Matteo und das Osterlied
Der kleine Feldhase Matteo hatte sich den Wecker viel zu früh gestellt. Noch lag Raureif auf der Wiese, und die Ostereier in seinem Körbchen fühlten sich kalt an wie Kieselsteine. „Wer hat eigentlich beschlossen“, murmelte er und gähnte, „dass Ostern immer so früh am Morgen anfangen muss?“
„Aber Matteo!“, hörte er da in Gedanken die Stimme seiner Mutter. „So oft habe ich es dir schon gesagt: Kinder sind ungeduldig. Sie haben sich schon so lange auf ihre Ostereier gefreut!“
Matteo nickte ergeben. Mama war nicht mehr da, aber sie hatte ihm noch immer so manches mitzuteilen – und das war auch gut so.
Gerade, als Matteo zwei kleine Schokoeier neben der Terrassentür im Garten der Müllers versteckt hatte, hörte er einen spitzen Schrei:
„Das sind meine! Lass dir ja nicht einfallen, meine Ostereier wegzunehmen, dann setzt es was!“
Verwundert schaute sich Matteo um. Er hatte gar kein Kind gesehen. Woher kam dieser Schrei?
Da entdeckte er auf dem Gartenzaun ein kleines Rotkehlchen, das sich empört aufgeplustert hatte.
„Ich habe gestern schon gesehen, wie du hier unterwegs warst!“, piepste es aufgeregt. „Wenn du hier Eier verteilst, dann will ich auch eins – schließlich ist hier mein Revier!“
„Wer sagt das?“, wollte Matteo wissen. „Heute ist Ostern, da bekommen die Kinder Ostereier. Und auf keinen Fall ist heute ein Rotkehlchen-Beschenktag. Außerdem kannst du doch selbst Eier legen, und Schokolade ist für Rotkehlchen sowieso ungesund!“
Das Rotkehlchen legte den Kopf schief und sah Matteo eine Weile nachdenklich an.
„Eier legen kann ich wohl“, sagte es schließlich etwas kleinlauter, „aber niemand versteckt meine Eier so liebevoll im Gras.“
Dann hüpfte es ein Stück näher.
„Gibt es denn keinen Tag, an dem auch mal die kleinen Sänger des Gartens beschenkt werden?“
Matteo, der zwar nur ein kleines Herz hatte, aber darin doch jede Menge Platz für andere, versprach, darüber einmal mit dem Hasenfestausschuss zu reden. Er könne sich sogar vorstellen, dass seine Kollegen diesen Wunsch sicher gut finden würden.
Das Rotkehlchen schlug erfreut mit den Flügeln.
„Dann singe ich heute mein schönstes Osterlied für dich!“, rief es und setzte sich auf den höchsten Ast des Apfelbaums.
Und während Matteo weiterzog, begleitete ihn ein so fröhliches Zwitschern, dass ihm die Arbeit plötzlich viel leichter vorkam.
Der Apfelbaum, in dem das Rotkehlchen aus vollem Herzen jubelte, stand vor dem Fenster der kleinen Mia, die davon geweckt wurde. Fröhlich sprang sie aus ihrem Bett und erinnerte sich sofort daran, dass heute ein großer Feiertag war: Ostern.
Und ausnahmsweise durfte sie nach dem Anziehen direkt schon einmal im Garten nachschauen, ob der Osterhase schon dagewesen war.
Matteo hielt gerade inne, um ein buntes Ei zwischen zwei Gänseblümchen zu verstecken, als die Terrassentür aufging. Schnell duckte er sich hinter einen Blumentopf – Hasen waren zwar flink, aber entdeckt werden wollte er trotzdem nicht.
Durch einen schmalen Spalt sah er, wie Mia mit leuchtenden Augen in den Garten lief und plötzlich vor Freude rief:
„Mama! Er war wirklich da!“
Matteo lächelte still, nahm sein Körbchen und hoppelte weiter zum nächsten Garten.
Wer anderen eine Freude schenkt,
wird sich selbst freudig auf den Weg begeben.
