blau-gelb geringeltes, und es glänzte hell im Licht der Sonne.
„Nanu?“, sagte Elsa, die Elster. „Ein Schatz! Wie wunderfein er glitzert und gleißt!“
Vorsichtig stuppste sie das wundersame Ding mit dem Schnabel an. Es kullerte ein wenig zur Seite.
Elsa erschrak. „Oh, oh! Es bewegt sich!“
Unbedingt wollte sie das Ei nun mit in ihr Nest nehmen und sie betrachtete es von allen Seiten. Wie aber ließ es sich am besten transportieren? Es war viel zu groß für ihren Schnabel.
„Es muss kleiner werden“, sagte sie und pickte aufgeregt auf das Ei ein.
„Halt!“, rief da eine Stimme vom Gebüsch her. „Halt ein!“
„Ruhe! Es ist mein Schatz, jawohl, mein Schatz ganz allein!“, rief Elsa und pickte weiter.
„Oh bitte! Lass ab von meinem Ei, nein, halt, es ist nicht mein Ei! Ein Osterei ist’s, das ich mit den anderen Eiern in meinem Korb zu den Kindern bringen möchte. Ich habe es nur unterwegs verloren.“ Flehentlich klang die Stimme nun.
Elsa blickte auf. „Wer bist du? Und wo steckst du?“
„Ich bin der Ooo…, ach, das glaubst du mir sowieso nicht, ich bin der O-Oskar!“ Ein Hase hoppelte hinter der Gebüsch hervor.
“Ooo-Oskar? Kenne ich nicht. Und überhaupt: Was willst du mit meinem Schatz, denn ich gerade gefunden habe?“ Ein bisschen ungehalten hüpfte Elsa auf das Hasentier, das sich O-o-oskar nannte, zu.
„Ich sage gar nichts, solange ich deinen Namen nicht kenne!“, rief ihr der Hase zu.
Elsa Elster war verblüfft. „Ich bin die E-E-Elsa und nun schieß los!“
„Oh! Ein Elsa bist du also! Was ist das? Für mich siehst du wie ein Vogel aus. Ein großer Vogel, der dem Osterhasen die Eier klaut. Ein Dieb, der dieses Ei einem Kind wegnehmen will. Traurig wird es sein ohne ein Osterei vom Osterhasen. Wegen einer E.l.s.a!“
Der kleine Hase klang empört nun. „Und damit du es weißt: ich bin der Osterhase, ja, der bin ich!“
Die Elster erinnerte sich, dass sie schon einmal etwas vom Osterhasen gehört hatte.
„So nimm doch dein blödes Ei, du Osterhasen-Oskar, und bring es den Kindern!“, rief sie voller Zorn. „Und bestell ihnen einen schönen Gruß von mir. Sie sollen es gut verstecken, denn ich liebe alles, was glänzt, und wenn ich dieses Glitzerei noch einmal irgendwo sehe, dann …“
Eigentlich wollte der kleine Hase dankbar sein, doch er konnte es nicht sein. Von diesem unfreundlichen Elsa-Vogel wollte er kein Geschenk annehmen.
„Nein, danke“, sagte er höflich. „Dieses Ei ist kein glückliches Ei mehr und es passt nicht in Kinderhände. Ich werde ein neues bemalen.“ Er neigte den Kopf, grüßte. „Und dir wünsche ich noch einen schönen Tag.“
Gerade wollte er davon hoppeln, als ihn das schlechte Gewissen drückte. Was war los mit ihm? So unfreundlich war er doch sonst nie! Aber diese Elsa hatte ihn auch so gereizt.
„Es tut mir leid!“, rief Elsa da im gleichen Moment.
„Mir auch!“, sagte er und wandte sich der Elster wieder zu. „Schau her, ich habe ein kleines Ei für dich, das glitzert auch schön und du kannst es viel besser transportieren!“ Er ließ ein winziges Schokoladenei auf Elsa zurollen.
„Das ist ja nett von dir, lieber Osterhasen-Oskar. Danke schön!“, flötete Elsa. Schnell schnappte sie das Ei und flog davon.
So landetet das helle leuchtende, rot blau geringelte Ei doch wieder in der Kiepe des Osterhasen. Welches Kind das wohl bekommen wird? Achte genau auf dein Osternest, ob es nicht vielleicht bei dir ankommt!

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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Bildquelle Efraimstochter/pixabay