© Regina Meier zu Verl
Kategorie: Ostermärchen
Regina belauscht den Osterhasen*
Eine Geschichte aus dem letzten Jahr, die ich auf Wunsch einer einzelnen Person noch einmal nach oben geholt habe.
Regina belauscht den Osterhasen
Zufällig wurde ich Zeugin eines Gesprächs, dass heute, am Samstag vor Ostern in unserem Garten stattfand. Entgegen meiner Gewohnheiten war ich schon sehr früh wach geworden. Es mag daran gelegen haben, dass ich früh im Bett war und sofort eingeschlafen bin. Egal, jedenfalls stand ich am Wohnzimmerfenster und beobachtete den Sonnenaufgang. Im Haus war es noch ganz still und auch auf der Straße war noch niemand unterwegs.
Da, was war das? Hatte ich nicht gerade eine leise Stimme gehört? Ich lauschte und hörte tatsächlich eine Stimme. Einbrecher? Das war mein erster Gedanke, den ich aber gleich wieder verwarf. Die Stimme klang eher kindlich. Ich lauschte also weiter, musste mich aber mächtig anstrengen, um überhaupt ein Wort verstehen zu können.
„Das wäre wirklich nicht gerecht!“, sagte die Stimme. „Wir müssen doch zusammenhalten, wir Frauen!“
Aha, es war also eine Sie. Aber was bedeutete das? Ich hatte mich doch gar nicht beklagt, oder meinte sie mich gar nicht? Schließlich leben hier noch zwei weitere Frauen im Haus, eine Große und eine Kleine.
„Die Kleine bekommt ein Ei, die Großen nicht, Punkt!“, sagte eine andere, etwas lautere Stimme.
„Aber die eine von den Großen, die Mutter, ist Tag und Nacht für die Kleine da und nebenbei arbeitet sie noch im Homeoffice und nie trifft sie sich mit anderen Leuten, das ist auf Dauer auch anstrengend und ein wenig Abwechslung täte ihr mal gut, oder?“, sagte nun die erste Stimme wieder.
„Ja, gut! Und die Alte?“, fragte nun wieder die andere Stimme.
„Alte?“, kreischte nun die Erste. „Du bist wohl nicht ganz gescheit, die ist doch nicht alt und außerdem schreibt sie Kindergeschichten und wir Hasen kommen dabei ganz gut weg, das kannst du mir glauben!“
Ich musste lachen, riss mich aber zusammen, weil ich die Beiden nicht erschrecken wollte.
Dass ich das in meinem Alter noch erleben durfte, das machte mich dankbar. Ich hatte es hier wohl mit zwei Osterhasengehilfen zu tun, oder gar dem Osterhasen selbst?
Im Garten war ich noch nicht, es ist ja erst morgen Ostern. Aber dann werde ich berichten, was wir gefunden haben, die Kleine, die Mutter und die Alte, also ich.
© Regina Meier zu Verl

Ein ganz besonderes Ei
Ein ganz besonderes Ei
Als der kleine Feldhase, ein Cousin des Osterhasen, am Ostermorgen durch die Felder hoppelt, passiert etwas, das er niemals vergessen wird. Das Gras ist noch taubenetzt, doch die Morgensonne strahlt schon und lässt hier und da einen Wassertropfen aufblitzen. Schön sieht das aus. Der kleine Feldhase liebt diese Zeit des Tages besonders. Er ist noch beinahe allein in den Feldern, es sind nur wenige Tiere unterwegs und Menschen schon gar nicht. Vor denen hat der kleine Hase nämlich Angst – große Angst. Man erzählt sich da in Hasenkreisen so Dinge, die möchte er lieber nicht erleben.
Während er da so fröhlich durch die Felder hoppelt, glitzert plötzlich etwas direkt vor ihm. Der kleine Hase bleibt sofort stehen und schaut sich das Ding genauer an, ein Ei war es – oder doch kein Ei? Nun ja, es hätte auf jeden Fall ein Osterei sein können. Vielleicht hatte einer seiner Osterhasencousins eines verloren. Er nimmt das Ei zwischen seine Vorderpfoten und betrachtet es genauer. Hübsch ist es, ein gesprenkelt und türkisblau. Ein außergewöhnliches Ei, schöner als alle, die er bisher entdeckt hat. Er schnuppert dran, riecht aber nichts, er schüttelt es leicht und hält es dann an seine Löffel. Da – ist das nicht ein Geräusch, ganz leise zwar, aber doch zu hören. Der kleine Hase atmet tief durch und lauscht wieder. „Pick, pick, pick“, macht es im Ei.
Der kleine Hase traut sich nun nicht mehr, es zu schütteln. „Da lebt was drin!“, flüstert er ergriffen und da das Ei so klein ist, hat er auch gar keine Angst. „Ob es ein Küken ist?“, murmelt er und betrachtet das Ei ganz genau. Da sieht er, dass sich ein kleiner Riss bildet, die Schale knackt und das Picken wird lauter. Der kleine Hase stellt sich darauf ein, dass ein Küken das Licht der Welt erblicken wird. Was sonst schlüpft aus einem Ei? Ein Hase jedenfalls nicht, der wird geboren und ein Mensch kann es auch nicht sein. Es muss ein Küken sein, vielleicht von einem Huhn, einer Ente oder einem Vogel – und sehe da, ein spitzer Schnabel schaut aus dem Riss und er pickt und pickt und schon bald wird ein winziges Köpfchen sichtbar. Die ganze Zeit trägt der kleine Feldhase das Ei sicher auf seinen Pfoten, damit ihm ja nicht passiere.
Dass über ihm die Amsel aufgeregt kreist und zwitschert, bemerkt der kleine Feldhase gar nicht, so ist er mit der Geburtshilfe beschäftigt. Endlich hat sich das kleine nackte Wesen von den Schalen befreit. Das Herz des kleinen Hasen klopft immer schneller vor lauter Freude und die Amselmutter singt ihm ein Loblied. Dankbar ist sie, doch eine Sorge bleibt ihr. Wie soll sie das Junge in ihr Nest bekommen? Das sagt der kleine Feldhase: „Mutter Amsel, mach dir keine Sorgen. Wenn du dein Kind fütterst, dann sorge ich dafür, dass ihm hier auf dem Boden nichts passiert, ich nehme es in meine Obhut, das verspreche ich!“
In den Augen der Amselmama glitzern Tränen und auch der kleine Feldhase ist sehr ergriffen. Er beschützt das Kleine und drei Mal am Tag kommt die Amselmutter, um es zu füttern. Ist das nicht eine wunderbare Osterfreude?
Schon nach zwei Wochen lernt das Amselküken das Fliegen und darf endlich seine Geschwister im Nest kennenlernen. Der Feldhase und die Amselmama aber bleiben Freunde, ein Leben lang.
© Regina Meier zu Verl
Regina belauscht den Osterhasen
Eine Geschichte aus dem letzten Jahr, die ich auf Wunsch einer einzelnen Person noch einmal nach oben geholt habe.
Regina belauscht den Osterhasen
Zufällig wurde ich Zeugin eines Gesprächs, dass heute, am Samstag vor Ostern in unserem Garten stattfand. Entgegen meiner Gewohnheiten war ich schon sehr früh wach geworden. Es mag daran gelegen haben, dass ich früh im Bett war und sofort eingeschlafen bin. Egal, jedenfalls stand ich am Wohnzimmerfenster und beobachtete den Sonnenaufgang. Im Haus war es noch ganz still und auch auf der Straße war noch niemand unterwegs.
Da, was war das? Hatte ich nicht gerade eine leise Stimme gehört? Ich lauschte und hörte tatsächlich eine Stimme. Einbrecher? Das war mein erster Gedanke, den ich aber gleich wieder verwarf. Die Stimme klang eher kindlich. Ich lauschte also weiter, musste mich aber mächtig anstrengen, um überhaupt ein Wort verstehen zu können.
„Das wäre wirklich nicht gerecht!“, sagte die Stimme. „Wir müssen doch zusammenhalten, wir Frauen!“
Aha, es war also eine Sie. Aber was bedeutete das? Ich hatte mich doch gar nicht beklagt, oder meinte sie mich gar nicht? Schließlich leben hier noch zwei weitere Frauen im Haus, eine Große und eine Kleine.
„Die Kleine bekommt ein Ei, die Großen nicht, Punkt!“, sagte eine andere, etwas lautere Stimme.
„Aber die eine von den Großen, die Mutter, ist Tag und Nacht für die Kleine da und nebenbei arbeitet sie noch im Homeoffice und nie trifft sie sich mit anderen Leuten, das ist auf Dauer auch anstrengend und ein wenig Abwechslung täte ihr mal gut, oder?“, sagte nun die erste Stimme wieder.
„Ja, gut! Und die Alte?“, fragte nun wieder die andere Stimme.
„Alte?“, kreischte nun die Erste. „Du bist wohl nicht ganz gescheit, die ist doch nicht alt und außerdem schreibt sie Kindergeschichten und wir Hasen kommen dabei ganz gut weg, das kannst du mir glauben!“
Ich musste lachen, riss mich aber zusammen, weil ich die Beiden nicht erschrecken wollte.
Dass ich das in meinem Alter noch erleben durfte, das machte mich dankbar. Ich hatte es hier wohl mit zwei Osterhasengehilfen zu tun, oder gar dem Osterhasen selbst?
Im Garten war ich noch nicht, es ist ja erst morgen Ostern. Aber dann werde ich berichten, was wir gefunden haben, die Kleine, die Mutter und die Alte, also ich.
© Regina Meier zu Verl

Wer wird Chef in der Osterhasenmalstube?
Wer wird Chef in der Osterhasenmalstube?
auch zum Anhören unter dem Text
„Mein Sohn, es wird Zeit, dass du die Malstube übernimmst. Ich bin ein alter Hase und wünsche mit nichts mehr, als endlich in den Ruhestand zu gehen“, sagte der Hasenvater zu seinem Sohn.
„Ach nein, Papa, das ist nichts für mich. Ich möchte einen Beruf haben, in dem ich das ganze Jahr gebraucht werde und dieser Stress vor Ostern macht mir auch keinen Spaß!“
Der Hasenvater zitterte nervös mit den Barthaaren. Das konnte doch wohl nicht wahr sein. So ein frecher Bengel. Es war eine alte Tradition in der Familie, dass der erstgeborene Sohn das Atelier übernahm und die sollte nicht gebrochen werden.
„Kommt ja gar nicht in die Kiepe“, schimpfte er deshalb und zog Fritz, so hieß der Sohn, an den Ohren, dass dieser vor Schmerz aufschrie.
„Ich schwöre dir bei meinen Löffeln, dass ich einen anderen Beruf erlernen werde. Ich habe mich auch schon erkundigt. Der Bäcker sucht einen Lehrling, ich werde Brot backen und Brötchen und wenn es sein muss, auch Osterzöpfe!“
„Und meine Malstube? Ich kann das allein nicht schaffen!“, murrte der Vater und ließ die Ohren hängen.
„Du hast so viele Kinder, da wird schon eines dabei sein, dass mit Freuden dein Nachfolger werden wird, frag doch mal die Luzie“, riet Fritz seinem Vater.
„Ein Mädchen, es wird ja immer schöner!“
„Du bist so altmodisch, lieber Papa. Es ist doch heute ganz normal, dass eine Frau einen Betrieb leiten kann.“
Der Hasenvater schüttelte ärgerlich den Kopf. Stress, altmodisch, eine Frau als Chef – da kam er nicht mehr mit. Aber es geschah dann doch alles so, wie Fritz vorgeschlagen hatte und zur Osterzeit lieferte Malstubenchefin Luzie bunte Ostereier in die Bäckerei, die kamen dann auf die Hefezöpfe, die Bruder Fritz gebacken hatte.
Der Hasenvater gab es nicht zu, aber insgeheim war er doch stolz auf seine Kinder.
© Regina Meier zu Verl




